Eine philosophische Betrachtung der Menschheits-, Kultur- und Ideengeschichte (mit Einbezug der Religion [und der Wissenschaft]).


Diese Seite steht derzeit in einer fundamentalen Überarbeitung - mit einem noch bedeutenderen Fokus auf die kulturphilosophischen Entwicklungen (d.h. auf den Zusammenhang zwischen Philosophie und Kulturentwicklung). Ich bleibe bei der alten Bezeichnung der Seite (Philorel), obwohl ich eigentlich von drei Hauptgebieten der Geisteskultur ausgehe: Philosophie, Religion und Wissenschaft (und ich versuche diese gleichwertig zu behandeln, alles natürlich hier im Rahmen der Philosophie). Ich werde dabei etwas mehr in die Tiefe gehen, als im bisherigen bzw. alten Text, aber nur punktuell. Die Free-Clipart-Bildern von Phillip Martin werde ich zur Auflockerung (zumindest vorläufig) beibehalten. Es wird mit der ersten grossen Umschreibung insgesamt drei Redaktionsrunden geben, da der Text über längere Zeit überarbeitet werden soll - derzeit läuft die zweite.

-> Kürzestzusammenfassung, Philosophen nach Richtungen, Philosophen nach Nationen.

-> Welche philosophischen Bücher empfehle ich zur Lektüre?, Wie soll man mit der Philosophie umgehen?.

Was findet sich auf dieser Seite wo? Anaxagoras, Anaximander, Arendt, Aristoteles, Aufklärung, Augustinus, Averroës, Avicenna, Bacon (F.), Badiou, Bard, Belle Epoque, Blumenberg, Britische Moralphilosophie, Comte, Darwin, Descartes, Einstein, Elementenlehre, Empedokles, Empirismus, Existentialismus, Fichte, Frauen in der Philosophie, Frege, Freud, Gesellschaftsvertrag, Habermas, Hegel, Heidegger, Heraklit, Individualisten, Jonas, Kant I (Erkenntnistheorie), Kant II (Kategorischer Imperativ), Kierkegaard, Konfuzius, Kritische Theorie, Kritische Theorie, Kunst, Liberalismus, Locke, Logos, Marx, Marxismus, Mill, Mirandola, Montesquieu, Mythologie, Naess, Neopositivismus, Nietzsche, Nussbaum, Ockham, Ökophilosophie, Östliche Philosophie, Owen, Parmenides, Patristik, Philosophie des 20. Jahrhunderts, Philosophiebegriff, Platon, Poststrukturalismus, Protagoras, Rationalismus, Renaissance, Roderick, Rousseau, Russell, Saint-Pierre, Saint-Simon, Scholastik, Sartre, Schestow, Sidgwick, Silva, Singer, Sloterdijk, Smith, Sokrates, Sozialdarwinismus, Spencer, Steiner, Strawson, Thales, Thomas v. Aquino, Urgrund, Urgrundphilosophen, Voltaire, Wells, Weltbild, Wissenschaft, Wittgenstein, Zenon v. Elea, Zenon v. Kition, Zizek.


ANTIKE * * * Vom Polytheismus zur Philosophie, oder: vom Mythos zum Logos * * * Solon: die Frage nach der guten/gerechten Ordnung * * * Die Philosophen und der verborgene Urgrund der Dinge * * * Buddha, Laotse und Konfuzius in Ostasien * * * Protagoras: Der Mensch als das Mass aller Dinge * * * Sokrates, der heilige Fragensteller der Philosophen * * * Platon, Hüter der Ideen und Gründer der Akademie * * * Aristoteles, der Begründer der systematischen Wissenschaft * * * Vom Ende der grossen Klassik * * * Hellenismus: drei Schulen und der Untergang * * * Die Stoa in der römischen Philosophie.


Die antiken Philosophen und ihre Suche nach dem Urgrund.

Wo hat die Philosophie eigentlich angefangen? Normalerweise (bzw. schulbuchmässig) sagen wir, dass die Philosophiegeschichte in Griechenland im 7./6. Jahrhundert vor Christus begann, und dass der erste Philosoph Thales von Milet (um 624-546 v. Chr.) gewesen ist. Das ist aber eine ziemlich ungenaue Ansicht. Drei Dinge könnte man gegen diese Ansicht anführen: erstens begann die Philosophie nicht im heutigen Griechenland, sondern in Kleinasien (d.h. in der heutigen Türkei, und zwar im sogenannt asiatischen Teil der heutigen Türkei, wobei dieses Gebiet zum damaligen Grossreich Griechenland gehörte). Zweitens begann sie auch nicht wirklich dort, sondern: eine Art von Philosophie im Sinn des Nachdenkens über die Welt und den Menschen hat es natürlich schon lange vor der griechischen Philosophie gegeben, nämlich wahrscheinlich etwa so lange, wie der Mensch denken kann bzw. wie es ihn gibt (bekannt sind auch vorher schon etwa eine Weisheitsdichtung im altertümlichen Ägypten, etwa mit den 37 Lebensmaximen von Ptahhotep [um 2400 v. Chr.], was als älteste vollständig erhaltene Weisheitslehre gilt, und natürlich die Bibel, etwa mit dem Weisheitsbuch von Salomo, und es dürfte viele weitere Beispiele in den Frühkulturen geben - vermutlich schon in der Frühzeit des Menschen in Afrika - die wir aber heute nicht mehr kennen). Und drittens gibt es sogar innerhalb der altgriechischen Kultur frühere Weise (als diejenigen, die heute als Philosophen bezeichnet werden): die sogenannten Sieben Weisen von Griechenland: Pittakos von Mytilene, Solon von Athen, Thales von Milet, Bias von Priene, Kleobulos von Lindos, Chilon von Sparta, Myson von Chenai. Thales gehört also dazu, aber er ist nicht der Älteste dieser frühen Weisen im antiken Griechenland. Sehr bedeutend ist auch etwa Solon (um 640-560 v. Chr.) als Wegbereiter der attischen Demokratie (und damit auch als Vertreter einer frühen politischen Philosophie [Solon scheiterte mit seinen Reformen zwar mehrheitlich, gilt aber als Wegbereiter der Demokratie, welche von Perikles (um 495-429 v. Chr.) eingeführt wurde]). Viele der frühen Weisen in den älteren Kulturen waren entweder Herrscher oder Dichter (oder auch mythologische Figuren, die teils ebenfalls als philosophische Figuren verstanden werden können, v.a. in den polytheistischen Religionen: in der Frühzeit war die Vermittlung von Weisheit über den Mythos sehr bedeutend [wobei es hierbei Figuren gibt, deren weises, gutes und/oder starkes Handeln (Herakles), und wiederum andere, deren unweises, schlechtes und/oder schwaches Handeln (Ikarus) betrachtet wurde (in einem [religiös motivierten] moralphilosophischen Mythologismus [der Mythos blieb aber auch bedeutend in der antiken Philosophie, etwa bis und mit Platon, während die Wissenschaftlichkeit von Aristoteles dann endgültig vom Mythologischen (in der alten klassischen Form) wegwies]). Die Herausstellung der Sieben Weisen bedeutete, dass man quasi normalen Menschen eine Bedeutung gibt, die eigentlich in der Mythologie nur Götter, Halbgötter oder göttliche Helden haben]). Sie werden ausdrücklich und mit einem starken Anhauch von Mythos als Weise bezeichnet, während die Philosophen mit und nach Thales dagegen eigentlich nicht als Weise bezeichnet sind, sondern dem Philosophiebegriff nach als 'Freunde der Weisheit' (grch. philos = Freund, sophia = Weisheit) - eine kleine Nuance, die u.a. bedeutet, dass ihnen nicht attestiert wird, dass sie die Weisheit a priori kennen würden, sondern: dass sie sie suchen. Sie sind in diesem Sinn mehr Weisheitssucher als Weisheitsfinder und mehr Weisheitsfinder als Weisheitskenner (wobei das eine natürlich auch zum anderen führen kann - jedenfalls aber haben sich die Philosophen gegenseitig immer wieder viel widersprochen, in der Antike ebenso wie heute). Manche nennen das Staunen als Hauptmerkmal des Philosophen, andere wiederum den Zweifel, noch viel bedeutender ist aber diese Suche. Das ethisch-moralische Konzept vom Edlen stammt hingegen von Konfuzius (und kommt v.a. bei Platon in der Klassik wieder zum Tragen [und damit auch in seiner antiken Akademie wie auch später in den neuzeitlichen Universitäten (v.a. in deren früheren Geschichte, inkl. ihren exquisiten Gelehrtenkreisen wie etwa der Royal Society in England, gegründet 1660)]); in der vorsokratischen griechischen Antike gab es dagegen allerhand Philosophen - so etwa Heraklit, welcher der Dunkle genannt wurde, oder den Kyniker Diogenes, welcher sich von der Gesellschaft distanzierte und absichtlich in ärmlichsten Verhältnissen gelebt haben soll, aber auch etwa Empedokles, welcher sich für gottgleich gehalten haben soll, oder Sokrates natürlich, auch sehr speziell auf seine Art und Weise.

Interessant: schon vor dem eigentlichen Beginn der (schulbuchmässigen) Philosophie können wir also der Philosophie - in der Person von Solon, welchen die Frage nach der guten/gerechten Ordnung (grch. eunomia) beschäftigte - einen praktischen Erfolg zuschreiben (auch wenn man ihn erst rückwirkend der Philosophie zurechnen kann). Wenn Regierungsformen der Weisheit zugerechnet werden können, so gilt dies vermutlich auch für frühe Gesetzgebungen überhaupt (insofern sie philosophische Elemente aufweisen und einer philosophischen Leistung entsprechen). Einer der ersten bekannten Gesetzestexte stammt von Hammurapi I. (von Babylon, um 1810-1759 v. Chr.): der Codex Hammurapi. Philosophie heisst natürlich nicht nur Regierungskritik (wie es heute oft verstanden wird), sondern auch - und eigentlich sogar - Regierungkunst (daher ist auch die Rechtsphilosophie ein nicht unbedeutender Zweig der Philosophie bis heute). Platon bestreitet zwar ausdrücklich, dass Staatsreden und -schriften wie jene Solons philosophisch seien - ich fasse jedoch die Philosophie weiter (man könnte vielleicht von einem engeren und einem weiteren Kreis der Philosophie sprechen - für mich ist Philosophie ganz wesentlich [aber natürlich nicht nur] Ideengeschichte und -entwicklung [und da gehört ein bisschen mehr dazu, als fundamentalistische Philosophen vielleicht eingestehen würden]).

Solche direkt auffallenden und einzusehenden Erfolge sollten in der weiteren Antike wie auch im Mittelalter allerdings selten bleiben (ganz im Gegensatz zur Neuzeit, wo der praktische Erfolg der Philosophie - u.a. mit der Entwicklung der Wissenschaften und mit der bürgerlichen Revolution - ganz neue Dimensionen angenommen hat). Der Philosoph ist ja auch viel eher der (Nach-) Denker als der Macher (und ein Macher meist höchstens in einem künstlerischen Sinn). Waren aber die Philosophen nun eigentlich ihrer Zeit stets voraus? Oder haben sie diese eigentlich eher bloss interpretiert oder gar nur nachvollzogen? Oder haben sie sie ganz einfach mitgeprägt? Es kommen in der Philosophie sicher alle drei Varianten vor. Die treffendste und neutralste Ansicht ist vermutlich jene von einer Mitprägung (wobei es natürlich auch einige Philosophen gegeben hat, die der Zeit und/oder der Zukunft einen sehr bedeutenden, ja sogar epochalen Impuls gegeben haben).

Die Mythologie der alten Griechen. Vor der Betrachtung der Philosophen muss man erwähnen, dass die griechische Mythologie insofern eine besondere ist, als dass in ihr die Götter gar nicht am Anfang des Weltentstehungsprozesses stehen, sondern andere Kräfte, Mächte und Gewalten: nach Hesiod - dem Hauptdichter und -deuter dieser Mythologie neben Homer (und später bei den Römern, welche die griechische Götterwelt übernahmen, auch Ovid) - sind dies in erster Linie Chaos (d.h. Nichts, Leere [was nicht das Selbe ist, aber trotzdem]), Gaia, Tartaros, Eros, Nyx, Erebos, Uranos, Ourea, Pontos und schliesslich die Titanen (welche die eigentlichen Götter hervorbrachten - die Titanen Kronos und Rhea sind die Eltern des Göttervaters Zeus und der weiteren Götter). Wie authentisch die Darstellung der Götterwelt durch die Dichter ist, das können wir heute eigentlich nicht mehr sagen und nachvollziehen. Es gibt jedenfalls Stimmen, welche die Authentizität angezweifelt haben. "Alles", wetterte Xenophanes, ein Vertreter der Urgrundphilosophen (und der eigentliche Religionsphilosoph unter diesen), "haben Homer und Hesiod den Göttern angehängt, was bei den Menschen Schimpf und Schande ist: Stehlen, Ehebrechen und Betrügen." (Anmerkung zu den polytheistischen Religionen: wenn diese heute als Einheiten geschildert werden, so entspricht dies vermutlich nicht wirklich deren Ausprägungen in der Vergangenheit: diese sind oft lokal geprägt und verschieden; in diesem Sinn ist das Werk der Dichter vermutlich auch ein Versuch der Vereinheitlichung einer zusammenhängenden Mythologie gewesen, welche schwierig ist, und es finden sich denn auch teils im Werk desselben Dichters widersprechende mythologische Fakten [die Kultur der alten (polytheistischen) Götterwelten ist ähnlich wie die Sprachkultur zu sehen: mit überregionalen Zusammenhängen, aber eben auch mit ganz stark lokal geprägten Ausprägungen]. Wir können uns ferner auch vorstellen, dass in einer kulturell niedergehenden Religion die Werke der Dichter über die Religion - in welcher Intention sie auch geschrieben sind - bedeutender werden als die Religion selber; zumal in einer Religion, welche zuvor keine eigentliche Schriftreligion ist.)

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Die Bewegung der Philosophen. Es gibt durchaus, trotz allem menschlichen Denken zuvor, gute Gründe dafür, den Anfang der Philosophie bei Thales zu sehen. Meist hören wir zu diesem Anfang allgemein, dass vereinzelte Denker im alten Griechenland den Rahmen des mythisch-polytheistischen Weltbildes gesprengt hätten, und damit begannen, eigenständig über die Welt nachzudenken. Das kann man so sagen - es wird auch oft gesagt, die Philosophen hätten den Mythos durch den Logos ersetzt. Es gibt aber drei besondere Gründe, welche diese Bewegung der Philosophen - man kann es durchaus so nennen - ganz anders erscheinen lassen als alles, was vorher in der Menschheits-, Kultur- und Ideengeschichte geschehen war: erstens hat es eben eine Bewegung des Denkens gegeben, in welcher sich die einen auf die anderen bezogen (und aus dieser Bewegung heraus auch Richtungen und Schulen), während es vorher vereinzelte Weise gewesen waren, die meist im Nachhinein als solche bezeichnet wurden, zweitens ist man nicht mehr wie in der vorherigen Religion von der Moral ausgegangen, und drittens wurde damit ein neues gesellschaftliches Gewicht des Denkens eingeführt (zu vergleichen vielleicht mit der Bewegung der Propheten in der israelitischen Religion, welche auch eine eigenartige und eigenständige Bewegung begründet hatten, mitunter gegen die öffentliche Meinung). Bis dahin war die Weisheit eine reine Frage des Handelns der Moral des Einzelnen im Allgemeinen oder auch der Entscheidung zur Gerechtigkeit von richterlicher Gewalt (siehe: etwa bei Salomos weisem Urteil [in der Bibel]). Die Philosophen aber hatten einen ganz anderen Ansatz: sie suchten nach einem Urgrund der Welt (welcher gleichzeitig den Logos [etwa: Gedanke, Sinn, Begriff, (Natur-) Gesetz, (All-) Vernunft] der [jeweiligen] Philosophie bildete und/oder bestimmte; man kann die Begriffe vom Urgrund und vom Logos nicht getrennt betrachten - die heutigen Wissenschaften haben auch so etwas wie einen Urgrund und Logos: den [Untersuchungs-] Gegenstand, welcher die Wissenschaft formt: zu einer physikalischen, chemischen, biologischen, psychologischen, soziologischen Sichtweise [usw. usf., etc. etc.]). Die Urgrundphilosophen gingen also von der ethischen Erwägung quasi zum reinen Denken über. Wieso? Die üppigen Mythen der antiken Götterwelt genügten ihnen zur Welterklärung nicht mehr, und so fragten sie sich eben, was denn diese Welt vor allem ausmache. Ist dies nun weise? Da man ja so auch vorerst zu keinem wirklichen Schluss kam, sondern alle Philosophen sich nur gegenseitig widersprachen (und je einen anderen Urgrund sahen)? Man kann die Weisheit davon so verstehen (was leider - glaube ich - keiner dieser alten Philosophen ausdrücklich formuliert hat): bevor wir wissen können, wie wir in der Welt handeln sollen, müssen wir doch wissen, in was für einer Welt wir überhaupt leben. Daher diese grundsätzlichen Gedanken über die Welt und diese (vorläufige) Zurückstellung der moralischen Fragen (die reine Religion bestand ja neben der Philosophie auch weiter). Und... das ist ja auch der Punkt, an welchem bereits die reine Wissenschaftlichkeit entsteht, welche eben die moralischen Fragen (aus genau diesem Grund) zurückstellt (und damit auch diese letztlich nicht unproblematische Trennung von Wissenschaft und Religion/Moral). Es war nicht so, dass die frühen Philosophen die Moral ausgeschlossen hätten, aber es gab doch eben diese Tendenz zum reinen Denken jenseits aller vorgefassten (ethischen) Sätze. Obwohl bei den Urgrundphilosophen so viel vom Logos die Rede ist, hat dies noch wenig zu tun mit einer eigentlichen oder durchgehenden Logik, wie wir sie heute sehen - das Kausalprinzip etwa, eines der Grundprinzipien der heutigen wissenschaftlichen Logik, kam erst nach und nach in die Philosophie hinein (und wurde erst bei Aristoteles formuliert, in der Klassik der griechischen Antike). Der Logos steht als (Ur-) Grund und Halt des Denkens quasi zwischen dem Mythos, welcher im alten Polytheismus in einem wilden Geflecht mit anderen Mythen stand, und der Logik. Deswegen erscheinen uns wohl auch die Gedankengänge der ersten Philosophen teils als nicht sehr kompakt. Wir können vielleicht auch sagen, dass bei den allerersten Philosophen der Urgrund und der Logos identisch betrachtet werden können, während bei den späteren, sich der Logos eigenständig machte, als eine Art ewige, unveränderliche und hinter allem stehende Weltvernunft (v.a. etwa mit Heraklit, Parmenides und Anaxagoras), während der Urgrund einer bestimmten Philosophie auch eine andere oder spezifischere Gestalt haben konnte (besonders dann bei den Sophisten [mit Protagoras und anderen], auch etwa bei den Atomisten war dies der Fall [Leukipp und Demokrit]). Ebenfalls ein bedeutender Begriff ist jener vom Nous - dies scheint so etwas wie eine allgemeine Auffassung von einem individuell wirksamen Intellekt zu sein. Manchmal wird Nous ähnlich wie Logos verwendet, jedoch hat dieser (ältere) Begriff doch oft eine individuellere Note. Logos und Nous bilden so quasi ein ähnliches Begriffspaar wie in der hinduistischen Religion Brahman und Atman (das ist kein gleiches, aber ein ähnliches Prinzip [eine Verbindung zwischen dem Universum und dem Individuum (wie wir heute sagen würden), welche in der griechischen Philosophie, in welcher es praktisch nur um Ideen ging, schon vor Platon, jedoch nicht spezifisch als solche herausgehoben wird]). Da die Philosophen - wie sie das in allen Zeiten getan haben - die Begriffe einerseits teils verschieden verwendeten und andererseits auch Aussagen machten, die begrifflich nicht genau deklariert wurden (besonders in der Antike), muss man in einer Gesamtschau herausspüren, was die einzelnen Begriffe eigentlich bedeuten.

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Thales von Milet, die apollonischen Weisheiten und die Urgrundphilosophie. Thales, der erste (so bezeichnete) Philosoph, ging durchaus noch von einer polytheistischen Welt voller Götter aus, jedoch soll er auch die Selbsterkenntnis begründet haben. Die Herkunft der drei sogenannten apollonischen Weisheiten, den Inschriften, welche der Überlieferung nach am Eingang des Apollon-Tempels von Delphi geschrieben standen, ist aber nicht gesichert ("Ei" [Du bist], "Erkenne dich selbst!" [Gnothi seauton], "Nichts im Übermass!" [Meden agan] - die mittlere der drei apollonischen Weisheiten wird v.a. aber auch Chilon zugeschrieben, einem anderen der sieben Weisen*]). Dass Thales die Selbsterkenntnis begründet haben soll, behauptet indes Diogenes Laertios, ein Philosophiehistoriker, von welchem wir immerhin die meisten Auskünfte über die frühen Philosophen haben. Thales war auch ein bedeutender Mathematiker und nicht der einzige solche unter den frühen Philosophen (siehe: Pythagoras). Philosophisch bedeutender aber ist seine Idee davon, dass das Wasser der Ursprung aller Dinge sei. So fing also die Urgrundphilosophie der ersten Philosophen an: die Weltgründung wurde nicht mehr durch ein mythologisches Ereignis gesehen, sondern ein allumspannender Urgrund soll für das Dasein der Welt verantwortlich sein. Man fragte sich quasi auch, ob es nun ein Jenseits der Götter gebe oder nicht, woraus denn die Dinge im Diesseits beschaffen sind (und dies eben vollkommmen unabhängig von religiösen Erwägungen). Diese Weltsicht und Anschauung führte zu einer materialistischen Philosophie - die philosophische Uridee der Welt wird in einer materialistischen Erwägung begründet und in einem materiellen Element gesehen: "Das Prinzip aller Dinge ist Wasser; aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück." Die spätere Wissenschaft hat gezeigt, dass dies (immerhin) für die lebenden Dinge gilt, jedoch nicht für die nicht-lebenden Dinge (und... Wasser ist eine Verbindung aus dem häufigsten Element im Universum [Wasserstoff] und dem häufigsten Element auf der Erde [Sauerstoff] - nach der modernen Elementenlehre). Im Wirkungsort von Thales gab es bereits die erste kleine philosophische Bewegung oder Schule: jene der Milesier (d.h. Philosophen aus Milet, einer antiken Stadt an der Westküste der heutigen Türkei). Zu diesen gehören v.a. auch Anaximander und Anaximenes, welche je eigene, andere Urgründe vorbrachten: Anaximander das Unbestimmte (oder auch: das Unbegrenzte, Unendliche, grch. Apeiron), Anaximenes die Luft. Und so war sowohl die Bewegung wie auch der Streit der Philosophen eröffnet. Anaximander führte zu einem ideellen Urgrund, Anaximenes sah ein anderes materielles Element. Damit war schon klar: man kann die Philosophie eher materialistisch oder eher idealistisch begründen, und man kann in diesen verschiedenen Grundarten auch je verschiedene Urgründe zu einer eigentlichen oder eigenständigen Richtung vorbringen. Alle diese frühen Erwägungen werden im Rahmen einer Naturphilosophie gesehen (welche noch nicht eine eigentliche Wissenschaft war [die Philosophie als Wissenschaft wurde eigentlich erst von Aristoteles in der griechischen Klassik begründet]). Die Grundfrage der ersten Philosophen war demnach: wie ist die Natur beschaffen? Von vielen der ganz frühen Philosophen haben wir keine eigenen schriftlichen Überlieferungen: dies gilt auch etwa von Thales und Pythagoras, während von Anaximander der erste Satz der Philosophen überhaupt überliefert ist, welcher auch der erste Prosasatz - also der erste Satz der Weltliteratur, welcher nicht in lyrischer Form verfasst wurde! - überhaupt ist (von ihm gibt es aber eben auch nur diesen einen Satz, und dies erst noch in fragmentarischer Form) und von Anaximenes das erste gesicherte philosophische Werk (mit dem Titel "Peri physeos", dt. 'Über die Natur', dem [nachträglich gesetzten] Standardtitel praktisch aller frühen Werke der Naturphilosophie).

* Den sieben Weisen werden sieben Sprüche zugeordnet. Die Zuteilung kann leicht verschieden sein - der spätantike gallo-römische Dichter Ausonius beschrieb folgende Zuteilung: Chilon - Gnothi seauton ("Erkenne dich selbst!"), Solon - Hora telos makrou biou ("Schau auf das Ende eines langen Lebens!"), Pittakos - Gignoske kairon ("Erkenne den rechten Zeitpunkt!"), Bias - Hoi pleistoi kakoi ("Die meisten sind schlecht"), Periander - Melete to pan ("Bedachtsamkeit vermag alles"), Kleobulos - Metron ariston ("Mass ist das Beste"), Thales - Engya, para d'ata ("Bürgschaft bringt Unheil"). Nicht allzu viel Besonderes eigentlich, aus heutiger Sicht - das sind (grösstenteils, mit ein paar Abstrichen oder Fragezeichen) gutbürgerliche und mittelständische Lebens-, Mass- und Verhaltensweisen, aber es ist doch interessant zu sehen, was - (schon) vor dem Auftritt der eigentlichen Philosophen - in der Antike als weise galt. Seinen Vers beendete Ausonius (um 310-395) mit den Worten: "Ich hab' gesprochen, trete ab; und Solon / Der die Gesetze gab, tritt auf."

Trotzdem - d.h. trotz den sieben alten Weisen und trotz den drei Milesiern als den ersten Urgrundphilosophen - gelten heute eigentlich v.a. Thales und Pythagoras - die beiden Mathematiker (welche auch und v.a. auch durch ihre mathematischen Sätze in Erinnerung gelieben sind) - als die ersten heute noch weitherum bekannten Grössen der uralten Naturphilosophie. Pythagoras stammte aus Samos und war der erste nachmilesische Philosoph, auch der erste, welcher sich selber als Philosophus bezeichnete, und der erste, welcher eine eigene philosophische Schule und/oder Sekte begründete (in welcher auch die [ägyptische] Wiedergeburtslehre eine zentrale Rolle spielte; die pythagoräische Schule hatte also auch religiöse Züge). Danach kam Heraklit, welcher das Feuer als Urgrund bezeichnete, womit die vier alten Grundelemente, welche Empedokles dann zusammenstellte, beisammen waren: Erde (von keinem Philosophen als alleiniger Urgrund behauptet [es sei denn nachmalig von Ptolemäus, mit dessen geozentrischem Weltbild]), Wasser, Luft und Feuer. Aristoteles übernahm die Vierelementenlehre von Empedokles, setzte aber ein fünftes, diffuses Element dazu: den Äther (was vielleicht auch bedeutete, dass er erkannte, dass dieses antike Elementensystem noch nicht der Weisheit letzter Schluss war). In der neuzeitlichen Wissenschaft wurde ein ganz anderes Elementensystem begründet, welches zum heutigen Periodensystem der Elemente führte. (Auch die alten Chinesen kannten in deren Naturphilosophie eine Elementenlehre - mit fünf Elementen: Holz, Feuer, Metall, Wasser und Erde.)

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Anaximander, der erste philosophische Satz und das Urbild der Welt. Der erste Satz der Philosophie, den wir genau kennen, ohne die spätere Vermittlung durch Historiker, ist ein seltsamer philosophischer Satz, denn es ist ein Satz, welcher eher etwas (neu-) religiös (und fast schon etwas offenbarerisch) tönt, als nach Philosophie. Und damit haben wir diese Spannung in der frühen Philosophie und in der Philosophie überhaupt zwischen Wissen/Weisheit und Ethik/Moral wieder einmal auf dem Tisch. Ich bin leider - ich muss es zugeben - des Griechischen (wie auch des Lateinischen) nicht mächtig, und daher bin ich diesbezüglich auch leider auf reine Übersetzungen angewiesen. Die drei bedeutendsten Übersetzungen dieses ersten philosophischen Satzes in der deutschen Philosophie sind die folgenden: "Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zugrunde gehen, nach der Notwendigkeit, denn sie müssen Busse zahlen und für ihre Ungerechtigkeit gerichtet werden gemäss der Ordnung der Zeit." (Nietzsche). "Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Busse für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Ordnung." (Diels). "Entlang dem Brauch, gehören nämlich lassen sie Fug [Anm. Schicklichkeit] und somit auch Ruch [Anm. Besorgung], eines dem Anderen im Verwinden des Un-Fugs." (Heidegger). Typisch heideggerisch, natürlich: sprach- und sinnspielerisch, und ein bisschen nebulös. Wie nahe diese verschiedenen Übersetzungen am tatsächlichen Sinn dieses ersten philosophischen Satzes liegen, entzieht sich meiner Kenntnis - der Satz erscheint schwer übersetzbar*. In einer Verständnisübersetzung - was immer auch eine gute Sache ist (bei solchen Verständnisschwierigkeiten) - würde ich diesen Satz etwa so einschätzen: 'Die Dinge kommen und gehen, sie beziehen sich aufeinander und (be-) wegen einander - dies ergibt die Ordnung der Zeit.' Von Anaximander stammt aber nicht nur der erste Satz der Philosophie, sondern auch die erste geographische Weltkarte, d.h. das erste eigentliche Weltbild, überhaupt - mit der Vorstellung, dass die Welt ein zusammenhängendes Ganzes ist (inkl. der [hier noch zweidimensionalen] Globus-Idee, siehe: Bild [unten]). Die antike Idee der Welt, wie sie hier von Anaximander gegeben ist: dass die Erde eine flache Scheibe ist, welche vom Meer (entsprechend: dem griechischen Titanen Okeanos) strommässig umflossen wird, hielt sich bis tief in das Mittelalter hinein und fast bis an die Neuzeit heran! (Der grosse Mythen- und Legendendichter Homer schilderte übrigens Okeanos, gemeinsam mit seiner Frau und Schwester Thetis (in der griechischen Mythologie die Tocher von Uranos und Gaia), als den Vater der Götter und Schöpfer der Welt - dies könnte auch Thales in seiner Urgrundphilosophie beeinflusst haben, so dass also vielleicht auch Homer bedeutend an der Entstehung der Urgrundphilosophie beteiligt ist bzw. an der Urgrundsuche in diesem ganzen polytheistischen Mythenchaos, welches eben die Legendendichter etwas zu ordnen versuchten, und welches eben die Urgrundphilosophen dann aufgebrochen haben.)

* Einige scheinen auch das Ihre dazu getan und/oder weggenommen zu haben, wie das immer ist bei Übersetzungen, notabene. Dieser Satz zeigt auch, wie schwierig das Arbeiten mit Übersetzungen ist, und trotzdem sind wir natürlich immer auf diese angewiesen. Dies gilt es insbesondere übrigens auch für die deutsche Philosophie und deren Interpretation in der Welt zu sagen (denn nicht einmal 1,5% der Weltbevölkerung spricht Deutsch [als Muttersprache], obwohl es doch zumindest eine Zeit lang in Europa, rückblickend auf die grosse deutsche Klassik im 18./19. Jahrhundert, als Sprache der Dichter und Denker beschrieben wurde [das ist natürlich ein sehr kleiner Anteil]).



                 


Weitere bedeutende frühe Kartographen waren etwa Homer (spätes 8. u. frühes 7. Jh. - lieferte schon Beschreibungen der Welt), Dicaerchus (um 350-285 v. Chr.) oder Eratosthenes (um 276-194 v. Chr.). Die Darstellung hier des Weltbildes von Herodot bedeutet eben nicht, dass das alte Bild damit überwunden gewesen wäre - höchstens: dass er eine vollumfängliche okeanische Begrenzung nicht so ausdrücklich geschildert hat.

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Die griechische Philosophie vor ihrer Klassik. Jeder Philosoph sah einen anderen Urgrund für sein philosophisches Denken (oder: Denk- und/oder Gedankensystem):

  • Thales (aus Milet [in Kleinasien]) das Wasser,

  • Anaximander (aus Milet [in Kleinasien]) das Unbestimmte (oder auch: das Unbegrenzte, Unendliche, grch. Apeiron),

  • Anaximenes (aus Milet [in Kleinasien]) die Luft,

  • Pythagoras (aus Samos) die Zahl,

  • Xenophanes (aus Kolphon [in Kleinasien], welcher nach Elea übersiedelte) den (einen) Gott,

  • Heraklit (aus Ephesos [in Kleinasien]) das Feuer (und/oder auch die Bewegung oder das Fliessen [oder modern: der Flow] - er ist auch derjenige, welcher den Begriff des Logos eingeführt haben soll),

  • Parmenides (aus Elea [in Unteritalien]) das Sein (er begründete auch die bedeutende Schule der Eleaten),

  • Anaxagoras (aus Klazomenai [in Kleinasien], welcher nach Athen übersiedelte [und also die Philosophie nach Athen brachte]) den Geist (sowie ein Prinzip von [Ur-] Mischung und Trennung),

  • Empedokles (aus Akragas [auf Sizilien]) die Elemente (Vier-Elementen-Lehre [Erde, Feuer, Wasser, Luft], dazu zwei Prinzipien: Liebe und Streit),

  • Protagoras (aus Abdera) den Menschen,

  • Demokrit (aus Abdera) die Atome,

  • Sokrates (aus Athen) den Zweifel (mit ihm begann die grosse, aber kurze Klassik der griechischen Philosophie in Athen [mit Sokrates, Platon und Aristoteles]).

Kurz gesagt, könnte man sagen, dass die ersten Urgrundphilosophen den Urgrund v.a. in den Elementen der natürlichen Physik sahen. Empedokles führte dies zusammen zu einer eigentlich (früh-) physikalischen Elementenlehre, und Protagoras führte diese ganze materialistische Philosophie wieder zurück auf den Menschen
. Er war es demnach auch, welcher - über Sokrates - die Klassik der griechischen Philosophie in Athen einleitete. Das ist die einfachste und geradlinigste Sichtweise, die wir auch sehen müssen, wenn wir die Sache begreifen wollen, auch wenn die Wirklichkeit natürlich nicht ganz so einfach und geradlinig war. Wir finden bei diesen frühen Philosophen - wie natürlich auch bei manchen späteren - einiges, was uns erstaunlich einleuchtend und modern vorkommt, dagegen aber auch wiederum anderes, was uns heute eher dunkel und unverständlich vorkommt. Man muss alle Philosophie (und Ideologie überhaupt) immer auch in der Zeit sehen, in welcher sie entstanden ist, und das ist ja eine Zeit, die lange vorbei ist. Man kann vieles ganz grob missverstehen, wenn man es 1:1 von irgendeiner Vergangenheit in die heutige Zeit hinein überträgt, ohne es auch adäquat zu interpretieren. Wir sprechen hier von einer Zeit, die etwa zwischen dem 7. und dem 5. Jahrhundert vor Christi Geburt liegt (es war aber eben bereits eine Zeit von erstaunlich dichtgedrängter Philosophie: zwischen der Geburt von Thales und dem Tod von Protagoras - mit den ganzen anderen Urgrundphilosophen dazwischen [von denen hier nur einige der Bedeutendsten erwähnt sind] - liegen nur rund 200 Jahre).

Eigentlich ist jeder der Vorklassiker auf seine Weise bedeutend und interessant, und würde einer fehlen, so würde ein wichtiges Glied in der Kette fehlen. Die bedeutendsten Vorklassiker insgesamt sind aber vielleicht Heraklit (um 520-460 v. Chr.), welcher gegenüber allzu starren Ideologien die Bedeutung der physikalischen Bewegung und Veränderung hervorhob, Parmenides (um 520-460 v. Chr.), welchen Platon sogar als grössten philosophischen Meister vor ihm selber bezeichnete (vielleicht v.a. deswegen, weil die Schule von Parmenides die grösste und bedeutendste vor Platons Akademie war) - wogegen aber die gleichnamige Schrift von Platon ("Protagoras") wenig schmeichelhaft ist und diesen eher auf eine satirische Art und Weise behandelt - ferner Empedokles (um 495-435 v. Chr.), welcher das erste eigentliche System in der Philosophie geschaffen hat, und schliesslich Protagoras (um 490-411 v. Chr.), mit der grossen Wende zur Betrachtung des Menschen.




Griechische Philosophen, von links nach rechts: Thales, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras, Empedokles, Protagoras, Demokrit, Sokrates, Platon, Aristoteles, Pyrrhon, Epikur, Zenon (v. Kition). Diese Porträts sind eher als Vorstellungen von den jeweiligen Philosophen zu sehen.


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Ost-/West-Vergleich (Antike). Etwa zur Zeit von Xenophanes, Parmenides und Anaxagoras (um 500 v. Chr.), welche zu den bedeutendsten griechischen Vorklassikern gehören, gab es - wie etwa Bewusstseins- und Kulturphilosoph Gebser hervorhob - auch im (sogenannten) Osten der Welt eine bedeutende philosophische Kulturentwicklung: mit Laotse, Konfuzius und Buddha, welche allesamt Zeitgenossen gewesen sein sollen (wobei heute nur schwerlich bestimmbar ist, wer hier genau wen - und wie - beeinflusst hat). Die östliche oder (indisch-) chinesische Klassik liegt also zeitlich vor der griechischen Klassik (demgegenüber liegt der Anfang der eigentlichen griechischen Philosophie vor dem Anfang der eigentlichen [von der reinen Religion weitgehend losgelösten fern-] östlichen Philosophie: im Osten sind die Religion und die Philosophie zwar traditionell enger miteinander verbunden als im Westen, trotzdem kann man dies vermutlich so sagen [es bleibt zu erwähnen, dass es auf dem Globus natürlich eigentlich gar keinen Westen und gar keinen Osten gibt, sondern: das sind immer Bezeichnungen von einem gewissen Punkt aus betrachtet, in diesem Fall liegt eine eurozentristische Sichtweise vor]). Konfuzius (551-479 v. Chr.) gilt als erster grosser Moralphilosoph überhaupt, welcher seine Philosophie in erster Linie auf die reine Moral ausgerichtet hat. In seinem Werk findet sich auch eine der frühesten bekannten Formulierungen der Goldenen Regel, wie sie aus vielen althergebrachten Religionen bekannt ist (und demnach so etwas wie die Urmoral der Welt bedeutet). Laotse (im 6. Jh. v. Chr.) ist der Philosoph des Nichthandelns (nicht zu verwechseln mit dem Nirwana von Buddha [Befreiung von der ewigen Wiedergeburt]). Bedeutend ist auch der leicht später aufgetretene Mozi, welcher eine Philosophie der universellen Liebe begründete (ein Thema, welches wir später - in etwas anderer Form - bei Jesus Christus wieder finden). Ganz unterschiedlich sind indes Entwicklung und Wert der weiteren Philosophie verlaufen: im Osten sind die drei grössten Denker der damaligen Zeit (eben: Laotse, Konfuzius und Buddha) auch die drei grössten Denker überhaupt geblieben, bis heute, im Westen hat sich dagegen eine lange und nicht endenwollende Reihe von grossen Denkern ergeben, in welcher es sehr schwer geworden ist, die grössten davon herauszuheben (vielleicht etwa: Platon, Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquino, Hobbes, Descartes, Locke, Rousseau, Kant, Hegel - aber wie viele weitere/andere könnten einen Anspruch darauf hegen, in diese Liste aufgenommen zu werden? [inkl. auch Wissenschaftlern wie Newton, Darwin oder Einstein, u.v.a., welche ebenfalls in einer engen Verbindung zur Philosophie stehen]).

Die Philosophen der chinesischen Klassik hatten zwar nicht die analytische Kraft der griechischen Klassiker, aber ihre punktuelle Trefflichkeit - d.h. wie sie gewisse Dinge teils kurz und knapp auf den Punkt gebracht haben - ist in der Philosophiegeschichte vermutlich nahezu unerreicht bis heute. Die beiden vielleicht schönsten Passagen von Laotse und Konfuzius verdeutlichen dies und erklären alleine fast eine ganze Welt (Metaphysik, Physik, Ethik). "Der Sinn erzeugt die Eins. Die Eins erzeugt die Zwei. Die Zwei erzeugt die Drei. Die Drei erzeugt alle Dinge. Alle Dinge haben im Rücken das Dunkle und streben nach dem Licht, und die strömende Kraft gibt ihnen Harmonie." (Laotse - von der Atom- zur Quantentheorie und darüber hinaus.) "Wer den Willen des Himmels nicht kennt, kann kein Edler sein. Wer die Regeln sittlichen Verhaltens nicht kennt, hat im Leben keinen festen Stand. Wer nicht Worte richtig zu verstehen weiss, kann die Menschen nicht erkennen." (Konfuzius - ein moralisches Lehr- und Meditationsstück erster Güte in nur drei Sätzen.)

Exkurs - Östliche Philosophie in den anderen Zeitepochen. Interessanterweise gab es in jeder der Hauptepochen in der Philosophie je eine bedeutende ausserwestliche Phase. In der Antike ging sie - wie beschrieben (im 6./5. Jahrhundert vor Christus) - von den Chinesen aus, im Mittelalter (im 9.-12./13. Jahrhundert) von den Muslimen und in der Neuzeit (im 19./20. Jahrhundert) von den Hindus. Die arabische und die muslimische Kultur diente im Mittelalter - zu einer Zeit, in welcher sowohl die chinesische wie auch die muslimische Kultur höher entwickelt waren als die europäische - als bedeutende Zwischenstation zwischen Indien und Europa in der Mathematik, und als bedeutende Weiterentwicklung in allen Wissenschaften (etwa u.a. mit Al-Kindi, Al-Gunaid, Ar-Razi, Al-Farabi, Al-Tawhidi, Al-Hazen, Al-Biruni, Ibn Sina [lat. Avicenna], Al-Ghazali, Al-Gilani, Ibn Tufail, Ibn Baddscha, Ibn Ruschd [lat. Averroës], Suhrawardi oder Ibn Arabi [letztere beiden gehören zu den Begründern des Sufismus]). In der Neuzeit waren es - nicht zuletzt wohl aufgrund der Kolonialisierung und Befreiung Indiens - wiederum die Hindus und/oder Inder, welche eine ganze Reihe von vielbeachteten Persönlichkeiten hervorbrachten (Ramakrishna, Tagore, Vivekananda, Gandhi, Aurobindo, Radhakrishnan, Ambedkar [Kritik], Baba, Krishnamurti [Theosophie]). Das bedeutet natürlich nicht, dass es in den anderen Kulturen je keine Denker gab, aber diese waren eher in der (reinen) Religion, in der Politik oder aber in der Wissenschaft zuhause - hier ist nur von jenen die Rede, welche auch in der allgemeinen Philosophie eine grössere Beachtung gefunden haben. (Zu den ersten Philosophen, welche die östliche Philosophie in Europa aufgenommen haben, gehören - nebst Scholastikern wie Albertus Magnus oder Thomas von Aquino, natürlich - in der Neuzeit sehr bedeutend etwa Goethe, Hegel oder Schopenhauer.)

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Die Griechische Klassik - I. Sokrates und der grosse Zweifel. Es brauchte nicht nur die Hinwendung der (sogenannten) Sophisten zum Menschen - mit dem Homo-mensura-Satz von Protagoras ("Der Mensch ist das Mass aller Dinge"), sondern auch einen gewissen (sagenumwobenen) Sokrates, um die griechische Philosophie in Athen zu ihrer Klassik und Hochblüte zu bringen. Sokrates übernahm von den Sophisten den Zweifel, welchen sie mit ihren rhetorischen Künsten gesät hatten - der Sophist Gorgias nahm eigentlich schon den späteren Skeptizismus voraus - und machte ihn zu seinem Logos. Mit dem Zweifel beginnt alle wahre Philosophie - so könnte man das Credo von Sokrates (wie es besonders vom römischen Philosophen Cicero hervorgehoben wurde) formulieren: als radikalen Zweifel an allem bzw. an allem Bisherigen (wie ihn später Descartes übrigens, am Beginn der Neuzeit und deren Wissenschaft, quasi in einer grossen Schauinszenierung der eigenen Philosophie nachahmte [nach dem Motto: ich zweifle an allem, komme dann aber aus dem reinen Zweifel heraus doch zu diesem und jenem Schluss]). Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich mir nicht sicher bin, ob es diesen Sokrates tatsächlich gegeben hat, oder ob er nicht vielmehr ein Kunstprodukt von Platon ist. Es ist ja schon seltsam, wie Platon praktisch alle seine (eigenen?) Ideen durch Sokrates zum Ausdruck brachte (welcher in praktisch allen Werken von Platon die Hauptfigur ist, immer in der Diskussion mit anderen Menschen/Philosophen). Es sieht daher in seinen Werken so aus, als wäre Platon selber nur ein reiner Stellvertreter von Sokrates. Wenn es also Sokrates gegeben hat, dann hat Platon praktisch keine eigenen Ideen vorgebracht, sondern nur jene von Sokrates wiedergegeben (d.h. wenn es einen grossen Sokrates gegeben hat, dann kann es keinen grossen Platon geben, oder höchstens als Begründer der Akademie - und umgekehrt: man redet ja in der Philosophie immer eben über den grossen Platon und meint eigentlich aber die Ideen und Diskussionen von Sokrates - es stellt sich hier also die Frage: Sokrates und/oder Platon?). Vielleicht ist Sokrates nur, aber immerhin!, ein von Platon künstlich erschaffener (hochstilisierter Hyper-) Sophist. Für die These des Kunstproduktes spricht, dass Platon vermutlich auch sonst zu solchen gegriffenen hat - etwa mit der untergegangenen alten (Super-) Welt von Atlantis (die es wahrscheinlich, entgegen der Behauptung von Platon, nicht gegeben hat, die aber einen Fantasy-Effekt entwickelte, der bis heute anhält) - dagegen aber, dass Sokrates (zum Glück!) nicht nur bei Platon bedeutend erwähnt ist, sondern auch bei seinem Zeitgenossen Xenophon, welcher sich ebenfalls als Schüler von Sokrates ausgibt. So können wir also davon ausgehen, dass es Sokrates tatsächlich gegeben hat - ich möchte aber diesen Zweifel doch einmal so anbringen. Es wird tatsächlich ja übrigens auch nie gesagt, selbst unter Philosophieprofessoren und -insidern nicht, Sokrates sei der Begründer der Ideenlehre, sondern dies wird immer Platon zugeschrieben: in dessen Büchern stammt natürlich aber eben diese Ideenlehre einzig und alleine von Sokrates. Es gibt die klare Vorstellung: hier ist der Zweifel von Sokrates sowie dessen Diskussionsmethoden - wie sie auch Xenophon schildert (in dessen "Erinnerungen an Sokrates")* - und da ist die Ideenlehre von Platon - aber das hat eigentlich so nichts mit den platonischen Werken, wie wir sie zu lesen bekommen und wie sie deklariert sind, zu tun. Wenn es Sokrates tatsächlich gegeben hat, dann entsprechen die Werke Platons vielleicht einer schlecht deklarierten Vermischung von sokratischen und eigenen Ideen. Ob nun künstlich, übertrieben oder realistisch - es spielt letztlich keine Rolle, ob Sokrates ein Mensch oder nur eine Idee bzw. ein Mythos (bzw. der Mythos im Logos) war, oder eben tatsächlich sogar, wie es berichtet ist, ein Märtyrer und Heiliger der Philosophie: er gehört so oder so zu den bedeutendsten Philosophen der Welt! Mit Sokrates und seinem grossen Zweifel an allem sowie einer geheimnisvollen Spannung zwischen den Figuren von Sokrates, dem Hyper-Sophisten, und Platon, dem Begründer der Ideenlehre, begann die grosse Klassik der griechischen Philosophie, bestehend aus Sokrates, Platon und Aristoteles, von welchen jeweils der Eine auch der Lehrer des Folgenden war. (Lassen wir im Folgenden den Zweifel beiseite, und sprechen wir über Platon und Sokrates, wie die Philosophie im Allgemeinen über sie spricht, als zwei verschiedene Persönlichkeiten: die Philosophie Platons besteht ja übrigens eben nicht im Zweifel, sondern in einem mehr oder weniger klaren Ideensystem. Ich möchte im Besonderen die Ideen-, Gottes-, Seelen- und Staatslehre Platons betrachten.)

