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Die Wahlen in der Schweiz

Die Wahlen der Schweiz in ihrem historischen Zusammenhang: eine kleine Einschätzung zu den aktuellen Wahlen sowie Nationalratswahlen 1848-1917 (Majorz) und 1919-dato (Proporz).






Erste Vorschau zu den Eidgenössischen Parlamentswahlen 2023. Nachdem bei den letzten Wahlen 2019 einiges ins Wanken gekommen ist, meinte eine Umfrage von Tamedia im Januar 2022, dass diesmal wenig passieren werde - einzig die GLP und die SVP würden etwas dazu gewinnen. Die Wahlsieger von 2019, die (Links-) Grünen (GPS), würden demnach verlieren. Nun, es hat sich in der letzten Zeit immer wieder gezeigt, dass ein bestimmtes aktuelles (Medien-) Ereignis die Wahlen jeweils sehr stark beeinflusst hat (Fukushima 2011, Flüchtlingskrise 2015, Klimajugend 2019). Werden die Medien die Wahlen auch dieses Mal entscheiden? Es ist anzunehmen. Was wird 2023 geschehen? Wir wissen es nicht. Ex-US-Aussenminister Kissinger hat kürlich gemeint, die Weltordnung sei derzeit ziemlich gestört. Und auch die Schweiz scheint in einem eher schwierigen (wenn nicht ebenfalls leicht gestörten) Fahrwasser zu stecken (Abbruch der Verhandlungen zum Rahmenabkommen mit der EU, Spielereien und Diskussionen rund um die Neutralität [Sanktionen gegen Russland (Mitunterzeichner der Neutralitätserklärung von 1815), Einsitz in den UN-Sicherheitsrat (in den Jahren 2023/2024)], u.a.). Derzeit scheint es, als würde das grosse Kriegsgestürm anhalten (Russland/Ukraine, China/Taiwan, Israel/Palästina, u.a.) und daher ist eher mit einem Wahlsieg der Rechten zu rechnen - da hat es relativ wenig Platz derzeit für Ökoproteste und soziale Anliegen, wie es scheint. Andererseits weiss man eben überhaupt nicht, was in der nächsten Zeit passieren wird (in der Ukraine ist zum Beispiel das grösste AKW Europas in Gefahr, weitere Kriege und Flüchtlingswellen sind derzeit möglich, usw. usf., etc. etc.). Zudem scheint die Rechte in der Schweiz seit längerer Zeit übervertreten gegenüber der Mitte - weitere Gewinne sind trotzdem nicht auszuschliessen (einerseits der SVP, andererseits der GLP - mit einem Rechtsrutsch im grünen Lager, quasi [ich habe immer gesagt, dass das grüne Thema kein ausschliesslich linkes Thema ist, auch wenn es v.a. aus situativen Oppositionsgründen heraus von der Linken aufgeworfen wurde]).

Die grosse Streitfrage in der Schweiz ist immer noch die Besetzung des Bundesrates. Hier geriet v.a. die FDP in der letzten Zeit in eine immer schwächere Position. Rein nach ihrer Wahlstärke im Nationalrat liegt sie mittlerweilen klar etwa hinter einer (hypothetisch) vereinigten Grünen (GPS + GLP) zurück! Sie behauptet aber immer noch zwei Bundesratssitze von sieben. Dies rechtfertigt sich etwa mit den Verhältnissen im Ständerat, wo immer noch die CVP und die FDP die stärksten Parteien sind (dies ist ebenfalls ein Faktor der effektiven Parteienstärke ebenso wie die Vertretung in den kantonalen Gremien). Allzu viel sollte aber die FDP im Nationalrat nicht mehr verlieren. Ein langfristiger Faktor ist nicht zu vernachlässigen: das ist die Altersstruktur der Parteien - diese spricht langfristig sowohl gegen die CVP und FDP wie eventuell auch gegen die SPS. Auch dies deutet auf einen zukünftigen Zweikampf zwischen Rechten (SVP) und Grünen hin, wie er schon länger abzusehen ist (verschärft natürlich auch durch die ewige Polarisierung in den Medien [bzw. in den (sogenannten) Neuen Medien]). Der grosse Unsicherheitsfaktor in einer solchen Konstellation liegt v.a. in dem, was ich oben gesagt habe: das grüne Thema ist eventuell korrumpierbar (Stichwort u.a.: Ökodiktatur). Nicht nur aus diesem Grund sind die anderen Parteien (FDP, CVP, SPS - das heisst die frühere oder klassische Mitte) enorm wichtig. Aber eben: diese drei (Mitte-) Parteien gehören zu den grossen Verlierern der Wahlen in den letzten zwanzig Jahren (im Vergleich zu den Wahlen 1999: FDP -4,8% [im Vergleich mit 1979: 9,0%], CVP -4,4% [im Vergleich mit 1963: 12,0%], SPS -5,7%, Mitte zusammen: -14,9%; die Mitte bröckelt in der Schweiz seit vielen Jahrzehnten nach und nach auseinander und hat in den letzten zwanzig Jahren fast 15% verloren [wenn man die neuen Parteien, wie GLP oder BDP nicht dazu zählt, notabene, sonst sind es nur 5% (aber diese neuen Parteien machen, sowohl thematisch wie politisch, keinen allzu stabilen, ausgereiften Eindruck - d.h. wir haben eine kleiner und schwammiger werdende Mitte)]). Summa summarum: langfristige Trends könnten sich bestätigen, aber der Wahlausgang ist sehr schwierig vorauszusehen und hängt v.a. von den nationalen und internationalen Geschehnissen im kommenden Jahr ab.

