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Sternstunden der Eidgenossenschaft






Es gibt Zeiten, in welchen die Geschichte eines Landes mehr in den Vordergrund rückt, und es gibt Zeiten, in welchen diese mehr in den Hintergrund tritt. Wir spüren vielleicht, dass dies heute eine Zeit ist, in welcher die Geschichte wieder einmal etwas mehr in den Vordergrund rückt, aus welchen Gründen auch immer. Es werden heute auch so viele Bücher über die Schweiz geschrieben, wie wahrscheinlich selten je zuvor. Es ist eine Zeit also, u.a., der Auseinandersetzung mit der Geschichte auch; daher hier auch diese kleine Geschichtsdarstellung: anhand von zehn Sternstunden der Eidgenossenschaft (sowie einer kleinen internationalen Betrachtung).

Das Geschichtsverständnis in der Schweiz ist mangelhaft, und geprägt von grossen Auslassungen ebenso wie gewagten Fokussierungen. So steht zum Teil Uraltes im Vordergrund, während das moderne und aktuelle kaum wahrgenommen bzw. allzu rasch wieder vergessen wird (ohne Beispiele). In den Schulen - und in den Medien - hört man von manchem praktisch nichts, dafür sehr viel von alten Mythen, was auch sein darf (aber nicht das Einzige sein kann [kaum ein anderes Land hat eine so bedeutende Mythenkultur wie die Schweiz, was in manchem auch nützlich sein, doch die Mythen dürfen den Blick auf das Zeitgeschehen nicht vollkommen verschleiern]).


Die Gründung der Eidgenossenschaft. Die Gründung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (im August) 1291 ist eine höchst mythische Sache, trotzdem gibt es auch klare historische Anhaltspunkte. Kaum eine andere Nation der Welt hat einen derart bedeutenden Gründungsmythos. Diese Gründung erfolgte nicht nur auf der Basis einer gemeinsamen Verteidigung gegen aufdringliche äussere Gegner, sondern es gab auch noch – wie könnte es auch anders sein? – einen ebenso bedeutenden handfesten wirtschaftlichen Grund: die Eidgenossen wollten sich vermutlich auch gemeinsam die Vorherrschaft über die eben erst erschlossene (zu jener Zeit sehr bedeutende) Gotthardroute sichern. Eine Eidgenossenschaft hatte immerhin auch den Vorteil, dass es keinen grösseren Streit unter ihnen deswegen geben würde. Dem deutschen König war die Sache so wichtig (1230 wurde der Gotthard für den Verkehr geöffnet), dass die Urner u.a. dafür den Freibrief bekamen (1231, dann auch die Schwyzer 1240, erst 1309 Unterwalden – die Schweizer hatten auch wertvolle Söldnerdienste für den König geliefert). Ebenfalls sehr bedeutend war wohl der Tod des mächtigen Rudolf von Habsburg (im Juli 1291, welcher im Februar 1291 noch die Schwyzer Unabhängigkeit garantiert hatte: nach seinem Tod trat eine unsichere Herrschaftssituation ein). Zum Erfolg der Gründung gehörte auch das baldige und stetige Wachstum der Eidgenossenschaft in den kommenden Jahrhunderten.

