WISSENSCHAFTSTHEORIE (neues Projekt, seit Spätsommer 2020)



Hier entsteht eine Seite über das Thema der Wissenschaftstheorie. Dies soll meine abschliessende Beschäftigung mit der Wissenschaft sein. Die Wissenschaft hat mich - nebst Philosophie/Politik und Religion/Esoterik - immer ebenfalls bedeutend interessiert. Hier interessiert mich noch einmal, was denn eigentlich hinter der Wissenschaft steckt - die Wissenschaftstheorie: wie sie sich entwickelt hat, wo wir heute stehen und wie das morgen aussehen könnte. Dabei geht es nicht nur um die klassische Theorie der Wissenschaft, sondern auch um Entwicklungen, welche die Sichtweise der Wissenschaft bedeutend beeinflusst und verändert haben - dies sagt auch mehr aus als die ganzen, mehr oder weniger unbedeutenden Feinheiten der reinen bzw. erkenntnistheoretischen Wissenschaftstheorie (weiteres folgt - ich werde mir dabei auch einige Exkurse erlauben, welche auf andere interessante Gebiete hinweisen; und ebenso eine paar persönliche bzw. biografische Anmerkungen, die es bisher in meiner Philosophie so eigentlich nicht gegeben hat [das Wissenschaftliche - auch das philosophisch Wissenschaftliche - und das Persönliche widersprechen sich zwar, aber vielleicht gerade deswegen]).

Philosophie und Wissenschaft, Sprache und Mathematik, Geistes- und Naturwissenschaften. Zuerst möchte ich drei Dinge anmerken. Erstens: dass Sprache für die Wissenschaft ebenso bedeutend ist wie Mathematik. Die Mathematik hat in der Wissenschaft die Sprache nicht ersetzt, sondern sie hat sie erweitert oder ergänzt. Eine Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaft ohne Sprache ist nahezu undenkbar. Zweitens: die neuzeitliche Wissenschaft ist bedeutend (wenn auch vielleicht nicht wirklich wesentlich) aus der Philosophie herausgewachsen. Davon zeugen sogar die frühen Wissenschaftler selber, indem sogar in ihren Hauptwerken noch der Begriff der Philosophie im Titel vorkommt! Zum Beispiel bei keinen Geringeren als Isaac Newton (Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, 1686) oder John Dalton (A New System of Chemical Philosophy, 1808), welche zu den Hauptfiguren der neuzeitlichen Physik und Chemie gehören. Heute freilich würde kaum mehr ein Naturwissenschaftler solche Wendungen verwenden. In der Folge der Entwicklung von der reinen Naturwissenschaft zur (reinen) Technikwissenschaft haben sich die (Natur-) Wissenschaft und die Philosophie quasi ein bisschen auseinandergelebt. Es ist dazu auch zu sagen, dass die Mathematik in der Philosophie immer auch eine gewisse bis grosse Bedeutung hatte: so etwa bei Thales und Pythagoras, bei Platon, bei Pascal und Leibniz sowie bei einem Teil der analytischen Philosophen der neueren Zeit. Drittens: wie wohl wir letztlich von einer einheitlichen Wissenschaften träumen könnten oder vielleicht sogar sollten, betrachte ich die alte aristotelische Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften (bei mir: Natur-, Technik- und Ökowissenschaften sowie Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, bei Aristoteles: theoretische und praktische Philosophie) heute noch immer für sinnvoll. Ich schreibe hier keinen grossen Essay dazu, sondern stelle das einfach einmal so fest und dahin. Es scheint uns heute noch immer das Instrumentarium zu fehlen, um diese Bereiche vollständig und unbezweifelbar zu vereinen (und auch ich kann dieses Instrumentarium in meiner Philosophie nicht liefern, notabene; wir müssen auch noch immer damit leben, dass Religion, Philosophie und Wissenschaft drei Bereiche sind, die sich teilweise widersprechen, und die wir noch nicht in der Art und Weise vereinen können heute, wie wir das vielleicht gerne tun möchten; ich habe versucht, gewisse und/oder bestimmte Annäherungen zu machen, aber mehr kann ich dazu leider auch nicht liefern; und ich weigere mich auch etwa, einfach die Naturwissenschaften den Geisteswissenschaften zu unterstellen, was einfache und billige Lösung wäre, aber vielleicht eben keine, die man so vorschnell treffen sollte - auch weil die politische Herrschaft über die freie Wissenschaft, in der Gestalt wie sich die Politik heute präsentiert, noch viel zu unsicher wäre [realiter gibt es aber natürlich eine Beeinflussung der Wissenschaft auch durch die Politik und durch die Ökonomie]). Wenn wir von Wissenschaftstheorie sprechen, dann beziehen wir das meistens auf die Naturwissenschaften, weil diese historisch früher entstanden sind (was eigentlich gar nicht stimmt*) und es in der frühen Wissenschaft um naturwissenschaftlichen Fortschritt ging.

* So gab es in der Philosophie seit der frühen Naturphilosophie immer etwa ein Wechselspiel zwischen Natur/Wissenschaft und Moral/Ethik. Beides spielte eine ähnlich bedeutende Rolle. In der westlichen Philosophie ist am Anfang allerdings die Natur/Wissenschaft eher im Vordergrund gestanden, daher wird die antike Philosophie eben auch als Naturphilosophie bezeichnet, während es in der östlichen Philosophie genau umgekehrt war (bei Konfuzius und Buddha ist es eindeutig, bei Laotse etwas weniger).


Mir geht es hier weniger um irgendwelche Deutungen darüber, was die Wissenschaft nun denn eigentlich noch sein könnte, wenn sie nicht mehr das sein kann, was sie einmal war, sondern um die reale Entwicklung der Wissenschaft - den Fortschritt und auch die Problematik damit. Ich würde dies eine quasi phänomenologische Aufarbeitung der Geschichte der Wissenschaftstheorie nennen. Dazu sammle ich derzeit zuerst einmal die Phänomene, welche ich dann kurz besprechen werde und anhand derer ich die Entwicklung der Wissenschaftstheorie hier verfolgen möchte, um schliesslich auch die Fragen zu stellen, auf welchem Stand sich heute die Wissenschaftstheorie befindet, und was sich für Fragen bezüglich deren Zukunft stellt. Dies ist sicher für viele ein zugänglicheres Thema als meine rein philosophischen Seiten, denn hier geht es eben um die Wissenschaft, und die Wissenschaft steht im Zentrum des aktuellen Paradigmas der Kulturzeit (in der Tat ist es nicht das Geld, welches heute die Welt regiert - wir merken das in der Zeit der Coronakrise recht deutlich gerade - sondern die Wissenschaft: die Marktwirtschaft ist innerhalb der Theorie der Nationalökonomie bloss ein Teil davon [wenn auch ein gewichtiger Teil, natürlich]).


Vorzeit: Lebenspraxis und Alltagstechnik, Stammeskult (Geisterbeschwörung [Schamanismus]); Metallverarbeitung: Stein (Steinzeitalter). Die reine Lebenspraxis, zu welcher ja die Technik beim Menschen dazu gehört (obwohl er sie nicht erfunden hat, vgl. Vogelnester oder Biberdämme), gehört natürlich immer auch irgendwie zur Wissenschaft (und es gibt viele frühe Erfindungen, welche in diese Zeit gehören: vom Feuer über Keramik, Glas und Porzellan, Ackerbau und Viehzucht, Schlitten und Rad, Pfeil und Bogen, Spinnen und Weben bis zum Schiffsbau). Ja, es war eben die erste Wissenschaft der Menschen überhaupt - durch die Kommunikation über die Generationen hinweg. So wurden auch die Stammeskulte weitergegeben - einerseits in der Religion, andererseits aber auch in den Techniken. Die Geisterbeschwörung sollte die Kräfte der Natur beschwichtigen und günstig stimmen (das muss man sich wohl weniger als allgemeinen Animismus denn viel mehr eben als eine Art Schamanismus vorstellen; einzelne zauberbehaftete [in einer patriarchalen Kultur meist männliche] Maskenmenschen übernahmen in entsprechenden Kulten die Rolle der Beschwörer [damit die normalen Menschen im Alltag sich nicht allzu sehr mit der Problematik zwischen dem Menschen und der Natur beschäftigen mussten; dies entspricht der Urform der Religion (d.h. der Wiederverbindung von Mensch und Natur [Ursprung]; schamanistische Masken sollen auf Felszeichnungen bis auf 15'000 v. Chr. zurückgehen) - dabei gibt es wohl unterschiedliche und stammesabhängig ausgestaltete Differenzierungen, etwa zwischen der Bedeutung der Macht des Schamanen und den Tänzen der Gruppe*]). Die Steinzeit begann nach den ältesten gefundenen Steingeräten vor 2,6 Mio. Jahren und sie reicht etwa bis 5000 v. Chr. [wenn man die Kupferzeit oder Kupfersteinzeit als deren Nachfolger betrachtet]; in der Altsteinzeit wohnten die Menschen in Höhlen, Felsvorsprüngen, Erdlöchern, Zelten und Hütten).

* Das wäre wissenschaftlich zu erforschen. Eigentlich wären schamanische Rituale in einem Stammeskult auch ohne einen Oberschamanen** denkbar. Meist scheint es aber in diesen Kulten einen solchen zu geben (dabei kann es sich um ein unbekanntes Mitglied der Gruppe handeln, dessen besondere Rolle nur ein paar wenige eingeweihte Gruppenmitglieder kennen, wobei die Aufdeckung dieses Geheimnisses auch innerhalb des Stammes einem Tabu entspricht [vgl. Chinua Achebe: Things Fall Apart, 1958]).

** Interessant natürlich auch, dass dieser Oberschamane nicht gleichzeitig auch Stammeshäuptling war (jedenfalls in den meisten Fällen nicht). Ganz offensichtlich gab es schon sehr früh in der Menschenkultur eine Trennung von Politik und Religion (bzw. von der magischen/religiösen und der politischen Macht).


Altertum: Polytheistische Religion, Astrologie; Metallverarbeitung: Kupfer (Kupferzeitalter), Bronze (Bronzezeitalter). Die polytheistische Religion lieferte eine klarere und für alle besser durchschaubare Struktur der Religion, wenngleich es weiterhin eine Priesterkaste gab, welche spezielle Kenntnisse der Götterwelt für sich beanspruchte. Die wilden Geister der Natur sind quasi mehr oder weniger klar erkennbaren Göttern gewichen (diese Klarheit ist regional immer klarer gewesen, als wenn wir eine polytheistische Religion in ihrer Gesamtheit betrachten [polytheistische Götter sind regionale Götter, und die Bedeutung dieser Götter konnte von Stadt zu Stadt differieren]). Die reine Religion ist keine Form von Wissenschaft. Eine erste Form von Wissenschaft bedeutete die Astrologie, welcher astronomische Kenntnisse vorausgingen (die Mondphasen sollen schon vor 25'000 Jahren bekannt gewesen sein). Die Astrologie entspricht der Suche von quasi wissenschaftlicher Bedeutung am Himmel (wir sehen die grosse Bedeutung der Astrologie in jener Zeit noch bei den Weisen aus dem Morgenland, welche nach der biblischen Legende dem Stern folgten, der sie zum Christus führte [die Sterndeuter gelten also als die Weisen im Altertum]). Die Kupferzeit dauerte etwa von 5000-3200 v. Chr., die Bronzezeit etwa von 3200-500 v. Chr. (die generelle Datierung dieser Zeiten ist jedoch schwierig, weil es regionale Unterschiede gibt - dies ist hier nur in einer unscharfen Grössenordnung gegeben). Mit dem Beginn der bedeutenderen Nutzung von Metallen begann auch ein Wettlauf um die besten, stärksten und widerstandsfähigsten Waffen (und Krieger - ein Wettrüsten, welches viele Jahrhunderte später zu zwei schlimmen Weltkriegen führen sollte). Die bedeutendste Erfindung im Altertum war (neben den neuen Waffen) vermutlich die Schrift: sie soll von den Sumerern im 4. Jahrtausend vor Christus erfunden worden sein. Architektonisch ragen die altägyptischen Pyramiden heraus: die berühmte Cheops-Pyramide wurde in der 4. Dynastie der Pharaonen, etwa zw. 2620 bis 2580 v. Chr., erbaut. Als kulturgeschichtlich besonders erwähnenswertes Volk gelten auch etwa die Hethiter, die bereits um 1400 v. Chr. aus Eisen härtbaren Stahl erzeugten.


Antike: Naturphilosophie, Akademie (Platon, nach 387 v. Chr.), grundlegende Schriften zu einer späteren Wissenschaft und Klassische Logik (Aristoteles, im 4. Jh. v. Chr.), Naturgesetz (Archimedes, im 3. Jh. v. Chr.) und Geozentrik (Ptolemäus, Mitte 2. Jh.); Metallverarbeitung: Eisen (Eisenzeitalter). Betrachten wir die griechische Antike wissenschaftlich, so wird meistens auf die Naturphilosophie verwiesen, die platonische Akademie (als Vorbild der heutigen Universitäten) und die Schriften von Aristoteles, welche in manchen wissenschaftlichen Gebieten grundlegend waren (wenn auch einiges davon später revidiert wurde). Es gab aber auch typischere Wissenschaftler als die wissenschaftlicheren Naturphilosophen (wie etwa Anaximander, Pythagoras, Alkmaion, Empedokles, Leukipp, Demokrit, Platon oder Aristoteles)*. Die griechischen Wissenschaftler sind natürlich die ersten Wissenschaftler, die als solche namentlich berühmt wurden. Das gilt insbesondere für Archimedes, dessen Gesetz des Auftriebs von Körpern in Flüssigkeiten (Archimedisches Prinzip) als Sinnbild für die Erwägung von experimentell begründeten Naturgesetzen gilt; oder auch für Hippokrates mit dem hippokratischen oder medizinischen Eid. Ptolemäus begründete das geozentrische Weltbild, welches im folgenden Mittelalter bestimmend war, obwohl es in der griechischen Antike auch schon die Vorstellung von der Heliozentrik gab (Aristarchos v. Samos und Seleukos v. Seleukia). Auch die Alchemie spielte bereits eine gewisse, wenn auch noch untergeordnete Rolle (trotzdem sollen sich auch bekannte Philosophen wie Empedokles, der erste grosse Systematiker der Philosophie [mit seiner Elementen- und Kräftelehre], oder Demokrit, der Begründer der Atomlehre, daran beteiligt haben). In der Logik ist neben Aristoteles v.a. auch etwa Chrysipp[os] (stoische Logik) zu nennen (ferner auch etwa Diodoros Kronos oder Philon von Megara). Cicero übernahm die griechische Logik ins Römische. Allgemein ist aber zu sagen, dass die Wissenschaft im Altrömischen Reich eine geringe Bedeutung hatte bzw. auf wenige Bereiche reduziert war (Jurisprudenz, Architektur, Medizin, nebst Kriegskunst und Verwaltungstechnik, natürlich - Philosophie und Wissenschaft war [im Vergleich mit den Griechen] nicht das Ding der Römer, und der wissenschaftliche Fortschritt kam trotz einer Verbesserung der Technik hier schon ins Stocken [nicht erst im Mittelalter (bzw. das Tempo der neuzeitlichen Wissenschaft ist eben mit nichts vergleichbar, weder mit der griechischen oder römischen Antike, noch mit dem Mittelalter)]). Die Eisenzeit reichte im südlichen Europa etwa von 800 v. Chr. bis um die Zeitenwende - und bis ins 5. Jahrhundert im nördlichen Europa.

* Zehn Namen dazu: Archimedes (Mathematiker, Physiker und Ingenieur), Aristarchos v. Samos (Astronom und Mathematiker), Eratosthenes v. Kyrene (Mathematiker, Geograph, Astronom, Historiker, Philologe, Philosoph und Dichter), Euklid (Mathematiker: seine Geometrie hatte rund 2200 Gültigkeit), Galen[os] (Mediziner: seine Heilkunde hatte rund 1500 Jahre Gültigkeit [er war ein griechischer Arzt, der im 2. und 3. Jahrhundert überwiegend in Rom tätig war]), Heron v. Alexandria (Mathematiker und Ingenieur), Hipparchos (Astronom), Hippokrates (Mediziner), Ptolemäus (Mathematiker, Geograph, Astronom, Astrologe, Musiktheoretiker und Philosoph), Theophrastus (Philosoph und Naturforscher).



                 

Weitere bedeutende frühe Kartographen waren etwa Homer (spätes 8. u. frühes 7. Jh. - lieferte schon Beschreibungen der Welt), Dicaerchus (um 350-285 v. Chr.) oder Eratosthenes (um 276-194 v. Chr.). Die Darstellung des Weltbildes von Herodot bedeutet nicht, dass das alte Bild damit überwunden gewesen wäre - höchstens: dass er eine vollumfängliche okeanische Begrenzung nicht so ausdrücklich geschildert hat. Die Karte von Anaximander ist nicht erhalten, aber jene von Hekataios soll auf deren Grundlage entstanden sein. Die Idee des die Welt umfliessenden Okeanos auf einer scheibenartigen Erde wirkte bis tief ins Mittelalter hinein (jedoch existierte auch im Mittelalter bereits die Kugeltheorie - diese haben sogar antike Philosophen schon vertreten, wie etwa Pythagoras [von ihm soll diese These stammen], Platon oder Aristoteles - Ptolemäus, der bedeutendste Vertreter des geozentrischen Weltbilds, soll den ersten Globus erstellt haben; auf vielen Karten des Mittelalters erkennt man jedoch noch die Scheibentheorie, so etwa auf der Ebstorfer Weltkarte, vermutlich um 1300 - die Scheibentheorie kann als symbolhaftes Beispiel dafür gelten, wie lange und hartnäckig sich falsche Theorien halten können). [Diese Darstellung habe ich meiner Webseite zur Philosophiegeschichte entnommen.]



Mittelalter: Alchemie, Bibliotheken/Bücherstudium und Quaestiones sowie Magnetismus (Peregrinus, 1269 [Epistola de magnete]; [Gilbert, 1600 (Tractatus, sive physiologia nova de magnete, magneticisque corporibus et de magno magnete tellure)]) - inkl. wissenschaftlicher Phänomene in China und im Islam. Christi Geburt stellt für mich im Allgemeinen die Wende von der Antike zum Mittelalter dar (und nicht der Untergang des Römischen Reiches, wie man es auch betrachten könnte - und so teile ich das Mittelalter ein in die christliche Patristik und Scholastik). Was wäre geschehen, wenn der Christus nicht erschienen wäre zu dieser Zeit? Vielleicht eine der interessantesten Fragen der Weltgeschichte überhaupt. Wäre die Welt in einem späthellenistischen Osiriskult versunken? Und wie hätte das Mittelalter verlaufen müssen, damit danach nicht in der Aufklärung die Rede vom dunklen Mittelalter gewesen wäre? Die christliche Kirche hat sich in dieser Zeit viel Unbill zugezogen, welchen sie heute spürt. Dabei haben die christlichen Scholastiker durchaus zum nachmaligen Fortschritt beigetragen - und Fortschritte gab es ansonsten v.a. in der Städtegründung und -entwicklung sowie in der Zunftwirtschaft und gegen Ende des Mittelalters in vielen verschiedenen Bereichen: der Übergang von der Scholastik über die Renaissance zur Neuzeit war viel fliessender, als er manchmal dargestellt wird. Die Mönche sammelten, kopierten und bewahrten die alten Schriften - berühmt geworden ist die grosse Bibliothek von Alexandria. Die Scholastiker studierten die Bücher und suchten in den sogenannten Quaestiones, einem komplexen Verfahren von Fragen, Gegenfragen und Antworten die (christlich-scholastische) Wahrheit. Die Alchemie bildete die Vorstufe zur Wissenschaft der Chemie. Die Alchemisten wollten nach den verschiedenen Metallzeitaltern nun normale Metalle in Gold verwandeln. Das Goldzeitalter war quasi ausgerufen, aber es kam nicht - vielmehr kam das Pestzeitalter und der Untergang dieses religiösen Mittel- oder Zwischenalters*; es wurde immer offenkundiger, dass die Menschheit eine bessere Wissenschaft benötigt. Typisch für das Mittelalter war auch der bedeutende Bezug zum Magnetismus: wenn die Neuzeit durch die Elektrizität bestimmt werden sollte, so war gerade im Mittelalter der Magnetismus bestimmend (in der Alchemie wie in der Religion). Erstaunlich unbekannt geblieben, stand der britische Arzt und Physiker William Gilbert im Jahr 1600 sowohl auf dem Höhepunkt des Magnetismus (zwischen Peregrinus und Newton) wie auch am Anfang der neuzeitlichen und modernen Elektrizität. Der Islam war im mittleren Mittelalter dem Christentum mit grossen Universalgelehrten wie Avicenna, Averroës oder Rhazes wissenschaftlich eine Zeit lang voraus; die Chinesen steuerten wichtige Erfindungen bei (Papier, Buchdruck, Schwarzpulver, Kompass).

* Trotzdem ging der scheinbar so schräge Traum der Alchemisten letztlich in Erfüllung: 1935 beschoss der italienische Physiker Enrico Fermi Platin mit Neutronen und konnte es so in Gold umwandeln (in den 1950-er Jahren gelang dies auch mit Wismut, allerdings ist die Herstellung von Gold aus unedlen Metallen so immens teuer, dass dies geschäftlich betrachtet vollkommen unrentabel ist).


Die Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft ([Anselmus von Canterbury, 1077/78 [Proslogion (Glauben sucht nach Einsicht)]; Grosseteste, 1220-1235 (De sphera, De luce, De iride); R. Bacon 1267 (Opus Maius); Cusanus, 1440 (De docta ignorantia [Unterscheidung von Vernunft und Verstand])]; Kopernikus, 1543 [De revolutionibus orbium coelestium (Heliozentrisches Weltbild)]; Galilei, 1589-1592 [De motu antiquiora (Bewegungsgesetze)]; Kepler, 1609/1619 [Astronomia Nova/Harmonices Mundi (Planetenbahnen)]; F. Bacon, 1620/1626 [Instauratio Magna (inkl. Novum Organum)/Nova Atlantis]; Descartes, 1637/1641 [Discours de la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les sciences/Meditationes de Prima Philosophia]; insbesondere Empirismus [F. Bacon, Locke, Hume] vs. Rationalismus [Descartes, Spinoza, Leibniz]). Als die drei grossen frühen Wissenschaftler der Neuzeit gelten Kopernikus, Galilei und Kepler - alle drei Astronomen! - als die beiden grossen frühen Wissenschaftstheoretiker: F. Bacon und Descartes (beides Philosophen). Sie stehen auch für den Widerstreit zwischen den Empiristen, welche eine Erkenntnis a posteriori (d.h. den Sinnen bzw. der Sinneswahrnehmung nachfolgend [in der Erfahrungsbegründung des Verstandes]) vertraten, und den Rationalisten, welche eine Erkenntnis a priori (d.h. den Sinnen bzw. der Sinneswahrnehmung vorausgehend [durch reinen Vernunftsbegriff]) vertraten. Wie gegensätzlich diese Ideologien auch waren, so haben sie doch letztlich gemeinsam die neuzeitliche Wissenschaftstheorie begründet durch die experimentelle Methodik des Empirismus und die mathematische Beweisführung des Rationalismus. Die grössten Kulturdinge entstehen vielleicht gerade aus solch dialektischen Prozessen, in welchen eine wundervolle Synthese aus ursprünglichen Gegensätzlichkeiten entsteht (jedenfalls scheint dies den Grosserfolge der neuzeitlichen Wissenschaft mehr als nur begleitet zu haben). Über allem steht quasi das allgemeine Subjekt, welches Descartes begründet hat für die Figur des Wissenschaftlers, der eine objektive Wahrheit sucht (durch strikte Subjekt/Objekt-Scheidung in einem allgemeinen Verständnis bzw. einem Verständnis des Allgemeinen). Es war einerseits die Erhebung des Subjekts überhaupt - sehr bedeutend für die nachfolgende Philosophie (und Politik!) und Psychologie, andererseits aber eben auch die Erhebung des Allgemeinen bzw. einer allgemein begründeten und vertretenen Wahrheit (die Wahrheit der Wissenschaft). Dass die Rahmenbedingungen eines solchen Rationalismus wie auch jene eines Empirismus unter Laborbedingungen nicht allzu genau deklariert wurden, wird Descartes und Bacon heute vorgeworfen. Auch ein allgemeines Subjekt bleibt ein menschliches Subjekt (und selbst, wenn Milliarden von Menschen etwas allgemein richtig finden, muss es noch nicht zwingend richtig sein), und die Laborbedingungen können das Ganze nicht simulieren (wie will man dieses je anders simulieren, als durch blosses Denken bzw. blosse Philosophie? [Selbst die besten Computerberechnungen werden das nicht können.]) Das sind Schwachpunkte in einem an und für sich starken Konzept. Wie stark dieses Konzept ist, hat der Erfolg der Wissenschaft und Technik in der Neuzeit deutlich aufgezeigt, auch wenn wir heute bereits die Folgen von übermässig eingesetzter Technik beklagen müssen. Die reine Euphorie des wissenschaftlichen Fortschritts ist einem gewissen Bedenken gewichen. Trotz dem heliozentrischen Weltbild leben wir auf der Erde und sind v.a. für diese verantwortlich (wir müssen die Welt also auch geozentrisch betrachten [und natürlich: die Sonne ist, wie wir heute wissen, nicht das Zentrum des gesamten Universums, sondern nur das physikalische Zentrum unseres Planetensystems, des Sonnensystems]), und trotz der physikalisch richtigen Beschreibung von Bewegungen sind wir nicht gefeit vor zu grosser Geschwindigkeit (der Mensch muss auch Ruhephasen haben, um sich erholen zu können [solche sind im ständig zunehmenden Tempo des wissenschaftlichen Fortschritts eigentlich eher nicht vorgesehen]). Auch wenn wir heute vieles kritisch betrachten, so bleibt doch aber auch ein wundervolles Staunen über die Anfänge der neuzeitlichen Wissenschaft und ihrer Pioniere. Kopernikus - auch von Luther, notabene - und Galilei (erst, aber immerhin, im Jahr 1992 wurde Galilei von der katholischen Kirche rehabilitiert, dies aufgrund einer von Papst Johannes Paul II. 1979 eingesetzten Kommission) wurden stark angefeindet, aufgrund ihrer scheinbar revolutionären Ideen (ebenso wie Bruno, der auch noch behauptete, dass das Universum unendlich sei [wie kann etwas unendlich sein, ausser Gott allein?]). Die Erkenntnisse der neuzeitlichen Astronomen schienen den religiösen Himmel zu bedrohen - plötzlich stand nicht mehr Gott im Himmel, der Gott im Hochgottglauben, im Zentrum des allgemeinen Interesses, sondern die Sonne - als wollten sie Sonnenanbeter werden - und die Planetenbahnen und ihre Bewegungen. Gibt es verschiedene Himmel, oder nur den Streit um den einen Himmel? Die Wissenschaft liess sich von solchen Fragen nicht aufhalten.

Zum Bild: es zeigt eine Abbildung zur Vorstellung von Neu-Atlantis von F. Bacon. Mit dem Schiff im Vordergrund wirkt es wie eine realexistierende, ferne Insel, welche die Entdecker in irgendeinem Winkel der Welt gefunden haben (1488 Dias erreicht die südwestliche Spitze Afrikas; 1492 Kolumbus entdeckt Amerika; 1497-1499 Da Gama findet den Seeweg nach Indien; 1519-1522 Cortés unterwirft die Azteken; 1519-1522 Magellan im Auftrag, die Gewürzinseln zu finden [er umsegelt als erster die Welt]; 1531-1535 Pizarro unterwirft das Inkareich; 1577-1580 Drake umsegelt als Zweiter die Welt - die Entdecker prägten die Zeit vor der Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft und deren Vorstellungen [mehr als die Renaissance, notabene]).

-> Von Aristoteles zu Galilei und Newton - Die Entdeckung der Grundgesetze der Mechanik (Text, mit Bildern [PowerPoint-Präsentation]).

-> La Storia di Galileo Galilei (Dokumentation, it.).


Logik von Port-Royal von Arnauld/Nicole (La logique, ou l'art de penser, 1662 - weitere (spätere) Vertreter der Begriffs- und Aussagenlogik: Leibniz, ab 1679 [posthum veröffentlichte Manuskripte]; De Morgan [Formal Logic, 1847]; Boole, 1847/1854 [The Mathematical Analysis of Logic, Laws of Thought]; Peirce, ab 1867 [kleine Schriften]; Tarski, 1936 [Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen]; Von Freytag-Löringhoff, 1955/1967 [Logik I - Das System der reinen Logik und ihr Verhältnis zur Logistik; Logik II - Definitionstheorie und Methodologie des Kalkülwechsels]). In Frankreich und England war die Logik von Port-Royal als Logik-Lehrbuch populär bis ins 19./20. Jahrhundert. Es stellt nach der klassischen Logik von Aristoteles und vor der Begriffsschrift von Frege (nach Tugendhat/Wolf) die zweite Kategorie der Logik dar. Diese war geprägt durch erkenntnistheoretische Fragestellungen. Die Logik von Port-Royal ist ein idealtypisches Beispiel für die Begriffslogik - d.h. für die Analyse von Begriffen und deren Beziehungen zueinander. Ihr ging die Grammatik von Port-Royal voraus (1660, von Arnauld und Lancelot). Die beiden Bücher zeigen die enge Verbindung von Logik und Linguistik sowie - heute - Semiotik (Zeichenlehre), Semantik (Bedeutungslehre von Zeichen) und Sigmatik (Beziehung zwischen Zeichen und Objekten) auf, die bis heute besteht. Die Logik von Port-Royal beinhaltet die klassische Theorie vom Zeichen, d.h. der Sache, die repräsentiert, und dem Bezeichneten, d.h. der Sache, die repräsentiert wird (nach Aristoteles). Nach der Meinung der Autoren hat die Sprache die Bedeutung der Aussage des Denkens durch die Worte/Begriffe, welche die Zeichen des Denkens sind, und der Schriftzeichen, welche die Zeichen der Worte/Begriffe sind. Wir könnten meinen, dass dies alles - diese philosophische (Begriffs-) Logik - keine grössere Bedeutung hat für die Wissenschaft, welche ihre Ratio ja v.a. auf mathematischen Beweisen begründet, aber eben: die Sprache ist letztlich in der Wissenschaft ebenso bedeutend wie die Mathematik, und wenn die Philosophie ihre Sprache so hinterfragen möchte, wie bedeutend wäre dies erst für die Wissenschaft, welche unser Wissen begründet? Allerdings: nach viel Schattenboxen mit Worten, Begriffen und Sprache(n) ist man in der Philosophie nicht unbedingt allzu viel weiter gekommen - ausser vielleicht der Ausweitung des Bereichs vom Signifikanten, was aber auch mit anderen philosophischen Mitteln zu erreichen gewesen wäre (es gab einmal den Traum von einer logisch inhärenten Philosophensprache, aber das wird vermutlich ein Traum bleiben [wie sagte doch schon Konfuzius? Wer nicht Worte richtig zu verstehen weiss, kann die Menschen nicht erkennen - aber: kann man dies lernen mit philosophisch-technizistischer Sprachanalyse? Versuchen kann man es ja...]). Wenn man die Sprache allzu sehr hinterfragt, kann man sich am Ende schlicht überhaupt gar nicht mehr ausdrücken, und so ist auch ein bestimmter Zweig der analytischen Philosophie in die reine Sprachphilosophie abgeglitten (hier ist die Sprache an und für sich bedeutender als die [philosophische] Aussage). Man kann sich also nachwievor fragen, wie bedeutend die Sprachanalyse für die Wissenschaft zu sein hat oder nicht zu sein hat - ich muss sie hier miterwähnen, weil sie so bedeutend geworden ist für die philosophische Logik (bedeutender als die eigentliche Aussagenlogik [allgemein gilt die Logik, v.a. durch die Aussagenlogik als 'Theorie der Wahrheit']). Die weitere Entwicklung der Begriffslogik und ihrer Nachfolger werde ich hier jedoch nicht besprechen*.

* Kurz. Von Leibniz an, welcher eine erste Kalküllogik mit Gleichungssystemen formulierte, wurde die Logik immer mathematischer (und auch immer mehr von reinen Mathematikern statt [mathematischen] Philosophen bestritten). De Morgan stellte Gesetze für logische Aussagen auf, welche allerdings schon vom scholastischen Logiker Wilhelm von Ockham vertreten wurden (die Logik war eines der bevorzugten Teilgebiete der scholastischen Philosophie). De Morgan hat die mathematische Induktion in die Logik eingebracht. Boole entwickelte die Durchformalisierung eines algebraischen Logikkalküls weiter. Die boolesche Algebra war grundlegend für die Computertechnik (ebenso wie das binäre Zahlensystem, welches Leibniz aus Indien eingeführt hatte - ohne die Logiker gäbe es also heute keine Computer und kein Internet; dies ist quasi ihr Nebenprodukt, während das Hauptprodukt, nämlich: die Philosophie einer strengen, mathematisch-technischen Logik zu unterziehen**, etwas weniger Früchte trug). Verbindet man Leibniz und Tarski, so kann man sagen: Aus Wahrem folgt nur Wahres, wenn - und nur dann, wenn - das Wahre wahr ist (dies zur philosophischen Weiterentwicklung der Logik).

** Eine durchgehende philosophische Logik zu begründen, ist u.a. deswegen so schwierig, weil die Philosophie versucht, die Dinge aus den verschiedensten möglichen Blickwinkeln zu betrachten - wie soll man in diesen ganzen diversen und differierenden Ansichten eine durchgehende Logik begründen? Ich habe die Logik in meiner Philosophie letztlich der Systematik unterstellt - d.h. ich begründe in meiner Philosophie die Wahrheit nicht durch reine Logik, sondern durch Systematik bzw. durch systematische Logik, d.h. Logik, die sich im System begründet (ebenso wie die Ethik letztlich der Politik [d.h. ich erwarte Verbesserungen der Menschheit nicht durch reine Ethik, sondern durch Politik bzw. politische Ethik, d.h. Ethik, die sich in der Politik begründet (logisch: ich bin ja auch ein Schweizer, und die Schweiz begründet sich in erster Linie politisch)]).


Mechanistisches Weltbild von Newton (Philosophiae naturalis principia mathematica, 1686 - frühere: Nikolaus von Oresme, 14. Jh.; Kepler, 1605 [Brief]; Descartes, 1641 [siehe oben] - spätere: De la Mettrie, 1748 [L'Homme-Machine, 1748]; D'Holbach, 1770 [Système de la nature]; Laplace, 1798-1825 [siehe unten]; Taylor, 1911 [The Principles of Scientific Management]; Wiener, 1948 [siehe unten]). Das mechanistische Weltbild hat seinen Ursprung in der Erfindung der Uhr: das Uhrwerk wurde dabei verbunden mit der zunehmenden Überzeugung von fixen Planetenbewegungen am Himmel. Ein unbekannter Erfinder dürfte gegen Ende des 13. Jahrhunderts eine Uhr mit Räderwerk erfunden haben. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts bestimmte die Uhr das städtische Leben in norditalienischen Stadtstaaten. Von Nikolaus Oresme stammt die Metapher vom Himmel als mechanischem Uhrwerk - eine Metapher, die auch Descartes verwendete (eine bedeutende Rolle spielte dabei offenbar auch das Bild des Kosmos von Platon in seinem Werk Timaios, in welchem er ein Bild des Kosmos geprägt von Vernunft und Notwendigkeit vertrat). Keplers Planetengesetze schienen dies alles zu beweisen (er sprach von einer harmonischen Welt, wobei die Harmonie eben in fixierten [Planeten-] Bewegungen bestand [Oresme sprach von einem Gleichgewicht der Kräfte und Widerstände, eine Ansicht, welche auch bei Newton auftauchen wird (und die wir in verschiedenerlei Mystik einsehen können*)]). Descartes erweiterte (in einem deistischen Glauben, welcher Gott als Schöpfer sieht, welcher dann aber seine Schöpfung sich selber überlassen habe) das Uhr-Kosmos-Bild auf den Menschen, was De la Mattrie zur Vorstellung des Menschen als Maschine inspirierte. Dazwischen formulierte Newton seine neuen physikalischen Grundgesetze der Mechanik**. Dies unterstellte quasi jegliche Bewegung der Welt einem gesetzten bzw. gesetzlichen mechanischen Ursprung. Laplace übertrug dies wiederum auf den Himmel und sprach von einem mechanischen Himmel - in einem Werk, in welchem er auch seine deterministische Ansicht der Wissenschaft postulierte. Einstein schien mit seinem Relativismus diese ganze Mechanistik zu überwinden; eigentlich stellte er Newtons Gesetze aber gar nicht in Frage, sondern erweiterte sie nur um eine relativistische Sichtweise, in welcher es auch auf den Standort des Betrachters ankommt. Seine Physik lässt sich eigentlich weiterhin sehr gut in ein deterministisches Weltbild einfügen (Gott würfelt nicht [der Mensch aber schon (und von Gott wissen wir das nicht wirklich)]). Etwas anders sieht es aus bei den Quantentheoretikern, die etwa feststellten, dass sich Quanten - nach nicht recht nachvollziehbaren Gesetzmässigkeiten - sowohl als Teilchen wie auch als Welle verhalten können. Hier geriet die mechanistische Vorstellung der Welt ins Wanken. Realiter aber wurde sie nur verschoben... in die Arbeitswelt. Frederick Winslow Tayler formulierte 1911 seine Arbeitswissenschaft mit genauen Arbeitsbeschreibungen und Zeitvorgaben für die Verrichtung von Arbeitstätigkeiten. Inspirieren liess er sich dadurch offenbar v.a. von der Fliessbandfertigung, die nicht von ihm erfunden - seit dem 15. Jahrhundert (im Schiffsbau in Venedig) gab es verschiedene Anwendungen früher Fliessbandfertigung (vermehrt ab etwa 1870) - aber industriell in der Automobilproduktion erfolgreich eingesetzt wurde (Ford Modell T, 1913). Auch bei Wieners Kybernetik geht es eher um eine vom Menschen hergestellte Mechanik, als um eine mechanistische Vorstellung vom Kosmos und/oder von der Welt. Die Wissenschaft scheint dazu zu tendieren, ihre aktuelle Ausrichtung neuen Entdeckungen und Erfindungen unterzuordnen. Das können wir immer wieder sehen, und das sahen wir zuletzt etwa mit der Erfindung des Computers und dem Erfolg des Homecomputers, welcher manche Wissenschaftler dazu hinriss, (in neuerlich mechanistischer Weise) das Gehirn mit einem Computer zu vergleichen, während die aktuell bedeutende Strömung von einer Technologischen Singularität auf einen neuerlichen Determinismus hinweist.