Zu den Namensveränderungen. Ich habe in dieser ersten Vorschau auf die Wahlen 2023 noch einmal die alten Parteinamen verwendet. Dass die Mitte unter Druck gekommen ist, zeigt sich indes etwa daran, dass verschiedene Parteien nach Fusionen ihre Namen gewechselt haben. So verzichtet die alte CVP seit dem 1. Januar 2021 auf das C[hristliche] in ihrem Namen und nennt sich nach einer Fusion mit der BDP neu: Die Mitte (DM). Besser und stärker wäre natürlich gewesen: Schweizerische Volkspartei (analog der ÖVP in Österreich - doch diesen Namen hat bekanntlich eine andere Partei schon vorher besetzt). Und die FDP ist auch nicht mehr bloss die FDP, sondern nach einer Fusion mit der LPS seit 1. Januar 2009: 'FDP.Die Liberalen' - damit wird wohl betont, dass man nicht mehr klassisch liberal, sondern neoliberalistisch ausgerichtet ist. Das heisst: die alten Inhalte der Mitte bestehen gar nicht mehr, und da ist derzeit ein riesiges Krüsimüsi unterwegs (FDP.Die Liberalen, GLP, Die Mitte, SPS), von dem man nicht weiss, wohin das in der Aussen- und Innenpolitik genau gehen will/wird. Dies sage ich von der bis dahin - d.h. bis in die 2020-er Jahre hinein - (parteipolitisch) am Klarsten strukturierten Demokratie der Welt. (Das begründet in mir jetzt noch nicht gerade eine Panik, da ich davon ausgehe, dass die Schweiz noch einige Zeit von ihren guten alten, aus dem mittleren bis späteren 19. Jahrhundert stammenden Strukturen profitieren kann - die Frage ist bloss, was geschehen wird, wenn diese nicht adäquat erneuert bzw. erhalten werden.)

Zwei Dinge möchte ich noch anmerken. Erstens ist es erwähnenswert, dass der Begriff des Demokratischen nach den diversen Namenswechseln direkt bzw. ausgeschrieben nur noch in einer Bundesratspartei von vieren vorkommt (SPS [Sozialdemokratische Partei der Schweiz] - früher, d.h. vor den 2000-er Jahren: drei von vier; auch die [grüne] Opposition trägt diesen Begriff nicht in ihrem Namen, notabene). Zweitens ist die Schweizer Politik nachwievor so ausgerichtet, dass zwar die Stimmung bei den extremen Aussenpositionen gemacht wird, die letztendlichen Entscheidungsträger aber in Der Mitte sitzen (mit einem bedeutenden Einfluss immer noch der staatsbegründenden und [ehemals] staatstragenden FDP). Sie spielen in den realen Entscheidungen der Parlamente fast immer das Zünglein an der Waage; anders sieht es im Bundesrat aus - mit einer traditionell rechtsbürgerlichen Ausrichtung (die Schweizerische Eidgenossenschaft - so die offizielle Staatsbezeichnung - ist ebenso eines der wenigen Länder Europas, in welchen die Linken noch nie die Mehrheit hatten [! - die anderen dürften die Fürstentümer Liechtenstein und Monaco sein, während es im Grossherzogtum Luxemburg, glaube ich, wie im Fürstentum Andorra schon eine linke Mehrheit gegeben hat, sowieso in den verbliebenen repräsentativen königlichen Monarchien wie Belgien, Dänemark, Grossbritannien, Niederlande, Norwegen, Schweden und Spanien (ich habe da nicht alles nachgecheckt: das sind bloss Vermutungen)], wie auch eines der wenigen Länder Europas, in welchen die Linken seit vielen Jahrzehnten stets an der Regierung beteiligt sind [!] - die Schweizer Politik ist eben speziell, das zeigt sich in vielem).