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Die alten Schlachterfolge. Soll man heute noch stolz sein auf die alten Schlachterfolge? Das wäre sicher vermessen und daneben. Natürlich aber nehmen diese Ereignisse in der Geschichte immer noch einen relativ grossen Platz ein – etwa die Schlacht von Morgarten 1315 oder jene von Sempach 1386. Viele kennen aus der alten Schweizer Zeit fast nur noch diese Ereignisse. Bis zur 1515 verlorenen Schlacht bei Marignano gegen die Franzosen, als die Schweizer gegen Mailand vordrangen, galten die Schweizer Heere als nahezu unbesiegbar (nach dieser Niederlage, die - zusammen mit einer zweiten noch 1522 in der Schlacht bei Bicocca, an der Seite des französischen Königs - einen tiefen Eindruck bei den Eidgenossen hinterliess, folgte die Aera der Schweizer Neutralitätspolitik). In den bedeutendsten früheren bzw. ersten Schlachten ging es jeweils gegen die Habsburger. Manchmal werden diese noch heute mythischerweise als Schweizer Feinde bezeichnet; das hat aber verschiedene fragwürdige Aspekte (besonders, wenn man die Habsburger mit den Österreichern gleichsetzt). Die habsburgische Ausgangsburg liegt in der heutigen Schweiz: im Örtchen Habsburg im Kanton Aargau. Das heisst: nach heutigem Stand der Dinge waren die Habsburger eigentlich so etwas wie ausgewanderte 'Schweizer' (nach den Schlachten gab es auch den Friedensvertrag mit Österreich 1355, und zudem waren es ausgerechnet die Zentral- und Innerschweizer Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, welche im Verlauf der Kappeler Religionskriege gegen die übrigen Eidgenossen 1529 ein Bündnis mit Österreich schlossen ['Christliche Vereinigung']). Die alten Schlachten waren sicher wichtig und bedeutend zur Sicherung bzw. Absicherung der alten, noch sehr kleinen Eidgenossenschaft.

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Der Kappeler Landfrieden. Wenn es in der frühen Eidgenossenschaft grossen Streit gegeben hat, so war dafür nicht immer aber oft die Religion verantwortlich. Besonders zur Zeit der Reformation gab es – wie teils auch im übrigen Europa – schlimme Glaubenskriege zwischen den Katholiken und den Protestanten (und da die Schweizer im Streiten und Widerstreiten zuweilen recht tüchtig sein können, waren diese religiösen Konflikte auch teils sogar heftiger als im übrigen Europa). Als diese Überhand zu nehmen drohten, verbündeten sich die katholischen Orte mit Österreich, was einen Ausgleich der Kräfte bewirkte – festgehalten im Kappeler Landfrieden 1531. In diesem wurde (nach einem militärischen Sieg der Katholiken) der Streit beigelegt – auch dies mit einem mythischen Hintergrund: bei der berühmten Kappeler Milchsuppe 1529 – und die konfessionelle Spaltung des Landes wurde anerkannt. Das Problem waren v.a. die Minderheiten: die Leute sollten je ihren Glauben behalten dürfen und die konfessionellen Minderheiten sollten in den verschiedenen Landesteilen geschützt werden. Noch war dies allerdings lange nicht das Ende der Religionskriege in der Schweiz, welche weitergingen bis zum Sonderbundskrieg (1847 – d.h. während über 300 Jahren lebte die Schweiz, vor der Gründung des Bundesstaates, in einem mehr oder weniger deutlich sich manifestierenden Bürgerkriegszustand). Immerhin aber ist diese Kappeler Milchsuppe mythisch bedeutend geblieben: als ein Symbol der Rückkehr zur Eidgenossenschaft nach einem grossen Streit. Natürlich sind solche Symbole des Friedens besonders wichtig und bedeutend, die Eidgenossenschaft ist ja auch konzipiert als ein Bund, der auf Friedensordnungen zielt.