* Der allerlogischste Schluss wäre daher, dass Platon die Figur von Sokrates aus dem Werk von Xenophon übernommen und dieser seine eigene Ideenlehre in den Mund gelegt hat. Dagegen spricht, dass Xenophon und Platon ziemlich exakte Zeitgenossen gewesen sein sollen, und dass Sokrates in praktisch allen Werken von Platon, auch den frühesten, erscheint. Das einzige bedeutende Werk Platons, in welchem Sokrates nicht die Hauptfigur und der Ideenbegründer ist, scheint das Buch "Nomoi" zu sein - dort hat ein unbekannter (namentlich nicht genannter) Athener dieselbe Rolle. (Eine weitere Möglichkeit wäre, dass gar Platons Schüler, die Akademiker, die platonischen Schriften verfasst und die Figur des Sokrates im Namen von Platon eingeführt haben. Wir können weder bei Platon noch bei Aristoteles mit letzter Genauigkeit sagen, welche Schriften von ihnen selber oder allenfalls von ihren Schülern verfasst wurden - in den Werken beider grosser Klassiker gibt es unerklärlich erscheinende, nicht deklarierte Widersprüche [die bedeutendsten, u.a., betreffen: Philosophenkönige vs. reine Gesetzesregierung in zwei verschiedenen Schriften zur Politik bei Platon sowie gar drei verschiedene Schriften zur Ethik bei Aristoteles. Bei Sokrates ist es dagegen klar, dass er keine eigenen Schriften verfasst hat.)

P.S. Wenn irgendjemand das Verhältnis von Platon und Sokrates genauer klären könnte, müsste es eigentlich Aristoteles sein. Hier drei Stellen aus seiner Metaphysik, welche auch einen kurzen und kleinen Einblick in die Ideenlehre geben (denn auch darin kommt Sokrates vor, wenn auch meist nur als abstraktes Beispiel für irgendetwas [wie im zweiten Zitat, u.a.]): "Und da sich nun Sokrates mit den ethischen Gegenständen beschäftigte und gar nicht mit der gesamten Natur, in jenen aber das Allgemeine suchte und sein Nachdenken zuerst auf Definitionen richtete, so brachte dies den Platon, der seine Ansichten aufnahm, zu der Annahme, dass die Definition etwas von dem Sinnlichen Verschiedenes zu ihrem Gegenstande habe; denn unmöglich könne es eine allgemeine Definition von irgend einem sinnlichen Gegenstande geben, da diese sich in beständiger Veränderung befänden. Diese Begriffe also nannte er Ideen des Seienden, das Sinnliche aber sei neben diesen und werde nach ihnen benannt; denn durch Teilnahme an den Ideen existiere die Vielheit des den Ideen gleichartigen." - "Denn was ist denn das werktätige Prinzip, welches im Hinblick auf die Ideen arbeitet? Es kann ja auch etwas einem andern ähnlich sein, ohne diesem nachgebildet zu sein; also mag es nun einen Sokrates geben oder nicht, so kann es jemand geben wie Sokrates, und dasselbe gälte offenbar auch, wenn es einen ewigen Sokrates gäbe." - "Sokrates aber setzte das Allgemeine und die Begriffsbestimmungen nicht als abgetrennte, selbständige Wesenheiten; die Anhänger der Ideenlehre aber trennten es und nannten dieses Ideen der Dinge." Alles klar? (Nein.)

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Die Griechische Klassik - II. Platon, Teil 1: Ideen- und Gotteslehre. Ideenlehre. Platon (428 od. 427-348 od. 347 v. Chr.) ist vermutlich der heute bekannteste ältere Philosoph (vor der Neuzeit). Dies kommt nicht unbedingt daher, dass die Leute seine Philosophie besonders gut kennen würden, sondern eher daher, dass er durch den Begriff vom Platonischen in unserer heutigen Sprachkultur vorkommt. Das Platonische bedeutet etwas, was sich im rein Ideellen abspielt bzw. in einem reinen Ideenbereich. Dies führt uns direkt zur Ideenlehre Platons, welche dem bedeutendsten Teil seiner Philosophie entspricht. Die Idee ist für Platon nicht eine Inspiration oder Intuition im Geist, wie wir das heute sehen würden, sondern: es ist ein Begriff, welcher ewig hinter den Dingen liegt - und zwar der Begriff vom Wahren hinter den Dingen. Von allem Seienden, so meinte Platon, gibt es eine wahre Idee, und dieser Idee zu entsprechen ist auch der Sinn vom Seienden. Die Erfassung der wahren Idee entspricht der reinen Vernunfterkenntnis. Und hier kommen wir vielleicht auf eine ästhetische Höhe der Philosophie, welche zuvor und danach nicht mehr erreicht wurde. Die beste - und das heisst gleichzeitig: die wahrste - aller Ideen ist die Idee vom Guten (bzw. vom Besten). Damit schafft Platon aber - was ihm Aristoteles auch vorgeworfen hat - praktisch ein ideelles Jenseits gegenüber einem materiellen Diesseits (d.h. seine Philosophie hat religiöse Züge [wie besonders auch im Neuplatonismus bei Plotin zu sehen ist, welcher die Philosophie als einen fast mystischen Aufstieg zum Prinzip vom Einen aufgefasst hat]). In Platons Ethik - mit vier Kardinaltugenden (Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit, Weisheit) - entspricht die Gerechtigkeit der höchsten Tugend (d.h. sie entspricht der besten und wahrsten Auffassung von Ethik). Für seine Erhebung der Idee des Guten und der Tugend der Gerechtigkeit wird Platon bis heute geschätzt, geliebt und verehrt. Gotteslehre. Im Zentrum der Gotteslehre von Platon steht der Demiurg, ein Schöpfergott, welcher die Weltseele gebildet hat. Die Weltseele entspricht der Kraft, welche sich selbst und alles Seiende bewegt. Die alte polytheistische Götterwelt hat hier keinerlei Bedeutung mehr (obwohl Platon die Götter in seinen Schriften mehrfach erwähnt, im Besonderen: Eros). Dagegen vertritt Platon einen eigentlichen Monotheismus, allerdings eben mit einem künstlichen bzw. philosophischen Gott. In theologischer Hinsicht würden wir hier von einem Deismus sprechen, d.h. von einem Schöpfergott, welcher aber später nicht mehr in das Weltgeschehen eingreift. Oder man könnte auch sagen: ein Gott, welcher in der Idealität die Natur (der Weltseele) geschaffen hat, während aber in der Realität die Natur nur noch selber wirkt (auf dieser Ebene, der Ebene der Weltseele, würde diese Auffassung einem [Natur-] Pantheismus entsprechen). Freilich: diese Natur (bzw. Weltseele) liegt bei Platon letztlich in der Vernunft! Und zwar in einer Vernunft, welche der menschlichen gleich ist. Das kann man als ziemlich idealistisch betrachten, aber genau dies ist ja Platons Philosophie auch: idealistisch.

Die Griechische Klassik - II. Platon, Teil 2: Seelen- und Staatslehre. Seelenlehre. Die (Einzel-) Seele ist verbunden mit der kosmischen Weltseele. Sie setzt sich aus einem begehrenden und einem vernünftigen Teil zusammen. Die Seele ist vom Körper gänzlich unabhängig und auch unsterblich (auch hierbei zeigt sich wieder der religiöse und idealistische Bezug von Platon, aber auch die Anleihen im Religiösen, welche bei ihm gemacht wurden [das frühmittelalterliche Christentum hing eher Platon an, welcher allerdings die abglösten Seelen mythologisch in der Unterwelt gesehen hat - und nicht etwa in in einem Himmel - das spätmittelalterliche eher Aristoteles, welcher dann auch die grössere Wirkung auf die Neuzeit ausübte]). Die Seele herrscht über den Körper (diese Auffassung ist uns heute sehr geläufig: sie wurde ebenfalls von Descartes vertreten und von diesem in die neuzeitliche Wissenschaft gebracht). Die antiken Philosophen sprachen allgemein eher von der Seele als vom Geist: die Seele ist das Prinzip, welches den menschlichen Körper bewohnt, der Geist dagegen wird zu dieser Zeit noch eher als eine Kraft in einem unpersönlichen Äusseren und/oder Allgemeinen gesehen (typisch bei Anaxagoras, dem eigentlichen Geistphilosophen der Antike, mit einem unpersönlichen Weltgeist (grch. nous)]). Das Hauptprinzip der (antiken [philosophischen]) Seele war aber nicht etwa das Gefühl, wie wir heute sagen würden, sondern eben: die Vernunft (die wir heute dem Geist zusprechen würden). Diese gibt er in einem Gleichnis wieder: von einem Wagenlenker, welcher die beiden verschiedenartigen Pferde Willen und Begierde lenken muss. Staatslehre. Der Staat ist ein zentraler Faktor in der Philosophie von Platon, eigentlich aber im Kulturverständnis der griechischen Antike überhaupt. Im Vordergrund steht dabei der Begriff der Polis (heute würden wir vielleicht sagen: Bürgergemeinde [durchaus auch in einem politischen Sinn]). Das grosse griechische Reich jener Zeit beinhaltete viele Staaten mit unterschiedlichen Regierungssystemen. Platon lebte zwar in einem demokratischen Stadtstaat, er vertrat aber nicht ein demokratisches Ideal, sondern er sah einen elitären Idealstaat, welcher von (akademisch ausgebildeten) Philosophenkönigen oder -herrschern regiert würde (im Buch "Politeia"). In seinem Alterswerk (im Buch "Nomoi") verwarf er (falls dieses Buch denn wirklich von ihm stammt) diese Idee, in einer der bedeutendsten Wendungen eines Philosophen in der Geschichte überhaupt, und vertrat dagegen ein Staatsmodell, bei welchem die reinen Gesetze im Vordergrund stehen. Oder anders gesagt: gerechte Gesetze statt grosse Philosophen sollen den Staat regieren. Nicht sehr originell, aber doch immerhin vernünftig erscheinend. Das Ziel dabei ist die grösstmögliche Tüchtigkeit der Bürger zu erreichen. Platon begründete die Akademie (Philosophenschule, heute: Universität); nebst Aristoteles gehören Speusippos und Xenokrates zu seinen bedeutendsten Schülern, zwei Nachfolger Platons in der Leitung der Akademie).

Anm. Bei Platon scheint es besonders wichtig und bedeutend, immer wieder den Bezug zu anderen und v.a. auch zur heutigen Zeit zu schaffen, damit man erkennt, in welchem Zusammenhang diese Gedanken genau bestehen, aber eigentlich ist das für jede Philosophie zu jeder Zeit wichtig und bedeutend. Es kommt leider immer wieder vor - und dies sogar bei bekannteren und berühmteren Philosophen - dass sie alte Ideen 1:1 in die Gegenwart übertragen. Das geht natürlich eben eigentlich nicht. Bevor wir aber zu viele andere Philosophen mit zu vielen anderen Meinungen zu diesem Thema anhängen, welche die Sache auch nur verwirren, versuchen wir einen Zusammenhang doch besser direkt zu begründen: zu den grossen (anderen) Zeitepochen und zur heutigen Zeit.



Die antiken klassischen Philosophen werden heute in gewissen Punkten zuweilen auch stark kritisiert. Für Platon wie auch für Aristoteles war die Sklaverei - typisch für die Antike (und das vorhergehende Altertum) - eigentlich ein Normalzustand. Platon vertrat sogar einen gewissen Anflug zur Eugenik - jedenfalls wird ihm dies manchmal vorgeworfen: es handelte sich hierbei um eine (staatliche) Auslese (bzw. Selektion) und Erziehung der Besten (allerdings spezifisch bei der von ihm eingesetzten Klasse der Wächter oder Krieger, welche für die Landesverteidigung und die Verteidigung der in seinem Frühwerk vertretenen und später selber zurückgenommenen Philosophenherrschaft zuständig sind [man kann dies eigentlich nicht allgemein auf seine Philosophie übertragen: eine Bestenauslese in gewissen Bereichen hat natürlich noch lange nichts zu tun mit modernen wissenschaftstechnischen oder gar politfaschistischen Eugenikphantasien, aber trotzdem]). Wie können Philosophen, welche für das Gute, das Glück, die Gerechtigkeit und die Vernunft eintraten, solche Positionen einnehmen? Und v.a.: was sollen wir heute damit anfangen? Darauf gibt es eigentlich nur eine Antwort, jene des Christusapostels Paulus, wonach wir alles prüfen und das Gute behalten sollen. Oder anders gesagt: manches aus den Werken der alten Philosophen können wir in unsere Zeit übertragen, anderes müssen wir dagegen eher verwerfen. Im Fall von Platon können wir nachwievor der Meinung sein, dass das Gute gut ist, aber es stellt sich die Frage: Was ist gut? (Vielleicht eben nicht alles, was Platon in seinen antiken Ansichten für gut befand. Die Klassik der antiken griechischen Philosophie löste eben noch lange nicht alle philosophischen Fragen, aber sie bildet, zusammen mit der Vorklassik, die Grundlage der gesamten [westlichen] Philosophie [und Wissenschaft], welche man als solche an sich nicht verwerfen [sondern: höchstens nicht beachten] kann. Es stellen sich also bezüglich der alten Philosophien immer Fragen von Achtung und Prüfung.)

Wie Platon gründete Aristoteles eine eigene Philosophenschule (Peripatos genannt), das bedeutet auch: er trat aus der platonischen Akademie aus und begründete eine eigenständige und in manchem Platon auch wesentlich widersprechende Philosophie. Der bedeutendste Unterschied liegt in der Grundausrichtung: Platons Philosophie bezeichnen wir als Idealismus, jene von Aristoteles dagegen als Realismus - ob diese Bezeichnung korrekt ist, sei dahingestellt: sie ist v.a. im direkten Gegensatz und Vergleich der beiden grossen Klassiker zustande gekommen. (Die Begriffe des Idealismus und des Realismus sind in der Philosophie - anders als in der Volksmeinung manchmal - eigentlich nicht wertend gemeint, denn ebenso wie der Sinn von einem reinen Idealismus bezweifelt werden kann, so kann auch der Sinn von einem reinen Realismus bezweifelt werden [denn realiter gehören die Ideen natürlich zum Menschsein, und sobald wir uns im Feld der Ideen bewegen, spielt auch immer schon der Idealismus seine Rolle: wenn wir nämlich eine Idee einer anderen vorziehen, bewegen wir uns schon auf einen zunehmenden Idealismus zu].)

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* * * * * Text in Überarbeitung - bis hierhin überarbeitet (Redaktion 2/3) * * * * *


Die Griechische Klassik - III. Aristoteles. Dieser gilt als Begründer der systematischen Wissenschaft. Wenn wir heute Aristoteles (384-322 v. Chr.) als den vielleicht oder vermutlich bedeutendsten Philosophen der Antike bezeichnen, dann tun wir dies v.a. aufgrund seiner Leistungen als Wegbereiter der Wissenschaft und seiner wissenschaftlichen Grundlagenwerke: etwa in der Physik, Biologie, Psychologie oder auch Logik und Ethik (und nicht zu vergessen natürlich: die Metaphysik, als Wissenschaft vom Seienden als solchem bzw. die sogenannte Erste Philosophie). Dies immer noch im Rahmen der Naturphilosophie, notabene: bei Aristoteles stand das reine (Nach-) Denken noch klar über dem empirischen Forschen (d.h. es handelte sich bei ihm noch immer um reine Naturphilosophie und noch nicht um Naturwissenschaft im heutigen Sinn). Während seine Wissenschaft sich erhalten hat - sie wurde zwar sehr kritisch betrachtet, wird aber andererseits auch immer noch studiert - ist seine ethische Position (innerhalb der Philosophie und der Wissenschaft) fast untergegangen. Sie entspricht erstaunlicherweise jener, welche zuvor auch schon Konfuzius bedeutend vertreten hat (allerdings nur in einem einzelnen Satz, während Aristoteles dem Thema ein ganzes Buch widmete). Die Tugend zielt auf die Mitte - das ist so etwas wie ein bürgerlicher Kernsatz (zu allen Zeiten). Und also... ein überraschender Gleichklang im Anfang der Ethik der westlichen und östlichen Philosophie! Der Urgrund ist bei ihm schwieriger zu erfassen als bei den Philosophen zuvor (bei Sokrates war es noch sozusagen der reine Zweifel, bei Platon die Idee bzw. die Idee vom Guten oder das Gute sowie auch jene der Gerechtigkeit [im Guten]). Einerseits ist es diese Mitte, andererseits sprach er auch (platonisch) vom höchsten Gut des Menschen und vom Glück als dem höchsten Gut des Menschen. Und er sprach wie Platon vom Demiurg, dem philosophischen Gott - dieser kann aber nicht als Urgrund betrachtet werden, obwohl ihn Aristoteles eigentlich am Anfang seiner physikalischen Erwägungen gesehen hat: als Erstbeweger der Welt. Es gibt demnach bei Aristoteles vielleicht drei Urgründe: der Gott, die Mitte und das Glück. Demgegenüber könnte man aber auch die Wissenschaft als eigentlichen Urgrund seiner Philosophie bezeichnen; oder man könnte auch sagen, dass die vormalige Urgrundphilosophie bei ihm ein Ende nahm (er studierte auch die vormalige Philosophie genauer als jeder andere Philosoph zuvor, um ihr ein Ende zu bereiten: den vagen und verschiedenen Urgründen wollte er eine exaktere Wissenschaft gegenüberstellen, die sich nicht mehr auf einen gemeinsamen Urgrund bezog, sondern in verschiedene Gebiete bzw. Disziplinen aufteilte). Uneins war er auch bei der Einteilung der Wissenschaften bzw. seiner Naturphilosophie, denn er teilte diese - bis heute bedeutend - ein in eine theoretische und eine praktische Philosophie (heute: Natur- und Geisteswissenschaft). Diese Einteilung macht Sinn, weil die Ausrichtungen der beiden Bereiche grundverschieden sind (in der Geisteswissenschaft werden Ziele gesucht und angestrebt, in der Naturwissenschaft wird die Natur ergründet).

Sehr interessant ist die politische Philosophie des Aristoteles: er sieht grundsätzlich sechs mögliche Politsysteme, welche sich unterscheiden in ihrer Ausrichtung nach Gemeinwohl und Eigennutz sowie nach der Anzahl der Herrscher: Monarchie (Gemeinwohl/Einer), Aristokratie (Gemeinwohl/Einige), Politie (Gemeinwohl/Alle), Tyrannis (Eigennutz/Einer), Oligarchie (Eigennutz/Einige), Demokratie (Eigennutz/Alle). Auch Aristoteles hegte der reinen Demokratie gegenüber, in welcher er lebte, einige Vorbehalte - insbesondere stand sie in der Antike im Ruf, dass sie relativ leicht in eine Tyrannis oder Ochlokratie (Pöbelherrschaft) ausarten könne - und kreierte daher die eigenartige Form der Politie, welche auch eine Mischform darstellt zwischen Demokratie und Oligarchie und eigentlich der heutigen Staatsform der meisten demokratischen Länder entspricht (!) - mit dem Volk als hintergründigem Souverän und einer (vom Volk gewählten) Classe Politique (der Vernünftigen) in den staatstragenden Entscheidungsgewalten. In diesem Sinn erweist sich der gute alte Aristoteles als einer der modernsten Staatstheoretiker der Geschichte (und überhaupt können wir sagen, dass seine geisteswissenschaftlichen Erwägungen von nachhaltigerer Bedeutung sind als die naturwissenschaftlichen). Auch seine Schichtenlehre in der Weltinterpretation - Hyle (d.h. Materie), Dinge, Lebewesen, Seele, Geist - zeigt sein systematisches und programmatisches Denken.

Aristoteles hat viele beeindruckende Schriften geschrieben: etwa die Nikomachische Ethik, oder seine Schriften über die Metaphysik und die Physik, und zu den beeindruckendsten gehören auch jene über die Logik, zusammengefasst im "Organon". Wir sind immer wieder beeindruckt, wenn wir die dialogischen Stücke von Platon oder eben die Schriften von Aristoteles lesen, darüber, wie hoch entwickelt die Sprache und das Denken zu jener Zeit bereits war (wir dürfen nicht vergessen: es geht hier um die Zeit im 4. Jahrhundert vor Christi Geburt und Wirken!). Hier ein Ausschnitt aus der "Hermeneutika oder Lehre vom Urteil" (grch. Peri hermeneias) von Aristoteles (natürlich in einer modernen Übersetzung, die ich mit Absicht noch ein bisschen moderner gemacht habe, aber trotzdem): "Denn die Vorstellung des Guten, dass es gut sei, ist, wenn das Gute das Allgemeine ist, dieselbe mit der, welche alles, was irgend gut ist, als gut vorstellt, und diese ist in Nichts von derjenigen verschieden, das alles, was gut ist, gut sei. Ebenso verhält es sich mit der Vorstellung des Nicht-Guten. Wenn es sich nun mit den Vorstellungen so verhält, und wenn die in Worten geschehenden Bejahungen und Verneinungen nur die Zeichen für die in der Seele sind, so ist klar, dass zu der allgemeinen Bejahung die allgemeine Verneinung das Gegenteil bildet; also dass z.B. zu der Vorstellung, dass alles Gute, gut sei oder dass jeder Mensch gut sei, die Vorstellung, dass Nichts oder Niemand gut sei, das Gegenteil bildet. Dagegen sind die widersprechenden Vorstellungen die, dass nicht alles Gute oder nicht alle Menschen gut seien. Es zeigt sich also, dass das Wahre nicht das Gegenteil vom Wahren sein kann, weder als Vorstellung, noch als ausgesprochene Verneinung: denn die gegenteiligen Vorstellungen sagen Entgegengesetztes von einem Gegenstand aus; aber mehrere wahre Vorstellungen können von demselben Gegenstand zugleich wahr sein, während Gegenteile nicht in demselben Gegenstand zugleich enthalten sein können." Ich denke, dass dies ein heutiger Philosoph schreiben könnte (und vielleicht würde er sogar den selben, in der Sache kleinen, aber im Sinn grossen Fehler machen, den Satz von Parmenides, wonach nur das Seiende ist und es kein Nichtseiendes gibt [als ersten Satz aller Philosophie und Logik], zu vernachlässigen [welchen auch schon Platon machte und viele nach ihnen]), und niemand würde sagen, welcher Aristoteles nicht kennt, dass dies nicht aus unserer Zeit stammen könne... Ich habe hier zu Aristoteles auch einen kurzen Ausschnitt seiner Logik gewählt, weil dieses Thema in der Folge aus gewissen und/oder bestimmten Gründen etwas zu kurz kommen wird (es wurde - so scheint mir - oft eher als philosophische Spielerei behandelt, denn als wirkliche Philosophie). Die Logik wurde langezeit bestimmt von den Grundbüchern des Aristoteles sowie Kommentaren dazu. In der Neuzeit wird oft die sogenannte Logik von Port-Royal (von den christlichen Jansenisten Antoine Arnauld und Pierre Nicolas, 1662) als Einleitung zu einer modernen Logik gesehen, welche dann v.a. von Gottlob Freges "Begriffsschrift" (1879) begründet wird (mit der Prädikatenlogik, in welcher sich Linguistik und Mathematik immer bedeutender vermischen bzw. in welcher versucht wird, die Sprachlogik immer mathematischer aufzufassen - bedeutende Erfolge konnte die Logik dann v.a. in den Gebieten der Mathematik und der Informatik erzielen, weniger indes im Bereich der reinen Philosophie, wo der Traum Wittgensteins einer vollkommenen Formalisierung der Philosophie als eine philosophische Absurdität betrachtet und als solche zurückgewiesen werden muss [ich werde auf dies noch zurückkommen]).

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Exkurs - Die Kritik an der Ideenlehre, das grosse Paradoxon und das 'Bewegungsproblem'. Die Kritik von Aristoteles an der Ideenlehre von Platon ist vielfältig. Am Bedeutendsten ist aber vielleicht der Einwand des 'Bewegungsproblems'. Heraklit meinte, dass alles in einem ständigen Fliessen bzw. in einer ewigen Bewegung sei. Dagegen meinte Zenon von Elea (um 490-430 v. Chr.), ein Schüler von Parmenides (nicht zu verwechseln mit dem berühmteren, späteren Zenon von Kition, dem Begründer der Stoa), dass es im Grunde bzw. im Ganzen keine Bewegung geben könne. Zum Beweis seiner seltsamen These führte er ein Paradoxon auf. Er liess - was man heute als Gedankenexperiment bezeichnen würde - Achilles im Wettlauf gegen eine Schildkröte antreten, welcher er einen Vorsprung gibt. Nun holt Achilles zwar auf, weil er der Schnellere ist, aber er kann die Schildkröte trotzdem nie ganz erreichen, weil diese in der Zeit, in welcher er aufholt, und immer wenn er gerade daran wäre, sie einzuholen, schon wieder ein kleines Stückchen weiter ist... Daher behält die Schildkröte immer - auch wenn man diese Überlegung ins Ewige weiterführt - einen kleinen Vorsprung, und es hat sich also wenig bis gar nichts an der ursprünglichen Situation geändert. Die Mathematiker und Logiker glauben, das Problem gelöst zu haben*, aber es war gar nicht so einfach (und das Paradoxon erstaunt uns bis heute [etwa in der US-Hollywood-Filmkomödie "I.Q." (1994)]). Dies ist die Hauptüberlegung, welche Zenon anführt für die Widerlegung der Realität der Bewegung. Man hört zuweilen in der Philosophie, es bestehe ein Widerspruch zwischen Heraklit, welcher sagte, dass alles in Bewegung sei, und Parmenides, welcher die starre Ewigkeit behaupte. Diese Aussage gründet auf diesem Bewegungsparadoxon dieses Schülers von Parmenides (wobei nicht gesichert erscheint, ob dieser damit die Philosophie von Parmenides beweisen wollte oder vielleicht etwas ganz Anderes). Parmenides spricht aber davon, dass das Seiende weder entstanden sei, noch zerstört werden könne, und auch nicht teilbar sei, sondern unveränderlich, da es als Ganzes ein Gleiches sei. Er spricht also vom Ganzen, während Heraklit vom Einzelnen spricht. Es macht offenbar einen Unterschied, ob man alles Einzelne einzeln betrachtet, oder das All als solches (jedenfalls in dieser Frage - was eigentlich auch ein Paradoxon darstellt: wie kann alles in Bewegung sein, das Ganze als solches aber nicht?). Der Begriff vom Ewigen kommt bei Parmenides nicht explizit vor: was aber unveränderlich ist, das ist natürlich auch ewig - und genau um diese Qualitäten geht es ja hier: um das Ewige - welches in der Antike als unveränderlich vorgestellt wurde - bei Parmenides und um das Veränderliche und Bewegliche bei Heraklit. Insbesondere bei Anaxagoras ('Weltgeist') und Platon ('Weltseele') spielte die Auffassung des Ewigen, des Unveränderlichen und des Ganzen danach ebenfalls eine bedeutende Rolle (aber auch etwa der Universalienstreit im Mittelalter - Allgemeinbegriffe/-ideen vs. Einzeldinge - oder die Behauptung von einer ewigen Wiederkehr des Gleichen** bei Nietzsche, gehören in diesen Themenbereich: geschieht eigentlich in der Welt immer wieder das Gleiche oder immer etwas Neues?, d.h. bewegen sich die Dinge zu etwas Neuem und Anderem hin, oder bleiben sie vielmehr in etwas Altem und ewig Gleichem verharrt?). Eine solche Ansicht vom Ganzen, welche seit den Eleaten bis dahin (in der [vergleichsweise noch wenig beachteten] Philosophie) vorherrschte, führt nach Aristoteles zu einem 'Bewegungsproblem', das sich auch in der Ideenlehre Platons manifestiere: die Ideen von Platon könnten, so meint Aristoteles, (ebenso wie auch die Mathematik) keine Ursache für die Bewegung der Dinge sein***. Daher stellte Aristoteles, nebst der Annahme von Gott als Erstbeweger (in der Metaphysik), in seiner Physik eine eigene (wissenschaftliche) Bewegungstheorie auf, welche - nach einem Intermezzo mit der sogenannten Impetus- oder Impulstheorie - von Galilei kritisiert und durch dessen Trägheitsprinzip (welches das 'Bewegungsproblem' endlich - tatsächlich oder weiterhin nur scheinbar - löste) ersetzt wurde, was zur modernen Physik und Mechanik (mit der Idee eines mechanistischen Universums) bei Newton führte (Theorie: Entdeckung der Grundgesetze der Mechanik - [Heraklit, Zenon], Platon, Aristoteles, Philoponos, Avicenna, Avempace, Bradwardine, Buridan, Ockham, Galilei, Kepler, Newton). Die heutige Physik behauptet ja übrigens, dass sich auch das Ganze - nach ihr: das Universum, wie man heute sagt - bewegt (bzw. [derzeit] ausdehnt). Und trotzdem scheinen wir auch heute noch allzu oft die wahren Ideen zu verfehlen... Dies ist vielleicht ein bisschen ein paradoxer Abschnitt, aber das gehört eben auch zur Philosophie: das Paradoxe, das Groteske, das Absurde.

* Es stellt sich indes die Frage, ob die Mathematiker und Logiker das Problem auch wirklich gelöst haben. Sie haben es scheinbar gelöst, indem sie die Einteilung der Zeit in unendlich kleine Räume hier verboten haben - sie sagen uns aber nicht, mit welchem Recht sie das verbieten. In der Art und Weise, wie Zenon das Problem vorstellt, scheint es tatsächlich keine Lösung zu geben. In der Realität gibt es freilich eine einfache Erklärung: irgendwann einmal (bzw. ständig eigentlich) überspringt Achilles die immer kleiner werdenden, ins Unendliche gehenden Zeiträume mit einer einfachen Schrittlänge. Das Problem löst sich in der Realität quasi von selber, nicht so aber in der Vorstellung. Man muss sich lösen von der Problemanordnung, in welcher man immer schaut, welchen Fortschritt die Schildkröte an dem Punkt gemacht hat, an welchem Achilles sie einholen würde. Wenn man ganz einfach bei beiden Figuren die gemachten Wegstrecken pro Zeiteinheit aneinanderreiht, dann hat man das Abbild der Realität und das Problem ist gelöst. Das Problem zeigt, wie hilflos unsere Vorstellung wird, wenn wir uns auf einen falschen Gedanken konzentrieren und fixieren. (Man kann vermutlich auch sagen, dass die Anordnung punktorientiert ist, wobei der betrachtete Punkt für Achilles immer eine Gegenwart, für die Schildkröte aber immer eine Vergangenheit repräsentiert, und nicht raumzeitorientiert, aber wie auch immer.)

** Die Idee von der Wiederkehr des immer Gleichen scheint von der hinduistischen Wiedergeburtslehre inspiriert zu sein, kann aber auch inspiriert sein von einer politischen oder allgemeinen Frustration, indem man das Gefühl hat, es ändere sich ja eigentlich doch nie etwas und die Menschen würden ja letztlich doch immer die selben bleiben. Auch in der griechischen Mythologie kommt das Problem vor: bei Sisyphos, welcher die ewig gleiche Aufgabe erfüllen muss, ohne irgendeinen Schritt dabei weiterzukommen. Dieses Problem ist auch hochmodern und brandaktuell, indem sich heute die Frage stellt, ob - mit der Einsicht der Grenzen des (quantitativen, auch übrigens ja grenznutzenbeschränkten) Wachstums und der grossen Ökoproblematik - in Zukunft die Bewahrung wichtiger werden wird als der (reine) Fortschritt (und wie wir psychologisch damit umgehen können: es ist nämlich gar nicht so einfach für uns - wie es der deutsche Ökophilosoph Schäfer fordert - den Benefit anzustreben und nicht den Profit).

*** Dies obwohl Platon auch eigene Vorstellungen zur Bewegung äusserte - im Problem der Pfeilbewegung, welches auf das Pfeil-Paradoxon von Zenon zurückgeht (eine andere von mehreren überlieferten Paradoxien von Zenon) und danach diskutiert wurde von Aristoteles selber bis zu Avicenna. Platon meinte, es sei die Luft, welche die Bewegung des Pfeils bewirkt - durch Wirbelbildungen in der Luft (vgl. dazu auch: Wirbelphysik von Schauberger). Aristoteles meinte, der Bogen übergebe die Kraft an den Pfeil (das entspricht ja auch bereits unserer heute noch gängigen Vorstellung der einfachsten Billard-Kugel-Physik [aber tatsächlich war Aristoteles der Erste, welcher das so in der Philosophie formulierte, weil er der Erste war, welcher sich mit klarem Geist überlegte, wie eine Bewegung überhaupt grundsätzlich zustande kommt (das bedeutet natürlich nicht, dass die Menschen vorher nicht intuitiv gewusst hätten, was eine Bewegung ist, aber erst durch diese klare Darlegung in der Schriftkultur konnte die ganze Entwicklungsgeschichte der Bewegungslehre in Gang gebracht werden, bis hin zur neuzeitlichen und heutigen Physik)]). Philoponos meinte, die Kraft sei nur geliehen (Impetustheorie) und verliere sich wieder, und darum falle der Pfeil nach einer gewissen Distanz zu Boden - dies sei auch im Vakuum so. Avicenna meinte, die Luft behindere die Bewegung des Pfeils und bewirke, dass er zu Boden falle, und nur im Vakuum gebe es eine konstante Bewegung, die nicht zum Stillstand kommt. Das wäre eigentlich schon ein Ansatz für die neuzeitliche Physik gewesen, aber es dauerte noch ein bisschen länger bis diese über Ockham und Galilei (Trägheitsprinzip) dann von Newton (Gravitationstheorie und drei Grundgesetze der Mechanik) begründet wurde. Das zeigt: hinter unserer heutigen Physik steht nicht nur Aristoteles in der Antike, sondern mindestens auch Heraklit, Parmenides, Zenon und Platon (ebenso ist auch hier hinzweisen auf den bedeutenden Einfluss der muslimischen Philosophie, aber auch der christlichen Philosophie für die gesamte spätere Wissenschaft - manches davon mag uns heute als simpel oder seltsam vorkommen, und doch war jeder dieser einzelnen Entwicklungsschritte notwendig für die gesamte Entwicklung, und nichts davon ist irgendwie trivial oder so).

Das vielleicht grösste Paradoxon der Welt - neben jenem vom komplexen Zusammenhang vom Ganzen und vom Einzelnen (inkl. notabene den ebenso komplexen und paradoxen Fragen um Freiheit und [Vor- (oder sogar Nach-!?)] Bestimmung) - brachte uns übrigens Einstein. Wenn wir nämlich behaupten, alles sei relativ (was Einstein nicht so behauptet hat, was aber manchmal so behauptet wird [und auch aus Einsteins Weltformel herausgelesen werden könnte]), dann ist das eine absolute Aussage. Alles ist relativ, bedeutet: alles ist absolut relativ. Absolut relativ scheint aber dasselbe - oder etwas äusserst Ähnliches - zu sein wie relativ absolut. Also bedeutet 'alles ist relativ' eigentlich dasselbe wie 'alles ist absolut (relativ)'. Man kann versuchen, dieses Paradoxon zu lösen, aber man wird auch hierbei zu keiner Lösung kommen. (Und die Aussage, wonach alles in Beziehung miteinander ist, sagt übrigens nichts mehr aus als nur dies.)

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Kehren wir - nach diesem kurzen Ausflug in die Welt von Paradoxien und physikalischen Erklärungen - zurück zur mehr oder weniger chronologischen Darlegung der Philosophiegeschichte.

Erstaunlicherweise war die grosse (bzw. heute als so gross empfundene) Klassik in der griechischen Philosophie nur eine kurze Phase - und nach ihr trieb es die späteren Philosophen nicht zum Verweilen, sondern zur Begründung neuer, anderer Ideen. Und so gingen auch in den folgenden Zeiten - unglaublich aus heutiger Sicht - Platon und Aristoteles nahezu vergessen! (Dies obwohl die Akademie weiterbestand - sie wurde allerdings im Jahr 86 v. Chr. durch den römischen Feldherrn Sulla vernichtet, während übrigens die attische Demokratie bereits 262 v. Chr., mit der Niederlage der Athener im Chremonideischen Krieg und einer wiederholten Besetzung durch Makedonien, zu Ende war [interessant: diesen Krieg kennt heute niemand, obwohl er für sehr lange Zeit das Ende der Demokratie bedeutete!]; es gibt in diesem Zusammenhang ferner die weitere bekannte Geschichte bzw. Anekdote vom makedonischen Herrscher Alexander dem Grossen [356-323 v. Chr.], welcher ebenfalls der Legende nach von Aristoteles ausgebildet wurde, also sozusagen ein Philosophenkönig war, und dessen Begegnung mit dem zynischen, ärmlichen Philosophen Diogenes von Sinope, auch bekannt als Diogenes im Fass, welcher - nach seinen Wünschen befragt - zum grossen Philosophenkönig gesagt haben soll: "Geh mir aus der Sonne!" - auch bereits ein, wenn auch ein anekdotisches Zeugnis zum Verhältnis der Klassik mit der nachmaligen Philosophie, aber item.) Beide - Platon wie Aristoteles - erlebten aber eine bedeutende Renaissance: Platon durch den Neuplatonismus von Plotin (und anderen) im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt (mit wesentlichem Einfluss auf das frühe Christentum), Aristoteles erst viel später im 12./13. Jahrhundert in seiner Wiederentdeckung durch Averroës, Moses Maimonides und Thomas von Aquino (mit bedeutendem Einfluss auf die Neuzeit und ihre Wissenschaft, welche sich wesentlich in der Auseinandersetzung mit den Positionen von Aristoteles begründete und entwickelte [vgl. Galilei]; als allererster Aristoteles-Kommentator im Mittelalter überhaupt soll jedoch Notker Teutonicus [um 950–1022], als Leiter der Klosterschule in St. Gallen, gelten [ohne Gewähr]). Ihre bedeutendste spätere Renaissance erlebte die griechische Antike, wenn auch reichlich verzerrt, übrigens bei Nietzsche, während Sloterdijk - ebenfalls in der deutschen Philosophie - in einer Rede nahe der letzten Jahrtausendwende (1997) fragte, ob die alten Philosophen heute noch unsere Freunde sein können (wobei er sich speziell auf Platon bezog). Wie bedeutend (und unkritisch) die griechische Antike gerade in den höheren deutschen Schulen bis zum Zweiten Weltkrieg behandelt wurde, zeigt auch eine Erzählung des Schriftstellers Andersch, welcher damit - ob zurecht oder zu Unrecht - einen altväterischen Humanismus verbindet und kritisiert (und die peinliche Frage stellt, ob denn eine humanistische Bildung vor gar nichts schütze). Wir treffen überall in der Philosophie auf Kritik und Gegenkritik (und Kritik der Gegenkritik, usw. usf., etc. etc. - die Beurteilung von alledem ist, wenn sie sorgfältig gemacht wird, immer schwierig und nie abgeschlossen).

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Die griechische Philosophie nach ihrer Klassik. Die spätere griechische Antike wird die Zeit des Hellenismus genannt. Diese brachte drei grosse Schulen bzw. Richtungen hervor: die skeptische Schule von Pyrrhon (Prinzip der Verneinung [aller Wahrheitsansprüche überhaupt]), die epikureische Schule von Epikur (Prinzip der Lust [und Unlust]) und die stoische Schule von Zenon (Prinzip der Gemütsruhe [bzw. der Gleichgültigkeit]). Ich nenne diese drei Schulen auch die Schulen des Untergangs, da sie den Untergang der antiken griechischen Kultur zumindest (mit-) begleiteten. Auf diese hellenistischen Richtungen der Philosophie traf auch der christliche Apostel Paulus zu seiner Zeit noch hauptsächlich, insofern bei ihm von der Philosophie die Rede ist, was auch der Hauptgrund gewesen sein dürfte für seine (zu?) scharfe Verwerfung der Philosophie (im Allgemeinen). Er verwarf in erster Linie eben diese Untergangsphilosophien (während die christliche Theologie dann aber wiederum einiges aus der alten Philosophie in ihre eigene Lehre aufgenommen und eingebaut hat [das Christentum hat auch sonst einige Dinge vom Heidentum übernommen, wie wir wissen - nicht umsonst gilt Jesus Christus als der Prophet, welcher zu den Heiden gesandt wurde]). Trotz dieser kritischen Anmerkung sind diese drei Schulen sehr bedeutend: die Skepsis spielte später zu verschiedenen Zeiten eine bedeutende Rolle (insbesondere etwa bei Empiricus, Montaigne, Hume oder Fries), Epikur gilt - gemeinsam mit dem römischen Philosophen Seneca - bis heute als Wegbereiter einer (manchmal auch etwas dekadent anmutenden) Lebenshilfephilosophie und den philosophischen Anleitungen zum Glücklichsein, während die Stoa, begründet von Zenon von Kition (333-262 v. Chr.), sogar zur Hauptphilosophie im antiken Rom aufstieg. Die letzten drei grossen Figuren der griechischen Antike waren zwei Wissenschaftler und ein Philosoph: Archimedes (aus Sizilien - mit dem Auftriebsgesetz [gilt quasi als erster Vertreter der experimentellen Wissenschaft (obwohl seine Entdeckung eher auf Zufall beruhte)]) - sowie bereits nach Christi Geburt und Wirken - Ptolemäus (aus Ägypten - mit dem [falschen] geozentrischen Weltbild) und Plotin. Nachdem Anaxagoras in der Vorklassik die Philosophie von Kleinasien nach Athen gebracht hatte, verlagerte sie sich nach Epikur von Athen wieder an die Peripherie: Plotin, welcher vermutlich in Ägypten geboren wurde und an der südlichen Westküste Italiens verstarb, setzte mit seinem Neuplatonismus (inkl. der anschliessenden Gnosis, einer Verbindung von Neuplatonismus und Mystizismus [unter christlichen, jüdischen und heidnischen Intellektuellen]) das letzte grosse philosophische Zeichen, in jener Zeit, die wir als griechische Antike bezeichnen.

Einige weitere, meist frühere bekannte Wissenschaftler und Mathematiker waren übrigens etwa (nebst den erwähnten Archimedes und Ptolemäus): Alkmaion, Hippokrates, Aristarch (von Samos), Euklid, Eratosthenes, Galenus, u.a., sowie die philosophisch teils bereits erwähnten Thales, Pythagoras, Leukipp oder Demokrit - nur um zu sagen, dass es natürlich zu jeder Zeit in der griechischen Antike auch bedeutende Wissenschaftler und Mathematiker gab. Im antiken Griechenland blühten aber nicht nur die Philosophie und die Wissenschaft auf, sondern auch die schönen Künste (daher vielleicht betrachten wir diese Zeit heute auch mit so grosser - und manchmal fast übertrieben grosser - Güte).

Interessant ist rückblickend die folgende Gelehrten- und Entwicklungsreihe der antiken griechischen Philosophie (beschrieben im philosophiegeschichtlichen Werk von Diogenes Laertios): Xenophanes, der Religionsphilosoph des All-Einen, war der Lehrer von Parmenides, dem 'Ontologen', dessen Schüler Zenon (von Elea) war der Lehrer von Leukipp, dem Atomisten, dessen Schüler Demokrit war der Lehrer von Protagoras, dem Sophisten (und 'Humanisten') - und auf diesen folgten die Klassiker (Sokrates - der 'Hyper-Sophist' - Platon und Aristoteles, von denen der Eine der Lehrer des Anderen war) und danach die Hellenisten oder Nachklassiker, welche sich gegen die Klassik wandten (Pyrrhon, Epikur und Zenon [von Kition]).

Exkurs - Antike Stätten der Philosophen: Milet (in Kleinasien, heute: Türkei - Thales, Anaximander, Anaximenes), Kolophon (Xenophanes), Ephesus (in Kleinasien - Heraklit), Samos/Metapont (Pythagoras), Elea (heute: Velia in Unteritalien - Parmenides, Zenon v. Elea sowie evtl. Leukipp), Klazomenai (in Kleinasien - Anaxagoras), Akragas (heute: Agrigent auf Sizilien - Empedokles), Abdera (heute: Avdira - Protagoras, Demokrit), Athen (Sokrates, Xenophon, Platon, Aristoteles [bei ihm Wirkungsstätte - geb. in Stageira, gest. in Chalkis]), Sinope(Kleinasien)/Korinth (Diogenes von Sinope), Elis (Pyrrhon von Elis), Samos/Athen (Epikur), Kition (auf Zypern - Zenon von Kition), Ägypten/Kampanien (vermutlich: Plotin).