Neue Umfrage von Tamedia (vom 26.8.2022): FDP und Grünliberale gewinnen dazu (nie gab es eine glücklichere Mitteilung für die Medien..., aber schauen wir dann [ob und wie diese Umfragen gefaked sind, oder nicht, das kann ich natürlich nicht sagen und beurteilen, aber das Vertrauen in die Medien ist letzthin sicher allgemein weiter gesunken - schon dass die Medien solche Umfragen machen, ist eigentlich falsch, denn sie beeinflussen damit die Wahlen, wobei heute nicht einmal mehr gesagt ist, ob die Leute nun mehr das wählen, was vorne liegen soll, oder eher gerade das Gegenteil davon; entscheidend wird, wie gesagt, sein, was im Jahr 2023 genau passiert]).

(Anmerkung: Die Wirtschaftsverbände und -institutionen sind zuletzt aufgefallen durch einen massiven Druck auf die Coronamassnahmen, und sie haben damit eine Politik à la Trump, Bolsonaro oder Putin betrieben. Andererseits fragt es sich schon, ob man eine zuletzt angezählte FDP politisch nicht ein bisschen stützen sollte [aber auf wessen Kosten? - das Problem der FDP ist, dass sie nachwievor so undurchsichtig ist wie eh und je: liberal? tolerant? staatsbegründend und -tragend? neoliberalistisch? anarchokapitalistisch?]?).

P.S. Das eigentlich wichtigste Thema, nämlich die ständige Diskreditierung der Neutralität im Jahr 2022 durch den Russisch-Ukrainischen Krieg (und auch ältere politische Planung) dürfte indessen kaum ein allzu grosses Wahlthema sein. Erstaunlicherweise haben sich die Schweizer in Umfragen immer wieder mit bis zu über 90% für die Neutralität ausgesprochen, in der realen Situation geben sie diese aber auch sehr leicht und locker auf, wenn es sein muss. Ein Schweizer Phänomen. (Nicht nur im Föderalismus und im Kapitalismus scheinen die Schweizer den US-Amerikanern sehr nahe zu sein, sondern auch im Pragmatismus. Die Frage ist, ob die aktuelle Vernachlässigung bis Abwerfung der Neutralität nur ein vorübergehendes oder aber ein dauerhaftes Phänomen ist. Die Neutralitätsdebatte stellt sich heute nicht mehr nur europäisch wie früher, sondern weltweit, und das ist weit schwieriger [bis unmöglich?]. Ich bin grundsätzlich für die Neutralität. Die Art und Weise ist freilich diskutierbar.)



Hier gibt es ferner noch ein paar Links zu aktuellen Diskussionssendungen über die Schweizer Politik: Arena (SRF), Club (SRF), Sonntalk (TeleZüri), Standpunkte baz (SRF/BAZ), Standpunkte nzz (SRF/NZZ).





Nationalratswahlen 1848-1917 (Majorzwahlsystem [nach Sitzen]).

Jahr
Parteien
1848 (111)
FL 79, LM 11, KR 10, DL 6, ER 5.
1851 (120)
FL 78, LM 16, KR 16, ER 7, DL 3.
1854 (120)
FL 80, LM 16, KR 14, ER 6, DL 2 + [Andere] 2.
1857 (120)
FL 80, KR 20, LM 15, ER 5.
1860 (120)
FL 64, LM 37, KR 15, ER 3, DL 1.
1863 (128)
FL 59, LM 37, KR 21, DL 6, ER 5.
1866 (128)
FL 53, LM 39, KR 21, DL 11, ER 4.
1869 (128)
FL 56, LM 31, KR 23, DL 15, ER 3.
1872 (135)
FL 60, KR 30, LM 27, DL 15, ER 3.
1875 (135)
FL 63, KR 33, LM 22, DL 15, ER 2.
1878 (135)
FL 57, KR 37, LM 26, DL 10, ER 5.
1881 (145)
FL 75, KR 35, LM 22, DL 10, ER 3.
 