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Das Schweizer Wirtschaftswunder. Dieses ist nicht vorwiegend im 20. Jahrhundert anzusiedeln, mit dem heutigen Dienstleistungssektor, sondern es fand schon sehr viel früher statt: "Ende des 18. Jahrhunderts war nach Meinung der Zeitgenossen die Schweiz das am meisten industrialisierte Land des europäischen Festlandes, was heisst, dass sie weltweit nach England den zweiten Rang belegte." (Lorenz Stucki: "Das heimliche Imperium – wie die Schweiz reich wurde", 1968*). Es war die Zeit der Weber, Sticker und Färber – also die Zeit der Textilindustrie im Anfang der industriellen Entwicklung in Europa (die Textilindustrie war v.a. im Osten der Schweiz sehr bedeutend, während im Westen v.a. die Uhrenindustrie Fuss fasste; es gab auch bedeutende internationale Kontakte, nicht zuletzt durch die damals schon zahlreichen Auslandschweizer). Die Schweiz war damals noch gar kein wirklicher politischer Staat; sie war zwar einer der ersten modernen demokratischen Nationalstaaten, hatte aber zuvor weniger staatliche Strukturen als andere Länder. Keinen oder kaum einen Staat zu haben, bedeutete (im Gegensatz zu anderen Ländern) sowohl eine freiere Hand im internationalen Handel wie auch in der nationalen Produktion. Dieser Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs ging eine Zeit der wirtschaftlichen Armut voraus: die Schweiz war ein ländliches, eher ärmeres Land, und so mussten auch viele Schweizer als Söldner für fremde Kriegsmächte dienen, andere wiederum wanderten aus und suchten auf andere Art und Weise im Ausland ihr Glück (während auch viele der Ex-Söldner sich nach ihrer Dienstzeit im Ausland wirtschaftliche Existenzen aufbauten). Diese relativ vielen Auslandschweizer waren dafür verantwortlich, dass die Schweizer Wirtschaft auch und gerade im immer wichtiger gewordenen Exportgeschäft eine grosse Bedeutung hatte.

P.S. Das Datum 1714 bezieht sich hier übrigens auf die Einführung der Glarnerinnen durch Zürcher Baumwollspinnerinnen, welche ein Diakon namens Heidegger heimlich kommen liess, in die neuen industriellen Techniken, denn Glarus stand nachmalig an der Spitze der frühen industriellen Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz und gilt daher auch als herausragendes Beispiel derselben. Zudem war gerade die technische Entwicklung in ländlichen Gebieten besonders wichtig und auch bedeutend! Der damals grösstenteils wenig begüterte landwirtschaftliche Stand besserte sich damit, d.h. mit industrieller Heimarbeit, seine Lebensgrundlagen auf: im Westen in der Uhrenindustrie, im Osten in der Textilindustrie; nicht wenige Bauern hatten irgendwo in einem Keller so ihre eigene kleine Heim-Fabrik, quasi, in welcher die gesamte Familie mitarbeitete. Bis ins 19. Jahrhundert arbeiteten noch 80% der Schweizer in der Landwirtschaft: im 19./20. Jahrhundert fand eine grosse Umwälzung von einer Landwirtschafts- zu einer (Industrie- und) Dienstleistungsgesellschaft statt.

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Die Gründung des Bundesstaates. Im späteren 18. und früheren 19. Jahrhundert begannen – vor, mit und nach der Besetzung des Landes durch die Franzosen – die grössten innenpolitischen Wirren, welche die Schweiz bisher erlebt hat. Man spürte, dass die politischen Strukturen für die kommende Zeit nicht mehr genügen würden, und man suchte nach einer politischen Staatsform für die Schweiz. Eine grosse Rolle spielte dabei einerseits der alte religiöse Konflikt zwischen den Reformierten und den Katholiken, andererseits der ewige Zwist zwischen den Föderalisten und den Zentralisten. 1848 setzten sich Letztere schliesslich mit der Gründung eines Bundesstaates – gegenüber dem vorherigen recht lockeren Staatenbund der Kantone bzw. Orte – durch. Es waren die neuen liberalistischen Kräfte, die im religiösen Sonderbundskrieg 1847 gewonnen hatten, welche diese eigentliche Staatsgründung einleiteten und durchsetzten; dem Schweizer Föderalismus wurde aber weiterhin ein grosser Raum zugestanden. Die Schweiz hatte einige Jahre nur zuvor ein vollkommen neues Gesicht bekommen: Wiener Kongress 1815 und ein paar Jahre zuvor waren die Ostschweiz, inkl. Graubünden, die Romandie und das Tessin hinzu gekommen. Die Schweiz war also auf einen Schlag viersprachig bzw. multikulturell geworden. Angesichts dieser grossen kulturellen Veränderungen im früheren 19. Jahrhundert ist die Staatsgründung erstaunlich, und umso erstaunlicher sind auch die guten Perspektiven, welche dieser neue Staat danach ausspielen konnte, inkl. der Begründung einer Direkten Demokratie.