* Dagegen wissen wir heute, dass sich das Universum ausdehnt, also nicht fix besteht, aber trotzdem konstant bewegt (Hubble-Konstante, die genau genommen keine Konstante sein soll, sondern sich mit der Zeit [konstant?!] verändert). Das Problem von einer grundsätzlichen Bewegung oder Nicht-Bewegung taucht schon bei Heraklit (etwa: alles bewegt sich immer) und Parmenides auf (etwa: im Grossen und Ganzen und/oder urtümlich gibt es keine Bewegung, vgl. auch Zenon von Elea). Auch die ewige Frage nach Vorbestimmung und/oder Freiheit bzw. Schicksal des Menschen und der Welt gehört in diesen Fragenkomplex (Roderick beschwerte sich quasi darüber, dass diese Frage im 20. Jahrhundert noch immer besteht, aber sie besteht halt trotzdem noch immer - neuerlich können wir uns fragen, ob (rein hypothetisch) ein Grösstcomputer die Zukunft der Welt vorausberechnen könnte, wenn er alle [relevanten] Daten der Vergangenheit und der Gegenwart hätte [was vermutlich nie möglich sein wird]; wir würden aus einem heutigen Verständnis wohl eher nein sagen und für die Freiheit plädieren, welche jederzeit für unvorhersehbare Überraschungen gut ist, aber ganz 100% können wir uns da vermutlich trotzdem nicht sicher sein, ganz einfach, weil in unserem Denken das Kausalprinzip eine sehr wichtige Rolle spielt, und wenn scheinbar alles in der Vergangenheit seine Gründe hat, dann könnte es doch auch möglich sein, dass alles in der Zukunft seine Gründe hat [inkl. der (immer relativen) Handlungsfreiheit (nach den vorhandenen Möglichkeiten); anzumerken ist dazu, dass selbst in einem fatalistischen Denken das freiheitliche Argument seine Bedeutung hat: weil wir (rein hypothetisch) selbst bei der Idee von einer vorbestimmten Zukunft, diese nicht vollständig und vorhersehbar kennen können (hieran würde sich wieder die Frage anschliessen, ob es Menschen gibt mit gewissen oder teilweisen hellseherischen Fähgikeiten, usw. usf., etc. etc.)]).

** Newton interessierte sich jedoch nicht nur für die reine Wissenschaft, wie man vielleicht annehmen könnte, wenn man alleine seine physikalischen Hinterlassenschaften kennt, sondern auch etwa für Alchemie, Mystik und Religion. Der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Keynes, welcher sich mit Newton beschäftigte, meinte, dieser sei nicht der grosse Wissenschaftler gewesen (sicher eine grobe Unterschätzung!), sondern der letzte der Magier. Keynes war erschüttert davon, dass es neben der erstaunlichen wissenschaftlichen Klarheit eine zweite Seite bei Newton gab, welche sich eher für dunkle, alchemistische Zusammenhänge interessierte (fast etwas Ähnliches können wir im heutigen Zeitgeist erkennen - gleichzeitig höchste Technologie und dunkelste Fantasy [bis hin zu apokalyptischen Anleihen]).


(Philosophische) Erkenntnistheorie ([Cusanus, 1450 (Idiota de mente, dt. Der Laie über den Geist)]; Locke, 1690 [Essay Concerning Humane Understanding]; Berkeley, 1710 [A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge]; Hume, 1748 [An Enquiry Concerning Human Understanding]; Tetens, 1777 [Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung]; Kant, 1781 [Kritik der reinen Vernunft]; Helmholtz, 1878 [Die Tatsachen in der Wahrnehmung (Rede)]; Hertz, 1891-1894 [Prinzipien der Mechanik in neuem Zusammenhange dargestellt]; Mach, 1905 [siehe unten]; Schlick, 1918 [siehe unten]; Carnap/Reichenbach, 1930-1939 [Erkenntnis (Zeitschrift)]). Als erste grosse Theorien der Erkenntnislehre gelten die Ideenlehre von Platon - inkl. Unsterblichkeit der Seele - ([Platonischer] Idealismus) und der Intellekt als Formprinzip bei Aristoteles ([Intellektueller] Realismus - vgl. auch F. Schiller). Teilaspekte der Erkenntnistheorie findet man auch bereits in der Logik der Antike und des Mittelalters. Cusanus versuchte die aristotelische Tradition mit der platonisch-augustinischen Tradition zu verbinden. Der Geist ist für ihn eine Einheit als seiende Seele (und Bild Gottes). Er unterscheidet dagegen aber bedeutend zwischen (später: empiristischem) Verstand und (später: rationalistischer) Vernunft*. Ansonsten kann man (nach meiner Philosophie) von Erkenntnisrealismus (Aristoteles - Ockham - Bacon, Hobbes, Descartes - Newton, Voltaire), Erkenntnisidealismus (Sokrates/Platon - Augustinus - Spinoza, Leibniz - Berkeley - Rousseau - Hegel) und Erkenntnistranszendentalismus (Locke, Hume, Kant - Reid - Emerson, Thoreau [in einem gewissen Sinn weitergeführt von der Analytischen Philosophie der Sprache, des Geistes und des Bewusstseins]) sprechen; ferner gibt es Eklektiker, die nicht zugeordnet werden können (z.B. Thomas von Aquino, oder eben auch Cusanus). Mich interessiert hier v.a. der transzendentale Bereich der Erkenntnistheorie, welcher auch der eigentliche Bereich ist, der heute - auch in der Psychologie - als Erkenntnistheorie bezeichnet wird. Transzendenz, ein Gegenbegriff zur Immanenz, bedeutet in der Erkenntnistheorie etwa ein Verhältnis von Gegenständen zu einem bestimmten Bereich möglicher Erfahrung. Diese geht also nicht von der reinen Idee aus (Idealismus), noch vom reinen Gegenstand (Realismus), sondern sie untersucht die Sphäre zwischen beidem (Wahrnehmung, Erfahrung, Erkenntnis). Nach Locke gibt es einfache und komplexe Ideen (d.h. Abbilder und Zusammensetzungen) sowie unter den einfachen Ideen solche, die auf äusserer und innerer Erfahrung (d.h. Eindruck [engl. sensation] und Überlegung, auch in der Selbsterkenntnis [engl. reflexion]) bestehen, und unter den äusseren solche, die auf primären und sekundären Qualitäten (d.h. unveränderlichen und veränderlichen Bestandteilen der Dinge) beruhen. Ins Bewusstsein gelangen nach ihm nicht die Dinge (oder: Substanzen), sondern nur ihre Qualitäten (bzw. Eigenschaften). Locke hat mit seinem Erkenntnissystem eine neue Komplexität in die Philosophie gebracht, wie sie die nachfolgende Philosophie denn auch auszeichnet, bis zu Kant und Hegel und darüber hinaus. Direkt ins Psychologische ist Berkeley vorgestossen (lange vor der Begründung der Psychologie als Wissenschaft), mit seinem Grundsatz: Sein heisst Wahrgenommenwerden (dazu ist das Konzept der Spiegelung von Freudianern und Antifreudianern zu erwähnen [etwa: Kohut, Rogers/Skinner/Jung]). Hume war ein gemässigter Skeptizist: nach ihm können nur Beziehungen zwischen Vorstellungen gewiss sein, nicht allerdings Beziehungen zwischen Tatsachen. Er meint, nicht die (ständig neue) Erfahrung bedeute Erkenntnis, sondern die Gewohnheit der Beobachtung. Er vertraut bloss auf Wahrscheinlichkeiten, nicht auf Sicherheiten. Die Erkenntnistheorie von Tetens geht in eine entwicklungspsychologische Richtung - er unterschied dabei zwischen absolutem (sich auf nichts beziehenden) und relativem (sich auf die Verhältnisse in den Dingen beziehenden) intellektuellem Vermögen. Kant grenzte sich mit dem Begriff seiner Transzendentalphilosophie insbesondere gegen die Ontologie ab (d.h. gegen die Ontologie seiner Zeit, insbesondere jene von Wolff bzw. jene im Leibniz-Wolffschen System, welches vor Kant die deutsche Philosophie beherrschte). Er befand die Seinsphilosophie als zu spekulativ, während seine Transzentalphilosophie diesem Vorwurf zu entgehen versuchte, indem sie sich auf dem Boden der Epistemologie (Erkenntnistheorie) begründete. Während es den Empiristen wie den Rationalisten gleichermassen um reine Naturerkenntnis ging, legte Kant letztlich mehr Wert auf die (Geistes-) Urteile. Dies kann auch als Kantische (Vernunfts-) Wende bezeichnet werden. Er unterschied zwischen Analytischen Urteilen (immer a priori) und Synthetischen Urteilen, und unter diesen solche a posteriori und a priori. Sein ganzes, riesiges System zielte letztlich auf einen äusserst strikten und rigiden Satz der Ethik, den Kategorischen Imperativ, wonach das eigene Handeln immer auch als allgemeines Gesetz dienen können sollte**. Nach Kants grossem ethischem Rundumschlag versuchten die Naturwissenschaftler das Heft in die Hand zu nehmen - etwa mit Helmholtz oder Hertz - und die Erkenntnistheorie wieder in empiristischere Bahnen zu lenken. Mach gilt als Mitbegründer des modernen Positivismus und Wegbereiter des Empiriokritizismus, womit wir dann in die Bereiche vorstossen, die im gesamten Artikel hier im wissenschaftlichen Bereich vordergründig interessieren. Er sieht die Naturerkenntnis fundamental in der Erfahrung (purer Empirismus). Die Unterscheidung zwischen Ich und Welt ist für ihn haltlos. Das Ich hält er für unrettbar - eine seltsame innerwissenschaftliche Wendung gegen den kartesianischen Rationalismus, dabei hatten ja der Empirismus und der Rationalismus gemeinsam die neuzeitliche Wissenschaft begründet. Hier bricht dieser alte Streit quasi wieder auf, indem die Wissenschaft auf eine rein empiristische Basis gestellt werden soll (doch was ist etwa mit der Mathematik? Nebst dem Ich [und dem Selbst]?). Schlick ist der Begründer und einer der führenden Köpfe des Wiener Kreises im Logischen Empirismus. Carnap versuchte gegen die Berücksichtigung von eigenpsychischen Phänomenen eine physikalistische Sprachauffassung in den Wissenschaften zu begründen (Die physikalische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft, 1931): intersubjektiv zugängliche physische Gegenstände sollen die primären Bezugsobjekte sein. Natürlich insgesamt ein irres Postulat, wenn man die Verschiedenheiten der unterschiedlichen Wissenschaften betrachtet*** (wenngleich zugegeben werden muss, dass die heutige Psychologisierung fast sämtlicher Bereiche des Lebens [und der Wissenschaften] auch in Frage zu stellen ist). Wir sehen auch hier, dass die Natur- und die Geisteswissenschaften schwerlich auf einen absolut gemeinsamen Nenner zu bringen sind, und dass die Wissenschaftstheorie grösste Mühe bekundet, dies zu anerkennen (als zwei grundlegend verschiedene Weltansichten bzw. -betrachtungen, von welchen die eine [kausal] von Gründen ausgeht und die andere [intentional] auf Zwecke zielt; man kann ein gemeinsames System der Wissenschaft erheben, aber nicht ohne auf diesen Widerspruch gebührend einzugehen).

* Schwierig ist in der ganzen Terminologie der Erkenntnistheorie unter anderem der Begriff Ratio. Eigentlich ist damit Verstand und Vernunft gemeint, also: Intellekt (oder: d.h. Vernunft letztlich [siehe Kant]). Ich habe in meiner Philosophie den Verstand als ratio bezeichnet, die Vernunft dagegen als intellectus. In diesem Sinn müsste man den Rationalismus eigentlich als Intellektualismus bezeichnen. Ich habe das hier aber mit der heute gängigen Terminologie bearbeitet. Zu retten ist die klassische Terminologie, indem man als Rationalismus einen intellektuellen Rationalismus annimmt (d.h. einen vernünftigen Verstand). Nicht nur die Begriffe von Verstand und Vernunft werden in der Philosophie oft durcheinander gebracht, sondern auch etwa jene von Seele und Geist.

** Wie soll man diesen ethischen Grundsatz in das heutige, spätmoderne Zeitalter übernehmen, in welchem etwa schon jedes Medieninteresse täglich eine schwierige Herausforderung sein kann (u.v.a.!), und überhaupt in einer freien Gesellschaft und in einer realistischen Welt verwirklichen? Das ist eine offene Frage. Ich übersetze diesen schwierigen Grundsatz so, dass das Handeln im Allgemeinen einen gewissen und/oder bestimmten Sinn machen sollte (darüber muss sich nun letztlich wieder jedes Individuum selber klar werden, und das sind manchmal sehr schwierige Fragen). Das ist Kant in einer sehr abgeschwächten Form. Der Grundsatz von Kant ist als Ideal in Ordnung (ebenso wie die ursprünglich vermutlich von Konfuzius formulierte Goldene Regel in der Religion, wonach man dem Anderen nichts antun soll, was man selber nicht wünscht), die Interpretation davon aber ist schwierig und letztlich individuell. Dies entspricht auch eigentlich einer (unumgänglichen?!) Doppelmoral: obwohl man das Ideal nicht erreichen kann, kann man es doch als solches - und nur als solches - gutheissen. Es wäre sicher falsch, die gesamte Moral zu verwerfen, nur weil man die höchsten ethischen Grundsätze aus gewissen und/oder bestimmten Gründen nicht einhalten kann. Doch: lieber letztlich eine wahrhaftige - d.h. bewusste und diskutierbare* - Doppelmoral als ein unmöglicher Absolutismus, den wir zwar ideell verstehen, realiter aber nicht ausführen können (ferner gibt es offenbar in der [christlichen] Religion einen Unterschied zwischen juristischer und moralischer Schuld; all diese Fragen sind deshalb so schwierig für die reine Wissenschaft [und auch für die reine Philosophie, notabene]). Die Moral umfasst zwei Dinge: einerseits die ethischen Grundsätze und andererseits die lebensspezifischen Anforderungen und Entwicklungen (so lässt sich auch etwa der von der reinen Ethik differierende Moralbegriff im Sport erklären, in welchem es - bei aller möglichen Fairness - eigentlich unter besonderen Anforderungen nur um die Leistung und das Gewinnen geht). Ich finde, wir können heute nicht mehr nur von (philosophischer) Ethik, sondern wir müssen auch über Lebensmoral sprechen (und die Lebensmoral geht manchmal Wege, welche die reine Ethik nicht verstehen kann - ein Stück moralische Erkenntnistheorie, vielleicht; dies kann keine ethische oder juristische, sondern bloss - aber immerhin - eine moralische Überlegung sein, die mir wichtig, bedeutend und vielleicht sogar entscheidend erscheint heute [ich möchte moralisches Verständnis erwecken, ohne die Philosophie und/oder die Religion deswegen umzustossen (dies würde uns ja direkt zur Psychologie führen, ich sage dies aber in der Philosophie)]).

*** Heute muss man sogar schon von der Verschiedenheit innerhalb der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen sprechen. In der Psychologie und Ökonomie oder Politologie ebenso wie in der Physik (u.a.). Da ist es ja teilweise schon schwierig heute, eine gemeinsame, verbindliche, einheitliche Sprache zu finden!

**** Obwohl ich hier von einer Diskutierbarkeit spreche, habe ich die Diskursethik von Habermas (in meinem vierten Buch) kritisiert. Warum? Weil ich das Gefühl habe, dass er eigentlich damit Ethik durch (geregelten) Diskurs ersetzen will. Das halte ich für eine nicht hinreichende Idee, obwohl Habermas die Ethik mit seiner Diskussionsgrundlage aus dem (ethischen) Sumpf der existentialistischen, poststrukturellen und analytischen Philosophie heraus geholt hat. Der Diskurs, welcher bei Habermas auch etwas technizistisch anmutet, kann jedoch die Ethik nicht ersetzen, sondern bloss ergänzen. Diese Ergänzung ist ein Angebot, kein (neuer) Imperativ (zum kommunikativen Handeln - der Mensch kann nicht zur Kommunikation gezwungen werden [ausser in einem öffentlichen Gerichtsfall, aber selbst dann hat der Zwang zur Kommunikation noch seine Grenzen]).

[Ich habe in diesem Abschnitt teilweise auf Formulierungen in meinem vierten Buch zurückgegriffen, in welchem ich die Entwicklung der Erkenntnistheorie speziell thematisiert habe.]


Industrialisierung (Newcomen, 1712 [Dampfmaschine I]; Hargreaves, 1764 [Spinnmaschine]; Watt, 1769 [Dampfmaschine II], E. Cartwright, 1785 [Webmaschine]; Trevithick, 1804 [Eisenbahn u. Dampflokomotive I]; Stephenson, 1825 [Eisenbahn u. Dampflokomotive II]), Ökonomisierung (Smith, 1776 [An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations]; Ricardo, 1817 [On the Principles of Political Economy and Taxation]; Marshall, 1890 [Principles of Economics]; Keynes, 1926 [The End of Laissez-Faire]; Friedman, 1962 [Capitalism and Freedom]) und Bürgerrevolution ([Locke, 1689 (A Letter Concerning Toleration)]; Montesquieu, 1748 [De l'esprit des loix]; Rousseau, 1762 [Du contrat social ou principes du droit politique], Voltaire, 1763/1765 [Traité sur la tolérance; Idées républicaines]; Paine, 1776 [Common Sense]; De Tocqueville, 1835 [De la démocratie en Amérique]). Die Industrielle Revolution im 18. Jahrhundert folgte nur wenige Jahrzehnte nach der Begründung der Grundgesetze der mechanischen Physik durch Newton. Sie gilt sicher als das Symbol des Erfolgs der Wissenschaften. Man begann zu erkennen, dass man nicht nur wissenschaftliche Naturgesetze aufgestellt hat, sondern dass sich aufgrund dieser Erkenntnisse auch konkrete Erfolge einstellen. Natürlich ist der direkte Schluss von der Theorie auf die Technik nicht zwingend. Man könnte auch sagen, dass sich die Technik auch ohne die Theorie entwickelt hätte. Aber die Theorie führte doch von Galilei über Bacon und Descartes bis Newton dazu, dass sich das Denken der Menschen veränderte. Nun aber wurden auch die Erfinder von technischen Neuigkeiten bekannte und populäre Figuren. Als grosser Mann der technischen Erfindungen im 18. Jahrhundert gilt James Watt, mit der Erfindung der Dampfmaschine. Oft ist es bei technischen Erfindungen so, dass der bekannteste und populärste Erfinder dazu nicht jener ist, welcher die erste Leistung auf diesem Gebiet geleistet hat, und manchmal nicht einmal jener, welcher die wichtigste Leistung auf diesem Gebiet geleistet hat. Man könnte hier z.B. auch Thomas Newcomen nennen, dessen atmosphärische Dampfmaschine zur Wasserhaltung in Bergwerken wiederum auf Erfindungen von Thomas Savery (kolbenlose Dampfpumpe, 1698) und Denis Papin (atmosphärischer Kolbendampfzylinder, 1690) beruht; ebenso zu nennen ist etwa Jacob Leupold (Hochdruckdampfmaschine mit zwei Zylindern, 1720). Man muss da meistens eine ganze Reihe von Erfindern und Erfindenungen nennen (und man könnte die Entwicklung historisch weiterverfolgen etwa bis zum Heronsball, im 1. Jahrhundert). Auch wenn hier ein Franzose mitbeteiligt war, gilt doch sehr klar und deutlich Grossbritannien als das Land der grossen wisssenschaftlichen und technischen Fortschritte jener Zeit. Zeitlich wie örtlich fällt die Erfindung der bedeutendsten Dampfmaschine mit der Begründung der Nationalökonomie, in welchem die wirtschaftliche Freiheit und die Marktwirtschaft postuliert wird, zusammen. Sowohl James Watt wie Adam Smith, welcher die (Volks-) Wirtschaftslehre begründete, kamen aus Schottland (und beide kamen aus kleineren Städten, die sich an der westlichen und östlichen Küsten auf dem praktisch gleichen Breitengrad gegenüber liegen: Watt aus Greenock, Smith aus Kirkcaldy [das zeigt vielleicht, dass die ganze britische Gesellschaft damals vom wissenschaftlichen und technischen Fortschritt durchdrungen war - natürlich liegt übrigens die Geburtsstadt von Smith im östlichsten Osten von Schottland, ebenso wie jene von Marx im westlichsten Westen von Deutschland, notabene (nette Details)]). Ein paar Jahre später fand in Frankreich die grosse Bürgerrevolution statt (1789 - dies wiederum nur 13 Jahre nach der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung [1776], in welcher erstmals die fundamentalen Menschenrechte festgehalten wurden: als Anregung diente Paines Schrift über den Common Sense, und De Tocqueville begründete gut 50 Jahre später die vergleichende Politikwissenschaft). Die Ereignisse überschlugen sich also - technisch, wie ökonomisch, wie auch politisch - in jener Zeit, wie vielleicht nie zuvor und nie danach. Wir sprechen heute zwar von einer noch sehr viel rascheren Entwicklung der Technik und von noch viel grösseren Veränderungen im Alltag der Menschen, aber diese Umwälzungen gegen das Ende des 18. Jahrhunderts sind vielleicht eben doch einmalig (und es ging ja direkt weiter mit Napoleon und der Eisenbahn). Dass die Volkswirtschaftstheorie von Smith der Bürgerrevolution voraus ging, ist übrigens wenig überraschend, denn das Hauptproblem der umgestürzten Gesellschaft, welche sich von der mittelalterlichen Drei-Stände-Gesellschaft (Adel, Geistlichkeit und Dritter Stand) befreit hatte, lag ja darin, ökonomisch selbstständig auf einen grünen Zweig zu kommen. Erst als man wusste, wie man dies genau tun wollte, war eine solche Bürgerrevolution überhaupt möglich und sinnvoll. Man muss bezüglich dieser grossen Bürgerrevolution also nicht nur die französischen Aufklärungsphilosophen nennen (Montesquieu, Voltaire, Rousseau), sondern sehr bedeutend eben auch Adam Smith (auch er ein [Moral-] Philosoph [und damit der bedeutendste britische Aufklärer jener Zeit], notabene). Was die Wissenschaft betrifft, konnte man von da an nicht mehr nur von Wissenschaft sprechen, sondern man musste von Wissenschaft und Technik sprechen.


(Grosse) Enzyklopädie von Diderot/D'Alembert (Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, 1751-1780 - frühere: Moréri, 1674 [Le grand dictionnaire historique, ou Le mélange curieux de l'histoire sacrée et profane]; Bayle, 1697 [Dictionnaire historique et critique]; Chambers, 1728 [Cyclopaedia, or an universal dictionary of arts and sciences] - spätere: De Felice, 1770-1780 [Encyclopédie d'Yverdon]; Krünitz, 1773-1858 [Oeconomische Encyclopädie]; Panckoucke/Agasse, 1782-1832 [Encyclopédie méthodique, ou par ordre de matiéres: par une société de gens de lettres, de savants et d'artistes; précédée d'un vocabulaire universel, servant de table pour tout l'ouvrage, ornée des portraits de MM. Diderot et D'Alembert, premiers éditeurs de l'Encyclopédie]). Wer heute intellektuell und/oder wissenschaftlich arbeitet, benötigt immer wieder die Wikipedia, die grosse Online-Enzyklopädie (aus dem Jahr 2001); vorher war es im deutschsprachigen Raum etwa die Brockhaus Enzyklopädie (ab 1808) und im englischsprachigen Raum die Encyclopaedia Britannica (ab 1768 - damals ein eher kleineres Werk im Vergleich zu den Monumentalenzyklopädien). Wenige Jahre zuvor begannen auch Denis Diderot und Jean le Rond D'Alembert ihre grosse französische Enzyklopädie herauszugeben: die mehr als 70'000 Artikel umfassende Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers. Sie ist das Sinnbild für das Sammeln des Wissens in den neuzeitlichen Wissenschaften. Sie lieferte eine umfassende Wissenssammlung der damaligen Zeit, im Lichte der Aufklärung, welche die neue und gefragte Geisteshaltung war. Neben Diderot und D'Alembert sind weitere 137 Verfasser der Enzyklopädie namentlich bekannt, darunter etwa auch Montesquieu, Quesnay, Voltaire, Rousseau, D'Holbach oder Turgot; die meisten Artikel soll ein gewisser Louis de Jaucourt, ein Arzt, Schriftsteller und Gelehrter der Aufklärung, geschrieben haben (rund 15'000 - Diderot 6000, D'Alembert 1700). Frühere universale Enzyklopädien gehen etwa zurück auf Chambers, Bayle und Moréri. Das Sammeln des Wissens ist wichtig und bedeutend für dessen Verbreitung und damit auch für die Konsolidierung des Wissens. Was in einer Enzyklopädie steht, wird auch geglaubt* (meistens - und wenn der Wissenschaftstheoretiker Hübner später von einer Historischen Systemmenge spricht, welche die Wissenschaft ausmache, dann steht das enzyklopädische Wissen als offenbar oder scheinbar gesichertes und populär verbreitetes Wissen im Zentrum dieser Systemmenge der Wissenschaft). Vor dem Begriff der Enzyklopädie wurde jener vom Lexikon verwendet; dies ist eigentlich das griechische Wort für Wörterbuch. Vor den grossen Universalenzyklopädien gab es Fachlexika, z.B. historische oder auch philosophische Lexika*.

* Das Grossunternehmen brachte auch Gegner auf den Plan, so etwa die Jesuiten und Jansenisten, deren Angriffe am Rückhalt der Enzyklopädie, bis in die Regierung hinein, scheiterten. Nachdem D'Alemberts Artikel über die Stadt Genf den dortigen kalvinistischen Klerus verärgert hatte, verlor das Werk jedoch die königliche Unterstützung - zur Verschleierung wurde in den nachfolgenden Ausgaben als Erscheinungsort Neuchâtel (dt. Neuenburg) angegeben (beide Orte gehörten zu dieser Zeit noch nicht definitiv zur Eidgenossenschaft, waren ihr aber zugewandt [die Stadt Neuchâtel stand von 1707-1848 unter preussischer Herrschaft (obwohl sie 1815 offiziell auch der Eidgenossenschaft beitrat), und der aufklärerische preussische König Friedrich der Grosse war ein grosser Freund der Enzyklopädie]).

** Zum Beispiel das Lexicon philosophicum, quo tanquam clave philosophiae fores aperiuntur (Goclenius, 1613), in welchem erstmals bedeutend der Begriff der Ontologie verwendet worden sein soll [ehemals: Metaphysik], oder das Lexicon philosophicum terminorum philosophis usitatorum [Micrealius, 1653], in welchem dieser Begriff ebenfalls auftauchte. Erfunden haben soll diesen Begriff aber ein gewisser Jacob Lorhard, ein deutscher Philosoph und Pädagoge im schweizerischen St. Gallen (Ogdoas Scholastica, continens Diagraphen Typicam artium: Grammatices [Latinae, Graecae], Logices, Rhetorices, Astronomices, Ethices, Physices, Metaphysices, seu Ontologiae, 1606). Ebenfalls aus dem unscheinbaren St. Gallen - früher weltbekannt für dessen Textilindustrie, was St. Gallen auch zu einer wohlhabenden Stadt machte - stammt übrigens auch der erste Aristoteles-Kommentator im Mittelalter: Notker III., genannt Notker Teutonicus (um das Jahr 1000 - zuvor hatten sich allerdings bereits muslimische Philosophen mit Aristoteles beschäftigt). Das war natürlich wichtig, denn die Auseinandersetzung mit Aristoteles (Oresme, Galilei) sollte schliesslich den Weg der neuzeitlichen Wissenschaft eröffnen. In der Frühzeit des Christentums (Patristik) herrschten philosophisch die Ideen von Platon vor, die zunehmende Aristoteles-Kommentierung (bis zum langzeitlichen katholischen Haupttheologen Thomas von Aquino und darüber hinaus) bedeutete diesbezüglich einen bedeutenden Wandel, indem in der Scholastik Aristoteles ins Zentrum des Interesses kam.


Klassischer Determinismus von Laplace (Traité de mécanique céleste, 1798-1825 - weitere Vertreter des wissenschaftlichen und/oder technologischen Determinismus: Comte, 1830-1842 [siehe dort] sowie Transhumanismus [und Technologische Singularität (siehe unten)]). Laplace geht davon aus, dass eine Intelligenz, welche wesentlichen Informationen der Gegenwart besitzt, die Vergangenheit und die Zukunft einsehen könnte. Die Vergangenheit k&oouml;nnte er quasi aus der Gegenwart herauslesen, die Zukunft aus der Gegenwart heraus bestimmen. Diese allwissende Intelligenz wird Laplacescher Dämon genannt. Dies ist an sich nur die konsequente Formulierung des frühen Uhrwerkgedankens der physikalischen Mechanik. Das Universum gleicht einem riesengrossen Uhrwerk, und wenn das so ist, dann hat jedes einzelne Teilchen dieses Uhrwerks seine klare Aufgabe und Bestimmung - und weicht auch keinen Deut davon ab. Aus heutiger Sicht wirkt das absurd, aber wir müssen bedenken, dass der Mensch erst mit dem Aufkommen der Psychologie eine bedeutendere Rolle in der Wissenschaft zu spielen begann. Vorher war der Mensch in der Wissenschaft nur das forschende Subjekt, welches auf eine objektive Mechanik schaute. Dass es einmal eine Wissenschaft des Menschen und dessen Gesellschaft geben würde, konnten die damaligen Wissenschaftler noch gar nicht wissen - so weit haben sie damals noch nicht gedacht (und Hobbes hatte sogar auch die Politik einer quasi mechanischen Anschauung unterworfen). Wir befinden uns hierbei nat&uumL;rlich genau an der Schnittstelle zwischen freiheitlicher Eigenwirkung und vorbestimmter Schicksalshaftigkeit des Menschen. [Weiteres folgt.]


Elektrifizierung ([Gilbert, 1600 (siehe oben)]; Galvani, 1770 [Experiment]; Volta, 1800 [Voltasäule (Batterie)]; Faraday, 1856 [On Faraday's Lines of Force (Elektromagnetismus)]; Maxwell, 1864/1865 [Voraussage der elektromagnetischen Wellen - A Dynamical Theory of the Electromagnetic Field]; Edison, 1880-er Jahre [Elektrifizierung von New York]; Hertz, 1886 [Elektromagnetische Wellen]). Manchmal kommt uns unsere heutige Zeit vor, als wäre sie direkt an einer Steckdose von einer Stromleitung angeschlossen, und das ist sie auch in einem gewissen Sinn. Dem (kritischen) Vergleich zwischen der magnetischen und der elektrischen Zeit bin ich, glaube ich, erstmals in Zielinksis Medienarchäologie (Archäologie der Medien - Zur Tiefenzeit des technischen Hörens und Sehens, 2002) begegnet, und dieser Vergleich fasziniert mich bis heute. Ständige Aktivität und Produktivität in der Arbeits- wie der Freizeit prägen das Motto der heutigen Zeit, inkl. einem immer stärker sich manifestierenden Jugendwahn. Die Menschen wollen nicht nur immer älter werden, sondern sie wollen v.a. auch immer länger jung bleiben. Die (vielleicht?) aufkommende Philosophie des Transhumanismus und der Technologischen Singularität verspricht dem Menschen das, wovon er immer geträumt hat: das ewige Leben. Andererseits merken wir in der heutigen Zeit auch, dass die grosse Elektrifizierung der Menschenwelt auch ihre Schattenseiten hat: wir merken, dass wir damit Schaden an unserem Weltganzen und an unserer Weltnatur anrichten (ich denke nicht nur an Umweltprobleme, sondern auch an menschliche und soziale Probleme). Wir haben einen politischen Streit in der heutigen Zeit zwischen den Verteidigern des alten, quantitativen, technizistischen, unlimitierten wissenschaftlichen Fortschritts und Vertretern eines qualitativen, sanfteren und ökologischeren wissenschaftlichen Fortschritts. Wie aber kam es überhaupt zu dieser ganzen heutigen Elektrifizierung? Die biologische Elektrizität war schon im Alten Ägypten um 2750 v. Chr. bekannt (z.B. den elektrischen Schock, welchen Zitterrochen oder Zitteraal zum Beutefang einsetzen). In der Antike kannte man die elektrostatische Aufladung von Bernstein beim Reiben mit anderen Materialien (Thales v. Milet - er rieb ein Stück Bernstein an einem Tierfell, wonach kleine Federn und Strohstückchen daran haften blieben, was Thales aber nicht erklären konnte). Aus dem 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung ist die (sehr schwache) Bagdad- oder Parther-Batterie bekannt. Gezielt erforscht und angewendet wurde die Elektrizität erst in der Neuzeit. Gilbert, welcher ebenso bedeutend den Magnetismus erforschte (er unterschied als Erster eindeutig zwischen Magnetismus und [statischer Elektrizität]), führte um 1600 die Bezeichnung Electrica ein und untersuchte die elektrische Aufladung von Substanzen allgemein. Die Forschung ging weiter von der Elektrisiermaschine (Von Guericke, 1672) und der Reibungselektrisiermaschine (Hauksbee, 1706) bis zur Leidener Flasche (Van Musschenbroek, 1745; Von Kleist, 1746), und vom Blitzableiter (Franklin, 1752) bis zu den Froschexperimenten (Galvani, 1770) und der Voltaschen Säule (Volta, 1780 - diese wird als erste eigentliche Batterie bezeichnet). Weiter ging die Forschung mit grossen Namen der Physik wie Coulomb, Ampère, Ohm, Faraday, Siemens, Maxwell oder Tesla. Sehr bedeutend war überhaupt aber die Entdeckung, dass es zwei verschiedene Arten von elektrischer Ladung gibt: positive und negative (Du Fay, 1733); ebenso wie es im Magnetismus zwei verschiedene Pole gibt. Den Zusammenhang von Magnetismus und Elektrizität ergründeten v.a. Faraday und Maxwell, welcher elektromagnetische Wellen postulierte und das Licht als eine Erscheinungsform derselben. Bedeutend für die Elektrifizierung (oder: Elektrisierung) war nicht nur die Generierung und Konservierung von Strom, sondern auch das dynamoelektrische Prinzip von grosser Bedeutung (in diesem kann ein elektrischer Generator ohne von aussen zugeführtem Strom aus einem geringen Restmagnetismus durch die elektromagnetische Induktion [d.h. Entstehung eines elektrischen Feldes bei einer Änderung des magnetischen Flusses] Strom erzeugen [Siemens, 1867]). Ein erstes grosses Highlight der Elektrifizierung war die Ausstattung der Weltausstellung in Paris 1878 mit Kohlebogenlampen - das elektrische Licht war die bedeutendste Neuheit dieser Ausgabe der Weltausstellung. In den 1880-er Jahren initiierte Edison mit seinem Elektro-Konzern (später: General Electric) die Elektrifizierung New Yorks mit Kohlenfadelampen (1881-1886), welche nach und nach die alte, spärliche Gasbeleuchtung, wie sie seit 1814 (erstmals in London) im öffentlichen Raum (nach den Öllampen) eingesetzt wurde, ersetzte und zum Sinnbild der Elektrifizierung der Welt wurde. Der riesige technische Fortschritt des 20. Jahrhunderts wäre ohne sie nicht denkbar. Segen und Fluch sind gleichermassen mit der Wissenschaft seit Anbeginn verbunden - oder sagen wir: dem so gewaltigen und erfreulichen technischen Fortschritt hängen auch bedeutende Probleme an - und wir wissen heute noch immer oder erst recht nicht mehr so ganz, wie wir in Zukunft genau damit umgehen wollen. Ein Nachlassen in und mit der Technik wird sich der Mensch indes kaum erlauben können, zu gross sind die menschlichen Herausforderungen in der Gegenwart, wie auch in der Zukunft.