Jahr
Parteien
1884 (145)
FL 74, KR 37, LM 18, DL 15, ER 1.
1887 (145)
FL 73, KR 35, LM 19, DL 14, ER 4.
1890 (147)
FL 74, KR 35, LM 20, DL 15, ER 2, SD 1.
1893 (147)
FL 74, KR 29, LM 27, DL 16, SD 1.
1896 (147)
FL 86, KR 30, LM 21, DL 8, SD 2.
1899 (147)
FL 84, KR 32, LM 20, DL 7, SD 4.
1902 (167)
FL 100, KR 35, LM 20, SD 7, DL 4 + 1.
1905 (167)
FL 104, KR 35, LM 19, DL 6, SD 2 + 1.
1908 (167)
FL 105, KR 34, LM 16, SD 7, DL 5.
1911 (189)
FL 115, KR 38, SD 15, LM 14, DL 6 + 1.
1917 (189)
FL 103, KR 42, SD 20, LM 12, DL 7, BGB 4 + 1.
 

Legende, Gruppierungen. FL = Freisinnige Linke (Linke, Freisinn, Radikale, Radikaldemokraten), LM = Liberale Mitte (Mitte, Liberale, Liberaldemokraten), KR = Katholische Rechte (Katholisch-Konservative), ER = Evanglische Rechte (Evangelisch-Konservative), DL = Demokratische Linke (Extreme Linke, sozialpolitische Gruppen, Demokraten), SD = Sozialdemokraten, BGB = Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (eigentlich zuerst: Bernische Bauern- und Bürgerpartei, gegründet 1918: sollte in dieser Liste also noch nicht auftauchen; es handelt sich hier wahrscheinlich um Vorläufer der späteren BGB?). Man muss hier von 'Gruppierungen' sprechen, die eigentlichen Parteigründungen erfolgten erst im späteren 19. Jahrhundert: 1888 SPS*, 1894 FDP, 1894 KK (die spätere CVP), 1913 LPS, 1917 EVP, 1918 BGB (die spätere SVP). Die Liste stammt vom Bundesamt für Statistik BfS.

* Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz nennt sich eigentlich (oder neuerdings?) in der Abkürzung nur SP; ich bleibe aber vorerst einmal bei der ebenfalls gebräuchlichen und eigentlich korrekteren Bezeichnung SPS.

Wahlbeteiligung 1848-1917: zwischen 45-63%.


Parteienmässig dominierend war in der Phase der Majorzwahlen der Freisinn (heutige FDP), welcher auch mit sieben Bundesräten von sieben in den Bundesstaat 1848 startete (nachdem die [mehrheitlich] reformierten Freisinnigen den Sonderbundskrieg 1847 gegen die Katholischen gewonnen hatten). Die stärkste Opposition zum Freisinn bestand in jener Zeit durch die demokratische Bewegung. Diese brachte ihre direktdemokratischen Interessen durch, ohne eine Regierungspartei stellen zu können. Der Druck dieser demokratischen Bewegung führte zu Volksabstimmungen über direktdemokratische Institutionen, welche vom Volk angenommen wurden (1874 das Referendumsrecht und 1891 das Initiativrecht), und danach wuchs diese Bewegung nicht weiter an, während die anderen Gruppierungen nun die heutigen Parteien bildeten und in ihrem Namen den Begriff des Demokratischen führten (sie hatten also diese demokratische Bewegung adaptiert). Nach dieser Phase der Majorzwahlen hatte der Freisinn immer noch sechs von sieben Bundesratssitzen (der zweite katholisch-konservative Vertreter kam erst nach der Einführung der Proporzwahl). Etwas verwirrlich vielleicht aus heutiger Sicht, dass hier der Freisinn als links bezeichnet ist – die Unterscheidung war damals eher in Progressive ('links') und Konservative ('rechts'), und die Konservativen waren die Katholischen, während die Progressiven eben dem Freisinn entsprachen.

Die politische Rechte und Linke sind also keine fixen bzw. absoluten Grössen, sondern: sie sind zeit- und ortsabhängig. Noch komplizierter ist es, wenn wir von einem politischen Extremismus sprechen, denn solche Bewegungen lassen sich politisch eigentlich gar nicht einordnen in klassische Systeme, oder anders gesagt: an den Rändern verwischt sich dieses politische System, und die Extreme gleichen sich sogar in manchem: dies zeigte sich auch in den absolutistischen bzw. diktatorischen Systemen des 20. Jahrhunderts in gewissen europäischen Ländern; eine gewisse Ähnlichkeit von solchen Bewegungen ergibt sich alleine schon aus ihrem bedeutendsten Beweggrund: es sind im Grunde je extreme Protestbewegungen gegen ein aktuelles politisches System, welches sich aus dem Zusammenspiel von einer gemässigten Rechten und Linken heraus ergeben hat.