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Das Rote Kreuz. Eigentlich ist das Rote Kreuz nicht eine Staatssache, trotzdem wird die Schweiz oft damit in Verbindung gebracht (nicht zuletzt auch natürlich dank des Wappens des Roten Kreuzes, welches dasselbe ist wie das Schweizer Wappen, nur mit vertauschten Farben). Im Vordergrund bei der Gründung des Roten Kreuzes, welches ursprünglich ein Hilfswerk für Kriegsopfer bzw. Verwundetenpflege war (und heute allgemein für Katastrophenhilfe gilt), steht natürlich die Person von Henry Dunant (1828-1910), obwohl er es 1863 unter dem Namen 'Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege' (seit 1876 Internationales Komitee des Roten Kreuzes IKRK) in seiner Heimatstadt Genf mit drei weiteren Bürgern (Appia, Maunoir und Moynier) zusammen gründete. Dunant, welcher 1859 als Geschäftsmann unvermittelt in die Schlacht von Solferino in Italien geraten war und sich über die Kriegsgräuel und die schlechte medizinische Versorgung entsetzt hatte, aber war der Hauptinitiant. Das Rote Kreuz steht international irgendwie mitbedeutend für die Schweiz des 20. Jahrhunderts, eine Schweiz, in welcher ferner auch die UNO und das IOK ansässig wurden, und die auch bekannt war für ihre diplomatischen Dienste und ferner natürlich für ihre Direkte Demokratie. Daher kann man die Gründung des Roten Kreuzes sicher symbolisch mit zu den Sternstunden der Schweiz zählen; in seiner Abschiedsrede vor dem Parlament meinte Bundesrat Merz 2010: "Im Lande von Pestalozzi und Dunant besitzt Solidarität Tradition." Er nannte damit die zwei vermutlich bedeutendsten Humanisten der Schweizer Vergangenheit.

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Die Direkte Demokratie. Die Schweiz ist das einzige Land, welches auf Staatsebene eine Direkte Demokratie besitzt. Aber was bedeutet das überhaupt bzw. woher kommt dieser Begriff? Die grösste Bedeutung haben dabei zwei politische Schweizer Institutionen, die im 19. Jahrhundert, in den Anfängen des Bundesstaates, begründet wurden: die Einführung des Referendumsrechts 1874 und die Einführung des Initiativrechts 1891. Das Volk kann in der Schweiz über die Parlamentswahlen hinaus politisch mitbestimmen: es gibt gewisse Dinge, welche die Regierung dem Volk zur Abstimmung vorsetzen muss, andererseits gibt es auch die Möglichkeit von Initiativen, welche direkt aus dem Volk heraus kommen. Das ist die Direkte Demokratie (und nicht mehr eigentlich und nicht weniger als das). Man sollte diese weiterführende Demokratie, die über eine reine Wahlrepublik hinaus geht, nicht über- und nicht unterschätzen. Sie bedeutet nicht, dass man die Volksrechte nicht weiter ausbauen könnte, sie bedeutet auch nicht (und schon gar nicht), dass das Volk immer die richtigen Entscheidungen trifft, und sie bedeutet ferner auch nicht, dass das soziologische Gefüge im Volk perfekt funktioniert. Es bedeutet nur, aber immerhin, dass man hier ein bisschen mehr Demokratie hat als anderswo. Und das gehört natürlich absolut zu den Sternstunden. Die Schweiz gilt deswegen zuweilen auch als internationales Vorbild in Sachen Demokratie. Im Zusammenhang mit der Einrichtung der Direkten Demokratie steht auch die Einrichtung der modernen Sozialwerke (die heutige Gesellschaft basiert politisch v.a. auf einer liberalistischen, demokratischen und sozialistischen Bewegung). Gibt es zur alten Eidgenossenschaft ein einziges Grunddatum: 1291, so gibt es für die moderne Schweiz und deren Direkte Demokratie vermutlich drei: 1848, 1874 und 1891.