Wissenschaftskritik (Shelley, 1818 [Frankenstein or The Modern Prometheus]; Nietzsche, 1882 [Die fröhliche Wissenschaft]; Horkheimer/Adorno, 1944 [Dialektik der Aufklärung]; Heidegger, 1953 [Die Frage nach der Technik sowie Wissenschaft und Besinnung (Vorträge, u.a.)]; Dürrenmatt, 1961 [Die Physiker]; Foucault, 1966 [Les mots et les choses: Une archéologie des sciences humaines]; Jonas, 1979 [Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation]; Capra 1982 [The Turning Point: Science, Society, and the Rising Culture]). Die erste bedeutende, nicht-religiöse Kritik der Wissenschaft scheint tatsächlich von Mary Shelley, der Tochter des Anarchisten William Godwin und der Feministin Mary Wollstonecraft zu sein. Die Hauptperson ist der Naturwissenschaftler Viktor Frankenstein, welcher entdeckt, wie man tote Dinge lebendig macht. Er will daraufhin ein Wesen erschaffen, welches aber durch Fehler in der Zusammenstellung zu einem schrecklichen Monster wird. Die Geschichte endet mit dem Tod des Schöpfers ebenso wie seines Geschöpfs. Natürlich erinnert diese Geschichte irgendwie an Goethes Ballade vom Zauberlehrling (1797), alsovon einem alchemistischen Naturforscher, der nicht recht weiss, was er tut und schafft. Tatsächlich ist die neuzeitliche Wissenschaft ja eine Weiterentwicklung der Alchemie - bezüglich der Wissenschaft der Chemie sehr direkt, aber auch allgemein. Daher war auch die Wissenschaftstheorie von F. Bacon und Descartes so bedeutend, weil sie den Übergang von der Alchemie zur Wissenschaft anzeigte. Das Tun der Alchemisten war irgendwie nicht recht zu erklären, und es gab unter ihnen viele Scharlatane. Dies sollte sich mit der Theorie der Wissenschaft ändern. Die neue Wissenschaft hatte ein Ziel (ein wissenschaftlich-technisches Reich zu entwickeln wie das alte Atlantis [F. Bacon]) durch eine souveräne Wissenschaftlergilde, die genau angeleitet war, wie sie ihren Verstand und ihre Vernunft zu verwenden hat (Descartes). Die Kritik von Shelley an dieser Wissenschaft war in keiner Weise konkret oder exakt. Sie ist eher allgemein und esoterisch, wie vielleicht auch der Nebentitel zeigt: Der moderne Prometheus. Die antike griechische Gestalt des Prometheus entstammt einem titanischen Göttergeschlecht und gilt als Feuerbringer, Lehrmeister und Urheber der menschlichen Zivilisation. Prometheus heisst wörtlich der Vordenker. Nun wird Frankenstein in diese Rolle des Vordenkers gesetzt: ein Vordenker also, welcher im Namen der Naturwissenschaft ein Monster erschafft. Mehr als eine Horror- und/oder Science-Fiction-Geschichte ist dieses Buch eine Satire (wie der Zauberlehrling von Goethe). Bei Nietzsche kommt die Wissenschaft im Vergleich mit der Religion und der Philosophie noch glimpflich weg, doch auch die Wissenschaft wird von ihm kritisch analysiert. Er kritisiert v.a. die Rationalisierung, Mechanisierung und Instrumentalisierung. Die Lösung dieses Problems sieht er in einer Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Im 20. Jahrhundert wurde die Wissenschaft sowohl vom Existentialismus (v.a. von Heidegger) wie auch von der Kritischen Theorie und vom Poststrukturalismus kritisiert. Dabei sind allerdings mehr Probleme als Lösungen zu erkennen - dies sind keine lösungsorientierte, sondern bloss kritische Richtungen. Jonas dagegen versuchte die Formulierung einer Ethik für die technologische Zivilisation. Sein Hauptbegriff ist jener der Verantwortung. Capra kritisierte F. Bacon (wegen dessen inquisitorisch anmutender Vorstellung von Naturforschung) und Descartes (wegen dessen strenger Subjekt-/Objekt-Scheidung) radikal und fordert eine sanftere Technologie (er wird der New-Age-Philosophie zugerechnet). Die literarische Wissenschaftskritik hat seithin nicht viel an Substanz dazu gewonnen, dagegen ist sie allgemein bedeutender geworden - etwa durch den Boom von Verschwörungstheorien im Web, in welchen u.v.a. zum Beispiel die Mondlandung 1969 als Fake und Lüge dargestellt wird.

-> Fritjof Capra on Global Goals (engl.). Das kommt direkt aus dem New-Age-Denken der 1980-er Jahre (inkl. vernetztem Denken [Vester], qualitativem statt quantiativem Wachstum [? - siehe auch: Qualitätsmanagement: Deming, Juran, Crosby], Systemtheorie [Bertalanffy] und Holismus [Smuts, Haldane]). Das tönt alles sehr viel einfacher, als es tatsächlich ist - zugegeben (und es ist sehr idealistisch und letztlich tönt es sogar ein bisschen technokratisch [und das Technokratische kümmert sich selten allzu gross um die einzelnen kleineren und grösseren und manchmal recht komplizierten Sorgen der Alltagsmenschen (dies ist zu beachten bei allen technokratischen Postulaten, zu welchen die Systemtheorie natürlich gehört)]). Und trotzdem ist es interessant und wichtig. Für mich war Capra der bedeutendste Autor in der New-Age-Philosophie, welches in den 1980-er Jahren, zu meiner Gymnasiumszeit, meine erste eigentliche philosophische Lektüre war (Capra, Fromm, Guntern, Jonas, Sheldrake, Vester, Von Ditfurth, Wilber [weitere etwa: Anders, Ferguson, Jungk, Leary, Lovelock, Marcuse, Naess, H.A. Pestalozzi, Sagan, Spangler (diese habe ich nicht gelesen) - es war eine Mischung zwischen Philosophie, Pseudophilosophie, Wisssenschaft, Pseudowissenschaft, Populärliteratur und Esoterik]), bevor ich mich in den 1990-er Jahren intensiv für Philosophie zu interessieren begann. Zum Glück habe mich dann gleich - nebst der Seinsphilosophie - speziell für Philosophiegeschichte interessiert, so dass meine Philosophie viele weitere Einflüsse bekam (allerdings ist doch auch einiges von der New-Age-Philosophie hängengeblieben).


Leib-Seele-Problem ([Leibniz, 1714 [Monadologie]; De La Mettrie, 1748 [L'Homme machine]; F. Schiller, 1780/1795 [Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen; Über die ästhetische Erziehung des Menschen]; Weiss, 1811 (Untersuchungen über das Wesen und Wirken der menschlichen Seele - Als Grundlegung zu einer wissenschaftlichen Naturlehre derselben); Schopenhauer, 1819: (Die Welt als Wille und Vorstellung - Vier Bücher, nebst einem Anhange, der die Kritik der Kantischen Philosophie enthält)] Beneke, 1826 [Das Verhältnis von Seele und Leib]; Fechner, 1860/1861 [Elemente der Psychophysik; Über die Seelenfrage - Ein Gang durch die sichtbare Welt, um die unsichtbare zu finden]; Mayer, 1866 [Zur Seelenfrage]; Ulrici, 1866 [Leib und Seele - Grundzüge einer Psychologie des Menschen]; Reinartz, 1869 [Materialismus und Spiritualismus oder Zusammenhang zwischen Leib und Seele im Menschen]; Planck, 1871 [Seele und Geist, oder Ursprung, Wesen und Tätigkeitsform der psychischen und geistigen Organisation, von den naturwissenschaftlichen Grundlagen aus allgemein fasslich entwickelt]; Bain, 1873 [Mind and Body - The Theories of their Relations]; Wundt, 1874/1896 [Grundzüge der physiologischen Psychologie; Grundriss der Psychologie]; Flügel, 1878 [Die Seelenfrage mit Rücksicht auf die neueren Wandlungen gewisser naturwissenschaftlicher Begriffe]; Mach, 1886 [Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen]; Witte, 1888 [Das Wesen der Seele und die Natur der geistigen Vorgänge im Lichte der Philosophie seit Kant und ihrer grundlegenden Theorien historisch-kritisch dargestellt]; Forel, 1894 [Gehirn und Seele (Vortrag)]; Flechsig, 1894 [Gehirn und Seele (Rede)]; Stumpf, 1896 [Leib und Seele]; Erhardt, 1897 [Die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele - Eine Kritik der Theorie des psychophysischen Parallelismus]; Gutberlet, 1899 [Der Kampf um die Seele]; Busse, 1900/1903 [Die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele; Geist und Körper, Seele und Leib]; Schuppe, 1902 [Der Zusammenhang von Leib und Seele - Das Grundproblem der Psychologie]; Strong, 1903 [Why the Mind Has a Body]; Eisler, 1906 [Leib und Seele - Darstellung und Kritik der neuen Theorie des Verhältnisses zwischen physischem und psychischem Dasein]; Erdmann, 1907 [Wissenschaftliche Hypothesen über Leib und Seele]; Krug, 1911 [Über die Stellung der Naturwissenschaft zum Leib-Seele-Problem]; McDougall, 1911 [Body and Mind - A History and Defence of Animism]; Driesch, 1916 [Leib und Seele - Eine Prüfung des psycho-physischen Grundproblems]; Freud, 1923 [Das Ich und das Es]; Häberlin, 1923 [Der Leib und die Seele]; Köhler, 1924 [Bemerkungen zum Leib-Seele-Problem]; Prinzhorn, 1927 [Leib-Seele-Einheit]; Klages, 1929 [Der Geist als Widersacher der Seele]*; usw. usf., etc. etc.; ferner: Wisdom, 1934 [Problems of Mind and Matter]; Feigl, 1958 [Concepts, Theories, and the Mind-body Problem]; Bunge, 1980 [The Mind-Body Problem - A psychobiological Approach]; Metzinger, 1985 [Neuere Beiträge zur Diskussion des Leib-Seele-Problems]; Tart, 1997 [Body Mind Spirit: Exploring the Parapsychology of Spirituality]; Kim, 1998 [Mind in a Physical World: An Essay on the Mind-Body Problem and Mental Causation]; Armstrong, 1999 [The Mind-Body Problem: An Opinionated Introduction]). So viel ist geschrieben worden über den Zusammenhang zwischen Leib und Seele. Die Lösung des (Leib-Seele-) Problems liegt meiner Meinung nach nicht bei Wittgenstein, wie Putnam meinte, sondern bei Steiner. Dieser sprach von einer Dreieinheit von Körper, Seele und Geist - Pestalozzi seinerseits von Kopf, Herz und Hand. Beide aber haben diese alte Ansicht nicht erfunden; ich habe einmal gelesen, sie soll von ägyptischen Wanderpredigern vor der Zeit Christi stammen, aber das ist überhaupt nicht gesichert (vermutlich ist diese Ansicht schon uralt). Sicher ist das nicht die absolute Lösung der ganzen schwierigen Fragen rund um all diese Begriffe, aber es ist die (philosophisch) einfachste und praktischste Lösung bzw. der einfachste und praktischste Lösungsansatz oder Ausgangspunkt (die ganzen Fragen bestehen trotzdem weiter). Natürlich sind diese ganzen Fragen relevant für die Wissenschaftstheorie, in Bezug auf den Subjekt/Objekt- und/oder Körper/Geist-Dualismus von Descartes, welcher am Anfang der Wissenschaftstheorie steht. Der Urwissenschaftstheoretiker Descartes hat die Seele zu gering (ein-) geschätzt (und all diese Bücher sind eine Folge seiner dualistischen Rigidität). Leibniz versuchte sie aufzuwerten mit seiner Seelenmonadologie (hier wird eine Vielzahl von reinen Seeleneinheiten postuliert), welche jedoch ohne allzu grossen direkten Einfluss blieb. Die Materialisten (De la Mettrie, D'Holbach, Helvétius) gingen von einer reinen bis quasi maschinellen Körperhaftigkeit aus (dito). Schopenhauer versuchte dagegen einen neuerlichen, begriffsverwandelten Dualismus aufzubauen (Wille/Vorstellung), doch auch dies blieb ohne allzu grossen direkten Einfluss im Zuge der aufkommenden Psychologie, in welcher das ganze Problem in eine ziemlich grosse Verwirrung kam (immerhin beeinflusste Schopenhauer mit seiner Leidensphilosophie die Psychologie aber doch nachhaltig [er kann vielleicht mit Kierkegaard als Vorreiter der wissenschaftlichen Psychologie bezeichnet werden - in der Psychologie selber gilt v.a. Wundt als Begründer der Psychologie als Wissenschaft]). Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Diskussion um das Leib-Seele- oder Körper-Geist-Problem in der (nachmalig) sogenannten Philosophie des Geistes (siehe dort) in den USA weiter (bis heute eigentlich - und wenn man im reinen Dualismus verharren will, dann kann man diese Diskussion endlos weiterführen). Die Wissenschaft der Psychologie bringt natürlich die Wissenschaftstheorie in eine grosse Verlegenheit, weil nun hier plötzlich das Subjekt - bzw. die subjektive menschliche Psyche - ein Forschungsobjekt ist; und das ist ja auch das Problem des Psychoanalytikers, wenn er sich als Wissenschaftler bzw. Vertreter einer Wissenschaft sieht: dass er als Subjekt einem anderen Subjekt gegenübersitzt (das ist so in der Wissenschaftstheorie eigentlich nicht vorgesehen** - zum rein psychologischen Dilemma, kommt oft auch noch ein soziologisches Problem dazu [in der Soziologie ist das wissenschaftliche Subjekt ein Teil des Forschungsgegenstandes]; wir können davon ausgehen, dass die Diskussion bezüglich der Wissenschaftstheorie im 20./21. Jahrhundert dem psychologischen Dilemma entstammt).

* In der Dreieinheit kann man immer das Eine gegen das Andere ausspielen: den Geist gegen die Seele, die Seele gegen den Körper, den Körper gegen den Geist, den Geist gegen den Körper, den Körper gegen die Seele und die Seele gegen den Geist (aber das macht ja keinen allzu grossen Sinn im Menschlichen). Daher ist diese Schrift als sehr tendenziös zu betrachten. Immerhin hat Klages damit aber (zu seiner Zeit) - deutlicher und prägnanter als alle anderen - auf das kartesianische Problem hingewiesen. Klages ging in seiner Philosophie übrigens auch von der Dreiheit von Geist, Seele und Leib aus, gibt dieser aber eine sehr eigenwillige Prägung (wir sprechen heute eigentlich wissenschaftlich vom Körper, während der Begriff vom Leib heute eine eher esoterische Bedeutung hat [schon bei Klages eben eigentlich, mit einer Art Seelenmystik: 'Die Seele ist der Sinn des Leibes, der Leib ist die Erscheinung der Seele.' - allgemein wurde und wird der Begriff des Leibes eher im Zusammenhang mit der Seele verwendet, der Begriff des Körpers eher im Zusammenhang mit dem Geist (diese Doppeldeutigkeit und -begrifflichkeit von Körper/Leib zeigt auch, wie komplex die ganze Sache doch eigentlich ist. Wir können also festhalten: die [christliche] Religion tendiert dazu, den Geist zu überschätzen und den Körper zu unterschätzen, Descartes tendiert dazu, den Geist zu überschätzen und die Seele zu unterschätzen, Klages tendiert dazu, die Seele zu überschätzen und den Geist zu unterschätzen, Leibniz tendiert dazu, die Seele zu überschätzen und den Körper und den Geist zu unterschätzen [jedenfalls in seiner Monadologie - seine Philosophie ist aber alles andere als einheitlich]; die Frage ist natürlich auch, warum sie das je tun.)])

** Es gibt dazu übrigens sogar verschiedene Meinungen. Normalerweise würden wir annehmen, dass der Analytiker sich als Subjekt sieht und den Patienten als Objekt. Der Psychoanalytiker Donald Winnicott sieht es aber etwa gerade umgekehrt: er betrachtet den Analytiker als Objekt des Patienten (vgl. Playing and Reality [dt. Vom Spiel zur Kreativität, 1971]). Die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen (bzw. kann vielgestaltig sein). Winnicott sagt auch, dass psychisch kranke Menschen kein Glück im Leben hätten. In einer soziologischen Betrachtung könnte man vielleicht sagen, dass Menschen, die kein Glück im Leben und in der Gesellschaft haben, seelische Schwierigkeiten bekommen können. Es gibt sicher beides. Ich neige dazu, die Dinge, wenn auch nicht nur, so doch eher soziologisch als psychologisch zu betrachten.


(Wissenschafts-) Positivismus von Comte (Cours de philosophie positive, 1830-1842), Begründung der Soziologie als Wissenschaft (weitere Vertreter: Tönnies, 1887 [Gemeinschaft und Gesellschaft]; Durkheim, 1893/1895 [De la division du travail social; Les règles de la méthode sociologique]; Simmel, 1903 [Die Grossstädte und das Geistesleben]; Weber, 1904/1904-1905 [Die 'Objektivität' sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis [Essay]; Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus]; Parsons, 1937/1951/1956 [The Structure of Social Action; The Social System; Economy and Society (zusammen mit Smelser)]; Wright Mills, 1956/1959 [The Power Elite; The Sociological Imagination]; D. Bell, 1973 [siehe unten]; Sennett, 1977 [The Fall of Public Man]; Bauman, 2000 [Liquid Modernity]) und Neopositivismus (siehe unten) sowie Sozialismus (Fourier, 1807/1822-1823/1829 [Sur les charlataneries commerciales; Théorie de l'unité universelle; Nouveau Monde industriel et sociétaire]; Owen, 1813/1844/1849 [A New View Of Society; The Book of the New Moral Society; The Revolution in the Mind and Practice of the Human Race]; Saint-Simon, 1814/1821/1824 [Réorganisation de la société européenne; Le Système industriel; Le Catéchisme des industriels]; Marx/Engels, 1848/1867-1894 [Manifest der Kommunistischen Partei; Das Kapital]; Bernstein, 1899 [Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie]). Zuerst fragte ich mich, ob ich den Sozialismus und Kommunismus auf dieser Wissenschaftsseite überhaupt erwähnen soll, oder ob es sich hierbei nicht um eine bloss politische Bewegung handelt, welche direkt mit der Wissenschaft nicht allzu viel zu tun hat - ich bin jedoch zum Schluss gekommen, dass man sie erwähnen muss, aufgrund v.a. ihres bedeutenden Einflusses auf die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften bis hin zur Begründung einer Soziologie als Wissenschaft. Diese erfolgte nämlich zwischen der Zeit des Utopischen Sozialismus, dessen Wurzeln bis zu Morus und Platon zurückreichen sollen, und dem Kommunismus von Marx/Engels (Marx bezeichnete seine Theorie des Sozialismus auch als Wissenschaftlichen Sozialismus - ein Begriff, welcher von Proudhon stammt; nicht nur in diesem Begriff, sondern überhaupt spielten Wissenschaft und Technik eine bedeutende Rolle im Kommunismus, v.a. natürlich in der Sowjetunion und deren Wettrüsten und -kämpfen gegen die USA - in vielen Belangen war die Sowjetunion der USA ebenbürtig, nicht aber punkto wirtschaftlicher Organisation und Effizienz). Der frühe Sozialismus und der (in Osteuropa zwischenzeitlich realexistierende) Kommunismus können nicht miteinander verwechselt werden. Der Sozialismus wurde begründet, um das Elend der Arbeiterschaft im reinen Wirtschaftsliberalismus zu lindern, freilich teils bereits mit revolutionären Parolen. Er ist der Meinung, dass der Gleichheitsaspekt im bürgerlich-revolutionären Credo (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) zu wenig Beachtung gefunden hat. Dies zeichnete sich jedoch schon mitten in der Bürgerlichen Revolution aus, als Babeuf mit seiner Verschwörung der Gleichen 1796-1797 scheiterte. Da war schon klar, dass das Freiheitsargument gegenüber den anderen beiden Argumenten eine gewisse Priorität in der bürgerlichen Gesellschaft besitzt (nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen, aber auch aus Gründen v.a. der religiösen Toleranz). Marx/Engels vertärkten mit ihrer Begründung des Kommunismus das soziale und v.a. auch ein antiliberales Argument, während Bernstein ein wichtiger Autor zur Abspaltung der revisionistischen, reformorientierten Sozialdemokratie* vom immer stärker revolutionär orientierten Kommunismus war. Die Verbindung zwischen der Begründung der Soziologie als Wissenschaft und dem Utopischen Sozialismus ist ziemlich direkt und persönlich, indem Comte eine Zeit lang der Freund und Sekretär von Saint-Simon war. Comtes Soziologiebegründung fiel jedoch nicht polistisch, sondern positivistisch aus, d.h. er sieht eine klare Linie von der Religion zur Philosophie und zur Wissenschaft - eigentlich ohne starke Rückkoppelung. Das heisst: seine Begründung der Soziologie ist sehr stark und bedeutend auf die Wissenschaft ausgerichtet (Wissenschaftspositivismus). Allerdings, meinte er, werde die Wissenschaft der Soziologie erst dann richtig entwickelt werden, wenn alle anderen Wissenschaften schon hoch entwickelt seien. Damit sollte er wohl rechtbehalten - noch heute sind gewisse grundsätzliche Mängel in dieser Wissenschaft sichtbar und festzustellen. Der Positivismus von Comte führte später zum Neopositivismus (siehe dort). Diesen interessierte die Soziologie nur wenig, dagegen war sie v.a. daran interessiert, eine stärkere Hinwendung der Philosophie zur Naturiwssenschaft herbeizuführen (bzw. eine solche, bereits gegebene Tendenz [etwa seit Frege und Mach], auf eine gewisse Spitze zu treiben).

* Für mich hat die Sozialdemokratie heute v.a. die Aufgabe der Förderung einer freiheitlichen Wirtschaft und Gesellschaft mit sozialem Hintergrund und sozialer Absicherung. Ich bin sozialliberal bis sozialdemokratisch aufgewachsen, versuche mich aber heute politisch in der Mitte zu positionieren (mit einem bedeutenden Flair für Sozialgerechtigkeit und Umweltverträglichkeit). In meiner späteren Jugendzeit erwägte ich einmal dem Landesring der Unabhängigen LdU beizutreten, habe mich dann aber damals gegen ein politisches Engagement entschieden (die Partei, welche vom Unternehmer Gottlieb Duttweiler gegründet wurde, gibt es seit 1999 nicht mehr; in der heutigen Parteienlandschaft habe ich keine politische Heimat gefunden [das ist vermutlich recht schwierig eben für einen Philosophen]).


Evolutionstheorie von Darwin (On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, 1859; siehe auch: Darwin, 1871 [The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex] - weitere: Spencer, 1852/1864 [A Theory of Population (Sozialdarwinismus); Principles of Biology]; T.H. Huxley, 1880 [The Coming of Age of the Origin of Species (Vortrag) - frühere Vertreter einer Evolutionstheorie: De Maillet, 1748 [Telliamed ou Entretiens d'un philosophe indien avec un missionnaire français sur la diminution de la mer, la formation de la terre, l'origine de l'homme]; Lamarck, 1809/1815 [Philosophie zoologique; Histoire naturelle des animaux sans vertèbres] - Kritik: Fodor/Piattelli-Palmarini, 2010 [What Darwin Got Wrong]) sowie Natur- bzw. Menschenrecht in der Jurisprudenz. Die Evolutionstheorie von Darwin ist ein typisches Beispiel für eine Theorie, welche alle anderen, älteren Theorien in Vergessenheit geraten liess - dies gilt insbesondere für die Theorie von Maîllet und Lamarck. Eigentlich ist die Erhebung und der Erfolg dieser Theorie erstaunlich, wenn man bedenkt, wie lange die Philosophie schon an der Entwicklung des Lebens herumdachte. Schon die ersten und antiken Philosophen beschäftigten sich mit dem Ursprung des Lebens und gingen von einer Urzeugung aus: bei Thales im Wasser, bei Anaximander in einer feuchten Umgebung, bei Aristoteles im Schlamm und Schmutz. Die Gedankenverbindung zum Menschen wurde dabei offenbar vermieden: es handelte sich um ein rein biologisches Problem. Die erste bedeutende Theorie der Neuzeit ist die Panspermietheorie, deren bedeutendster Vertreter Benoit de Maîllet ist - eigentlich ein Geologe. Er vertrat eine Erdtheorie, nach welcher die Erde von einem heissen in einen kühlen Zustand gekommen ist; ebenfalls vertrat er die Meinung, dass das Leben vom Meer auf das Land kam, und dass der Mensch einen natürlichen Ursprung hat. Die zeitliche Entwicklung der Erde schätzte er bei zwei Billionen Jahre ein. Dies widerspricht schon der Sieben-Tage-Theorie der Schöpfung in der Bibel bzw. dem Dogma der katholischen Kirche. Natürlich: die sieben Tage sind vermutlich nur eine Metapher, und es handelt sich ja eben um Tage, was durchaus eine Kontinuität angibt - entgegen den Anhängern von einer rein sequentiellen Schöpfungstheorie (siehe [christlicher, religiöser] Kreationismus). Trotz der klar voneinander abgetrennten Sequenzen, und obwohl der Anfang etwas mystisch, esoterisch und/oder mythologisch anmutet, ist in der biblischen Schöpfungsgeschichte doch eine Art Evolution beschrieben, welche allerdings durchbrochen wird vom täglichen Eingreifen Gottes, am Beginn jedes neuen Schritts quasi (nach der Vorstellung der sequentiellen Theorie), und v.a. auch von der zweifachen Schöpfungsgeschichte des Menschen, die erstens integriert ist in die allgemeine Schöpfungsgeschichte (Mensch nach den Tieren [am sechsten Tag]), zweitens in einer Art eigenständiger patriarchalistischer Geistschöpfungstheorie - quasi (bei der berühmten Geschichte mit Adam und Eva - Adam aus Erde von Gott, Lebensatem eingehaucht, Eva aus einer Rippe Adams). Aber also eigentlich ist in der Bibel bereits die Schöpfung des Menschen (auch) schon innerhalb der natürlichen Evolution gegeben. De Maîllet meinte, dass das Landleben durch die Austrockung der Meere entstanden sei - aus überall im Weltall vorhandenen Lebenssamen (Panspermie). Man könnte diese Theorie in einer Variante auch so deuten, dass das Leben möglicherweise aus dem Weltall zur Erde gekommen ist, notabene. Lamarck legte die Theorie einer wiederholten Urzeugung (auch: Spontanzeugung) vor, durch welche die einzelnen Klassen und Arten unabhängig voneinander entstanden seien (gleichartige, keine gemeinsamen Vorfahren); ebenso sprach er von der Möglichkeit der Vererbung erworbener Eigenschaften. Er wies bereits auf die mögliche Enstehung des Menschen aus einer Affenart hin - erst Darwin machte sich dann aber vor gewissen Vertretern der Religion damit zum Affen (was seiner Theorie allerdings wenig anhaben konnte). Darwin beschrieb die Entwicklung der Evolution von einer Art aus der anderen, also als eine kontinuierliche Weiterentwicklung, inkl. der Entwicklung von den (Menschen-) Affen zum Menschen. Der verantwortliche Mechanismus hinter der Evolution sei die natürliche Selektion. Als Selektionsfaktoren sah er Umweltfaktoren und damit rückte er die Anpassung in den Vordergrund, während die Sozialdarwinisten, welche das darwinistische Konzept auf die Menschheit übertrugen - insbesondere Spencer - vom Überleben der Stärksten sprach (was natürlich aber die Anpassung umfassen kann [jedoch nicht unbedingt muss - ist die Anpassung in einem Sozialdarwinismus nicht inbegriffen, so muss man von einer Verfälschung des darwinistischen Gedankens sprechen (abgesehen von der Frage, ob man diesen überhaupt 1:1 auf den Menschen übertragen, natürlich [dagegen spricht etwa die Bedeutung des sogenannten (menschlichen) Naturrechts und/oder (besonderen) Menschenrechts in der Jurisprudenz, vgl. Stoiker, Cicero, Thomas von Aquino, Grotius, Pufendorf, Locke, Wolff, Thomasius und spätere])]). Fodor und Piattelli-Palmarini kritisieren Darwins Theorie, in dem Punkt, dass sie zuviel auf Gewicht auf exogene und zu wenig auf endogene Faktoren lege.


Science Fiction ([F. Bacon, 1627 (siehe oben); Kepler, 1634 (Somnium); Wilkins, 1638 (The Discovery of a World in the Moone, or, a Discourse Tending to Prove that 'tis Probable There May Be Another Habitable World in That Planet [Erwägung von ausserirdischem Leben (basiert offenbar auf der Lektüre von Somnium)]); De Bergerac, 1657/1662 (L'histoire comique contenant les états et empires de la lune; L'histoire comique contenant les états et empires du soleil); Voltaire, 1752 (Micromégas); Kant, 1755 [Von den Bewohnern der Gestirne (Kapitelüberschrift in: Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels)]; Shelley, 1818 (siehe oben [sowie: The Last Man, 1826])]; Verne, zw. 1863-1905 [Voyage au centre de la Terre (1864); De la Terre á la Lune (1865); Vingt Mille Lieues sous les mers (1870)]; Wells, zw. 1894-1945 [The Time Machine (1895), The Invisible Man (1897), The War of the Worlds (1898)]; A. Huxley, 1932 [Brave New World]; Capek, zw. 1920-1938 [R.U.R. - Rossumovi Univerzální Roboti]; Asimov, zw. 1945-1992 [I, Robot (1950)] - Drei Gesetze der Robotik]; Orwell, 1949 [Nineteen Eighty-Four]; Clarke, zw. 1951-2008 [2001: A Space Odyssey (1968)]; Dick, zw. 1955-1982 [Do Androids Dream of Electric Sheep? (1968)]; Lem, zw. 1957-2006 [Solaris (1961)]; Roddenberry, 1966-1969 [Star Trek TOS]), Fantasy (Ruskin, 1841 [The King of the Golden River]; Mac Donald, 1872/1858 [The Princess and the Goblin; Phantastes]; Morris, 1896 [The Well at the World's End]; Tolkien, 1937-1949 [The Lord of the Rings]; Lewis, 1950-1956 [The Chronicles of Narnia]) und Science Fantasy. Viele Werke von mehr oder weniger allgemeinem, zumindest aber sicher literarischem Interesse. Nie hätte wohl die Wissenschaft gedacht, dass sie eines Tages sogar grossen Stoff für die Unterhaltungsindustrie liefern würde. Am Anfang der Science Fiction* steht die Utopie, auch wenn die Dystopie heute einer der bedeutendsten Zweige der Science Fiction ist: wenn nicht die (sozialistische) Gesellschaftsutopie von Morus (Utopia, 1516), so doch sicher jene von Francis Bacon (Nova Atlantis, 1626 - eine wissenschaftlich-technizistische Gesellschaftsutopie). Die Reihe der ersten Science-Fiction-Autoren geht weiter mit wissenschaftlich höchstberühmten Namen wie Kepler und Wilkins (erster Sekretär der Royal Society [einflussreiche britische Gelehrtengesellschaft zur Wissenschaftspflege]) - dieser postulierte (wie später auch der grosse Aufklärer Immanuel Kant) die Existenz von Ausserirdischen. Und sie geht weiter über Voltaire, welcher den satirischen Zweck der Science Fiction erhob (mit ausserirdischen [Fantasy-] Figuren war es möglich, Kritik zu üben, wie es irdische Figuren vielleicht nicht immer tun können), bis (eben) Kant. Dann kamen jene Autoren, die man eigentlich als erste Science-Fiction-Autoren bezeichnet: Mary Shelley, Jules Verne und H.G. Wells. Die Science-Fiction-Literatur gehörte lange in den Bereich der Trivialliteratur, vielleicht bis Huxley, mit seiner Dystopie einer emotionstechnizistischen Drogengesellschaft, und v.a. auch Orwell, mit seiner Dystopie der totalen Überwachungsgesellschaft. Besonders diese Vorstellung ist präsent wie kaum eine andere in der (dystopischen) Science Fiction. Asimov, Clarke und Dick sind die weiteren Stars der Science-Fiction-Literatur - und wie einst Verne und Wells reine Science-Fiction-Autoren. Die Science-Fiction gehört in einer grösseren Betrachtung zur Fantasyliteratur im weiteren Sinn (dazu gehören auch etwa Gullivers Reisen oder Alice im Wunderland [unter vielem mehr (auch der Horrorbereich wird zur Fantasy gerechnet)]). Unter Fantasy im engeren Sinn verstehen wir heute eine Art dunkle Märchenwelt, die vom Mittelalter inspiriert, aber durch vielerlei Phantasiewesen ergänzt ist. Meist geht es dabei um irgendwelche Helden, welche irgendwelche Monster und/oder Drachen bekämpfen. Was hat nun das mit Wissenschaft zu tun? Eigentlich nicht allzu viel (abgesehen davon, dass die Alchemisten im Mittelalter auch in dunklen Kammern [Gold-] Schätze suchten und [in einem übertragenen Sinn] Drachen bekämpften [vgl. Dungeons and Dragons]). Ich habe es hier miterwähnt, weil es eine Art Gegensatz zur spätmodernen Wissenschafts- und Technikorientierung bildet (irgendwie passen auch weder die glorreichen Helden noch die finsteren Monster zu den intellektualistischen Wissenschaftlern des 20. Jahrhunderts: schon Einstein wirkte irgendwie wie ein Antiheld, obwohl der Physiker vom Time-Magazin sogar zur Person des Jahrhunderts gewählt wurde [irgendwie scheint die Intellektualität derzeit den Glanz früherer Zeiten zu verlieren]). Es ist quasi das Wiedererwachen von Fantasy inmitten der höchstausgeprägtesten durchrationalisiertesten Technikwelt. Dazu gibt es auch noch ein Genre namens Science Fantasy, welches Science Fiction mit Fantasy vermischt (vgl. Filme wie Star Wars oder Avatar). Der britische Filmregisseur und -produzent Ridley Scott bezeichnete die Science-Fiction-Autoren in einer Dokumentarserie als Propheten der Science Fiction (Prophets of Science Fiction, 2011-2012 - damit hatte die Wissenschaft nicht nur ihre Erst- und Letztbegründung [siehe je dort], sondern auch ihre Propheten). Scott versuchte in dieser Serie die Verbindungen von Science Fiction und wirklicher Wissenschaft aufzuzeigen.

* Wenn man noch weiter zurückgeht, so könnte man Werke der morgenländischen (Alf laila wa-laila [dt. Tausendundeine Nacht, um 250? - mit indischem Ursprung?; immerhin gab es in diesen Geschichte etwa fliegende Teppiche]) und japanischen Literatur (Urashima Taro [8. Jh.], Taketori Monogatari [10. Jh.] - später: Kaishin hen [dt. Erzählung über die Unterwerfung des Westens]) erwähnen, oder auch etwa das Werk von Ariosto (Orlando Furioso, 1516 [also im selben Jahr wie die Utopia von Morus]). Aber natürlich: die ganzen Götterwelten der früheren wie der heutigen Religionen enthalten noch viel mehr Anleihen von übersinnlichen und quasi ausserirdischen Geschichten. Der wissenschaftsphantastische Autor Von Däniken hat u.a. darauf hingewiesen.


Das Unbewusste (Carus, 1846 [Zur Entwicklungsgeschichte der Seele]; E. von Hartmann, 1869-1923 [Philosophie des Unbewussten]; Freud, 1899 bzw. 1900/1905/1906 [Traumdeutung; Drei Abhandlungen zum Unbewussten; Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten]) und die Äthertheorie ([Aristoteles 4. Jh. v. Chr.; Descartes (Principia Philosophiae, 1644)]; Hooke, 1671; Huygens, 1678-1690; Newton, 1686 (siehe oben); Young, 1802; Fresnel ?; Michelson/Morley 1887; Hertz, 1890; Lorentz/Poincaré, 1890-er Jahre; Einstein, 1905). Das Unbewusste ist - nebst dem Äther (in der Physik) - wohl eine der seltsamsten Grössen, welche je in die Wissenschaft hineingekommen ist. Bekannt geworden ist der Begriff mit der Tiefenpsychologie und der Psychoanalyse von Freud, doch eigentlich stammt der Begriff aus der Philosophie. Der Begriff wurde verschieden gedeutet. Carus, welcher den Begriff einführte, deutete ihn - wie er es erkenntnistheoretisch bezeichnete: synthetisch-kontemplativ - als göttliche Natur, welche für den Menschen nicht zugänglich ist, als Vorgewusstes und/oder als Bewusstloses; er unterscheidet auch absolut Unbewusstes und relativ Unbewusstes (was schon bewusst war, danach wieder unbewusst geworden ist, jederzeit aber wieder bewusst werden kann). Er meinte, dass seelische Störungen immer einen körperlichen Ursprung haben. Er sieht eine Entwicklungsgeschichte der Seele vom Unbewussten zum Bewusstsein und betrachtet diese als zentralen Faktor der Psychologie und der Psychiatrie. Der Schlüssel zur Erkenntnis vom Wesen des bewussten Seelenlebens sieht er in der Region des Unbewusstseins. Bedeutend: dass er eben als Somatiker diese Region bzw. diesen Raum quasi physisch aufgefasst hat. E. von Hartmanns Deutung zielt nicht auf die Psychologie, sondern auf die Philosophie des deutschen Idealismus. Er sieht im Unbewussten eine Einheit von Willen (Schopenhauer) und Vorstellung (Hegel/Schopenhauer), Realem und Idealem, Unlogischem und Logischem, also so etwas wie die Vereinigung aller philosophischen Gegensätze (welche im Bewusstsein so schwierig ist!) - dies entspricht nach ihm einem Monismus (entgegen der Dialektik von Hegel). Wie die Physiker den Äther eingeführt haben, als sie nicht mehr recht weiterwussten, tut dies E. von Hartmann in der Philosophie hier quasi mit dem Unbewussten. Das Buch war zwar zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung sehr erfolgreich, doch nach der Deutung des Unbewussten von Freud (und Jung) geriet es nahezu in Vergessenheit. Er behauptete das Unbewusste nicht nur, sondern er entwickelte eine Technik dafür, wie es bewusst gemacht werden kann: die Psychoanalyse. Diese soll angewendet werden um den Krankheitsursachen von Neurosen nachzuspüren. Bedeutend ist in diesem Zusammenhang die Traum- und Triebdeutung von Freud. Die Gegner Freuds störten sich an dessen es-hafter Libido- bzw. Lustfixiertheit und rückten dagegen das Ich (Adler, Individualpsychologie) und das Selbst (Jung, Selbstpsychologie [Begriff des Selbst (engl. self) von James, Cooley, Mead]) in den Vordergrund. Es gibt wohl tatsächlich einen guten Grund dafür, so seltsam der Begriff vom Unbewussten auch ist, einen Raum des Unbewussten anzunehmen, und das sind die bewussten Träume - offenbar gibt es auch Träume, bei denen wir nicht aufwachen und an die wir uns nicht erinnern, und dies bedeutet, dass unser Geist im schlafenden, unbewussten Zustand Gedankenmaterial verarbeitet. Fast gleichzeitig wie die Theorie vom Unbewussten populär wurde (durch Freud), ist jene vom Äther untergegangen (durch Einstein). In meiner Philosophie habe ich jedoch den Begriff des Äthers - in einer erneuten Umdeutung - wieder verwendet: ich bezeichne damit quasi den Primärraum der Welt, in welchen das raumzeitliche Dasein hineingegeben oder -geschöpft ist (also: kein Dasein aus der Leere, sondern in dem Äther [äquivalent für das Unendliche (engl. eternity, grch. aither [der (blaue) Himmel]). Eingefürt hatte Aristoteles diese Grösse - als Medium der gleichmässigen Kreisbewegungen der Gestirne (vgl. gekrümmter Raum bei Einstein). In der Neuzeit war von einem Lichtäther die Rede. Descartes nahm an, dass der gesamte leere Raum mit Materie gefüllt ist. Er nahm ferner an, dass das Licht einem Materietransport entspricht, während sich Hooke dagegen aussprach und Huygens eine erste Wellentheorie des Lichts begründete, welcher Young zum Durchbruch verhalf. Fresnel lieferte eine Theorie der optischen Erscheinungen auf Basis des Lichtäthers. Michelson/Morley machten ein Experiment zur Widerlegung des Äthers, welcher in der Physik schliesslich durch Einstein gänzlich verworfen wurde.