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Videos zur Europa- und Weltgeschichte: Kurze Geschichte Europas (engl.), Kurze Geschichte der Welt (engl.).



Stillstand in der römischen Philosophie. Die folgende Zeit der römischen Antike ist philosophisch weniger bedeutend und interessant (und dasselbe gilt es auch von der [systematisch] wissenschaftlichen Entwicklung zu sagen! [während es gewisse technische Weiterentwicklungen durchaus gab]). Die Römer übernahmen im Wesentlichen das altgriechisch-polytheistische Göttersystem und brachten nur recht wenige grosse Denker hervor, die sich in den meisten Fällen auch an der griechischen bzw. an der hellenistischen Philosophie orientierten - etwa: Cicero, Lukrez, Seneca, Epiktet, Mark Aurel (der eigentliche Philosophenkaiser), Victorinus (gilt als Begründer der christlichen Trinitätslehre), Boëthius. Die vorherrschende Richtung war die (griechische) Stoa. Der bekannteste römische Philosoph ist vermutlich der Stoiker Seneca, der interessanteste vielleicht der Eklektiker Cicero - dieser begründete die einzige neue Richtung in der römischen Philosophie: den Eklektizismus, was etwa so viel bedeutet wie die Zusammenlegung vieler Philosophien zu einer. Viel bedeutender als die Philosophie - inkl. Staatsphilosophie - war im Alten Rom das Rechtssystem (auch mit Rechtsgelehrten und -philosophen wie Cicero, Gaius oder Ulpian) - mit der bedeutendsten Wirkung auch auf unsere heutige Zeit (und durchaus ja irgendwie im Sinne des späteren, gesetzesorientierten Nomoi-Platons). Wir betrachten noch unser heutiges Recht begründet auf der Basis des alten Römischen Rechts (dies basiert auf einer Wiederentdeckung des Alten Römischen Rechts im 11. Jahrhundert [an der ältesten europäischen Universität in Bologna (mit dem Rechtsgelehrten Irnerius [von Bologna])]; in Mitteleuropa erlangte es ab dem 14. Jahrhundert erneute Bedeutung). Der englische Philosoph Hobbes wies im 17. Jahrhundert darauf hin, dass v.a. zwei zentrale Punkte darin zu berücksichtigen sind: erstens der Eigentumsschutz und zweitens - sehr bedeutend - die juristische Person (wir finden beide Prinzipien auch in der theologischen Legitimierung Jesu Christi, denn dieser hat die Vollmacht Gottes zur Vertretung der dreifaltigen Person! - ein drittes bedeutendes Prinzip, u.a., war die Rechtlosigkeit der Sklaven [dieses spielt im heutigen Recht glücklicherweise keine Rolle mehr]). Rein philosophisch betrachtet, könnte man aber die Römische Antike ebenso gut weglassen... Unbezweifelbar jedenfalls befand sie sich zu jener Zeit auf einem absteigenden Ast (und die grossen Klassiker der griechischen Philosophie waren zu jener Zeit eben auch praktisch schon vergessen). Es waren also nicht alleine die religiösen Christen, welche die klassische griechische Philosophie versenkten, wie manche heute fälschlicherweise behaupten, sondern ganz im Gegenteil: diese haben sie, wie schon angesprochen, eher aus der Versenkung wieder hervorgeholt.

Summa summarum: Im Allgemeinen bildet die antike Philosophie einen wundervollen Mikrokosmos der Philosophie, in welcher also die Philosophen auf ihrer Urgrundsuche vom Wasser (aus dem das Leben entstammt) über den Menschen zum Recht kamen. Kombiniert man (Nomoi-) Platon/Rom mit Aristoteles, kann man (etwas optimistisch) zum Schluss kommen: Das Ziel ist das Recht in einem politischen Staat (d.h. in einem Staat, in welchem ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht der Bürger besteht - dies war im Römischen Reich natürlich nicht gegeben, obwohl es anfangs durchaus auch demokratische Tendenzen hatte, die es im späteren Kaiserreich bzw. kaiserlichen Grossreich aber fallen liess; ebenso war keine rechtliche Gleichheit gegeben, sondern es gab Bevölkerungsgruppen, die auch rechtlich schlechter behandelt wurden). Viele philosophische und wissenschaftliche Fragen wurden in der Antike zum ersten Mal vorgebracht und behandelt.

Die Antike ist ein Zeitraum, welcher etwa vom 8. Jahrhundert vor Christus bis etwa zum 5. Jahrhundert reicht (mit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahr 476). Diese Zeit überschneidet sich mit dem frühen Christentum, welche Patristik genannt wird: etwa vom 1. bis zum früheren 8. Jahrhundert, während das spätere mittelalterliche Christentum als Scholastik bezeichnet wird: etwa vom späteren 8. bis zum 15. Jahrhundert. Das heisst: es gibt an diesem Punkt eine für die Zukunft Europas und der Welt überaus bedeutende Überschneidung der religiösen jüdisch-christlichen Kulturachse mit der philosophischen und politischen griechisch-römischen Kulturachse. Im Mittelpunkt dieser Überschneidung steht natürlich die Figur von Jesus Christus (und diese bestimmte durch die christliche Religion und Theologie die [westliche] Philosophie des Mittelalters).

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MITTELALTER * * * Jesus Christus, der Messias der christlichen Religion * * * Paulus und seine Kritik der hellenistischen Philosophie * * * Justinus: der Christus als ganzer Logos * * * Patristik der Kirchenväter mit Augustinus * * * Mohammed und der Islam * * * Grosses (auch: Morgenländisches oder Griechisches) Schisma * * * Forderung nach Einsicht und Vernunft im Glauben (Anselmus von Canterbury) * * * Averroës und die Wiederentdeckung des Aristoteles * * * Scholastik der Kirchenlehrer mit Thomas von Aquino * * * Anfänge einer neuen Wissenschaft und empirische Erkenntnis (Roger Bacon, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham) * * * Die Renaissance.


Die christliche Theologie tritt an die Stelle der antiken Philosophie.

Jesus Christus wurde im Land Palästina (heute: Israel/Palästina), im Nahen Osten, geboren und trat dort als der von den altisraelitischen Propheten prophezeite, zu den Heiden gesandte Messias auf. Er begründete das, was der anthroposophische Philosoph Steiner den Christus-Impuls nennt, und dieser Christus erwies sich als die bedeutendste religiöse Kraft in der (westlichen) Welt. In diesem Christus-Impuls sind in dessen kultureller Bedeutung zwei grosse Ströme der Kultur zusammengekommen: die Religion vom alten Israel und die Philosophie vom antiken Griechenland. Auch ein östlicher Einfluss scheint spür- und greifbar zu sein in diesem Impuls. Der Christus war ja verheissen als grosser Friedefürst der Welt, und daher können wir davon ausgehen, dass ein vielfältig verflochtener Welteinfluss zu diesem Impuls mitgewirkt hat. Das Mittelalter ist jedoch nicht nur durch den Christus, sondern im Westen wie im Osten durch verschiedene religiöse Phänomene begründet: durch das Auftreten des Religionsstifters Mani (im 3. Jh.), welcher eine erfolgreiche aber kurzlebige Religion schuf, die zusammengesetzt war aus dem Christentum, dem Buddhismus und dem Parsismus (Zarathustra-Religion), vom persischen Sasanidenreich aus westwärts bis nach Nordafrika, durch die Verbreitung des Buddhismus im Fernen Osten, von Indien über Ostasien (ab dem 3. Jh. v. Chr.) bis nach China (im 7. Jh.), durch die Begründung des Islams von Mohammed in Arabien (im 7. Jh.), und auch durch die Erneuerung der indischen Religion (Hinduismus) von Shankara (im 9. Jh.). Wenn vielfach (im Westen) vom dunklen Mittelalter gesprochen wird, so muss man gleichzeitig auch von der dunklen Spätantike reden - eine Zeit auch der Esoterik, des Okkultismus und der Alchemie (v.a. im südlichen Westen wie auch etwa in Ägypten oder China, die bekannteste Figur dazu ist Hermes Trismegistos, dessen Existenz aber nicht gesichert ist - eine Wendezeit eben von grosser religiöser Verwirrung und Erneuerung). Zeitlich kann man den Beginn des Mittelalters bei der Geburt Jesu sehen, oder im Anschluss an die Antike im 5./6. Jahrhundert (aufgrund der erwähnten Überschneidung können wir die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt sowohl der ausgehenden Antike wie dem aufkommenden Mittelalter zurechnen - bedeutend dazu sind auch die politischen Daten des Christentums: 301 Staatsreligion in Armenien, 313 Aufhebung des Verbots im Römischen Reich, 325 Konzil von Nicäa [Verwerfung des Arianismus] - gleichzeitig fand anfangs des 4. Jahrhunderts eine äussere Akzeptanz und eine innere Konzentration im Christentum statt; ebenfalls zu erwähnen ist diesbezüglich die Ordensgründung durch Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert [Benediktiner (die bedeutendsten späteren Orden der katholischen Kirche vollzogen sich im 12./13. Jahrhundert [Karmeliten, Augustiner, Dominikaner, Franziskaner])]). Die Theologie des christlichen Mittelalters wird grundsätzlich in zwei verschiedene Zeitalter eingeteilt: jenes der Patristik (Kirchenväter) und jenes der Scholastik (Kirchenlehrer).

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Die Patristik im christlichen Mittelalter. Die Patristik ist die Zeit der Kirchenväter (lat. Patres ecclesiae). Die frühen Kirchenväter sahen das Christentums nicht nur als eine Erneuerung der Religion, sondern sie sahen es auch (bereits) als religiöse Philosophie. Eigentlich beginnt diese schon in der Bibel selber: mit Jesus Christus, ferner mit Petrus (und den zwölf Jüngern) und mit Paulus (und den weiteren Aposteln). Sie haben eigentlich schon Theologie als christliche Philosophie betrieben. Als erster grosser christlich-philosophischer Theologe gilt indessen (wenn wir die biblischen Figuren weglassen): Justinus (mit dem Beinamen: der Märtyrer). Seine Behauptung hätte nicht grösser, bedeutender und weitreichender sein können: "Der Christus ist der ganze Logos." Mit diesem Satz machte sich die christliche Theologie an, die Urgrundphilosophie der Antike zu ersetzen bzw. die ganze antike Philosophie auf eine christliche Basis zu stellen. Die Liste der bekanntesten Kirchenväter umfasst etwa Namen wie (u.a.): Justinus der Märtyrer, Irenäus von Lyon, Tertullian, Origenes, Athanasius der Grosse, Hilarius von Poitiers, Gregor von Nazianz, Basilius von Caesarea, Gregor von Nyssa, Ambrosius von Mailand, Hieronymus, Augustinus, Pseudo-Dionysius Areopagita, Isidor von Sevilla, Johannes von Damaskus (verst. 754 - gilt als letzter grosser Kirchenvater). Der bekannteste Theologe der Patristik war der aus Nordafrika stammende Augustinus (auch: Aurelius Augustinus [fälschlicherweise], oder: Augustinus von Hippo oder Thagaste, 354-430). Augustinus gilt als Vertreter eines Gottesstaatsprinzips, ebenso als bedeutendster philosophischer Verfechter der (christlichen) Dreifaltigkeit; er hat daneben aber auch eine durchaus rein philosophiegeschichtlich relevante Bedeutung, indem er z.B. der erste grosse Philosoph überhaupt war, welcher wirklich bedeutend über das Phänomen der Zeit nachdachte, indem er auch einen Unterschied zwischen einer objektiven und einer subjektiven Zeitauffassung feststellte (was bedeutend auch etwa in Bezug auf die Relativitätstheorie von Einstein im 20. Jahrhundert ist, aber eigentlich auch für die ganze Erkenntnistheorie der Scholastik und der Neuzeit [Frage: Wie erkennen wir die Welt überhaupt, wenn die subjektive und die objektive Auffassung verschieden sein können?]). Dies in seinen 'Confessiones', in denen er auch schildert, wie er vom Manichäer zum Christ wurde. In der Antike herrschten einfache oder aber geheimnisvolle Zeitvorstellungen: das ständige Fliessen bei Heraklit, das unverständliche Paradoxon bei Zenon von Elea oder demgegenüber wieder das einfache Messen bei Aristoteles.

Der Logosbegriff bei Justinus zielt natürlich auch ganz einfach auf das Wort (als solches - in der Bedeutung von dem, was unsere Aufmerksamkeit zu lenken vermag [Wo?Ort, doOrt, SoOrte] - ebenfalls ein Ansatz im vielschichtigen Logosbegriff), und er hält sich dabei strikt an das philosophischste der vier Evangelien im Neuen Testament - das Johannes-Evangelium, welches, quasi eine zweite, logosorientierte (und adamüberwindende, im Sinne von verdammnisüberwindende) Schöpfungsgeschichte darlegend, so beginnt: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hiess Johannes. Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit sie alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Johannes gibt Zeugnis von ihm und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoss ist, der hat ihn uns verkündigt."

Ansonsten müssen wir, die ganze Periode der Patristik betrachtend, natürlich aber auch von einer gewissen bzw. bedeutenden Verarmung der (reinen) Philosophie sprechen, welche die starke Konzentration auf die (christliche) Religion mit sich brachte. Es gab in dieser Periode - bei denen, welche federführend waren - keinerlei Zweifel daran, dass die gesamte Philosophie auf Gott und den Christus (und die Kirche) zu beziehen war. Man hatte also, so schien es zumindest, einen Urgrund für das Denken gefunden, welcher unbezweifelbar (und unfehlbar) war.

Die erste Jahrtausendwende in der christlichen Zeitrechnung brachte grosse Ereignisse. Zwei solche sind herausragend zu erwähnen: die Wikinger entdeckten - im Anschluss an die Bildung des Frankenreiches und des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in Mitteleuropa - um das Jahr 1000 herum durch den Seeweg Amerika (und begründeten damit auch jene Nation, welche im 20. Jahrhundert zur [zeitweilig alleinigen] Supermacht der Welt aufsteigen sollte: die USA, auch wenn die europäische Besiedlung Amerikas erst später erfolgte: der Mythos von einer anderen oder sogar neuen Welt war geboren [und dies war ebenfalls der Beginn des Traums vom Kolonialismus der späteren Zeit]), und im Morgenländischen Schisma spaltete sich die christliche Kirche (vorläufig) endgültig in eine Ost- und eine Westkirche (1054 - auch diese Trennung zwischen Ost und West beschäftigte Europa [und die Welt] bis tief in das 20. Jahrhundert hinein [nämlich bis zum Zusammenbruch des realexistierenden Kommunismus in Osteuropa, zwischen 1989-1991]). Sehr bedeutend für die Umwälzungen zu jener Zeit, welche auch die Scholastik hervorgebracht haben, waren v.a. aber die bereits erwähnten religiösen Veränderungen in der Welt des ersten Jahrtausends - in welchem auch durch die Handelsroute der Seidenstrasse (etwa 115 v. Chr. bis 13. Jh.*) ein ständiger Kontakt zwischen (Fern-) Ost und West bestand - welche das Christentum (zum Denken) herausforderten. Andererseits folgte auch die Ritterzeit - etwa im 11. bis zum 14. Jahrhundert - und schliesslich das, was wir heute als das Alte Europa bezeichnen: allzu feudalistische Herrschaften und ihre Kriege (exemplarisch etwa mit dem anglofranzösischen Hundertjährigen Krieg [1337-1453], und diese Kriege in Europa hielten an bis zum Zweiten Weltkrieg im 20. Jahrhundert - viele vergessen in der heutigen Betrachtung Europas, woher dieses kommt: es gibt keinen anderen Kontinent, auf welchem über Jahrhunderte so viele Kriege auf so engem Raum herrschten). Die nachfolgenden Entdecker und Reformatoren deuten dann schon auf die Neuzeit hin.

* Zusammen mit der Seidenstrasse war auch die Transsahararoute, bestehend von der Antike bis tief in die Neuzeit, bedeutend war für die materielle und kulturelle Blüte im gesamten Mittelmeerraum. Mansa Musa I. (1280-1337), König von Mali, gilt bis heute als einer der reichsten Männer, die es auf Erden je gegeben hat, da offenbar zu seiner Zeit die Nachfrage nach Gold für Westafrika und Europa stark gestiegen war. Um die selbe Zeit begannen sich erste europäische Seefahrer (nach den Wikingern) auf die Reise um die Welt zu machen. Ugolino und Vadino de Vivaldo sollen die ersten gewesen, welche 1291 in der Umschiffung Afrikas den Seeweg von Europa nach Indien zu erreichen versuchten (sie kamen jedoch nicht allzu weit, sondern wurden an der afrikanischen Westküste festgenommen und gefangengehalten).

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Die Scholastik im christlichen Mittelalter. Mit den Erneuerungen in den anderen Religionen, insbesondere im Hinduismus und mit dem Islam, war das Christentum herausgefordert. Prägnant formulierte Anselmus von Canterbury (1033-1109), der aus Norditalien stammte und nach England auswanderte, mit seiner These, wonach der Glaube einsichtig werden soll, die neue Haltung der Scholastik - eine erste mittelalterliche Forderung nach einem Vernunftbegriff. Petrus Abaelardus stellte die Uneinigkeit der Kirchenväter fest: sie sagen einmal dies und einmal das ('Sic et non' - dieses ist typisch für die Scholastik: alles wird mit Frage und Gegenfrage, Antwort und Gegenantwort ausgelotet, um möglichst gute - oft aber auch recht komplizierte - Begründungen für alles zu finden). Sein Lehrer Roscellinus soll mit einem strengen Nominalismus verantwortlich sein für den sogenannten Universalienstreit (Einzeldinge vs. Allgemeinbegriffe [Universalia]). Petrus Lombardus versuchte den Einwand der Uneinigkeit wettzumachen mit einem grossen Lehrbuch über die bis dahin aufgestellte Theologie ('Sentenzen'). In der muslimischen Philosophie gab es einen anderen bedeutenden Streit, in welchem es um das Subjekt der Wissenschaft der Metaphysik ging: Alfarabi (arab. Abu Nasr Muhammad al-Farabi) bezeichnete Gott als Subjekt sämtlicher Wissenschaften; dem widersprach Avicenna (arab. Abu Ali al-Husain ibn Abd Allah ibn Sina), der Aristoteles zitierte, nach welchem es eine Wissenschaft des Seienden als solchem gibt (die Metaphysik), in welcher dieses das Subjekt sei. Averroës (arab. Abu l-Walid Muhammad ibn Ahmed ibn Rusd [aus Spanien]), welcher sich ausführlich mit Aristoteles beschäftigte, behauptete, dass der Intellekt ein unpersönliches Phänomen sei, welches passiv im Menschen wirke und nicht aktiv vom Menschen hervorgebracht werde. Dies wiederum rief Thomas von Aquino (um 1225-1274) auf den Plan, welcher das bestritt. Der Aquinat versuchte auch, die metaphysische Diskussion zu beruhigen - mit der einfachen Formel: Gott ist das Sein (ähnliche Äquivalenzformeln sind aus der Bibel bekannt [etwa: Gott ist der Geist]); diese Diskussion dauerte jedoch über die gesamte Zeit der Scholastik an (schliesslich sollte ein gewisser Descartes sie dann auf einen ganz neuen Boden stellen). Die Wiederaufnahme der Philosophie von Aristoteles durch die Scholastiker, insbesondere durch die 'Summe der Theologie' von Thomas, war die Grundlage für die Beschäftigung mit der aristotelischen Naturphilosophie im Hinblick auf die neuzeitliche Wissenschaft. Gleichzeitig kam unter den späteren Scholastikern bereits eine neue Wissenschaftlichkeit auf - etwa mit Robert Grosseteste (Naturphilosophie mit mathematischer Analyse), Roger Bacon ([Früh-] Empirismus), Johannes Duns Scotus (Unterscheidung von Theologie und Philosophie), Wilhelm von Ockham (Rationalitätsprinzip), Johannes Buridan (Impetustheorie [das ist eine heute überholte Theorie von Johannes Philoponos aus dem frühen Mittelalter, auf dem Weg zur neuzeitlichen Bewegungslehre [Kinematik, Mechanik] und Physik]) oder Nikolaus von Oresme (dito - Giovanni Battista Benedetti modifizierte diese Theorie noch einmal, kurz bevor Galileo Galilei im 16./17. Jahrhundert sein Trägheitsgesetz aufstellte). Ferner zu erwähnen ist gegen das Ende der Scholastik - v.a. im Hinblick auf die Reformation - die bedeutende deutsche Mystik (Eckhart, Seuse, Tauler, Kues - früher auch Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen oder Mechthild von Magdeburg).

Es wäre also - trotz allen gesicherten und bekannten Schwierigkeiten der Kirche mit innovativen Geistern (siehe: Hus, Bruno, Galilei [und auch trotz der ganzen schlimmen Inquisition]) - sicher falsch, zu behaupten, in der Ära des christlichen Mittelalters, also: vor der Zeit der Renaissance, sei philosophisch und wissenschaftlich nichts geschehen, wie Glaubens-, Religions- und/oder Kirchenkritiker heute manchmal behaupten - sondern: in dieser Zeit wurden bereits die Grundlagen für die neuzeitliche und moderne Wissenschaft und Technik gelegt (inkl. auch der ganzen alchemistischen Bewegung, notabene; und sehr bedeutend war ferner im Mittelalter auch etwa die ganze Städte- und Wirtschaftsentwicklung in Europa). Besonders zu erwähnen ist in wissenschaftlicher Hinsicht auch etwa Petrus Peregrinus mit seiner Abhandlung über den Magnetismus. Der Magnetismus war ja auch so etwas wie die physikalische Kraft des Mittelalters (und das gilt weiter in der Neuzeit eigentlich bis zu Newton im 17./18. Jahrhundert, mit dessen Gravitationstheorie), während die Kraft der späteren Neuzeit bzw. der Moderne jene der Elektrizität ist (dieser Begriff wurde 1601 vom britischen Naturwissenschaftler William Gilbert eingeführt). Ferner sind auch die italienischen Mathematiker Leonardo Fibonacci (um 1170 - nach 1240), der das indisch-arabische Zahlensystem (aus den Schriften von Al-Chwarismi, im 9. Jahrhundert [!]) in Europa einführte, Jordanus Nemorarius, der wichtige Beiträge zur Arithmetik, Geometrie und Astronomie lieferte, oder auch Luca Pacioli, der Begründer der in der Betriebswirtschaft so bedeutend gewordenen Doppelten Buchhaltung im 15./16. Jahrhundert, besonders zu erwähnen (wobei man Letzteren auch schon der Renaissance zurechnen kann: der Übergang war fliessend, wie es bei Zeitepochenübergängen ja eigentlich immer der Fall ist). Besonders die leichtere Rechenweise mit den arabischen Ziffern sollte zu einer ganz neuen Art von Wissenschaft führen, und jene Verbindung von Wissenschaft und Mathematik begründen, die wir heute kennen. (Diese Veränderung ist wirklich nicht zu unterschätzen: man stelle sich vor, wir müssten die ganzen komplizierten heutigen Berechnungen noch mit den altrömischen Buchstabenzahlen ausführen!?). Und in manchen weiteren Dingen war die muslimische Wissenschaft im Mittelalter weiter entwickelt als die christliche - dies zeigte sich u.a. auch im Weltbild, welches im muslimischen Raum bereits differenzierter war, während das christliche noch immer auf antiken Vorstellungen bestand (siehe: Ebstorfer-Weltkarte, welche von Gervasius von Tilbury [um 1150-1235] stammen soll - man muss dazu sagen, dass das Wissen, etwa aufgrund von alter Handeslrouten, eigentlich bereits grösser hätte sein müssen, als es in solchen Karten der Gelehrten zum Ausdruck kommt [allerdings konnten diese die Dinge damals auch noch relativ schlecht überprüfen, was vermutlich auch zu einem eher konservativeren Umgang mit dem Wissen führte (in Hinsicht auch einer wildwüchsigen Alchemie und Esoterik im Hintergrund, notabene)]).

Der Übergang vom Mittelalter zur Renaissance - in die Neuzeit und ihre spätere Moderne hinein - ist aus heutiger Sicht sicher die bedeutendste und spektakulärste Zeitenwende überhaupt. Dabei ist diese Zeit der Renaissance - zwischen dem Spätmittelalter und der Frühneuzeit, etwa im 15. und 16. Jahrhundert - sehr schwierig zu fassen. Wir verbinden eher einige Namen damit, wie etwa Lorenzo de' Medici oder Ludovico Sforza, politische Förderer der schönen Künste, Leonardo da Vinci, welcher als Universalgenie jener Zeit gilt, oder Michelangelo Buonarroti speziell in der bildenden Kunst (Malerei, Bildhauerei, Architektur). Auffallend: das eindeutige Zentrum dieser Bewegung lag in Italien (und wir müssten daher auch von einer 'Rinascita' sprechen) - und die Wiederentdeckung der antiken Kunst spielte dabei eine sehr wichtige Rolle (zu verweisen ist dabei allerdings auch auf die hohe Bedeutung der flämischen und niederländischen Malerei, mit Vertretern wie Campin/Van Eyck (Naturalismus), Bosch ([Früh-] Surrealismus) oder Aertsen (Hyper-Naturalismus) [es waren zu dieser Zeit oft die Niederländer, welche die Malerei revolutionierten, auch im 17. Jahrhundert noch (mit den ganz grossen Namen)]). Auch die Philosophie hatte ihren (etwas weniger bekannten) Anteil an dieser Entwicklung (die Zeit war jedoch so reich an grossen Taten und umwälzenden Veränderungen, dass die Philosophie in ihr vergleichsweise fast ein bisschen untergegangen ist [symbolisch vielleicht auch, in Anbetracht, dass sie bald von der Wissenschaft überflügelt werden sollte]). Zur selben Zeit - wie gesagt - spielte sich in Deutschland die lutherische Reformation ab (nach dem Abendländischen Schisma, einer Spaltung innerhalb der lateinischen Kirche), während in Spanien und Portugal die grossen Seefahrer und Entdecker loszogen, um die Welt zu entdecken und teils auch zu erobern, v.a. aber neue Handelsrouten zu erschliessen (in der Zeitlinie nach ihren grössten Entdeckungs- und Eroberungsfahrten: Dias, Da Gama, Kolumbus, Vespucci, Magellan, Cortez, Pizarro - später: der Brite Cook [und immer mitzuerwähnen: Bartolomé de Las Casas, welcher der schärfste Kritiker der Entdecker und Eroberer war, bezüglich deren Umgang mit den ansässigen Bevölkerungen]). Nicht nur auf dem Meer tat sich Weltbewegendes, auch am Himmel: Kopernikus brachte das heliozentrische Weltbild vor, Galilei bestätigte dieses und revolutionierte im 17. Jahrhundert die Physik. Keckermann versuchte die neuen Tendenzen mit den alten Traditionen zu verbinden: in seiner Analytischen Methode forderte er die enzyklopädische Ordnung des verfügbaren Wissens und der verschiedenen Ansätze, in der Symbiose von Philosophie und Theologie (dies galt zu dieser Zeit als eigentliche Wissenschaft - vgl. Enzyklopädisten im Zeitalter der Aufklärung; ebenso begründete er damit - im Anfang der Erhebung von wissenschaftlichen Einzeldisziplinen - das philosophische Konzept des [Gesamt-] Systems). In der Wirtschaft trafen das mittelalterliche Zunftwesen und das neuzeitlich-moderne Bankenwesen aufeinander.

Anm. Marx schildert in seinem Hauptwerk, sehr interessant, wie in Europa das Kapital in einem immer internationaler ausgerichteten Kreditwesen jeweils aus niedergehenden Regionen und Ländern in aufblühende transferiert wurde - so von Venetien in die Niederlande (mit dessen Goldenem Zeitalter im 17. Jahrhundert) und von dort nach England (mit dem Viktorianischen Zeitalter, im 19. Jahrhundert, und von dort weiter in die USA [welches heute zunehmend verschuldet ist gegenüber China, was die aktuelle US-Regierung zu protektionistischen Tönen bewegt (und in der Welt zu einer schwierigen Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und Protektionismus sowie auch zwischen Nationalismus und Supranationalismus führen könnte)]).

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Die Philosophie der Renaissance. Diese wird oft in Verbindung mit einem neuen Humanismus betrachtet, und als erster Philosoph desselben gilt Francesco Petrarca im 14. Jahrhundert. Entgegen der komplexen mittelalterlichen Scholastik forderte er die Lektüre der antiken Originaltexte - das ist die Renaissance, der Rückbezug auf die Antike. Seine Besteigung des Mont Ventoux wurde zum philosophischen Ereignis: zugleich ein Natur- und Selbsterlebnis - er war überwältigt quasi vom Ich auf dem Berg (auch dies verweist wieder auf Descartes und dessen Subjektverständnis). Bedeutend sind die grossen Universalgelehrten (Alberti, Da Vinci, Cardano). Im Zentrum der Philosophie der Renaissance sehe ich Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494). In seiner Schrift 'Über die Würde des Menschen' setzte dieser den Menschen in die Mitte der Welt: dort habe Gott ihn (Adam) hingestellt und ihm einen freien Willen gegeben. Der Mensch könne ins Tierische entarten oder zum Göttlichen aufsteigen. Er verzichtete also - wie übrigens auch die frühen neuzeitlichen Wissenschaftler - keineswegs auf die Gottesvorstellung, sondern ganz im Gegenteil: er sah die Renaissance als ein Gottesprojekt (und als eine Art Rückführung zur wahren Bestimmung des Menschen). Thomas Morus schrieb die 'Utopia' für diesen neuen, freien Menschen: eine politisch-soziale Wunschvorstellung eines Idealstaates, welcher mit der gänzlichen Abschaffung des Privateigentums (früh-) kommunistisch anmutet (damit begründete er das Genre der Sozialutopie [vgl. Campanella, Andreae, Bacon, Harrington, Holberg, Mercier, Morris, Bellamy, Wells, Jefremow - früher: Platon, Augustinus (heute ist das Gegengenre aktuell: die Dystopie [Huxley (Aldous), Orwell, Golding - Begriff von Mill])]). Die Satire wurde zu einem beliebten Stilmittel gegen die Herrschaft der Mächtigen (in Staat und Kirche); der niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam schrieb seinem Freund Morus das 'Lob der Torheit' - mächtige Fürsten werden dabei ebenso aufs Korn genommen wie fromme Christen und eifrige Kaufleute. Mit Würde und Heiterkeit wollte also der Mensch in die neue Zeit aufbrechen. Es ist - aus heutiger Sicht - eigentlich gar nichts wirklich Grosses, was uns die Philosophie der Renaissance sagt, sondern eigentlich nur ein (lustvoll empfundener) Aufbruch ins Ungewisse (weitere bedeutende Philosophen der Renaissance: Colet, Pomponazzi, Bovillus, Ficino, Telesio [wird manchmal als Erster der neuzeitlichen Naturforscher bezeichnet], Ramus). Man hatte wohl auch kaum Zeit, sich genau zu überlegen, wohin die Reise denn eigentlich gehen sollte, sondern man war einfach bloss überwältigt von den Veränderungen, die sich in dieser Renaissance abspielten, die natürlich aber viel mehr war als dies. Es ging ja nicht nur um eine Wiedererinnerung, sondern eben um eine vollkommen neue Zeit (wie sich bald sicher herausstellen sollte). Nur einer blieb in diesem ganzen Aufbruch ganz im Nüchternen: Niccolò Machiavelli, der ein Buch über die Regierungskunst für Fürsten schrieb, welches bis heute als bedeutendes staatspolitisches Werk des Republikanismus gefeiert wird. Er bewegte sich in dieser Schrift aber auf einem schmalen Grat zwischen der Legitimierung einer absolutistischen Herrschaft und einer republikanischen Fürstenkritik (doch sollte bald einer kommen, der dies noch sehr viel besser und bedeutender machte... Thomas Hobbes.

Man darf bei einer Kritik von Machiavelli eines nicht vergessen: die damalige Zeit war gerade in Italien geprägt von vielen kleinen Fürstentümern, welche sich in einer auch politischen wirren Zeit ständig bedroht fühlen mussten (und dies bedeutete immer, dass sich auch die Bevölkerung bedroht fühlen musste - im Jahr der Veröffentlichung seines Buches fand die Schlacht von Novara statt, zwei Jahre danach Schlachten bei Marignano und La Motta, neun Jahre danach die Schlacht bei Bicocca und zwölf Jahre danach jene bei Pavia: es war ein Europa, in welchem ständig irgendwo Krieg herrschte, allgemein ist sogar von den Renaissance-Kriegen in Italien die Rede, zwischen 1494-1559). Wir sprechen also von einem geistigen Aufbruch mitten in politischen und kriegerischen Wirren.

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NEUZEIT - WISSENSCHAFT * * * Indisch-arabisches Zahlensystem in Europa * * * Bedeutung der Mathematik * * * Heliozentrisches Weltbild * * * Kepler und die Planetenbewegungen * * * Galilei - Bewegung und Trägheit * * * Empirismus vs. Rationalismus * * * Wissenschaftsphilosophen (F. Bacon, Descartes, Laplace) * * * Von der Alchemie zur Chemie * * * Newton und das mechanische Universum der Physik.


Die neuzeitliche Wissenschaft.

Philosophie und Wissenschaft. Zu diesem Thema könnten in der Neuzeit zwei grundsätzlich verschiedene Behauptungen aufgestellt werden: 1. Die Wissenschaft hat die Philosophie überflügelt (bereits geäussert), 2. Die Wissenschaft ist aus der Philosophie hervorgegangen. Das Letztere tönt für die Philosophie sehr schmeichelhaft, das Erstere etwas weniger. Was aber ist richtig? Einerseits kann man sagen, dass die wissenschaftlichen Teilgebiete als solche aus der Philosophie hervorgegangen sind, andererseits kann man sagen, dass die reine Wissenschaft - in ihren Uranfängen - aber doch sicher vor der reinen Philosophie war, und wiederum kann man anführen, dass es aber doch eigentlich keine Wissenschaft geben könne, ohne das vernünftige Nachdenken (usw. usf., etc. etc.). Oder anders gesagt: die Praxis der Wissenschaft hat sich teils unabhängig von der Philosophie entwickelt, die Wissenschaftstheorie aber stand immer im Zusammenhang mit der Philosophie (einen kleinen Vergleich bringt die Liste der wissenschaftlichen Meilensteine unten). Worin bestand diese philosophische Wissenschaftstheorie (in der Neuzeit)? Im Übergang zwischen der Renaissance und der Neuzeit und in der frühen Neuzeit traten erste neuzeitliche Wissenschaftler auf: drei grosse Figuren dazu sind Kopernikus, Kepler und Galilei, welche von der Astronomie her zu den Bewegungsgesetzen vorstiessen - weitere: Harvey sowie dann natürlich Boyle und Newton (die beiden grossen Figuren der Chemie und der Physik: Boyle vollzog den Wechsel quasi von der Alchemie zur Chemie, Newton begründete die Mechanik der Physik).

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Die Wissenschaftsphilosophen. Zwischen diesen ersten grossen Vertretern der neuzeitlichen Wissenschaft traten die philosophischen Wissenschaftstheoretiker auf: Francis Bacon (1561-1626) und René Descartes (1596-1650). Wie bedeutend sie für den Fortgang des wissenschaftlichen Zeitalters gewesen sind, zeigt alleine die Tatsache, dass sie heute auch für die Fehler und Unzulänglichkeiten der (gesamten) Wissenschaft kritisiert werden. Sie stehen eben als Wissenschaftstheoretiker für die gesamte Wissenschaft, während die einzelnen Wissenschaftler nur für ihr spezifisches Werk stehen. Bacon, der Empirist, verfasste - analog zu Morus - eine Utopie für das wissenschaftlich-technische Zeitalter ('New-Atlantis', inkl. der experimentellen Methodik), und in einer brutalen Sprache - er war eigentlich Jurist und führte auch Hexenprozesse - forderte er die Unterwerfung und Ausbeutung der Natur. Descartes, der Rationalist, formulierte die Subjekt/Objekt-Scheidung, welche der Wissenschaft zugrunde liegt und pries die Mathematik zur Beweisführung. Zusammen begründeten die Philosophien des Empirismus und des Rationalismus die neuzeitliche Wissenschaftstheorie. Pierre-Simon de Laplace war der glühendste Vertreter des deterministischen Prinzips der Wissenschaft, wonach nur die Wissenschaft die gesamte Wahrheit ergründen kann und wird. Die theoretischen Grundlagen und die praktischen Erfolge der Wissenschaft bestimmten rasch das Paradigma des neuen Zeitalters, welche die Renaissance eingeleitet hatte. Von nun an schien nur noch eines gefragt zu sein: der wissenschaftliche und technische Fortschritt. Und... die Philosophie hatte sich quasi neu erfunden: als Dienerin der Wissenschaft - wie sie im Mittelalter die Dienerin der Religion gewesen war - (d.h. nicht mehr Weisheit war ihr Schlüsselbegriff, sondern Wissen [frei nach Bacon: "Wissen ist Macht"]). Auch und gerade auch für die Philosophie war die Wissenschaft eine grosse Verheissung: denn nun gab es nicht mehr nur Behauptung und Gegenbehauptung wie in der Scholastik, sondern man hatte die Instrumente dazu gefunden, wissenschaftliche Aussagen zu machen und diese - vorab durch das Experiment und mit der Mathematik - zu beweisen. (Dass die Sprache auch in der Wissenschaft ein bedeutendes Instrument blieb, mit all ihren Vor- und Nachteilen, ging in der Euphorie des Moments fast ein bisschen vergessen.)

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Empirismus vs. Rationalismus = Wissenschaft. Dass zwei sich eigentlich diammetral gegenüberstehende Philosophien gemeinsam ein so grosses Phänomen wie die neuzeitliche Wissenschaft begründeten, ist in dieser Form einzigartig - und vielleicht mitverantwortlich für den grossen Erfolg dieses Phänomens. Am Anfang der Neuzeit standen sich diese beiden Positionen feindlich gegenüber. Der Empirismus (F. Bacon, Locke, Berkeley, Hume) behauptete, dass die Wahrheit a posteriori zu finden ist, d.h. der Sinneserfahrung nachfolgend. Nichts ist für den Empirismus im Geist vorgegeben, sondern alles muss sich erst in der Erfahrung als richtig erweisen. Das Experiment ist für die Wissenschaft das beste Instrument, um die Wahrheit zu prüfen. Der Rationalismus (Descartes, Spinoza, Leibniz, Wolff) dagegen war überzeugt, dass die Wahrheit a priori gefunden wird, d.h. der Sinneserfahrung vorausgehend. Für den Rationalismus gibt es ewige Sätze der Wahrheit (bzw. ewige Naturgesetze), welche keiner Prüfung bedürfen, weil sie schon immer bestanden haben. Man muss sie nur im Geist finden und formulieren. Dazu höchst dienlich ist die Mathematik (denn sie bildet ja genau ein solches System von ewiger und abstrakter Wahrheit). Der erkenntnistheoretische Streit wurde schliesslich beiseite gelassen, während das Experiment und die Mathematik den Erfolg der neuzeitlichen und modernen Wissenschaft bewirkt haben. John Locke, auch ein führender Vertreter im Liberalismus, gilt als der bekannteste der Empiristen, George Berkeley als der speziellste - er vertrat einen radikalen Idealismus, in dem es eigentlich überhaupt gar keine Dinge gibt (diese erschienen uns nur als daseiend, meinte er, weil sie von Gott und vom Menschen angeschaut würden) - David Hume als der klarste. René Descartes kommt unter den Rationalisten eine überragende Bedeutung zu: mit seinem berühmten 'Cogito ergo sum' (dt. "Ich denke, also bin ich") erklärt er nicht nur die Machtstellung des Wissenschaftlers gegenüber der Natur, sondern auch das - seit der Renaissance - erwachende Ich des Menschen. Gottfried Wilhelm Leibniz gilt den Einen als origineller Denker - so hat er u.a. das binäre Zahlensystem populär gemacht (auf welchem heute die Computertechnologie basiert) - den Anderen aber als Vertreter des Alten Europas (als solcher wurde er in der Aufklärung von Voltaire kritisiert). Christian Wolff wurde zum bedeutendsten Vertreter der Ontologie (Seinslehre - mit Lorhard, Goclenius, Micraelius, Clauberg, Wolff), welche sich aus der deutschen Philosphie heraus entwickelte.

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Die folgende Liste führt die wissenschaftlichen Meilensteine an: Philosophien, Theorien, Gesetze, Entdeckungen, Erfindungen (enthalten ist darin nur das, was entsprechenden Personen zugeordnet werden kann - alles ohne Gewähr [und natürlich unvollständig: eigentlich nur ein kleines Fragment, mit 100 solchen Meilensteinen]).

Exkurs - Meilensteine der Wissenschaft: 7./6. Jh. v. Chr. Demokratie (Solon), 5. Jh. v. Chr. Antikes Atommodell (Leukipp), 5./4. Jh. v. Chr. Medizin als Wissenschaft (Hippokrates), 4. Jh. v. Chr. Physik, Biologie, Psychologie (ferner auch Logik und Ethik) als Wissenschaft (Aristoteles), 3. Jh. v Chr. (Euklidische) Geometrie (Euklid), 3. Jh. v. Chr. Auftriebsgesetz (Archimedes), 2. Jh. Cai Lun (Papier – vermutlich früher), 2./3. Jh. Zweckbestimmtheit der Natur (Galenos), 3. Jh. Berechnung der Zahl Pi (Liu Hui), 8. Jh. Alchemie (Geber), 825 Algebra (Al-Chwarismi), 11. Jh. Kompass (Shen Kuo), 1202 Einführung des indisch-arabischen Zahlensystems in Europa (Fibonacci), 1266/1267 Empirismus in der Wissenschaftstheorie I (R. Bacon), 1269 Magnetismus (Peregrinus), 13. Jh. Blutkreislauf I (Nafis), 1323 Rationalitätsprinzip (Ockham), 1450 Buchdruck (Gutenberg), 1494 Doppelte Buchhaltung (Pacioli), 1543 Heliozentrisches Weltbild (Kopernikus), 1564/1654 Wahrscheinlichkeitsrechnung (Cardano/Fermat u. Pascal), 1585 Völkerrecht (Gentili), 1590/1619/1674 (Martens u. Janssen/Drebbel/Leeuwenhoek), 16. Jh. Taschenuhr (Henlein – vermutlich früher), 1601 Elektrizität (Gilbert), 1608 Fernrohr (Lipperhey), 1618 Planetenbewegungen (Kepler), 1620 Empirismus in der Wissenschaftstheorie II (F. Bacon), 1621 Brechungsgesetz in der Optik (Snell), 1623 Rechenmaschine (Schickard), 1628 Blutkreislauf II (Harvey), 1637 Subjekt/Objekt-Scheidung in der Wissenschaftstheorie (Descartes), 1638 Trägheitsprinzip (Galilei), 1661 Analytische Chemie (Boyle), 1687 Gravitationsgesetz und Bewegungsgesetze der Mechanik (Newton), 1695/1698 Dampfpumpe (Papin/Savery), 1712/1769 Dampfmaschine (Newcomen/Watts), 1753 Nomenklatura in der Biologie (Linné), 1764/1769 Spinnmaschine (Hargreaves/Arkwright), 1766 Entdeckung des Wasserstoffs (Cavendish), 1769 Dampfwagen (Cugnot), 1776 Klassische Nationalökonomie (Smith), 1770-er Künstliche Menschen/Roboter (Jaquet-Droz), 1771 Entdeckung des Sauerstoffs (Scheele/Priestley), 1780/1800 Elektrochemie u. Batterie (Galvani/Volta), 1783 Dampfschiff (Jouffroy d'Abbans), 1785 Elektrostatik (Coulomb), 1789 Gesetz der Massenerhaltung bei chemischen Reaktionen (Lavoisier), 1791/1794/1798 Verbrennungsmotor (Barber/Mead/Street/Stevens), 1795 Völkerbund (Kant), 1797 Lithografie (Senefelder), 1804 Dampflokomotive (Trevithick), 1808 Modernes Atommodell (Dalton), 1809/1859 Evolutionstheorie (Lamarck/Darwin), 1814 Determinismus (Laplace), 1817/1861 Fahrrad (Drais/Michaux), 1826 Fotografie (Niépce), 1831/1861-1864 Elektromagnetismus-Induktion/Elektrodynamik (Faraday/Maxwell), 1835/1860/1880 Glühlampe (Bowman Lindsay/Swan/Edison), 1839 Vulkanisation/Kunststoffe (Goodyear), 1839/1883 Photovoltaik (Becquerel/Fritts), 1839 Soziologie als Wissenschaft (Comte), 1840-er Desinfektion/Hygienevorschriften in der Medizin (Semmelweis), 1842/1847 Energieerhaltungssatz (Mayer/Helmholtz), 1843 Fernsehen (Nipkow), 1851 Schreibtelegraf (Morse), 1856 Zelluloid (Parkes), 1860-er Semiotik als Wissenschaft (Peirce), 1860/1876 Telefon (Meucci/Bell), 1866 Dynamit (Nobel), 1866 Vererbungsgesetze (Mendel), 1867-1894 Wirkung des Kapitals (Marx), 1869 Periodensystem der Elemente (Mendelejew u. Meyer), 1877/1895 Radio (Edison/Marconi), 1882 Bakteriologie in der Medizin (Koch), 1883 Dampfturbine (Laval), 1887 Grammophon (Berliner), 1890-er Psychoanalyse (Freud), 1895 Kinematograph (Lumière), 1895 Röntgenstrahlung (Röntgen), 1896 Radioaktivität (Becquerel), 1900 Strahlungsgesetz/Quantentheorie (Planck), 1901/1903 Motorflugzeug (Weisskopf/Wright), 1903/1923 Raumfahrt (Ziolkowski/Oberth), 1905 Relativitätstheorie und Weltformel (Einstein), 1911 Supraleitung (Kamerlingh Onnes), 1913 Fliessbandproduktion (Ford), 1917/1960 Laser (Einstein/Maiman), 1924/1953 Ursprung des Lebens (Oparin/Miller u. Urey), 1927 Teilchen- und Wellenstruktur des Lichts (Bohr), 1931 Urknalltheorie (Lemaître), 1938 Kernspaltung (Hahn u. Strassmann), 1941 Computer (Zuse), 1945 Atombombe (Oppenheimer), 1953 Doppelhelixstruktur der DNA (Watson/Crick), 1959/1974/1986 Nanotechnologie (Feynman/Taniguchi/Drexler), 1969/1970 Mikroprozessor (Hoff/Faggin), 1972 Bericht zu den Grenzen des Wachstums (Meadows), 1981 Stereolithographie/3D-Druck (Hull), 1991 World Wide Web (Berners-Lee).