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Der Bau des Gotthardtunnels. Die Alpen haben für die Schweiz nicht nur eine symbolisch-geografische, sondern auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Diese ergibt sich weniger aus der reinen Alpenwirtschaft, und vielmehr aus der Alpenüberquerung. Die Alpen sind natürlich ein wichtiges und gewaltiges Verkehrshindernis auf der Nord-Süd-Achse des europäischen Binnenverkehrs. Und daher waren auch alle Gotthardverkehrsmassnahmen besonders wichtig für die Schweiz. 1230 die Öffnung des Gotthards für den Verkehr über die neu gebaute Brücke über die Schöllenenschlucht (auch: 'Teufelsbrücke' – ein grosses Wagnis für die damalige Zeit), 1595 die Ersetzung dieser Holzbrücke durch eine steinerne, der abschnittweise Ausbau des Gotthardweges, 1830 die Vollendung der Gotthardstrasse und schliesslich 1882 die Einweihung des Gotthardtunnels für den Bahnverkehr. Im Vergleich: die Österreicher waren beim ebenfalls bedeutenden Brennerpass mit dem Strassenausbau früher dran (1772), sind aber erst heute am Bau eines Bahntunnels (erste Machbarkeitsstudien 1989, geplante Fertigstellung 2025-2027 – eine Brennerbahn gibt es allerdings bereits seit 1867). Ein grosses und bedeutendes Bauwerk also zu jener Zeit, mit einer grossen Bedeutung für die Schweizer Exportwirtschaft (und mit einer grossen Symbolik für die Schweizer Wirtschaft überhaupt).

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Die weltkriegslose Schweiz. Der Schweizer Schriftsteller Dürrenmatt hat sich ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt: die Schweiz war immer – in der neueren Zeit – davongekommen (so bezeichnete es Dürrenmatt), musste sich dann aber mitunter auch als Kriegsgewinnler bezeichnen lassen. Teils wurde sie sogar auch etwa verdächtigt, mit dem Naziregime in Deutschland kooperiert zu haben – wie weit diese Kooperation politisch und ökonomisch ging, ist umstritten (politisch hat es in der Schweiz kein relevantes Faschistentum gegeben [oder: dieses bzw. Ansätze davon wurden so geschickt niedergehalten, dass es im Vergleich mit anderen europäischen Staaten jener Zeit nur eine relativ kleine Rolle spielte]). Sicher versuchte man, mit allen möglichen Mitteln den Krieg gegen die damalige deutsche Kriegsmaschinerie zu vermeiden. Die aussenpolitische Situation war für die Schweiz im Zweiten Weltkrieg so schlimm, dass sie kaum hätte schlimmer sein können – man befand sich als kleines, neutrales Land mitten unter jenen Ländern, welche die Hauptkriegsgegner, schon im Ersten Weltkrieg, waren: Deutschland und Frankreich (dazu kamen die zu jener Zeit ebenfalls faschistisch ausgerichteten Staaten von Italien und Österreich sowie das ebenfalls besetzte Frankreich) – die Schweiz war als neutrales und friedliches Land eingekesselt von Nationen, die sich mitten im schlimmsten Krieg der Weltgeschichte befanden. Dass die Politik in einer solchen Zeit nicht absolut ohne Fehl und Tadel sein kann, ist verständlich – die Schweizer haben sich aber relativ gut aus dieser maximal schwierigen Situation herausgewunden, was eine politisch relativ bedeutende Tatsache und Leistung an und für sich ist. Einmalig auch: seit rund 200 Jahren besitzt die Schweiz eine konstante Landesgrenze, und dies eben durch zwei schlimme Weltkriege hindurch (1919 wurde ein Anschlussbegehren des Vorarlbergs vom Bundesrat abgelehnt mit der Begründung der [sprach-] kulturellen und religiösen Ausgewogenheit).