(Philosophischer) Pragmatismus (Peirce, 1877/1878 [Vortragsreihe: The Fixation of Belief (1877), How to Make Our Ideas Clear (1878), The Doctrine of Chances (1878), The Probability of Induction (1878), The Order of Nature (1878), Deduction, Induction, and Hypothesis (1878)]; F.C.S. Schiller, 1903 [Humanism]; James, 1902/1907/1909 [The Varieties of Religious Experience; Vortragsreihe: Pragmatism: A New Name for Some Old Ways of Thinking; Vortragsreihe: The Meaning of Truth: A Sequel to 'Pragmatism']; Dewey, 1916 [Democracy and Education: An Introduction to the Philosophy of Education]; Mead, 1934 [Mind, Self, and Society]; Putnam, 1960 [What Theories Are Not (Essay)]; Rorty, 1982 [Consequences of Pragmatism]; Brandom, 2006/2007 [Between Saying and Doing: Towards an Analytic Pragmatism (Vorträge)]). Der Pragmatismus ist eine typische anglophile Philosophie - dazu gehören etwa der Empirismus, der Liberalismus, der Utilitarismus, die Common-Sense-Philosophie und eben der Pragmatismus (erfahren, frei, gewöhnlich/einfach, nützlich - dies sind etwa die Schlagworte hierzu). Die europäische Festlandphilosophie ist schon immer ein bisschen einen anderen - intellektuelleren - Weg gegangen: das zeigte sich schon beim Rationalismus (mit dem Franzosen Descartes, dem Niederländer Spinoza und dem Deutschen Leibniz), weiter die Aufklärung und im Existentialismus (alles gesamteuropäische Projekte, in welchen das europäische Festland die prägende Rolle spielte - u.a.). Die USA ist dem britischen Vorbild ebenso gefolgt (Pragmatismus) wie auch von ihm abgewichen (Transzendentalismus [?], Analytische Philosophie [diese initiiert von europäischen Einwanderern im Zweiten Weltkrieg] und Philosophie des Geistes [dito?]). Während allen Entwicklungen der US-Philosophie hat sich der Pragmatismus gehalten bis heute. Man kann ihn somit klar als die Hauptphilosophie der USA bezeichnen. Was ist Pragmatismus? Man kann das sehr unphilosophisch unkompliziert sagen: alles, was nützlich ist, ist gut. Warum soll dies unphilosophisch sein? Weil eine philosophische Antwort meist auf sehr viele komplexe philosophische Fragen eintreten muss (und dabei notgedrungen auch die ganze Komplexität der vorangegangenen Philosophie übernehmen muss). Nur deswegen. Der Pragmatismus tut dies dezidiert nicht. Wobei dies beim Begründer Peirce noch sehr viel weniger deutlich zu Tage tritt, als bei seinen Nachfolgern. Der Pragmatismus setzt nicht bei den Fragen von Anfang, Ende und/oder (tieferem) Sinn ein. Er fragt sich nur: was ist nützlich? Und antwortet: die Nützlichkeit. Das ist zwar ein Zirkelschluss (in welchem nur ausgesagt wird, was zuvor schon vorausgesetzt wurde), aber ein sehr interessanter Zirkelschluss (weil die Frage interessant ist, von welcher der Pragmatismus lebt). Nun, so einfach ist es mit dem Pragmatismus dann letztlich doch nicht - natürlich hat auch dieser einen gewissen intellektuellen Anstrich innerhalb der Philosophie bekommen. Ich pflege aber die (philosophischen) Dinge immer intellektuell und einfach anzuschauen (und die einfache Anschauung hilft mir im Verständnis oft sehr viel weiter als die intellektuelle; ich vertrete in meiner Philosophie wenn immer möglich einen Mittelweg, sowohl zwischen deutscher und französischer Philosophie - u.a. - sowie auch zwischen festländischer und anglophiler Tradition [so steht auch das (Da-) Sein am Anfang meines Systems und das Handeln am Ende (immer zirkulatorisch gedacht)]). Peirce war Mathematiker, Philosoph, Logiker und Semiotiker; ganz wesentlich hat er seinen Pragmatismus wohl aus der Logik abgeleitet - bedeutend war aber auch das Prinzip von Zweifel und Überzeugungen im menschlichen Handeln, welches er vom schottischen Philosopen Bain übernahm. Zweifel implizieren Fragen, Überzeugungen implizieren Urteile; in der Praxis leiten Überzeugungen unsere Handlungen (aber: Zweifel treibt uns voran und erneuert uns [beide haben also positive Wirkungen, und diese Positivität - durchaus auch im Comtschen Sinn - kennzeichnet die pragmatische Philosophie der USA]; die Anstrengungen, welche notwendig sind, um den Zweifel zu überwinden, nennt Peirce: forschen [zur Zufriedenheit, meint Peirce, genügt es oft, zu irgendeiner Überzeugung und/oder Meinung zu kommen (die Wahrheitsfrage wäre hier eine andere, in erster Linie geht es Peirce darum, die Gedanken klar zu machen, nicht: sie wahr zu machen [die Wahrheit erschliesst sich Peirce durch eine pragmatische Logik*: die Wahrheit eines leitenden Prinzips beruht auf der Gültigkeit der Schlüsse, die von ihm bestimmt werden - zur Wahrheit kommt also das richtige und logische Schliessen hinzu]; und Peirce macht sich diese Gedanken in einem Essay über das Glauben [The Fixation of Belief])]). Während Peirce den Pragmatismus von der Logik her aufbaute, tat James dasselbe von der Religion her. Es zeigt sich in der Religion die Vielfalt von religiösen Erfahrungen. Diese Vielfalt deutet daraufhin, dass etwas dann wahr ist, wenn es uns nützlich ist, es zu glauben. Diese Haltung brachte James viel Kritik ein, aber dennoch war er es, welcher den Pragmatismus damit bekannt machte. F.C.S. Schiller wendete sich gegen gegen den absoluten Idealismus von Bradley (Appearance and Reality, 1928 [Britischer Idealismus]) und gegen den Logischen Positivismus von Russell (On Denoting, 1905 [Philsoophie der idealen Sprache]). Wie James vertrat er einen subjektivistischen Pragmatismus, in welchem die Rechtfertigung des Fortschritts- und Freiheitsgedanken von zentraler Bedeutung waren (dies nennt er: Humanismus). Die pragmatische Haltung hat die USA zur - heute immer stärker auch kritisierten - Weltmacht Nr. 1 gemacht (1944-dato [? - unsicher ist heute das Verhältnis zwischen den USA und China, was vermutlich auch langfristig davon abhängen wird, ob China die USA als Weltmacht Nr. 1 weiterhin unterstützen wird oder nicht (nicht von Obama oder Trump)]), und der Liberalismus machte zuvor Grossbritannien zum grössten Weltreich der Geschichte der Menschheit (1497-1997). Zum Neopositivismus gehören etwa Putnam, Rorty und Brandom (drei sehr unterschiedlich anmutende, aber irgendwie zeitlogische Typen). Man kann über die anglophilen Denkweisen sagen, was man will: unbedeutend sind sie sicher nicht (für die Wissenschaft und überhaupt).

* Nach Peirce würde ich den Pragmatismus vielleicht sogar als eine Logik interpretieren, welche mich sehr interessiert. Mein Argument für eine pragmatische Logik wäre vermutlich dieses, dass ein philosophischer Generalist, welcher sich - rein philosophisch betrachtet - in der Mitte von allem positioniert, gar kein anderes Instrumentarium als einen Pragmatismus haben kann (wie immer auch dieser ausgestaltet ist [dazu werde ich vermutlich dann noch etwas sagen]). Bei mir betrifft das Handeln (beruflich) v.a. das Schreiben, weil ich ja ein Schreiberling bin, und das Schreiben ist für mich dann richtig, wenn es einigermassen ausgewogen ist (und damit auch möglichst allen die Möglichkeit gibt, sich ebenso darin zu rehabilitieren, wie auch die Realitäten des Anderen zu erfahren und zu verstehen, für das allgemeine Wohl in einer freiheitlichen [und wenn immer möglich friedlichen] Gesellschaft).


(Philosophischer) Logizismus und Prädikatenlogik von Frege (Begriffsschrift, 1879 - weitere (spätere) Vertreter der Aussagenlogik: Russell/Whitehead, 1910-1913 [Principia Mathematica]; weitere spätere Vertreter des Logizismus: Wittgenstein [Tractatus logico-philosophicus, 1918]) sowie Empiriokritizismus (Mach, 1886/1905 [siehe oben; Erkenntnis und Irrtum: Skizzen zur Psychologie der Forschung]; Avenarius, 1876/1888-1890 [Philosophie als Denken der Welt gemäss dem Prinzip des kleinsten Kraftmasses: Prolegomena zu einer Kritik der reinen Erfahrung; Die Kritik der reinen Erfahrung]) und Logischer Empirismus (aka Neopositivismus [siehe unten]) sowie Analytische Philosophie (siehe unten). Freges logische Wende kann man als Reaktion auf Brentanos Psychologismus (Psychologie vom empirischen Standpunkt, 1874) verstehen bzw. auf das Aufkommen von Psychologismen zu jener Zeit allgemein. Brentano sprach - zwischen der Willenspsychologie von Schopenhauer und Nietzsche liegend - von der Intention aller psychologischen Phänomene. Freges Logizismus kann als eine Reaktion auf all dies verstanden werden. Er wollte das Denken nicht psychologisieren, sondern auf logische Gründe zurückführen, welche er darin sah, den Begriffen einen Sinn und eine Bedeutung (d.h. bei ihm: eine Referenz auf ein Bezugsobjekt) zuzumessen. Statt psychologischen wendete er sich - ausgehend von dieser/seiner (spekulativen [?] Zwei-) Teilung des Begriffs* - sprachanalytischen Untersuchungen zu und führte dazu eine formale Sprache der Logik ein, welche einen wissenschaftlicheren Eindruck machen sollte als die philosophische Sprache, welche die Philosophen bis dahin verwendeten (dies eben in jener Zeit, in welcher eine sich wissenschaftlich verstehende Psychologie mitunter philosophische Probleme - etwa innerhalb der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie - auffasste). Das Ziel der gesamten neologizistischen und -empiristischen Bewegung ist es, die Philosophie durch Analysierung und Formalisierung wissenschaftlicher zu machen. Nietzsche lieferte gerade das Gegenbeispiel, indem er die Philosophie in einen rein spekulativen Kritizismus führte. Wir können vielleicht sagen, dass beides einigermassen problematisch ist (auch wenn beides aus der damaligen Zeit heraus auch seine Berechtigung hatte - es ist nichts, oder wenig, für nichts in der Philosophie). Avenarius und Mach entwickelten den Empiriokritizismus, welcher wieder einmal einen (für die heutige Zeit) irreführenden Namen trägt - für Kant bedeutet Kritik eigentlich Grenzbestimmung. Das heisst: kritische Schriften sind in der damaligen Zeit grenzbestimmende Schriften. Sie bestätigen etwas und hagen es ein, wie dies Kant mit dem Vernunftsbegriff machte. Und das können dann auch wirklich kritische Schriften sein (in einem heutigen Verständnis). So heisst auch die Schrift von Avenarius, welche den Empiriokritizismus begründete: Kritik der reinen Erfahrung. Das war also so etwas wie ein Gegenprogramm zu Kants Rationalprinzip (Kategorischer Imperativ) - eine Art Empirioprinzip (mit einer Art Empirischem Imperativ). Auch hier wieder einmal: der grosse Gegensatz in der Philosophie von zwei vollkommen unterschiedlichen Prinzipien. Der alte Streit zwischen dem Rationalismus und dem Empirismus war wieder aufgeflammt. Wie gezeigt, kann man dies letztlich Kant und seiner grossen Wirkung in der nachmaligen deutschen Philosophie zuschreiben, welche auch (mit Kant) die Führung in der Weltphilosophie übernommen hatte. Zwar gab sich Kant im Grunde erkenntnistheoretisch neutral, in dem er in seiner Kritik der reinen Vernunft zwischen Rationalismus und Empirismus vermittelte, dies aber nur um dann in seiner praktischen Philosophie ein eindeutiges Rationalprinzip zu begründen, welches seine gesamte Philosophie überstrahlte. Wer also die Bedeutung dieser ganzen logizistischen und analytischen Philosophie bejubelt oder bedauert, der ehrt im Grunde auch die grosse Bedeutung von Kant. Es konnte aber nicht sein, dass die Philosophie bei Kant - und Hegel/Feuerbach/Marx (der natürlichen, ersten Reaktion auf Kant innerhalb der deutschen Philosophie) - stehenbleibt, und dies war (ausgelöst eben, wie beschrieben, durch die aufkommenden, ersten Psychologismen) die grosse Reaktion, ein gutes Jahrhundert später. Die Logik war immer ein bedeutendes Gebiet in der Philosophie - für mich eines von fünf Gebieten (Metaphysik, Systematik, Logik, Ethik, Politik) - aber nie zuvor hat sie die Philosophie gänzlich für sich beansprucht, wie das hier der Fall ist (nachdem Kant sie für die Ethik in Beschlag nehmen wollte). Diese Wende war bei Frege noch logisch motiviert, bei Russell und Whitehead mathematisch, während sie bei Wittgenstein eine gewisse, fast nietzianisch anmutende Frechheit annahm, was man positiv oder negativ sehen kann: in welcher man aber durchaus von einer gewissen Verhöhnung der eigentlichen oder klassischen Philosophie sprechen kann (gerade in seinem Tractatus logico-philosophicus, dt. Logisch-philosophische Abhandlung, in welchem er - wie später Heidegger - eine eigene Sprache, Bezeichnung und Deutung verwendete, die so gut wie nichts mit der vorangegangenen Philosophie zu tun hatte; typischerweise ist Wittgensteins Sprache sehr kurz angebunden und wenig definierend und erklärend, womit wohl eine höhere bis ausschliessliche Trefflichkeit vorgespielt werden sollte [Wittgenstein braucht in seiner minimalistischen Philosophie nur wenige Erklärungen, die eigentliche bzw. ausgedachte Wahrheit steht zwischen den Zeilen]). Wittgenstein hatte einen bedeutenden Einfluss auf die anglophile Philosophie: zusammen mit Russell ist er so etwas wie eine Verbindungsfigur zwischen der logizistischen und der analytischen Philosophie. Diese versuchte dann aber wieder ernsthaft weiterzuphilosophieren (wie gut das im Einzelnen auch immer gelungen sein mag) - die versplitterte US-Philosophie, welche (etwa mit Quine, Whitehead oder Chomsky [nebst den vorangegangenen Pragmatikern Peirce, James und Dewey (dieser parallel zu den analytischen Philosophen)]) im mittleren und späteren 20. Jahrhundert die philosophische Weltherrschaft übernahm, nahm sich (weiterhin und immer zwischen der Religion/Theologie und der Wissenschaft stehend) nicht viel weniger ernst als die deutsche zuvor.

* Bedeutend wurde die Teilung des Begriffs letztlich im Strukturalismus bzw. in der strukturalistischen oder strukturellen Semiotik (Zeichenlehre) und Semantik (Bedeutungslehre) von De Saussure, welcher wegweisend wurde für die Sprachanalyse. Er sprach im Zusammenhang mit dem sprachlichen Zeichen von Signifikat (Bezeichnetes, [innerer] Zeicheninhalt) und Signifikant (Bezeichnendes, Bezeichnung, [äussere] Zeichenform, Zeichenausdruck); dabei geht es v.a. um die Strukturiertheit des Signifikats. Peirce führte eine dreiteilige Auffassung in die Signifikationslehre ein, indem er das materielle Zeichen, das Objekt, auf welches sich das Zeichen bezeiht, und ein System, in welchem das Zeichen zu verstehen ist, zur Signifikation anfürt. Eine grundlegende Zweiteilung taucht schon bei Platon und Aristoteles auf, welche das Daseiende in Materie (grch. hyle) und Form (grch. eidos, morphe) auffassten. Aristoteles fasste auch Leib und Seele in dieser Art auf (siehe: Leib-Seele-Problem).


Das 'Unfassbare' - Röntgenstrahlung (Röntgen, 1895), Radioaktivität (Becquerel/Curie, 1896/1898), Quantentheorie (Planck, 1900 [Plancksche Strahlungsformel]; Bohr, 1913; De Broglie, 1924; Heisenberg/Born/Jordan, 1925; Dirac, 1925; Schrödinger, 1925) sowie Relativitätstheorie (siehe unten). Zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde die Welt der Wissenschaft und der Physik - und die Welt überhaupt, vielleicht - auf den Kopf gestellt wie nie zuvor und nie danach. Schon in den Zeiten des Magnetismus und der Elektrizität hatten es die Menschen mit unglaublich erscheinenden Phänomenen zu tun, aber bei diesen Phänomenen konnte man wenigstens direkt etwas sehen und erkennen: um einen Magneten herum versammelten sich Metallspäne, und der elektrische Strom konnte irgendetwas in Bewegung bringen. Es geschah etwas - wenngleich auch irgendwie wie von Geisterhand initiiert. Nun aber kamen Phänomene, bei welchen direkt nichts zu geschehen scheint. Man wendet Röntgenstrahlung an, und es geschieht zuerst einmal überhaupt gar nichts - aber danach hat man ein Röntgenbild. Das ist irgendwie unfassbar, und noch unfassbarer ist die Radioaktivität. Auch hier geschieht direkt gar nichts, und auch danach hat man überhaupt gar nichts - die Wissenschaftler müssen erklären, was da genau abläuft, ohne dass man irgendetwas direkt und natürlich darauf beziehen könnte. Die Wissenschaftler waren nun nicht mehr nur die grossen Zeremonienmeister - wie Faraday oder Tesla in den frühen Zeiten der Elektrizität - sondern sie wurden nun wirklich die grossen Erklärmeister, welche uns nicht mehr nur sagen, dass wir die Welt natürlicherweise manchmal falsch sehen, sondern: dass sie sogar Dinge erklären können, von welchen wir überhaupt gar nichts sehen (und zwar nicht Dinge im inneren Aufbau wie die Atome, sondern - wie es ausschaute - äussere Energien, die irgendwo sein und wirken können). Doch das war noch lange nicht das Ende: es ging weiter mit der Behauptung von (instabilen) subatomaren Teilchen, die manchmal ein Teilchen und manchmal eine Welle sein konnten - was selbst die Wissenschaftler nicht so genau zu erklären vermochten. Wer brauchte da noch Mystik? Die Mystik - das Unglaubliche, Unfassbare, Unverständliche - lag nun innerhalb der Wissenschaft der Physik. Damit hatte die Wissenschaft ihre eigene Mystik. Die Welt, die nun eigentlich auf den Kopf gestellt war - und durch die Relativitätstheorie von Einstein (siehe unten) noch bedeutender auf den Kopf gestellt werden sollte - reagierte seltsam: sie interessierte sich gar nicht so gross für diese Dinge. Wo man etwas davon hörte, nahm man es zur Kenntnis, aber gross änderte sich der Alltag der Menschen dadurch scheinbar nicht (weniger jedenfalls als nach den Zeiten der ersten grossen Jugendbewegung in den späteren 1960-er Jahren [mit dem Summer of Love 1967, der 1968-er Bewegung und dem Woodstock-Festival 1969 - das war wie eine Bewegung, welche die Gesellschaft auf den Kopf stellte]). Vorwiegend nur die Wissenschaftler beschäftigten sich mit diesen neuen Phänomenen - hier aber, in der Welt der Wissenschaft und der Physik war in dieser Zeit ganz schön etwas los. Schrödinger sprach von der Verschränktheit der Welt im Kleinsten (im Quant), Einstein von der Relativität der Welt im Grössten (im Weltall). Von einem gekrümmten Raum war die Rede und von einer relativen Zeit. Warum sollte der Raum gekrümmt sein, wenn doch in den allergrössten Weiten des Universums gar nichts ist? Und warum sollte die Zeit relativ sein, wenn wir sie doch mit einer Armbanduhr ablaufen sehen und sogar abmessen können? Das sind Fragen, die eigentlich bis heute nicht geklärt sind und vielleicht auch nie geklärt werden können. Ich stelle es mir so vor, dass der Raum einen gewissen Einfluss auf die Zeit und die Zeit einen gewissen Einfluss auf den Raum hat. Dadurch könnten diese Effekte entstehen, die wir nicht begreifen können. Wie weiland Fichte definiere ich Raum und Zeit wechselseitig (d.h. es gibt keinen Raum ohne Zeit, und es gibt keine Zeit ohne Raum, sondern es gibt nur eine Raum-Zeit bzw. einen Zeit-Raum), so dass eben auch wechselseitige Effekte entstehen können (die aber am Grundsatz der Einheit von Raum und Zeit nichts ändern). Dass Quanten einmal Teilchen und einmal Welle sein können, erkläre ich durch die Unstabilität von subatomaren Teilchen (damit meine ich nicht Protonen, Neutronen und Elektronen, sondern Teilchen, die unter dieser Ebene liegen). Was instabil ist, muss nicht logisch sein nach der Logik, wie wir die Welt üblicherweise beschreiben und deuten (und das spielt offenbar sogar in der Physik eben eine gewisse und/oder bestimmte Rolle; offenbar ist es auch so, dass die Einsteinsche Weltformel E=mc2 in der Region der instabilen Teilchen eine bedeutende Rolle spielt: offenbar gibt es hier seltsame und bislang noch fast unerklärliche Umwandlungen von Materie und Energie). Nie zuvor und nie danach war die Welt über einen Zeitraum zwischen zehn bis 20 Jahren dermassen erschüttert worden (nicht einmal beim Jahrtausendwechsel war dies so - wobei das Ökoproblem auf eine andere Art und Weise doch auch das Potential von einer ähnlichen oder sogar noch grösseren Erschütterung hat [abgesehen vom Internet und Globalkapitalismus - was sollen wir bloss von der nächsten Jahrhundertwende sagen, wenn es so weiter geht...?, oder nehmen die Welterschütterungen dieser Zeit auch wieder ab? Irgendwie hat man ja heute fast das Gefühl, dass das nicht ewig so weitergehen kann. Aber: wir wissen es nicht...]).


Kritischer Realismus ([Riehl, 1870 (Realistische Grundzüge - Eine philosophische Abhandlung der allgemeinen und nothwendigen Erfahrungsbegriffe)]; Wundt, 1896-1898 [Über naiven und kritischen Realismus I-III [Essay]; Külpe, 1912-1923 [Die Realisierung]; Messer, 1923 [Der kritische Realismus]; N. Hartmann, 1924 [Diesseits von Idealismus und Realismus: Ein Beitrag zur Scheidung des Geschichtlichen und Übergeschichtlichen in der Kantischen Philosophie (Essay) - weitere Vertreter im Kritischen Rationalismus: Albert, Musgrave; Vertreter des Naiven Realismus: Montague, 1912 [The New Realism]; Perry, 1912 [Present Philosophical Tendencies: A Critical Survey of Naturalism, Idealism, Pragmatism, and Realism, together with a Synopsis of the Philosophy of William James (1912)]), (Wissenschaftlicher) Konventionalismus von Poincaré (La science et l'hypothèse, 1902 - andere Vertreter: Mach; Carnap, Le Roy) sowie (Wissenschaftlicher) Instrumentalismus von Duhem (La Théorie physique - Son objet et sa structure, 1906 - andere Vertreter: Mach, Poincaré). Der Konventionalismus und der Instrumentalismus waren die ersten Gegenpositionen zur vorherrschenden Auffassung vom Realismus. Der Realismus geht im klassischen oder naiven Sinn quasi davon aus, dass wissenschaftliche Theorien 1:1 aus der Realität abgeleitet werden können (vertreten noch im 20. Jahrhundert etwa von Moore, Montague und Perry). Um die Jahrtausendwende vom 19. ins 20. Jahrhundert herrschte ein Kritischer Realismus vor (etwa vertreten von Herbart, E. von Hartmann und Wundt). Im Kritischen Realismus gibt es keinen direkten Zugang zur Wirklichkeit, jedoch eine vom menschlichen Denken unabhängige äussere Welt, welche zumindest bis zu einem gewissen Grad erkennbar ist. Dies ist scheinbar das, was in der Wissenschaftsgeschichte geschehen ist, auch wenn nicht alle Ableitungen und Theorien zutreffend waren, so nimmt die Wissenschaft doch an, dass hier ein Realitätsprinzip vorliegt. In Frage gestellt wurde dies in der philosophischen Erkenntnistheorie, welche besagt, dass wir die Art und Weise, wie wir denken, einbeziehen müssen in die Wissenschaftstheorie. In der Wissenschaft war das aber eigentlich kein Thema. Im Konventionalismus wird behauptet, dass wissenschaftliche Arbeit auf Konventionen beruht, während der Instrumentalismus behauptet, dass wissenschaftliche Theorien nur Instrumente seien, also Mittel zum Zweck, welche nicht direkt irgendeine Realität abbilden würden. Dem Instrumentalismus zufolge sind Theorien (anders als im Realismus) weder wahr noch falsch, sondern sie würden lediglich dazu dienen, adäquate Repräsentationen herzustellen, keine wirklichen Erklärungen (Duhem - Theorien repräsentieren jedoch die Phänomene nicht nur, sondern sie ordnen sie auch [es gibt in der Wissenschaft eine ordnende Systematik (seit Aristoteles)]). Um den Konventionalismus zu erklären, stellte Poincaré die euklidische und die nicht-euklidische Geometrie gegenüber und meinte, dass beide Theorien gleichwertig wären. Die Entscheidung darüber, welche Theorie wir bevorzugen, würde einer reinen Konvention entsprechen. Popper kritisierte den Konventionalismus zwar, weil er meinte, dass der Konventionalist mit den Veränderungen der Voraussetzungen eine Hypothese retten könne, während die Falsifizierung Konsequenzen für die Theorie fordert, er sprach ihm aber zu, dass er zeige, dass eine Methodologie der empirischen Wissenschaften gegenüber dem logischen Positivismus notwendig sei. Das heisst: der wissenschaftliche Empirismus sei dem philosophischen Logizismus vorzuziehen. Es war also auch dieser, welche die Wissenschaftstheorie in Frage gestellt hatte. Letztlich waren es aber die grossen Veränderungen in der Physik um die vorletzte Jahrhundertwende des zweiten Jahrtausends nach Christi, welche eine bedeutende Unsicherheit in die Wissenschaftstheorie brachte - Poincaré, welcher massgeblich an diesen Veränderungen in der Physik jener Zeit beteiligt war, gehört sowohl zu den Vertretern des Konventionalismus wie auch des Instrumentalismus. Für den Relativitätsphysiker waren weder ein Naiver noch ein Kritischer Realismus zu halten. Poincaré ist auch in der Hinsicht besonders interessant in der Wissenschaftstheorie, weil diese nachfolgend v.a. in der Philosophie diskutiert wurde, während die Grunddiskussion hier eben von einem Wissenschaftler und Physiker ausgegangen ist.


(Philosophische) Phänomenologie (Husserl, 1901 - weitere Vertreter: Scheler, 1913 [Zur Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefühle und von Liebe und Hass]; Stein, 1917 [Das Einfühlungsproblem in seiner historischen Entwicklung und in phänomenologischer Betrachtung]; Heidegger, 1927 [Die Grundprobleme der Phänomenologie]; Lipp, 1927-1939 [Untersuchungen zur Phänomenologie der Erkenntnis], Gadamer, 1929/2000 [Platos dialektische Ethik - Phänomenologische Interpretationen zum Philebos]; Lévinas, 1930 [Théorie de l'intuition dans la phéoménologie de Husserl]; Sartre, 1943 [L'Être et le Néant - Essai d'ontologie phénoménologique]; Merleau-Ponty, 1945/1975 [La Phénoménologie de la perception; Les Sciences de l'homme et la phénoménologie]; Derrida, 1967 [La voix et le phénomène]; Fink, 1969/1979 [Bewusstseinsanalytik und Weltproblem (Essay - in: Phänomenologie - lebendig oder tot?); Grundphänomene des menschlichen Daseins]; Schütz, 1971 [Studien zur phänomenologischen Philosophie]; Waldenfels, 1983/1992/1997-1999/2000/2004/2009/2012/2019 [Phänomenologie in Frankreich; Einführung in die Phänomenologie; Studien zur Phänomenologie des Fremden; Das leibliche Selbst - Studien zur Phänomenologie des Leibes; Phänomenologie der Aufmerksamkeit; Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden; Hyperphänomene: Modi hyperbolischer Erfahrung; Erfahrung, die zur Sprache drängt - Studien zur Psychoanalyse und Psychotherapie aus phänomenologischer Sicht]; Ricoeur, 1986 [À l'école de la phénoménologie]; Ingarden, 1994 [Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls (posthum)]). Was Husserl versuchte, und er ist der erste und einzige, der das versuchte, ist die Begründung einer Philosophie, die sowohl als erste Philosophie wie auch als erste Wissenschaft auftreten kann. Oder anders gesagt: er will eine neue Wissenschaft auf philosophischem Boden begründen. Dabei stellt er sich nicht so etwas wie eine experimentelle Philosophie vor, wie es ja die heutige (Natur-) Wissenschaft eigentlich ist, sondern eben eine Phänomenologie, welche bloss die Phänomene beschreibt (also: eine rein deskriptive Wissenschaft und keine normative Wissenschaft). Die aposteriorische Wissenschaft gehe von Vorurteilen und Annahmen aus, deshalb postuliert Husserl eine apriorische Wissenschaft (also eine, welche der Sinneserfahrung vorausgeht). Das ist das wesentlichste Merkmal des Rationalismus, und damit landen wir wieder einmal (zu dieser Zeit) beim alten Streit zwischen Empirismus und Rationalismus. Was Husserl hier tut, ist ein Versuch, den Empirismus auszuschalten zugunsten eines phänomenologischen Rationalismus. Das ist sicher verständlich als Reaktion einer enttäuschten Philosophie, welche ihre Deutungshoheit an die Wissenschaft verloren hat, aber es ist nicht legitim gegenüber der Wissenschaft, die sich so begründet hat, wie sie sich begründen musste. Für die reine Philosophie ist das Projekt natürlich trotzdem interessant (und vielleicht trotzdem irgendwie doch für die Wissenschaft auch): kann Husserl wenigstens eine erste Philosophie begründen? Dies ist traditionell, und wohl auch aus gutem Grund, der Metaphysik (und Ontologie) gegeben. Das geht also wohl auch eher nicht - jedenfalls nicht ohne Konflikt mit der eigentlich ersten Philosophie. Kann er wenigstens eine rein (und streng) wissenschaftliche Philosophie begründen? Ein grosser Traum der Philosophie seit der Begründung der neuzeitlichen Wissenschaft, natürlich. Immerhin stellt er bedeutend die Frage: was ist überhaupt eine wissenschaftliche Philosophie, oder eine Philosophie als Wissenschaft? Husserl versucht also nicht, die Wissenschaft einem reinen Logizismus zu unterstellen (wie Frege) oder sie der empiristischen Wissenschaft anzuhähern (wie Avenarius und Mach), sondern er versucht eine Philosophie als Wissenschaft zu begründen. Im Zentrum dieser husserlschen Philosophie als Wissenschaft steht der Begriff des Phänomens. Husserl zielt damit nicht auf das Ganze, sondern - wie die realexistierende Wissenschaft - auf das Einzelne, aber nicht auf einen Untersuchungsgegenstand, sondern auf das Phänomen. Das Phänomen kann als das Erscheinende alles sein, was ist bzw. eben erscheint. Und nach Husserl gilt für alle Unterscheidungen dieselbe Wissenschaft - er macht also keinen Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften (wie es Aristoteles tat, und wie es auch die heutige Wissenschaft noch immer tut [wenn auch nicht mehr so streng, trotzdem eigentlich ohne wissenschaftliche Auflösung]). Diese Wissenschaft bzw. Philosophie als Wissenschaft hat drei zentrale Eigenschaften: sie benützt die Apriorität als Ausgangsidee und die Deskription als Methode, und sie will das Fundament aller anderen Wissenschaften sein oder werden. Beeinflusst ist Husserl v.a. von Brentanos deskriptiver Psychologie, natürlich ist er aber eben auch nicht bereit, die philosophischen Belange an die Psychologie abzugeben*, sondern stellt sich einem Psychologismus entgegen. Was er betreiben will, ist reine Philosophie. Von Brentano übernimmt Husserl aber auch den Begriff der Intention und die Bedeutung der Intentionalität, welcher der zentrale Begriff in der Phänomenologie von Husserl ist. Das heisst: dass unser Bewusstsein immer auf etwas gerichtet ist. Die Intention der Phänomenologie ist also die Deskription der Phänomene. Das Projekt von Husserl ist zwar höchst interessant, wie stilistisch trocken es auch immer daherkommen mag, aber doch im Allgemeinen bereits irgendwie schon wieder ein bisschen versandet (nachdem die Theorie von Husserl v.a. in Frankreich relativ grosse Wellen warf [mit Lévinas, Sartre, Foucault oder Derrida beteiligten sich immerhin die bedeutendsten französischen Philosophen der Nachkriegszeit daran]), obwohl sich gerade die Ontologen wie Heidegger und Sartre (aber auch N. Hartmann oder Edith Stein) dem Thema bedeutend angenommen haben, während Gadamer die Hermenutik begründete (die Theorie der Interpretation von Texten und des Verstehens, in welcher der Sinn in einer Zeichenwelt ergründet werden soll). Nach Husserl haben nur die biologischen Wesen einen Sinn; die Sinnhaftigkeit bezeichnet Husserl als materielle oder regionale Ontologie (Husserl sieht in dieser den Gegenstandssinn und die Grundlage der Wissenschaft). Heidegger wendet sich der Fundamentalontologie zu, Sartre versucht den Spagat von einer phänomenologischen Ontologie (was mehr oder weniger gut gelungen erscheint, wie interessant es auch immer ist). Mein Fazit zur Phänomenologie: ich finde das Projekt sehr interessant, befürchte aber, dass es die Philosophie und die Philosophen ein bisschen überfordert (ebenso wie mein ursprünglicher Traum von einer ontologischen Wissenschaft - siehe: in meinem ersten Buch - wohl die Wissenschaftler der heutigen Zeit ein bisschen überfordert**), so dass wir wohl weiterhin mit der einfachen und natürlichen, komplexen und vielfältigen Philosophie als Wissenschaft (und mit der Wissenschaft, wie sie sich nun einmal begründet hat, und wie sie nun einmal begründet ist [was nicht perfekt ist, aber auch nicht ganz falsch, wenn auch immer verbesserungsfähig im Rahmen des Gegebenen]) vorlieb nehmen müssen. Für die Wissenschaft selber ist die Phänomenologie praktisch ohne Bedeutung geblieben (eine sehr geringe Bedeutung hat die Phänomenologie insbesondere etwa auch in der gesamten US-Philosophie [Ausnahmen: Schütz oder Voegelin]).

* Das Problem der aufkommenden Psychologie betraf also nicht nur die Wissenschaft, in welcher die klassische Subjekt-/Objekt-Scheidung in Frage gestellt war, sondern auch die Philosophie, in welcher die Hoheit des Geistes in Frage gestellt war (siehe: Klages). Die Psychologie war sowohl der Grund für die Neubeurteilung der Wissenschaftstheorie wie auch für die philosophische Phänomenologie. Der Begriff des Phänomens umfasst alle Phänomene: naturwissenschaftliche wie geisteswissenschaftliche wie psychologische (insofern die Psychologie zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften liegt, wie die Seele zwischen Körper und Geist liegt [und zwischen diesen vermittelt]). Die klassische Phänomenologie hat natürlich u.a. das Problem, dass sie diese Unterscheidung nicht macht - bei ihr liegt jedes Ph&aum;nomen auf der selben Ebene, und daher bekommt sie ein Problem in der Differenzierung von Geistes- und Naturwissenschaften.

** Vielleicht müsste man darüber hinaus sogar noch die Ontologie und die Phänomenologie verbinden zu einer ontophänomenologischen Wissenschaft - eine Wissenschaft vom Daseienden und Erscheinenden. Aber das ist viel zu weit vorgegriffen: zuerst müssen wir die Ontologie viel genauer begreifen, und dies war meine Aufgabe, dann müssen wir die Phänomenologie viel genauer begreifen, und dann erst können wir die beiden Richtungen mit der Wissenschaft (als dialektischer Lösung zwischen den Richtungen vom Empirismus und dem Rationalismus) verbinden. Dies würde ich als eine philosophische Aufarbeitung der Wissenschaften bezeichnen, welche sich zu weit von der Philosophie entfernt haben (eine gewisse Distanz zu den beiden ist natürlich, aber sie sollte auch wiederum nicht zu gross sein [das gilt auch für die Beziehung der Philosophie mit der Religion/Theologie - besonders in der ontologischen Philosophie]).