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Nationalratswahlen 1919-dato (Proporzwahlsystem [nach Prozenten und Sitzen]).

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Wahlsystem umgestellt vom früheren Majorz- zum Proporzsystem, nicht zuletzt wahrscheinlich aufgrund von sozialen Unruhen in der Schweiz (gipfelnd im Landesstreik 1918) – dabei werden zuerst Parteien gewählt, d.h. eigentlich politische Ideen bzw. Grundhaltungen, und dann werden die gewonnenen Mandate auf die Personen umgerechnet (beim Majorzsystem werden direkt die Personen gewählt). Ausschlaggebend für die Diskussion war eine Studie des Obwaldner (FDP-) Politikers Josef Durrer, welcher in den 1880-er Jahren aufzeigte, wie stark das Majorzsystem die Minderheiten benachteiligt.

Vom neuen Wahlsystem profitierten alle Parteien, ausser der bisherigen Hauptregierungspartei (FDP); das Schweizer Politsystem erlebte einen tiefgreifenden Wandel. Rudolf Minger (Gründer der BGB-Partei, in seiner bekannten Bierhübeli-Rede, 1917): "Unser Schweizervolk setzt sich aus verschiedenen Wirtschaftsgruppen zusammen. Diese letzten machen schon heute – und mit Recht – auf der ganzen Linie Anspruch auf angemessene Vertretung im Parlament. Dies wird beim Proporz noch viel scharfer zum Ausdruck kommen. Die Zusammenstellung des Parlaments wird eine andere werden. Eine Mehrheitspartei gibt's nicht mehr, sondern es wird der Weg der Verständigung zwischen den einzelnen Gruppen gesucht werden müssen."

1971 wurde ferner das Frauenstimmrecht eingeführt.