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Die beiden grossen Dichter. Nicht alle Schweizer würden vermutlich die grossen Dichter Frisch und Dürrenmatt zu den grössten Sternstunden der Schweiz zählen (und sie als 'Nationaldichter' zu bezeichnen wäre verwegen). Die Intellektuellenkritik war zu jener Zeit in der Schweiz noch fast schlimmer, als sie heute ist – und Schriftsteller wurden nicht selten als linke Kommunisten abgetan (Stichwort: 'Moskau einfach'). Zugegeben: die beiden grössten Schriftsteller, welche die Schweiz je hatte, waren überaus kritische Geister. Frisch mit seiner trockenen Generalkritik und Dürrenmatt mit seiner grotesken Alleszermalmerei – fürwahr keine einfachen Schriftsteller. Aber grosse – sie waren wohl zu ihrer Zeit nach Brecht die grössten Theaterautoren im gesamten deutschsprachigen bis sogar europäischen Raum (dabei profitierten sie auch von einer gewissen Schwäche in der deutschen Schriftstellerei nach dem Zweiten Weltkrieg). Den Literatur-Nobelpreis bekamen sie wohl nur deswegen nicht, weil zuvor schon zwei Schweizer damit ausgezeichnet worden waren: Spitteler 1919 und Hesse 1946 (je just nach den beiden Weltkriegen, notabene), und weil man beide hätte auszeichnen müssen, weil sie irgendwie gleich bedeutend waren – das war dem Nobelpreiskomitee dann wohl doch zuviel des Guten. Wer die grössten Sternstunden in der Schweizer Kunst und Kultur sucht, kommt an Frisch und Dürrenmatt aber sicher nicht vorbei. [Hier gibt es ein Verzeichnis von Schweizer Autoren.]

-> Dürrenmatt aktuell: Dürrenmatt - eine Liebesgeschichte. Wenn ich Filmmaterial sehe von Dürrenmatt oder Frisch, dann kommen in mir unweigerliche nostalgische Gedanken an die Vergangenheit auf. Was war das für eine Zeit? Und in Erinnerung an diese Zeit bleiben nicht die Banken und Büros, sondern die Dichter und Denker! (Diese Zeit ist leider vergangen, und wir wissen nicht, was uns in der Zukunft erwartet, aber die Monumente - Frisch und Dürrenmatt - bleiben, und damit auch die Momente, auf die es in dieser Zeit ankam. Natürlich waren die Beiden, aber auch die Anderen wie Loetscher oder Muschg, u.a., auch dafür verantwortlich, dass ich Schriftsteller wurde - ich habe ja anfangs v.a. Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Romanfragmente geschrieben, bevor ich mich in die Philosophie gestürzt habe; in der belletristischen Literatur gab es in der Schweiz aber nach all diesen grossen Figuren kein offenes Feld.) Manchmal habe ich das Gefühl, Frisch und Dürrenmatt seien die zwei letzten wirklich [über-] grossen Figuren der Kunst und Kultur gewesen, weltweit notabene; vielleicht ist die Kunst und Kultur in einem gewissen Sinn in den Jahren 1990/91 gestorben, in der Dimension und mit der Wirkung, wie man sie früher kannte (lustigerweise, oder vielmehr: groteskerweise genau mit dem Untergang des realexistierenden Kommunismus in Osteuropa, dem letzten [über-] grossen Traum der Menschheit).

-> Legendär: Weltliterat trifft Bundesrat - Max Frisch und Kurt Furgler im Gespräch (1978). Wenn irgendetwas die Grösse der Schweiz des 20. Jahrhunderts aufzeigt, dann vielleicht dieses Gespräch - schade natürlich, dass rund zehn Jahre später die Fichenaffäre ans Tageslicht kam, in welcher bekannt wurde, dass auch der Weltliterat Frisch vom Staat fichiert wurde.