Entwicklung der (einzelnen) Wissenschaften (rudimentär - je in 15 Punkten). Mathematik u. Informatik: 1. Euklid / Geometrie, 2. Liu Hui / Pi, 3. Aryabhata / Null (früheste bekannte Verwendung), 4. Al-Chwarismi / Algebra - Fibonacci überträgt arabisch-indisches Zahlensystem in den Westen (dort vorher Römisches Zahlensystem) - 5. Napier u. Bürgi / Logarithmen, 6. Schickard / Rechenmaschine, 7. Descartes / Analytische Geometrie, 8. Pascal u. Fermat / Wahrscheinlichkeitsrechnung, 9. Leibniz u. Bernoulli (Johann) / Integral- und Differentialrechnung (Leibniz übertrug auch das Binäre Zahlensystem in den Westen), 10. Gauss u. Lobatschewski / Nichteuklidische Geometrie, 11. Cauchy / Funktionentheorie, 12. Cantor / Mengenlehre, 13. Hilbert / Axiomatisierung u. Probleme, 14. Neumann u. Turing / Theoretische Informatik, 15. Zuse / Computer, ferner: Internet und World Wide Web (von Berners-Lee, online 1991). - Physik (Theorie): 1. Empedokles / Elementenlehre, 2. Leukipp u. Demokrit / Atomlehre (modern: Dalton, Thomson, Rutherford, Bohr-Heisenberg/Schrödinger, Seaborg), 3. Aristoteles / Physik (als Wissenschaft), 4. Archimedes / Auftriebsgesetz, 5. Ptolemäus / Geozentrik, 6. Philoponos / Impetustheorie, 7. Peregrinus / Magnetismus, 8. Kopernikus / Heliozentrik, 9. Gilbert / Elektrizität, 8. Galilei / Trägheitsprinzip, 9. Kepler / Planetenbewegungen, 10. Newton / Mechanik, 11. Maxwell / Elektromagnetismus, 12. Becquerel / Radioaktivität, 13. Planck / Quantentheorie, 14. Einstein / Relativitätstheorie, 15. Lemaître / Urknalltheorie, ferner: moderne Elementar- und Astrophysik (Antimaterie, Standardmodell [der Teilchenphysik], Galaxiehaufen, Supernova). - Chemie (spez. Kunststoffproduktion): 1. Unbek. / Alchemie, 2. Boyle / Chemie, 3. Cavendish / Wasserstoff, 4. Lavoisier / Oxidation, 5. Priestley / Sauerstoff, 6. Berzelius / Elektrochemie, 7. Goodyear / Vulkanisation, 8. Liebig / Agrochemie, 9. Mendelejew u. Meyer / Periodensystem der Elemente, 10. Hyatt / Celluloid, 11. Chardonnet / Kunstseide, 12. Le Chatelier / Reaktionsgleichgewicht, 13. Baekeland / Bakelit (Kunststoff), 14. Werner / Komplexchemie, 15. Staudinger / Polymerchemie, ferner: Fermi u. Seaborg / 'Stein der Weisen' (Verwandlung von Material zu Gold, 1935 u. 1980). - Biologie: 1. Aristoteles / Systematik, 2. Harvey / Blutkreislauf, 3. Hooke / Zellen, 4. Leeuwenhoek / Bakterien, 5. Stahl / Organismus, 6. Linné / Taxonomie, 7. Priestley u. Ingenhousz u. Lavoisier / Photosynthese, 8. Lamarck / Evolutionstheorie I, 9. Schwann u. Schleiden / Zelltheorie, 10. Darwin u. Wallace / Evolutionstheorie II, 11. Mendel / Vererbungslehre (bzw. Genetik), 12. Haeckel / Ökologie, 13. Braun-Blanquet / Pflanzensoziologie, 14. Crick u. Watson / DNA-Struktur, 15. Mullis / Polymerase-Kettenreaktion (Vervielfältigung der DNA, Klonierung). - Medizin u. Chirurgie: 1. Hippokrates / Ärztlicher Eid, Rationale Medizin u. Humeralpathologie (Vier-Säfte-Lehre), 2. Galenos / Temperamentenlehre, 3. Rhazes / Experimente, 4. Paracelsus / Spagyrik (Arzneimittelherstellung und Therapie nach alchemistischen Grundsätzen), 5. Leeuwenhoek / Bakterien (Entdeckung), 6. Jenner / Impfung, 7. Semmelweis / Hygiene, 8. Virchow / Zellularpathologie u. Moderne Pathologie, 9. Pasteur u. Koch / Keimtheorie, 10. Röntgen / Röntgen, 11. Ehrlich / Chemotherapie (Begriff), 12. Hopkins / Vitamine, 13. Stanley / Viren (Nachweis), 14. Bigelow u. Bakken / Herzschrittmacher, 15. Pichlmayr / Transplantationsmedizin. - Psychologie u. Psychiatrie u. Pädagogik: 1. Aristoteles / Psychologie (Erste Schrift), 2. Comenius / Pädagogik, 3. Rousseau / Erziehung (modern), 4. Cullen / Neurose, 5. Feuchtersleben / Psychose u. Psychosomatik, 6. Pawlow / Reflexpsychologie, 7. Kraepelin / Klassifizierung u. Psychopharmakologie, 8. Freud / Psychoanalyse, Psychotherapie u. Tiefenpsychologie, 9. Bleuler / Schizophrenie, 10. Adler / Individualpsychologie, 11. Jung / Analytische Psychologie, 12. Watson u. Skinner / Verhaltensanalyse u. Behaviorismus, 13. Perls (Fritz und Laura) u. Goodman / Gestalttherapie, 14. Szasz u. Laing / Antipsychiatrie, 15. Bandura / Lernpsychologie u. Soziales Lernen. - Ökonomie u. Realwirtschaft: 1. Unbek. / Sklavenwirtschaft, 2. Xenophon / Hauswirtschaftslehre, 3. Unbek. / Zunftwesen, 4. Unbek. / Bankwesen (modern: Bardi u. Peruzzi u. Acciaiuoli [in Florenz]), 5. Pacioli / Doppelte Buchhaltung, 6. Colbert / Merkantilismus (Dt. Kameralismus), 7. Quesnay / Physiokratismus, 8. Smith u. Ricardo / Klassische Nationalökonomie u. Liberalismus, 9. Bentham u. Mill / Utilitarismus, 10. Saint-Simon u. Owen / Utopischer Sozialismus, 11. Marx / Kommunismus, 12. Gossen u. Marshall / Grenznutzenschule, 13. Keynes / Keynesianismus, 14. Hayek u. Mises u. Friedman / Neoliberalismus (Dt. Ordoliberalismus), 15. Müller-Armack / Soziale Marktwirtschaft. - Soziologie u. Politik: 1. Unbek. / Urgruppe (Tierreich: Schutz- und Jagdgründe), 2. Unbek. / Königtum, 3. Solon / Demokratie, 4. Unbek. / Parlamentarismus (in England), 5. Morus / (Gesellschafts-) Utopie (und Utopischer Sozialismus), 6. Hobbes / Gesellschaftsvertrag (später: Rousseau), 7. Gentili u. Grotius / Völkerrecht, 8. Locke u. Montesquieu / Gewaltentrennung, 9. Voltaire / Meinungsfreiheit, 10. Smith / Wirtschaftsliberalismus, 11. Kant / Völkerbund, 12. Napoleon / Nationalstaat, 13. Comte / Soziologie (als Wissenschaft), 14. Mill / Dystopie, 15. Parsons / Soziologische Theorie. - Theologie u. Religion (aus christlicher Perspektive): 1. Unbek. / Animismus, 2. Unbek. / Polytheismus, 3. Unbek. / Monotheismus (nach Bibel: Adam u. Eva u. Urväter [Adam, Noah, Abraham]), 4. Unbek. / Indische Religion u. Brahmanismus/Hinduismus, 5. Jakob u. Mose / Israeliten u. Judentum, 6. Elia u. Propheten / Messias, 7. Buddha / Buddhismus, 8. Jesus / Christentum (Frühchristentum, Orthodoxie/Katholizismus), 9. Mani / Manichäismus, 10. Augustinus / Dreifaltigkeit, 11. Mohammed / Islam, 12. Thomas von Aquino / Theologie (Summe), 13. Luther / Reformation, 14. Johannes XXIII. u. Paul VI. / Ökumene, 15. Küng / Weltethos (als grosse Aufgabe der künftigen Menschheit [begonnen beim (ersten) Weltparlament der Religionen, 1893 - vgl. Vivekananda]). - Geografie (inkl. Entdeckungen): 1. Anaximander / Weltkarte, 2. Eratosthenes / Erdumfang, 3. Eriksson / Entdeckung Amerikas (später: Kolumbus), 4. Polo / Asien- und China-Reise (mit teils seltsamen Berichten, die kaum gänzlich von ihm stammen dürften), 5. Dias / Südspitze Afrikas, 6. Agricola / Mineralogie, 7. Mercator / Kartographie (modern), 8. Magellan / Weltumseglung, 9. Keckermann u. Varenius / Allgemeine Geographie, 10. Deluc u. Saussure (Horace-Bénédict) / Geologie, 11. Humboldt (Alexander) u. Ritter / Geographie als Wissenschaft (Definition von Richthofen), 12. Wegener / Pangäa (Urkontinent), 13. Troll / Landschaftsökologie, 14. Amundsen / Südpol (Ersterreichung - in einem dramatischen Wettlauf mit Scott), 15. Hillary u. Norgay/ Mount Everest (Erstbesteigung).

Manche Wissenschaften und ihre Entwicklungen sind etwas schwieriger, andere etwas einfacher darzustellen (zudem bin ich selber auch in einigen Gebieten besser bewandert als in anderen), ich habe versucht, alle möglichst adäquat darzustellen; es geht hier wirklich nur um eine Kürzestdarstellung (und daher hatten auch viele weitere interessante Ideen und Theorien der Wissenschaft hier leider keinen Platz [dies gilt auch für die vielen Mängel und Fehler, die es in der Wissenschaftsgeschichte auch immer wieder gibt, notabene]). Natürlich sind diese Listen westlich und neuzeitlich orientiert - es ist dabei zu erinnern an die völkerkundliche Entwicklungsgeschichte des Wissens, welche etwa in dieser Linie dargestellt werden kann (u.v.a. [wie Israeliten, Perser, Mayas, usw. usf., etc. etc.]): Afrikaner - Mesopotamier - Ägypter - Inder - Chinesen - Griechen - Römer - Araber - Europäer - US-Amerikaner - Weltkultur (? - das wird die Zukunft zeigen).

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Nichts liegt mir ferner, als die Wissenschaft zu stark zu kritisieren. Schon Augustinus sagte, dass kein vernünftiger Mensch gegen die menschliche Wissenschaft sein kann, und das ist ein weises philosophisches Wort. Ich lege die Wissenschaftskritik, welche sich in der Folge der Kulturkritik, im 20. Jahrhundert ergeben hat, eher so aus, dass wir uns wieder fragen müssen: Was ist denn eigentlich wahre Wissenschaft? Oder nach Platon gefragt: was ist denn die eigentliche Idee hinter der Wissenschaft? Statt der reinen Ausbeutung schlägt der Ökophilosoph Schäfer ein neues (Bacon-) Projekt vor: von der Erkenntnis, Nutzung und Schonung der Natur (1993). Das tönt für mich schon ein bisschen besser. Wir stehen heute am Anfang dieser neu zu stellenden Fragen. Ich denke, dass wir auf dem Weg dazu sind - dass es aber ein langer Weg werden könnte.

Ist eigentlich die Welt durch die Wissenschaft tatsächlich eine bessere Welt geworden? Einige sagen, dass heute mehr Kinder an Hunger sterben denn je, die Statistiken der Weltgesundheitsorganisation sagen aber, dass sich die Weltgesundheitssituation in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten stetig verbessert hat. Wir tun uns recht schwierig mit der Beurteilung. Während ältere Menschen eher zum Denken neigen, dass es mit der Welt immer schlechter stehe, neigen jüngere Menschen eher zum Denken, dass es mit der Welt immer besser werde. In der politischen Veränderungskraft ist es aber gerade umgekehrt: die Jüngeren sind meist progressiver eingestellt, die Älteren konservativer. Wir würden vielleicht sagen - in der ganzen Dankbarkeit auch für all die technischen Dinge, die unser Leben erleichtern - die Welt sei insgesamt besser, aber auch gefährlicher geworden (oder: wie auch immer - irgendein Restzweifel dürfte auf jeden Fall vorhanden sein). Und das Ziel jeder wahren Religion, Philosophie und Wissenschaft bleibt hoffentlich weiterhin und für allezeit die Weltverbesserung - denn es ist ja keine Welt vorstellbar, die nicht verbesserbar wäre (dies können wir Leibniz heute sicher entgegenhalten, welcher in der beruhigenden feudalistischen Vorstellung von der je besten aller möglichen Welten lebte [ohne deswegen mit Voltaire gerade in das Gegenteil zu verfallen, notabene]).

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Exkurs - Das Bild der Neuzeit. Für die Antike und das Mittelalter ist es leicht, ein aussagekräftiges und adäquates Bild zu finden (es gibt eigentlich je nur eines, an welchem man nicht vorbeikommt). Aber welches ist das Bild der Neuzeit und deren Moderne? Ist es dieses Bild hier: Joseph Nicolas Robert-Fleury - "Galilée devant le Saint-Office au Vatican" (1847). Doch der Maler ist nicht allzu bekannt, und Newton ist eigentlich der berühmtere frühe Wissenschaftler (zudem gibt es von diesem Ereignis verschiedene Bilder, unter welchen keines allzu klar oder typisch herausragt). Natürlich aber ist die Szenerie bedeutend: der Moment, in welchem sich die Wissenschaft gegen die alten Weltbilder behauptete. Oder ist es: Eugène Delacroix - "La Liberté guidant le peuple" (1830). Das Bild zur Französischen Revolution, allerdings zur Julirevolution von 1830 (mit der halbnackten Revolutionspartisanin). Oder dieses: Claude Monet ("Impression, soleil levant", 1872 - namensgebend für die Stilrichtung des Impressionismus, welche - vielleicht nach der Romantik - als erste grosse moderne Richtung der Malerei gilt). Oder dieses: Edvard Munch ("Skrik", 1893). Der expressionistische Schrei - über das Aufkommen eines Ungewissen? Oder: Pablo Picasso - "Les Demoiselles d'Avignon" (1907). Mit der kubistischen Auflösung der einheitlichen Perspektive (und einem Hang zur primitiven Malerei bereits). Oder: Andy Warhol - "Marilyn Monroe" (Mehrfachporträt, 1960-er). Über die neue Pop-Art-Ikonenverehrung und deren Reproduzierbarkeit. Oder: Jean-Michel Basquiat - Untitled (1982 - Version von "Scull", 1981). Welches uns zurückführt zum Primitiven quasi (oder zumindest Fragen in dieser Hinsicht aufwirft). Vermutlich haben die Neuzeit und v.a. auch die Moderne nicht nur ein Bild, sondern eine Vielzahl von verschiedenen Bildern, unter denen das Wichtigste und Bedeutendste gar nicht mehr eruiert werden kann. Wahrscheinlich ist die Relativität und die Ambivalenz der Inhalt der neuen Zeit - aber wie will man dies in einem einzigen Bild zeigen? Nicht einmal der Kubismus von Picasso und Braque reicht dafür aus. Vielleicht wird das grosse Bild der Neuzeit und der Moderne irgendwann einmal noch gemalt, fotografiert oder sonst irgendwie hergestellt werden. Ich konnte es zu dieser heutigen Zeit nicht finden.

Das Bild für die Neuzeit ist vermutlich nicht zu finden, das Thema dahinter ist aber klar zu erkennen. Es ist das Erwachen und die damit verbundene Problematik des Ich-Bewusstseins (das erste Bewusstsein vom Ich ist noch nicht wirkliches und volles Bewusstsein, sondern eher [Ich-] Erkenntnis). Dies ist das durchgehende Thema der neuzeitlichen und modernen Philosophie. Descartes formulierte das reine Ich-Bewusstsein. Damit wurde zwar eine erfolgreiche Wissenschaft (des Subjekts) begründet, aber auch eine Büchse der Pandora bzw. der Psychologie eröffnet. Es ist nämlich nicht gelungen - was Descartes eigentlich wollte - das Subjekt vollkommen zu internalisieren, das Objekt dagegen vollkommen zu externalisieren. Das Ich ist jedenfalls das zentrale Thema der Neuzeit und ihrer Moderne, wobei es auch um einen Konflikt dabei geht, etappenmässig bei Descartes (Subjekt/Objekt), Fichte (Absolutes Ich - Scheinlösung des Problems im puren Idealismus [diesen hatte zuvor Berekeley begründet, bei welchem es keine Objekte und Dinge gibt; Kant umschiffte zuvor das Problem, indem er eine reine Ethik vorschlug]), Schopenhauer (Willen/Leiden [auch bei Nietzsche]), Sartre (Ich/Anderer od. Andere od. Anderes [allgemeines Thema im Existentialismus] - Freud [Über-Ich/Ich/Es (führt in die Abstraktion)] und Jung [Selbst (führt [wieder] in die Absolution)] zuvor mit psychologischen Scheinlösungen, Buber [Ich/Du] quasi mit einer religiösen Lösung, welche aber an die Problematik der Subjekt-/Objektscheidung erinnert, denn eine Ich-Du-Perspektive führt noch nicht zu einem Du-Ich-Verständnis [Anm. es handelt sich hierbei nicht um das sogenannte Leib-Seele-Problem, sondern um ein Geistproblem]). Die heutige (sogenannte) Philosophie des Geistes diskutiert (u.v.a.) die Auflösung des Ichs (wie Krishnamurti es vorgibt und es bei Meditationen in der östlichen Religion vorkommt), aber das ist natürlich auch keine Lösung. Die Lösung liegt vermutlich darin, dass nicht eines der verschiedenen Konzepte das absolut richtig ist, sondern dass alle auf ihre Art und Weise richtig sind (und auch wieder nicht). Das Denken ist nicht in dem Sinne fix, wie es die Philosophen (und die Psychologen) gerne hätten (daher könnte man die weitere Diskussion dieses Themas vielleicht einfach beiseite lassen und sich wichtigeren Themen der Zeit und der Zukunft widmen [ich nehme aber dagegen an, dass diese Diskussion in der Philosophie und in der Psychologie noch weitergehen wird; im reinen Bewusstsein wird aber vermutlich unsere Erkenntnis immer ihre Grenzen haben: es gibt hier nicht nur richtig und falsch]).


(Anm. Die Dinge werden nun ein bisschen komplizierter: so habe ich oben themenmässig einen Unterschied gemacht zwischen den grossen Wissenschaftsphilosophen einerseits sowie den Empiristen und Rationalisten andererseits, ferner werden Hobbes, welcher eigentlich am Anfang des Empirismus in England auftrat und doch nicht wirklich zum engsten Kreis der Empiristen zählt, sowie auch Locke im nächsten Kapitel zur Aufklärung wieder erscheinen - und ferner werden auch v.a. die Empiristen wieder erwähnt werden müssen, wenn es um die Erkenntnistheorie geht. Es ist hier quasi einfacher, die Dinge komplizierter zu machen - und so ging es auch mit der Philosophie weiter, notabene, in immer komplexeren Verschachtlungen (und Kreuz- und Querbezügen). Ich versuche es aber so einfach zu machen, wie möglich. Ich könnte natürlich auch rein chronologisch vorgehen, aber das wäre dem Gesamtverständnis weniger dienlich, wie ich finde. Es geht jetzt um Themen (bzw. um eine bestimmte epochenübergreifende Themenchronologie): um die Wissenschaft [eben: zwischen dem Empirismus und dem Rationalismus], um die politische Aufklärung [zwischen dem aufgeklärten Absolutismus, dem Liberalismus der Aufklärung und den aufklärerischen (französischen) Revolutionsphilosophen] und um die Erkenntnistheorie im Idealismus [zwischen der englischen und der späteren deutschen Philosophie]; die zentrale Figur zu alledem ist eigentlich Locke, welcher in jedem dieser Themen bedeutend vorkommt. Wenn man diese kleine Erklärung zum Zusammenhang [noch] nicht gänzlich versteht, ist das nicht so schlimm, die Hauptsache ist, dass die einzelnen Themen gut erklärt sind.)


NEUZEIT/MODERNE (I) - AUFKLÄRUNG * * * Hobbes und der aufgeklärte Absolutismus * * * Der Liberalismus von Locke * * * Französische Aufklärung und Revolution (Montesquieu, Voltaire, Rousseau) * * * Die Materialisten (L'homme machine) * * * Immanuel Kant, der Satz der reinen Vernunft und der deutsche Idealismus * * * Smith und der Wirtschaftsliberalismus * * * Die utilitaristische Wohlstandsformel * * * Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie.


Die Aufklärung, die Revolution, die Politik und die moderne Zeit.

Eigentlich könnte man es sich sehr einfach machen mit der Philosophie der Aufklärung: sie wandte sich gegen die alte (mittelalterliche) Drei-Stände-Ordnung mit Adel, Geistlichkeit und Drittem Stand und stürzte diese in einer (Bürger-) Revolution in Frankreich - mit dem Sturm auf die Bastille 1789 (als Referenzdatum). Aber die Aufklärung kann nicht so leicht erklärt werden, weder in ihrem Ursprung noch in ihrem Fortgang. Manche erklärten sie nach ihrer Blütezeit als ewiges Projekt der Philosophie - dann, so können wir hoffen, nicht in einer neuen blossen Dienerschaft, sondern: nach allen Seiten hin, aber wo hat diese Aufklärung denn eigentlich ihren Ursprung? Ich sehe in neueren Zeit (der letzten 500 Jahre) drei grosse Perioden: der Renaissance, der Wissenschaft (Neuzeit) und der Aufklärung (Moderne - tatsächlich beginnt nach mir die moderne Zeit bereits im 18. Jahrhundert [und wir sind immer noch in dieser Aufklärung und Moderne drin heute: eine Zeit, welche noch einige Zeit in Anspruch nehmen könnte - ich spreche von Jahrhunderten - bis ihre Postulate wirklich adäquat umgesetzt oder erfüllt sind]). Ursprünge von einer politischen Aufklärung können wir in der Klassik der antiken Philosophie finden: bei Konfuzius, welcher trotz seiner konservativistischen Philosophie einräumte, dass ein ungerechter Herrscher gestürzt werden kann, bei Protagoras und dessen Hinwendung zum Menschen (auch hier: von der reinen Wissenschaft wieder zu den menschlichen Belangen), bei Platon und seiner Forderung nach gerechten Gesetzen oder bei Aristoteles und seiner Erhebung der Staatsform von einer demokratischen Politie. Diese Ursprünge gingen - wie gesagt - eigentlich schon in der Zeit des Hellenismus wieder verloren, wo sich die Philosophie von der grossen Staatsphilosophie der Klassik abwandte und sich ins eigene kleine (Lust-) Gärtlein zurückzog (spezifisch bei Epikur - 'man muss sich selbst aus dem Gefängnis der üblen Geschäfte und der Politik befreien'); und dieser Verlust ging weiter in der römischen Antike - wo zwar ein starker, aber kein gerechter Staat herrschte - und im Mittelalter, wo sich die Entwicklung der Adelsherrschaften dann ad absurdum führte (letztlich oder spezifisch und symbolisch in der Person von Louis XIV. [1638-1715], dem Sonnenkönig, und seinen exquisiten Schlossgärten in Versailles). Betrachten wir die Ursprünge in der Philosophie der Neuzeit, so stossen wir auf die Philosophie von Hobbes, auch wenn dieser eigentlich noch - wie Machiavelli vor ihm - (im Namen des Republikanismus, notabene) einen absolutistischen Staat gutheisst (weitere bedeutende frühe Staatsphilosophen waren auch Jean Bodin [Absolutist] oder Johann Althusius [Calvinist, siehe auch: calvinistische Monarchomachen (bzw. Monarchiekritiker)]).

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Hobbes, der Gesellschaftsvertrag und der aufgeklärte Absolutismus. Es ist in einem gewissen Sinn verstörend, zu sehen, mit welcher (fast bewussten) Naivität Thomas Hobbes (1588-1679) einen absolutistischen Staat verteidigt (v.a. weil man ihm durchaus attestieren muss, ein sehr kluger und schlauer Kopf zu sein, einer der schlausten Philosophen vielleicht sogar überhaupt). Er greift - gegen die Forderung der Renaissance - die Lektüre der antiken Schriften an, und meint, dass die Autoren derselben aus verwerflichen Demokratien stammen würden, die zu nichts anderem führen können, als zur Zerstörung des Staates. Der Oberherr, wie Hobbes den Herrscher (gleichgültig in welcher Staatsform) nennt, darf nach Hobbes ausdrücklich alles - er ist alleine für sich selbst verantwortlich und nur Gott gegenüber Rechenschaft schuldig, niemandem sonst (auch keinem anderen Staat: Hobbes verwirft jegliches Völkerrecht ausdrücklich und vollkommen [und dies obwohl der bedeutendste frühe Philosoph des Völkerrechts, Hugo Grotius, ein Zeitgenosse von Hobbes war]). Die Erklärung, wie er zu diesem reaktionären Verteidigungsansatz kommt, ist äusserst raffiniert. Er stellt uns nämlich einen fiktiven Naturzustand vor Augen, in welchem ein Krieg aller gegen alle herrscht (homo homini lupus: der Mensch ist des Menschen Wolf - dies ist nicht nur der Naturzustand, sondern auch das Naturrecht: von Natur aus hat jeder ein Recht auf alles). Um diesen kämpferischen und kriegerischen Naturzustand zu überwinden, schliessen die Menschen nun einen sogenannten Gesellschaftsvertrag, in welchem sie alle Macht dem Staat und dessen Oberherrn übergeben. Der Oberherr und der Staat bürgen für die Sicherheit der Bürger (und erst, wenn die staatliche Gewalt des nicht mehr kann, darf der Bürger für sich selber schauen). Und hier beginnt die Naivität von Hobbes zur vollen Blüte zu gelangen. Er sieht nämlich daraus einen gerechten Staat entstehen, fordert gar eine umfassende staatliche Sozialhilfe (u.a. - ja, er fordert nicht nur eine Sozialhilfe, sondern das Wohlergehen für alle: es darf für keinen Bürger irgendeinen Mangel geben). Der Oberherr soll ja ein guter und gerechter Herrscher sein. Was aber, wenn er es nicht ist? Dann hat der Bürger trotzdem eben - so sagt Hobbes (womit er hinter Konfuzius zurückgeht) - in keinem Fall irgendein Recht, sich gegen den Oberherrn zu wenden, weil dies den Gesellschaftsvertrag verletzen würde. Jede Meinung wider die Regierung ist bei Hobbes ein Verbrechen gegen den Staat (bzw. gegen den Gesellschaftsvertrag [wider den Naturzustand]). Ansätze einer solchen Ansicht finden wir heute noch in der Politik, und von dieser Ansicht (und dem entsprechend negativ besetzten Menschenbild) aus würde sich die Frage stellen: ist es denn nicht viel naiver, den Naturzustand (bzw. die Anarchie) zu riskieren? Eine erstaunlich berechtigte Frage. Und doch würden wir uns heute - hoffentlich - eher für die Demokratie (mitsamt ihren ganzen Meinungsverschiedenheiten) entscheiden als für den Absolutismus. (Die Politik aber bleibt eine schwierige und verzwickte Sache.)

Wie kommt Hobbes ausgerechnet in England, welches doch als Ursprungsland des Parlamentarismus gilt, auf solche Ideen? Abgesehen davon, dass es gerade in England auch schon immer starke reaktionäre Kreise gegeben hat (wo aber nicht?), lässt sich dies wohl am Besten mit einem Zeitgenossen von Hobbes erklären: Oliver Cromwell (1599-1658), ursprünglich ein Abgeordneter des Unterhauses, später: Lordprotektor von England, Schottland und Irland zur kurzen Zeit des Republikanismus in Britannien (über 100 Jahre vor der Französischen Bürgerrevolution). Die Gedanken von Hobbes zielen also nicht in Richtung auf einen adligen König, sondern auf einen Bürgerkönig (wie es später in Frankreich, nach der Revolution bzw. den ersten Wirren der Revolution, Napoleon Bonaparte werden sollte - Cromwell weckt aber eher den Gedanken an einen anderen Revolutionspolitiker des späteren Frankreichs: Maximilien de Robespierre, eine weitere Figur, die zeigt, wie schwierig diese ganze Bürgererhebung und ihre Rechtfertigung war [erstaunlich genug, dass sie trotzdem gelungen ist - hoffen wir, dass sie auch in vernünftigen Bahnen bestehen bleibt]). Das Hauptwerk von Hobbes - "Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil" (dt. Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und staatlichen Gemeinwesens) - kam 1651 heraus, genau zwei Jahre nach Cromwells Sieg im Englischen Bürgerkrieg und ein Jahr nach seiner Machterlangung über die (damalige Parlaments-) Armee (zwei Jahre nach der Veröffentlichung löste Cromwell das Parlament auf und übernahm die Alleinherrschaft). Wir können uns an dieser Stelle fragen, ob wir die Philosophie nur für sich alleine betrachten dürfen, oder ob wir nicht andere Geschehnisse - wie die historischen - stets mitberücksichtigen müssen. Im Buch von Hobbes findet sich übrigens kein Wort über Cromwell und/oder die englische Geschichte - es ist durch und durch ein rein philosophisches Werk, welches in diesem Sinn auch eine vollkommene Unabhängigkeit vom Zeitgeschehen vorgibt (trotzdem kam - nach dem Ende vom Cromwellschen Republikanismus - ein paar Jahre nach der englischen Originalausgabe eine zensurierte und revidierte Ausgabe in lateinischer Sprache heraus [1668]; die englische Geschichte ging weiter mit der Erhebung der Bill of Rights [1689], welche die Rechte zwischen Parlament und König regelte und zu den grundlegendsten Dokumenten des Parlamentarismus gehört). Hobbes ist in der Folge etwas vergessen gegangen: wir sprechen heute meist vom Absolutismus, von der Renaissance und von Aufklärung/Liberalismus - Hobbes, dazwischen, vergessen wir; ich finde er ist eine (bzw. diese) besondere Betrachtung wert (auch im Hinblick auf das aktuelle politische Geschehen). Er steht mit seiner Art des Philosophierens, welche sehr klar und gradlinig ist - nicht unbedingt mit seinen philosophischen und/oder politischen Schlüssen eben - auch vielleicht am Anfang der neuzeitlichen Philosophie.

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Locke und der englische Liberalismus. Der bedeutendste Vorläufer des Zeitalters der Aufklärung ist der englische Liberalismus. Dessen früher Hauptvertreter ist John Locke (1632-1704); später zu erwähnen: die Wirtschaftsliberalisten Adam Smith (1723-1790), dessen Hauptwerk 'The Wealth of Nations' 1776 erschien, mitten in der Industriellen Revolution in England (1764/1769 Spinnmaschine von Hargreaves und Arkwright, 1785/1786 Webmaschine von Cartwright, 1804 Dampflokomotive und Eisenbahn von Trevithick), und also noch immer vor dem Sturm auf die Bastille in Frankreich, ferner etwa Malthus, Say und Ricardo - als eigentliche Begründer der Nationalökonomie gelten Petty in England und Boisguilbert in Frankreich, als grösster Kritiker derselben der Genfer Sismondi - sowie die Utilitaristen, die bereits versuchten, den ungezügelten Wirtschaftsliberalismus ein bisschen zu sozialisieren (mit einer Wohlstandsformel, wonach der Wohlstand der grossen Masse angestrebt werden soll): Bentham und Mill (im 18./19. Jahrhundert). Die Erfolge der Wissenschaft (und Technik), der wirtschaftliche Aufschwung und die Aufklärung in der Politik gingen sozusagen Hand in Hand. Locke vereinigte alle gängigen philosophischen Richtungen der englischen Kultur jener Zeit in sich: den englischen Empirismus, die klassische Nationalökonomie - er gilt als ein Vorläufer derselben - und den politischen Liberalismus. Wie Grotius und Pufendorf leitete Locke das Naturrecht, welches vor jeglicher Staatsverfassung steht, von der biblischen Offenbarung ab. Die Absolutisten gingen davon aus, dass die (biblischen und späteren) Könige die Nachfolger der biblischen Urväter seien, und dass diesen die Welt/Natur gegeben worden sei, um über sie zu herrschen. Nach Locke hat Gott die Natur allen gleichermassen gegeben und dem Menschen eine Freiheit der Person verliehen - Freiheit, Leben und Eigentum sind für ihn unveräusserliche Rechte jeden Bürgers. Die Staatsregierung benötigt die Zustimmung der Menschen, und sie muss sich dazu verpflichten, die Naturrechte (Freiheit, Gleichheit und Unverletzlichkeit von Person und Eigentum [vgl. Römisches Recht]) zu schützen. Der Mensch darf sich zur Selbsterhaltung Natur/Dinge aneignen, aber nicht mehr als er selber verwenden kann. Die innere Logik des Wertesystems von Locke ergibt sich aus den Begriffen der Natur, der Arbeit und des Eigentums: durch Arbeit bzw. durch Vermischung von Natur und Arbeit entsteht - über die reine Natur hinaus - Eigentum (die Dinge können getauscht werden, so auch im Arbeitsverhältnis: Arbeit gegen Lohn [Locke sah noch keinen Konflikt zwischen einer politischen Freiheit und einer ökonomischen Abhängigkeit]). Das Individuum hat damit Freiheitsrechte, welche über den Interessen des Staates stehen, und welche es auch gegenüber dem Staat einfordern kann. Im Staat herrscht eine Gewaltenteilung (bei Locke nur erst zwischen der Exekutive und der Legislative - Montesquieu fügte später die Judikative bei), d.h. es gibt keinen absolutistischen, eindimensionalen Oberherrn mehr wie bei Hobbes. Bedeutend für seine humanistische und liberalistische Haltung ist sein 'Brief über die Toleranz', in welchem er sich für die Religionsfreiheit einsetzt (ebenso ist er für die Gleichheit von Mann und Frau [dagegen gab es aber auch bei ihm noch immer ein Recht auf Versklavung, wenn nämlich ein Volk ungerechterweise einen Krieg beginnt und verliert]). Die politische Theorie Lockes hatte einen bedeutenden Einfluss auf die sogenannte Glorious Revolution in England (1688/1689 - mit der Bill of Rights [1689]), ferner auf die US-Amerikanische Verfassung (1787 - nach der Unabhängigkeitserklärung [1776]) und auf die Französische Revolution (1789).

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Die Philosophen der (französischen) Aufklärung. Drei Namen werden besonders stark hervorgehoben, wenn es um den philosophischen Begriff der Aufklärung geht: Charles de Montesquieu (1689-1755), Voltaire (1694-1778) und Jean-Jacques Rousseau (1712-1778). Diese Bedeutung haben sie natürlich v.a. deswegen bekommen, weil in Frankreich dann auch tatsächlich die bürgerliche Revolution stattgefunden hat, welche ganz Europa veränderte. Wie gross war der Anteil der Philosophen daran? Das kann man nicht in Prozent messen, er kann aber als bedeutend betrachtet werden. Keiner der drei hat übrigens die Revolution persönlich miterlebt, und gesprochen von einer Revolution hat im Vorfeld eigentlich nur Voltaire. Rousseau hielt sich zurück, obwohl er den Menschen überall in Ketten sah, wo er doch frei geboren sei. Montesquieu war kein revolutionärer Geist, sondern ein nüchterner Philosoph (wie man ihn sich eigentlich vorstellt). In der Analyse der Staatsformen (Republiken, Monarchien und Despotien) favorisierte er die Parlamentarische Monarchie, ansonsten verehrte er die Tugend der Antike. Vor Extremismus und Unordnung warnte er und sprach sich für Stabilität und Mässigung aus. Bekannt blieb er bis heute durch die treffliche Erweiterung der Gewaltenteilung von Locke - in die Legislative (gesetzgebende Gewalt), die Exekutive (ausführende Gewalt) und die Judikative (richterliche Gewalt). Ganz anders dagegen Voltaire, welcher gegen die Kirche hetzte und die behäbige rationalistische Philosophie (v.a. in der deutschen Form von Leibniz und Wolff) verpönte. Gegen Unterschiede in Besitz und Stellung hatte er dagegen nichts einzuwenden, und auch er favorisierte die Staatsform der Monarchie, mit einem guten König (diesen sah er in Friedrich II. bzw. dem Grossen in Preussen, zu dessen Hofkreis er eine Zeit lang gehörte, ebenso wie der Materialist La Mettrie - allerdings gingen der Preussenkönig, der ein Buch mit dem Titel "Antimachiavell" schrieb, und Voltaire zuletzt im Streit auseinander). Wer nun im Werk von Rousseau eine flammende Rede für die Demokratie erwarten würde, der sähe sich getäuscht. Er nimmt in seinem Hauptwerk "Über den Gesellschaftsvertrag" die Idee von Hobbes diesbezüglich auf, vertritt aber im Gegensatz zu diesem ein positives Menschenbild. Jeder der Unrecht tut, meinte Rousseau, hat dies auch vom Anderen zu erwarten - in der Freiheit (in Unabhängigkeit) sieht er nicht in erster Linie die Möglichkeit böse, sondern die Möglichkeit, gut zu handeln (und so sei das negative Bild von Hobbes zu verwerfen: "Veredelt doch die Meinungen der Menschen, dann läutern sich ihre Sitten von selbst!" - reichlich idealistisch). Eine ideale Staatsform gibt es für ihn nicht: er betrachtet die Monarchie als geeignet für wohlhabende und grosse Nationen, die Aristokratie für mittelreiche und -grosse, die Demokratie für kleine und arme (wie Montesquieu zieht er das Los- dem Wahlverfahren in der Demokratie vor - die öffentlichen Ämter sollten ausgelost werden [eine Idee, welche bereits in der Antike entstanden ist]).

Anm. Als Schweizer kann Rousseau - genau genommen - übrigens nicht bezeichnet werden: er ist zwar in der damaligen Republik Genf geboren, aber diese trat erst 1815 definitiv der Eidgenossenschaft bei (und demnach war Rousseau nie ein Schweizer Bürger).

Die Demokratie kommt also unter unseren Aufklärungs- und Revolutionsphilosophen gar nicht so gut weg. Warum eigentlich nicht? Der Hauptgrund dafür liegt vermutlich darin, dass die bestehenden (demokratischen) Republiken nicht besonders stabil waren - die Demokratie musste zuerst erstritten werden, und wenn sie erstritten war, dann war sie noch lange nicht sicher. Das führte zu immerwiederkehrenden politischen Unruhen. Die Demokratie war eigentlich noch immer eine Staatsform, welche sich zu dieser Zeit - wie Hobbes gesagt hatte - bloss in den Werken antiker Schriftsteller abspielte (die ihrerseits zwar in Demokratien lebten, diese zu ihrer Zeit aber selber kritisch betrachteten). Wie sicher die Demokratien heute sind, das ist eine andere Frage. Jedenfalls aber hat die Demokratie seit der Aufklärung Erfolge in der Weltpolitik gefeiert, welche ihr nicht einmal die Philosophen zugetraut haben.

Erstaunlich ferner, wie jung die aktuellen Demokratien/Parlamente sind - ich habe versucht, eine Liste mit ein paar Staaten zusammenzustellen (angegeben ist das mit dem aktuellen Parlament in Zusammenhang stehende erste, regelmässige, sich selbst konstituierende Parlament): 1689 England (anfangs: Königlicher Rat 1215 [unselbstständig]), 1789 Frankreich, 1789 USA, 1815 Niederlande (früher: 1579?), Schweiz 1848 (früher: Tagsatzung 1315), Italien 1946 (früher: Sardinien 1861), Deutschland 1949 (früher: Reichstag 1919), Portugal 1975 (früher: 1834?), Spanien 1978 (früher 1822/1931?), Russland 1993 (früher: 1990). Solche Daten sind schwer zu ermitteln und zu bewerten, wenn man sich in der Geschichte der Demokratie nicht so gut auskennt - daher alles ohne Gewähr.

Der Freiheitsbegriff spielte natürlich in Aufklärung und Revolution eine grosse Rolle. Rousseau stellte fest, dass der Mensch frei geboren sei, aber überall in Ketten liege, und nach Voltaire wurde unter Aufklärung und Freiheit v.a. eine Trennung von Kirche und Staat sowie eine weitgehende Meinungsfreiheit verstanden. Der Freiheitsbegriff kann im bürgerlichen Staat aber übrigens nicht alleine betrachtet werden, denn er ging eigentlich fast unzertrennlich Hand in Hand mit einer grösseren Strenge, Ordentlichkeit und Organisiertheit. Aspekte davon sind etwa die Erziehung, das Militärwesen, die Volksschule, die Polizeiorganisation oder (etwas später auch) die Psychiatrie. Diese Tendenzen können mit der Loslösung von der monarchischen Gesellschaftsstruktur erklärt werden. Die Tendenz zu einer strengeren und überlegteren Erziehung kann bereits im Erziehungsroman von Rousseau ("Émile ou De l'éducation", 1762) eingesehen werden. Ein Grundgedanke dafür, ist es, den Menschen für die Bereitschaft zur Schliessung und Erfüllung des Gesellschaftsvertrags zu erziehen. Die grössere Organisiertheit des Militärs erlangte besonders im (National-) Staat vom Bürgerkaiser Napoleon, welcher sich nach den schlimmen anfänglichen Revolutionswirren bildete, grosse Bedeutung und Wirkung. Bei ihm zeigten sich auch erste grosse und übertriebene Eroberungstendenzen innerhalb des neuzeitlichen Europas, welches doch - trotz der Kolonialisierung der sogenannt Dritten Welt seit der späteren Renaissance und des damit zusammenhängenden Imperialismus - von liberalistischen und humanistischen Gedanken hätte geleitet sein sollen. Dies eben wollte Napoleon mit Gewalt in ganz Europa durchsetzen. Die Europäer setzten sich nach der Napoleon-Ära bzw. nach der Niederlage Napoleons beim Wiener Kongress zusammen zu einer Neuordnung Europas, in welcher die Reaktion für eine kurze Zeit eine bedeutende Rolle spielte - die Moderne war aber nicht aufzuhalten. Im Faschismus (und Nationalsozialismus) zwischen den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert wurden die angesprochenen Tendenzen dermassen übertrieben, dass daraus ein negatives Schreckbild entstand. In der Folge entwickelte sich - in gewissen Gesellschaftskreisen - ein antiautoritäres Erziehungsideal, welches in den letzten Jahrzehnten ebenfalls in die Kritik geriet. Vernünftig erscheint in dieser Frage - wie meistens: die Vernunft (bzw. ein Mittelweg - was natürlich oft leichter gesagt als umgesetzt ist).

Weitere Themen zur Zeit der Aufklärung sind die Enzyklopädisten (Chambers, Diderot/D'Alembert, Krünitz) - sie stehen mit ihrer Ordnung des Wissens zwischen der Wissenschaft und der Aufklärung - die Materialisten (De la Mettrie [mit seinem Hauptwerk "L'homme machine", dt. Der Mensch als Maschine], Helvétius, D'Holbach), die Sensualisten (Condillac [Vorläufer: Locke, Hume]) und die (idealistischen) Erkenntnistheoretiker (von Hobbes/Locke über Berkeley und Hume sowie Kant bis zu den deutschen Idealisten [Fichte, Schelling, Hegel]). Die Philosophie spaltete sich also zu dieser Zeit auch auf, in eine materialistische und eine idealistische Wendung. Das ist der grosse, bis heute bestehende Gegensatz in der modernen Philosophie. Jede Zeitära scheint ihren eigenen grossen Gegensatz zu haben. In der Antike war es jener zwischen Idealismus und Realismus (oder eigentlich müsste man besser sagen: zwischen Ideellismus und Reellismus - Platon vs. Aristoteles), im Mittelalter zwischen Universalismus und Nominalismus (bekannt geworden als scholastischer Universalienstreit), in der Neuzeit zwischen Empirismus und Rationalismus (wie besprochen) und in deren Moderne eben zwischen Materialismus und Idealismus (in der heutigen Spätmoderne wiederum - politisch relevant - zwischen Liberalismus und Sozialismus [folgt]).

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An dieser Stelle müssen wir ein bisschen zurückschauen und ein bisschen vorgreifen, denn die Erkenntnistheorie (auch: Epistemologie) ist ein grosses und epochenüberschreitendes Thema. Sie spielte schon in der Antike (insbesondere bei Platons Ideenlehre) und im Mittelalter eine gewisse Rolle, in der Neuzeit und ihrer Moderne aber rückte sie in den Mittelpunkt der Philosophie.

Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie I (von Hobbes bis Locke). Die gesamte neuzeitliche und moderne Philosophie und Wissenschaft basiert eigentlich auf der Epistemologie. Dabei kamen drei grosse Fragen auf: 1. Wie ist das Verhältnis zwischen Sinneserfahrung und Erkenntnis beschaffen? Folgt die Erkenntnis den Sinneserfahrungen nach (Empirismus) oder geht sie diesen voraus (Rationalismus)? 2. Wie ist das Verhältnis zwischen dem Ding (da draussen) und dem ideenhaften Denken beschaffen? Gibt es überhaupt ein Ding (an sich)? 3. Wie ist das Bewusstsein und das Denken überhaupt beschaffen bzw. wie ist das Verhältnis zwischen dem Denken und dem Gehirn beschaffen (Tiefen- und Neuropsychologie, Hirnforschung, Philosophie des Geistes)? Zu 1. Diese Frage wurde eigentlich nicht restlich geklärt, obwohl der Empirismus und der Rationalismus ja zusammen die neuzeitliche Wissenschaft begründet haben. Man könnte vielleicht sagen, dass die Erkenntnis eher empirisch (d.h. durch Erfahrung und Lernen) angelegt ist, sich dann aber rational festigt (in der Erinnerung und im Glauben [denn wir glauben ja an das, was wir für wahr halten] - freilich kann diese rationale Festigung im Kindesalter und auch später natürlich immer auch auf Irrtümern beruhen [und zu beachten ist nicht nur die individuelle Erkenntnis und Erinnerung, sondern auch das Kollektivgedächtnis und die Ansichten der vorherrschenden Kultur]). Zu 2. Zuerst erwähnen zu diesem Thema muss man die wiedererwachte und starke Position des Menschen in der Renaissance (siehe: Mirandola). Hobbes sprach nur von den Dingen (engl. the things); die Frage nach dem Subjekt stellte er sich eigentlich noch gar nicht, was ja auch die natürlichste Haltung ist (dass wir einfach bloss die Dinge da draussen anschauen und bewerten [und mit den inneren Dingen unbewusst gleich verfahren]). Bei Descartes beginnt dann bereits die gesamte folgende Diskussion zu diesem Thema. Er formulierte einen strengen Dualismus zwischen dem erkennenden Subjekt und dem erkannten Objekt (er spricht selber allerdings nicht in dieser Terminologie davon, sondern das tut nur die Interpretation seiner Philosophie: auch er spricht von den Dingen [frz. les choses]). In seiner Philosophie wie auch in der folgenden Wissenschaft steht demnach das Objekt im Vordergrund, denn es ist die Basis von dem, was in der Wissenschaft erforscht werden soll. Bei Locke stellte sich bereits im 17. Jahrhundert erstmals die epistemologische Frage in drängender Form. Als erstes stellte er fest, dass es keine angeborenen Ideen gibt (wie Platon es behauptete [und Leibniz es in einer Antwort an Locke wieder behaupten wird]). Nach Locke gibt es einfache und komplexe Ideen (d.h. Abbilder und Zusammensetzungen) sowie unter den einfachen solche, die auf äusserer und innerer Erfahrung (d.h. Eindruck [engl. sensation] und Überlegung, auch in der Selbsterkenntnis [engl. reflexion]) bestehen, und unter den äusseren solche, die auf primären und sekundären Qualitäten (d.h. unveränderlichen und veränderlichen Bestandteilen der Dinge) beruhen. Ins Bewusstsein gelangen nicht die Dinge (oder: Substanzen), sondern nur ihre Qualitäten (bzw. Eigenschaften). Er ist damit der erste Philosoph, welcher tiefer in dieses Feld eindringt und ein ganzes Erkenntnissystem erhebt. Das heisst: Locke hat eine neue Komplexität in die Philosophie gebracht, wie sie die nachfolgende Philosophie auch auszeichnet, bis zu Kant und Hegel und darüber hinaus (sehr zum Schrecken natürlich für alle, welche eine so tiefgreifende und komplexe Philosophie lieber gar nicht haben möchten [und daher auch teils begannen, bis in intellektuelle Kreise hinein, die Philosophie a priori zu verwerfen - die Auseinandersetzung mit dem menschlichen und dem eigenen Denken ist keine einfache Sache]).

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Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie II (von Locke bis Kant). Eine besondere Figur unter den englischen Empiristen war Berkeley. Er stellte radikal in Frage, ob es überhaupt Dinge gebe. Esse est Percipi - 'Sein heisst Wahrgenommenwerden'. Der Stuhl, behauptet Berkeley, existiert nur, weil ich ihn wahrnehme - und darüber hinaus kann ich nichts über seine Existenz aussagen. Was aber ist, wenn ich den Raum verlasse? Dann ist der Stuhl immer noch da, sagt Berkeley... weil Gott ihn dann immer noch wahrnimmt. Das ist purer Idealismus - es gibt für uns letztlich nur unsere eigenen Gedanken von den Dingen. Ein (relativ unbekannt gebliebener) Universalgelehrter namens Samuel Johnson (auch: Dr. Johnson) widerlegte dies, indem wir ja Schmerz spüren, wenn wir an die Dinge stossen, was zeigt, dass sie tatsächlich da sind und existieren, unahbängig von unserer Wahrnehmung (und da jeder das spürt, muss es auch als wissenschaftlich bewiesen gelten [auch wenn man mit einigen berechtigten oder unberechtigten Spitzfindigkeiten das Problem weiter aufrecht erhalten könnte (wie steht es z.B. mit Traumempfindungen?)]). Die Idealismus-Diskussion ging indes weiter und wurde auch in der nachfolgenden (deutschen) Philosophie sehr bedeutend. Der grosse Immanuel Kant (1724-1804) - welcher über den skeptischen Empiristen Hume zu diesen Fragen kam - prägte nun den Begriff vom 'Ding an sich'. Es geht hier nicht um die ganze Komplexität des kantischen Denkens und Systems (oder gar was die Interpretatoren daraus gemacht haben), sondern nur um ein paar wesentliche Grundzüge. Mit dem Begriff vom Ding an sich, sagt Kant, dass er im Gegensatz zu Berkeley den Dingen durchaus eine Realität attestiert, er meint aber, dass wir nicht die Dinge an sich erkennen können, wie sie wirklich sind, sondern nur die Erscheinungen (bzw. die Phänomenologie) der Dinge, wie sie uns also erscheinen. Wir erinnern uns dabei natürlich v.a. an die Diskussionen rund um das geo- und das heliozentrische Weltbild und den grauenhaften Irrtum der menschlichen Primäranschauung in diesem Bereich!* Oder: die Dinge sind nicht immer so, wie sie uns (primär) erscheinen (was natürlich aber nicht heisst, dass sie immer anders sind, aber es ist doch hierbei ein grosses Feld von Fragen eröffnet - bezüglich eben Begriffen wie Anschauung, Bewertung, Wahrnehmung, Erkenntnis, Vorstellung, Erinnerung, Bewusstsein [u.a.]). Bei Kant droht man sich rasch in dessen eigener Begriffswelt zu verlieren. Bedeutend in der Philosophie von Kant ist die Unterscheidung vom Transzendenten und dem Transzendentalen - ersteres liegt im Bereich des Glaubens (das betrifft etwa die Vorstellungen von Gott, Freiheit, Unsterblichkeit) und ist für unsere Erkenntnis unzugänglich, letzteres ist unserer Erkenntnis zugänglich und befindet sich also im Bereich eines möglichen Wissens. Mit dem Begriff der Transzendentalphilosophie grenzt sich Kant insbesondere gegen die Ontologie ab (d.h. gegen die Ontologie seiner Zeit, insbesondere jene von Wolff bzw. jene im Leibniz-Wolffschen System, auf welches Kant in der deutschen Philosophie traf), welche er als (zu) spekulativ bezeichnet, während seine Transzentalphilosophie diesem Vorwurf zu entgehen versucht, indem sie sich auf dem Boden der Epistemologie (Erkenntnistheorie) begründet. In der Transzendentalen Ästhetik, in welcher er auf die reine Anschauung zielt, beschreibt er die sinnlichen Grundlagen der Wahrnehmung, in der Transzendentalen Analytik, in welchen er auf die reinen Verstandesbegriffe, welche nicht empirisch sind, zielt, den Weg zur (transzendentalen) Erkenntnis. Das tönt irgendwie fast ein bisschen mythisch, mystisch und/oder esoterisch, und ist es tatsächlich auch! - zumindest ein bisschen platonisch bzw. plotinisch. Kant ist hier auf dem Weg zur höchsten Erkenntnis bzw. zu seiner höchsten Erkenntnis: zum Kategorischen Imperativ (wird später erklärt - man könnte Kant fast als einen Mystiker bezeichnen, der sich einer äusserst rationalen Beschreibungs- und Erklärungsweise bedient, was in dieser Form einzigartig ist). Während es den Empiristen wie den Rationalisten gleichermassen um reine Naturerkenntnis geht, legt Kant letztlich mehr Wert auf die (Geistes-) Urteile - das entspricht der eigentlichen kopernikanischen oder eben kantischen Wende, welche Kant für seine Philosophie beansprucht. Er unterscheidet zwischen Analytischen Urteilen (immer a priori) und Synthetischen Urteilen, und unter diesen solche a posteriori und a priori.

* Allerdings muss man in dieser Frage auch darauf hinweisen, dass das heliozentrische Weltbild auch seine Probleme hat. Es kann uns nämlich dazu verleiten, dass wir ob unserer ganzen Betrachtung der Sonne und des Universums vergessen könnten, dass die Erde unsere Lebensgrundlage ist und (vermutlich auch) bleibt... Wir können ja nicht einfach nur zum Himmel hoch gucken und denken, das, was hier unten ist, ist nicht das Zentrum der Welt, also geht es uns letztlich nichts an. Die Primäranschauung hat also hier durchaus auch eine gewisse Berechtigung, weil sie unser (auch irgendwie berechtigtes) Alltagsempfinden wiedergibt. Für uns, in unserem Alltag, ist die Erde das Zentrum der Welt (aber wissenschaftlich bzw. astronomisch betrachtet, ist dies falsch - trotzdem sind wir nach der ganzen Astronomie wieder zurückgekommen quasi auch zur Ökologie [und vielleicht müssen wir aufgrund der zunehmenden Probleme der Ökologie dann in 100 bis 200 Jahren sogar dazu raten, die Astronomie nicht gänzlich zu vergessen]). Der Philosophiehistoriker Simon-Schaefer hielt der Quantum World entgegen, dass die Mitte - für uns - immer dort ist, wo wir selber sind (auch das ist etwas zu rudimentär, aber trotzdem auch immer zu bedenken - und dieser Gedanke kann uns auch dabei helfen, uns nicht ganz zu verlieren, in der Religion, Philosophie und/oder Wissenschaft, oder überhaupt in den verschiedensten Dingen dieser Welt).

Exkurs - zu den Physik-Videos. Ich habe vor Jahren einmal gelesen, dass mit den besten zur Verfügung stehenden Mikroskopen - und heute: trotz Teilchenbeschleunigern wie dem Large Hadron Collider - noch nie jemand wirklich ein Atom gesehen hat (d.h. dass die ganze Atomtheorie heute noch - während man bereits seit über 100 Jahren von subatomaren Teilchen spricht - auf blosser Vermutung und Berechnung besteht). Heute scheint man ein bisschen weiter gekommen zu sein und erste Bilder zu haben, welche uns allerdings noch nicht die ganze Atomtheorie bestätigen, aber immerhin. Have you ever seen an atom? Das selbe Problem stellt sich natürlich bei den Erkundungen der Weiten des Universums und all der Wunderlichkeiten, über welche die Astrophysiker berichten. Wie weit können wir eigentlich heute ins All hinaus schauen? Deepest Look into universe (Best Images From Hubble Telescope [das Hubble-Weltraumteleskop sendet seit 1990 Bilder zur Erde]). (Dies alles ohne irgendeine Gewähr.) Ganz nebenbei - und das ist gesichert - können wir hier erwähnen, dass Immanuel Kant an die Existenz von Ausserirdischen glaubte, zumindest hat er im Aufkommen von ersten Science-Fiction-Anflügen in seiner überhaupt recht wagemutigen frühen Philosophie einen entsprechenden Text geschrieben mit dem Titel "Von den Bewohnern der Gestirne" (1755). Na ja. Wir kommen uns heute so modern vor, aber wie gesagt: ich sehe den Beginn der Moderne bereits bei der Aufklärung (Voltaire war übrigens auch einer der ersten Science-Fiction-Autoren [die frühe Science-Fiction-Literatur war auch ein hervorragendes (Satire-) Instrument, um in luftigen und atmoshphärischen Höhen quasi die Schwerkraft von alten Traditionen und Theorien zu überwinden]).

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Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie III (von Kant bis Schopenhauer). Kants Philosophie hätte gewiss genügend Grund geboten, länger bei ihr zu verweilen und sie genau zu bedenken, doch wie wir schon in der Antike gesehen haben, bleibt die Philosophie nicht lange stehen, und das war auch in diesem Fall so. Auf Kant folgten die deutschen Idealisten: Fichte, Schelling und Hegel. Bedeutend für die Erklärung des Sinn und Zwecks des deutschen Idealismus ist "Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus" (um 1796?). Es ist in der Handschrift Hegels geschrieben, jedoch ist seine Autorenschaft nicht gesichert. Der Text könnte auch eine Abschrift eines Textes von einem seiner berühmten Zimmergenossen während seiner Studienzeit in Tübingen sein (Schelling und Hölderlin), oder von einem anderen, unbekannten Autor stammen. Dieser Text behauptet, dass die gesamte Metaphysik künftig in die Moral fallen, wovon Kant nur ein Beispiel gegeben habe, und eine Ethik begründen werde, die ein vollständiges System aller Ideen hervorbringen wird (quasi eine Grand Unified Theory GUT der Philosophie bzw. der Ethik also). Im Weiteren geht es in diesem Text ebenso um idealistische wie auch um romantische Inhalte (die philosophische Ära des Idealismus hat sich hier mit der literarischen Ära der Romantik überschnitten - ferner findet sich auch ein anarchistischer Anhauch in diesem Text). Zu verweisen ist ebenfalls auf einen philosophischen Text des Dichters Hölderlin ("Urteil und Seyn", 1794/95), in welchem dieser sagt, dass Sein die Verbindung von Subjekt und Objekt ausdrücke, und dass ein Ich mit Selbstbewusstsein eines sei, welches sich mit sich selber auseinandersetze. Diese Auseinandersetzung ist bedeutend für die später von Hegel entwickelte Dialektik. Im selben Jahr erschien Fichtes "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre" - dieser spricht ebenfalls von der Bedeutung des Selbstbewusstseins und eben von einer wissenschaftlichen Gesamtlehre. Das Wahre ist das Ganze, meinte Hegel später. Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) ist der eigentliche Begründer des deutschen Idealismus (mit dessen ganzen Verwicklungen und Schrulligkeiten). Er entwickelte ebenfalls bereits eine dialektische und/oder dialogische Methode, insbesondere in seiner Schrift "Die Bestimmung des Menschen". Im Zentrum der erkenntnistheoretischen Erwägung der Idealisten steht das reine Bewusstsein - das Ding interessiert sie nicht mehr (weder an sich noch überhaupt - es geht ihnen um den blossen und reinen Intellekt). Die wilde Dialektik bei Fichte - und erst recht später bei Schelling - nimmt manchmal etwas bizarre, immer aber durchaus intellektuell interessante Formen an. Schelling wechselt die Ausrichtung seiner Philosophie - wie kaum ein anderer Philosoph vor und nach ihm - mehrfach, bleibt aber stets im Idealismus verwurzelt. Der bedeutendste Vertreter der Idealisten ist Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831). Er sagt, dass die Idee im Geist zu ihrem Fürsichsein kommt. Wie einst Heraklit - dem dunklen Philosophen der Antike - geht es Hegel v.a. um die Bewegung: die Dialektik - bestehend aus These, Antithese und Synthese - entspricht der Bewegung im Weltgeist. Hegel greift damit auf Platon und die Scholastik zurück, welche die Dialektik als Methode zur Erkenntnisgewinnung schon bedeutend verwendet haben, für ihn ist sie aber mehr als nur eine Methode: sie ist der eigentliche Urgrund und das eigentliche geistige Prinzip hinter allem. Schopenhauer lenkt die Diskussion vom Bewusstsein weiter auf den Willen, von welchem die Idealisten auch schon bedeutend gesprochen haben. Für Schopenhauer ist nun dies aber das eigentliche Prinzip. Der Willen bildet sich quasi aus der reinen Vorstellung heraus. Der Intellekt ist bloss das Werkzeug des Willens, welcher aber seinerseits im Leiden der Welt untergeht. Das vergeistigte Leiden bildet den Antrieb des Intellektuellen. Dazu braucht es eigentlich keine allzu logische Erkenntnistheorie mehr - und die gibt es bei Schopenhauer (trotz bemühter Versuche) auch nicht (immer, wenn es interessant wird, bricht er ab oder um, z.B. und v.a. wenn er bei der Erhebung der Grundgrössen von Raum, Zeit und Kausalität das Vorher und Nachher nicht mehr sieht, d.h. Sinn und Zweck - und letztlich ist er besser in seinen Lebensweisheitsaphorismen als in seiner Erkenntnistheorie). Hier bricht das Programm des deutschen Idealismus ab, und während im Folgenden Bahnsen von einem Widerspruch, Hartmann (Eduard v.) von einem Unbewussten und Mainländer von einem Wahnsinn sprechen - alles zur Zeit des grossen Bismarck übrigens, dem vielleicht grössten deutschen Politiker seit Friedrich II. (und im Vorraum der Belle Epoque nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870-1871, notabene, diesem kurzen Vorgeschmack vom Ersten Weltkrieg, welchen sie freilich zu dieser Zeit noch miterlebt hatten) - wird Nietzsche heftig auf dem ganzen geistigen Leiden herumtrampeln und aus dem Traum von Macht und Kraft den Über-Träumer begründen, während es Husserl in seiner übertrockenen Art nicht gelingen wird, es adäquat wiederzubeleben (und Heidegger es nur noch mit einem gewissen - nicht bösen, aber neckischen - Schalk betrachtet; wenn es irgendeinen deutschen Philosophen gibt, der adäquat versucht, an dieses Programm anzuknüpfen, dann ist es Habermas mit seiner "Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) [das ist sicher ehrenwert, aber die ganz grosse und weltbewegende Bedeutung eines Kant und Hegel, oder auch eines Nietzsche noch in seiner ganzen Schrulligkeit und seinem ganzen Abgeschmack von allem, d.h. vom Perfiden der Welt, ist - zumindest vorläufig - auf dem Weg verlorengegangen]).

Als die die deutsche Philosphie zu ihrer grossen Klassik anhob - begleitet übrigens gleichzeitig im 18. Jahrhundert von der literarischen Klassik, nach Lebenszeit in der Reihenfolge: Kant, Lessing, Mendelssohn, Herder, Goethe, Schiller, Fichte, Jean Paul, Schleiermacher, Hegel, Hölderlin, Schlegel, Schelling, Brentano, Novalis (u.a.) - waren die Hauptgleise der Philosophie eigentlich schon besetzt durch die Franzosen (Descartes, Rousseau) und die Engländer (Bacon, Locke), welche die Wissenschaft begründet und die Aufklärung eingeleitet hatten. Ausserdem nahm die deutsche Philosophie danach für längere Zeit die führende Stellung ein und hat auch ein paar grosse praktische und theoretische Erfolge vorzuweisen: Leibniz und das binäre Zahlensystem (Computertechnik), Wolff und die Erhebung der Ontologie, Kant und der Kategorische Imperativ, v.a. aber auch die Völkerbundidee (und die Idee eines Weltbürgertums), Marx, Engels und die kommunistische Kraft als Wegbereiter für die Sozialdemokratie. Marx, Freud und Einstein sind die bedeutendsten Denker und Beweger für das 20. Jahrhundert und die ganzen Veränderungen, welche wir im letzten Jahrhundert erlebt haben (was einigermassen erstaunlich ist, da die jüdische Philosophie bis dahin vergleichsweise eher eine Randerscheinung in der westlichen Philosophie war [etwa mit Philon, Avicebron, Maimonides, Gersonides, Spinoza oder Mendelssohn - zeitgleich oder später: Cohen, Buber, Kaplan, Rosenzweig (und eine ganze Reihe weiterer Philosophen mit jüdischem Hintergrund im 20. Jahrhundert, wie etwa Adorno, Arendt, Benjamin, Chomsky, Derrida, Fromm, Horkheimer, Jonas, Levinas, Nagel, Popper, Putnam, Rand, Reichenbach oder Singer)]). Das Versprechen des deutschen Idealismus - vielleicht abzüglich einiger Schrulligkeiten, welche ihn in der Vergangenheit belastet haben - bleibt bestehen.

Bezüglich der drei grossen Fragen der Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie steht die Betrachtung der dritten Frage noch aus, welche die Tiefen- und Neuropsychologie, die Hirnforschung und die Philosophie des Geistes betrifft - auf diese Richtungen werde ich jedoch hier noch nicht eingehen.

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Ich möchte an dieser Stelle auf Kant zurückkommen (und mit ihm diesen Abschnitt über die Moderne abschliessen). Wenn man Kant noch mehr erhöhen wollte, als es schon gemeinhin getan wird, könnte man die Philosophiegeschichte als einen dreiteiligen Akt und Kant als ihren Höhepunkt deuten: 1. Platon, mitsamt seinem Sokrates und den Urgrundphilosophen, im Auftakt, in der Begründung des Idealismus, 2. Aristoteles mit der Begründung der Wissenschaft, in seinem Zuge - nach einer längeren Phase der reinen Religion im Mittelalter - die neuzeitliche Wissenschaft, 3. Kant, mit der Erfüllung des idealistischen Anhauchs und der Beschreibung einer vollkommenen Ethik.

Immanuel Kant und der Kategorische Imperativ. Wenn Denken und Philosophie auf Schönheit gründet, wie Platon behauptete, dann hat Kant dies in einem gewissen Sinn zum Höhepunkt geführt. Manchmal hat er es mit seinem Stil sogar ein bisschen übertrieben, aber das sei ihm verziehen. Kant wusste, dass er es, wenn er die Ethik in der Philosophie wiedererheben wollte, gegen eine mittlerweilen schon mächtig erstarkte Naturwissenschaft aufnehmen musste, die keine immanente und adäquate Ethik mehr in sich trug. In seinen frühen Jahren hatte er sich selber mit der Naturwissenschaft beschäftigt und ein naturwissenschaftliches Werk geschrieben ("Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels", 1755 - anonym veröffentlicht [vor seiner eigentlichen Habilitation und Dissertation - er war in seinem Studium nicht der schnellste und wurde oft beim Billardspiel gesehen, mit welchem er sich auch das Studium finanziert haben soll]). Dann widmete er sich - aus pietistischem Elternhaus stammend - zunächst der Religion ("Der einzige mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes", 1762 - mit dem Versuch eines ontologischen Gottesbeweises). Es folgte eine Kritik des Theosophen Swedenborg ("Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik", 1766). Dies immer unter vielem Anderem, denn Kant war sein Leben lang ein ausgesprochener Vielpublizist. In den 1770-er Jahren schrieb er nur zwei Schriften und bereitete ansonsten die grosse Wende in seiner Philosophie ein, von welcher er später sagen wird, dass die Beschäftigung mit dem Skeptizismus von Hume sie wesentlich begründet habe. Es ist die (kantische) Wende hin zu einem Kritizismus und zu einer vollkommenen Ethik. Kant bezeichnete seine Zeit als die Zeit der Kritik (was für uns auch sehr modern tönt, aber das tauchte eben bereits hier auf). 1781 erschien die "Kritik der reinen Vernunft", welche allgemein als das grösste und bedeutendste Werk von Kant gilt. Wenn man es genau betrachtet, ist es aber eigentlich nur eine Vorbereitung für die "Kritik der praktischen Vernunft" (1788 - welcher dann, etwas weniger bedeutend, noch die "Kritik der Urteilskraft", 1790, folgte). Mit viel theoretischem Brimborium bahnte sich Kant in seiner ersten kritischen Schrift, am Empirismus und Rationalismus vorbei, den Weg zum Kategorischen Imperativ, welcher in seinem zweiten kritischen Weg zur Blüte kam und den ersten und höchsten Satz einer ethischen Philosophie begründet: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Muss man diesen Satz, auf welchen die gesamte Philosophie von Kant hinzielte, gross erklären*? Er beinhaltet einen platonischen und/oder plotinischen Anhauch ebenso wie die Erfüllung des Gesellschaftsvertrags der Aufklärung, und er bedeutet v.a. dies - wie bei allen grossen ethischen Sätzen und Weltformeln (z.B. auch bei der Goldenen Regel in der moralischen Religion) - dass wir uns ständig in Gefahr befinden, von ihm abzuweichen. Dieser Satz entsprach nicht nur einer grossen Tat für die (philosophische) Ewigkeit, sondern auch einer bedeutenden Notwendigkeit der Zeit. Die Französische Revolution brachte eine grosse Unsicherheit der Gesellschaft und ihrer Politik hervor. Im Jahr 1789, ein Jahr nach der Veröffentlichung des Kategorischen Imperativs - es ist das Jahr der Revolution! - begrüsste Napoleon (20-jährig) in Frankreich die Bürgerrevolution ausdrücklich, verurteilte aber die damit verbundenen Unruhen und Ausschreitungen... Kant stellte nun - pünktlich, wie er war - einen Satz zur Verfügung, an welchem sich der Bürger ungeachtet aktueller und kommender politischer Wirren festhalten konnte. In seinem Alterswerk - immerhin mit 71 Jahren! - setzte er noch einmal einen Meilenstein und lieferte seinen grössten (späteren) realen Erfolg nach: die bis dahin bedeutendste Begründung eines Völkerbundes ("Zum ewigen Frieden", 1795**). Und was von ihm auch gross in Erinnerung bleibt ist natürlich sein Motto zur Aufklärung: Sapere aude! (dt. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! - natürlich übrigens [im Allgemeinen] kein Widerspruch zum Kategorischen Imperativ, denn dieser soll ja der Schluss aus jenem sein [wir können dazu anführen: das Persönliche ist kein Hinderungsgrund dafür, das Allgemeine zu anerkennen]).

* Versuchen wir es einmal in drei Sätzen. Kant geht davon aus, dass es möglich ist, auf rationalem Weg zu einer objektiven Moral zu kommen (so gelangt er von der Kritik der reinen Vernunft zur Kritik der praktischen Vernunft, welche schon in jener vorgespurt ist). Die Moralphilosophie Kants ist einzuordnen als Deontologie - d.h. nur der Akt alleine zählt für die moralische Bewertung, weder der Kontext oder die Umstände noch die Konsequenzen (vgl. Konsequentialismus [Bentham] - der Zweck heiligt die Mittel: nach Kant soll der Mensch als Zweck an sich behandelt werden, nicht als Mittel zum Zweck). Sie zielt auf eine vollkommene, nicht verhandel- oder übertragbare, universal gültige Ethik. Kritik? Der Kategorische Imperativ ist für die Person unerfüllbar. Das ist wohl wahr, aber er ist auch nicht ein juristisches Gesetz, sondern bloss eine ethische Maxime. Wenn er nicht erfüllbar ist, führt er zu einer Doppelmoral. Auch das ist wohl wahr, aber sollten wir aufgrund der Unerfüllbarkeit einer absoluten Ethik jegliche Moral überhaupt verwerfen? Wohl eher nicht. Das heisst: mit einer gewissen Doppelmoral in der Welt müssen wir wohl leben. Kant vertritt aber nicht eine Doppelmoral, sondern eben eine vollkommene Moral, und dies geht so weit, dass er nicht einmal eine Notlüge erlaubt (siehe: "Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen", 1797 [gegen Benjamin Constant]). Ok: Kant hat seinen Ethizismus ein bisschen übertrieben, aber das musste er tun, um zu einer höchsten Maxime zu kommen. Was die Menschen damit anfangen, ist ihnen letztlich selber überlassen. Eine perfekte Welt wird es nie geben, aber wir können uns überlegen, mit welchen Sätzen (und Handlungen) wir sie besser machen können. Nichts anderes als dies hat Kant getan. Wir dürfen ja in der ganzen Philosophie den Alltag nicht vergessen (in welchem nicht jeder ein Platon oder ein Kant ist [um einmal die höchsten ethisch-moralischen Autoritäten zu nennen (Platon indes nur in den Grundideen und in manchen Passagen, in anderen wiederum, wenn er über das Ziel hinaus geschossen hat - was im Idealismus immer vorkommen kann - gar nicht!)]), im ganzen Alltag aber auch nicht die Philosophie. Die Frage auch diesbezüglich übrigens, ob wir in der Ethik vom Höchsten ausgehen sollen (wie Platon und Plotin) oder aber vom Mittleren (wie Konfuzius und Aristoteles) ist eine offene und äusserst schwierige Frage; ich würde dazu sagen: die reine Ethik zielt auf das Höchste, die Lebensmoral aber auf das Mittlere.

** Von einem dauerhaften oder ewigen Frieden hatte allerdings bereits Charles Irénée Castel de Saint-Pierre (auch: Abbé de Saint-Pierre, 1658-1743) gesprochen (in seinem Werk "Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe" [1712/1717] - er kann somit als Vater späterer europäischer Integrationsbemühungen und -bewegungen gelten [etwa beim Wiener Kongress im 19. und mit der Europäischen Union im 20. Jahrhundert]). Was den (Welt-) Völkerbund betrifft, so dauerte es also von der Begründung der Idee (1795) bis zur ersten Umsetzung (1920) genau 125 Jahre - eine denkwürdige (und trotzdem in der gesamten historischen Entwicklung auch wiederum nicht allzu lange!) Zeit.

Vielleicht kommen nicht alle in ihrem Leben in den Genuss, durch die kantische Sprach- und Denkschule hindurch zu gehen, daher gibt es hier ein kleines Müsterchen seiner philosophischen Sprachkunst - drei Sätze von Kant (nur zum Zeigen, wie sich dieser auf vielen, vielen Seiten etwa so anhört). "Ich werde mir also nach der Analogie der Realitäten in der Welt, der Substanzen, der Kausalität und der Notwendigkeit, ein Wesen denken, das alles dieses in der höchsten Vollkommenheit besitzt, und, indem diese Idee bloss auf meiner Vernunft beruht, dieses Wesen als selbständige Vernunft, was durch Ideen der grössten Harmonie und Einheit, Ursache vom Weltganzen ist, denken können, so dass ich alle, die Idee einschränkende, Bedingungen weglasse, lediglich um, unter dem Schutze eines solchen Urgrundes, systematische Einheit des Mannigfaltigen im Weltganzen, und, vermittelst derselben, den grösstmöglichen empirischen Vernunftgebrauch möglich zu machen, indem ich alle Verbindungen so ansehe, als ob sie Anfordernungen einer höchsten Vernunft wären, von der die unsrige ein schwaches Abbild ist. Ich denke mir alsdenn dieses höchste Wesen durch lauter Begriffe, die eigentlich nur in der Sinnenwelt ihre Anwendung haben; da ich aber auch jene transzendentale Voraussetzung zu keinem andern als relativen Gebrauch habe, nämlich, dass sie das Substratum der grösstmöglichen Erfahrungseinheit abgeben sollte, so darf ich ein Wesen, das ich von der Welt unterscheide, ganz wohl durch Eigenschaften denken, die lediglich zur Sinnenwelt gehören. Denn ich verlange es keineswegs, und bin auch nicht befugt es zu verlangen, diesen Gegenstand meiner Idee, nach dem, was er an sich sein mag, zu erkennen; denn dazu habe ich keine Begriffe, und selbst die Begriffe von Realität, Substanz, Kausalität, ja sogar der Notwendigkeit im Dasein, verlieren alle Bedeutung, sind leere Titel zu Begriffen, ohne allen Inhalt, wenn ich mich ausser dem Felde der Sinne damit hinauswage." [Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft".] Spätestens nach drei Sätzen muss man da jeweils wieder innehalten und sich fragen: was ist denn da eigentlich gesagt? Worum geht es denn da eigentlich? Macht das irgendeinen Sinn? (Ich habe mir diese Fragen bei der reinen Lektüre - vor einigen Jahren - freilich nicht gestellt, sondern das in einem Zug durchgelesen, wie man ein Bier oder einen Schnaps auf ex trinken kann, alle drei kritischen Schriften Kants nacheinander, so wie ich zuvor die Bibel in einem Zug gelesen hatte; ob ich es sonst geschafft hätte, damit zu Ende zu kommen, das kann ich nicht sagen.)

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NEUZEIT/MODERNE II u. III - 19./20. JAHRHUNDERT (BIS DATO) * * * Das seltsame Paar * * * Die utopischen Sozialisten * * * Comte - die Soziologie als Wissenschaft * * * Darwin und die Affen * * * Marxismus und Sozialdarwinismus * * * Individualismus und Kulturkritik (Stirner, Kierkegaard, Nietzsche) * * * Psychoanalyse mit Freud * * * Einstein und der Relativismus * * * Analytische Philosophie von Frege * * * Neopositivismus und Neoliberalismus * * * Existentialismus im 20. Jahrhundert * * * Die ökologischen Probleme * * * Stichworte im Aktuellen: Neue Medien, Populismus, Fake News.





Nun wird es noch schwieriger, die Philosophie darzustellen - nicht weil sie so viel komplexer geworden wäre (eher das Gegenteil ist der Fall), sondern: weil sie so viel diversifizierter geworden ist. Das heisst es gibt viele Linien in der neueren Philosophie, welchen wir folgen und/oder sogar zu Hauptlinien erklären könnten. Die Ideologie (und Anti-Ideologie) spielen in der Philosophie eine grössere Rolle denn je. Ich möchte hier vornehmlich einer politischen Linie folgen, aber natürlich alles dabei mitbetrachten. Ist das legitim? Auch hier: einige Philosophen glauben, die Philosophie laufe letztlich auf die Politik hinaus, andere wiederum meinen, dass man eine reine Philosophie erhalten müsse jenseits von allen Gebieten der übrigen Wissenschaften. Dies freilich wird immer schwieriger, aufgrund der hohen Entwicklung der heutigen Wissenschaften und ihrer Teildisziplinen (und jede von ihnen hat immer wieder einen grossen Einfluss auf die Philosophie, aus welcher sie ja auch hervorgegangen sind - schon alleine deswegen ist die Behauptung einer reinen Philosophie immer schwieriger: ist sie denn tatsächlich noch rein, wenn man alle spezifischen Wissenschaftsgebiete davon abziehen muss? Also: Aristoteles ohne Physik, ohne Biologie, ohne Psychologie, auch ohne Politika eben, und letztlich sogar auch ohne Logik und Ethik? [was ja eigentlich auch eigenständige Wissenschaftsgebiete sein könnten und/oder müssten (die Logik ist teils heute schon in der Mathematik beheimatet, während die Ethik erstaunlicherweise noch keine eigene Wissenschaft gefunden hat)]). Die Philosophie im Dilemma - das wissen wir eigentlich schon länger, aber das Problem ist nicht kleiner geworden. Es ist heute teils so, dass Philosophen im Namen der Philosophie von den unterschiedlichsten Dingen sprechen, die auch teils nicht mehr allzu viel miteinander zu tun haben. Das war früher nicht so: da gab es zumindest Fixpunkte, an denen niemand vorbeigekommen ist - das gibt es heute weitgehend nicht mehr. Es gibt wohl noch immer bedeutendere und weniger bedeutende Sammelpunkten, aber unter diesen keinen einzigen, den man (ob berechtigterweise oder nicht) in einer spezifischen Philosophie nicht ebenso gut auch weglassen bzw. unterschlagen könnte. Während die Neuzeit - in der Renaissance - mit den Universalgelehrten begann - sind wir heute bei den Spezialphilosophien angelangt, die mitunter - nicht immer, aber manchmal - auch eben die Politik in die eine oder andere Richtung zu lenken versuchen.

Nehmen wir die frühesten (grossen) Vertreter, so fängt bei Petrarca (geb. 1304) bereits die Neuzeit an, bei Hobbes (1588) bereits die Moderne und bei Kant (1724) bereits die Spätmoderne - das heisst: die heutige Zeit. Doch: wie auch immer man diese Zeiteinteilungen genau macht - ich habe sie hier gemacht nach Wissenschaft (Neuzeit), Aufklärung/Liberalismus (Neuzeit-Moderne) und Aufklärung/Sozialismus (Neuzeit-Moderne-Spätmoderne). Sozialistische Ideen gehen in der Philosophie vielleicht zurück bis auf die Gesellschaftsutopie von Morus, aber wenn wir all die kommenden Veränderungen in der Gesellschaft betrachten, fällt im 18./19. Jahrhundert zuerst v.a. eine Figur auf bzw. ein Paar: William Godwin (1756-1836, Anarchist [Hauptwerk: "Enquiry Concerning Political Justice and its Influence on Modern Morals and Manners" (1793) - er träumte von einer Welt ohne Staaten und Regierungen]) und Mary Wollstonecraft (1759-1797, Frauenrechtlerin [Hauptwerk: "A Vindication of the Rights of Woman" (1789)]) - die beiden hatten auch eine berühmte Tochter: Mary Shelley (1797-1851, Schriftstellerin - geb. Mary Godwin, auch: Mary Wollstonecraft Shelley [Werke: "Frankenstein or The Modern Prometheus" (1818) oder "The Last Man" (1826)]). Das Paar ist eine Art Vorläufer des heute berühmteren existentialistischen Paars Sartre/De Beauvoir im 20. Jahrhundert (ohne berühmte Nachkommen). Godwin und Wollstonecraft haben nichts direkt mit dem Sozialismus zu tun, aber sehr viel eben mit den Veränderungen der Gesellschaft und mit dem freieren Denken, welches dafür notwendig war. Das zeigt: es gab auch verrücktere Gedanken als jene der frühen, utopischen Sozialisten zu jener Zeit, aber die gab es ja mindestens schon seit Voltaire. Der moderne Sozialismus begann eigentlich in religiösen Sozialsiedlungen - die älteste soll jene der Fuggerei sein (1521 - philosophisch betrachtet liegt dies in der Zeit der Renaissance, rund 25 Jahre nach Mirandola [und seiner Rede über die Würde des Menschen]). Bekannter ist in der Philosophie vermutlich die genossenschaftliche US-Siedlung New Harmony (1824-1827 ff), gegründet vom englischen Frühsozialisten und Unternehmer Robert Owen (zuvor als pietistische Siedlung Harmony [1814-1824, gegründet von Johann Georg Rapp]).

Bevor ich hier über den Sozialismus spreche, möchte ich doch erwähnen, dass wir uns hierbei auf einem Nebengleis befinden - allerdings vielleicht auf dem bedeutendsten Nebengleis der Welt. Das Hauptgleis ist noch immer - und bis heute - vom in der frühen Aufklärung entstandenen Liberalismus besetzt. Der Kommunismus ist mehr oder weniger gescheitert, die Sozialdemokratie hat sich etabliert: als Ergänzung zum Liberalismus. Wie das alles in der Zukunft aussehen wird - ob diese Ideologien überhaupt noch eine so bedeutende Rolle spielen werden - das wissen wir nicht: ich spreche von den heutigen Verhältnissen, wie sie sich in der vergangenen Zeit entwickelt haben. Trotzdem: in der Philosophie wurde der Sozialismus zu einem der interessantesten Phänomene des 19. Jahrhunderts (wenn nicht eben zum interessantesten Phänomen dieser Zeit überhaupt - der Liberalismus hatte ja seine Theorie schon entwickelt, es folgte im 19. Jahrhundert v.a. die sogenannte Grenznutzenschule und die Herausbildung des berühmten Angebot-Nachfrage-Diagramms in der Wirtschaft, auch hier mit einem bedeutenden Impuls aus Deutschland [in der Person von Hermann Heinrich Gossen], und die Individualisten [Schopenhauer, Stirner, Nietzsche], welche ebenfalls zu dieser Zeit aufkamen, befanden sich in einem noch viel weiter hinten angesiedelten Nebengleis, wenngleich auch sie bedeutend waren für die kommende Zeit und sich gross aufspielen konnten in der Philosophie der Zeit, die wir hier betrachten).

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(Früh-) Sozialismus und Soziologie. Der Begriff von Sozialisten soll etwa in den 1820-er Jahren entstanden sein (freilich findet sich das Wort in Frankreich bereits im 'Contrat Social' von Rousseau). Die bedeutendsten Frühsozialisten, welche (nach einer Bezeichnung von Marx) auch utopische Sozialisten genannt werden, sind Saint-Simon, Owen und Fourier. Owen war beeinflusst von Bentham, dem Utilitaristen, Saint-Simon von Destutt de Tracy, dem Ideologisten (dieser heute nicht mehr gross bekannte Aufklärer begründete eine Ideologie namens Ideologie, als Wissenschaft der Vorstellungen und Wahrnehmungen). Der Frühsozialismus schien irgendwie in der Luft gelegen zu sein und sich unabhängig in Frankreich und England entwickelt zu haben - in England eher praktisch, in Frankreich eher theoretisch. Robert Owen (1771-1858) war das jüngste von sieben Kindern eines Sattlers, fing als Lehrling in der Textilindustrie an und arbeitete sich später bis zum Fabrikleiter hoch - als solcher führte er ab 1799 menschenwürdigere Arbeitsbedingungen ein. Sein Betrieb galt als viel beachteter Musterbetrieb. Das utopische Experiment mit einer sozial organisierten Genossenschaftssiedlung in den USA war dann zwar aufsehenerregend, aber von relativ kurzer Dauer. Letztlich ist wohl der Name von Henri de Saint-Simon (1760-1825) der grösste unter den frühen Sozialisten. In seinen Schriften forderte er eine soziale Reorganisation der Gesellschaft in ganz Europa. Ebenso sprach er bereits von einer Wissenschaft der Gesellschaft - eine Idee, welche sein Sekretär Auguste Comte (1798-1857) als Begründer der Soziologie als Wissenschaft umsetzen sollte. Kurz nach dem Saint-Simon verstorben war, bildeten seine Anhänger (u.a. sein Lieblingsschüler Enfantin) eine jedoch nicht sehr weitreichende Schule des Saint-Simonismus. Bedeutend ist zu dieser Zeit nicht der Sozialismus alleine, sondern (wie auch im späteren Marxismus, notabene): Wissenschaft, Industrie und Sozialismus. Das war noch nicht unbedingt (revolutionär) gegen eine andere Klasse gerichtet, sondern als logische Weiterentwicklung aus der Bürgerrevolution gedacht (das zeigt sich auch in der Comtschen Weiterentwicklung des Saint-Simonismus zur Soziologie - auch wenn es bereits während der Französischen Revolution auch Gleichheitsfanatiker mit revolutionären Tendenzen gab [siehe: Geheimbund der Verschwörung der Égaux (Gleichen) unter Babeuf, ab 1795]; die frühen Sozialisten glaubten daran, dass sich eine künftige sozialistische Gesellschaft mit dem wissenschaftlichen Fortschritt durchsetzen und ausbreiten werde). Comte verwendete für seine Vorstellung von Soziologie den Begriff des Positivismus. Darunter verstand er einen dreifachen Entwicklungsprozess: von einer theologischen zu einer metaphysischen und von dieser zu einer positiven Epoche, in welcher alles Transzendentale aus der Religion und der Philosophie (zugunsten einer reinen Wissenschaft) überwunden werde. Sowohl Saint-Simon wie auch Comte provozierten die katholische Kirche, indem sie in ihren Werktiteln den Begriff des Katechismus verwendeten. Comte schrieb sogar ein Werk namens "Katechismus der positiven Religion" (was ein bisschen an Kants 'Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft' erinnert - dies dürfte nicht der Weg sein zu einer besseren Verständigung zwischen Religion, Philosophie und Wissenschaft [wir müssen in einer solchen die Religion als Religion, die Philosophie als Philosophie und die Wissenschaft als Wissenschaft sein lassen und ein gutes Gleichgewicht anstreben]). Vielleicht eine überflüssige Provokation (die aber immerhin den sehr hohen Anspruch von Comte zeigt, in einer vollkommenen Wissenschaft sowohl die Religion wie auch die Philosophie hinter sich zu lassen - eine Einstellung, welche die Wissenschaft der Soziologie natürlich mittlerweilen [hoffentlich] überwunden hat). Saint-Simon wurde aber trotzdem zum Vater der (späteren) katholischen Soziallehre. Comte meinte, dass die Wissenschaft der Soziologie erst dann richtig entwickelt werde, wenn alle anderen Wissenschaften schon auf einem sehr hohen Niveau seien - vermutlich hatte er damit recht. (Weitere bedeutende Positivisten waren etwa Spencer oder Taine. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang natürlich auch der früher schon begründete naturwissenschaftliche Determinismus [Laplace].)

Die Soziologie kennt noch ein anderes Problem: aus ihrem Gebiet heraus wurden bereits weitere Wissenschaften begründet wie etwa die Politik- und die Medienwissenschaft. Zudem gibt es Disziplinen, die sich vorher begründet haben, welche aber ebenfalls eigentlich in das Gebiet der Soziologie gehören, wie die Jurisprudenz und die Ökonomie. Dies können eigentlich alles nur Teilgebiete der Soziologie sein, da das zu erforschende Subjekt all dieser Wissenschaften - unter je verschiedenen Gesichtspunkten - die (selbe) Gesellschaft ist (besonders klar ist dieser Fakt bei der Politologie: Polis [Gesellschaft] -> Politik -> Politologie). Die (wilde) Aufteilung der Wissenschaften wird also spätestens hier ein kleineres oder grösseres Problem (insofern diese Wissenschaften sich dann nicht als Teildisziplinen betrachten, sondern als eigenständige Wissenschaften).

Die Einteilung der Wissenschaften ist noch heute ein umstrittenes Gebiet. Aristoteles teilte das Handeln und die Wissenschaften grundsätzlich in drei Gattungen ein: Theoria (Theoretisches Handeln bzw. Betrachten: Metaphysik, Physik [bzw. Naturphilosophie], Biologie, Psychologie), Praxis (Praktisches Handeln bzw. [allgemein] Handeln: Ethik, Politik), Poiesis (Zweckgebundenes Handeln bzw. Herstellen: Rhetorik, Poetik); eine vierte Sektion bildet die Logik (Kategorienlehre, Interpretation, Analytik, Topik, u.a.). Bedeutend ist in dieser Aufteilung v.a. der Gegensatz zwischen Theoretischer (heute: Naturwissenschaft) und Praktischer Philosophie (heute: Geisteswissenschaft). Weiter finden wir Wissenschaftsklassifizierungen in der Antike etwa bei den Stoikern, während die Scholastiker im Mittelalter drei Hauptfakultäten (Theologie, Jurisprudenz und Medizin) sowie Sieben Freie Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) hatten; in der Neuzeit sind die Enyklopädisten zu erwähnen, ferner etwa Bacon, Bentham, Ampère, Comte oder Spencer. In der neueren Zeit ist es nicht mehr üblich, sich allzu grosse und bedeutende bzw. systemische Gedanken dazu zu machen. Entsprechend werden die Wissenschaften heute - mit der ganzen Zunahme der Komplexität der Diversifizierungen - in der Wikipedia (d.h. in der heute meistverwendeten Enzyklopädie des Wissens, Stand Herbst 2017) in viele verschiedene Klassen eingeteilt (ohne allzu grosse Begründungen dazu): Geisteswissenschaften (Kulturwissenschaften), Humanwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Agrarwissenschaften, Philosophie, Rechtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Strukturwissenschaften, Theologie, Wirtschaftswissenschaften. Das erscheint irgendwie beliebig fast (und so wird es eigentlich heute auch an den Universitäten gehandhabt [jede Universität hat praktische ihre eigenen Klassifizierungsstrukturen und -gründe - die neuzeitliche Grundeinteilung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften spielt eine immer geringere Rolle]). Auch dies ist ein (zunehmendes) Problem in der heutigen Wissenschaft: fehlende Ordnung und Klarheit. (Allerdings ist dazu zu sagen, dass die Ordnung der Wissenschaften aus verschiedenen Gründen auch eine sehr schwierige und komplexe Sache ist.)