Jahr
1
2
3
4
5 ff
1919 (189)
FDP 28,8 (63)
SPS 23,5 (41)
KK 21,0 (41)
BGB 15,3 (25)
LDS 3,8 (9), DP 2,0 (7), EVP 0,8 (1) + [Andere] 4,8 (2).
1922 (198)
FDP 28,3 (58)
SPS 23,3 (43)
KK 20,9 (44)
BGB 16,1 (35)
LDS 4,0 (10), DP 2,6 (3), KPS 1,8 (2), EVP 0,9 (1) + 2,1 (2).
1925 (198)
FDP 27,8 (59)
SPS 25,8 (49)
KK 20,9 (42)
BGB 15,3 (30)
LDS 4,1 (7), DP 2,2 (5), KPS 2,0 (3), EVP 0,9 (1) + 1,0 (2).
1928 (198)
FDP 27,4 (58)
SPS 27,4 (50)
KK 21,4 (46)
BGB 15,8 (31)
LDS 2,9 (6), DP 1,9 (3), KPS 1,8 (2), EVP 0,7 (1) + 0,7 (1).
1931 (187)
SPS 28,7 (49)
FDP 26,9 (52)
KK 21,4 (44)
BGB 15,3 (30)
LDS 2,8 (6), KPS 1,5 (2), DP 1,3 (2), EVP 1,0 (1) + 1,1 (1).
1935 (187)
SPS 28,0 (50)
FDP 23,7 (48)
KK 20,3 (42)
BGB 11,0 (21)
LdU 4,2 (7), LDS 3,3 (7), KPS 1,4 (2), DP 1,2 (4), EVP 0,7 (1) + 6,2 (5).
1939 (187)
SPS 25,9 (45)
FDP 20,8 (51)
KK 17,0 (43)
BGB 14,7 (22)
LdU 7,1 (9), DP 2,7 (4), KPS 2,6 (4), LDS 1,6 (6), EVP 0,9 (0) + 6,7 (3).
1943 (194)
SPS 28,6 (56)
FDP 22,5 (47)
KK 20,8 (43)
BGB 11,6 (22)
LdU 5,5 (5), DP 3,4 (6), LDS 3,2 (8), EVP 0,4 (1) + 4,0 (6).
1947 (194)
SPS 26,2 (48)
FDP 23,0 (52)
KK 21,2 (44)
BGB 12,1 (21)
PdA 5,1 (7), LdU 4,4 (8), LDS 3,2 (7), DP 2,9 (5), EVP 0,9 (1) + 1,0 (1).
1951 (196)
SPS 26,0 (49)
FDP 24,0 (51)
KK 22,5 (48)
BGB 12,6 (23)
LdU 5,1 (10), PdA 2,7 (5), LDS 2,6 (5), DP 2,2 (4), EVP 1,0 (1) + 1,3 (0).
1955 (196)
SPS 27,0 (53)
FDP 23,3 (50)
KK 23,2 (47)
BGB 12,1 (22)
LdU 5,5 (10), PdA 2,6 (4), LDS 2,2 (5), DP 2,1 (4), EVP 1,1 (1) + 0,9 (0).
1959 (196)
SPS 26,3 (51)
FDP 23,7 (51)
CVP 23,3 (47)
BGB 11,6 (23)
LdU 5,5 (10), PdA 2,7 (3), LDS 2,3 (5), DP 2,2 (4), EVP 1,4 (2) + 1,0 (0).
1963 (200)
SPS 26,6 (53)
FDP 24,0 (51)
CVP 23,4 (48)
BGB 11,4 (22)
LdU 5,0 (10), LDS 2,2 (6), PdA 2,2 (4), DP 1,8 (4), EVP 1,6 (2) + 1,8 (0).
1967 (200)
SPS 23,5 (50)
FDP 23,2 (49)
CVP 22,1 (45)
BGB 11,0 (21)
LdU 9,1 (16), PdA 2,9 (5), LDS 2,3 (6), EVP 1,6 (3), DP 1,4 (3), NA/Rep. 0,6 (1) + 2,3 (1).
1971 (200)
SPS 22,8 (46)
FDP 21,5 (49)
CVP 21,0 (44)
SVP 10,0 (21)
LdU 7,6 (13), NA/Rep. 7,2 (11), PdA 2,5 (5), EVP 2,2 (3), LPS 2,1 (6), DP 0,8 (2) + 2,3 (0).
1975 (200)
SPS 24,9 (55)
FDP 22,2 (47)
CVP 21,1 (46)
SVP 9,9 (21)
LdU 6,1 (11), NA/Rep. 5,5 (6), LPS 2,4 (6), PdA 2,4 (4), EVP 2,0 (3) + 3,5 (1).
1979 (200)
SPS 24,4 (51)
FDP 24,1 (51)
CVP 21,5 (44)
SVP 11,6 (23)
LdU 4,1 (8), LPS 2,8 (8), EVP 2,2 (3), PdA 2,1 (3), NA/Rep. 1,9 (3), GPS 0,6 (1) + 4,7 (5).
1983 (200)
FDP 23,3 (54)
SPS 22,8 (47)
CVP 20,6 (42)
SVP 11,1 (23)
LdU 4,0 (8), NA/Rep. 3,5 (5), LPS 2,8 (8), EVP 2,1 (3), GPS 1,7 (3), PdA 0,9 (1) + 7,2 (6).
1987 (200)
FDP 22,9 (51)
CVP 19,7 (42)
SPS 19,0 (41)
SVP 11,0 (25)
GPS 5,2 (9), LdU 4,2 (8), NA 3,0 (3), LPS 2,7 (9), AP 2,6 (2), EVP 1,9 (3), PdA 0,8 (1) + 7,0 (6).
1991 (200)
FDP 21,0 (44)
SPS 19,1 (41)
CVP 18,0 (35)
SVP 11,9 (25)
GPS 6,5 (14), AP 5,1 (8), SD 3,4 (5), LdU 3,0 (5), LPS 3,0 (10), EVP 1,9 (3), PdA 1,0 (2) + 6,1 (8).
1995 (200)
SPS 21,8 (54)
FDP 20,2 (45)
CVP 17,0 (34)
SVP 14,9 (29)
GPS 5,0 (8), FPS 4,0 (7), SD 3,1 (3), LPS 2,7 (7), LdU 1,8 (3), EVP 1,8 (2), PdA 1,2 (3) + 6,5 (5).
1999 (200)
SPS 22,5 (51)
SVP 22,5 (44)
FDP 19,9 (43)
CVP 15,8 (35)
GPS 5,0 (8), LPS 2,2 (6), EVP 1,8 (3), SD 1,8 (1), PdA 1,0 (3), LdU 0,7 (1) + 6,8 (5).
2003 (200)
SVP 26,7 (55)
SPS 23,3 (52)
FDP 17,3 (36)
CVP 14,4 (28)
GPS 7,6 (13), EVP 2,3 (3), LPS 2,2 (4), PdA 0,9 (2), SD 0,9 (1) + 4,4 (6).
2007 (200)
SVP 28,9 (62)
SPS 19,5 (43)
FDP 15,8 (31)
CVP 14,5 (31)
GPS 9,6 (20), EVP 2,4 (2), GLP 1,4 (3), LPS 1,9 (4), PdA 0,7 (1) + 5,1 (3).
2011 (200)
SVP 26,6 (54)
SPS 18,7 (46)
FDPL 15,1 (30)
CVP 12,3 (28)
GPS 8,4 (15), GLP 5,4 (12), BDP 5,4 (9), EVP 2,0 (2), PdA 0,5 (0) + 5,5 (4).
2015 (200)
SVP 29,4 (65)
SPS 18,8 (44)
FDPL 16,4 (33)
CVP 11,6 (28)
GPS 7,1 (10), GLP 4,6 (6), BDP 4,1 (8), EVP 1,9 (2), PdA-Sol 0,8 (1) + 5,3 (3).
2019 (200)
SVP 25,6 (53)
SPS 16,8 (39)
FDPL 15,1 (29)
GPS 13,2 (28)
CVP 11,4 (25), GLP 7,8 (16), BDP 2,4 (3), EVP 2,1 (3), Lega 0,8 (1), PdA 0,5 (1) + 4,3 (2).