Relativistisches Weltbild von Einstein in der Physik (Zur Elektrodynamik bewegter Körper [Spezielle Relativitätstheorie], 1905 [Essay (in den Annalen der Physik)]; Über das Relativitätsprinzip und die aus demselben gezogenen Folgerungen, 1907 [Essay]; Über den Einfluss der Schwerkraft auf die Ausbreitung des Lichtes, 1911 [Essay]; Entwurf einer verallgemeinerten Relativitätstheorie und einer Theorie der Gravitation, 1913 [Essay]; Nordströmsche Gravitationstheorie vom Standpunkt des allgemeinen Differentialkalküls, 1914 (Essay); Die formale Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie, 1914 [Sitzungsbericht]; Zur allgemeinen Relativitätstheorie, 1915 [Sitzungsbericht (je Preussische Akadamie der Wissenschaften); Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie, 1916 [Essay]; Über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie, 1916 [Beschrieb: möglichst exakte Einsicht für einen allgemeinen Leserkreis auf Maturitätsbildungsniveau]) und Relativitismus in der Philosophie (Feyerabend, 1975/1976 [Against Method: Outline of an Anarchist Theory of Knowledge (dt. Wider den Methodenzwang); Science in a Free Society (dt. Erkenntnis für freie Menschen)]). Wenn ich an Einstein denke, und ich denke nicht selten an ihn, dann sehe ich die totale und absolute Relativität vor mir, in welcher alles relativ ist - was gleichzeitig bedeutet, weil von einem Alles die Rede ist, dass alles absolut ist (Gott würfelt nicht). Ich habe Einstein nie ganz verstanden, und ich werde ihn nie ganz verstehen - und das Gleiche gilt auch für seine Theorie. Ich kann das nicht ganz verstehen. Ich habe einige Versuche gewagt, es verstehen zu wollen, aber es ist mir nie ganz und gar gelungen. Vielleicht kommt das auch daher, dass es im Web viele Beispiele gibt zur Relativität, die so, wie sie vorgebracht werden, nicht ganz stimmig sind. Eine der grössten Fragen für mich: wieso meinte Einsein, dass (ausser ihm) nur wenige diese Theorie verstehen könnten. Eine wissenschaftliche Theorie zielt doch auf die Allgemeingültigkeit, und eine Allgemeingültigkeit setzt doch auch eine Allgemeinverständlichkeit voraus. Jeder kann nun sagen, dass ein Philosoph vielleicht halt doch nicht ein gleiches physikalisches Verständnis haben kann wie ein Physiker, und dieses Argument ist für mich im Momentum auch in Ordnung. Ich sage nicht, dass man dies nicht verstehen kann, ich sage nur, dass ich das nicht verstehe. Ich verstehe auch nicht, warum die Frau (Mileva Maric) des grössten Physiker dieser Zeit, welcher vom Time-Magazin zur Person des Jahrhunderts gewählt wurde (es gab keine andere Möglichkeit oder Person dafür), und welcher von manchen als das grösste Genie der Welt betrachtet wird seit Leonardo da Vinci, die wesentlich bessere Mathematikerin gewesen sein soll als Einstein selber, dessen Theorie ja zu einem sehr grossen Teil aus mathematischer Beweisführung besteht. Und ich verstehe sehr vieles nicht rund um diese Theorie herum, bis zu den Worten von Einsteins poetischem Sohn Eduard, welche er in einer Psychiatrischen Anstalt geschrieben hat: Ahnt, wie ich einsam sterbe (Worte, die einen verfolgen können bis in die tiefste Unendlichkeit hinein). Das ist für mich alles sehr unverständlich. Offenbar hat diese Theorie etwas, was sogar mich berührt und interessiert, und offenbar hat sie sogar eine Weltformel hervorgebracht (E = mc2), die mir irgendwie (sogar mystisch) einleuchtet, und trotzdem fehlt mir das allerletzte Verständnis für das alles. Oder anders gesagt: ich kann das drehen und wenden, wie ich will, Einstein bleibt für mich ein Mysterium - das grösste Mysterium der Wissenschaft, welches in der Wissenschaft selber nicht Mysterium ist, sondern eben reine Wissenschaft. Was spielte auch die Akademie Olympia, eine kleine Verbindung von drei damals sehr unscheinbaren Studenten (Einstein selber, Maurice Solovine [Philosoph und Übersetzer] und Conrad Habicht [Mathematiker und Physiker]) für eine Rolle in diesem ganzen Bezug (in den Jahren 1901 bis 1904 - Einstein musste genau in dieser Zeit direkt auf dem Weg zur Publikation der Relativitätstheorie gewesen sein, und er hat sie noch 1953 in den USA, zwei Jahre vor seinem Tod, gross gewürdigt)? In einem Mysterium wird man vieles suchen und wenig - dafür aber Wichtiges - finden. Einstein hat fast keine physikalischen Bücher geschrieben, praktisch alle seine grossen Theorien hat er in Essays, zumeist in Fachzeitschriften, veröffentlicht, dazu gibt es viele Aufzeichnungen von Vorträgen. Das grosse Buch gibt es von ihm nicht, und er hatte keine solche Ambition. Die Relativitätsprinzip, welches mit ein bisschen weniger grossem Wirbel eigentlich schon von Galilei aufgebracht wurde, der feststellte, dass sich die Gegenstände auf dem Aussendeck fortbewegten, wie man am Horizont feststellen kann, während die Gegenstände in einer Schiffskajüte auf dem selben Schiff in Ruhe zu verharren scheinen. Es handelt sich um einen reinen Unterschied vom Standort des Beobachters - und Einstein spielt in seinen Beispielen mit unterschiedlichsten Beobachtern und Standpunkten. Dagegen gab es in der klassischen Physik nur einen Standpunkt - jenen des einen und einzigen Forschersubjekts. Bedeutend war in der Entwicklung der Relativitätstheorie die Überwindung der alten (Licht-) Äthertheorie (siehe oben) bis zur Erhebung des Relativitätsprinzips (1900, 1904), der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (1898, 1904) und der Relativität der Gleichzeitigkeit (1898, 1990) durch Poincaré. Dieser gilt als Mitbegründer der Speziellen Relativitätstheorie, er hielt jedoch an der Äthertheorie fest, die Einstein dann verwarf. Was es in der ganzen Entwicklung der Relativitätstheorie mit der Lorentz-Transformation, dem Michelson-Morley-Experiment, der Poincaré-Spannung oder der Minkowski-Raumzeit genau auf sich hat, u.a., das sind eben Dinge, die sich mir u.a. nicht so ganz erschliessen wollen. Die Relativitätstheorie bleibt für mich ein Wissen ohne Verstehen bzw. mit geringem Verstehen. Ich will die Dinge genau verstehen, wenn schon, und müsste daher Physik studieren, um das zu begreifen und durchschauen zu können. Das erste wissenschaftliche Relativitätsprinzip überhaupt findet sich übrigens in den Reden Buddhas, wo Blinde einen Elefant ertasten müssen, wobei jeder je nach seinem Standort einen anderen Teil des Elefanten ertastet und eine andere Vorstellung vom Elefanten hat. Das ist genau das, was auch die Relativitätsprinzipien von Galilei und Einstein sagen. Und was hier als Gedankenexperiment daherkommt ist eigentlich ein verkapptes wissenschaftliches Experiment. Dieses Gleichnis kommt im Buddhismus ebenso vor, wie im Hinduismus, Jainismus und Sufismus - daher kann nicht geklärt werden, wer nun wirklich der Erfinder des wissenschaftlichen Experiments ist. (P.S. Ich gebe noch nicht ganz auf, was Einstein begrifft und versuche die Zusammenhänge der Relativitätstheorie für diese Arbeit hier noch einmal zu begreifen - mein dritter Versuch; vielleicht klappt's diesmal.)


Logischer Empirismus (aka Neopositivismus - Schlick, 1911/1928/1929/1931/1931/1932/1934/1929 [Das Wesen der Wahrheit nach der modernen Logik; Allgemeine Erkenntnislehre; Erkenntnistheorie und moderne Physik; Philosophie und Naturwissenschaft (Vortrag); The Future of Philosophy (Vortrag); A New Philosophy of Experience (Vortrag); Positivismus und Realismus (Essay); Über das Fundament der Erkenntnis (Essay)]; Carnap, 1923/1926/1928/1928/1929/1931-1932/1931-1932/1932-1933/1943/1950/1969 [Über die Aufgaben der Physik und die Anwendung des Grundsatzes der Einfachstheit; Physikalische Begriffsbildung; Der logische Aufbau der Welt; Scheinprobleme in der Philosophie: Das Fremdpsychische und der Realismusstreit; Wissenschaftliche Weltauffassung - der Wiener Kreis (zusammen mit Neurath); Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache (Essay); Die physikalische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft (Essay); Psychologie in physikalischer Sprache (Essay); Formalization of Logic; Logical Foundations of Probability; Philosophical Foundations of Physics]; Feigl, 1929/1969 [Theorie und Erfahrung in der Physik; The Wiener Kreis in America (Essay)]; Neurath 1931 [Empirische Soziologie: Der wissenschaftliche Gehalt der Geschichte und Nationalökonomie]; Hempel, 1936/1945/1952/1959/1966 [Der Typusbegriff im Lichte der neuen Logik (zusammen mit Paul Oppenheim); Studies in the Logic of Confirmation (Vortrag); Fundamentals of Concept Formation in Empirical Science; The Logic of Functional Analysis; Philosophy of Natural Science]; Reichenbach, 1938/1948 [Experience and Prediction: An Analysis of the Foundations and the Structure of Knowledge; Rationalism and Empiricism: An Inquiry into the Roots of Philosophical Error (Essay)]; Kraft, [1904/1912/]1950/1960/1968 [[Das Problem der Aussenwelt; Weltbegriff und Erkenntnisbegriff;] Der Wiener Kreis: Der Ursprung des Neopositivismus; Erkenntnislehre; Die Grundlagen der Erkenntnis und der Moral]) sowie Wahrheitsbegriff und das Ende der Philosophie bei Heidegger (Aletheia, 1964 [Essay]; Das Ende der Philosophie und die Aufgabe des Denkens, 1966 [Essay]). Der Wiener Kreis und sein Logischer Empirismus ist gleichzeitig ein weites wie ein enges Feld. Einerseits besteht die Theorie auf einer versimplizierten Verengung, andererseits zeichnete dieser Kreis sich durch ein ausgesprochen umtriebiges Publizieren aus. Vor allem aber steht der Wiener Kreis im Brennpunkt der Verlagerung der (vor-) analytischen Philosophie von Deutschland in die USA. Man kann sagen, dass damit - aufgrund der Vorkommnisse rund um den Zweiten Weltkrieg - eine Minderheitsphilosophie von Deutschland in die USA ausgewandert und dort zu einer Mehrheitsphilosophie geworden ist (ähnlich fast wie die ersten britischen Siedler in den USA ab 1620, die ihr Ursprungsland aufgrund einer religiösen Verfolgung verlassen hatten). Aus dieser Konstellation heraus hat sich auch ein bis heute andauernder Gegensatz zwischen der Philosophie der USA sowie jener Deutschlands und des gesamten europäischen Festlands ergeben, ebenso wie sich der alte Gegensatz zwischen der Philosophie des europäischen Festlands und jener Grossbritanniens verstärkt hat. Das sind nur, aber immerhin interessante Details am Rande des Philosphie- und Wissenschaftsgeschehens (und vielleicht sogar des heutigen Politgeschehens [wobei man den Einfluss der heutigen Philosophie auf die heutige Politik auch nicht überbewerten sollte - wie schon Heidegger sagte: dass die Philosophie die Welt nicht mehr verändern werde]). Vorläufer des Logischen Empirismus sind der Empiriokritizismus von Avenarius und Mach und letztlich die Logik von Frege (siehe je: oben), welcher die zentrale Figur in dieser logisch-analytischen Minderheitsphilosophie in Deutschland war. Logizistische (bzw. Formallogische) und empiristische Anliegen korrespondierten nicht immer bei allen Autoren dieser ganzen Bewegung, welche die gesamte nachfolgende analytische Philosophie in Deutschland, Grossbritannien und den USA umfasste, gleichermassen, aber beide waren bestimmend für die gesamte Entwicklung dieser Bewegung; dabei zeichnete gerade den Wiener Kreis, am Anfang dieser Bewegung aus, dass er praktisch sämtliche Wissenschaftsgebiete umfasste (wenngleich auch hier wieder etwa die Ökonomie [v.a. mit Neurath] etwa einen Vorteil hatte gegenüber der Psychologie, obwohl Schlick, der Begründer der Bewegung, auch zwei Jahre Psychologie studiert hatte; die Bewegung war jedoch letztlich in ihren wissenschaftlichen wie auch in ihren politischen Bezügen nicht allzu logisch strukturiert). Es macht hier keinen grossen Sinn, einzelne Schriften aus diesem Programm zu kommentieren, daher lasse ich das im allgemeinen auch sein. Interessant für mich ist v.a. Carnaps Welterklärung (Der logische Aufbau der Welt, 1928 - eine sprachlogische Erhebung von Eigenpsychismus [vgl. Descartes] und eine empiristische Rekonstruktion der Wissenschaft), welche ein paar Jahre später von N. Hartmann gekontert wurde (Ontologie, 1935-1950 [4 Bände], Band 3: Der Aufbau der realen Welt - Grundriss der allgemeinen Kategorienlehre); auch nicht ohne Schwächen, aber im Ansatz doch richtig und notwendig (vereint man Sein und Handeln, kommt man zu meinem Ansatz). Eine andere Schrift von Carnap wandte sich deutlich gegen die Seinsphilosophie (Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache, 1932) - v.a. gegen Heideggers sprachkreative und -spekulative Art des Philosophierens. Ich betrachte es als Schwäche der logizistischen Richtung, dass sie sich (zumindest anfangs) so stark gegen die Ontologie wandte. In der nachfolgenden analytischen Philosophie gab es bedeutende Philosophen, welche sich positiver mit der Ontologie beschäftigten, darunter etwa Quine (welcher immerhin auch schon zum erweiterten Kreis der Besucher des Wiener Kreises gehörte) und Armstrong. Ist es aber nicht legitim, die Philosophie der Wissenschaft (welche sich in der klassischen Form - ausser in der Wissenschaft der Philosophie eben - nicht mit dem Sein, sondern ausschliesslich mit dem Wesen der Dinge beschäftigt) näher zu bringen? In meinem Sinn dann nicht, wenn die Philosophie dabei (durch einen Philosophen quasi) verraten wird (dabei widerholte Carnap ja eigentlich nur die Ontologie-Kritik von Kant, aber trotzdem). Ich meine, dass in dieser Bewegung der in der Philosophie notwendige Ausgleich verfehlt wurde (so hiess etwa eine bedeutende Buchreihe des Wiener Kreises: "Schriften zur wissenschaftlichen Weltauffassung" [1928-1937], wozu übrigens auch Poppers Hauptwerk gehörte [das ist durchaus in Ordnung - fragwürdig ist die Art und Weise, wie diese Bewegung mit ihrem riesigen Einfluss in den USA die ganze Philosophie auf den Kopf stellte, und zwar nicht auf einen philosophischen Kopf, sondern auf einen wissenschaftlichen Kopf]). Freilich für die Wissenschaft ist diese Bewegung interessant, und daher ist sie auch hier so bedeutend vertreten. Die meisten Vertreter dieser Bewegung waren keine reinen Philosophen, sondern Wissenschaftler und Wissenschaftstheoretiker, aber es hat doch auch einige bedeutende Philosophen darunter (und in der analytischen Philosophie verlagerten sich die Diskussionen ganz und weit in die Philosophie hinein). Wie gesagt: man muss und darf das als eine wissenschaftliche Bewegung sehen, in welcher auch Philosophen mitmachten, denen es leider nicht gelungen ist innerhalb dieser Bewegung für den notwendigen Ausgleich und Unterschied zu sorgen. Und trotzdem war es eben mit Popper letztlich ein Philosoph, welcher das bedeutendste Werk dieser Epoche in Bezug auf die Wissenschaftstheorie herausgebracht hat. Und warum setze ich nun hier Heidegger in Bezug zu dieser Bewegung? Weil er eben vom Ende der Philosophie und der Aufgabe des Denkens sprach. Heideggers Wendungen gehören zu den skurrilsten und interessantesten in der ganzen Philosophiegeschichte, auch hier wieder einmal: geben wir die 'Philosophie' auf (wie sie heute betrieben wird), und fangen wir an, zu denken. Ich sage natürlich: nein - lassen wir die Philosophie sein, und versuchen wir, trotzdem zu denken (über die Religion/Theologie, über die Philosophie, über die Wissenschaft, und überhaupt). Am Ende dieses Abschnitts kann man sich die Frage stellen: braucht denn die Wissenschaft überhaupt eine wissenschaftliche Philosophie, um Wissenschaft betreiben zu können? Und dies in einer Zeit, in welcher die Wissenschaft bereits seit langer Zeit der dominierende Bereich ist. Ich sage: jein. Wenn die Wissenschaft eine wissenschaftliche Philosophie braucht, dann nicht eine, welche sich der Wissenschaft bloss anbiedert, oder welche eine reine Philosophie zurückdrängen will, die sowieso nur noch eine geringe Wirkung hat, sondern eine, welche ihr neue Impulse verleiht.


(Philosophischer) Holismus (Smuts 1926 [Holism and Evolution]; Haldane 1931/1935 [The Philosophical Basis of Biology; The Philosophy of a Biologist]; Meyer-Abich, 1940 [Hauptgedanken des Holismus (Essay)]; Quine, 1951 [Zwei Dogmen des Empirismus (Erkenntnistheoretischer Holismus)]) und Emergenztheorie (Lewes, 1875 [Problems of Life and Mind]; Alexander, 1920 [Space, Time and Deity]; Morgan, 1923/1933 [Emergent Evolution; The Emergence of Novelity]) sowie Systemtheorie (Bertalanffy, 1949/1950/1969 [General System Theory (Essay); The Theory of Open Systems in Physics and Biology (Essay); General System Theory: Foundations, Development, Applications - weitere Vertreter: Holland, 1962/1970/1995 (Outline For a Logical Theory of Adaptive Systems [Essay]; Hierarchical Descriptions, Universal Spaces, and Adaptive Systems [Essay]; Can There Be a Unified Theory of Complex Adaptive Systems [Essay]). Der Holismus (auch: Ganzheitslehre), dessen wesentlichstes Merkmal ist, dass er das Ganze betrachtet (oder betrachten möchte), steht der Wissenschaft eigentlich diametral entgegen, und genau deswegen müssen wir ihn hier nennen. Die Wissenschaft versucht durch Experimente unter Laborbedingungen - weil meistens keine Feldversuche möglich sind - einzelne bis winzige Ausschnitte aus dem Ganzen herauszunehmen, um damit ein ganz konkretes Phänomen zu beobachten und zu erklären. Die Wissenschaft betrachtet also das Einzelne, und das Ganze der Wissenschaft fügt sich dann wie zufällig zu einem (Pseudo-) Ganzen zusammen. Der Holismus geht dagegen vom Ganzen aus - bleibt aber meistens auch darin stehen. Während die Wissenschaft Mühe hat, das Ganze zu berücksichtigen, hat der Holismus Mühe, das Einzelne zu berücksichtigen - und wieder stecken wir fest in einem scheinbar unauflöslichen Gegensatz. Smuts kreierte den Begriff des Holismus, verwies aber auf die mystische Erkenntnis alter Kulturen. Smuts und Haldane stellten die Holismustheorie gemeinsam auf. Smuts meinte, dass nicht nur, dass es ein wesentliches Ganzes gibt, sondern: dass alle Daseinsformen danach streben ganz zu sein. Er sprach von altem Ganzen und neuem Ganzen, welches sich in einer schöpferischen Evolution der emergenten Selbstorganisation entwickelt. Der Holismus ist nach ihm die schöpferische Ursache des gesamten Evolution. Haldanes methodischer Holismus bestreitet, dass sich aus dem Verhalten der einzelnen Teile das jeweilige Ganze vollständig erklären lässt (bekannt geworden ist die Formel: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile). Haldane richtete sich ebenso gegen den mechanischen Monismus wie gegen den vitalistischen Dualismus. Nach dem erkenntnistheoretischen Holismus in der Duhem-Quine-These können einzelne Beobachtungen und Experimente nie einfach nur verifiziert oder falsifiziert werden, sondern es gibt immer auch noch andere Theorien und Möglichkeiten, welche in die Debatte einbezogen werden müssen. Das erscheint wohl letztlich irgendwie wahr zu sein - andererseits versucht die Wissenschaft mit möglichst einfachen Methoden einen möglichst grossen Wert an brauchbarer Erkenntnis zu erzeugen. Wenn man immer nur im Grossen und Ganzen herumschwimmt, kann man sich vermutlich nie auf ein Einzelnes festlegen und damit eine positive Erkenntnis ausserhalb des Grossen und Ganzen gewinnen. Interessant: sowohl Smuts und Haldane wie auch Bertalanffy (Systemtheorie) und Lovelock (Gaia-Theorie) mit ihren verwandten Theorien - wie übrigens auch Haeckel, welcher den Begriff der Ökologie prägte - waren im engeren oder weiteren Sinn Biologen. Man kann also sagen, dass die Ganzheits-, System- und Ökosache aus der Wissenschaft der Biologie herauskommt, wiewohl ich sie hier als philosophische Theorie bezeichne (Smuts beschäftigte sich auch mit Naturphilosophie). Die bedeutendsten Vertreter der Systemtheorie neben Bertalanffy waren etwa Maturana und Varela (Autopoiesis) oder Kauffman (Selbstorganisation) in der Biologie oder auch Radcliffe-Brown (Strukturfunktionalismus), Parsons (dito) oder Luhmann (Soziologische Systemtheorie) in der Soziologie (in einer historischen Betrachtung geht der Systembegriff etwa auf Lambert und Herder zurück). Verwandt mit dem Holismus und der Systemtheorie ist auch die Emergenztheorie. Emergenz bedeutet die Möglichkeit von höheren Strukturen mit neuen Eigenschaften in einem System aufgrund des Zusammenwirkens von dessen Elemente. Lewes, welcher den Begriff begründete, erklärte damit das Bewusstsein, indem er die komplexeren, bewussten Funktionen des Nervensystems von den elementareren, unbewussten Funktionen unterschied. Alexander und Morgan betrachteten das Bewusstsein als ein evolutionäres Phänomen.


Astrophysikalische Ersterklärung: Urknall-Theorie (Lemaître, 1931; Hoyle, 1949) und moderne Astrophysik. Lemaître erklärte seine Theorie 1931 - vier Jahre zuvor schon hatte er die Expansion des Universums festgestellt (zwei Jahre vor Hubble, wiewohl er seine Theorie aus den Messdaten von Hubble herausgelesen hat). Er meinte, dass ein auseinandergebrochenes Uratom, in welchem die ganze Materie der Welt zusammengepresst war, für die Expansion verantwortlich sei: die Materie sei so quasi in die Welt hinausgeschleudert worden und habe dann das heutige Planetensystem begründet - den Begriff des Urknalls kreierte Hoyle erst 1948 (eher abschätzig, denn er selber glaubte nicht an den Urknall und sprach sich sogar in einer speziellen Radiosendung dagegen aus). Lemaître war nicht nur Astrophysiker, sondern auch katholischer Theologe. Die Kirche hatte jedoch kein Problem mit ihm, obwohl seine Ursprungserklärung von einem reinen Materialismus ausgeht, ganz im Gegenteil: 1940 wurde er aufgrund seiner wissenschaftlichen Leistungen in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften berufen. Vielleicht war dem Vatikan ein Urknall lieber als ein Universum, welches schon immer dagewesen ist, oder eines, welches aus dem Nichts heraus entstanden ist (andere wissenschaftliche Theorien vom Ursprung des Weltalls). Was denn aber vor dem Urknall war, das liess Lemaître offen - wie die meisten religiösen Wissenschaftler trennte er Wissenschaft und Religion strengstens - und diese Frage ist heute noch eben so offen wie damals. Das Periodensystem der Elemente lässt ja durchaus eine kontinuierliche Entwicklung der Materie aus einem Uratom durchaus als plausibel erscheinen (wie ich in meinem ersten Buch geschrieben habe), und doch ist die Urknalltheorie eigentlich eine reine Hypothese? Könnte es auch sein, dass das Universum lebendig (eher unwahrscheinlich, aber auch nicht gänzlich auszuschliessen) - oder sonst ein Teil von etwas Grösserem - ist und sich daher bewegt? Wir können es letztlich nicht wissen, denn wir wissen nicht, was das Universum eigentlich ist. Trotzdem hatte die Physik mit der Urknalltheorie nun eine Ersterklärung, welche bis heute in der Wissenschaft allgemein akzeptiert ist. Das leichte Material ist im Urknall entstanden, das schwere Material durch Kernfusion in den Sternen (dies hatten die Urknallgegner - wie Hoyle - behauptet bzw. herausgefunden [für sie sind alle Atome so entstanden; heute gilt - wie nicht selten in der Wissenschaft - die Vereinigung der beiden Theorien - schon am Beginn der neuzeitlichen Wissenschaft steht ja eine solche, mit der Verbindung vom Empirismus und Rationalismus]).

-> Terra X: Der Urknall - Das Rätsel des Anfangs.

Ich habe eine ergänzende Theorie vom Urknall bzw. Uratom, welche ich davon ableite, dass subatomare Teilchen instabil zu sein scheinen (wie die Quantenphysiker herausgefunden haben). Dass beim Urknall quasi die Zeit still steht und wir daher nicht in die Zeit davor schauen können (weil es davor gar keine Zeit gab) überzeugt mich wenig (ebenso wenig wie eine Schöpfung aus dem Nichts heraus; hier wird quasi gesagt: aus einer Nicht-Zeit heraus - philosophisch gehe ich nachwievor davon aus, dass die Raumzeit vor allem Daseienden steht bzw. angelegt ist: das Sein kommt ins Dasein durch die Raumzeit bzw. deren Idee hindurch [ob von Schöpferhand oder nicht]). Es wäre zu leicht, wenn wir einfach vor dem Urknall die Zeit anhalten könnten, damit wir darüber hinaus keine Fragen mehr stellen bzw. zulassen müssten. Wenn wir an die Entstehung des Universums nach Lemaître glauben: dass dieses also in einem kleinen bzw. kleinsten Punkt* entstanden ist, dann müsste dieser kleine Punkt die einfachste Form von atomarer Materie gewesen sein (mit leichter Materie, also: Wasserstoff und Helium, oder sogar nur Wasserstoff, oder auch nur instabile Materie [falls sich das Uratom sogar unmittelbar beim Urknall gebildet hätte (was dann vermutlich sogar die logischste Theorie wäre: der Urknall wäre somit der Moment der Bildung des Uratoms aus der unstabilen Materie heraus, z.B. durch überschüssiges Material und/oder überschüssige Energie - diese wäre dann auch verantwortlich für die weitere Ausdehnung des Universums [denn je mehr Materie entsteht, desto mehr überschüssige Energie entsteht dabei - diese Theorie könnte bedeuten, dass die Ausdehnung des Universums irgendwann einmal verlangsamt wird (und sie liefert ebenfalls eine (andere) Erkl¨rung für die Hintergrundstrahlung]; grundsätzlich wären jedoch drei Reaktionen für den Urknall denkbar: 1. Diffuse Reaktion zwischen instabiler Materie, 2. Bildung des ersten Atoms, 3. Erste Kernfusion zweier Atome [bei der Kernfusion wird zuweilen ebenfalls Energie abgegeben; allerdings findet diese nur bei sehr grosser Hitze statt (wie sie etwa in den Sternen vorliegt [es ist aber auch möglich, dass das Universum sich nicht nur ausdehnt, sondern auch abkühlt])] - logischerweise würden wir von der zweiten Möglichkeit ausgehen, wobei die dritte den Trend verstärkt haben könnte)]). Wenn das subatomare Material instabil ist, wie uns die Quantentheorie und weitere Untersuchungen subatomarer Materie nahelegen, dann wäre der erste Punkt nicht die erste Materie, sondern bloss die erste stabile Materie. Vor der ersten Materie und deren Urknall war also ein instabiles Universum bzw. ein Universum mit instabiler Materie (wobei wir hier nicht wirklich von Materie sprechen können, da wir unter Materie ja ein stabiles Ding verstehen [weil daraus aber Materie wird, spreche ich trotzdem bereits von 'Materie'**]). Es bliebe dann natürlich die Frage, wie die instabile Materie entstanden ist - mit dieser Frage können wir aber besser leben (weil diese Materie ja eben instabil ist), als mit einem Urknall und/oder einer Schöpfung aus dem Nichts heraus (wie es die klassische und traditionelle Universumsentstehungsforschung behauptet), weil wir dann in einem uranfänglichen Chaos - wie es schon die alten Griechen behauptet haben - wenigstens einen stabilen Ausgangspunkt haben. Natürlich ist das alles nur eine Spekulation, aber dort, wo die Wissenschaft noch keine wirklich überzeugende Auffassung liefern kann, sind wir eben gezwungen, weiter zu spekulieren.

* Die Vorstellung vom kleinsten Punkt ist auch in der Hinsicht interessant, als dass damit ein quasi mathematisches Universum beschrieben wird. Denn der Punkt ist ja in der Geometrie der Anfang von allem - aus ihm werden Geraden und Strecken, Flächen und Körper (dies habe ich in meinem ersten Buch dargelegt: in der Erwägung der Verbindung von Geometrie und Arithmetik; der kleinste Punkt, oder der Punkt überhaupt, ist ja auch identisch mit der Zahl Eins - mit zwei Punkten können wir eine Gerade und/oder eine Strecke bauen, mit drei Punkten ein Dreieck, was die erste Fläche ist, mit mehreren schliesslich weitere Figuren in der Fläche und die Körper im Raum).

** Hinter dieser ganzen Vorstellung vom Anfang und der weiteren materiellen Entwicklung der Welt steht natürlich die Vorstellung, dass im eigentlichen Anfang eine Ur-Energie war, welche sich in Materie umgewandelt hat (frei nach der Weltformel von Einstein - oder sagen wir: die Ur-Energie hat sich in der Materie manifestiert). Was diese Ur-Energie genau war, das können wir eben nicht mehr - oder: noch nicht - exakt wissen. Licht kann es übrigens nicht gewesen sein, da Licht ein (Abfall-) Produkt von einer physikalischen, chemischen oder physikalisch-chemischen - oder sogar (etwa bei Glühwürmchen oder Tiefseefischen) bio-physikalisch-chemischen - Reaktion ist (also muss die Urenergie vor dem Licht gewesen sein).


Kritischer Rationalismus von Popper (Logik der Forschung - Zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft, 1934/1935; siehe auch: Lakatos, 1976/1977/1978 [Proofs and Refutations - The Logic of Mathematical Discovery; The Methodology of Scientific Research Programmes: Philosophical Papers Volume 1; Mathematics, Science and Epistemology: Philosophical Papers Volume 2]; Albert, 1977/1991/1994/2000 [Kritische Vernunft und menschliche Praxis; Traktat über Kritische Vernunft; Einführung in den kritischen Rationalismus (Vorlesung); Kritischer Rationalismus]; Musgrave, 1991 [What is Critical Rationalism]; Watkins, 1992 [Wissenschaft und Skeptizismus]; Miller, 1994 [Critical Rationalism - A restatement and defense]). Die Theorie von Popper ist die bedeutendste der Wissenschaftstheorie im 20. Jahrhundert überhaupt, zumindest die bekannteste und populärste. Normalerweise verbinden wir damit, dass Popper die alte Wissenschaftstheorie durch das Falsifizierbarkeitsprinzip gestützt hat. Interessanterweise bezeichnete Popper seine Theorie als den Kritischen Rationalismus (und ein Kritischer Ismus meint meistens die Bestätigung des Ismus, inkl. seiner Grenzen oder Grenzabsicherungen), seine Methode aber als empirisches Falsifikationsprinzip. Das ist auf den ersten Blick ein bisschen verwirrend, da der Empirismus und der Rationalismus zwar einerseits die neuzeitliche und moderne Wissenschaft gemeinsam begründet haben (nichts bestätigt das dialektische Prinzip Hegels eindrücklicher), andererseits aber eben auch diametral entgegengesetzte Philosophien waren. Warum überhaupt die Falsifizierbarkeit? Die neuzeitliche Wissenschaft hatte mit Laplace einen Determinismus entwickelt (siehe oben - und sie glaubte, mit dem positivistisch-induktivistischen Schlussverfahren, demzufolge durch Beobachtung und Erfahrung eine Verallgemeinerung begründet werden kann, ohne weitere Zweifel Wahrheiten zu begründen). Selbst wenn man einen Determinismus nicht leibnitzianisch in der immer gegenwärtig bestmöglichen aller Welten erkennt, sondern in der Zukunft, ist die Falsifizierbarkeit in einem reinen Determinismus nicht inbegriffen, jedenfalls nicht implizit. Daher musste Popper, nachdem die Wissenschaft durch verschiedenerlei Umwerfungen nicht mehr garantiert erschien, die Falsifizierbarkeit explizit einführen. Das heisst: jede Theorie der Wissenschaft kann jederzeit falsifiziert werden. Das heisst: es gibt keine Theorie der Wissenschaft, die per se für immer und ewig gültig ist, sondern jede Theorie ist nur solange gültig, bis sie falsifiziert wird. Das ist die Logik der Forschung. Hübner ging noch weiter und führte eine Historische Systemmenge ein - das bedeutet, dass die Wissenschaft nur zeitbedingt sei. Das meinte aber Popper keineswegs. Es kann sehr gut ewige und absolute Erkenntnisse geben - diese zeichnen sich ganz einfach dadurch aus, dass sie nie wirklich und/oder richtig wissenschaftlich falsifiziert werden können. Das widerspricht also nachwievor dem philosophischen Skeptizismus und Relativismus - von Pyrrhon bis Feyerabend. Oder anders gesagt: auch wenn hier ein wissenschaftlicher Skeptizismus eingeführt wird, so führt das nicht zu einem philosophischen Relativismus, und das ist der Grund dafür, warum die Theorie von Popper unter Wissenschaftlern so erfolgreich gewesen ist (sie wurde eigentlich von keiner anderen Wissenschaftstheorie seither übertroffen - auch nicht etwa vom in der Wissenschaft auch relativ populären Radikalen Konstruktivismus von Glasersfeld). Popper hatte die Zeichen der Zeit sehr genau erkannt, und das ist eine der vortrefflichsten Eigenschaften von guter Philosophie (denn Popper ist ein Philosoph, wie es auch F. Bacon und Descartes, die ersten Wissenschaftstheoretiker, waren). Albert meinte: da die Vernunft fehlbar ist, müssen Theorien immer wieder der Kritik unterzogen werden (er meinte hier wohl den analytischen Verstand, denn die synthetische Vernunft ist sowieso immer fehlbar [es war aber eben in der Philosophie seit Kant gebräuchlich den Begriff der Vernunft sowohl für den Verstand wie auch für die eigentliche Vernunft zu verwenden, weil Kant den Verstand der Vernunft unterstellte (Kantische Wende)]).


Kybernetik von Wiener (Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine, 1948 - weitere Vertreter: Ashby, 1947/1954/1956/1956/1962 [Principles of the Self-Organizing Dynamic System (Essay); The Applications of Cybernetics to Psychiatry (Essay); The Effect of Experience on a Determinate Dynamic System (Essay); Introduction to Cybernetics; Principles of Self-Organizing Systems (Essay)]; McCulloch, 1969 [Recollections of the Many Sources of Cybernetics (Essay)]). Kybernetik, der Begriff, der im englischen Original Cybernetics heisst, stammt vom Griechischen (kybernétes = Steuermann); aus ihm wurde der Cyber-Begriff abgeleitet (ursprünglich ein Begriff für Grossrechner der Control Data Corporation, später ein Oberbegriff für Anwendungen der virtuellen Realität [z.B. Cyberspace]). Kybernetik ist vielleicht ein Begriff, welcher bisher etwas weniger gehalten hat, als er anfangs einmal versprach. Besonders in der New-Age-Philosophie der 1980-er Jahre lag dieser Begriff noch sehr im Trend. Bedeutend war er aber v.a. in der Computerarchitektur und Informatik. 1943/44 orgenisierten Wiener und der Computerarchitekt Neumann ein Treffen mit Ingenieuren, Neuowissenschaftlern und Mathematikern zu den Themenkreisen von menschlichem Verhalten, Nachrichtenübertragung, Regelungstechnik, Entscheidungs- und Spieltheorie und statistische Mechanik in Princeton (USA). Neumann arbeitete auch sonst mit der Kybernetik Wieners. Seit den 1940-er Jahren ist Kybernetik ein Fachgebiet, welches in der Wissenschaft als transdisziplinärer Ansatz hier und dort eine gewisse und/oder bestimmte Rolle gespielt hat. Doch worum geht es denn dabei eigentlich? Kurz gesagt: um Steuerung und Regelung. Wiener selbst definierte die Kybernetik als wissenschaftliche Untersuchung der Kontrolle und Kommunikation im Tier und in der Maschine, wie aus dem Titel seines Hauptwerks hervorgeht - letztlich geht es um Steuerung und Regelung von maschinellen und sozialen Einheiten in Regelkreisen mit der Rückkoppelung durch Kommunikation und Beobachtung. Der Clou des Systems ist, dass es selbstregulierend ist. Der Begriff der 'feedback loops' ist zu einem Begriff geworden, welche v.a. auch Futuristen bis heute gerne verwenden (Silva: 'We can experience design and induce and design our cities and our social systems with positive self reinforcing feedback loops that teach flow to make flow an enate natural emergence [and then everything will be possible]' [hier etwa tritt die Rückkoppelung - in Verbindung mit der Flowtheorie - als Mittel letztlich zur Verbesserung der Welt auf; das schliesst in einer kleinen Retrospektive fast nahtlos an die New-Age-Philosophie der 1980-er Jahre an (in dieser Hinsicht sprach ich auch davon, dass die Kybernetik (bisher) nicht ganz so viel gehalten hat, wie man sich von ihr versprach [idealistischerweise])]). Im Zusammenhang mit der Systemtheorie wird die Kybernetik sicher auch in der Wissenschaft der Zukunft eine gewisse Rolle spielen, deswegen betrachte ich ihn hier als relevant, im Rahmen einer wissenschaftstheoretischen Diskussion. Was würde die (Menschen-) Welt nicht alles geben dafür, das absolute oder beste Mittel zu ihrer eigenen Steuerung und Regelung zu finden? Die Kybernetik versprach dies quasi - aber vermutlich ist damit noch lange nicht alles gegeben, was wir für die Zukunft benötigen. Ein Grund dafür könnte darin liegen, dass Wiener den Faktor Mensch zu wenig berücksichtigt hat. Natürlich ist auch die ständige Verbesserung des Systems durch ewige Prozessabläufe nicht das, was in der realen Welt der Koordinationen, Konventionen und Kompromisse stattfindet (sondern die Dinge werden dann irgendwann halt einfach einmal eingestellt [oder gar weggestellt]). Das Thema sollte uns aber durchaus weiter interessieren (auch wenn wir uns der bisher sehr technizistischen Auffassung von Steuerung und Regelung bewusst sein müssen [welche gerade in den Geisteswissenschaften auch für Systemzwecke missbraucht werden können - so spielte etwa die Kybernetik in der DDR eine bestimmte Rolle]).