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Marxismus und Sozialdarwinismus. In Deutschland radikalisierte sich der Sozialismus. Der erste bedeutende deutsche - überwiegend christlich geprägte - Sozialist war Wilhelm Weitling (mit seiner Schrift "Die Menschheit wie sie ist und sein sollte", 1839/40). "Darum muss die nächste Revolution, soll sie verbessern, eine soziale sein." Offenbar bezeichnete in jener Zeit der Sozialismusbegriff eine Bourgeoisbewegung - Saint-Simon war ein Aristokrat - der Kommunismusbegriff dagegen eine Arbeiterbewegung. Daher war es naheliegend, dass Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels, welche 1848 gemeinsam, just zur Märzrevolution 1848-1849 in Deutschland (und nachdem sich Marx zuvor am französischen Anarchisten Proudhon gerieben hatte), das Kommunistische Manifest veröffentlichten, den Kommunismusbegriff verwendeten. Später wurde ihre Ideologie - in Abgrenzung auch zum realexistierenden Kommunismus in Osteuropa (seit 1917) - konsequent als Marxismus bezeichnet. Die philosophischen Hintergründe des Marxismus werden als Dialektischer Materialismus bezeichnet und basieren auf der Dialektik von Hegel und dem Materialismus von Feuerbach. Entscheidend für die Welt- und Gesellschaftsentwicklung sind in diesem Denken die Produktivkräfte und die Produktionsverhältnisse, welche bestimmte Gesellschaftsklassen schaffen. Der Mensch ist grundsätzlich ein Opfer seiner Bedürfnisse. Marx glaubte, dass der Endzweck eine klassenlose Gesellschaft sei. Der preussischen Reaktion entfliehend zog er 1849 nach Paris und schliesslich nach London. In England lernte er die dortigen Arbeitsverhältnisse und deren geschichtliche Hintergründe im Rahmen der industriellen Revolution besser kennen, welche er in seinem Hauptwerk "Das Kapital" sehr genau beschrieb. Den (politischen) Freiheitsbegriff aus der Bürgerrevolution interpretierte um als Selbstverwirklichungsideal - v.a. im Arbeitsprozess. Mit seinem Hauptwerk "Über die Entstehung der Arten" gab der britische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) der Evolutionstheorie - zuvor v.a. von Lamarck bedeutend behandelt - eine ganz neue Richtung. Die Ressourcen in der Welt sind knapp, woraus ein ständiger Kampf ums Überleben und eine natürliche Auslese erfolgt. Die wichtigste Bedeutung für dasselbe hat die Anpassung an die Umwelt. Dass der Mensch seine körperlichen Ursprünge in der Tierwelt hat, und dort insbesondere bei den Affen, das war eigentlich gar nicht so neu, aber mit den Ideen von Darwin rückte dies ins Bewusstsein der Zeit. Es gab einen grossen Aufschrei bei denen, die das nicht so gut akzeptieren konnten. Die Ideen von Darwin sollen auch die kommunistische Ideologie von Marx beeinflusst haben, insbesondere wurden sie - auf die Gesellschaft übertragen - aber im sogenannten Sozialdarwinismus manifest, welcher wesentlich von Herbert Spencer (1820-1903) ausging. Auch in der menschlichen Gesellschaft, meinte Spencer, überleben nur die Stärksten und/oder Bestangepassten (das ist quasi Hobbes minus Gesellschaftsvertrag). Natürlich steht diese (sozial-) darwinistische Gesellschaftstheorie in einem krassen Gegensatz zur sozialistischen - oder umgekehrt. Damit waren auch zwei krasse politische Gegensätze geboren: jene, welche auf einen egoistischen (oder oligarchistischen - natürlich gibt es auch einen gemeinsamen und sogar einen kollektiven Egoismus), und jene, welche auf einen altruistischen (und institutionalistischen) Gesellschaftsansatz setzt. Durchgesetzt hat sich letztlich keines der beiden Extreme, sondern offenbar braucht es in einer Gesellschaft beides: die Eigenheit wie auch die Zusammenheit.

Interessant: innerhalb von nur sechs Jahren zwischen 1816 und 1822 wurden der Begründer der Rassentheorie bzw. der Theorie von der Ungleichheit der Rassen (Gobineau [1816]), der Begründer des Kommunismus (Marx [1818]), der Begründer des Sozialdarwinismus (Spencer [1820]) und der Begründer der Eugenik (Galton [1822]) geboren (und es scheint, dass alle diese Ideologien in einem gewissen Zusammenhang mit der Begründung der Evolutionstheorie von Darwin standen, welche die ältere Theorie von Lamarck ablöste [Engels: "Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte (...)."]). Man kann sich somit vorstellen, wie stark diese Zeit die folgende Diskussion um rechte und linke politische Extrempositionen geprägt hat (über die Weltkriege hinweg und bis in die heutige Zeit hinein). Vielleicht kann diese Epoche und deren Folgen der Philosophie lernen und raten, dass sie nicht allzu rasch auf eine spektakuläre Entwicklung in einer einzelnen Wissenschaft aufspringen sollte. Ob sie sich diese Lehre zu Herzen genommen hat? (Das bedeutet natürlich nicht, dass die Philosophie die Wissenschaft nicht beachten soll, aber es zeigt doch eine gewisse Gefahr auf, welche aus allzu leichtfertigen Adaptionen entstehen kann, aus der Wissenschaft oder überhaupt - und die Rückwirkung in diesem Fall war wiederum, dass die Philosophie in der Zwischenzeit praktisch ihr gesamtes früheres Renommee verloren hat.)


Videos zum Imperialismus und Kolonialismus: 500 Years of European Colonialism, Ten Biggest Empires in History (auch interessant).



Jahr
Grösste Stadt
Weltbevölkerung
Ereignisse
0/1
Rom
200 Mio.
Jesus Christus
500
Konstantinopel (Istanbul)
280 Mio.
Ende des weströmischen Reiches, Gründung des Frankenreiches
Kaifeng
400 Mio.
Morgenländisches Schisma (Trennung von Ost- und Westkirche), Wikinger entdecken Amerika
Peking
500 Mio.
Ende der islamischen Herrschaft in Spanien, Seefahrer erreichen Südspitze Afrikas, Amerika und Indien, Reformationsthesen Luthers
1600
Peking
550 Mio.
Untergang der spanischen Armada, Galileis Bewegungsschrift, Übersiedlung sogenannter englischer Pilgerväter nach Nordamerika
1700
Edo (Tokio)
650 Mio.
Niederlagen der Osmanen (Türken) vor Wien, Principia Mathematica von Newton (Mechanische Physik), Glorious Revolution und Bill of Rights in England (Parlamentarismus), Sieg des russischen Zaren Peter des Grossen im Nordischen Krieg, Niederlage des Sonnenkönigs Louis XIV. im spanischen Erbfolgekrieg (Gewinner ist England)
1800
Edo (Tokio)
1,000 Mia.
Französische (Bürger-) Revolution, Kants Begründung des Völkerbundes, Napoleonische Kriege, Wiener Kongress
1900
London
1,650 Mia.
Soziale Gesetzgebung von Bismarck (gegen Aufkommen der Sozialisten), Quanten- und Relativitätstheorie in der Belle Epoque, Künstlerkolonie auf dem Monte Verità, Erster Weltkrieg, Russische Revolution (Kommunismus)
2000
Mexiko-Stadt (Metropolregion: Tokio)
6,127 Mia.
Gründung von Grünen Parteien (Ökoproblematik), Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus (Ende des Kalten Krieges), World Wide Web

Anm. Die Liste enthält die bedeutendsten Ereignisse rund um die Jahrthundert, jeweils etwa von den 80-er bis zu den 20-er Jahren (also im letzten und ersten Fünftel der Jahrhunderte [und Jahrtausende - bei den früheren Daten wurde das etwas weiter gefasst] - dass in der Liste fast nur Ereignisse der westlichen Geschichte gegeben sind, ist ein reiner Zufall, d.h. erstens begründet wohl durch eine gewisse Einseitigkeit der Geschichtsschreibung im Westen, allerdings ist diese auch besonders gut belegt, andererseits spielten sich aber offenbar tatsächlich viele der wichtigsten Ereignisse der westlichen Geschichte um die Jahrhundertwenden statt [das kann allerdings auch nur so erscheinen, weil immerhin zwei Fünftel aller Ereignisse von der Zeitspanne um die Jahrhunderte, wie ich sie hier aufgefasst habe, betroffen ist]).


Wie schon gesagt, hatte die Weltgeschichte immer einen bedeutenden Einfluss auf die Philosophie (das gilt auch für die Zeit des europäischen Kolonialismus und Imperialismus [16.-20. Jahrhundert (dies umspannt epochengeschichtlich also die gesamte Neuzeit und reicht sogar bis in die Renaissance zurück - das einzige europäische Land, welches einen grösseren Teil seiner alten Kolonien behalten hat, ist Russland, aufgrund des angrenzenden Sibiriens und verbliebenen Gebieten im Kaukasus; dies zeigt, in welch grossem Wandel sich Europa heute befindet)]).


Exkurs - Religiöse Phänomene im 19. Jahrhundert (Neuoffenbarungen/Sektizismus). Das 19. Jahrhundert war u.a. ein bedeutendes Jahrhundert von religiösen Neuoffenbarungen. Es gibt dazu im Wesentlichen zwei Phänomene: ein christliches und ein indisches. Bedeutend bezüglich christlicher Neuoffenbarungen ist z.B. die Lorberbewegung. Jakob Lorber (1800-1864) war ein österreichischer Hauslehrer für Gesang, Musik und Zeichnen, welcher ab 1840 eine innere Stimme in der Region seines Herzens gehört haben soll, von welcher er Gottesoffenbarungen erhielt. Von der offiziellen Religion werden diese als Privatoffenbarungen bezeichnet. In seinen Texten transportierte er teils Gott und Jesus als (seine) Ich-Figuren. Eine besonders bedeutende Figur in dieser Bewegung war Gottfried Mayerhofer (1807-1877), welcher ab 1870 als religiöses Medium tätig war. Dieser vertrat in seinen Texten (vorab in seinen Schöpfungs- und Lebensgeheimnissen) noch konsequenter eine Ich-Christus-Position. Der Grund für das Aufkommen eines bedeutenden religiösen Phänomens in Indien zu dieser Zeit dürfte in der Besetzung Indiens durch Grossbritannien liegen und in einer religiösen Einkehr (später, besonders bei Gandhi: einem religiös motivierten Widerstand) dazu. Die zentrale Figur jenes Phänomens scheint Ramakrischna (bzw. Ramakrischna Paramahamsa 1836-1866) zu sein, ein grosser hinduistischer Mystiker und Lehrer, welcher von seinen Anhängern als eine Inkarnation von Brahma betrachtet wurde. Ramakrischna beschäftigte sich neben dem Hinduismus auch mit dem Christentum und dem Islam: 1861 wurde die Asketin Bhairavi Brahmani seine spirituelle Lehrerin, 1866 wurde er von einem Sufilehrer in den Islam eingeführt, 1873 liess er sich von einem Schüler die Bibel vorlesen. Eine weitere bedeutende Figur im Hinduismus des 19. Jahrhunderts ist Swami Vivekananda (1863-1902), einer der bedeutendsten Schüler von Ramakrischna. Er wurde im Westen gross bekannt, als er beim (ersten) Weltparlament der Religionen 1893 in Chicago als führende Figur auftrat (mit einer sehr berühmt gewordenen Rede mit der Fabel vom Frosch im Brunnen). Andere bedeutende Persönlichkeiten aus der Bewegung dieser Zeit in Indien (u.a.): Tagore, Gandhi oder Aurobindo. Auch Jiddu Krishnamurti (1895-1986) ist zu nennen, welcher in der Theosophischen Gesellschaft als Maitreya-Figur postuliert wurde, dies aber selber ablehnte (und auch aus der Theosophie austrat [ebenso lehnte Patel dies im 20. Jahrhundert ab, welcher vom theosophischen Esoteriker Creme zur Maitreyafigur erhoben wurde]). Die Theosophie wurde 1875 von Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891) begründet (zum Hintergrund gehören etwa: Alchemie, Gnosis, Mystik, Kabbala, Geheimgesellschaften, Okkultismus, Spiritismus, u.a. [Personen: Paracelsus, Fludd, Böhme, Andreae, Swedenborg, Saint-Martin, u.v.a., darunter auch geheimnisvolle mythische Persönlichkeiten wie Trismegistos oder Rosencreutz - sehr schwierige, komplexe und komplizierte Sachen und Zusammenhänge aus verschiedensten altertümlichen Lehren]). Sie steht für einen christlich-indischen Zusammenhang in diesen ganzen religiösen Phänomenen des 19. Jahrhunderts. Dies kann man auch sagen vom - wie es heisst - umstrittenen Indologen Louis Jacolliot (1837-1890), welcher in seinem Buch "La bible dans l'Inde" (1869) behauptete, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sei, sondern die Kreuzigung überlebt und danach in Indien gelebt habe (es gibt weitere Bücher dieser Art, aber auch Gegner dieser Theorie, welche zu widerlegen versuchten, was die Anderen zu beweisen versuchten). Zu den Vertretern dieser Theorie gehört Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908), welcher die Ahmadiyya-Bewegung begründete, und sich (1882) als (für das 14. Jahrhundert verheissene) Mahdi und Messias bezeichnete sowie als Vertreter aller anderen in den verschiedenen Religionen erwarteten Gottesgesandten. Die Bedeutung dieses Mahdis für die Zukunft innerhalb und ausserhalb des Islams ist aus heutiger Sicht schwierig zu beurteilen. Ebenfalls interessant im Islam dieser Zeit ist das Auftreten von Baha'ullah (1817-1892), des Begründers des Bahaismus (bzw. der Bahai-Religion). Er gehört ebenfalls zum Phänomen einer Mahdi-Erwartung, wie sie v.a. vom Schaichismus ausging, von welchem aus Mulla Husayn den späteren Bab, Sayyid Ali Muhammad (1819-1850), als Mahdi bezeichnete. Dieser interpretierte die schiitische Mahdi-Vorstellung um und sah darin nur noch eine spirituelle Erneuerung ohne weltlichen Machtanspruch. Ab 1844 beanspruchte der Bab, welcher danach gefangengenommen und hingerichtet wurde, diese Rolle für sich. Die Bewegung der Babisten spaltete sich, wobei die Mehrheit in Baha'ullah den vom Bab prophezeiten nächsten Gottesoffenbarer sahen. Auch dieser behauptete (1863), der Verheissene der grossen Religionen zu sein. Auch das Mormonentum von Joseph Smith (1805-1844) in den USA ist zu erwähnen; dessen Buch Mormon erschien 1830 (Mormon ist ein Prophet, welcher im 4. Jahrhundert in Amerika gelebt haben soll, wofür aber jegliche Hinweise und Beweise fehlen [inhaltlich scheint das Werk v.a. auf die Kraft des alten Testaments zu verweisen; bedeutend ist die Umdeutung der amerikanischen Geschichte]). Ein weiteres Phänomen des 19. Jahrhunderts - wenn auch ohne eigentliche Neuoffenbarung - ist die methodistische Heilsarmee, welche 1865 von William Booth (1829-1912) in London gegründet wurde. Im 20. Jahrhundert reagierte der Katholizismus auf all diese (und weitere) Ereignisse mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965), in welchem es um eine ökumenische Erneuerung im Christentum ging. Der wesentliche Impuls dieser Phänomene scheint in vielfältiger Hinsicht das Zusammentreffen der Kulturen gewesen zu sein; der dabei entstandene Sektizismus wirft sicher auch einige Fragen bezüglich der Zukunft der Religion auf.

All dies (im Besonderen) ohne letzte Gewähr, natürlich, denn das sind sehr komplizierte Dinge teils, und ich hoffe, dass sich dabei keine gravierenden Fehler eingeschlichen haben, ich bin natürlich kein allzu grosser Kenner all dieser Phänomene. Sicher gibt es noch weitere religiöse Phänomene in jener Zeit - aber ein kurzer Einblick genügt hier, um zu zeigen, dass dieses 19. Jahrhundert eine religiös tief bewegte Zeit, in einer Art und Weise, in welcher man das in der Neuzeit bis dahin nicht gekannt hatte. Allerdings sind alle diese Phänomene doch eher Randerscheinungen im Konzert der grossen Religionen - deren Bedeutung für die Zukunft unklar ist, d.h. wir wissen nicht, ob einzelne dieser Phänomene eine grössere Bedeutung haben werden oder nicht. Dies ist hier auch - in der Philosophie - nur am Rande erwähnt. Man kann sicher aber nicht sagen, dass eine derartige Masse von religiösen Phänomenen für die Philosophie vollkommen ohne Bedeutung sei. (Anm. Die vielen Jahrzahlen habe ich hier eingefügt, weil sie für die Gesamtschau dieser Phänomene teils von Bedeutung sind.)

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Individualismus, Kulturkritik und Sozialdemokratie. Eigentlich hatte schon Kant von der kritischen Zeit gesprochen und seine Werke danach benannt, trotzdem sehen wir ihn heute als Klassiker an, während wir die grosse Kulturkritik im 19./20. Jahrhundert sehen. Ein Ausgangspunkt dafür war sicher Schopenhauer, auch Bahnsen, dann insbesondere aber Stirner, Mainländer und Nietzsche - drei der vermutlich kompromisslosesten Philosophen aller Zeiten und Länder. Max Stirner (eigentlich: Johann Caspar Schmidt, 1806-1856) - man bedenken die Zeit und ihren Aufruhr! - formulierte eine Philosophie eines fast vollkommenen Egoismus ("Der Einzige und sein Eigentum", 1845). Philipp Mainländer (eigentlich: Philipp Batz) ist der abgestürzte Philosoph, welcher eine Philosophie der Erlösung versuchte, die von manchen als der radikalste Pessimismus betrachtet wird, der je formuliert wurde. Und... Friedrich Nietzsche (1844-1900) ging ebenfalls an die Grenzen der Verrücktheit und ist in seiner ganz eigentümlichen Radikalität bis heute nahezu unfassbar - der unfassbarste Philosoph, den es je gegeben hat. Jedes seiner zahlreichen Bücher ist ein absolut erschütterndes Weltereignis. Er ist der schicksalshaft und fast grauenvoll in den vergangenen Zeiten versunkene Philosoph. Er hat diese alten Zeiten in seiner ganz eigenen - mitunter wirren und doch immer intellektuellen - Kunstform aufleben, oder vielmehr: aufspielen lassen, und hat sie dann aber ebenso radikal verworfen, wie alles, was ihnen folgte. Seine Philosophie wird Nihilismus genannt, obwohl er doch einen Wert setzte, aber einen nahezu unfassbaren: den Übermenschen (im Übrigen stammte - bei seiner ganzen Sprachkraft und -macht [wie man sie zuvor in der Philosophie in ganz anderem Kontext fast nur bei Jakob Böhme im 17. Jahrhundert findet, oder stark formalisiert natürlich auch bei Kant] - fast keine seiner grössten Ideen von ihm selber, auch jene vom Übermenschen nicht, denn der Grössenwahn lag in seiner Zeit quasi in der Luft und wurde u.a. vom russischen Schriftsteller Dostojewski schon bedeutend thematisiert [wenngleich dessen grosser Held, oder Antiheld, ins reine Christentum zurückfällt, während Nietzsche eben den nebulösen und traumtänzerischen Übermenschen begründet]). Insgesamt sprudelte Nietzsche natürlich trotzdem über von Ideen (und er komponierte, was weniger bekannt ist - wie später etwa Adorno - auch Musikstücke [die Freundschaft mit dem Komponisten Wagner und der Bruch in derselben haben es vielleicht verhindert, dass sich Nietzsche in diesem Bereich weiterentwickelt hätte - seltsamerweise blieb seine Musik auch praktisch frei von Einflüssen des berühmten Komponisten]). Egoismus, Pessimismus und Nihilismus - das lag also auch in dieser Zeit, vielmehr noch aber ein eigentlicher Individualismus, zu welchem wir neben Stirner und Nietzsche v.a. auch Sören Kierkegaard (1813-1855) zählen können. Seine Philosophie steht eigentlich - individualistisch - für sich alleine, doch im 20. Jahrhundert gab es einige Philosophen, welche sich so bedeutend auf ihn bezogen, dass er (posthum) auch zum Begründer des Existentialismus wurde. In all diesem entwickelte sich auch der Sozialismus weiter. Die Hauptfigur in dieser Weiterentwicklung ist Eduard Bernstein (1850-1932). In seinem Werk "Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie" (1899) brachte er zum Ausdruck, dass die neue Stossrichtung im Sozialismus - im Westen - fortan jene der Sozialdemokratie sein würde (die reine Sozialdemokratie setzte sich v.a. im deutschsprachigen und skandinavischen Raum durch, während in den übrigen Ländern meist noch immer Sozialistische Parteien und Arbeiterparteien den Ton im linken Lager angeben [der Revisionismus von Bernstein hatte aber eine europaweite Wirkung, indem darin nicht mehr eine sozialistische Revolution, sondern ein sozialer Reformismus angestrebt wird]). Sozialdemokratische Parteien hatten sich schon vorher begründet: 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Deutschland, 1888 die Sozialdemokratische Partei der Schweiz, 1889 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Österreich. Die Parteigründungen der Sozialdemokraten (und der Arbeiterbewegung überhaupt) waren der Auslöser für die Verbesserung und Verstärkung der Parteistrukturen der übrigen politischen Parteien, wie wir sie heute kennen.

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Man kann diese Zeit nicht betrachten, ohne im Besonderen auch die britische Philosophie und speziell die britische Moralphilosophie zu betrachten. Es gibt in der englischsprachigen Philosophie die klare Hauptlinie von: Empirismus -> Liberalismus -> Utilitarismus (-> Pragmatismus [USA]). Die Moralphilosophie spielte dabei nur eine Nebenrolle, weil ein gewisses moralisches Urteil natürlich bereits durch diese Hauptlinie besetzt war: die Moralphilosophie wurde aber im Verlauf der Zeit bedeutender und diversifizierter. Man kann in der englischen Philosophie ferner - wenn man von der Hauptlinie abstrahiert - fünf bedeutende Linien ausmachen. Die erste führt von Canterbury zu Locke, d.h. von der frühen Begründung der Vernunft (in der Religion) zum Anfang vom eigentlichen Liberalismus (Canterbury - Bacon R. - Scotus - Ockham - Bacon F. - Hobbes - Locke), die zweite von Hobbes zu den Wirtschaftsliberalisten (ich schildere hier die ganze Entwicklung der britischen Ökonomie: [Mun (Merkantilist)] - Hobbes [Staatsphilosoph eines aufgeklärten Absolutismus] - Petty [Sekretär von Hobbes, (früher) Vater der Nationalökonomie] - Child [Merkantilist] - North [Freihandelsvertreter] - [Denham-] Steuart [Später Vertreter und Zusammenfasser des Merkantilismus, in Schottland] - Smith [Nationalökonomie, Wirtschaftsliberalismus (in Schottland)] - Malthus [Nationalökonom] - Ricardo [Nationalökonom] - Senior [Nachklassik der Nationalökonomie] - Jevons [Neoklassik der Nationalökonomie, Grenznutzenschule (früher: Gossen in Deutschland), Neoliberalismus (v.a. in Österreich und in den USA)]), die dritte von Locke zu den Erkenntnistheoretikern (Locke - Berkeley - Hume), die vierte von den Liberalisten Locke und Smith zu den Utilitaristen und Moralphilosophen (Locke - Shaftesbury - Clarke - Hutcheson - Reid - Smith - Ferguson - Bentham - Mill - Sidgwick - Moore - Ross - Hare [ferner kommen dazu die Konservativisten: z.B. Bolingbroke oder Burke]) und die fünfte von Moore zu den Analytischen Philosophen (Moore / Russell [waren Freunde] ff); daneben gab es speziellere und/oder weniger bedeutende Achsen, z.B. die Oxford Calculators (14. Jh.), die Cambridger Platoniker (17. Jh.) oder natürlich die Wissenschaftler (17./18. Jh. - Boyle, Newton ff [weniger bedeutend für die reine Philosophie]), und daneben gab es natürlich auch noch viele einzelne Philosophen, welche sich nicht so gut einordnen lassen (die bedeutendsten der Neuzeit sind jedoch hier eingeordnet). Von den fünf Linien interessiert mich hier die vierte - jene der Moralphilosophen. Es ist sicher interessant, die englische Philosophie hier einmal analytisch zu betrachten, weil sie ja doch sehr vieles direkt bewirkt hat: die Vernunfterhebung, den Wissenschaftsimpuls, den Wirtschaftsliberalismus (das ist ja nicht gerade wenig, wenn wir die letzten 400 Jahre - inkl. der heutigen Zeit - betrachten). Und sicher ist es eben besonders interessant, einmal die britische Moralphilosophie etwas genauer anzuschauen; die Kontintentaleuropäer fühl(t)en sich ja gerade auf diesem Gebiet immer ein bisschen überlegen (aber trotzdem, oder gerade deswegen).

Sidgwick und die britische Moralphilosophie. Im angelsächsischen Raum gilt Henry Sidgwick (1838-1900) heute zuweilen als der bedeutendste bisherige Moralphilosoph überhaupt, dem europäischen Festland ist er hingegen kaum bekannt. Auch interessant: er war ein fast exakter Zeitgenosse des deutschen Nihilisten Friedrich Nietzsche. Während dieser die deutsche Philosophie sehr weit von ihrer Klassik wegführte, versuchte Sidgwick die schottische Philosophie des Common Sense (Reid, Beattie, Stewart, Brown, Hamilton), mit der englischen des Utilitarismus (klassisch bei Bentham und Mill [aufgenommen von Verschiedenen]) zu verbinden. Der Utilitarismus hatte sich in Verbindung mit dem Liberalismus - nebst dem Empirismus - als moralische Hauptphilosophie etabliert (dieser regelte das Verhältnis zur Wissenschaft, jene das Verhältnis zur Wirtschaft [und mehr war eben eigentlich in der Hauptlinie nicht unbedingt vorgesehen]). Grundsätzlich sollte die Wirtschaft liberalistisch ausgerichtet sein, dabei aber den Wohlstand der Vielen bewerkstelligen (das war das Hauptargument der Utilitaristen, mit welchem sie sowohl den Anarchismus von Godwin wie den Sozialismus von Owen abgewiesen haben - Bentham formulierte den Utilitarismus vor diesen, Mill bestätigte und verstärkte ihn nachfolgend [und ebenso erneuerte er das Band zum Liberalismus mit seiner Schrift "On Liberty", 1859 - als in Deutschland 1848 die Revolution wütete und Marx/Engels ihr Kommunistisches Manifest veröffentlichten, gab Mill die "Principles of Political Economy" heraus (die Briten hatten ihre Revolution etwas mehr als 100 Jahre vor der französischen, und sie wollten keine zweite - natürlich formierte sich der Sozialismus auch in Grossbritannien, aber irgendwie konnten die grössten Wirren dabei umschifft werden]). Ein kurzer Rückblick. Die Moralphilosophie begann in Grossbritannien - abgesehen von einzelnen früheren Moralphilosophen wie Canterbury oder Buchanan - mit Locke (Liberalismus) und erreicht dann v.a. in der Aufklärung eine grössere Bedeutung: 1. Earl of Shaftesbury (Allgemeine Harmonie und Wohlfahrt gegen den Egoismus bei Hobbes), 2. Samuel Clarke (Christliche Philosophie der Freiheit gegen den Atheismus von Hobbes und den Pantheismus von Spinoza), 3. Francis Hutcheson (Moral Sense - Wohltätigkeit und Mitgefühl gegen den Egoismus bei Hobbes), 4. Thomas Reid (Common Sense - der gesunde Menschenverstand muss die Grundlage aller philosophischen Erwägung sein [Common Sense Realismus*]), 5. Adam Ferguson (Streben nach moralischer Vollkommenheit**, Sozialethiker der Aufklärung, Mitbegründer der Soziologie). Am Ende der englischen Aufklärung kam Smith, welcher ebenfalls als bedeutender Moralphilosoph gilt, mit seinem Wirtschaftsliberalismus und dann Bentham und Mill mit ihrem Utilitarismus, und in diese Situation hinein kam Sidgwick - in eine mittlerweilen bereits grosse und gefestigte Tradition der britischen Moralphilosophie. In dieser Situation ist Sidgwick so etwas wie der Verbindungspunkt auch zwischen Mill und Moore, ein Student von Sidgwick (und mit Russell auch Begründer der angelsächsischen Ausprägung der Analytischen Philosophie - er fuhr aber auf beiden Schienen, der ethischen wie der analytischen, und gilt als bedeutendster britischer Moralphilosoph nach Sidgwick [mit Schriften wie "The Refutation of Idealism" oder "A Defence of Common Sense"]). Bei Sidgwick laufen also quasi alle Fäden der neueren britischen Moralphilosophie zusammen, und das ist wohl auch der Grund für die hohe Einschätzung, die er in Grossbritannien geniesst.

* Man könnte sagen, dass dies näher bei Aristoteles ist, während die deutsche Moralphilosophie näher bei Platon ist/war. Interessant sind vielleicht die grössten Probleme dieser ethischen Positionen: bei Platon ist es die Prinzipienübertreibung, bei Aristoteles ist es die Problemverharmlosung. Die Erklärung dazu habe ich bezüglich Platon schon gegeben. Der Idealismus beinhaltet das Ideal des Höchsten, bei Platon die Idee des Guten an sich. Natürlich neigt dieses Grundprinzip zu einem Absolutismus, also zu einer Prinzipienübertreibung. In der Realität wird dann meist auch nicht diese allgemeine Idee des Guten belassen, sondern diese wird mit irgendeinem konkreten Inhalt besetzt, welcher dann gefährlich übertrieben wird. Das Problem bei Aristoteles ist ein ganz Anderes: er zielt mit seiner Tugend auf die Mitte. Das ist der gutbürgerliche Ausgleich von allem - ebenfalls ein gutes und logisch erscheinendes Ideal. Man betrachtet immer zwei Extreme und zielt auf die Mitte. Das Problem hierbei: das tut man auch bei Problemen bzw. Problemlagen, und hier kann es dann gefährlich werden, weil man gewisse Probleme so herunterspielen und unterschätzen kann. Das habe ich gemeint mit dieser Aussage. Beide ethischen Ansichten - jene von Platon wie jene von Aristoteles - haben ihre Vor- und Nachteile (und man kann mit ihnen umgehen, wenn man diese kennt).

** Ferguson dürfte darin Kant beeinflusst haben - was ich nirgends speziell erwähnt und auch bei Kant nicht deklariert gefunden habe - welcher sich bedeutend für die britische Philosophie interessierte***: "It has been observed, that one of the strongest propensities in human natrure is ambition, that which tends to perfection, or the bettering ourselves." (Aus: "Institutes of Moral Philosophy", 1769). Er verwendete den Vollkommenheitsbegriff auch in weiteren Passagen bedeutend. Kants erkenntnistheoretische Wende, womit er erst auf den Weg seiner grossen Ethik kam, soll sich in einer kleineren Schrift 1770 vollzogen haben.

*** Kant bildet auch den Abschluss einer grossen europäischen Philosophieperiode, welche man auch die europäische Klassik nennen könnte, in welcher die Philosophie tatsächlich übernational war und betrachtet wurde. Etwa mit dieser Reihe: (Bodin - Hobbes -) Descartes - Locke - Leibniz - Voltaire - Hume - Rousseau - Kant, während Hegel dann schon bereits ein eher nationales bzw. rein deutsches Phänomen war, was bedeutend auch für Sidgwick und Nietzsche, wie zuvor für Schopenhauer oder Feuerbach, gilt (u.v.a. - es ist nicht so, dass man die Philosophie der Anderen nicht mehr zur Kenntnis genommen hätte, aber man kann doch eben nicht mehr von einer europäisch ausgerichteten und zusammenhängenden Philosophie sprechen, wie es in der Periode zuvor der Fall war [im 20. Jahrhundert gab es eine bedeutende Verbindung zwischen der deutschen und der französischen Philosophie, welche sich derzeit aber auch eher wieder am Verflüchtigen ist; die Europäische Integration in der Politik scheint auf der Ebene der Philosophie noch nicht ganz angekommen zu sein]).

Eines der schönsten Stücke der englischen Moralphilosophie lieferte freilich John Stuart Mill (1806-1873), als er, den Liberalismus von Locke mit dem Utalitarismus von Bentham verbindend, zu einer Lösung für die politisch zerrissene moderne Gesellschaft kam, bevor der Konflikt zwischen den Liberalisten und den Sozialisten überhaupt auf der Hauptebene der europäischen Politik erschien, indem er das aristotelische Mittelmass konsequent auf der soziologischen und politischen Ebene interpretierte (in seinem Werk "On Liberty", dt. Über die Freiheit, 1859). "Wenn nicht Ideen gleich günstig für Demokratie wie Aristokratie, persönliches wie gemeinsames Eigentum, Genossenschaften wie Wettbewerb, Luxus wie Abstinenz, Sozialismus wie Individualismus, Freiheit wie Diszplin, und für alle andern bestehenden Gegenwirkungen des täglichen Lebens mit gleicher Freimütigkeit zu Wort kommen und mit gleichem Talent und gleicher Energie angegriffen und verteidigt werden, dann ist keine Möglichkeit vorhanden, dass beiden Elementen ihr Recht wird. Die eine Schale muss dann steigen, die andere sinken. Die Wahrheit ist in den grossen praktischen Angelegenheiten des Lebens so sehr eine Frage der Versöhnung und Vereinigung von Gegensätzen, dass nur wenige ein genügend fähiges und unparteiisches Urteil besitzen, um die Schlichtung der Gegensätze korrekt genug auszuführen [...]." Schöner und schlichter kann man das - d.h. auch eine korrekte Interpretation von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - fast nicht formulieren. Dies erscheint zumindest als das rechte Mittel für eine gerechte Gesellschaft in Friedenszeiten, während in Kriegszeiten, die man im Allgemeinen doch so gerne verhindern würde, alles immer ein bisschen komplizierter erscheint. (Die Sätze von Mill deuten vielleicht auch darauf hin, dass ein gerechter Liberalismus, ein gerechter Sozialismus und ein gerechtes Christentum letztlich vielleicht auf das Selbe herauskommt bzw. dass sie sich irgendwie, von verschiedenen Grundansichten ausgehend, bei einem guten und gelungenen Ausgleich in der Mitte treffen, wie alle gerechten Ideologien überhaupt, nicht in der äusseren Form vielleicht, aber im inneren Sinn und Geist [von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit] - eine sinnvolle aktive Politik wäre dann ein Wirken gegen die Ungerechtigkeit [alles nach der Meinung von Mill gefolgert, welche in diesem Punkt auch meiner Meinung entspricht; es wird in der freiheitlichen Politik immer Richtungskämpfe geben, und es wird immer die eine Seite ein bisschen stärker sein als die andere, aber keine Seite sollte sich zum Absoluten hin bewegen - und natürlich müssen die Standpunkte auch gehalten werden, um sie langfristig zu verteidigen (gegen das Ungleichgewicht)].)

Als bedeutendste britische Philosophen des 20. Jahrhunderts gelten vermutlich Bertrand Russell (1872-1970) und Peter Strawson (1919-2006). Beide werden sowohl der analytischen wie auch der ethischen Philosophie zugeordnet (obwohl Russell die Ethik eigentlich nicht als philosophisches Gebiet sah, da sie nicht auf einem sicheren Wissen beruhe). Während Russell eine reine - und manchen übertrieben erscheinende - Empirik und Analytik vertrat, führte Strawson zurück zu metaphysischen und common-sense-moralischen Standpunkten. Russell und Strawson kritisierten sich gegenseitig.

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Illustration von Friedrich Eduard Bilz (Naturheilkundler und Lebensreformer) - "Das Volk im Zukunftsstaat" (1904).



Belle Epoque (auch: Fin de Siècle, etwa 1884-1914). Die Gegenwart schien in dieser Zeit immer aktueller zu werden, d.h. immer dichtgedrängter folgten sich wissenschaftliche und gesellschaftliche Fragen, Bewegungen und Veränderungen. In der Zeit der Belle Epoque - mit ihrem Höhepunkt der reformerischen Künstlerkolonie um die Brüder Gräser auf dem Monte Verità (bei Ascona, ab 1900) - bildete sich (wenn auch erst in einer wohlhabenden und/oder künstlerischen Oberschicht) ein neues Freiheitsgefühl heraus, welches jäh durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde (und seinen Fortgang in den USA fand, kulminierend - im Zuge der Proteste gegen den Vietnamkrieg - in der sogenannten 1968-er Bewegung [Stichworte: Hippies, Flowerpower, Summer of Love, Woodstock; die Vorläufer der Belle Epoque können wiederum in der Romantik (18./19. Jh.) sowie in der Bewegung der Naturheilkunde (im 19. Jh.) gesehen werden]). Eine Vielzahl von eigenartigen und -willigen und speziellen Gestalten und Philosophen - von denen die Meisten vergessen gingen - kamen in jener Zeit auf, wie etwa Karl Wilhelm Diefenbach, Rudolf Steiner (1861-1925), Jacques Élie Henri Ambroise Ner (alias Han Ryner), Rabindranath Tagore (nebst anderen indischen Persönlichkeiten), Georges I. Gurdjieff, Stefan George, Joseph Anton Schneiderfranken (alias Bô Yin Râ), Gusto Gräser, Rudolf Maria Holzapfel oder Hugo Ball (u.a. - auch der Dadaismus, begründet 1916, gehört noch dazu: ein schriller Aufschrei von Emigranten gegen den Weltkrieg [und in Paris folgten in den 1920-er Jahren, zwischen den beiden Weltkriegen, Les Années folles (die Fortsetzung der Belle Epoque quasi, während in Italien der Faschismus und in Russland der Kommunismus aufzog) und der Surrealismus]). In dieser Zeit, welche in der Philosophiegeschichte meist ein bisschen vernachlässigt wird (vermutlich: weil die 'echten Philosophen' - nie waren sie absenter - es verpasst haben, an diesem bedeutenden Kunst- und Kultur-Event teilzunehmen), gab es v.a. aber auch umwälzende Erkenntnisse in der Naturwissenschaft, insbesondere in der Physik: mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen und der Radioaktivität, v.a. dann aber mit der Quanten- und der Relativitätstheorie (1900/1905). Die gesamte (bis dahin mechanistisch betrachtete) Physik, so schien es, wurde auf den Kopf gestellt. Die Veränderung schien in ihrer ganzen (heute - über 100 Jahre später - noch immer unabsehbaren) Konsequenz fast jener zu gleichen, mit welcher die neuzeitliche Wissenschaft einst begründet wurde. Ebenfalls in dieser Zeit erhob Freud die Psychoanalyse - die Seele wurde endgültig zum grossen Thema des aktuellen Menschen. Sigmund Freud (1856-1939) und Albert Einstein (1879-1955) - vom bedeutenden Time-Magazin am Ende des 20. Jahrhunderts zur grössten Persönlichkeit desselben gewählt - wurden zu den grossen Figuren eines (20.) Jahrhunderts, welches von seiner Intensität her noch einmal alles bisher dagewesene übertreffen sollte, im Positiven wie im Negativen. Was blieb in diesem letzten Jahrhundert für die Philosophie übrig? Es schien fast ein bisschen so, als ob nun eben die Wissenschaftler die Themen setzen würden - und nicht mehr die Philosophen. Die Naturphilosophie und -wissenschaft lag in den Händen von Einstein, die Geistesphilosophie und -wissenschaft in jenen von Freud. Eine anderes Kulturphänomen trat neben der Wissenschaft immer grösser in Erscheinung und begann die Philosophie ebenfalls immer stärker zu beeinflussen: jenes der Kunst. Insbesondere Schopenhauer und Nietzsche gingen bereits - recht überhöht - auf die Kreativität und (wie sie meinten) das Genie des Künstlers ein (der Geniebegriff ist der Traum von einem überbegabten Menschen, wie er eigentlich auf die Renaissance bezogen wird [vgl. Da Vinci]). Anlass zu einer solch erhobenen Betrachtung gaben v.a. die Klassische Musik (Mozart, Beethoven, Wagner) und die Moderne Malerei (Van Gogh, Munch, Picasso). Was früher einmal die Seher und Propheten, später die Apostel und die Philosophen waren, das sind nun die Künstler - die Maler und die Musiker (das 18. Jahrhundert war - wie gesehen - von den Literaten geprägt, das 19. von den Malern und das 20. von den Musikern). Die Kunst und Musik bieten eine Art Seelenprophetie. Von ihnen wollte man jetzt - das war modern - wissen, wie sie die Welt sehen, und was sie von ihr erwarten (das gilt noch nicht unbedingt für die genannten Künstler, die noch nicht einen so grossen Rückhalt hatten, aber für die kommenden, im 20. Jahrhundert [und für die vergangenen in der Rückbetrachtung (Van Gogh verkaufte zu Lebzeiten ein einziges Bild, und heute ist sein teuerstes Bild 82,5 Mio. Dollar wert)]).

Anm. Aus philosophischer Sichtweise müssten wir wohl Woodrow Wilson zur Person des 20. Jahrhunderts erheben, weil er die Völkerbundidee von Immanuel Kant umgesetzt hat. Aber, wie wollen wir das den Leuten erklären, und wer kennt den überhaupt noch? (Und heute müssen wir leider konstatieren, dass die Verschwörung der Reichen [G7/8, G20] vermutlich in der Welt mehr bewirkt als die Versammlung der Vielen - trotzdem müssen wir aus ethischen Gründen am Völkerbund festhalten.)