Legende, Parteien. BDP = Bürgerlich-Demokratische Partei, CVP = Christlichdemokratische Volkspartei (aka KK = Katholisch-Konservative, aka KCVPS [in den Wahlen zwischen 1959-1967 trat die Partei unter diesem Namen an: in der Tabelle als 'CVP' bezeichnet]), DM = Die Mitte (entstanden 2021 aus einer Fusion von CVP und BDP), DP = Demokratische Partei*, EVP = Evangelische Volkspartei, FDP = Freisinnig-Demokratische Partei (heute: 'FDP.Die Liberalen' [das ist der neue Parteiname nach der Fusion mit der LPS 2001]), FDPL = FDP.Die Liberalen, FPS = Freiheitspartei der Schweiz (aka AP = Autopartei, heute: auto-partei.ch), GB = Grünes Bündnis, GLP = Grün-Liberale Partei, GPS = Grüne Partei der Schweiz, KPS = Kommunistische Partei der Schweiz*, LdU = Landesring der Unabhängigen*, LPS = Liberale Partei der Schweiz* (aka LDS, LIDUS [in den Wahlen 1963 und 1967 trat die Partei unter diesem Namen an: in der Tabelle als 'LDS' bezeichnet]), PdA = Partei der Arbeit, SD = Schweizer Demokraten (aka NA/Rep. = Nationale Aktion/Republikaner [diese beiden Gruppen sind anfangs gemeinsam, ab 1971 eigentlich aber getrennt aufgetreten: ich habe sie hier im Resultat trotzdem zusammengefasst]), SPS = Sozialdemokratische Partei der Schweiz, SVP = Schweizerische Volkspartei (aka BGB = Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei). Aus Platz- und Darstellungsgründen habe ich hier nicht ganz alle Parteien aufgeführt; die mit einem Sternchen [*] bezeichneten Parteien existieren nicht mehr.

Wahlbeteiligung (in Prozent). 1919: 80,4. – 1922: 76,4. – 1925: 76,8. – 1928: 78,8. – 1931: 78,8. – 1935: 78,3. – 1939: 74,3. – 1943: 70,0. – 1947: 72,4. – 1951: 71,2. – 1955: 70,1. – 1959: 68,5. – 1963: 66,1. – 1967: 65,7. – 1971: 56,9. – 1975: 52,4. – 1979: 48,0. – 1983: 48,9. – 1987: 46,5. – 1991: 46,0. – 1995: 42,2. – 1999: 43,3. – 2003: 45,2. – 2007: 48,3. – 2011: 48,5. – 2015: 48,5. – 2019: 45,1.