Erweiterter Standardregelkreis



Ökowissenschaft ([Warming, 1895 (Plantesamfund)]; Tansley, 1935 [The Use and Abuse of Vegetational Concepts and Terms (Aufsatz)]; Odum, 1953 [Fundamentals of Ecology]; Hutchinson, 1965 [The Ecological Theater and the Evolutionary Play]), Ökophilosophie ([Haeckel, 1866 (Generelle Morphologie der Organismen: allgemeine Grundzüge der organischen Formen-Wissenschaft, mechanisch begründet durch die von Charles Darwin reformirte Descendenz-Theorie)]; Bookchin, 1962/1980/1982/1995/1997/2007 [Our Synthetic Einvironment (Kapitel: Human Ecology); Towards an Ecological Society; The Ecology of Freedom; The Philosophy of Social Ecology; The Politics of Social Ecology: Libertarian Municipalism; Social Ecology and Communalism]; Shepard, 1969/1992 [The Subversive Science: Essays Toward an Ecology of Man; Nature and Madness]; Cobb, 1971 [Is It Too Late? A Theology of Ecology]; Bateson, 1972/1979 [Mind and Nature: A Necessary Unit; Steps to an Ecology of Mind: Collected Essays in Anthropology, Psychiatry, Evolution and Epistemology]; Naess, 1973/1989 [The Shallow and the Deep, Long-Range Ecology Movement; Ecology, Community and Lifestyle]; Sylvan, 1973 [Is There a Need for a New, an Environmental, Ethic?]; Passmore, 1974 [Man's Responsibility for Nature]; Oelschlaeger, 1977/1991/1994 [The Environmental Imperative: A Socio-Economic Perspective; The Idea of Wilderness: From Prehistory to the Age of Ecology; Caring for Creation: An Ecumenical Approach to the Environmental Crisis]; Jonas, 1979 [siehe oben]; Lovelock, 1979 [Gaia: A New Look at Life on Earth]; Birnbacher, 1980/1997/2016 [Ökologie und Ethik; Ökophilosophie; Klimaethik: Nach uns die Sintflut?]; Capra, 1982 [siehe oben]; Rolston, 1983/2012 [Environmental Ethics; A New Environmental Ethics: The Next Millennium for Life on Earth]; Callicott, 1989/1993/1994/2005/2010 [In Defense of the Land Ethic: Essays in Environmental Philosophy; Environmental Philosophy: From Animal Rights to Radical Ecology; Earth's Insights: A Multicultural Survey of Ecological Ethics from the Mediterranean Basin to Australian Outback; Environmental Philosophy: Critical Concepts in the Environment; Éthique de la Terre]; Ott, 1993/1996/2000/2010 [Ökologie und Ethik: Ein Versuch praktischer Philosophie; Vom Begründen zum Handeln: Aufs&aul;tze zur angewandten Ethik; Spektrum der Umweltethik; Umweltethik zur Einführung]; Roszak, 1994 [ökopsychologie - Der entwurzelte Mensch und der Ruf der Erde]; Varner, 1998 [n Nature's Interests? Interests, Animal Rights, and Environmental Ethics]) und Klimadiskussion. Als Haeckel 1866 in seinem Hauptwerk den Begriff der Ökologie begründete, konnte noch niemand wissen, wie bedeutend dieser Begriff um die Jahrtausendwende werden sollte. Er tat dies so: «Unter Oecologie verstehen wir die gesammte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle 'Existenz-Bedingungen' rechnen können. Diese sind theils organischer, theils anorganischer Natur; sowohl diese als jene sind, wie wir vorher gezeigt haben, von der grössten Bedeutung für die Form der Organismen, weil sie dieselbe zwingen, sich ihnen anzupassen.» Haeckel war ein Anhänger der Evolutionstheorie von Darwin, was sich auch aus dieser Definition herauslesen lässt - das heisst: eigentlich haben wir den Begriff der Ökologie Darwin zu verdanken. Oder anders gesagt: für Haeckel war der Begriff der Ökologie die logische Folge von dem, was Darwin in seiner Evolutionstheorie behauptet hat. Das hat damals allerdings noch niemand begriffen bzw. für wirklich wichtig und bedeutend betrachtet. Der Begriff der Ökologie ist auf Um- und Schleichwegen in die Wissenschaft und in die Politik gekommen. Als bedeutendste Vertreter der Ökowissenschaft gelten etwa Tansley, Odum und Hutchinson, alles noch heute weitgehend unbekannte Namen... Wenig bekannter sind die Ökophilosophen wie Naess, Jonas oder Shepard. Immerhin gehörten Jonas, Naess und auch etwa Lovelock mit seiner Gaia-Theorie, einer Art Ökoesoterik, oder Capra mit seinem Postulat für eine sanftere Technologie, zur Populärliteratur der New-Age-Philosophie (mit diesen beiden verschob sich auch die eigentliche Ökophilosophie auf eine esoterische Bahn - danach tauchte sie in der zeitgenössischen Philosophie nur noch sporadisch und vereinzelt auf). Die Bücher fanden sich zu ihrer Zeit auf Bestsellerlisten, sind aber heute weitgehend vergessen. Während die ökowissenschaft eine gewisse Bedeutung hatte, bevor die Ökologie ein Thema in der Politik, ging die Philosophie der Politik nur wenig, aber immerhin doch auch noch ein bisschen voraus. Sie begann etwa im Jahr 1969, während die erste politische Demonstration gegen ein Kernkraftwerk 1971 in Fessenheim (Frankreich) stattfand. Die Ökophilosophie, welche etwa am Anfang der 1960-er Jahre ihren Anfang nahm (bedeutend für die Popularisierung des ökologischen Themas war v.a. auch das Sachbuch "Silent Spring" [1962] von Rachel Carson - frühere Literatur etwa vom Naturalisten Aldo Leopold), hatte also zu diesem Zeitpunkt noch rund zehn Jahre Vorsprung auf das reale Geschehen in der Politik (und seither ist dieser Vorsprung vermutlich weiter geschrumpft [und gegenüber der Wissenschaft war die Philosophie schon damals 70 Jahre im Rückstand] - Kant war immerhin mit seiner Begründung des Völkerbundes 1795 dem realen Geschehen noch 125 Jahre voraus: Zeit und Philosophie - auch ein interessantes Thema). Die Ökologie hat eine ungeheure Bedeutung für den heutigen und kommenden Menschen bekommen. Nachdem sich der rein wissenschaftliche Mensch vom Gottesglauben gelöst hat (Mirandola [leicht - 1486 (Renaissance)], Hegel/Nietzsche [bedeutend - 1803 (Glauben und Wissen)/1882 (Die fröhliche Wissenschaft)]), konnte er sich für kurze Zeit vollkommen frei fühlen, fast ein Jahrhundert lang, bis das Ökoproblem und damit etwa in den 1960-er und 1970-er Jahren dieses neue Problem auftrat: dass sich (auch?) die Natur und/oder die Schöpfung nun als grösser und bedeutender als der Mensch erwies. Heute sagen wir: das ist doch eigentlich logisch, aber für den damaligen Menschen - den liberalistischen Menschen der französischen Bürgerrevolution, notabene - war das (noch) nicht logisch. Die heutige Situation hat natürlich einen grossen Einfluss auf die heutige und kommende Wissenschaft, es ist klar, dass ein solches Problem, wenn es einmal aufgekommen ist, ein sehr sehr grosses Problem ist. Und bedeutend dürften auch die psychologischen und die soziologischen Auswirkungen dieser Situation sein. Mit einem solch bedeutenden Verlust von Freiheit und Unabhängigkeit hat der spätmoderne Mensch nicht gerechnet, und das wird ihn vor relativ bedeutende Probleme stellen. Die bedeutendste Tatsache dieses Problems ist natürlich, dass es den Menschen ewig begleiten wird: es wird - in der ganzen Zukunft der Menschheit - nie mehr einen Menschen geben, welcher nicht vom Natur- und Umweltproblem betroffen sein wird. Diese Erkenntnis bedeutet auch die allergrösste Wende in dieser heutigen Wendezeit (nebst dem Untergang des realexistierenden Kommunismus bzw. der kommenden Alleinherrschaft eines globalisierten Kapitalismus sowie dem World Wide Web, dem Kommunikationsmittel von allen mit allen [theoretischerweise] - das sind die drei grossen Sachen um die Jahrtausendwende).


Philosophie des Geistes (und des Bewusstseins - [Lewes, 1875 [siehe oben]; Russell, 1921 (The Analysis of Mind); Broad, 1925 (The Mind and its Place in Nature); Wisdom, 1934/1952 [siehe oben; Other Minds]; Ryle, 1949 (The Concept of Mind)]; Place, 1956 [Is Consciousness a Brain Process? (Essay); Identifying the mind]; Smart, 1959/2004 [Sensations and Brain Processes (Text - je Identitätstheorie]; Bertalanffy, 1967 [Robots, Men and Minds]; Tart 1969/1975/1979/1989/1994/1997/2001 [Altered States of Consciousness; States of Consciousness; Mind at Large (zusammen mit Puthoff und Targ); Open Mind, Discriminating Mind: Reflection on Human Possibilities; Living the Mindful Life - A Handbook for Living in the Present Moment; siehe oben; Mind Science: Meditation Training for Practical People]; Donaldson, 1970 [Mental Events (Essay)]; Nagel, 1971/2012 [Brain Bisection and the Unity of Consciousness; Mind and Cosmos: why the materialist neo-Darwinian conception of nature is almost certainly false]; Bateson, 1972/1979 [siehe oben; siehe oben]; Fodor, 1978/1983/2000 [Propositional Attitudes; The Modularity of Mind: An Essay on Faculty Psychology; The Mind Doesn't Work That Way: The Scope and Limits of Computational Psychology]; Pau. Churchland, 1979 [Scientific Realism and the Plasticity of Mind]; Putnam, 1979 [Philosophical Papers: Volume 2, Mind, Language and Reality]; Armstrong, 1981 [The Nature of Mind and Other Essays]; Lewis, 1983 [Philosophical Papers (Vol. I)]; Goodman, 1984 [Of Mind and other Matters]; Searle, 1984/1992/2007 [Minds, Brains and Science; The Rediscovery of the Mind; Neuroscience and Philosophy: Brain, Mind, and Language (mit Dennett und Hacker)]; Hofstadter, 1985 [Metamagical Themas: Questing for the Essence of Mind and Pattern]; Dennett, 1986/1992/1997/1998/2005 [Content and Consciousness; Consciousness Explained; Kinds of Minds: Towards an Understanding of Consciousness; Brainchildren: Essays on Designing Minds (Representation and Mind); Sweet Dreams: Philosophical Obstacles to a Science of Consciousness]; Kenny, 1989 [The Metaphysics of Mind]; McDowell, 1994/1998 [Mind and World; Mind, Value, and Reality]; Block, 1995 [On a Confusion about a Function of Consciousness]; Crane, 1995/2001/2007 [The Mechanical Mind: A Philosophical Introduction to Minds, Machines and Mental Representation; Elements of Mind; Intentionalität als Merkmal des Geistigen: Sechs Essays zur Philosophie des Geistes]; Kim, 1995/1998/2000 [Supervenience and Mind: Selected Philosophical Essays; siehe oben; Philosophy of Mind]; Chalmers, 1996 [The Conscious Mind]; Carruthers 1996/1996/2000/2000/2004/2005/2005/2006/2011/2015 [Theories of Theories of Mind (zusammen mit P.K. Smith); Language, Thought and Consciousness: an Essay in Philosophical Psychology; Evolution and Human Mind: Modularity, Language and Meta-Cognition (zusammen mit Chamberlain); Phenomenal Consciousness: A Naturalistic Theory; The Nature of the Mind: an Introduction; The Innate Mind (zusammen mit Laurence und Stich); Consciousness: Essays from a Higher-Order Perspective; The Architecture of the Mind: Massive Modularity and the Flexibility of Tought; The Opacity of Mind: an Integrative Theory of Self-Knowledge; The Centered Mind: What the Science of Working Memory Shows Us About the Nature of Human Thought]; Pat. Churchland, 1996/2019 [The Mind-Brain Continuum; Conscience: The Origins of Moral Intuition]; Penrose, 1997 [The Large, the Small and the Human Mind]; Clark, 1998/2001/2003/2005/2007/2008 [The Extended Mind (Essay - zusammen mit Chalmers); Reasons, robots, and the Extended Mind (Essay); siehe unten; Intrinsic Content, Active Memory, and the Extended Mind; Curing cognitive hiccups: A Defense of the Extended Mind (Essay); Supersizing the Mind: Embodiment, Action, and Cognitive Extension]; Godfrey-Smith, 1998 [omplexity and the Function of Mind in Nature]; Hurley, 1998 [Consciousness in Action (Essay]); Rowlands, 1999 [The Body in Mind: Understanding Cognitive Processes; New Science of the Mind: From Extended Mind to Embodied Phenomenology]; Pauen, 1999/2016 [Das Rätsel des Bewusstseins - Eine Erklärungsstrategie; Die Natur des Geistes]; Metzinger 2003/2009 [Being No One - The Self-Model Theory of Subjectivity; The Ego Tunnel: The Science of the Mind and the Myth of the Self]; Tononi, ca. 2007 [Consciousness and the Brain (Vortrag)]; Titel zum Leib-Seele-Problem: siehe dort). Die sogenannte Philosophie des Geistes ist entstanden aus einer Verknüpfung der Diskussionen um das Leib-Seele-Problem, welche bis auf das 19. (und 18.) Jahrhundert zurückgehen (und natürlich weiter noch bis auf Descartes), und der Analytischen Philosophie (vornehmlich in den USA). Russells Geistbetrachtung war so etwas wie der Startpunkt der Diskussion in der neueren Geistbetrachtung (zu beachten ist indes auch etwa die Emergenztheorie des Bewusstseins von Lewes; da Russell für manche so etwas wie ein Liebkind der britischen Philosophie gewesen ist, wird wohl sein Verdienst etwas höher eingestuft). Die Dinge unseres geistigen Lebens sind nach Russell alleine auf Wahrnehmungen und Bilder zurückzuführen, die mit Wahrnehmungen verknüpft sind (dies ist in einem gewissen Sinn eine primitive und/oder auch mechanistische Ansicht des Geistes von einer blossen Bilderproduktionsmaschine [Inspirationen und/oder Intuitionen kommen in diesem Modell ebenso wenig vor wie Kontemplation oder Selbstreflexion]). Das Denken sieht er als passiven Akt (er sagt: es denkt in mir - diese innere Passivität führt zur Reduktion des Ichs bis zur Verneinung vom Selbst bei Metzinger [ohne Preis freilich wie die Erhebung des Nirwanas durch Meditation im Buddhismus, inkl. einer starken Ethik in der buddhistischen Theologie, welche quasi durch die Hintertüre des Nirwanas eintritt (das bewusste Ich und das bewusste Selbst werden hier quasi ersatzlos weggestrichen [mit unabsehbaren Folgen]; das ist quasi das Gegenprogramm zu Freuds Programm, wonach aus dem Es in einem Bewusstseinsprozess das Ich werden soll [und/oder quasi eine Verneinung der Psychologie durch eine klassisch, vorpsychologisch ausgelegte Philosophie mit analytischer Umschmückung])]). Was ist nach Russell das Bewusstsein? Er stellt zur Beantwortung dieser Frage das Leib-Seele-Problem voran: die Physik sage uns, dass das Bewusstsein physisch sein müsse, während die Psychologie uns sage, dass es vielleicht nicht physisch sei. Sehr oft geht es in der Philosophie des Geistes um das Physische und das Psychische und deren Verbindung. Russells Lösung entspricht einem Neutralen Monismus, welcher besagt, dass Geist und Materie auf grundlegend identische Elemente reduziert werden können, welche ihrerseits weder materieller noch geistiger Art sind, sondern neutral (bzw. beides [siehe: Quantentheorie; es ist also die Quantentheorie, welche uns diese ganze Diskussion beschert hat (von einer Philosophie, die gleichermassen alle Gewissheiten zu verloren haben schien [als ob es für die reine Idee - nach Platon - bedeutend wäre, ob wir sie uns geistig (als geistiger, ideeller Gedanke) oder materiell (als materielles, reelles Bild) vorstellen; und so erscheint mir vieles, was in der Philosophie des Geistes diskutiert wurde und wird, eigentlich auf philosophischen Scheinproblemen zu bestehen; ich spreche hier von der reinen Philosophie: für die Neurowissenschaft ist diese Diskussion vielleicht bedeutender, aber dann müsste auch die Neurowissenschaft diese Fragen aufbringen und lösen, nicht die Philosophie; Platon spricht nur von dem, was ihm im Geist erscheint, und daraus versuchte er, eine Philosophie zu begründen: wie es erscheint, ob als Inspiration oder Intuition, Gedanke oder Bild, das ist ihm sekundär, und die ganze philosophische Erkenntnistheorie konnte diese Fragen auch nicht restlos klären (es ist interessant, sie zu stellen und zu diskutieren, aber es ist schwierig, sie zu lösen - nicht zuletzt aufgrund der ganzen Vernetzungen, die im Geist zusammenkommen])]). Ich bin nachwievor - und trotz seiner ehrenwerten Verdienste für den Pazifismus - ein bisschen überfordert mit Russell und der ganzen Philosophie des Geistes, weil sie mir nicht plausibel erscheint: wir sehen darin, dass vieles mit vielem zusammenhängt*, und dass es schwierig ist, diese ganzen Fragen befriedigend und/oder einheitlich zu lösen (vielleicht hat auch darum Heidegger das Ende der Philosophie ausgerufen, weil sie sich - gerade mit der analytischen Philosophie des Geistes - auf ein Terrain begeben hat, auf welchem sie nicht mehr viel dazugewinnen kann, sondern vielleicht sogar eher mehr verliert, als dazugewinnt, und weil er seinen eigenen Beitrag zur Rettung der Philosophie als nicht hinreichend betrachtete [das hat er einmal sogar quasi gesagt]). Statt hier die Diskussionen der Philosophie des Geistes zu verfolgen, möchte ich hier meine Ansicht davon darstellen, was Geist für mich ist. Ich gehe davon aus, dass auch Tiere bereits Strukturen von Geist besitzen, und von daher bin ich dazu gekommen, zu behaupten, dass Geist Orientierung, Konzentration und Bewusstsein (bewusste Orientierung und Konzentration) ist (was heisst bewusst? Bewusst bedeutet, sich im Bereich des Wissens [und der Wissenschaft] abspielend). Die erste und einzige sichere Gewissheit ist dabei, dass ein Gedanke - in irgendeiner Form - in unserem Geist und Bewusstsein erscheint (das ist für uns auch das erste Wissen; wir können nicht einmal sagen, dass wir einen Gedanken haben, und noch viel weniger, dass wir ein Gedanke sind, sondern nur, dass er in unserem Geist erscheint; gänzlich unsicher müssen wir sein darüber, woher ein konkreter Gedanke kommt: ob von unseren Genen, von unseren Sinnen, den äusseren oder den inneren, von der Erfahrung, vom Unterbewusstsein, von der Umwelt, von irgendwelchen physikalischen Kräften [Gravitation und andere], von der Gesellschaft, vom Zeitgeist, von den Sternen bzw. Planeten, vom Universum, von irgendwelchen Phänomenen hinter dem Universum?, oder... von unserem ureigenen Denken?). Interessant ist die Entwicklung der Analytischen Philosophie insgesamt: von der Logik zur Sprache, von der Sprache zum Geist und vom Geist zum Bewusstsein. Die Frage nach dem Bewusstsein ist heute in verschiedenerlei Hinsicht relevant.

* Daher diese vielen typischen Verbindungstitel in der analytischen Philosophie (inkl. Logischer Empirismus sowie Erkenntnistheorie), welche durch die Reduktion und Konzentration auf zwei oder drei Begriffe** vermutlich einen höheren wissenschaftlichen Anspruch geltend machen möchten (eine kleine Sammlung): Action, Emotion and Will (Kenny); Actions, Reasons, and Causes (Davidson); Agents, Causes and Events (Chisholm); Analysis and Metaphysics (Strawson); Appearance and Reality (Bradley); Art, Perception and Reality (Black); Belief, Truth and Knowledge (Armstrong); Body, Mind, Spirit (Tart); Brain, Mind, and Language (Dennett, Hacker, Searle); Causality and Explanation (Salmon); Concepts, Theories, and the Mind-Body Problem (Feigl); Conjectures and Refutations (Popper); Consciousness and Brain (Tononi); Consciousness and Experience (Lycan); Constellation and Conjectures (Hanson); Content and Consciousness (Dennett); Contingency, Irony, and Solidarity (Rorty); Determinism, Laws and Predictability (Boyd); Entity and Identity (Strawson); Ethics, Evil and Fiction (McGinn); Ethics, Persuasion and Truth (Smart); Evolution and Creation (McMullin); Experience and Prediction (Reichenbach); Fact, Fiction and Forecast (Goodman); Facts and Propositions (Ramsey); Facts and Propositions (Schlick); Freedom and Reason (Hare); God and Philosophy (Flew); Identity and Necessity (Kripke); Imagination and Time (Warnock); Inquiries and Provocations (Feigl); Interpretation and Analysis (Wisdom); Judgement and Justification (Lycan); Knowledge and Reality (McGinn); Knowledge and the Mind-Body Problem (Popper); Language and Philosophy (Black); Language and Politics (Chomsky); Language, Truth and Logic (Ayer); Laws and Symmetry (Van Fraassen); Language and Thought (Carruthers); Logic and Conversation (Grice); Logic and Language (Flew); Logic and Reality (Bergmann); Logical Foundations of Probability (Carnap); Meaning and Communication (Armstrong); Meaning and Existence (Bergmann); Meaning and Verification (Schlick); Mind and Cosmos (Nagel); Mind and Nature (Bateson); Mind and Pattern (Hofstadter); Mind, Language and Society (Searle); Minds, Brains and Science (Searle); Mind, Method, and Conditionals (Jackson); Modality and Meaning (Lycan); Modularity, Language and Meta-Cognition (Carruthers); Models and Metaphors (Black); Naming and Necessity (Kripke); Nature and Understanding (Rescher); Objectivity, Relativism, and Truth (Rorty); Observation and Explanation (Hanson); Paradox and Discovery (Wisdom); Person and Object (Chisholm); Philosophy and PsychoAnalysis (Wisdom); Philosophy, Probability and Mathematics (Ramsey); Philosophy and Physics (Reichenbach); Probability and Statistics (Mises); Probability, Statistics and Truth (Mises); Physics and Philosophy (Frank); Power and Terror (Chomsky); Powers and Prospects (Chomsky); Probability and Evidence (Ayer); Problems and Projects (Goodman); Proof and Explanation (Wisdom); Proofs and Refutation (Lakatos); Propositions and Causality (Ramsey); Providence and Evil (Geach); Reason, Truth, and History (Putnam); Reason and Argument (Geach); Reason and Reality (Rescher); Reasoning, Meaning and Mind (Harman); Reference and Existence (Kripke); Reference and Generality (Geach); Robots, Men and Minds (Bertalanffy); Science, Perception and Reality (Sellars); Science and Culture (Agassi); Science and Metaphysics (Sellars); Science and Hypothesis (Laudan); Science and Society (Agassi); Science and Values (Laudan); Sense and Sensibilia (Austin); Signification and Significance (Morris); Signs, Language, and Behavior (Morris); Surfaces and Essences (Hofstadter); Testability and Meaning (Carnap); Theories and Things (Quine); Theory and Reality (Godfrey-Smith); Thought and Reality (Dummett); Truth and Hope (Geach); Truth and Meaning (Davidson); Truth and Probability (Ramsey); Truth and Progress (Rorty); Truth, Error and Criminal Law (Laudan); Truth, Love and Immortality (Geach); Will, Freedom and Power (Kenny); Word and Object (Quine); Words and Life (Putnam). Angefangen hat dieses Schema übrigens, wie so vieles, in der deutschen Philosophie - etwa bei Carnap (Induktive Logik und Wahrscheinlichkeit), Feigl (Theorie und Erfahrung; Zufall und Gesetz), Frege (Funktion und Begriff; Über Begriff und Gegenstand; Über Sinn und Bedeutung), Mach (Erkenntnis und Irrtum), Kraft (Mathematik, Logik und Erfahrung; Weltbegriff und Erkenntnisbegriff), Neurath (Gesellschaft und Wirtschaft; Wirtschaftsplan und Naturalrechnung), Reichenbach (Atom und Kosmos; Relativitätstheorie und Erkenntnis apriori), Schlick (Gesetz und Wahrscheinlichkeit; Philosophie und Naturwissenschaft; Positivismus und Realismus; Quantentheorie und Erkennbarkeit der Natur; Raum und Zeit), Glasersfeld (Wissen, Sprache und Wirklichkeit) - vermutlich gibt es noch ältere/weitere Bespiele; was interessant ist in der anglophilen Philosophie des 20. Jahrhunderts ist die Summe solcher Titel. Das ergibt in der Summe einen netten, mehr oder weniger spekulativen Essayismus, welchen man ewig weiterbetreiben kann, weil letztlich alles mit allem in Verbindung gebracht werden kann, aber was bringt das der Philosophie (als Wissenschaft)? Womit ich nicht gesagt haben möchte, dass einzelne dieser Werke von grosser Bedeutung innerhalb der Philosophie des 19./20. Jahrhunderts sind. Es stellt sich allerdings aber hierbei die Frage: welches dieser Bücher ist nun wirklich wichtig und bedeutend? Eine Auswahl dazu ist/wäre nicht allzu leicht. Die ganze, riesige anglophile und v.a. US-amerikanische Philosophie hat sich in dieser Art und Weise über die philosophischen Dinge hergemacht, grösstenteils nach dem Motto von Harman: «History of Philosophy: Just say no!» - und nun haben wir eben vermutlich mehr Fragen als Antworten zu alledem. Niemandem wird es gelingen, die anglophile Philosophie des 20. Jahrhunderts irgendwie zusammenzufassen - wie man das z.B. etwa beim Deutschen Idealismus tun kann - jedenfalls ich kann das nicht, und daher versuche ich das auch gar nicht erst. Was wir hier sehen ist auch, und das möchte ich hier sicher auch zur Geltung bringen, dass die Wissenschaft nicht bloss eine gerade Linie des technischen Fortschritts ist, sondern eine Entwicklung, in welcher es auch grosse und bedeutende Diversifizität gibt - auch wenn es in diesem Abschnitt hier vornehmlich um Philosophie geht, allerdings um sich wissenschaftlich gebende Philosophie. Ein grosses Glück, vielleicht (für die USA), dass es in alledem auch noch den Pragmatismus gibt. Vermutlich aber wird es - leider?! - genau so in der Philosophie des 21. Jahrhunderts weitergehen - man überlege sich nur einmal, wieviele Universitäten es heute weltweit gibt, und fast alle davon haben eine philosophische Abteilung mit mehr oder weniger ambitionierten und publizistisch tätigen Philosophieprofessoren. Ich schätze die Universitäten als erste Philosophieträger, aber trotzdem ist das nicht unproblematisch. Und warum muss ich mich dann auch noch äussern zu der ganzen Sache? Vielleicht gerade darum. In der gesamten analytischen Philosophie kommen übrigens die Begriffe der Soziologie und der Ökologie kaum bis überhaupt gar nicht vor (diese beinhalten vermutlich die grössten und bedeutendsten Fragen des 19. und 20. Jahrhunderts!).

** Übrigens findet sich sogar bei mir ein ähnlich struktrierter Titel: "Vom Sein, vom Wahren und vom Guten" (2017 - mit einem sehr langen Untertitel allerdings). Ein Titel, zu welchem ich nachträglich eine interessante Analogie im Titel einer deutschen Übersetzung von Wilber gefunden habe: 'Das Wahre, Schöne, Gute' (engl., original: The Eye of Spirit - An Integral Vision for a World Gone Slightly Mad, 1997 [vollkommen unterschiedliche Titel in der Überstzung und im Original]). Da ich Wilber u.v.a. gelesen habe (allerdings nicht dieses Buch), könnte es durchaus sein, dass ich das irgendwie einmal im Unterbewusstsein aufgenommen und dann - in meinem ontologischen Sinn und Geist - weiterentwickelt habe. Die Wege der Philosophie sind manchmal auch recht seltsam, verschlungen und unergründlich.

-> Paul Hoyningen-Huene: Einführung in die theoretische Philosophie (Vorlesung 2013, Teil 1, Teil 2). Mit theoretischer Philosophie ist seit Aristoteles quasi die naturwissenschaftliche Philosophie gemeint, während die praktische Philosophie quasi die geisteswissenschaftliche Philosophie bezeichnet (eigentlich würden wir es heute vielleicht umgekehrt sehen, aber es ist tatsächlich und logischerweise so). Die heutige Philosophie macht diese Unterscheidung normalerweise nicht mehr - schon gar nicht gemacht wurde sie in der US-Philosophie des 20. Jahrhunderts, wo alles wild durcheinander geriet. Hier aber wird (wieder) streng unterschieden - interessant! In meiner Philosophie weise ich zwar bedeutend auf die Unterscheidung von Aristoteles hin, komme auch zu einem dualen Zielschluss (Sozialgerechtigkeit und Umweltverträglichkeit), sehe aber sonst von einer genauen Unterscheidung ab - schliesslich ist die Philosophie ja eigentlich eine einzige wissenschaftliche Disziplin! Das ist ganz sicher unbestritten, denn wenn man anfängt, die Philosophie aufzuteilen in verschiedene Philosophien, dann landet man in der reinen Wissenschaft, nämlich bei den wissenschaftlichen Disziplinen. Dann hört die Philosophie auf, einen philosophischen Sinn zu machen. Das grösste Problem bei der heutigen allzu strengen Unterscheidung liegt darin, dass die Naturwissenschaft grösstenteils eine Technikwissenschaft geworden ist, welche die Zwecke der Technik verfolgt, die Technikwissenschaft ist also intentional geworden, wie es die Geisteswissenschaft eigentlich ist. Das heisst: während sich in den Wissenschaften die Dinge vermischen, werden sie in der heutigen Philosophie wieder getrennt, weil die analytische Philosophie dies ursprünglich versuchte - gelungen ist ihr das allerdings nicht, denn letztlich sprachen die Theoretiker auch über praktische Dinge und lösten die Unterscheidung damit selber wieder auf, und die Anderen machten dann genau das umgekehrt Gleiche (sie banden die Theorien der Theoretiker in die praktische Philosophie ein - oder versuchten das zumindest).


Technologische Singularität: Technologische Letzterklärung ([Neumann ?]; Ulam, 1958 [Tribute to John von Neumann (Essay)]; Good, 1965 [Speculations Concerning the First Ultraintelligent Machine (Essay)]; Toffler, 1970 [Future Shock]; Vinge 1993 [Technological Singularity]; Kurzweil, 2005 [The Law of Accelerating Returns; The Singularity Is Near]) und Transhumanismus (J. Huxley, 1957 [Transhumanism]; Ettinger, 1964/1972 [The Prospect of Immortality; Man into Superman]; Maslow, 1968 [Toward a Psychology of Being]; FM-2030 [eigentlich: F.M. Esfandiary], 1989 [Are You a Transhuman?: Monitoring and Stimulating Your Personal Rate of Growth in a Rapidly Changing World]; More, 1990 [Transhumanism: Toward a Futurist Philosophy]; Clark, 2004 [Natural-Born Cyborgs: Minds, Technologies, and the Future of Human Intelligence]; Bostrom, 2013 [Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies]; Silva 2013 [We Are Already Cyborgs (Video)]) sowie Posthumanismus (Hassan, 1977 [Prometheus as Performer: Toward a Postmodern Culture?]; Haraway, 1985 [A Cyborg Manifesto]; S. Bell, 2005 [Bioart in Question (Interview); Ferrando, 2013 [Posthumanism, Transhumanism, Antihumanism, Metahumanism, and New Materialisms: Differences and Relations]). Die Technologische Singularität bildet quasi das Äquivalent zur Anfanngssingularität in der Urknalltheorie (siehe dort). Sie postuliert einen Zeitpunkt, in welchem die künstliche Intelligenz die menschliche übertrifft. Fortan würde diese also die menschliche beherrschen, woraus folgt, dass die Zukunft nur noch technikbestimmt ist. Dies bedeutet für den Menschen quasi das Ende der Zeit, nämlich das Ende seiner Herrschaft auf Erden. Ulam bezog sich auf ein Gespräch mit Neumann, welches darauf hinaus gelaufen sei, dass der technische Fortschritt auf eine Singularität hinauslaufen werde, nach welcher sich die Lebenverhältnisse, wie wir sie kennen, nicht mehr weitergefürt werden könnten. Good brachte die künstliche Intelligenz in diese Vorstellung ein - die er ging davon aus, dass die erste ultraintelligente Maschine die letzte Erfindung des Menschen sei. Das Future-Shock-Buch von Toffler lieferte ein populärwissenschaftliches Buch zum Thema. Vinge meinte, dass die Menschheit innerhalb von 30 Jahren übermenschliche Intelligenz schaffen werde, und dass danach die Ära des Menschen zu Ende sei. Kurzweil - Leiter der technischen Entwicklung bei der Firma Google - schätzt das Datum der Technologischen Singularität auf das Jahr 2045 (das passt zu End-Welt-Theorien rund um den Jahrtausendwechsel [so wurde etwa gesagt, nach dem alten Maya-Kalender würde das Jahr 2012 das Ende der Welt bedeuten, oder ein BBC-Dokumentarfilm behauptete, Newton hätte das Ende der Welt für das Jahr 2060 berechnet]). Diese Theorien stammen vorwiegend von Mathematikern und Futurologen; man kann dies also als pseudowissenschaftliche Veröffentlichungen betrachten. Auf dem selben Grund und Boden bewegt sich auch der Transhumanismus, welche mit dem Begriff der Technologischen Singularität in Zusammenhang stehen, und der Posthumanismus. Der Begriff des Transhumanismus stammt von Julian Huxley, einem britischen Biologen, Philosophen und Autor, welcher ein Vertreter des Atheismus, der Eugenik und des Internationalismus war. Diese Richtung setzt alles Vertrauen in dieser Welt quasi auf die Technik und glaubt, dass der Mensch mit der Technik verschmelzen werde. Was ist der Unterschied zwischen Transhumanismus und Posthumanismus? Während der Transhumanismus eher eine wissenschaftsorientierte bis -verrückte Bewegung ist (sogar mit einem eigenen Signet und einer eigenen politischen Partei), ist der Posthumanismus* eher ein philosophischer Begriff (mit diesem werden bekannte Philosophen mehr oder weniger bedeutend assoziiert wie etwa Wiener, Foucault, Maturana, Sloterdijk, Varela, Butler). Eigentlich bedeuten aber beide das Selbe: die Menschheit wird überwunden werden (wie schon Nietzsche meinte - Transhumanismus) und es wird danach einen Zustand mit einem menschlich-technischen oder sogar nur noch technischen Wesen geben (Posthumanismus) - eine vollkommen hypothetische Annahme, natürlich, die ein bisschen nach Science Fiction anmutet. Es könnte aber durchaus sein, dass wir in Zeiten hineinkommen werden, wo Science Fiction und Wissenschaft nicht mehr so klar voneinander zu trennen sind, wie die Wissenschaftler dies eigentlich gerne möchten (aber: schauen wir mal, d.h. wir wissen es nicht, und die Menschen haben sich schon oft geirrt in ihren Zukunftsprognosen). Der Transhumanismus will den Humanismus überwinden, der Posthumanismus (als Bewegung gedacht) will den Transhumanismus überwinden (welcher noch immer Restposten von liberalistischem Humanismus, etwa in Wissenschaft und Technik, vertrete [siehe Shannon Bell - sie verwirft Humanismus und Altruismus vollkommen]).

* Der Begriff scheint ursprünglich weniger als direkte Reaktion auf den Transhumanismus Begriff von Huxley entstanden zu sein, sondern ist vielmehr als ein Post-Epitheton (-Beiwort) zu verstehen: vgl. Poststrukturalismus (Lacan, Barthes, Lyotard, Deleuze, Foucault, Baudrillard, Derrida, Guattari, Kristeva, Butler), Postmodernität (Chapman, Hays, B.I. Bell, Drucker, Hassan), Postindustrialismus (D. Bell) - und andere mehr.