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Geprägt war die Schweiz im 20. Jahrhundert - und v.a. in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (welche als goldene Zeit in die Geschichte der Schweiz eingehen könnte) - vom politischen Gegensatz zwischen den Liberalisten und den Sozialisten - die beiden Schriftsteller oben gehören zur kritischen Schweiz, während die drei Ereignisse unten für die wissenschaftliche und erfolgreiche Schweiz stehen. Ich habe bewusst die kritischen Schriftsteller gewählt, damit allen klar wird, dass die Schweiz neben ihren vielen positiven Seiten auch fragwürdige Seiten hat - Frisch und Dürrenmatt waren jene, welche diese Fragen gestellt haben.



Swiss International: Die Relativitätstheorie, das World Wide Web und eine weltpolitisch relevante Gipfelkonferenz.

Dies sind weitere, Schweizer Höhepunkte im 20. Jahrhundert mit einem internationalen Bezug – oder die andere Schweiz: ein Platz für Weltgeschichte, Wissenschaft und Technik. Die bedeutendsten Ereignisse im 20. Jahrhundert waren in der Schweiz natürlich eigentlich die beiden grossen wissenschaftlichen und technischen Highlights: die Relativitätstheorie 1905 von Einstein in Bern und das World Wide Web 1989-1991 von Berners-Lee am CERN in Genf. Diese beiden Ereignisse haben die Welt verändert und werden vielleicht für immer, jedenfalls für lange Zeit, dafür sorgen, dass die Schweiz ein weltweiter Faktor ist (auch wenn es Ausländer waren, die das hier vollbracht haben). Trotzdem werden diese Ereignisse gewöhnlich nicht als typisch schweizerisch betrachtet, weil sie von internationalen Wissenschaftlern stammen. Jedenfalls wenn man an grosse Personen der Kultur in der Schweiz im 20. Jahrhundert denkt, kommen einem zuerst die Namen von Frisch und Dürrenmatt in den Sinn (und erst in einer zweiten Überlegung vielleicht Relativitätstheorien und weltweite Netze). Auch (welt-) politisch war die Schweiz im 20. Jahrhundert sehr bedeutend, das zeigt die Einrichtung des Völkerbundes 1920 in Genf (während sich die UNO 1945 in New York niederliess, Genf aber ein wichtiger Nebenschauplatz auch der UNO blieb*) sowie die verschiedenen internationalen Friedenskonferenzen, etwa jene von Lausanne (1912/13 und 1922/23), Locarno (1925) oder Genf (1955), am Bedeutendsten war aber wohl jene von 1985, weil sie nicht nach einem Krieg, sondern während des Kalten Krieges stattfand: Reagan und Gorbatschow führten damals in Genf bedeutende Gespräche über das Ende des Kalten Krieges. Das zeigt, dass das Image der Schweiz als 'Supermacht des Friedens' (quasi) bis in die 1980-er Jahre noch bestanden und angehalten hat. Heute herrschen in der Schweiz etwas andere Voraussetzungen: die Schweiz ist nicht mehr eine Insel des Friedens inmitten von schlimmen Weltkriegen und/oder eines grossen Kalten Krieges, sondern sie ist ein Land in einer kleineren oder grösseren Identitätskrise, in welcher die innere Selbstbehauptung ebenso gestiegen scheint, wie die Weltbedeutung der Schweiz gesunken ist (und die aussenpolitische Hauptfrage der Schweiz ist derzeit auch nicht mehr jene nach ihrer Weltbedeutung**, sondern v.a. jene nach ihrer Bedeutung in Europa). Das 20. Jahrhundert war sicher in verschiedenerlei Hinsicht das grösste in der Schweizer Geschichte bisher.

* Ohne den Zweiten Weltkrieg wäre wahrscheinlich der Völkerbund auch heute noch in der Schweiz – ein interessanter aber müssiger Gedanke.