Exkurs - Kunst, Medien, Werbung, Multimedia, Internet, oder die bedeutendsten Nebensachen der Welt. Im Volksmund wird manchmal der Fussball* als die wichtigste Nebensache der Welt bezeichnet - und ich wäre gar nicht einmal abgeneigt, dem zuzustimmen - aber vielleicht gibt es noch bedeutendere Nebensachen, nämlich eben z.B.: Kunst, (Massen-) Medien, Werbung, Multimedia, Internet (bzw. World Wide Web). Und es dürfte kaum abzustreiten sein, dass diese Dinge die moderne Welt ganz wesentlich verändert haben - und daher natürlich auch Berührungspunkte mit der Philosophie aufweisen. Sie haben die Art und Weise verändert, oder sind immer noch daran, dies zu tun: wie wir die Welt sehen, begreifen, verstehen, erkennen. Wie sollen wir eine Welt begreifen, die nicht mehr greifbar ist? Weil sie virtuell ist. Die nicht mehr auf Verstand beruht? Weil sie abstrakt ist. Die sich unserer Erkenntnis entzieht? Weil sie surreal ist. Das sind Fragen, die sich heute vermehrt stellen, nicht nur in der Philosophie, sondern sogar auch in der Wissenschaft (spätestens seit dem Aufkommen der Quanten- und der Relativitätstheorie). Lange bevor die Wissenschaft der Physik auf die Strahlungsphänomene gestossen ist (insbesondere die Röntgenstrahlung und die Radioaktivität) hat uns die Kunst der Malerei in eine abstrakte Welt eingeführt, z.B. beim Surrealismus von Bosch (im 15./16. Jh.) oder Arcimboldo (im 16. Jh. - mit seinen seltsamen Gemüsegesichtern). Die Dinge wurden plötzlich anders, als sie eigentlich sind bzw. als wir eigentlich gedacht haben, dass sie sind. Die Erde stand plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt der Welt, sie war auch keine flache Scheibe mehr, und mehr noch: sie bewegte sich sogar. Nun aber gab es plötzlich auch Gesichter, die aus Früchten zusammengesetzt waren. Was sollte man mit solchem anfangen? Das macht eigentlich keinen bedeutenden Sinn, und trotzdem ist es eine künstlerische und künstliche Realität. Die alte Kunst hatte ihren genauen Ort: in der Ästhetik (v.a. der ästhetisierenden Darstellung des Menschen) der Antike, in der Religion des Mittelalters; die neue Kunst in der Neuzeit und deren Moderne aber hob die alten Orte auf: die Religion war nicht mehr das Sujet, die Ästhetik nicht mehr das Motiv für Kunst. Erst im 17. Jahrhundert sollten sich die neuen Tendenzen in der Kunst durchsetzen. Es war die Zeit der grossen niederländischen Meister: Rubens, Goyen, Rembrandt, Vermeer. Stimmungen hielten plötzlich Einzug in die Malerei - bedeutend dazu auch etwa Caravaggio (im 16./17. Jh.) sowie Wright, Füssli und Blake ([Vor-] Symbolismus, im 18. Jh.), Turner und Constable (Romantik im 19. Jh.) - und mit ihnen zuerst einmal die Düsterkeit. Die Menschen wurden nicht mehr stilisiert dargestellt, sondern natürlicher, manchmal auch schon hypernatürlich. Der Fokus ist eines der bedeutendsten Merkmale der neuen Malerei. Einzelne Dinge wurden in den Fokus genommen, aber manchmal ging es gar nicht um die Dinge selber, sondern um die reine Kunst, ohne eigentliche Aussage, wie etwa in der Malerei des Stilllebens - herausragend: Claesz (im 17. Jh.). Bei Goya kündigte sich schon der Sturm der Moderne an, welche noch zurückgehalten wurde durch Romantik und Biedermeier, dann aber voll durchschlug, vorerst mit dem Impressionismus (Pissarro, Manet, Degas, Cézanne, Monet, Renoir) und dem Expresssionismus (van Gogh, Munch) sowie dem Symbolismus - auch von der Literatur aufgenommen (Moréas) - und dem Fauvismus (alles Strömungen der modernen Malerei, welche gegen den Naturalismus gerichtet waren). Noch im 19. Jahrhundert sind viele Vertreter einer vollkommen neuen Malerei geboren: Rousseau [Henri], Gaugin, Klimt, Kandinsky, weiter ging es in zunehmender Abstraktion mit Malewitsch, Klee, Picasso, Braque, Ernst, Dali usw. usf., etc. etc. Die eigentliche Wirklichkeit des Bildes wurde immer weiter abstrahiert - bald kamen nur noch Formen vor, v.a. Quadrate, Linien, Striche. Die Malerei wurde auch graphischer - ganz einfach deswegen, weil sie von der werbe- und absatzorientierten Grafik, wie sie v.a. die Medien mit sich brachten, beeinflusst wurde (vielleicht war dies sogar die bedeutendste Beeinflussung der Malerei seit jener, welche im Mittelalter von der Religion ausgegangen war). Es schien so, als ob man alle möglichen Arten und Weisen, wie man die Welt sehen konnte, in ein Bild bringen wollte, wobei man auch durchaus immer neue Erschütterungen der gängigen Weltbilder provozierte. Von einer entarteten Politik wurde die abstrakte Kunst als 'entartete Kunst' bezeichnet. Im Fotorealismus des 20. Jahrhunderts konnten die Maler nur noch zeigen, dass sie das auch können, was der Fotoapparat kann, aber der Computer stellte mit zunehmenden Möglichkeiten in der Bildverarbeitung selbst die Kombination von Fotorealismus und Surrealismus in den Schatten. Das war eigentlich so etwas wie das Ende der Malerei (also der schönsten Kunst vielleicht überhaupt). Ist es tatsächlich möglich, dass die Technik in dieser Art und Weise alles ersetzen wird, was der Mensch hervorbringen kann? Wir sagen: nein, aber wir sind uns nicht mehr sicher heute. Ein verstörender Science-Fiction-Fantasy-Gedanke (aber natürlich: es bleibt auch der Gedanke, welchen Jesus Christus eigentlich schon ausgesprochen hat, vor rund 2000 Jahren: in jedem Lebewesen, und erst recht in jedem Menschen, bleibt, was auch immer geschehen mag in den Ewigkeiten aller Ewigkeiten, so etwas wie eine Seele übrig - und das ist der grösste Gedanke des Messias überhaupt [welcher noch gar nicht an die Maschinen, Automaten, Roboter, Androiden und Cyborgs dachte, und trotzdem schon wusste, worum es eigentlich geht]). Und was werden Multimedia und Internet uns noch alles bescheren in der Brave New World oder in der New World Order (oder: wie auch immer)? Die Schreckensvision hat H.G. Wells (1866-1946) geschildert (1895, in seiner berühmten Zeitmaschine-Novelle - in der Belle Epoque), mit den Eloi und den Morlocks (und dem Verlust des Zusammenhangs von einer Menschheit überhaupt [aufgrund zweier sich im totalen Streit verschieden entwickelnden Menschheitsteilen - das ist die absolute Dystopie der Menschheit (zehn bedeutendste Science-Fiction-Autoren, vielleicht etwa: Kepler, Voltaire, Shelley, Verne, Stevenson, Wells, Heinlein, Clarke, Asimov oder Dick]).

* Exkurs: Philosophie und Fussball. Passen der Fussball und die Philosophie auch nur irgendwie zusammen? Langezeit hätte man das sicher verneint - spätestens seit der Hochscholastik galt die Intellektualität mehr oder weniger als körperlich bewegungslos - aber im mittleren und späteren 20. Jahrhundert traten erste solche Verbindungen auf, bedeutend etwa bei Camus (in seiner Jugend Fussballtorwart), Apel (bekennender Fussballkenner, welcher sportliche Fairness als Vorbild für eine allgemeine Moraltheorie sieht [etwa in der TV-Sendung "Der Letztbegründer", 1992]) oder aktuelle Autoren von philosophischen Fussballbüchern (Gessmann: "Philosophie des Fussballs" [2011], Gebauer: "Das Leben in 90 Minuten - Eine Philosophie des Fussballs" [2016]). In seinem letzten Prosawerk "La Chute" (dt. Der Fall, 1956) liess Camus die Hauptfigur Clamence sagen: "Nur im Fussballstadion und im Theater kann ich mich noch völlig unschuldig fühlen." Ganz so unschuldig kommt uns das bisher einzige philosophische Werk eines Spitzensportlers aber vielleicht nicht vor. Es gab nämlich einen Schachweltmeister, welcher zugleich Mathematiker und Philosoph war: Emanuel Lasker. Und dieser schrieb ein Buch namens "Kampf" (zugleich auf Englisch erschienen: "Struggle", 1907). In diesem Buch beschrieb er seine Version eines sportlichen Idealmenschen, welchen er als Macheiden bezeichnete (daher auch der Begriff der Machologie für seine Philosophie oder Wissenschaft des Kampfes). Wahrer Sport ist natürlich nicht nur Kampf, sondern auch Spiel, und vielleicht auch Kunst. Steinitz, der erste offizielle Schachweltmeister überhaupt meinte: "Schach ist so inspirierend, dass ich nicht glauben kann, dass ein guter Spieler während der Partie böse Gedanken hegt." (Vermutlich muss einerseits im Allgemeinen meist derjenige mehr kämpfen, der seiner Aufgabe weniger gewachsen ist, und andererseits müssen die Menschen auch wiederum immer kämpfen, um die Trägheit überhaupt zu überwinden.) Oder Karpow: "Schach ist alles: Kunst, Wissenschaft und Sport." Wie meistens werden die Einschätzungen auch hierzu verschieden ausfallen. Inwiefern sind überhaupt Fussball und Schach vergleichbar (bzw. verschiedene Sportarten untereinander überhaupt)? Ein deutscher Spitzenfussballer meinte einmal ironisch dazu: "Fussball ist wie Schach - nur ohne Würfel." Eines ist sicher, Fussball ohne Kampf ist ebenso undenkbar wie Fussball als reiner Kampf (vgl. legendäre Anti-Spiele wie The Battle of Highbury 1934 oder The Battle of Santiago 1962). Weitere Berührungspunkte zwischen Philosophie und Sport: Platon soll der Legende nach zu den antiken Olympiasiegern gehört haben (Pankration), tatsächlicher Olympiasieger in der Neuzeit wurde der deutsche Philosoph Hans Lenk 1960 im Rudern; ferner soll Heidegger als Skilehrer bei Universitätsausflügen aufgetreten sein, während Kant sein Studium mit Gewinnen aus Billardturnieren finanziert haben soll. Es gibt also nicht allzu viele Bezüge, ein paar wenige - und daher doppelt interessante - aber schon. Wer sich dagegen mit intellektuellem Widerwillen gegen jegliche sportliche Betätigung eindecken möchte, der wird fündig bei... George Orwell ("The Sporting Spirit", 1945). In der Praxis ist übrigens so, dass nicht nur immer mehr Philosophen ein Interesse für den Fussball entdecken, sondern: dass auch im Fussball immer öfter nicht mehr nur von reinen Spielsystemen die Rede ist, sondern von Spielphilosophien. Das heisst: das Ganze ist ein bisschen komplexer, komplizierter und interessanter geworden, und das ist ja eigentlich auch ein Kompliment an die Philosophie - man muss es auch einmal umgekehrt sehen; eine Anbiederung an den Fussball ist der Philosophie natürlich aber trotzdem nicht zu empfehlen: sie sollte sich eigentlich an überhaupt gar nichts anbiedern. (Auch in der Wirtschaft ist übrigens heute öfter die Rede von Unternehmensphilosophien, und vielleicht benötigen auch die Staaten in der Zukunft bessere Philosophien - Staatsphilosophien.)

Im 20. Jahrhundert hat die Musik die Malerei (im 19. Jh.) und die Literatur (im 17./18. Jh.) als bedeutendste Künste abgelöst. Wer hat die Welt stärker beeinflusst: Elvis Presley (mit wunderschönen Songs wie "Bridge Over Troubeled Water" [von Paul Simon] oder "You'll Never Walk Alone", welche - nicht von ihm selber geschrieben, aber trotzdem - zeigen, warum die moderne Musik so erfolgreich war/ist [falls andere es teils nicht tun]) und John Lennon - und Bob Dylan (welcher im Jahr 2016, verliehen von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, sogar den Literaturnobelpreis gewann), Mick Jagger, Bob Marley, Bruce Springsteen, Billy Bragg, Stuart Adamson, Michael Jackson, Sam (aka Leslie) Phillips (u.v.a.) - oder aber Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre, welche vielleicht die bedeutendsten und/oder bekanntesten Philosophen des 20. Jahrhunderts sind? Die Antwort ist klar - es dürften eher nicht die Philosophen sein (und wie sollten diese erst gegen die heutige und zukünftige Filmindustrie ankommen?, es geht ja längst nicht mehr nur um Bücher, wir haben in der letzten Zeit viele spektakuläre Filme gesehen und fragen uns, was für weitere Spektakel in diesem Bereich noch folgen werden in der Zukunft: die Filmkunst wird weiterentwickelt derzeit zur eigentlichen Multi-Media-Kunst und in diesem 21. Jahrhundert die führende Rolle in der Kunst von der Musik übernehmen) - aber wir wollen uns hier der Philosophie widmen. Die Musiker des 20. Jahrhunderts waren übrigens nicht nur viel berühmter als die Philosophen ihrer Zeit, sondern auch als die Literaten ihrer eigenen Genres (z.B. und v.a. Beat-Literatur mit Burroughs, Ferlinghetti, Bukowski, Kerouac, Ginsberg, Corso, Brautigan - alles auch eigentlich direkte Nachkommen des Freiheitsgefühls der Belle-Epoque-Generation). Wenn heute gesagt wird, dass die Belle Epoque nur etwas für die Reichen war, dann stimmt das wohl schon, aber die weiterreichenden Auswirkungen wurden zum Allgemeingut (inkl. der grossen Befreiungsbewegungen in der westlichen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts).


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Die Zeitperiode, welche auf die Belle Epoque folgte, konnte keinem Philosophen gefallen: Erster Weltkrieg, Faschismus, Weltwirtschaftskrise (engl. Great Depression), Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg.

Die dunkelste Stunde der Philosophie (oder: die Philosophen sehen schwarz). Schopenhauer und Kierkegaard gehören - wie immer auch man ihre Philosophie in einer Einzelbetrachtung bewertet - zu den grössten Beeinflussern der modernen Philosophie überhaupt. Von Schopenhauer beeinflusst, entstand eine Reihe von mehr oder weniger diffusen bis dubiosen Philosophien, etwa mit der Psychophysik von Fechner, dem Voluntarismus von Wundt, der Philosophie des Unbewussten von Hartmann (Eduard v.) oder dem Empiriokritizismus von Avenarius (mit bedeutendem Bezug auch zum Pantheismus von Spinoza). Richard Avenarius (eigentlich: Richard Habermann, 1843-1896) prägte den Begriff des Empiriokritizismus, welcher nicht etwa eine Kritik am Empirismus bedeutet, sondern im Gegenteil die vollkommene Radikalisierung desselben, womit er sowohl die Metaphysik wie auch den Materialismus aus der Philosophie ausschliessen wollte (ohne damit eine Ethik zu begründen, notabene). Vor ihm bereits gilt Gottlob Frege (1848-1925) mit seiner "Begriffsschrift, eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens" (1879) als Begründer der Analytischen Philosophie - und damit dem Versuch der mathematischen Formalisierung der Philosophie - mit welcher er etwa Russell und Wittgenstein beeinflusste. Ludwig Wittgenstein (1889-1951), ein Österreicher, welcher nach England übersiedelte* - ich betrachte hier den philosophiegeschichtlich bedeutenderen früheren Wittgenstein - sollte nun aufzeigen, wohin dies alles zielte. Er ging mit seinem "Tractatus logico-philosophicus" (1921) in seiner Antiphilosophie weiter als die bisherigen, indem er forderte, alle philosophischen Probleme überhaupt abzuschaffen. Das heisst: das ist die Forderung aus der Philosophie heraus, die Philosophie selber abzuschaffen (zugunsten einer reinen Wissenschaft, natürlich). Das ist die dunkelste Stunde der Philosophiegeschichte überhaupt. Die dunklste Stunde der Philosophie hielt in den 1920-er Jahren an: etwa mit der Behauptung vom Untergang des Abendlandes, von Oswald Spengler (1922), oder jener, dass der Geist der Widersacher der Seele sei, von Ludwig Klages (1929). Die Philosophie war auf einem Nullpunkt angekommen. Dann wurde es eine Weile lang ganz schwarz - die Welt stand vor dem Zweiten Weltkrieg. Als die Lichter wieder angingen, kam ein ganzes Heer von Poststrukturalisten in Frankreich (Lacan, Barthes, Lyotard, Deleuze, Foucault, Derrida, Baudrillard, Guattari) mit einer Kulturkritik, welche an die Heftigkeit von Nietzsche erinnerte oder diese teils sogar noch übertraf. Diese stimmte in die Kritische Theorie in Deutschland (Benjamin, Horkheimer, Marcuse, Fromm, Löwenthal, Adorno) mit ein, welche aus jüdischen Denkern bestand, die im Krieg emigrieren mussten und ebenfalls eine scharfe Kultur- und v.a. auch Technikkritik vorbrachten. Beide Richtungen liessen teils fast endzeitmässige Stimmungen aufkommen. Der bedeutendste dieser kritizistischen Philosophen ist vielleicht Michel Foucault (1926-1984), der schärfste vielleicht Jean Baudrillard; typisch natürlich auch die Philosophie der Dekonstruktion von Derrida. Die Kulturkritik wurde so in Deutschland wie in Frankreich zur führenden Philosophie. So verschob sich das Hauptinteresse der Philosophie, wie sich zeigen sollte, immer mehr in die USA, wo sich eben vorab die früher in Deutschland formierte analytische Richtung weiterentwickelte.

* Wir sehen radikalempiristische und/oder analytische Richtungen heute in der angloamerikanischen Philosophie - v.a. in den USA - beheimatet, aber dies ist ebenfalls in der deutschsprachigen Philosophie entstanden. Besonders gilt es hierbei die verschworene Gruppe des Wiener Kreises zu erwähnen, in welchem sich österreichische, deutsche und internationale Persönlichkeiten aufhielten. Die Philosophie dieses Kreises wird als Neopositivismus oder Logischer Empirismus/Positivismus bezeichnet. Es gibt viele Namen dafür, die letztlich aber alle dasselbe bedeuten: quasi die Abschaffung der Philosophie zugunsten einer reinen (Natur-) Wissenschaft. Einige der Neopositivisten mussten im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges das Land verlassen, und es zog sie in Richtung England und USA, was auch dazu beitrug, dass dieser Neopositivismus dort (im weiten Feld der analytischen Philosophie) die vorherrschende Richtung der Philosophie im 20. Jahrhundert wurde. Damit geriet die Philosophie ein bisschen aus dem Gleichgewicht, weil sowohl in Kontinentaleuropa wie im angloamerikanischen Raum die bestehenden Tendenzen noch einmal verstärkt wurden (während die Gegengewichte ihnen weitgehend fehlten). Insgesamt hatte die angloamerikanische Philosophie mit dieser Entwicklung fortan im 20. Jahrhundert vermutlich die grössere Kraft, aber sie brachte doch eigentlich recht wenig Neues und Weltbewegendes hervor. Aber nicht nur dies: nicht nur der Neopositivismus wurde so in die USA exportiert, sondern auch der Neoliberalismus, welchen dort Milton Friedman prominent vertreten hat (der Neoliberalismus hat sich jedoch ebenfalls in Österreich durch Hayek, ein Verwandter von Wittgenstein und - wie Mussolini oder Hitler - einer der weltberühmtesten Überläufer von links nach rechts, und Mises begründet [siehe: Österreichische Schule der Nationalökonomie]). Das ist also von einigermassen grosser Weltbedeutung. Die bedeutendsten Begründer im inneren und äusseren Kreis des Wiener Kreises, welche emigrierten sind (u.a.): Carnap (USA), Gödel (USA), Hempel (USA), Menger (USA [Sohn des Begründers der Österreichischen Schule der Nationalökonomie]), Mises (USA), Morgenstern (USA [stand in engem Kontakt mit Hayek und Mises und begründete in den USA mit dem ebenfalls emigrierten Neumann die Spieltheorie]), Popper (England), Reichenbach (USA), Tarski (USA), Waismann (England), Wittgenstein (England - bereits früher); im Zusammenhang mit diesem Kreis standen auch vor den Emigrationen schon bedeutende US-amerikanische und britische Positivisten wie Ayer (USA), Ramsey (England) oder Quine (USA), welche die Emigrationen teils mitorganisierten. Neben den Mitgliedern dieses Kreises emigrierten natürlich auch andere Wissenschaftler in die USA. Dieses Beispiel zeigt, dass in der modernen Welt nicht nur die internationalen Verhältnisse des Kapitals, sondern auch jene des Geistes zu beachten sind.

Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, was wahre Wissenschaft (und was wahre Soziologie) ist. Wahre Wissenschaft ist für mich jener Bereich, welcher durch die Nutzung aller möglichen Quellen versucht, ein möglichst gutes Wissen zu erreichen (und Soziologie ist für mich eine Wissenschaft, welche nach möglichst guten Lösungen sucht, um die Probleme, welche sich in den Gesellschaften ergeben, zu lösen). Dazu brauchen wir keinen Positivismus, d.h. keine Reduktion auf allfällige Allfälligkeiten - oder jedenfalls nicht nur solche, und auch kein Ausruhen auf den Lorbeeren derselben - sondern immer wieder ein echtes Bemühen und grosse Anstrengungen. Wer Wissenschaft will, muss mit Komplexität rechnen. Diese möglichst einfach darzustellen, kann nicht das Weglassen und Vergessen von Wesentlichem bedeuten.

Ich sage nicht, dass es bei Wittgenstein nicht auch gute und brauchbare Gedanken gäbe, oder dass Sprach- und auch Philosophiekritik grundsätzlich schlecht ist, aber einige seiner Sätze und Auffassungen sind so problematisch, dass ich sie hier - aufgrund der grossen Bedeutung, die sie erlangt haben - nicht vorenthalten möchte. Die problematischsten seiner Sätze sind etwa diese (immer in einem wissenschaftlichen Kontext zu sehen [und abgesehen von den ganzen mehr oder weniger abstrusen pseudomathematischen Formalitäten, welche er vorbringt, und welche in dieser Art von Philosophie dann immer bedeutender werden]): "Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. [...] Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten. [...] Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen. [...] Und es ist nicht verwunderlich, dass die tiefsten Probleme eigentlich keine Probleme sind. [...] Alle Philosophie ist 'Sprachkritik'. [...] Alle Sätze der Logik sagen aber dasselbe. Nämlich Nichts. [...] Wir können uns in einem gewissen Sinne, nicht in der Logik irren. [...] Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. [...] Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt. [...] Das Ich tritt in die Philosophie dadurch ein, dass die 'Welt meine Welt ist'. [...] Immer kann man die Logik so auffassen, dass jeder Satz sein eigener Beweis ist. [...] Alle Sätze sind gleichwertig. [...] Gott offenbart sich nicht in der Welt." Die Neopositivisten versuchen eigentlich gegenüber der Philosophie den selben Trick anzuwenden, welchen die Aufklärer gegenüber der Religion angewendet haben - da sie sich aufgrund der Absolution, welche sie ihrem eigenen Denken und ihren eigenen Vorstellungen unterstellen, mit diesen Dingen nicht mehr beschäftigen möchten, erklären sie sie einfach kurzum zum Unsinn. Schon Augustinus sagte, dass ein vernünftiger Mensch nicht auf die Wissenschaft verzichten könne, aber wie unvernüntig ist es, zu behaupten, dass man in einem reinen Wissen (so es denn erreichbar wäre) keine Weisheit mehr benötigen würde? Ich träume auch von einer vollkommenen Wissenschaft - sicher - aber ich kann diesen Traum einordnen in realistische Verhältnisse. Wittgenstein entspricht nicht der Abschaffung einer allfälligen Ignoranz und Arroganz in der Philosophie, sondern der Spitze derselben. (Es ging und geht aber trotzdem weiter mit der Philosophie. Wenn man über Philosophie sprechen will, kann man ihre dunkelste Stunde nicht weglassen, ihre Selbstanklage. Ignoranz und Arroganz gibt es in anderen Bereichen des Menschlichen natürlich übrigens auch - in der Philosophie sollte man aber leichter darüber sprechen können. Man kann einzelne Philosophen kritisieren, auch die ganze Philosophie, aber was ändert dies daran, dass die Menschen sich in der Welt orientieren müssen, und Urteile und Entscheide fällen müssen?, und dass man darüber sprechen muss, wie dies geschehen kann und soll. Seit der Aufklärung ist man sich darüber einig, dass dies im Allgemeinen nicht in Geheimbünden, wie ehedem in den dunkleren Zeitaltern, geschehen soll, sondern in einem offenen Diskurs. Das ist der Grundgedanke der Aufklärung [engl. Age of Enlightenment, frz. Siècle des Lumières].)

Ist die Aufklärung gescheitert? Manche bezeichneten sie als ewiges Projekt aller künftigen Philosophie, einige stellten sie in Frage - etwa Horkheimer/Adorno sowie auch andere Kritizisten des 20. Jarhunderts (leider gehört auch der Schweizer Schriftsteller Max Frisch dazu, welcher 1986 in seiner Rede "Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb" meinte, das Projekt der Aufklärung sei weitherum gescheitert). Der Sozialpsychologe Gustave Le Bon schrieb (in seinem Hauptwerk "Die Psychologie der Massen") bereits 1895: "Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer." Wer so schreibt missachtet die ganzen Erfolge der Aufklärung, die heute unbestreitbar vorhanden sind, und er überlässt das Feld allzu leicht der Gegenaufklärung.

Ausgerechnet ein US-Amerikaner hat die Problematik der europäischen Philosophie des 20. Jahrhunderts vermutlich am Besten zusammengefasst: Rick Roderick (1949-2002) ist bekannter durch seine Vortragsreihen als durch seine Bücher. 1993 hielt er eine Vortragsreihe unter dem Titel "Self Under Siege" (dt. Das Selbst unter Druck [oder genauer: Belagerung]), in welcher er einige der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts und ihre Ideen erklärte und zeigte, dass er ein sehr guter Kenner und Analyst der modernen Philosophie ist. Es gibt ein paar Vorbehalte, trotzdem kann man dies empfehlen als Einstiegs- und/oder Basiswissen. Lecture 1: Masters of Suspicion, Lecture 2: Heidegger - The Rejection of Humanism, Lecture 3: Sartre - The Road to Freedom, Lecture 4: Marcuse - One-Dimensional Man, Lecture 5: Habermas - The Fragile Dignity of Humanity, Lecture 6: Foucault - The Disappearance of the Human, Lecture 7: Derrida - The Ends of Man, Lecture 8: Baudrillard - Fatal Strategies. Das ist natürlich kein leichter Stoff - v.a. wegen der negativen Grundtendenz, die wir, offen oder versteckt, oft darin finden - aber es ist die Philosophie des 20. Jahrhunderts. Ich muss gestehen, dass ich in philosophischer Hinsicht froh bin, dass das 20. Jahrhundert vorbei ist, denn das lässt zumindest die Hoffnung offen, dass es mit der Philosophie wieder aufwärts gehen könnte (im Konjunktiv gesprochen, natürlich).

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Die Kunst des Existentialismus. Der Existentialismus ist so etwas wie der Lichtblick in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, jedenfalls kann man das so auffassen - zwischen der kritizistischen und der analytischen Philosophie. Auch hier sind die Deutschen (Jaspers, Heidegger - Ontologie/Metaphysik: Hartmann [Nicolai]) und die Franzosen (Lavelle, Marcel, Sartre, De Beauvoir, Camus) - ich würde daneben auch von einem Schweizer Existentialismus sprechen (insbesondere mit Frisch und Dürrenmatt sowie weiteren Schriftsellern; weitgehend ohne spezifische oder ausführliche Existenzphilosophie, es finden sich aber doch auch, wenn man den Kreis ein bisschen weiter fasst, einige belletristische und auch philosophische Texte von verschiedenen Denkern dieser Zeit dazu [und gerade Frisch - und warum nicht auch Dürrenmatt? - entsprach durchaus sehr einem existentialistischen Künstlertypus]). Korrekterweise müsste man bei der deutschen Richtung von der Existenzphilosophie sprechen (nach einem Begriff von Jaspers) und bei der französischen von einem Existentialismus. Allerdings blieb auch der Existentialismus alles andere als kritikfrei: die Ethik spielt in dieser Philosophie (ebenfalls - wie in der gesamten Philosophie des 20. Jahrhunderts) keine allzu grosse Rolle, und manche werfen den existentialistischen Philosophen, insbesondere Heidegger und Sartre, ein allzu grosses Gewörtel vor, d.h. Sprache um der Sprache willen und nicht um der Philosophie willen. Die existentialistische Philosophie soll aber auch viel mit Kunst zu tun haben. Das Kunstwerk ist sozusagen der Urgrund für den Existentialisten. Und innerhalb des Existentialismus wiederum war es der Roman "L'Étranger" (1942) von Albert Camus, welcher das bedeutendste belletristische Werk zu diesen Themen war. Das Fremde und das Andere sind (im Gegensatz zur reinen Subjektphilosophie im Kartesianismus und bei den modernen Individualisten) ein bedeutendes Thema - v.a. im französischen Existentialismus. Der Existentialist ist jedoch auch quasi ein Anti-Meursault* (d.h. das Gegenteil vom Helden bzw. Antihelden dieses Romans, obwohl er diesen Typ auch und vielleicht sogar zuerst in sich trägt, und dieser auch einen bedeutenden Teil seiner Künstlerseele ausmacht: er ist sich seiner Existenz bewusst, er denkt über diese nach, insbesondere auch über seine Ängste und Gefühle - vgl. Kierkegaard - was der naive und in seiner Naivität fast ein bisschen gewissenlose Meursault, der sehr stark dem 'Homo Faber' [1957] bei Frisch ähnelt, im Roman nicht tut [es gibt weitere literarische Figuren zu diesem Thema in der Literatur dieser Zeit, aber keine ist ganz so typisch wie diese beiden]). Rein philosophietheoretisch sind Heidegger und Sartre grösser - ebenso in ihrer starken Rhetorik, auch als erste Public Philosophers. Doch dem eigentlichen Typus des Existentialisten entsprechen v.a. Camus und Frisch (das ist der Existentialist oder der typische Intellektuelle der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, etwa im Gegensatz zum Dandy, einem anderen Künstlertyp, oder auch zum Hippie [z.B.]). Martin Heidegger (1889-1976) meinte, dass eine Frage noch nicht richtig gestellt wurde: jene nach dem Sein (an sich). Er nennt seine Philosophie deswegen eine Fundamentalontologie. Ob er diesem Anspruch gerecht wurde, kann man aber bezweifeln. Zweifellos hat er aber die Frage nach dem Sein (als Urgrund) bedeutend wieder aufgeworfen. Seine Philosophie und Sprache sind äusserst originell, aber andererseits hat er sich einerseits zu stark von der traditionellen Philosophie abgewandt und ist andererseits doch nicht über die alte Metaphysik hinausgekommen. Dagegen war es ihm vorbehalten, die Dunkelheit in der deutschen Philosophie aufzuhellen. Er griff das Problem auf und sprach ebenfalls und ausdrücklich vom Ende der Philosophie, allerdings nicht in einem wirklichen Schluss, sondern in der Versammlung ihres Ganzen und der Bestimmung ihrer äussersten Möglichkeiten. Jean-Paul Sartre (1905-1980) ist der bedeutendste Public Philosophers des 20. Jahrhunderts, aber in seiner philosophischen Systematik konnte auch er nicht überzeugen. Wie Platon und Hegel machte er den Fehler - entgegen dem Satz von Parmenides - das Nichts als Substanz bzw. Idee aufzufassen. Der bedeutendste Systematiker unter den Seinsphilosophen des 20. Jahrhunderts war dagegen - wenngleich auch nicht ganz ohne Abstriche - Nicolai Hartmann, auch wenn er ziemlich stark im Schatten der grossen Persönlichkeiten der Existentialisten stand. Letztlich bleibt aus dieser Zeit v.a. aber eben die Kunst des Existentialismus - und vielleicht auch eine grosses Ausrufezeichen für die Kunst und Kultur, in einer Zeit, nach welcher wir uns auch um diese (u.a.a.) Sorgen machen müssen. Für den Existentialisten ist das Kunstwerk der Urgrund - in einer sich ständig (und immer rascher) verändernden Welt (auch als Auseinandersetzung mit der Moral, aber viel mehr als nur dies) - für die Menschen (oder für gewisse Menschen) ist es vielleicht der letzte Halt. [Interview mit Frisch (Teil 2).]

* Auf einer Website habe ich - das macht die Aussage vielleicht ein bisschen verständlicher - passend dies gefunden: "On peut noter cependant que certains critiques ont vu dans Meursault, homme fruste, une sorte de Camus raté." (Hier [und daher übrigens ist auch die Verfilmung - von Visconti 1967, mit Marcello Mastroianni (eine klassische Fehlbesetzung: eigentlich hätte man einen Laien nehmen sollen, welcher ebenso überfordert ist mit allem) - nicht allzu gut, weil sie uns nicht den Eindruck eines Antihelden gibt, der immer wieder neben den Situationen steht: das ist im Buch ein bisschen anders beschrieben]).

Die russische Verbindung. Wenn man über den Existentialismus im 20. Jahrhundert spricht, so muss man einerseits auf Kierkegaard zurückgehen, andererseits aber auch auf die russische Literatur, insbesondere jene von Dostojewski. Sie ist die Verbindung zu existentialistischen Philosophen in Russland - wie Schestow und Berdjajew - welche wiederum eine Verbindung darstellen zum Existentialismus in Deutschland und Frankreich (so dass also der Existentialismus zeitlich gar nicht so zerstückelt ist, wie man allgemein annimmt (hier Heidegger und Sartre, und dort, in einer tiefen Vergangenheit, Kierkegaard): sondern das war eine relativ durchgehende Bewegung von Kierkegaard bis und mit Camus! [Diese Sichtweise ist daher nicht gegeben, weil die Russen im Westen - mit der erwähnten Verbindung - aus politischen Gründen im 20. Jahrhundert ganz einfach vergessen gingen.]). Der deutsche Philosoph Walter Kaufmann wies auf die grosse Bedeutung Dostojewskis für den Existentialismus hin (in seinem Werk "Existentialism from Dostoevsky to Sartre", 1975). Wenn man bedenkt, dass Dostojewski ferner auch etwa Nietzsche beeinflusst hat, dann nimmt seine Bedeutung für die neuere Philosophiegeschichte weiter zu. Leo Isaakowitsch Schestow (1866-1938) hat bedeutende Kommentare über die Verbindungen von Dostojewski und Tolstoi zu Nietzsche geschrieben und kann so in philosophischer Hinsicht als bedeutender Kommentator der russischen Literatur bezeichnet werden. Dostojewski hat zwar kein spezifisch philosophisches Werk geschrieben, war aber eben sehr einflussreich (und einige seiner Romane tragen ja auch philosophische Züge). Damit erscheint er natürlich auch als so etwas wie ein früher Urtypus des modernen Künstlers und Existenzialisten.

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Die Bedeutung der Ökophilosophie. Als Begründer des Begriffs der Ökologie gilt - wenig schmeichelnd vielleicht, aber trotzdem - Haeckel (1866 - "Unter Oecologie verstehen wir die gesammte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle 'Existenz-Bedingungen' rechnen können. Diese sind theils organischer, theils anorganischer Natur; sowohl diese als jene sind [...] von der grössten Bedeutung für die Form der Organismen, weil sie dieselbe zwingen, sich ihnen anzupassen." [Offenbar trat der Begriff aber schon vorher vereinzelt in Lexika auf]). Es gibt (vorher wie nachher) viele weitere Namen, welche mit dem Aufkommen von einem ökologischen Denken und Betrachten in Zusammenhang stehen - sie finden sich vorwiegend - noch vollkommen unpolitisch - meist in der früheren Naturwissenschaft, ein paar dieser Namen sind etwa: Perkins Marsh (Nachhaltigkeitsprinzip - der Begriff der Nachhaltigkeit stammt indes aus der deutschen Forstwirtschaft von Carlowitz im 17./18. Jahrhundert), Warming (Pflanzenökologie), Schroeter (Autökologie u. Synökologie), Tansley (Begriff des Ökosystems), Braun-Blanquet (Pflanzensoziologie), Leopold (Naturschutz), Elton (Tierökologie)*. Diese und andere Pioniere der Ökologie sind bis heute nicht allzu gross bekannt, was zeigt, dass sich die Ökologie quasi durch die Hintertüre in die Naturwissenschaft eingearbeitet hat. Dies ist vielleicht auch der Grund dafür, dass die Philosophie diese Sache etwas spät aufgenommen hat. Sie liegt zwischen der naturwissenschaftlichen Begründung, dem bedeutenden Bericht über die 'Grenzen des Wachstums' von Meadows (Club of Rome, 1972), welcher das Thema erstmals breiter an die Öffentlichkeit brachte, und der politischen Aktualität und Aktivität ab den 1980-er Jahren. Eines der bedeutendsten Werke der ökologischen Philosophie stammt vielleicht von Hans Jonas (1903-1993): "Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation" (1979 - der Titel basiert auf dem 'Prinzip Hoffnung' [1954-1959] von Ernst Bloch, welches sich bedeutend mit der Utopiegeschichte in der Philosophie auseinandersetzte). Zuerst hatte sich die ökologische Philosophie - immer noch innerhalb der Naturwissenschaft - auf einem eher diffusen Weg angenähert, etwa mit der Gaia-Theorie (Lovelock/Margulis) in den 1960-er Jahren; als bedeutend gilt das Sachbuch "Silent Spring" (1962) der Biologin Rachel Carson (wird häufig als Ausgangspunkt der weltweiten Umweltbewegung betrachtet). Ein weiterer bedeutender philosophischer Autor zu diesem Thema ist Arne Naess (1912-2009), der Begründer der sogenannten Tiefenökologie (etwa mit "Ecology, Community and Lifestyle"). Wie auch später ist auffallend, dass solche ökologischen Bücher immer eigentlich Einzelwerke in einem viel breiteren Werk waren - einen durch und durch und ausschliesslich ökologischen Philosophen hat es bis dato eigentlich nicht gegeben. Das gilt auch etwa für Lother Schäfer (geb. 1934) oder Roy Bhaskar (1944-2014). Einige weitere bedeutende philosophische Autoren zum Thema finden sich auch in den USA: Taylor, Shepard, Rolston, Devall oder Attfield - ferner etwa der Australier Passmore oder die Deutschen Birnbacher und Seel (u.a.). Bedeutend auf dem Gebiet der Tierethik ist der australische Moralphilosoph Peter Singer (geb. 1946) (ebenfalls bedeutend: Tom Regan oder Jean-Claude Wolf - diese Thematik beginnt historisch in der Philosophie etwa beim Utilitaristen Bentham).

* Bereits viel früher sollen sich zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert naturschützerische Aussagen bei verschiedenen Autoren in der arabischen Medizin finden (darunter auch etwa Al-Kindi oder Avicenna). Bei diesen ging es v.a. Luft-, Wasser oder Bodenverschmutzung. Erwähnenswert ist im Mittelalter sicher auch die Naturmystik von Franz von Assisi.

Es ging im letzten Abschnitt auch ein bisschen um reine Bekanntmachung, denn - wie gesagt (und obwohl das Thema politisch längst angekommen ist) - sind die philosophischen Autoren zu diesem Thema nicht allzu bekannt. Bezüglich der Tierethik stellt sich natürlich die Frage, ob man damit bereits beginnen soll, in einer Zeit, in welcher unter den Menschen noch so viel moralischer Bedarf herrscht - einmal angefangen, kann man aber auch die Frage stellen: hat der Umgang mit Tieren nicht auch eine Wirkung auf den Umgang mit Menschen? Eine offene Frage (man würde vermuten, dass dies unbedingt der Fall ist, aber es scheint auch den seltsamen Effekt zu geben, dass einige Tierliebhaber zu Menschenverachtern werden [oder umgekehrt: dass einige Menschenverachter grosse Tierliebhaber werden - natürlich ist das Thema heute im technischen Zeitalter auf jeden Fall aber gegeben]). Es stellen sich natürlich viele interessante ethisch-moralische Fragen im Zusammenhang mit der Ökologie. Ferner wissen wir heute eigentlich noch immer nicht, wie gross nun wirklich die menschliche Verursachung der wachsenden Ökoprobleme sind. Die Wissenschaft nimmt heute an, dass dieser Zusammenhang äusserst bedeutend ist - aber schon nur, wenn die Möglichkeit einer hohen Bedeutung eines solchen Zusammenhangs gegeben ist, müssen wir reagieren, angesichts der grossen Bedeutung der Problematik. Daher ist es erstaunlich, dass es immer noch sehr viele Philosophen gibt heute, welche dieses Thema praktisch überhaupt gar nicht beachten. Es ist doch eigentlich das grosse bzw. grösste Thema dieser Zeit! Mit einem äusserst bedeutenden Umbruch im gesamten menschlichen Denken. Aber das passt eben zu dem, was ich schon gesagt habe: es gibt heute kein Thema in der Philosophie mehr, welches man nicht auch umgehen könnte - selbst dieses nicht.

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Und was sonst im 20. Jahrhundert (bis dato)? Wie ich schon gesagt habe, kann man eine solche Philosophiegeschichte auf viele verschiedene Arten schreiben und dabei auch viele verschiedene Schwerpunkte setzen und Zielrichtungen haben. Das ist in Ordnung, finde ich, solange man sie auch klar deklariert (was nicht alle tun). Meine Zielrichtung ist - ich habe das in meinen Büchern ausgegeben - letztlich soziologischer und ökologischer Art. Ich habe dabei versucht, nichts zu unterschlagen und alles möglichst adäquat und neutral mitzuberücksichtigen (ich interessiere mich auch für alles - trotzdem kann man aber auch eine Ausrichtung haben [die ich weder in erster Linie politisch verstehe noch unpolitisch]). Was muss man noch erwähnen? Eine bedeutende Stellung haben in der heutigen Philosophie bzw. im heutigen Medienzeitalter die Public Philosophers (Chomsky, Rorty, Safranski, Sloterdijk, Unger, Zizek, Sandel, Precht, Enthoven), eine fachspezifische Art von Public Intellectuals - in der Tradition etwa von Heidegger, Sartre oder Foucault. Dies bedeutet: die Rhetorik wird mit den Medien in der Philosophie bedeutender, als sie viele Jahrhunderte lang war (anders als bei den alten Griechen oder Römern, notabene [eine bedeutende Trennung von Literatur und Rhetorik scheint sich im Mittelalter ergeben zu haben: mit dem Prediger auf der Kanzel und dem Schriftgelehrten in der Bibliothek (die grossen Scholastiker waren nicht unbedingt die grossen Prediger, und umgekehrt)]). Die Philosophie ist durch die Medien näher beim Volk, was noch lange nicht bedeutet, dass sie breiter verstanden wird (aber es ist doch eine gewisse Öffnung heute spürbar, von einer allzu elitären, abgehobenen und in sich vergrabenen [Schrift-] Philosophie - das ist zumindest sehr interessant [nicht gänzlich ohne Bedenken, natürlich]). Die grosse Zeit der eigentlichen Medienphilosophie (Flusser, Baudrillard, Postman, McLuhan, Capurro, Bolz) ist eigentlich fast schon ein bisschen vorbei, ohne dass sie allzu grosse Wellen geworfen hätte - auch ein sehr wichtiges Thema der heutigen Zeit, natürlich; auch in das Gebiet der Medien, d.h. der Nachrichten, Wörter, Töne und Bilder, gehört die Metaphorologie von Hans Blumenberg (1920-1996). Blumenberg ist vielleicht so etwas wie ein heimlicher Star oder offener Geheimtipp der Schriftphilosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - oder ein Versuch zu zeigen, wie sie immer eigentlich auch noch sein könnte (ruhig und klassisch im Ausdruck, fixiert im Grundthema, aber breit in der Anregung des Denkens) - während Paul Feyerabend, der Philosoph des Relativismus, vielleicht ein heimlicher Star oder ein offener Geheimtipp der rhetorischen Philosophie des letzten Jahrhunderts ist - dito (fabulierend und viel leichter und lockerer, als die Philosophie eigentlich ist, trotzdem immer hochintellektuell und -interessant). Die eigentlichen Stars waren jedoch Jürgen Habermas (geb. 1929 - für die Schriftphilosophie ["Theorie des kommunikativen Handelns"]) und Peter Sloterdijk (geb. 1947 - für die rhetorische Philosophie ["Alle Dinge sind verzauberte Menschen" (im Film "Nachrichten aus der ideologischen Antike")]) - ich habe an beiden meine Freude, aber auch bei beiden meine Vorbehalte. Eine seltsame Situation: irgendwie ist die stärkere Kraft der Philosophie in Deutschland geblieben, die grössere Bedeutung aber ist in die USA abgewandert. Diese Bedeutung wiederum scheint immer mehr vom systematischen in das formalistische abzuwandern (die Welt scheint unsicherer zu werden derzeit, die Philosophie dagegen eben immer formalistischer [als ob Nietzsche in die Welt hinaus gegangen und Adenauer in die Philosophie hinein gekommen wäre (was war das für ein Aufbruch mit Kant, Hegel und Marx/Nietzsche!, nicht nur gut, aber frisch]). In der US-Philosophie, welche ich hier nur am Rande betrachte, wurde - nach dem Transzendentalismus (Emerson, Thoreau und andere) und dem Pragmatismus (Peirce, James, Dewey, später: Mead, Santayana [bedeutend bis heute]) - im 20. Jahrhundert v.a. eine grosse analytische (Goodman, Quine, Putnam, Searle, Kripke [in England: Ryle, Austin, Dummett] - u.v.a.) und eine kleine ethische Richtung (Rawls, Sandel [in England: Moore, Ross, Hare] - u.a.) vertreten. Die neuste Entwicklung ist die sogenannte (manchmal etwas diffus anmutende) Philosophie des Geistes, welche von der Neuropsychologie und der Hirnforschung beeinflusst, aus der analytischen Philosophie entstanden ist. Allerdings sind einerseits vermutlich die Erkenntnisse in den betreffenden Wissenschaften noch zu wenig klar und andererseits sind deren Resultate auch nicht überrelevant für die reine Philosophie. Für diese ist es zwar durchaus interessant und wichtig, was die Naturwissenschaft über das Denken herausfindet, dies alles ändert jedoch nichts an philosophischen Begriffen wie Sinn, Zweck oder Ziel (und dergleichen mehr). Dies - die Bedeutung und Verbindung von Wörtern, Bedeutungen und Verbindungen - sind und bleiben aller Naturwissenschaft zum Trotz Fragen der Philosophie (inkl. Religion). Die Philosophie des Geistes schlägt sich auch teils mit Scheinproblemen herum, etwa dem sogenannten alten (aus der Auseinandersetzung mit dem Kartesianismus herstammenden) Leib-Seele-Problems. Bei Steiner, welcher (u.a.) leider in den Universitäten wenig bis gar keine Beachtung gefunden hat, ist es doch bereits sehr klar erschienen, dass die dreifaltige Auffassung von Körper, Seele und Geist die Lösung dieses Problems ist (diese ist schon lange bekannt: aus der Theosophie, der Alchemie und/oder der Mystik [und kann sogar aus einer reduzierten Schichtenlehre bei Aristoteles schon herausgelesen werden (wenn man die ersten drei seiner Schichten zu einer zusammenfasst)]). Schliesslich möchte ich hier auch eine Aussenseiterposition erwähnen, die im Zuge der grossen Bedeutung der Science Fiction in der Kunst nicht ganz unbedeutend ist, jene des Trans- und Posthumanismus - nicht selten verbunden mit Atheismus und Eugenik (Huxley [Julian], Ettinger, FM-2030, More, Bostrom). Wohin geht die Philosophie der Zukunft? Das ist eine grosse und offene Frage. Sicher ist eigentlich nur das, was uns heute beschäftigt: das sind vorab die alten Probleme (aus dem 20. Jahrhundert und den vorherigen Jahrhunderten) - die Wissenschaft und ihre Weiterentwicklung, die Erhaltung der Umwelt und der Natur sowie die Verbesserung der Gesellschaft; aktuell derzeit sind die Neuen Medien, der politische Populismus (rechts wie links) oder die Fake News und deren wachsender Einfluss. Von einem Ende der Philosophie ist nichts zu sehen, denn alleine die ständigen Veränderungen in der Welt werden dafür sorgen, dass wir uns immer wieder mit den alten und neuen Fragen beschäftigen werden müssen.

Ich habe im vorangegangenen Abschnitt die rhetorischen Philosophen des 20. Jahrhunderts angesprochen. Vielleicht gab es in der Philosophie des 20. Jahrhunderts sogar mehr rhetorische als schriftliche Stars, z.B. Steiner, Gandhi, Russell, Krishnamurti, Heidegger, Adorno, Sartre, Feyerabend, Chomsky, Roderick, Sloterdijk, u.a. - und es geht weiter etwa mit Zizek heute. Das Sprechen über Philosophie, oder: im Namen der Philosophie, und das Hören von Philosophie scheint im Zeitalter von Radio, Fernsehen und Internet interessanter zu werden als das Lesen von Philosophie! Die Öffentlichkeit nimmt heute fast nur noch die grossen Rhetoriker wahr, die im Fernsehen auftreten, während die Schriftphilosophie immer mehr in den Hintergrund - und in spezifische akademische Fachzirkel - rückt. Einen eigentlichen Event-Charakter hat die Philosophie - trotz einiger Ansätzen wie Nächten der Philosophie (u.a.) - bisher noch nicht wirklich entwickelt, obwohl es bereits eine Event-Philosophie gibt: bei Alain Badiou (geb. 1937), in dessen Werk der Ereignis-Begriff von zentraler Bedeutung ist (auch für die Philosophie selber?).