-> Jason Silva: We Are Already Cyborgs. Transhumanismus und Technologische Singularität sind nur zwei von verschiedenen wissenschaftlichen, nichtwissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Konzepten, welche der venezolanisch-amerikanische Philosoph vertritt, der recht schwierig einzuordnen ist (Aesthetic Ecstasy, Artificial Intelligence, Deep Play, Electronic Buddhism, Flow Theory, Life Emergence, Lucid Dreaming, Ontological Design, Paradise Engineering, Technological Singularity, Transhumanism, Virtual Reality [und andere mehr]). Er ist drogenaffin - und wird deswegen mit Timothy Leary verglichen - vertritt ebenso die Technik wie die Poesie/Kunst, geht von einer Verbindung von Natur und Technik/Technologie aus. Ich habe seine Philosophie als Multi-Media-Freestyle-Flow-Bewusstseinserweiterungsphilosophie bezeichnet. Ich weise daraufhin, dass der Mensch auch als Cyborg (Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine) Mensch bleibt: solange der Mensch eine Seele besitzt, ist und bleibt er ein Mensch.


Paradigmentheorie von Kuhn (The Structure of Scientific Revolutions, 1962). Der Begriff des Paradigmas stammt vom Physiker, Naturforscher, Mathematiker und Schriftsteller Lichtenberg (im 18. Jahrhundert). Gemeint ist damit eine Lehrmeinung, welche eine bestimmte Schule begründet und zu alternativen Schulen/Meinungen in Konkurrenz stehen kann. Thomas S. Kuhn sah den Begriff unter dem Aspekt des Streites zwischen verschiedenen Alternativen und dem Paradigmenwechsel: der Ablösung eines vorherrschenden Paradigmas durch ein anderes. Für ihn gibt es eine vorherrschende Normalwissenschaft, die aber immer wieder verändert wird durch wissenschaftliche Revolutionen. Wenn Kuhn sagt, dass die Wissenschaft paradigmatisch sei, so bedeutet dies auch, dass es immer alternative Theorien zur vorherrschenden Meinung geben kann (was vielen Wissenschaftlern nicht so gut gefallen hat, aber die Wissenschaft realiter auch viel schwieriger macht - der Physiker Weinberg meinte, dass die Paradigmentheorie einem radikalen Skeptizismus gleichkomme, welcher alles möglich und nichts mehr sicher und gesichert mache [manche sprachen auch von Relativismus]; dagegen lautet eine andere Kritik von Lakatos, dass die Paradigmenwechsel gar nicht rein wissenschaftlich zustande kommen würden, sondern bloss aufgrund von Mob-Psychologie). Dabei kann ein Paradigmenwechsel erfolgen, aber das muss nicht der Fall sein. In der Tat gibt es in der Wissenschaft sehr bedeutende Beispiele: so hat etwa die Evolutionstheorie von Darwin jene von Lamarck (und jene von Maîllet) abgelöst (neues Paradigma), wogegen die Physik von Einstein jene von Newton nicht abgelöst, sondern diese nur erweitert hat (kein neues Paradigma - oder allenfalls ein neues zeitgeistliches, aber kein neues absolutes Paradigma [bei einfachen Bewegungsphänomenen gilt immer noch die Physik von Newton, bei komplexeren wird jene von Einstein hinzugezogen: tatsächlich gibt es auch immer noch grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zwischen newtonschen und einsteinschen Physikern - der Fall ist also in diesem Fall nicht wirklich so klar, wie er scheint (dagegen gab es einen Paradigmenwechsel zwischen der Physik von Aristoteles und jener von Galilei und Newton)]). Das Buch war ein populärwissenschaftlicher Bestseller - dies gut 60 Jahre nachdem die Quanten- und die Relativitätstheorie die gesamte Physik auf den Kopf gestellt hatte. Der Zeitpunkt ist also etwas seltsam, sollte die Wissenschaftstheorie doch eigentlich der Wissenschaft vorausgehen und nicht ihr hinterherlaufen. Da aber niemand sonst dieses Thema aufgegriffen hat, ist es Kuhns Verdienst, dass er das getan hat. Man kann sich zu dieser Theorie auch fragen, ob es überhaupt richtig ist, ein Paradigma - und eventuell sogar ein relativ zufälliges, unbegründetes Paradigma - zu haben, oder ob es nicht besser wäre, grundsätzlich von einer Meinungsvielfalt auszugehen, in welchem es so etwas wie einen Mainstream geben könnte, aber kein allzu klares Paradigma. Damit hat der klassische Wissenschaftler aber eben sehr grosse Probleme - dagegen gibt man mit der Verwerfung von alten und/oder alternativen Theorien zugunsten von einem klaren Paradigma vielleicht aber zuviel Wissen unnötig und leichtsinnig ab. Vielleicht wird die Zukunft der Wissenschaft offener sein; dabei den Faden nicht zu verlieren, ist die andere Sache. Sinnvoll wäre auch, wenn die Wissenschaft einen Systemplan (o.ä.) der aktuell gültigen Theorien aufstellen würde, damit man einen Überblick hat (aber 'die Wissenschaft' gibt es eigentlich gar nicht [siehe unten], und die Einzeldisziplinen machen das auch nicht [solches wäre an einer Universität schon nötig, damit die Wissenschaftler auch ein Minimalwissen von den anderen Disziplinen haben]).


Wissenschaftlicher Realismus (Smart, 1963 [Philosophy and Scientific Realism]; McMullin, zw. 1965-2011 [A Case for Scientific Realism (Text im Buch: Scientific Realism, editiert von Leplin [1984])]; Boyd, zw. 1971-dato [diverse, z.B. On the Current Status of the Issue of Scientific Realism (Text in Zeitschrift Nous [1983]); Pau. Churchland, 1979 [siehe oben]; Psillos, zw. 1994-dato [Scientific Realism: How Science Tracks Truth, 1999] - weitere Vertreter des Wissenschaftlichen Realismus: Hacking 1982/1983 [Experimentation and Scientific Realism (1982); Representing and Intervening (1983) - Entitätenrealismus]; Worrall, 1989 [Structural realism: The best of both worlds? (Struktureller Realismus)]; Wallner, 1992 [Acht Vorlesungen über den Konstruktiven Realismus (Konstruktiver Realismus)] sowie Bhaskar, 1975 [A Realist Theory of Science (Kritischer Realismus)]). Der Realismus ist philosophiehistorisch der Gegensatz zum Idealismus (Aristoteles/Platon). Der Idealismus behauptet, hinter den Dingen würden grosse Ideen stehen (Platon - und/oder gar: die Realität der Wirklichkeit sei [wissenschaftlich] gar nicht beweisbar* [Berkeley]), während der Realismus behauptet, es gebe gar keine Ideen hinter den Dingen, sondern nur das konkrete Ding da (was nun wirklich realistischer ist, darüber streiten die Philosophen seit über 2000 Jahren, und damit ist dies vermutlich der längste und bedeutendste Streit der reinen Philosophie überhaupt - vielleicht kann man sicher sagen, dass [zumindest] die Menschen die grossen und guten Ideen kreieren oder eben nicht kreieren). Der Wissenschaftliche Realismus von Smart ist streng, und nach ihm müssen wir Alltagsüberzeugungen aufgeben, wenn sie nicht mit wissenschaftlicher Erkenntnis vereinbar sind (z.B. betrachtet er das Zeitkontinuum als vorwissenschaftliche Illusion [er verweist dabei auf McTaggart [The Unreality of Time, 1908] - vermutlich ein Problem von/mit der Relativitätstheorie [ich sage an anderer Stelle, dass die Physik von Einstein jene von Newton nicht wirklich widerlegt hat])]). Die Frage von McMullin (entgegen manchen Behauptungen im Netz nicht der Begründer des Wissenschaftlichen Realismus) ist diese: repräsentiert das, was wir in den Wissenschaften entdecken wirklich dem, was in der Welt existiert? Dieser Frage schliesst sich die Behauptung an, dass die Wissenschaft praktisch brauchbare Erklärungen zu den Phänomenen der Realität liefern kann. Wer das Gegenteil behauptet, würde wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfolge zu Wundern erklären - dies wird als (No-)Miracle-Argument (dt. Keine-Wunder-Argument) bezeichnet. Eine weitere Behauptung besteht darin, dass der Erfolg von Theorien ihren Inhalt beweisen (z.B. kann man Atome wirklich annehmen, weil es viele praktische Erfolge mit der Atomtheorie gegeben hat [aber: ist das nicht auch ein Argument für die reale Existenz Gottes?] - noch immer hat, glaube ich, kein Mensch je ein Atom gesehen, d.h. die Atomtheorie ist noch immer eine reine Wissenschaftshypothese [mit mathematischer Ausgestaltung und praktischen Erfolgen]). Der Standpunkt der Pessimistischen (Meta-) Induktion meint dagegen, es habe schon viele Theorien gegeben, die für richtig befunden wurden, sich im Lauf der Zeit aber als falsch herausgestellt hätten (dies ist Laudans Argument gegen den Realismus). Hacking spricht von Repräsentation und Intervention - und von Entitäten, die real sind, wenn man sie als Instrument einsetzen kann (freilich der Tiefenpsychologie würde fragen: kommt einem Trämenden der Traum nicht gleichermassen real vor? [Und gibt es darin keine Instrumente?]). Worrall vertrat eine Position, welche verwandt ist mit dem Epistemischen Strukturellen Realismus, welcher zurückgeht auf Poincaré, Russell und Carnap. Wallner glaubt, dass die wissenschaftliche Realität von ungeprüften, kulturell bedingten Prämissen ausgeht. In eine ganz andere Richtung geht der Kritische Realismus von Bhaskar** (auch: Transzendentaler Realismus [dies ist eigentlich die ursprüngliche Benennung von Bhaskar selber]), in welchem dieser die Natur- und die Sozialwissenschaften zu vereinen versucht. Der Begriff des Kritischen Realismus wird in diversen anderen Zusammenhängen verwendet. Wird es je eine Menschheit geben, in welcher es nicht unterschiedliche Vorstellungen von der Realität gibt?

* Bezüglich der Wissenschaft müsste man dazu sagen: dass der Mensch selbst in der gesamten Wissenschaft nicht unabhängig sein kann von der menschlichen Sinneswahrnehmung. Wir wissen also nur, dass wir die Dinge wahrnehmen können, aber wir wissen nicht, ob sie wirklich sind (behauptet Berkeley). Daraus leitet Berkeley ein Gottesargument ab. Nicht dass wir die Dinge wahrnehmen könnten, sei ein Beweis für die Existenz der Dinge, sondern dass Gott sie wahrnehmen könne, sei ein Beweis dafür. Ob Gott eine Wahrnehmung hat/braucht oder nicht, das ist freilich wieder eine andere Frage (wie überhaupt die Existenz oder Nichtexistenz Gottes) - Berkeleys Argument ist die Behauptung von einer Allgegenwart Gottes (wenn ein Stuhl alleine in einem Raum steht, kann kein Mensch ihn wahrnehmen, Gott aber schon durch seine Allgegenwart). Woher kommen diese ganzen Verwirrungen - Irrungen und Wirrungen (selbst in der Geschichte der Wissenschaft)? Weil eben die Dinge nicht so einfach sind, wie sie sein könnten (oder eben nicht sein können - und natürlich macht es die Sache nicht einfacher, dass in allen oder vielen dieser Verwirrungen auch immer ein Körnlein Wahrheit drinsteckt - darum wird wohl auch der klarste Weg der Wissenschaftler nie ganz so klar sein, wie sie ihn gerne haben möchten; dessen ungeachtet soll die Wissenschaft der vortrefflichste Weg der Klarheit in der Erkenntnis sein [oder werden - nach den Wissenschaftlern; kein vernünftiger Philosoph würde heute jedoch behaupten, dass die Philosophie bessere Resultate liefern würde als die Wissenschaft: nach meiner Meinung kann die Philosophie (ebenso wie die Theologie, notabene) nur (notwendige?!) ergänzende Wahrheit liefern, und ich bin interessiert an dieser Ergänzung durch die Philosophie]).

** Der halbindianischstämmige, britische Philosoph Roy Bhaskar, dessen Eltern Theosophen waren, ist ein sehr origineller Philosoph. In seinem Konzept der Meta-Realität sagt er, dass jedes Ziel, welches ein Handelnder im Leben ergreift, diesen zu einem Prozess oder einer Dialektik der Selbstverwirklichung führt. Er weist darauf hin, dass es die Möglichkeit zur objektiven Kritik gibt, welche soziale Veränderung/Verbesserung bewirken kann - mit dem ultimativen Ziel von Frieden unter den Menschen. In seiner Verbindung der Wissenschaftsphilosophie mit der Sozialphilosophie kam er zu seinem Kritischen Realismus, womit er die beide, die philosophische wie die wissenschaftliche Untersuchung gegen positivistische und postmoderne Herausforderungen schützen wollte (d.h. gegen wissenschaftlichen und/oder technologischen Neodeterminismus und gegen Untergangsphilosophien). In seinem Realitätsverständnis ist die Realität in ihrer vollen Komplexität von vielen verschiedenen Mechanismen durchdrungen: so etwa von physikalischen Gesetzen, welche chemische Gesetze beeinflussen, welche biologische Gesetze beeinflussen [usw. usf., etc. etc.]). Bhaskar setzte sich nicht nur mit dem (wissenschaftlichen) Realismus auseinander, sondern auch mit dem (wissenschaftlichen) Naturalismus.


Die Mondlandung, oder: die Wissenschaft und ihre Technik als grosses Showspektakel - sowie Woodstock-Festival (je 1969). Zwei Dinge trieben die Europäer zu dieser Zeit mitten in der Nacht vor die Fernsehschirme: die Boxkämpfe von Muhammad Ali und eben die Mondlandung, welche weltweit von geschätzt 500 bis 600 Millionen Menschen mitverfolgt wurde. In Mitteleuropa wurden die ersten Schritte auf dem Mond von Armstrong am 20./21. Juli live um 03:54 in der Nacht gesendet. Wer einen eigenen Fernseher hatte, war natürlich mitdabei. Wie konnte man dies auch verpassen? Zum ersten Mal setzten Menschen ihren Fuss auf einen anderen Planeten. Die Wissenschaft hatte den Himmel aufgeklärt, und die Technik war nun daran, ihn zu erobern - der erste Schritt ins Weltall des Universums war sozusagen gemacht, und dem Menschen dieser Zeit schien aber auch rein gar nichts mehr unmöglich zu sein. Der grosse TV-Erfolg von Star Trek (dt. Raumschiff Enterprise, 1966-1969 [in Deutschland: ab 1972]) wirkte in den USA durchaus mit (und schien geradezu dazu geschaffen worden zu sein, um diese erste Mondlandung gedanklich und emotional vorzubereiten). Im Fernsehen waren die Menschen schon unterwegs in einem von seltsamen Wesen bevölkerten interessanten und spannenden kosmischen Raum. Die USA erreichten damit auch ihr politisches Ziel, nachdem sie gerade in ihrem Weltraumunternehmen in Bedrängnis geraten war: der erste Raumflug war am 12. April 1961 dem sowjetrussischen Kosmonauten Gagarin mit seinem Raumschiff Wostok-1 vorbehalten, während die USA ihren ersten Astronauten mit Shepard und der Freedom-7 erst am 5. Mai erst 23 Tage später in die Umlaufbahn der Erde schicken konnten - das spektakuläre Rennen um die erste bemannte Mondmission haben die USA dann allerdings mit Armstrong, Aldrin und Collins und der Apollo-11 gegen die Sowjetunion gewonnen. Und nichts war politisch so wichtig für sie wie dieser Prestigeerfolg auf dem Mond. Gleichzeitig war dies eben auch eine grosse Show und ein grosser Erfolg für die Wissenschaft und ihre Technik. Keine andere Erfindung oder Entdeckung je zuvor - nicht einmal die spektakulären Erkenntnisse der Physik um die vorangegangene Jahrhundertwende (mit der Quanten- und der Relativitätsphysik) - hatten eine dermassen grosse, direkte Resonanz bewirkt. Die wissenschaftliche Welt, welche ansonsten weit weg von der Alltagswelt der Normalbürger abzulaufen schien, kam mit einer solchen Show plötzlich mitten im Wohnzimmer derselben an. Nun war wirklich jedem klar, in welchem Zeitalter wir uns befinden: im Zeitalter der Wissenschaft und ihrer Technik. Hat diese grosse Show auch einen negativen Effekt? Was kann es denn noch für einen grösseren Moment in der Geschichte der Menschheit geben? Der erste Schritt zum Mond war vermutlich grösser als der Schritt zu jeder auch noch so weit entfernten Galaxie. Es kommt einem dazu fast nur noch die Begegnung mit Ausserirdischen in den Sinn, die es aber vermutlich (leider?!) nicht gibt (auch wenn Herr von Däniken etwas anderes behauptet - doch mit allerletzter Gewissheit sagen können wir es nicht). Oder die Besiegelung des ewigen Weltfriedens? Dies würde vermutlich in einem schleichenden Prozess geschehen (ohne grosse Show - falls es tatsächlich einmal geschehen wird). Natürlich war das nicht die einzige grosse Show in jenem Jahr: 25 Tage nach der Mondlandung fand das Woodstock-Festival statt (15.-18. August). Die legendäre Bluesrockband Canned Heat spielte dort in einem der eindrücklichsten Auftritte: A change is gonna come. So etwas wie das Motto dieses Festival, welches rein showmässig keineswegs im Schatten der Mondlandung statt, sondern einen ebenso starken Akzent einer schwierig einzuordnenden Alternativbewegung setzte, welche einerseits von geerdeteren Verhältnissen sprach (und sang), andererseits aber bloss eine andere Art von Höhenflug inszenierte - einen psychedelischen Höhenflug (und damit etwas darstellte, was in der Wissenschaft fehlt).


Naturalistische Epistemologie (Erkenntnistheorie) von Quine (Epistemology Naturalized, 1972 [Essay] - Vertreter des wissenschaftlichen Naturalismus: Laudan [Normativer Naturalismus], McDowell [Entspannter Naturalismus], Godfrey-Smith [Minimaler Naturalismus]). Der Naturalismus ist eine philosophische Richtung des frühen 20. Jahrhunderts, welcher die Philosophie wieder näher zur Wissenschaft bringen sollte. Er versucht, die Dinge so einfach und 'natürlich' wie möglich zu sehen und behauptet - ähnlich wie der Realismus - dass es nichts (Übernatürliches) hinter der Natur gebe, und dass wissenschaftliche Methodik alles untersuchen kann, was wirklich ist (inkl. den menschlichen Geist). In seinem Essay "Epistemology Naturalized" meinte der analytische US-Philosoph Willard Van Orman Quine, ein Kritiker des Wiener Kreises und des Logischen Empirismus (siehe dort - er wendet sich insbesondere gegen den erkenntnistheoretischen Reduktionismus und die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen): «Epistemology, or something like it, simply falls into place as a chapter of psychology and hence of natural science.» Damit rechnete er, sehr polemisch, die philosophische Erkenntnistheorie* und ebenso die Psychologie** den reinen Naturwissenschaften zu (und sowohl die philosophische wie auch die wissenschaftliche Erkenntnistheorie eigentlich der Psychologie!, d.h. [naturalistisch formuliert] statt die Weisheit soll die Seele bestimmen, wie und was Wissenschaft ist***). Putnam kritisierte in seinem Anti-Naturalismus, dass die Psychologisierung der Wissenschaft das Ende einer normativen Wissenschaft bedeuten würde (das selbe Problem stellt sich übrigens spezifisch auch in der Jurisprudenz). Typisch für den Naturalismus sind die nüchternen Betrachtungen von Larry Laudan, welcher einen Normativen Naturalismus vertrat und sich ebenso gegen den Realismus wie auch gegen den Relativismus und den Positivismus wandte. Die Wissenschaft soll nach ihm einfach nur Theorien erarbeiten, um Probleme zu lösen: sie basiert demnach auf der Betrachtung von Problemen und Lösungen, dies entspricht der Einheit der Wissenschaft. Zentral wichtig ist dabei die gute Erklärung (engl. good reasoning). Fortschritt innerhalb eines Bereiches tritt ein, wenn aufeinanderfolgende Theorien eine steigende Effektivität zum Lösen von Problemen aufweisen. Ein solcher Fortschritt ist für Laudan rational. Das tönt in einer nüchternen Übersicht wirklich alles sehr einfach und plausibel, aber ist es auch tatsächlich ein wissenschaftstheoretischer Fortschritt? Laudans einfacher Betrachtungsweise wurde Relativismus und Fuzzyness vorgeworfen (dt., etwa: Beliebigkeit und Ungenauigkeit). Vielleicht war es gar nicht so schlecht, die Wissenschaft wieder einmal ganz nüchtern und naturalistisch zu betrachten - was macht die Wissenschaft denn eigentlich wirklich? Theorien aufstellen und Probleme lösen - aber so richtig zündend war diese Theorie in diesem 20. Jahrhundert nun eben auch wieder nicht. Dies gilt auch für die Modifikationen von McDowell oder Godfrey-Smith - dieser stellte fest, dass man die Fragen der Wissenschaftstheorie gar nicht von der Wissenschaft ableiten müsse, sondern: dass dies rein philosophische Fragen über die Natur des Glaubens, die Rechtfertigung und das Wissen seien; damit trennte er die Philosophie quasi wieder von der Wissenschaft ab: welcher Wissenschaftler interessiert sich heute schon für eine rein philosophische Wissenschaftstheorie??). Vielleicht ist diese Diskussion um den Naturalismus die interessanteste Diskussion innerhalb der reinen Erkenntnistheorie im 20. Jahrhundert gewesen; sie scheint jedenfalls irgendwie im Zentrum dieser Diskussionen zu stehen.

* Interessanterweise waren es aber auch nach ihm fast ausschliesslich Philosophen, welche sich für die Erkenntnistheorie in der Wissenschaft interessierten; die Wissenschaftler denken nicht philosophisch über ihre Methodik nach, sondern sie machen einfach Wissenschaft bzw. das, was sie als Wissenschaft empfinden. Für die Psychologen wiederum ist der Bereich nicht sehr interessant, weil er weder einen besonders pathologischen noch einen besonders politischen Hintergrund hat. Die Psychologie interessiert sich zwar dafür, wie der Mensch denkt, aber kaum dafür, wie er (spezifisch in der Wissenschaft) Erkenntnisse gewinnt und Wissen generiert. Das ist eine eher logistische Sache, welche eben in den Bereich der Philosophie zu fallen scheint. Wie die anderen Wissenschaftler glauben auch die Psychologen, ihre Wissenschaft nicht mehr selber als Wissenschaft deklarieren, begründen und erklären zu müssen, sondern sie setzen das voraus. Nur der Philosoph zweifelt mitunter an seiner eigenen Disziplin und auch an den anderen Disziplinen oder an der Wissenschaft als solcher. Und der Zweifel - nicht irgendein kleines, einzelnes, spezifisches, konkretes Zweifeln, sondern: der ganz grosse und fundamentale Zweifel - steht ja auch am Anfang der neuzeitlichen wissenschaftlichen Erkenntnistheorie (siehe: Descartes [ebenso auch am Anfang der klassisch griechischen Philosophie (siehe Sokrates) und der christlichen Religion (siehe Jesus)]).

** Die Psychologie ist eine Wissenschaft mit speziellen Voraussetzungen (ich habe schon davon gesprochen). Sie scheint auch irgendwo zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften anzusiedeln zu sein, obwohl natürlich beide Bereiche, insbesondere die Naturwissenschaften, sie auf ihre Seite ziehen möchten.

*** Sollte nicht eigentlich eben die Wissenschaft selber (naturalistisch, quasi) bestimmen, was sie ist? Das grösste Problem dabei ist: eigentlich bzw. in einem gewissen (nominalistischen) Sinn gibt es 'die Wissenschaft' gar nicht. 'Die Wissenschaft' ist - im Gegensatz übrigens zur Philosophie und zur Theologie - keine (wissenschaftliche) Disziplin, sondern sie ist ein Oberbegriff für einzelne Disziplinen wie Physik, Chemie, Biologie - aber auch Soziologie oder Ökonomie, oder Psychologie und Linguistik - usw. usf., etc. etc. Eine wissenschaftliche Erkenntnistheorie stammt eben ursprünglicher- und typischerweise aus der Philosophie, welche damit die neuzeitliche Wissenschaft im 17./18. Jahrhundert beförderte und unterstützte ('die Wissenschaft' ist in diesem Sinn eine Erfindung der Philosophie [und ferner der Akademien bzw. Universitäten], und paradoxerweise scheint die Erkenntnistheorie eben gerade naturalistisch betrachtet ein Gebiet der Philosophie zu sein [vgl. Godfrey-Smith - zumindest solange sich 'die Wissenschaft' nicht selber als wissenschaftliche Disziplin konstituiert (dagegen sprechen v.a. die Einzelinteressen der verschiedenen, teils sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, und vielleicht eben auch eine weise Konstituierung der Wissenschaften und ihrer Erkenntnistheorie)]).


Informationszeitalter (D. Bell, 1973 [The Coming of Post-Industrial Society: A Venture in Social Forecasting]), Medienphilosophie (McLuhan, 1964 [Understanding Media: The Extensions of Man]; Nelson, 1981 [Literary Machines: The report on, and of, Project Xanadu concerning word processing, electronic publishing, hypertext, thinkertoys, tomorrow's intellectual revolution, and certain other topics including knowledge, education and freedom (1981)], Internet bzw. World Wide Web von Berners-Lee/Cailliau (1989 [Erfindung] - Vertreter der Internetphilosophie: Bard 2000/2012 [The Netocrats; The Futura Trilogy (inkl. Nätokraterna [engl. Netocracy: The New Power Elite & Life after Capitalism], Det globala imperiet [The Global Empire], Kroppsmasinema [The Body-Machines] - je mit Söderqvist)]; Lanier 2010/2013/2017 [You Are Not a Gadget: a Manifesto; Who Owns the Future?; Dawn of the New Everything: Encounters with Reality and Virtual Reality]) und Social Media (Facebook, Twitter, Instagram und andere). Wollten wir die Materialzeitalterbezeichnungen weiterführen, so käme nach dem Steinzeitalter, dem Kupferzeitalter, dem Bronzezeitalter und dem Eisenzeitalter logischerweise das Stahlzeitalter... aber (in der spätmodernen Ambivalenz) auch das Plastikzeitalter? Wir haben somit das stählernste und das plastischste Material (beides je 1855 aufgekommen: Stahl von Bessemer [industriell, ansonsten wurde Stahl schon im frühen Eisenzeitalter erzeugt], Plastik von Parkes, Spill und Hyatt) - vielleicht das Ende der materiellen Zeitalter (ausserhalb der Nanotechnologie)? Eigentlich steht heute etwas anderes im Vordergrund: die Information - und demnach: das Informationszeitalter. Daniel Bell hat dieses ausgerufen, bevor Homecomputer und Personal Computer (1977/1981) den Markt erobert haben (und schon sind wir der Überinformiertheit und dem Aktualitätswahn auch wieder überdrüssig [ich habe selber schon Phasen gehabt in meinem Leben, in welchen ich bewusst aus dem Interesse für die Medieninformation mehr oder weniger ausgestiegen bin]). McLuhan und Nelson gelten als die bedeutendsten Medienphilosophen des 20. Jahrhunderts. Nelson initiierte bereits die Begriffe Hypertext und Hypermedia. Bard, ein autodidaktischer Philosoph (wie ich*), spricht von einer Internetrevolution und richtet seine Philosophie konsequent auf das Internet aus, als wäre es die einzige Sache der Zukunft (Futuristen neigen immer ein bisschen zu dieser Übertreibung). Er sagt, dass nicht nur unser heutiges Informationszeitalter sei, sondern dass jedes Zeitalter ein Informationszeitalter gewesen sei. Den klassischen Medien wirft er Top-Down-Information** vor, während das Internet Kommunikation auf gleichem Level ermögliche. Lanier gehört zu den Kritikern der Neuen Medien und meint, dass die heutige Mittelklasse von der Internetökonomie zunehmend entrechtet wird. Was hat das Internet (d.h. technischer Backbone [mit Kabeln, Routern, Satelliten und dergleichen mehr]) bzw. World Wide Web (d.h. Webseiten und Anwendungen jeglicher Art) mit der Wisssenschaftstheorie zu tun? Ganz direkt eigentlich wenig bis gar nichts, handkehrum wird aber wohl auch niemand behaupten wollen, das Internet habe nicht alles in dieser Menschenwelt von heute irgendwie beeinflusst und verändert. Also: auch die Wissenschaftstheorie (zu allem gehört sie immerhin auch dazu)? Als ab 1968 im Auftrag der US Air Force von einer kleinen Forschergruppe unter der Leitung des Massachusetts Institute of Technology MIT und des US-Verteidigungsministeriums das Arpanet (Advanced Research Projects Agency Network - für militärische Zwecke) entwickelt wurde, dachte noch niemand an ein Internet und ein World Wide Web, ebenso wie 1990 noch niemand an die unglaubliche Entwicklung des kommerzialisierten Webs dachte, als Berners-Lee mit (s)einer ersten Webseite sein World Wide Web vorstellte. Das unglaubliche Tempo der Entwicklung der Websites, welche die Leute in dieses World Wide Web gestellt haben, sucht in der ganzen Wissenschafts- und Technikgeschichte ihresgleichen. Eine unglaubliche und unfassbare Entwicklung (obwohl wir heute auch vom Geld*** wissen, dass es sich verbillionisiert und verweissnichtwasisiert, wie es will, aber hier steckt - zumindest am Anfang - doch echte menschliche Kreativität dahinter: so etwas hat es in der Weltgeschichte noch nie gegeben! [Und vermutlich wird es so etwas in der Weltgeschichte auch nicht so rasch wieder geben - was kann man mit einer solchen immensen menschlichen Kreativität anfangen: im Guten wie im Schlechten? (Ist das nicht auch eine interessante Frage für die Wissenschaftstheorie? [Und was werden die neuen sozialen Webmedien mit dem Wissen machen? Wir stehen erst am Anfang von solchen Antworten, oder gar erst Fragen.])])

* Autodidaktische Philosophen, welche nie an einer Universität waren, sind in der neuzeitlichen und modernen Philosophiegeschichte sehr selten, wenn es um reine Philosophen geht, während dies in der Antike bis zur Platonischen Akademie natürlich auf die meisten Philosophen zutraf (die theologischen Philosophen im Mittelalter hatten eine spezielle christliche Ausbildung). Die bekanntesten von ihnen sind vermutlich etwa Spinoza, Voltaire, Rousseau, Mill - es gibt noch ein paar wenige mehr, aber nicht viele. (Ich war zwar an der Universität, wo ich Wirtschafts- und Rechtswissenschaften studierte, allerdings ohne einen Abschluss [und das gilt in der Gesellschaft nicht nur als jemand, der nicht so richtig an der Uni war, sondern als jemand, der überhaupt gar keinen Berufsabschluss hat, was natürlich sehr ungefragt ist in der heutigen (und besonders in der so hoch entwickelten schweizerischen) Wirtschaft - bei mir hat sich aus diesem Dilemma heraus in einer schwierigen Lebenssituation dann die Philosophie entwickelt].)

** Dieser Vorwurf ist sicher teilweise berechtigt, andererseits sind die Medien aber teils auch kritisch gegenüber der Elite (besonders im Fall von kritischen Medien in autoritären Staaten). Die ausnivellierte Diskussion im Internet, wie Bard sie sieht, ist natürlich sehr viel komplexer als jene, die von oben nach unten geht, und daher wird diese wohl immer eine gewisse bzw. bedeutende Rolle spielen in der Organisation der Gesellschaft (umso wichtiger ist es, die richtigen Personen in der Elite und Regierung zu haben).

*** Entwicklung Websites: 1991 - eine Website, 1992 - zehn Websites, 1993 - 130 Websites, 1994 - 2738 Websites, 1995 - 23'500 Websites, 1996 - 257'601 Websites, 1997 - 1'117'255 Websites, 1998 - 2'410'067 Websites, 1999 - 3'177'453 Websites, 2000 - 17'087'182 Websites, 2001 (hier habe ich, obwohl ich mich auch als Webpionier betrachte, etwas abseits in Europa, erst ins Geschehen eingegriffen mit meiner kleinen, bescheidenen persönlichen Website [ich war sowohl mit dem Computer wie auch mit dem Internet vergleichsweise eher spät dran]) - 29'254'370 Websites, 2002 - 38'760'373 Websites (eine davon war meine), 2003 - 40'912'332 Websites, 2004 - 51'6111'646 Websites, 2005 - 64'780'617 Websites, 2006 - 85'507'314 Websites, 2007 - 121'892'559 Websites, 2008 - 172'338'726 Websites, 2009 - 238'027'855 Websites, 2010 - 206'956'723 Websites, 2011 - 346'004'403 Websites, 2012 - 672'985'183 Websites, 2013 - 986'882'453 Websites, 2014 - 863'105'652 Websites, 2016 - 1'045'534'808 Websites, 2017 - 1'766'926'408 Websites, 2018 - fast zwei Billionen Websites (hier enden diese Aufzeichnungen, aber man kann sich gut vorstellen, wie es weiterging/-geht).

*** Wieviel Geld gibt es überhaupt in der Welt heute? Ich bin der philosophischen Überzeugung, dass man das gar nicht mehr so genau sagen kann. Aber es gibt tatsächlich noch immer Berechnungen dazu im Web, die mehr oder weniger verlässlich erscheinen. Letztlich geht es v.a. um die Summe der Derivate - alles andere verblasst daneben bzw. ist quasi vernachlässigbar, und die Summe der weltweiten Derivate soll etwa 630 Billionen bis 1,2 Billiarden US-Dollar betragen (in Zahlen: 1'200'000'000'000'000). Die einzige Frage hierzu ist eigentlich: was kommt als nächstes? Und diese Antwort ist relativ leicht zu geben: nach den Billiarden kommen dann die Trillionen (und im Mittelalter waren sie noch gegen die Zinsen und Zinseszinsen - da sieht man, wie sich die Welt verändert hat [im Guten wie im Schlechten]). Seit der Aufgabe des Bretton-Woods-Systems anfangs der 1970-er Jahre ist die Geldmenge in schier unglaubliche Höhen gestiegen. Der damalige US-Präsident Nixon beendete die nominale Goldbindung des Dollars 1971 ('Nixon-Schock' - seither ist die Geldmenge an nichts mehr gebunden). Die Kurve der Entwicklung der Geldmenge seit jener Zeit sieht ähnlich aus wie die Kurve der Entwicklungen der Websites (das nennen wir exponentielles Wachstum - und die aktuelle Coronakrise ist ein weiterer Grund dafür, dieses exponentielle Wachstum noch einmal weiter zu verstärken und jede weitere Krise wird ein weiterer Grund sein). Und wer ist der reichste Mensch auf Erden 2020? Natürlich ist es Jeff Bezos, der Gründer von Amazon (vor Bill Gates, Bernard Arnault, Mark Zuckerberg und Elon Musk), mit einem Vermögen von 204,6 Milliarden Dollar - ein Kieselsteinchen im Finanzuniversum (auch wenn sich für den einfachen Mann nicht viel verändert dabei).

-> Alexander Bard: The Internet Revolution (engl.). Er mag in gewissen Aussagen ein bisschen extrem und radikal sein, aber sicher ist er einer der interessantesten Analysten des Internetphänomens. Bard bezeichnete sich schon als Anhänger des Zoroatrismus, hat darüber hinaus aber eine vollkommen neue und sehr provokative Religionsvorstellung aufgebracht: den Syntheismus. Gemeint ist damit eine religiöse Richtung, welche sich ihren Gott bewusst selber erschafft und gestaltet. Wenn man Bard zuhört, hat man das Gefühl, dass auch dieses Thema an der klassischen Philosophie irgendwie vorübergegangen ist (und vielleicht bedeutender noch als jedes andere vergessene Thema in der sp&aumL;teren Moderne zuvor [auch die Umweltphilosophie etwa fand mehr oder weniger nur am Rande der klassischen Philosophie statt]). Ich glaube nicht, dass Bard so viele Philosophiebücher gelesen hat wie ich, aber das muss man auch nicht unbedingt tun, um eine philosophische Meinung zu äussern, wenn diese einigermassen interessant ist.