** Man muss dazu anführen, dass es bedeutende diplomatischen Aktivitäten der Schweiz auch heute noch gibt: so vertritt sie etwa in Konfliktregionen teils andere Nationen, und sie ist dabei neutral bzw. so neutral wie möglich. Diese Aktivitäten sind nicht mehr ganz so spektakulär wie früher teils, und darum werden sie auch weniger wahrgenommen heute.



Tagesschausendung der ARD zum Gipfeltreffen von Reagan und Gorbatschow 1985.




Dokumentarfilm 'Albert Einstein' zur Relativitätstheorie.



Kurzinterview zur Erfindung des World Wide Webs.

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100 Schweizer Persönlichkeiten. Die bedeutendste Umfrage über die grössten Schweizer Persönlichkeiten stammt von der "Sonntagszeitung" (Januar 2009).

1. Albert Einstein, 2. Gottlieb Duttweiler, 3. Roger Federer, 4. Johann Heinrich Pestalozzi, 5. Henri Dunant, 6. Paracelsus, 7. Nicolas Hayek, 8. Claude Nicollier, 9. Alfred Escher, 10. Leonhard Euler, 11. Friedrich Dürrenmatt, 12. Le Corbusier, 13. Jean-Jacques Rousseau, 14. Mani Matter, 15. Henri Guisan, 16. Max Frisch, 17. Willi Ritschard, 18. Huldrych Zwingli, 19. Carla del Ponte, 20. Niklaus von Flüe, 21. Carl Lutz & Gertrud Lutz, 22. Jean Calvin, 23. Hans-Peter Tschudi, 24. Jean Ziegler, 25. Hans Küng, 26. Maria Bernarda Bütler, 27. Jacob Burckhardt, 28. Karl Barth, 29. Johann Caspar Lavater, 30. Christoph Blocher, 31. Auguste Piccard, 32. Guillaume-Henri Dufour, 33. Johanna Spyri, 34. Hermann Hesse, 35. Emil Steinberger, 36. Albert Hofmann, 37. Jeremias Gotthelf, 38. Carl Gustav Jung, 39. Bernhard Russi, 40. Elisabeth Kübler-Ross, 41. Kurt Furgler, 42. Polo Hofer, 43. Louis Chevrolet, 44. Albrecht von Haller, 45. Jo Siffert, 46. Meta von Salis, 47. Jean Tinguely, 48. Gottfried Keller, 49. Johann Rudolf Wettstein, 50. Jean Rudolf von Salis, 51. Rudolf von Habsburg, 52. Gertrud Heinzelmann, 53. Friedrich Traugott Wahlen, 54. Alberto Giacometti, 55. Robert Walser, 56. Ferdy Kübler, 57. Pirmin Zurbriggen, 58. Cäsar Ritz, 59. Theodor Tobler, 60. Elisabeth Kopp, 61. Ferdinand Hodler, 62. Paul Klee, 63. Vreni Schneider, 64. Robert Grimm, 65. Rudolf Minger, 66. DJ Bobo, 67. Erich von Däniken, 68. Sepp Blatter, 69. Abraham Louis Breguet, 70. Jakob Bernoulli, 71. Ursula Andress, 72. Adrian Frutiger, 73. Jacques Herzog & Pierre de Meuron, 74. Meret Oppenheim, 75. Charles Ferdinand Ramuz, 76. Walter Mittelholzer, 77. Jonas Furrer, 78. Francesco Borromini, 79. Maximilian Bircher-Benner, 80. Fritz Leutwiler, 81. Julius Maggi, 82. Werner Arber, 83. Jean Piaget, 84. Ferdinand de Saussure, 85. Niklaus Wirth, 86. Max Bill, 87. Dieter Meier, 88. Conrad Ferdinand Meyer, 89. Adrian Wettach, 90. Othmar Ammann, 91. Robert Maillart, 92. Carl Spitteler, 93. Adolf Wölfli, 94. Martina Hingis, 95. Franz Schnyder, 96. Niklaus Riggenbach, 97. Auguste Forel, 98. Tadeus Reichstein, 99. Arnold Böcklin, 100. Jean-Luc Godard.


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