Das Ergebnis der Nationalratswahl wird oft herangezogen für die Angabe des Wähleranteils einer Partei – allerdings müsste man eigentlich auch die Ständeratswahl berücksichtigen – dort, d.h. in der anderen Kammer des Parlaments, sind die Mitte-Rechts-Parteien (FDP, CVP) deutlich stärker vertreten. Dasselbe gilt es zu sagen für die Exekutive der Kantonsregierungen; in den grösseren Städten wiederum dominieren heute die Linken und die Grünen. Derzeit ist also die SVP die stärkste Partei im Nationalrat, die FDP und die CVP sind die stärksten Parteien im Ständerat und in den Kantonen, während die SPS zusammen mit den Grünen die stärkste Partei in den Städten ist. Das ist einerseits zwar gut verteilt, andererseits aber auch recht konfliktträchtig. Auf jeden Fall aber (und das hat auch die Realpolitik in den letzten Jahren gezeigt) ist die Schweizer Politik nicht und nie mit einem einzigen Indikator (z.B. mit dem Wähleranteil im Nationalrat) zu begreifen, sondern: das ist ein sehr komplexes Zusammenwirken von verschiedenen Faktoren und Indikatoren. Die Wahl der Bundesräte und der Bundesrichter wird von der Vereinigten Bundesversammlung (National- und Ständerat) vorgenommen.

Ständeratswahlen seit 1919 (Sitzverteilung, insgesamt 46 Sitze [pro Kanton: 2, pro Halbkanton: 1]). 1919 (44): FDP 23, CVP 17, LDS 2, DP 1, BGB 1. – 1922 (44): FDP 23, CVP 17, DP 1, LDS 1, SPS 1, BGB 1. – 1925 (44): FDP 21, CVP 18, SPS 2, DP 1, LDS 1, BGB 1. – 1928 (44): FDP 20, CVP 18, BGB 3, DP 1, LDS 1, übrige 1. – 1931 (44): FDP 19, CVP 18, BGB 3, SPS 2, LDS 1, übrige 1. – 1935 (44): CVP 19, FDP 15, SPS 3, BGB 3, LDS 2, übrige 2. – 1939 (44): CVP 18, FDP 14, BGB 4, SPS 3, LDS 2, übrige 3. – 1943 (44): CVP 19, FDP 12, SPS 5, BGB 4, DP 2, LDS 2. – 1947 (44): CVP 18, FDP 11, SPS 5, BGB 4, LDS 2, DP 2, übrige 2. – 1951 (44): CVP 18, FDP 12, SPS 4, LDS 3, BGB 3, DP 2, übrige 2. – 1955 (44): CVP 17, FDP 12, SPS 5, LDS 3, BGB 3, DP 2, übrige 2. – 1959 (44): CVP 18, FDP 14, BGB 4, LDS 3, DP 2, SPS 2, übrige 1. – 1963 (44): CVP 18, FDP 13, BGB 4, DP 3, LDS 3, SPS 3. - 1967 (44): CVP 18, FDP 14, DP 3, LDS 3, BGB 3, SPS 2, LdU 1. – 1971 (44): CVP 17, FDP 15, SVP 5, SPS 4, LPS 2, LdU 1. – 1975 (44): CVP 17, FDP 15, SPS 5, SVP 5, LdU 1, LPS 1. – 1979 (46 [neu mit Kanton Jura]): CVP 18, FDP 11, SPS 9, SVP 5, LPS 3. – 1983 (46): CVP 18, FDP 14, SPS 6, SVP 5, LPS 3. – 1987 (46): CVP 19, FDP 14, SPS 5, SVP 4, LPS 3, LdU 1. – 1991 (46): FDP 18, CVP 16, SVP 4, SPS 3, LPS 3, LdU 1, Lega 1. – 1995 (46): FDP 17, CVP 16, SPS 5, SVP 5, LPS 2, LdU 1. – 1999 (46): FDP 17, CVP 15, SVP 7, SPS 6, übrige 1. – 2003 (46): CVP 15, FDP 14, SPS 9, SVP 8. – 2007 (46): CVP 15, FDP 12, SPS 9, SVP 7, GPS 2, GLP 1. – 2011 (46): CVP 13, FDPL 11, SPS 11, SVP 5, GLP 2, GPS 2, BDP 1, Parteilos 1. – 2015 (46): CVP 13, FDPL 13, SPS 12, SVP 5, GPS 1, BDP 1, Parteilos 1. – 2019 (46): CVP 13, FDPL 12, SPS 9, SVP 6, GPS 5, Parteilos 1.

P.S. Derzeit sieht es so aus, als müsste man ab der Wahl 2019 eine neue Rubrik eröffnen. Die Zeit von 1919-2015 wäre dann zu betiteln als die Zeit der vier (Bundesrats-) Parteien bzw. des Aufbaus und der Etablierung der klassischen 'Zauberformel'. Die neue Zeit wäre eine zunächst einmal völlig offene Zeit: man müsste die nächsten Jahre und Jahrzehnte abwarten, um zu sehen, in welche Richtung sich das nun genau entwickeln wird.

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