(Politische) Anti-Atomkraft-Protestbewegung (ab 1974), Öko- und Klimabewegung und -politik sowie Kriegsproteste und Friedensbewegung (ab 1965). Die ersten grossen Demonstrationen gegen die wissenschaftliche Technik gab es bei den Vietnamkriegprotesten in den späteren 1960-er Jahren in den USA (mit einer Höchstzahl der Protestierenden von landesweit 500'000 [1969]). Das neue Gefühl dieser alternativen Friedensbewegung löste die Hippiebewegung aus (1968 - mit dem berümtesten Konzert der Musikgeschichte, dem Woodstock-Festival 1969, gleichsam auch die bedeutendste Jugendbewegung bis dahin). In Europa formierte sich in den früheren 1970-er Jahren ein Protest gegen die friedliche Nutzung der Atomkraft. Die erste Anti-AKW-Demonstration fand in Fessenheim (Frankreich) 1971 statt, die grössten Demonstrationen gegen die Atomkraft bildeten rund 200'000 Personen (Bilbao, 1977; New York City 1979). Es gab wohl nie vorher einen ähnlich bedeutenden Protest zu einer friedlichen Anwendung der Technik, wie 1974 bei der Bauplatzbesetzung eines geplanten Atomkraftwerkes in Wyhl (Deutschland) - im folgenden Jahr wurde dieses AKW-Projekt eingestellt. Dabei hatte es zu dieser Zeit noch gar keinen ganz grossen Atomunfall gegeben (diese folgten später: Harrisburg [1979], Tschernobyl [1986], Fukushima [2011]). Bedeutend in der frühen Ökobewegeung war ein von Donella H. Meadows, Dennis L. Meadows, Joergen Randers und William W. Behrens III. veröffentlichter Bericht des Clubs of Rome zur Lage der Menschheit (The Limits to Growth, dt. Die Grenzen des Wachstums, 1972). Eine wichtige Rolle für die politische Bewegung gegen die Risiken von Wissenschaft und Technik spielten die Chemieunfälle (Seveso 1976; Bhopal 1984). Die Anti-AKW-Bewegung erzielte zwar gewisse Erfolge, von Bedeutung wurde die Umweltpolitik jedoch erst mit der Problematik von Klimawandel/-problem/-katastrophe - die entsprechende Diskussion wird seit etwa anfangs der 1990-Jahre geführt. Die Weltkriege und das Ökoproblem haben die (zuvor philosophische und literarische) Technikkritik greifbarer gemacht. Die Probleme können nicht einfach bloss durch weiteren Fortschritt gelöst werden. Wenn man keine Weltkriege mehr will, so erreicht man dies wohl kaum durch stetig weitere Aufrüstung, wenngleich die Theorie vom Gleichgewicht des Schreckens im Kalten Krieg auch ihre Berechtigung hat - dass solches nicht immer gutgehen kann, dürfte aber auch allen klar sein. Man braucht deswegen auch bessere Techniken zur Kriegsverhinderung. Die Menschheit hat heute ein Waffenarsenal aufgehäuft, mit welchem sie sich (rein hypothetisch) vielfach selber zerstören kann. Das ist nachwievor sehr krass - auch wenn man von der einstigen Friedensbewegung zur alternativen Zeit heute fast nichts mehr hört. Auch das Ökoproblem dürfte nicht alleine mit weiterer Technik zu lösen sein, sondern langfristig braucht es dazu auch ein Umdenken der Menschen. Der Menschheit droht in der langen Frist die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen - das ist auch weltpsychologisch ein ganz neuer Ausgangspunkt für die Menschheit! Und das sind ganz neue Probleme für die Wissenschaft und ihre Technik, und es sind Fragen, Probleme und Aufgaben, denen sie sich heute stellen müssen - der wissenschaftliche und technische Fortschritt ist nicht mehr länger nur eine klare und einfache Vorwärtsbewegung wie rund 400 Jahre lang vorher, sondern eine Bewegung, welche die Kritik integrieren muss (ich erwähne die Wissenschaft immer mit, weil es hier ja um Wissenschaftstheorie geht, auch wenn der Verursacher der grössten Probleme die Technik ist, d.h. die Anwendung der Wissenschaft).


Nanotechnologie ([Feynman, 1959]; Taniguchi, 1974; Curl/Kroto/Smalley, 1985; Drexler, 1986) und Large Electron-Positron Collider LEP (1989) sowie Large Hadron Collider LHC (dt. Grosser Hadronen-Speicherring, 2008). Immer weiter stösst der Mensch ins Kleine und ins Grosse vor. Der Large Hadron Collider LHC, ein riesiger Teilchenbeschleuniger am CERN in Genf, dessen Zentraleinheit einen 26,7 Kilometer langen Ringtunnel bildet, ist zu dieser Zeit die grösste Maschine der Welt. Sie wurde gebaut für die Erforschung der kleinsten Teilchen auf der subatomaren Ebene. Man wolle mit diesem Projekt auch etwas über den Ursprung des Universums herausfinden, hat man lesen können. Dieses Ziel kann ich in diesem Projekt freilich nicht ganz nachempfinden. Es scheint viel zu hoch gesteckt - fast wie weiland Kant meinte: gebt mir Materie, und ich baue euch ein Universum! So leicht wird es ja wohl nicht gehen, und von solchen Dingen scheinen wir heute noch sehr viel weiter entfernt zu sein, als von Dingen, die wir sehr viel besser brauchen könnten, die uns aber auch noch immer nicht so ganz klar sind (das geht bis zur sinnvollen Organisation der eigenen Gesellschaften, notabene). Ich finde, wir werden von der Wissenschaft sehr schlecht über die aktuellen Ereignisse informiert. Es fällt mir nicht leicht, zu diesem Thema eine fundierte Meinung zu äussern, aber ich habe das Gefühl, dass es sich bei diesen subatomaren Teilchen, die zumindest im Fall der Quanten ebenso Wellen sein können, um instabile Teilchen handelt, welche erst auf der Ebene des Atoms wirklich stabil erscheinen. Man erforscht also hier scheinbar eine instabile Welt. Wie aber will man in einer instabilen Welt auf stabile und verlässliche Resultate kommen? Ich sage nicht, dass ich das ganze Geschehen rund um diesen LHC wirklich und letztlich begriffen habe. Ich sage nur, was meine Überlegungen zu dem sind, was ich bisher gehört habe. Es scheint, obwohl es sich beim LHC um die Erforschung von noch kleineren Elementarteilchen handeln soll, wenn es denn wirklich (stabile) Teilchen sind, dass auch das Periodensystem der Elemente schon erweitert wurde mit Teilchen, welche auf instabilen Voraussetzungen und Versuchen beruhen (unter unnatürlichen Laborbedingungen, wo keine Feldversuche möglich sind). Das erscheint mir fragwürdig - solange aber dies die Grundstruktur des Periodensystem, welches noch immer die Zentralreferenz ist in der Physik wie in der Chemie, nicht verändert, spielt es keine grosse Rolle (und wenn es dies je tun würde, müsste man sich grundsätzliche Fragen stellen). Alle reden heute über Identität (in den Geisteswissenschaften), aber niemand spricht über Stabilität (in den Naturwissenschaften). Was der LHC im Grossen ist, das ist die Nanotechnologie heute im Kleinen. Hierbei geht es nicht um die allerkleinsten Teilchen, welche uns bekannt erscheinen, sondern um die kleinsten Teilchen, mit welchen wir bereits arbeiten können (oder bald zu arbeiten können glauben). Der Begriff vom Nanoteilchen bezeichnet Verbünde von einigen wenigen bis einigen tausend Atomen oder Molekülen. Der Name Nano bezieht sich auf ihre Grösse, die typischerweise bei 1 bis 100 Nanometern liegt: ein Nanometer entspricht einem Milliardstel Meter. Nanotechnologie ist u.a. in der Computer- und Smartphoneherstellung und -verbesserung eingesetzt worden. Die zukünftigen Möglichkeiten dieser Technologie scheinen heute ebenso offen wie phantastisch. Vielleicht ist es die Technologie mit dem bedeutendsten Zukunftspotenzial, welche wir heute haben. Typischerweise kennt man die Nanotechnologie heute im Bereich der Verbesserung der Materialien. Zu den vielen Hoffnungen, welche in diese Technologie gesetzt werden, gehört u.v.a. auch die Abwehr von Viruskrankheiten mit Nanorobotern (interessant, natürlich, zur Zeit der Coronakrise). Der Science-Fiction dieses Bereichs zufolge können wir dereinst Nanoroboter irgendwohin schicken. Da wir die Nanotechnologie noch nicht allzu gut kennen, scheinen auch viele Gefahren damit verbunden zu sein (wie mit allen neuen Technologien) - daher gibt es auch bedeutende Kritik und Ablehnung gegenüber dieser neuen Technologie. Macht uns das Kleinste nicht noch viel mehr Angst und Sorgen als das Grösste - dieses können wir irgendwie noch einigermassen einschätzen, in den heutigen Mikrobereichen der Technologie versagt jedoch teils jegliche Vorstellung. Heere von unsichtbaren Nanorobotern überall in der Welt - was für eine (dystopische) Science-Fiction-Vorstellung! Aber auch über solche Dinge werden wir uns Gedanken machen müssen (u.v.a. - da kommen ja so viele Dinge in den verschiedensten Bereichen der Technik auf uns zu, mit denen wir heute noch gar nicht rechnen [die Technik vervielfältigt sich täglich tausendfach]).

-> Nanotechnology - A New Frontier (engl.).
-> Top 7 Emerging Technologies That Will Change Our World (engl.).


(Wissenschaftlicher) Historismus von Hübner (Kritik der wissenschaftlichen Vernunft*, 1978). Im Zusammenhang mit dem Buch zur wissenschaftlichen Vernunft steht das Buch "Die Wahrheit des Mythos" (1985) vom selben Autor. Darin sagt Hübner, dass Poppers Versuch, mit der Falsifikation die absolute Gewissheit in der Wissenschaft zu sichern, gescheitert sei. Er bezeichnet die Wissenschaft als eine fundamentale Auffassung von Wirklichkeit, welche sich aufgrund ihrer Axiome (also: vorausgesetzte Grundsätze, die nicht bewiesen werden müssen) nie verändert habe (ferner meint er, fundamentale Auffassung von Wirklichkeit nenne man Ontologie [Lehre vom Sein] und spricht daher quasi von einer 'wissenschaftlichen Ontologie'**]). Hübner sieht fünf Klassen von Festsetzungen, welche Wissenschaft überhaupt erst ermöglichen: 1. Instrumentale Festsetzungen (betreffen das Einzelne, etwa bereitgestellte Daten, z.B. Messdaten), 2. Funktionale Festsetzungen (betreffen das Allgemeine und beschreiben den Umgang mit Beobachtungen oder Messdaten), 3. Axiomatische Festsetzungen (liefern die Bedeutungszusammenhänge zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen), 4. Judikale Festsetzungen (Überprüfung von aufgestellten Gesetzen), 5. Normative Festsetzungen (Festlegung der Objektbereiche einer Wissenschaft, ihrer Methoden und der Art möglicher Erkenntnisse). Das tönt vielleicht ein bisschen technizistisch und/oder technokratisch. Die Wissenschaft beinhaltet nach ihm informelle (schriftlich nicht fixierte) und formelle (schriftlich fixierte) Regelsysteme und ergibt eine Historische Systemmenge (Regelsysteme für einen bestimmten Zeitpunkt und in einer bestimmten geographischen Region [das entspricht einer klaren Abrückung von einem universellen Wissenschaftsanspruch!***, denn hier wird ja quasi gesagt, dass die Wissenschaft je nach der Zeit und dem Raum verschieden ist - und nicht: dass die Wissenschaftserkenntnis je nach der Zeit und dem Raum unterschiedlich vollständig ist, wie es die ursprüngliche Meinung einer auf Determinismus hinzielenden Wissenschaft war****]). Durch Widersprüche ergibt sich Wandel, welcher eine Harmonisierung der Systemmenge erfordert. Fortschritt besteht entweder in der Harmonisierung durch Explikation (vom System - Fortschritt I) oder (System-) Mutation (Fortschritt II).

* Der Titel des Buches ist insofern interessant, als ich am Beginn der neuzeitlichen Wissenschaft ja die Unterscheidung von Vernunft und Verstand (durch Cusanus) erwähnt habe. Eigentlich wird die (Natur-) Wissenschaft eher der Verstandes- als der Vernunftssphäre zugerechnet, wobei wir ja seit Kant wissen, dass die Vernunft letztlich alles überragt (in der Philosophie sind Verstand und Vernunft aber auch zwei Begriffe, die immer wieder durcheinandergebracht werden [ebenso wie Seele und Geist (u.a.)]). Unter einem solchen (widersprüchlichen und herausfordernden) Titel würde ich mir doch etwas mehr wünschen als den Rückzug auf eine 'wissenschaftliche Ontologie' (bzw. auf die Behauptung einer solchen - gerade Kant hatte ja der Ontologie [von Wolff] eine gewisse [wissenschaftliche] Unschärfe vorgeworfen). Der Widerspruch zwischen wissenschaftlichem Verstand und philosophischer (und auch politischer) Vernunft ist ja (u.a.) eben nachwievor bedeutend und schwierig.

** Als Ontologe müsste ich hier, wie auch andernorts, auf der Einheit der Ontologie bestehen (bzw. zumindest auf einer gewissen Einheit) und könnte daher keine speziellen Teilontologien zulassen. Das heisst: es kann allenfalls eine Ontologie als Wissenschaft geben (siehe: in meinem ersten Buch), aber keine Wissenschaft als Ontologie. Leider werden verschiedenste Teilontologien innnerhalb der Philosophie immer wieder aufgestellt, womit missachtet wird, dass eine Ontologie grundlegend - ich würde nicht sagen: ausschliesslich, aber doch: grundlegend (logischerweise) - auf das Ganze (des Daseienden) zielt. Und das Ganze ist - im Gegensatz zu den Teilen - als eine (abgeschlossene) Einheit zu begreifen.

*** Ich spreche hier nicht von einer (letztlich durchzusetzenden) Behauptung, sondern von einem (erst einmal anfänglich gehegten) Anspruch. Wenn die Wissenschaft keinen Anspruch mehr hat auf ein (universelles) Wissen, wie will sie sich dann selber noch als Wissenschaft verteidigen?

**** Das Problem ist dieses: ein Determinismus ist schon alleine deswegen nicht möglich, weil sich die Welt und die Sprache verändern (und zwar an jedem einzelnen Tag). Eine Wissenschaft, welche nicht auf ein determiniertes Ziel hinstrebt, erscheint jedoch beliebig. Wenn die Wissenschaft morgen eine andere ist als heute, wieso sollte ich die heutige Wissenschaft für bedeutend halten? (Zum Beispiel, weil es die heute bestmögliche Wissenschaft ist oder sein könnte - aber ist das nicht auch ein Determinismus, ein relativer Determinismus, quasi?). Man kann also den Determinismus (trotz allem) nicht verteufeln und den Relativismus nicht verherrlichen. Mit solchen Widersprüchen müssen sie alle leben: die Wissenschaftler, wie die Philosophen, wie die Theologen.


Radikaler Konstruktivismus von Glasersfeld (zw. 1984-2010 - weitere Vertreter des Radikalen Konstruktivismus: [Piaget], Von Foerster, Maturana, Varela; weitere Vertreter des Konstruktivismus: Lorenzen, Kamlah (je Methodischer Konstruktivismus), Luhmann (Operativer Konstruktivismus), Van Fraassen (Konstruktiver Empirismus), Wallner (siehe oben). Ernst von Glasersfelds Ansatz der Wissenschaftstheorie geht von der subjektiven Wahrnehmung aus und zielt auf eine subjektive Konstruktion. Daher kann dieser Ansatz psychologisch motiviert genannt werden (er soll v.a. von Freud und Wittgenstein beeinflusst gewesen sein; in den USA erhielt der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler sogar einen Lehrstuhl für Kognitionspsychologie). Er deutet darauf hin, dass schon Piaget erklärt habe, dass die kognitiven Strukturen des Wissens nicht ein Abbild der Wirklichkeit seien, sondern vielmehr das Ergebnis von Anpassung. Das sind je recht zweifelhafte Schlüsse. Das Wissen der Wissenschaft ist sicher beides, Kulturleistung wie auch Wahrheitsfindung. Das Eine gegen das Andere auszuspielen, bringt wissenschaftlich nichts ein. Glasersfeld macht aus dem allgemeinen Subjekt von Descartes ein persönliches, und das kann wohl eben psychologisch genannt werden, aber in keiner Art und Weise wissenschaftlich. Ein persönliches Subjekt kann keine Wissenschaft begründen - erst wenn es sich gedanklich in die Lage eines allgemeinen Subjekts begibt, kann es dies versuchen (das gilt auch für eine wissenschaftliche Philosophie, notabene). Wer die reine Philosophie zu umgehen versucht, kommt nie an die Wurzeln der Wissenschaftstheorie heran (weil diese in der Philosophie begründet wurden). Der radikale Konstruktivismus ist ein schlecht gelungener Versuch, den radikalen Determinismus (und Realismus) zu überwinden. Wenn ein radikales Postulat falsch ist, bedeutet das noch nicht, dass eine Gegenradikalität zur notwendigen Vernunft führen kann (v.a. wenn ein solcher Ansatz dann nicht dialektisch ausgearbeitet wird). Schon der Begriff der Radikalität ist schlecht für eine Wissenschaftstheorie, weil er nur eine Tendenziosität hervorbringen kann. Der Einwand des Soziologen Luhmann kann die Theorie nicht retten, sondern macht sie, indem er die Eigenkonstruktion quasi idealistisch gänzlich von der Wahrnehmung trennt, gar eher noch radikaler. Es gilt aber doch, ohne etwas auszuschliessen, Wahrnehmung, Erfahrung und Erkenntnis (dies wären meine drei Zentralbegriffe zur Wissenschaftstheorie) strikt voneinander zu trennen. Die Konstruktivisten stellen - offenbar aufgrund von psychologischen Anleihen - quasi in Abrede, dass die Wissenschaft zu verbindlichen Aussagen über die Wirklichkeit kommen könne. Die reine Technik bzw. die Anwendung der Wissenschaft beweist jederzeit das pure Gegenteil. Die Frage ist gar nicht, ob das Denken ein Konstrukt ist oder nicht (das Denken ist als solches immer kreativistisch und konstruktivierend [dies gilt sogar für die (philosophische) Dekonstruktion, sonst hätte Derrida nicht so dicke Bücher geschrieben]), die Frage ist, ob das Konstrukt eines wissenschaftlichen Denkens hinreichend ist, um dem Menschen als Wissenschaft (und Technik) zu dienen. Welchen Grad von Verbindlichkeit dies bei einer einzelnen Person eröffnet oder nicht: das ist dann eine bzw. die subjektive Frage.


Minimalistische Wahrheit von Horwich (Truth, 1990) - und frühere deflationäre Wahrheitstheorien (in der Philosophie) - Post Truth (Tesich, 1992) und Fake News. Dies sind schwierige Begriffe, mit denen wir uns aber heute auseinandersetzen müssen, weil sie einer bedeutenden Zeiterscheinung entsprechen. Klar und deutlich wurde das mit dem Begriff der Fake News, welcher in den 2010-er Jahren aufgetaucht ist. Es ist dabei gar nicht so ganz klar, was damit eigentlich genau gemeint ist. Sind damit manipulierte und/oder überdrehte Nachrichten gemeint, wie sie z.B. im Bereich der Verschwörungstheorien vorkommen, oder sind es auch (oder v.a. auch politisch) tendenziöse Nachrichten, welche die (politische) Meinung der Leute beeinflussen sollen (wobei der Faktor der Wirkung höher eingeschätzt wird als der Faktor der Wahrheit)? Fake News ist - ausgehend von der USA in der Obama- und Trump-Ära eines der bedeutendsten Schlagwörter der aktuellen Zeit geworden. Dieser Debatte um Fake News ging eine deflationäre Entwicklung des Wahrheitsbegriffs voraus. Diese begann in der Zeit der Aufklärung, ging weiter mit der umfassenden Kulturkritik von Nietzsche und dem Existentialismus und mündete schliesslich in der Kritische Theorie in Deutschland und im Poststrukturalismus in Frankreich. Hier war der Begriff der Kritik teils bereits bedeutender als jener der Wahrheit. Paul Horwich, ein britischer Philosoph an der Universität in New York, schlug in seinem Buch "Truth" (1990) eine minimalistische Auffassung der Wahrheit vor (die sich vermutlich an die Idee von einer minimalistischen Auffassung der Moral von Adorno [1951] anlehnt, v.a. aber auch an die spätere Philosophie von Wittgenstein): noch weiter ging der serbisch-amerikanische Autor Steve Tesich, welcher in seinem Essay "The Nation" (1992) den Begriff von Post Truth verwendete (er verwendete diesen Begriff im Zusammenhang mit der Politik, aber wir müssen ihn auch philosophisch und wissenschaftlich deuten). Ich spreche in Bezug zur heutigen und der kommenden Zeit immer wieder von der Ambivalenz als zentralem Begriff* (ein Begriff, welcher übrigens wie ich neuerdings gemerkt habe, schon ein bedeutender Kulturvertreter bedeutend verwendet hat, und das ist der Tiefenpsychologe und/oder Psychoanalytiker Freud): hier haben wir diese Ambivalenz bereits auf ihrer Spitze - in der Zeit der höchst entwickelten Wissenschaft, ist plötzlich in der Philosophie von Post Truth die Rede. Das ist grotesk, wenn nicht sogar perfid. Aber es ist auch logisch: die Spitze des Fortschritts löst auch die Spitze der Kritik aus. Vielleicht können wir gar nicht allzu viel mehr dazu sagen - natürlich wird der Mensch nicht um den Wahrheitsbegriff herumkommen letztlich. Oder anders gesagt: nach der Wahrheit ist vor der Wahrheit. Aber diese ganze deflationäre Entwicklung bezüglich des Wahrheitsbegriff (in der Philosophie) ist natürlich nicht unbedeutend für die Wissenschaft (und für die Politik - und die Verunsicherung ist in der heutigen Zeit sicherlich gegeben [nicht zuletzt in der Politik; und wir können auch dies sagen: alles wird immer komplexer in der Menschenwelt, auch die Wahrheit und deren Begriff]).

* [Exkurs: Abklärung und Kunst/Musik.] Vielleicht geht dieser Begriff der Ambivalenz einher mit einer gewissen Abgeklärtheit. Vielleicht braucht der Mensch der Aufklärung heute eine Abklärung**. Denn wir können annehmen, dass der Mensch für die zukünftige Zeit sowohl Aufgeklärtheit wie auch Abgeklärtheit benötigt. Dabei ist zu hoffen, dass er das Gute der Aufklärung nicht verliert. Dies entspricht wohl auch meiner Formulierung der Philosophie als ewigem Projekt der Aufklärung - oder neutraler: der (Er-) Klärung - nach allen Seiten hin (modellhaft nach den vier Grundseiten hin: oben, unten, links und rechts). Damit ist gemeint, dass eine (Er-) Klärung nicht bloss eine Richtung haben kann, wenn sie eine umfassende (Er-) Klärung sein will.

** Das ist wohl auch das, welchem wir in der modernen und zeitgenössischen Kunst - inkl. Spielbereich (in digitalen wie in analogen Spielen) - so oft begegnen, wenn es um Gefühl, Natur, Tiefe geht. Wir können das praktisch in jeder Kunstrichtung heute sehen (mehr oder weniger ausgeprägt und akzentuiert). Und wir können ja die heutige Kunst weder verleugnen, noch wegdiskutieren, aber wir können sie nutzen zur Abklärung. Ich bin immer davon ausgegangen, dass der Faktor der reinen klassischen Ästhetik in der modernen Kunst sekundär ist, primär dagegen eine Brückenfunktion gegenüber (inneren) Zuständen, welche vom Mainstream ausgeschlossen werden. Gerade etwa in der Musik sind viele Ströungen der modernen Kunst aus Subkulturen entstanden. Das ist natürlich je nicht irgendeine Aufforderung zu irgendetwas, sondern nur ein Bedenken - die Menschen sind individuell, stehen an verschiedenen Punkten im Leben und haben auch sehr individuelle Bedürfnisse. Kunst und Spiel sind die Bereiche, welche in verschiedener Art und Weise dem puren Ernst von Religion, Philosophie und Wissenschaft entgegengesetzt sind.

-> Rick Roderick: 'Self under Siege - Philosophy in the 20th Century, Part 1: Masters of Suspicion' (1993, Vortragsreihe [engl.]). Roderick bin ich sehr dankbar, weil er mir klar und deutlich gemacht hat, warum ich am Anfang meiner Beschäftigung mit der Philosophie so grosse Mühe mit der zeitgenössischen Philosophie hatte (und mich daher erst einmal v.a. den Klassikern zuwendete). Es gibt nicht viele US-amerikanische Philosophen, die sich so gut in der europäischen Philosophie auskennen, und es gibt kaum einen europäischen Philosophen, welcher die Entwicklung der europäischen Philosophie im 20. Jahrhundert so genau beschreiben konnte wie dieser (leider viel zu früh verstorbene) US-Philosoph (1949-2002).


Homo technologicus von Gingras (Éloge de l'homo techno-logicus, 2005). Seit die Wissenschaft vom Homo sapiens spricht (Linné, 1758), gab es viele Homo-Epitheta - vom Homo oeconomicus und politicus über den Homo faber bis zum Homo ludens (u.v.a.). Immer wieder sollte der Mensch ein spezifisch anderer sein und/oder werden. Dass unter diesen ganzen Begriffen auch einmal jener vom Homo technologicus auftauchen würde, ist nicht weiter erstaunlich - eher erstaunlich ist wohl, dass dies in der Literatur bedeutend erst im Jahr 2005 der Fall war, durch den kanadischen Schriftsteller Yves Gingras. Vermutlich subsumierten viele vorher einen solchen Begriff vom Homo technologicus unter dem bekannten Begriff vom Homo faber (d.h. der fabrizierende oder handwerkende, schaffende Mensch [sinngemäss etwa verwendet von Franklin, Marx, Oakley, Scheler, Frisch]). Natürlich geht die heutige technologische Vorstellung viel weiter als blosses Handwerk und Schaffen, auch wenn dieses ganz urtümlich der Wissenschaft und Technik zugrunde liegt. Vielleicht brachten die 2000-er Jahre auch wirklich ein gewisser Wandel in diesem wissenschaftlich-technischen Verständnis, durch die übersichtliche Nachbetrachtung, die man langsam aber sicher machte, von dem, was sich im 20. Jahrhundert alles abgespielt hatte, von der Relativitätstheorie bis zum Internet, von den Weltkriegen bis zum Ende des realexistierenden Kommunismus (in Osteuropa) und vom Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu den heutigen ökologischen Fragen. Die Wissenschaft und deren Technik wurden als noch gewaltiger denn je angesehen, aber auch als noch gefährlicher denn je betrachtet. Die Fortschritte waren im 20. Jahrhundert v.a. im Transport- und Verkehrs- wie auch im Informations- und Kommunikationsbereich, eigentlich aber in allen Bereichen, grandios und phänomenal, teils gar ein bisschen phantastisch (im Sinn auch von einer Wissenschaft und Technik, welche für den Alltagsmenschen, der sich nicht täglich und hauptsächlich bzw. nur an der allgemeinen Anwenderoberfläche damit befasst, immer schwieriger fassbar ist [das kann zusätzliche Ängste und Sorgen auslösen und zu dystopischen Vorstellungen führen]). Heute sieht es so aus, als ob die Menschheit immer bedeutender vorwiegend darin existiert, die wissenschaftliche Technik zu erhalten und zu verbessern. Sicher können wir heute tatsächlich und immer bedeutender bereits von einem Homo technologicus sprechen - die reine Naturwissenschaft, welche den Homo sapiens auf seine Spitze trieb, weicht immer mehr einer reinen Technikwissenschaft (und eben: dem Homo technologicus, dem technologieorientierten bis technokratischen Menschen [Homo technocraticus*]; wir sprechen auch immer mehr von Technologie als von Technik, was die gestiegene Bedeutung einer reinen Technikwissenschaft anzeigt [der Begriff der Technik sagt, wie man etwas Bestimmtes macht, der Begriff der Technologie weist dagegen auf einen ganzen bis riesigen Apparat von sich gegenseitig unterstützenden Techniken hin]). Und vielleicht müssen wir heute schon erd- oder ärengeschichtlich nicht mehr von einem Anthropozän sprechen, wie manche es vorschlagen (aktuell/offiziell: Holozän [d.h. das ganz Neue Zeitalter - Gervais, 1867], welches vor etwa 11'700 Jahren mit der Erwärmung der Erde am Ende des Pleistozäns begonnen hat), sondern von einem Technozän. Man sollte das neutral sehen, weil kein Weg der Menschen je wieder an der Technologie vorbeifüren wird. Die Technologie hat ihre Vor- und Nachteil, aber sie ist gewiss und sicher ein ewiger Begleiter der Menschheit (schon immer eigentlich, heute aber immer deutlicher und prägnanter). Wie das Rad nicht neu erfunden werden kann, so kann die gesamte Technik nicht neu erfunden werden - aber sie kann weiterhin besser und sicherer gemacht werden. Weiterhin sind aber auch kritische Stimmen vonnöten, welche auf die zunehmenden technologischen Gefahren bzw. die Gefahren von einer nicht gut genug ausgeklügelten und/oder zu leichtsinnig eingesetzten Technologie aufmerksam machen.

* Der Homo technocraticus, also der polittechnologizistische Mensch ist für mich ein möglicher Erbe eines Falls des politokratischen Systems. Ein Exempel lieferte bereits Italien 2012: als die Politik am Ende ihres Lateins zu sein schien, wurde unter dem Ministerpräsidenten Monti, einem Wirtschaftswissenschaftler, ein reines Technokratenkabinett eingesetzt (diese Regierung hielt zwar auch nicht lange, wie üblich in der italienischen Politik der jüngeren Zeitgeschichte, aber trotzdem). Eine wissenschaftlich-technische Utopie und/oder eine politische Dystopie? Wir werden es sehen. Es ist zu vermuten und zu hoffen, dass die heutigen Demokratien allgemein noch lange nicht an diesem Punkt sind, aber dieser Punkt und diese Fragen könnten dereinst einmal kommen.


Aktuell: (Politische) Klima- und Coronaproteste (2019/2020). Was bedeuten die zunehmenden politischen Proteste in Fragen, welche die Wissenschaft stark betreffen, für die Wissenschaft selber? Während sich die Klimaproteste an die Politiker wenden und diese zur rascheren Umsetzung der von Wissenschaftlern geforderten Ökopolitik anmahnen, richten sich die Coronaproteste gegen Politiker und Wissenschaftler, welche die Politiker in der Coronakrise bedeutend beraten. Im Verlauf der Coronakrise ist nicht nur ein Streit zwischen Epidemologen und Ökonomen aufgekommen, sondern auch von Epidemologen untereinander. Dies vermittelt die Uneinigkeit zwischen den Wissenschaftlern - vgl. das Sic et Non von Abaelardus im Mittelalter - eine solche ist für die Wissenschaft natürlich nicht dienlich, denn die Wissenschaft lebt ja gerade von ihrer (unbezweifelbaren) Glaubwürdigkeit. Wenn in der Wissenschaft gleichzeitig verschiedene Dinge wahr, richtig und gut sein können, ist es keine Wissenschaft mehr - weil es dann kein Wissen mehr darstellt. Das Wissen muss klar und eindeutig sein (zumindest für die Experten), wenn es ein wissenschaftliches bzw. wissenschaftlich gesichertes Wissen sein soll. So ist jedenfalls mein vordergründiger Gedanke zu diesem Thema, und wenn man anfängt, dies zu analysieren, dann wird es einigermassen schwierig (wie in der ganzen [philosophischen] Wahrheitsdebatte des 20. Jahrhunderts). Eine Möglichkeit in diesem Dilemma wäre, dass die Wissenschaft anfangen würde, Graubereiche einzubauen: d.h. es gibt Dinge, die wir (vermutlich) ganz sicher wissen können, und es gibt Dinge, die wir (sicher) nicht ganz sicher wissen können (z.B. den Verlauf einer Pandemie mit einem neuen, unbekannten Erreger, inkl. allen Folgeerscheinungen [oder die letztendliche Weltbegründung]; natürlich hat die Wissenschaft grösste Mühe solche Unsicherheiten in ihrem System zu anerkennen, weil sie in ihrem Anspruch zu mächtig geworden ist - es ist daher wohl heute eine Einsicht der Wissenschaft zu fordern [ohne die Bedeutung und den Sinn der Wissenschaft für die Kultur der Menschen zu verkennen oder auch nur zu schmälern: das wird eine schwierige Aufgabe werden in den kommenden Jahrzehnten, Jahrhunderten und Jahrtausenden]). Die Frage lautet also vielleicht: was können wir wie wissenschaftlich aussagen, und was können wir warum nicht wissenschaftlich aussagen. Natürlich ist es für jeden Wissenschaftler schwierig, heute Corona- und Impfgegner bei Demonstrationen gemeinsam aufmarschieren zu sehen, ist doch die Bekämpfung von Krankheiten und daher auch die Impfung ein grosses Symbol der neuzeitlichen und modernen Wissenschaft. Es war ja gerade die Pest, welche die Wissenschaft lanciert hat wie nie zuvor und nie danach - es war ja diese Einsicht, dass da Dinge vorgehen, die man nicht mehr begreifen konnte, und deswegen wollte man die Erneuerung und Verbesserung dieser Wissenschaft, von welcher schon Augustinus im tiefsten Mittelalter sagte, dass wir als Menschen nicht ohne sie sein können - das ist wahr (und ich frage ich, warum wir das nicht sehen, lesen und hören können in unseren heutigen Medien). Natürlich gibt es in der aktuellen Coronadebatte auch die ganzen ökonomischen Probleme, welche man keineswegs geringschätzen sollte, und gerade deswegen sollten die Medien umso bessere Aufklärungsarbeit leisten (damit nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, wie ein lustiger politischer Allgemeinplatz lautet - aber dies ist tatsächlich einer der wichtigsten Sätze in der Politik überhaupt).


P.S. Für diese Arbeit habe ich beschlossen auf eine umfangreiche fachspezifische Lektüre zu verzichten, d.h. ich verlasse mich dabei auf Sekundärliteratur im Internet. Das ist nicht ganz so professionell, wie ich es heute selber gerne hätte, aber das Thema ist mir zu bedeutend, um es deswegen abzuschreiben. Eine umfassende fachspezifische Lektüre wäre hier schon deswegen nicht möglich, weil ich das Feld, in welchem ich das Thema betrachten möchte, sehr weit aufgespannt habe (was ich wohl als generalistischer Philosoph auch tun muss). Ich werde die entsprechenden Abschnitte nach bestem Wissen und Gewissen bearbeiten, in der Hoffnung, dass sich daraus interessante Gedanken über die Wissenschaftstheorie und die Wissenschaft allgemein entwickeln werden. Obwohl ich mich schon bedeutend auf die Wissenschaft bezogen habe, ist sie in meiner Philosophie im Vergleich bisher doch eher ein bisschen zu kurz gekommen - dies wird damit auch meine grosse Arbeit zum Thema der Wissenschaft werden. Ich werde auf dieser Seite nicht viele Links einfügen, dafür aber umso interessantere.

Für mich ist dies teils eine recht schwierige Auseinandersetzung - mit Gebieten, die in meiner Philosophie eher etwas zu kurz kamen bisher. Aber auch diese Aufarbeitung muss sein - schliesslich bezeichne ich mich ja als Generalist und muss mich daher auch mit allen relevanten Gebieten auseinandersetzen.


Was sind meine Aussagen zur Wissenschaftsfrage/-theorie? Bisher habe ich in meinen Büchern zwei Aussagen dazu gemacht. Erstens stelle ich das Projekt zwischen Subjekt und Objekt in den Vordergrund, um die reine, strikte und strenge Subjekt-/Objektscheidung von Descartes zu hinterfragen, ohne sie abzulehnen bzw. sie zu verleugnen; angeregt werden soll damit eine (neue) Diskussion über das Projekt Wissenschaft (das ist neu, da das Subjekt des Wissenschaftlers bislang keinerlei Hinterfragung kennt - dies findet sich in meinem ersten Buch). Zweitens sehe ich eine Richtungsgebung in den Wissenschaftsbereichen, indem ich die Soziologie als Führerin der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften betrachte, die Ökologie als Führerin der Natur-, Technik- und Ökowissenschaften (das ist natürlich ebenfalls neu, denn bislang besteht jede wissenschaftliche Disziplin alleine für sich selber - ein wissenschaftlicher Gesamtzusammenhang oder eine wissenschaftliche [Grund-] Ordnung fehlen vollkommen; das findet sich in meinem ersten - zur Hälfte - und dritten Buch). Weitere Aussagen, die sich aus dieser Arbeit hier ergeben haben: 'die Wissenschaft' sollte als Disziplin an den Universitäten eingefürt werden (als Wissenschaftslehre [engl. science, lat. scientia, grch. episteme] - die Wissenschaftstheorie ist nur ein [relativ bedeutender] Bestandteil der Wissenschaftslehre).

Ich gehe davon aus, dass die Wissenschaft der Zukunft von vielen Seiten her angegriffen werden wird und sich auch sonst vielen Problemen gegenübersehen wird. Ich gehe davon aus, dass die Leute nach der Religion und der Philosophie auch die Wissenschaft niedermachen wollen/werden - alles, was der menschliche Geist hervorgebracht hat (und das geht in alle Disziplinen hinein, notabene: in die Ökonomie, in die Politologie, in die Psychologie, in die Soziologie, usw. usf., etc. etc.). Die Leute wollen (immer) etwas Neues, aber das Rad lässt sich nicht neu erfinden - das frustriert sie (zunehmend); zudem werden die Wissenschaften und ihre Techniken immer komplexer, so dass die Leute das immer weniger begreifen können (zumal die Wissenschaften es auch nicht gut genug kommunizieren [und auch zu wenig Mittel dazu haben, notabene]), und das frustriert sie ebenfalls. Es kommt dazu, dass die Wissenschaften beginnen, auf verschiedenfältigste Arten und Weisen an ihrem eigenen Ast herumzusägen (haben nicht die Religion/Theologie und die Philosophie zuvor dasselbe gemacht? [Canterbury sprach von der Einsicht des Glaubens, Heidegger sogar vom Ende der Philosophie (in diesem Sinn denke ich bereits über dieses Ende hinaus, was gar nicht so einfach ist, wie manche denken)]). Daher bin ich der Meinung, dass die Universitäten sich viel mehr für 'die Wissenschaft' interessieren sollten, als sie das heute tun (ich bin interessiert an der Rettung der Wissenschaft[en], inkl. der Theologie und der Philosophie als wissenschaftliche Disziplinen).

Der Grundtext ist abgeschlossen - er wird noch genauer redigiert und auch stellenweise verbessert werden. Dieser Text könnte auch der Abschluss meiner philosophischen Arbeit bedeuten. Ich werde ihn in mein nächstes Buch integrieren und danach vermutlich keine philosophischen Bücher mehr herausgeben, zumindest nicht im Eigenverlag, wie ich das bisher gemacht habe. Sicher wird es zumindest eine gewisse Pause mit der Philosophie geben - was später ist, weiss niemand. Ich habe mich in den letzten Jahren vorderhand nun einmal genug verausgabt für die Philosophie.


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