Exkurs - Universitäre und ausseruniversitäre Philosophie. Allgemein gilt es zu sagen, dass die Philosophie im 20. Jahrhundert sehr stark vom Universitätswesen geprägt war, stärker vielleicht denn je zuvor. Von ausserhalb der Universitäten ist kaum mehr etwas in die Philosophie eingeflossen, trotz bedeutender, aber eben anderer, ausseruniversitärer Ideenarbeiter oder -verarbeiter wie etwa Rudolf Steiner (beginnend im 19. Jahrhundert), Jean Gebser, Arthur Koestler oder Alexander Bard - auch Max More, welcher vielleicht der Einzige von diesen ist, für den das nur beschränkt gilt: nicht als Person, sondern in der Sache - um nur einige der bekanntesten zu nennen (zu solchen Figuren, welche in der offiziellen Philosophie kaum bis gar nicht wahrgenommen werden, gehören aber auch Studierte anderer Richtungen wie die Physiker Albert Einstein, Werner Heisenberg - welcher sagte, dass die Physik und die Philosophie für ihn untrennbar verbunden seien (sowie die anderen berühmten Quantenphysiker) - und Fritjof Capra oder der Biologe Rupert Sheldrake, u.a., welche auch Ideen vertreten, die irgendwie nicht in die aktuelle und offizielle Philosophie hineinpassen - daher wird solches auch kaum bis gar nicht bedacht und erwogen, sondern ausdrücklich oder stillschweigend a priori als unphilosophisch abgelehnt). Sicher muss die Philosophie (als universitäre Wissenschaft, notabene) auch eine gewisse Eingrenzung in ihrem Gebiet machen, andererseits ist aber auch gerade sie der grosse Versammlungsort der Ideen, und daher ist es vielleicht auch umstritten, wie eng oder wie weit eine solche Eingrenzung gemacht wird. Man kann vielleicht auch sagen, dass die Universitätsphilosophie sich immer wieder ein bisschen im eigenen Kreis dreht und vielleicht auch immer wieder ein bisschen in diesem eingeschlossen ist. Demgegenüber zeigen ein paar Beispiele aber auch, dass das Denken innerhalb des universitären und intellektuellen Kreises offener geworden ist (Clark, Chalmers, Silva, aber auch etwa Zizek). Es ist wieder einmal, wie so oft in dieser Zeit, beides: die Ambivalenz. Historisch gesehen gibt es sehr viele bedeutende Philosophen, welche nicht Philosophie studiert haben (dazu gehören - nebst Newton - von den grössten Namen der neuzeitlichen Philosophie etwa Hobbes, Descartes oder Nietzsche) oder überhaupt nicht studiert haben bzw. kein Universitätsstudium abgeschlossen und damit keinen akademischen Grad haben (etwa Spinoza, Pascal, Voltaire, Rousseau oder Hume [welchem Kant seinen bedeutendsten philosophischen Impuls verdankt], u.a., sowie die meisten Philosophen der Antike und des Mittelalters; dagegen gibt es auch einige, welche Philosophie universitär studiert und abgeschlossen haben, von denen man das vielleicht nicht unbedingt denken würde, z.B. Smith und Marx, die beiden gegensätzlichen Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker). Die Situation für die Universitäten ist speziell, gerade in der Philosophie, wo es eben immer auch um allgemeine und allgemeingutliche Ideen geht, und nicht nur - wie in vielen anderen Wissenschaften heute - um technisches Fachwissen: einerseits ist heute vieles oder fast alles irgendwie im Internet verfügbar, andererseits gibt es eben auch den Anspruch der Vertetung einer Eigentlichkeit oder Hauptsächlichkeit, welche noch immer - und vermutlich noch lange - in den Universitäten stattfindet (aufgrund eines vielleicht und/oder hoffentlich regeren und höheren Diskurses, welcher aber eben auch einer gewissen inneren Beschränkung unterworfen ist). Betrachtet man bezüglich der Universitäten deren Hüterrolle in den Wissenschaften, so kann dies in der Philosophie leicht zur Behauptung von verstaubten (Universitäts-) Bibliotheken führen. Sloterdijk schreibt in seiner berühmt-berüchtigten Rede "Regeln für den Menschenpark" (1997/1999): "Alles deutet darauf hin, dass Archivare und Archivisten die Nachfolge der Humanisten angetreten haben. Für die Wenigen, die sich noch in den Archiven umsehen, drängt sich die Ansicht auf, unser Leben sei die verworrene Antwort auf Fragen, von denen wir vergessen haben, wo sie gestellt wurden." Gerade darum, u.a. (und auch im Zeitalter von Internet und World Wide Web), aber benötigen wir auch - neben allen Freiheiten - den zentralen (und auch historischen) Sammlungs- und auch Deutungsort. Je mehr Zeit vergeht, in der Geschichte und in der Philosophie (-geschichte), desto schwieriger und bedeutender wird diese Aufgabe werden. Und vielleicht ist es am Ende gar wiederum die Philosophie, welche die Universitäten in der weiteren und immer unübersichtlicheren Technisierung der Wissenschaften überhaupt noch wird zusammenhalten können.



Aktuell: Trends, Tendenzen, Exoten. Interessante Versuche, neue Formen der Philosophie im Internetzeitalter zu erfinden, führen derzeit v.a. in die Videokanäle im Web. Pioniere dazu sind verschiedene relativ unbekannte Leute und Laien, unter welchen Jason Silva (geb. 1982), welcher in Venezuela geboren wurde und in den USA lebt, herausragt. Er wird als 'Timothy Leary for the Viral Video Age' bezeichnet (man könnte vielleicht auch sagen: eine Art Video-Schamane des Internetzeitalters). Wie soll man beschreiben, was er (seit 2013) in und mit seinen spektakulären Web-Videos macht? Ich nenne es Multi-Media-Freestyle-Flow-Bewusstseinserweiterungsphilosophie (ein Ausdruck, welcher vielleicht zeigt, dass man das fast nicht beschreiben kann). Rein philosophisch ist Silva in Bereichen einzuordnen wie Philosophie des Geistes, Transhumanismus, aber auch etwa Bereichen wie Lebensphilosophie, Psychedelik, Animismus, Spiritualismus oder Spiritismus (er spricht selber von Channeling - die Verbindung von Naturerfahrung, Technik und Spiritismus ist natürlich nicht eine neue Verbindung, sondern das findet sich schon etwa in der Alchemie [auch und gerade dies zeigt: die Verbindung von Uraltem mit Brandneuem ist derzeit hochmodern (für manche in verschiedenerlei Hinsicht auch: erschreckend modern [die ganze Fantasy-Bewegung in der heutigen Kunst gehört ebenfalls zu diesem Phänomen, u.a.])]). Es bleibt vielleicht die Frage, wie sich all diese Highs - in der heutigen Wissenschaftsphilosophie überhaupt - in eine vernünftige Zukunftsperspektive integrieren lassen. Auf jeden Fall ist das aber hoch interessant und sehr zeitgemäss, und daher gehört Silva für mich zu den bedeutendsten Philosophen und philosophischen Influencern dieser Zeit. Ein anderer Versuch, einen Event- oder Performance-Charakter in der Philosophie zu erzeugen ist etwa Philosophy Slam, ein Bühnenwettbewerb für rhetorische Philosophie (entstanden aus dem Poetry Slam - die Übertragung in die Philosophie stammt von Hofweber [2008/2014]). Ebenfalls erwähnenswert sind die Nächte der Philosophie, in denen verschiedene Veranstaltungen zu philosophischen Themen während einer Nacht stattfinden (konzipiert von Mériam Korichi, 2010). Fast scheint es so, als hätte sich die Philosophie ein bisschen in die Nacht verzogen, aber trotzdem. Im Zeitalter der Webvideos werden selbst die klassischen Schulvorträge wieder zu einer interessanten Sache (teils sogar - sehr originell - mit Verwendung der guten alten Schiefertafel, inkl. Tafelschwamm): Universitätsprofessoren schicken ihre Vorträge direkt in die ganze Welt hinaus, der andere entdecken - TED-talk-mässig - diese Bühne für sich. Auch hierbei gibt es interessante Figuren wie z.B. den schwedischen Cyberphilosophen, Musiker und Zarathustrier Alexander Bard (geb. 1961), welcher v.a. mit einer speziellen Interpretation der Internet-Revolution aufgefallen ist. Man kann seine syntheistische Haltung hinterfragen, oder als zu übertrieben betrachten - natürlich stimmt das nicht, wenn er sagt, wir würden in einer brandneuen Welt leben und die alte Welt sie gestorben (das ist eine typisch futuristische Übertreibung) - aber seine Cyberphilosophie (seit 2000) hat sicher eine interessante Konsequenz. Ich möchte wirklich nicht allzu freizügig irgendwelche Exoten, die es immer gibt, hier anführen, aber ein paar interessante Denker, welche durch die Maschen der offiziellen Philosophie fallen, gibt es eben doch. Bard ist ein philosophischer Laie - aber: kein anderer Philosoph hat sich so konsequent auf das Internetthema eingelassen (was ja doch auch eines der bedeutendsten Themen dieser Zeit ist). Was hat die reine Schriftphilosophie derzeit vorzuweisen? Es ist sehr schwierig, darin eine klare Tendenz für dieses Jahrhundert herauszuspüren - vielleicht ist es auch noch etwas zu früh dafür. Erwähnen möchte ich daher einen - auch er ein Laie - welcher die Philosophie des 20. Jahrhunderts zusammengefasst hat zu einer Negativität der Moderne: Sven Hillenkamp (geb. 1971 - "Negative Moderne" [2016]). Vielleicht ist das schon wieder etwas abgeschmackt, aber es ist - ausser dem Existentialismus - das, was das 20. Jahrhundert mit seiner ganzen kulturkritischen Haltung uns philosophisch hinterlassen hat. Und auch der derzeit populärste Public Philosopher Slavoj Zizek (geb. 1949) ist eigentlich ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert (bzw. Jahrtausend) und steht irgendwie für das grosse politische Fragezeichen nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus. (Wenn ich meine eigene Philosophie hier einordnen möchte, so würde ich sie - reduktionistisch - als Ontologismus bezeichnen, und in diesem Sinn - zeitmässig betrachtet - als eine intellektuelle Erweiterung und Vertiefung des Existentialismus des 20. Jahrhunderts [kein Philosoph der Welt hat, wenn er nicht auf reine Effekthascherei zielt, solch reduktionistische Bezeichnungen gerne, aber die Leute wollen einem irgendwie einordnen und abstempeln (um einen besser verteidigen oder angreifen zu können); man könnte auch den Ontologismus in Verbindung mit dem Integralismus/Holismus sehen, quasi als Ontointegralismus, was etwas konzentrierter tönt als Ontoholismus]. Ich bin persönlich, anfänglich als belletristischer Schriftsteller - ohne Publikation - auch eigentlich von diesem ausgegangen; meine frühen Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Romanfragmente, welche nicht mehr vorhanden sind, waren existentialistisch geprägt.)

Was gibt es eigentlich ausser der Philosophie noch im Anfang dieses 21. Jahrhunderts und dritten Jahrtausends (nach der christlichen Zeitrechnung)? Natürlich: die grosse Ambivalenz in Religion, wo wir gleichzeitig die Zunahme des Atheismus wie eines neuen Fundamentalismus feststellen, die phantastische Welt der Fantasy in der Kunst, welche alte und neu aufgemachte Fabelwesen zurückbringt, aber auch eine neue, emotionalere Rhetorik in der Politik. Dies scheint mir das Bedeutendste zu sein, weil die Politik das Zusammenleben der Menschen regelt und bedeutet (und nicht nur jenes der Gegenwart, sondern auch jenes der Zukunft). Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kamen emotional hochtrabende Töne und Reden aus der Politik, wie man sie lange nicht mehr gehört hatte: etwa von Sarkozy 2007 (Rede zum Präsidentschaftswahlsieg 2007 [bedeutend ist auch sein TV-Duell gegen seine Herausforderin Royal 2007]), Obama 2008 (Rede zum Präsidentschaftswahlsieg 2008 - und viele weitere, etwa beim Democratic National Convention 2008 und 2004) oder... Trump 2016 (v.a. bei der Republican National Convention 2016), und... Macron 2017 (z.B. in einer Rede an der Pariser Sorbonne-Universität über die Zukunft Europas 2017). Interessant und bemerkenswert sind diese Reden auch deshalb, weil wir alle gedacht haben, die Zeit der grossen politischen Reden sei vorbei, in einer Periode von zunehmend blutleeren Ideologien aus der Vergangenheit - doch diese Leute haben uns, wie immer man ihre Reden politisch im Einzeln einschätzt, vom Gegenteil überzeugt. Ich bin fest davon überzeugt, dass die nächsten Jahrhunderte v.a. Jahrhunderte der Politik sein werden, mit allen Möglichkeiten, welche die Politik bietet (notabene). Man kann die Politik - philosophisch, intellektuell, kritisch und kritizistisch - weiter herunterreden, und doch führt letztlich nichts an ihr vorbei. Sie wird ein Streit der Ideologien bleiben und doch auch immer viel komplexer und komplizierter werden, nicht mehr so einfach fassbar, wie es früher der Fall war. Zizek hat dies angedeutet, als er meinte, er hätte als Erzlinker bei den US-Wahlen 2016 den Republikaner Trump gewählt, gegen die Spitze der Linken. Spätestens seit der Ökoproblematik und den neuen Religionskatastrophen ist die Welt, nachdem sie sich langsam erholt hatte von zwei schlimmen Weltkriegen, eine andere geworden - eine noch politischere Welt geworden. Die Politik wird vermutlich auch die zukünftige Philosophie beeinflussen, noch stärker, als sie es schon bisher getan hat (und dies könnte rein philosophisch - und darum geht es ja hier letztlich - ein Zeitalter andeuten, in welchem die [Philosophie-] Interpretatoren wichtiger werden als die Philosophen selber - vielleicht wird es dereinst nicht nur eine Wissenschaft der Philosophie geben, wie wir sie heute kennen, sondern auch eine Wissenschaft der Philosophieinterpretation).

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Exkurs. Und... die Frauenfrage in der Philosophie. Diese verdient sicher - noch immer, oder überhaupt - eine besondere Beachtung. In der Antike gab es einige wenige Philosophinnen, Wissenschaftlerinnen und Dichterinnen (Sappho, Theano, Aspasia, Hipparchia, Leontion, Diotima, Hypatia - auch Alchemistinnen wie Maria die Jüdin oder Kleopatra die Alchemistin), während im Christentum die Mystikerinnen eine grosse Bedeutung hatten (Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Brigitta von Schweden, Katharina von Siena, Teresa von Ávila [in der Bibel ist ja übrigens schon die Rede von Prophetinnen - in der christlichen Mystik sind die Frauen den Männern fast schon gleichgestellt (aber nur in der Mystik)]). Bedeutend sind in der früheren Philosophie etwa die Salonnières (d.h. Gastgeberinnen für literarische und/oder philosophische Salons, v.a. wohlhabende und gebildete Frauen - eine Tradition, welche in der Aufklärung eine grosse Rolle spielte [oder sogar an deren Begründung mitbeteiligt war]). Die Geschichte der literarischen Salons begann mit Catherine de Vivonne, Marquise de Rambouillet (1588-1665) - die grössten Dichter und Dichterinnen ihrer Zeit gingen (u.v.a.) bei ihr ein und aus. Weitere bedeutende frühe Salonnières in Frankreich waren etwa Marquise de Lambert oder Marquise de Tencin (die Mutter des philosophischen Enzyklopädisten D'Alembert). Zu den bekannteren Salonnières gehören ferner etwa Caroline Schelling (Muse verschiedener Dichter und Denker der Romantik sowie Ehefrau Schellings), Madame de Staël, Rahel Varnhagen (mit Persönlichkeiten wie Arnim, Hegel, Heine, Humboldt [Wilhelm], Schlegel) oder Johanna Schopenhauer (Mutter Schopenhauers, mit Kontakten etwa zu Goethe). Einige der Gesellschaftsdamen schrieben auch eigene Werke. Es gab viele solche Salons in ganz Europa - nach dem Ersten Weltkrieg kamen sie allerdings aus der Mode. Wie sieht es aus bei den Philosophinnen (der Neuzeit)? Worüber denken eigentlich Frauen (heute) nach? Haben sie besondere/andere Themen? (Dies war die Ausgangsfrage zu einer Liste von [frühen] Philosophinnen [siehe unten].) Die frühen Philosophinnen waren (natürlich) oft auch Frauenrechtlerinnen: nicht alle solche stammen aus der Philosophie, aber die Beziehung zwischen der Philosophie - wenn auch (noch) in einem ausseruniversitären Kontext - und frühen Frauenrechtlerinnen ist doch bedeutend (Marie de Gournay, Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft [aber auch andere/spätere]). De Gouges forderte in ihrem Hauptwerk die Frauen dazu auf, Philosophie zu studieren und die Ideen der Aufklärung zu verfolgen. Zu den ersten grossen Schriftphilosophinnen gehören ansonsten etwa Margaret Cavendish und Anne Conway im 17. Jahrhundert sowie Émilie du Châtelet im 18. Jahrhundert. Frauen hatten es in früheren Zeiten sehr schwer in der Philosophie und an der Universität überhaupt; dies erklärt, dass sie nicht selten zeitkritische Positionen eingenommen haben (wodurch einige auch in Verruf kamen und heftig kritisiert wurden [exemplarisch Cavendish, welche sich gegen die physikalischen Hauptauffassungen ihrer Zeit wandte]). Drei besondere Frauen in diesem ganzen Zusammenhang sind Lou Andreas-Salomé (1861-1937), die Skandalfrau in der Geistesgeschichte jener Zeit, und... Mileva Maric (1875-1948) - bis heute ist umstritten, wie bedeutend ihr Beitrag zur Relativitätstheorie von Einstein tatsächlich war (er könnte relativ beträchtlich gewesen sein; sie war zwar Mathematikerin und Physikerin, aber die Relativitätstheorie ist natürlich auch bedeutend für die Philosophie [und Maric gehört zu jenen vielleicht zahlreichen Ehegattinnen, welche ihre grossen Männer bedeutend beeinflusst haben, ohne dass dies, zumindest zu jener Zeit, gross bekannt gewesen wäre]) - sowie Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891), welche, ebenso wie auch Annie Besant (1847-1933), eine sehr grosse Bedeutung in der Theosophie und Esoterik hat (legendär auch bis heute eigentlich - und interessant: im selben Jahr 1875, in welchem Blavatsky und Olcott ihre Theosophische Gesellschaft begründeten, publizierte Mary Baker Eddy [1821-1910] ihr Buch zur Christian Science). Man könnte fast sagen, dass es so grosse Frauenfiguren - inkl. etwa Marie Curie in der Wissenschaft oder Agatha Christie in der Literatur (vorher auch Shelley, Spyri oder die Brontë-Schwestern, u.a.) - seither in der Geistesgeschichte eigentlich nicht mehr gegeben hat. Es gibt zwar heute mehr Frauen in der Philosophie, Literatur oder Wissenschaft, die einzelnen konnten sich aber damals grösser herausheben (spezielle und aussergewöhnliche Frauen wie z.B. Ayn Rand [1905-1982] können sich nicht mehr einen ganz so grossen Namen schaffen [was sich natürlich in der Zukunft ändern kann/sollte - und dies zeigt auch, dass man nicht sagen kann, dass heute keine Frauenförderung mehr benötigt würde]). Bedeutend sind in der ontologischen Philosophie Hedwig Conrad-Martius, Edith Stein und Hannah Arendt (1906-1975), welche vielleicht als bedeutendste bisherige Philosophin im deutschsprachigen Raum gilt. Erwähnenswert ist ein Feminismus-Revival im 20. Jahrhundert (De Beauvoir, Schwarzer), mit grösseren politischen Erfolgen als vorher - besonders interessant in der feministischen Philosophie des 20. Jahrhunderts ist vielleicht auch Élisabeth Badinter (geb. 1944), mit der Kritik von männlichen Idealen und dem Mythos der Mutterliebe. Ansonsten findet etwa Martha Nussbaum (geb. 1947) heute grosse Beachtung - zusammen mit dem indischen Ökonomen Sen (und in Zusammenarbeit auch mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) entwickelte sie den Befähigungsansatz (engl. Capability Approach) in der Wohlfahrtsökonomie. Ziel des Befähigungsansatzes ist es, die Wohlfahrtsqualität zu erfassen und zu verbessern. Arendt wie De Beauvoir oder Nussbaum waren/sind auch bedeutend als weibliche Public Philosophers. Was haben wir von den Frauen in der Philosophie der Zukunft zu erwarten? Vermutlich ein bisschen mehr als in der Vergangenheit (weil die Voraussetzungen dafür [hoffentlich] besser sein werden). Sicher ist auf jeden Fall, dass der Wert des Bewahrens in Zukunft gegenüber jenem des Bebauens an Bedeutung gewinnen wird (ich weiss nicht, ob dies geschlechterspezifisch - zumal in der Philosophie - wirklich relevant ist, aber trotzdem; von den Frauen erwarte ich nicht eine vollkommene Revolution der Philosophie, sondern einen unvermeidbaren und notwendigen Ausgleich). Meine Lieblingsphilosophin ist eigentlich Agnes Martin (1912-2004), eine vom Buddhismus und dem Spiritualismus beeinflusste minimalistische Malerin, welche auch ein kleines Büchlein mit interessanten philosophischen Texten (zu Themen wie Glück, Inspiration, Kreatitivät und Kunst) hinterlassen hat.

Liste von (frühen) Philosophinnen der Neuzeit und ihren Hauptwerken. Es geht hier nicht um die Nennung von berühmten Frauenrechtlerinnen oder (belletristischen) Schrifstellerinnen, sondern um Frauen, die in der Neuzeit eine sehr bedeutende Beziehung zur Philosophie hatten/haben (die Liste zeigt aber doch, dass Feminismus - im Sinne eines früheren Kampfes um die Rechte der Frau - und Philosophie nicht wenig miteinander zu tun hatten). Die ersten bedeutenden Philosophinnen und ihre Hauptwerke: Marie de Gournay (1565-1645 - "Égalité des hommes et des femmes", 1622, oder "Le promenoir de Monsieur de Montaigne", 1594 [Belletristik]; sie hatte eine Freundschaft mit Montaigne und wurde dessen Nachlassverwalterin), Margaret Cavendish (1623-1673 - "The Description of a New World Called The Blazing-World", 1668 [Belletristik, kurz: The Blazing-World - erschienen zusammen mit den 'Observations upon Experimental Philosophy']; gilt als einer der Vorläufer der Science-Fiction-Literatur), Anne Conway (1631-1679 - "Principia philosophiae antiquissimae et recentissimae", 1690 [engl. The Principles of the Most Ancient and Modern Philosophy]), Émilie du Châtelet (1706-1749 - "Analyse de la philosophie de Leibnitz", 1740; eine Kritik der Philosophie Lockes), Laura Bassi (1711-1778 - Diverse physikalische Abhandlungen; erste Universitätsprofessorin Europas [Philosophie 1733 u. Physik 1776]), Olympe de Gouges (1748-1793 - "Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne", 1791), Mary Wollstonecraft (1759-1797 - "A Vindication of the Rights of Woman - with Strictures on Political and Moral Subjects", 1792; sie war die Ehefrau des Anarchisten William Godwin und die Tochter der berühmten Schriftstellerin Mary Shelley), Helene von Druskowitz (1856-1918 - "Pessimistische Kardinalsätze: ein Vademekum für die freiesten Geister", 1905), Lou Andreas-Salomé (1861-1937 - "Die Erotik", 1910, oder "Friedrich Nietzsche in seinen Werken", 1894; sie hatte ein Verhältnis mit Nietzsche: Anna Freud meinte über ihr Nietzsche-Buch, es habe die Psychoanalyse vorweggenommen), Helene Stöcker (1869-1943 - "Die Liebe der Zukunft", 1920), Rosa Luxemburg (1871-1919 - "Die Akkumulation des Kapitals - ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus", 1913), Edith Stein (auch: Teresia Benedicta vom Kreuz, 1871-1942 - "Endliches und Ewiges Sein - Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins", 1937), Anna Tumarkin (1875-1951 - "Die romantische Weltanschauung"; 1920; erste Universitätsprofessorin in Europa mit vollen Rechten), Susan Stebbing (1885-1943 - "Thinking to some purpose", 1939), Hedwig Conrad-Martius (1888-1966 - "Realontologie", 1923), Helena Petrovna Blavatsky ("The Secret Doctrine", 1888), Susanne K. Langer (1895-1985 - "Philosophy in a New Key - A Study in the Symbolism of Reason, Rite and Art", 1942), Maria Ossowska (1896-1974 - "Podstawy nauki o moralnosci", 1947), Käte Hamburger (1896-1992 - "Die Logik der Dichtung", 1957). - Spätere (bis hierhin alle aufgelistet, die von Bedeutung sind - ab hier noch einige berühmtere). Ayn Rand (1905-1982 - "Atlas Shrugged", 1957 [Belletristik]), Hannah Arendt (1906-1975 - "The Human Condition", 1958 [dt. Vita activa oder Vom tätigen Leben]; sie hatte ein Verhältnis mit Heidegger), Simone de Beauvoir (1908-1986 - "Le Deuxième Sexe", 1949; sie lebte in einer Beziehung mit Sartre), Simone Weil (1909-1943 - "La pesanteur et la grâce", 1952), Jeanne Hersch (1910-2000 - "L'étonnement philosophique", 1981, oder "Temps alternés", 1940 (Belletristik]), Ágnes Heller (geb. 1929 - "Der Mensch in der Renaissance", 1978), Julia Kristeva (geb. 1941 - "Female Genius", 2001 [Trilogie]), Nancy Cartwright (geb. 1944 - "How the Laws of Physics Lie", 1983), Martha Nussbaum (geb. 1947 - "The Quality of Life", 1993 [zusammen mit Amartya Sen]), Judith Butler (geb. 1956 - "Gender Trouble", 1990 [offenbar noch immer ein Problem: auch an der Schwelle des dritten Jahrtausends, und darüber hinaus]).

Exkurs - Gibt es eigentlich eine Philosophie der Liebe? Die gibt es, sie ist aber weitgehend in Vergessenheit geraten (siehe: Derrida, welcher in einem dokumentarischen Portrait ["Derrida", 2002] ziemlich gemein und peinlich dazu befragt wurde, zuerst rein gar nichts zum Thema der Liebe sagen konnte, und sich dann, ohne es zu deklarieren, eines Gedankens von Pascal erinnerte [Gegensatz von Liebe der Person als solche und deren einzelnen Eigenschaften]). Das Thema wurde bedeutend von Empedokles in die Philosophie eingeführt: nach ihm gibt es zwei Grundkräfte, die Liebe und den Streit, wobei die Welt - im Gegensatz zur Auffassung von Hobbes (im 17. Jahrhundert), von einem Urzustand des Krieges aller gegen alle - zu einem Idealzustand der vollkommenen Liebe neigt, diesen Zustand aber nicht halten kann, so dass ein ständiges Wechselspiel zwischen Liebe und Streit entsteht. In China entwickelte Mozi eine Philosophie der universellen bzw. allgemeinen Liebe (jedoch nicht irgendwie alternativ, wie wir einen solchen Begriff heute auffassen würden, sondern sehr ordnungsorientiert [und in diesem Punkt auch mit dem Konfuzianismus verwandt - er fasste also den Liebesbegriff auf eine quasi gutbürgerliche Art und Weise auf (ich würde dies als einen politsystemischen Begriff von Liebe bezeichnen)]). Platon behandelte das Thema mit einer der originellsten seiner Mythenbildungen*, mit dem Mythos der zwei Hälften: Liebe ist die Suche nach der anderen Hälfte (deutsch [offenbar ist das Thema sehr inspirierend für Webvideos]). Im Mittelalter ist - nebst dem urchristlichen Satz der Nächstenliebe, natürlich: Liebe deinen Nächsten wie (auch) dich selbst - die Liebesdefinition nach Augustinus bedeutend, welche auch auf Aristoteles zurückgehen soll (ich habe das noch nicht überprüft): Liebe heisst: ich will, dass du bist. Von Thomas von Aquino, welcher die Philosophie von Aristoteles mit der christlichen Theologie verbunden hat, ist wiederum der Aphorismus bekannt: das Gute ist der einzige Grund der Liebe. Im Griechischen gibt es ferner - je nach Ansicht, drei (diese auch in der philosophischen Diskussion bei Platon und Aristoteles), vier oder fünf - verschiedene Begriffe für die Liebe: Philia (freundschaftliche Liebe bzw. [tiefe] Freundschaft - dieses Wort kommt im Begriff der Philosophie vor), Eros (erotische, begehrende, leidenschaftliche Liebe - nach dem altgriechischen Gott Eros [welcher bei Platon oft erwähnt wird]), Agape (göttliche Liebe), Storge (familiäre Liebe bzw. Familienzusammenhalt), Xenia (Gastfreundschaft). Sind wir zufrieden mit diesen Geschichten, Ansichten und Begriffen? Was sagen Frauen dazu? Martha Nussbaum über Liebe und Gerechtigkeit, Angelika Krebs über Liebe und Abhängigkeit, Brigitte Kronauer über Liebe und Boshaftigkeit, Connie Palmen über Liebe und Leidenschaft. (Natürlich ist die Liebe - eben - kein reines Frauenthema, aber vielleicht ist es gerade auch deshalb zu einem geworden, weil sich die Männer nicht adäquat darum gekümmert haben.)

* Während die Urgrundphilosophen quasi den Mythos durch den Logos ersetzt haben, hat Platon - einige Male das Gegenteil gemacht: den Logos zum Mythos geformt. Der Mythos und die Allegorie spielten aber auch nach Platon noch eine bedeutende Rolle (und dies nicht nur bei Nietzsche [welchen Frau Kronauer im obigen Videobeitrag erwähnt]). Wir wären vermutlich sehr erstaunt, wenn wir vor Augen geführt bekämen, mit wievielen philosophischen Mythen unsere heutige Kultur, die wir als so technisch-rational gesehen haben, durchzogen ist. Das fängt natürlich an beim Bild, welches wir von Jesus Christus haben. Ich spreche nicht vom realen Christus, sondern vom Bild, welches wir von ihm haben - der grösste und kräftigste Mythos aller Zeiten. Es geht weiter mit dem Renaissance-Mythos des Menschen im Zentrum der Welt - ein humanistischer Mythos, welcher vergleichbar ist mit jenem von Protagoras in der Antike, wonach der Mensch das Mass aller Dinge war (vor der griechischen Klassik). Es geht weiter mit den Gesellschaftsutopien: der frühsozialistischen Utopie von Morus und v.a. der wissenschaftlich-technischen Utopie von Bacon, welche das Weltbild eines kommenden wissenschaftlich-technischen Zeitalters beschreibt. Und es geht weiter mit dem Bild von der unsichtbaren Hand, welche die Märkte der Wirtschaft regelt bei Smith (das hat schon fast eine magische Komponente [ähnlich wie der Wissenschaftsbegriff zur Zeit der Alchemie]). Und auch der wissenschaftliche Determinismus von Laplace, wonach die Wissenschaft alles weiss bzw. irgendwann einmal alles wissen wird, ist eigentlich so etwas wie ein Mythos. Das sind nur einige sehr bedeutende Beispiele, die zeigen, wie wichtig der Mythos noch in unserer heutigen Kulturgeschichte ist (obwohl das eigentlich nicht thematisiert wird). Vielleicht können wir sogar sagen, dass die Neuzeit und die Moderne mit Mythen durchzogen ist, während die erste Zeit, die wirklich praktisch ohne Mythos, Urgrund und Logos auskommen will - oder mit solchen, die eigentlich schon im Ansatz gescheitert sind, z.B. das reine Überleben der Stärksten, die klassenlose Gesellschaft oder der Übermensch - und sich eigentlich alleine an der Realität orientieren möchte, die Spätmoderne ist (mit allen Vor- und Nachteilen, welche das hat - sprich: viele neue Möglichkeiten und Chancen, aber auch Relativität, Unsicherheit, Gefährlichkeit [nicht nur in einzelnen Unternehmungen, sondern in der Gesamtkonzeption]).

Der in Grossbritannien v.a. in intellektuellen Kreisen einflussreich gewesene analytische und moralische Philosoph Russell meint, er habe der Welt letztlich zwei Dinge zu sagen: intellektuell solle sich der Mensch stets und alleine von den Fakten leiten lassen, moralisch meint er, die Liebe sei weise, der Hass aber sei töricht*. Das tönt sehr schön, und alle (philosphischen und anderen) Probleme scheinen damit für alle Zeiten gelöst. Was Russell damit aber wirklich meint, ist doch die Ausschaltung des Intellekts - im Gegenteil von Kants 'Sapere aude' - und die Reduktion des Begriffs der Liebe auf die reine Toleranz (was eine sehr passive Form von Liebe ist, d.h. der kleinste gemeinsame Nenner und nicht einmal ein möglicher Mittelweg [und die schwächste Form in der Dreiheit von Toleranz, Akzeptanz und Assekuranz, wie ich sie in meinem ersten Buch formuliert habe]). Der alte (neo-) positivistische Pazifismus, welcher uns schöne Worte und die Atombomben gebracht hat, genügt nicht zur Weltverbesserung. Und... Russell tönt irgendwie nach Jiddu Krishnamurti. Krishnamurti: The world is stupid. Russell: The world is not stupid but ignorant. Haben sie nicht recht in einem gewissen Sinn? Was aber, wenn sie recht hätten? Wie wollten sie als Moralisten eine Welt verbessern, welche dumm und/oder ignorant ist? Mission Impossible. Und seltsam: dass alle Arroganten die Welt immer für ignorant halten, alle Ignoraten sie aber immer für arrogant halten. Vielleicht ist die Welt - wenn wir sie denn unbedingt moralisch abqualifizieren möchten - weder dumm noch ignorant, sondern perfid (lat. perfidus: treulos, wortbrüchig, unredlich, verräterisch, listig, schelmisch; unzuverlässig, unsicher, tückisch - oder: durch die Treue, sie nicht vermögend, aber sie im besseren Fall versuchend und bewahrend [jedoch befinden wir uns so oder so auf einem schwierigen Gebiet, wenn wir die Welt moralisch abqualifizieren; der urontologische Satz von Parmenides ist neutral: alles Seiende ist, und doch kommen wir nicht ohne Moral in der Welt aus (und vielleicht führt uns das zurück zu Empedokles, oder auch zu Mozi, oder zu Platon, oder zu Aristoteles, oder zu Jesus, oder zu Augustinus, oder zu Thomas (von Aquino), oder zu Hobbes, oder zu Pascal, oder zu Russell, oder zu Derrida, oder wer weiss wohin)]).

* Was ist das wirkliche Problem mit diesem Satz? Was stimmt hier nicht? Es ist natürlich klar: hier wird im ersten Teil des Satzes (love is wise) die Liebe aufgebaut, welche im zweiten Teil des Satzes (hatred is foolish) gleich wieder zerstört wird - und mehr noch: er wandelt es eigentlich in das um, was er negieren wollte (Hass gegen Hass). Das scheint wenig philosophisch zu sein (this is a poor philosophy - und Russell wird als Logiker bezeichnet, notabene; merke: die Gefühle lassen sich nicht mit mathematischer Logik behandeln).

So, wie ich hier das Thema der Liebe behandelt habe (möglichst breit und doch auch wiederum äusserst kurz), könnte man jedes Thema (und jeden Begriff) behandeln (wie es mehr und mehr in den Enyklopädien auch gemacht wird, auch und v.a. auch im Internet), und die Anzahl der (schon vorhandenen und noch absehbaren oder auch sonst kommenden) Themen und Begriffe - in Sprachen der Zukunft vielleicht auch, die wir heutigen gar nicht verstehen würden und/oder übersetzen könnten - erscheint schier unendlich. Es kann also niemand mit irgendeiner Philosophie an irgendein Ende kommen oder reichen - das ist für den Philosophen vielleicht manchmal etwas irritierend, aber irgendwie auch wiederum durchaus tröstlich.

Interessant vielleicht dazu noch, welche Begriffe in welchen Zeitaltern und -perioden die bedeutendsten waren. Was nicht bedeutet, dass sie erst dann aufgekommen wären, aber dass sie dann eben besonders bedeutend waren. Antike: (Ur-) Grund (Vorklassiker), Seele (Platon), Idee (Platon), Gerechtigkeit (Platon), Glück (Aristoteles). Mittelalter: Gott (Jesus), Liebe (Jesus), Geist (Jesus), Vernunft (Canterbury), Sein (Aquino). Neuzeit (inkl. Moderne und Spätmoderne): Wissen (Bacon), Verstand (Locke), Aufklärung (Rousseau), Kritik (Kant), Freiheit (Mill). Jeder dieser Begriffe hat seine eigene, meist lange Geschichte, dazu auch seine Querverbindungen zu anderen - ähnlichen oder gegensätzlichen - Begriffen; ich greife hier nur einen Punkt aus dieser Geschichte heraus, welcher mir epochal (d.h. in Bezug zur jeweiligen Epoche) besonders bedeutend erscheint. Der Begriff der Freiheit ist vermutlich heute noch immer der bedeutendste - in Verbindung vielleicht mit dem Begriff der Verantwortung (speziell - herausgesucht nach entsprechenden Werktiteln - etwa bei Lévy-Bruhl, Weischedel, Hart, Morris, Ross, Jonas, Chomsky, Popper, Barthes, Apel, Birnbacher, Hösle, Ricoeur, MacLaughlin, Etzioni, Vattimo, Nida-Rümelin oder Heidbrink [der Ursprung des deutschen Begriffs scheint in der Reformationszeit zu liegen (etwa bei Melanchthon, Bucer, Bullinger); im Lateinischen wird er übersetzt mit: officium, was aber eher Pflicht bedeutet, welches der ältere Begriff dazu zu sein scheint (etwa bei Cicero), welchen auch Kant noch verwendet: wir sprechen ja bei ihm von einer Pflicht- und nicht etwa von einer Verantwortungsethik - wir würden natürlich aber heute eine Unterscheidung machen zwischen den Begriffen der Verantwortung und der Pflicht]).

Und schliesslich: es ist sehr einfach und auch sehr populär, heute zu sagen, dass man grundsätzlich keine Ismen mehr wolle. Aber dann passiert das, was im 21. Jahrhundert in der Politik passiert ist: man hat dann plötzlich einen Putinismus, einen Bushismus, einen Merkelismus, einen Sarkozismus, einen Obamismus (inkl. Obama Care), einen Trumpismus (inkl. Trump Tower) und einen Macronismus - und dann ist man wahrscheinlich ungefähr wieder gleich weit wie vorher. Tendenz derzeit: weitere Zunahme der persönlichen Ismen (und weiteren "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens", deutscher Titel von: Richard Sennett - The Fall of Public Man, 1977). Das könnte bedeuten, dass man letztlich doch nicht ganz um die Ismen herumkommen wird - aber: schauen wir mal.


Welche philosophischen Bücher empfehle ich zur Lektüre? (Ausser meinen eigenen, natürlich - insbesondere mein Hauptwerk.) Das ist immer eine schwierige Frage. Für den Profi lautet das Pflichtprogramm etwa: die Schriften von Platon und Aristoteles zur Metaphysik, Physik, Ethik und Politik (das sind fünf Schriften von Aristoteles und eine von Platon), die Bekenntnisse von Augustinus (nebst der Bibel, natürlich, die man allen empfehlen kann [schon nur als Grundlagenwerk der westlich-christlichen Kultur]) sowie die kritischen Schriften von Kant (drei Schriften) und die Phänomenologie des Geistes von Hegel. Das sind (nur) zehn Schriften (plus die Bibel). Das ist das Minimalprogramm für den Profi - beliebig erweiterbar. Von all diesen Schriften würde ich dem Laien eher keine besonders empfehlen (was natürlich nicht heisst, dass ich sie schlecht finde, sondern: zu ausführlich, zu spezifisch und/oder zu kompliziert [für irgendeinen Laien in dieser heutigen Zeit - und wenn schon, dann vielleicht die Zehn Gebote Moses und das Matthäus-Evangelium aus der Bibel sowie die Nikomachische Ethik von Aristoteles]). Er ist vermutlich viel besser bedient mit einem guten Buch über die Philosophiegeschichte. Natürlich sollte auch der Profi solche Bücher lesen. Vor vielen Jahren habe ich einmal einem Philosophiestudenten - zugegeben: es war nicht gerade der Eifrigsten einer - ein Buch über Philosophiegeschichte in die Hand gegeben bzw. geschenkt, und dieser hat darüber gestaunt, dass es so etwas überhaupt gibt (damals, vor rund 20 Jahren, war das selbst innerhalb des Philosophiebereichs noch nicht so gebräuchlich wie heute, aber ich denke das gibt es heute noch: Philosophieinteressierte, die in Einzelwerken herumwühlen, ohne sich vorher einen soliden Überblick zu verschaffen [das kann man heute tun] - ich habe einmal im Fernsehen einen Film über einen Menschen gesehen, welcher - vollkommen begeistert - praktisch das gesamte Werk von Schopenhauer gelesen hat und dann in eine tiefe Depression verfallen ist [das ist nicht zu empfehlen]). Interessante Bücher zur Philosophiegeschichte sind etwa: Otfried Höffes "Kleine Geschichte der Philosophie", Christoph Helferichs "Geschichte der Philosophie" und/oder Hans Joachim Störigs "Kleine Weltgeschichte der Philosophie", immer nützlich ist auch der dtv-Atlas zur Philosophie, die kürzeste Form, um sich breit über die Philosophiegeschichte zu informieren, ferner gibt es auch verschiedene Werke mit Philosophenporträts, z.B. "50 Klassiker Philosophen", und bei grösserem Interesse, auch das "Lexikon der philosophischen Werke" von Julian Nida-Rümelin (mit kurzen Artikeln zu über 1000 philosphischen Werken). Es gibt auch immer mehr unterhaltende Wege dazu. Ein Klassiker ist der Roman "Sofies verden" (dt. Sofies Welt, 1993) vom norwegischen Schriftsteller Jostein Gaarder. Auf ebenso einfache wie unterhaltende Weise werden in diesem Buch auch Zusammenhänge in der Philosophie dargestellt (das Werk ist natürlich ebenfalls als Hörbuch erhältlich [oder als solches auch Internet aufzufinden]). Ebenfalls empfehlenswert ist eine Darstellung der Philosophiegeschichte im Cartoonstil: "Philosophy For Beginners" (dt. Philosophie - Eine Bildergeschichte für Einsteiger, 1992) von Richard Osborne. Und schliesslich gibt es heute auch Videos bzw. DVDs dazu, so etwa von der Fernsehsendung "Denker des Abendlandes" von Wilhelm Vossenkuhl und Harald Lesch. Ansonsten wird jeden v.a. das interessieren, was ihn sonst thematisch besonders interessiert, und im Allgemeinen gehören wohl die ethischen und moralischen Schriften und die Lebensweisheitsbücher zu beliebtesten (meist auch zu den kürzeren) philosophischen Büchern, wie etwa die Nikomachische Ethik von Aristoteles (ist aber nicht so kurz), das Handbüchlein der Moral von Epiktet, die Selbstbetrachtungen von Mark Aurel, die Vita Beata von Seneca und die Beata Vita von Augustinus, der Trost der Philosophie von Boethius, die Schrift über die Würde des Menschen von Mirandola, die Essais von Montaigne, der Brief über die Toleranz von Locke, die Kritik der praktischen Vernunft (auch nicht so kurz) und die Schrift zum Ewigen Frieden je von Kant, die Aphorismen zur Lebensweisheit von Schopenhauer, die Schrift über die Freiheit von Mill und im 20. Jahrhundert vielleicht (?) die Minima Moralia von Adorno... sowie das Prinzip Weltethos von Küng (dies sind alles Werke zur Ethik; ein überschaubares Büchlein zur Erkenntnistheorie, ohne dass man sich gleich in die ganz grossen Schunken stürzen müsste, lieferte Hume mit seiner Untersuchung über den menschlichen Verstand [natürlich aber erst recht bereits nur ein Zeitausschnitt (aber immerhin lesbar [während eben die Werke oder Schunken dazu von Locke, Kant, Hegel oder Schopenhauer, u.a., doch eher nur für Spezialisten zu empfehlen sind])]). Mein persönliches Interesse zielte dagegen v.a. auch auf die historisch grossen und wegweisenden Schriften und Schunken, aber die Interessen sind, wie gesagt, verschieden. Muss man philosophische Bücher lesen? Sicher nicht. Wer lieber belletristische Bücher mag, soll diese lesen, ebenso wer lieber Sachbücher, Biografien oder anderes mag, und wer gar keine Bücher mag, der soll die Lektüre sein lassen und sich anderen Dingen widmen. (Dagegen würde ich darauf bestehen, dass ein kleines Minimalwissen über die Philosophiegeschichte zur Allgemeinbildung gehört - für all diejenigen, welchen diese irgendetwas bedeutet.)



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Wie soll man mit der Philosophie umgehen? Diese Frage kann ich für niemanden beantworten, und ich glaube, niemand kann das. Ich kann nur sagen, wie ich mit der Philosophie umgehe. Für mich war die Philosophie so etwas wie die Lösung eines künstlerisch-kreativen Problems. Ich war nämlich Schriftsteller, wusste aber irgendwie nicht mehr, worüber ich schreiben soll. In dieser Situation begegnete ich der Philosophie. Ich fing an, philosophische Bücher zu lesen, philosophische Texte zu schreiben und ein eigenes philosophisches System zu kreieren. Schliesslich gab ich im Jahr 2003 ein philosophisches Buch heraus - danach wollte ich mich eigentlich anderen Dingen zuwenden, aber mittlerweilen sind es bereits drei Bücher geworden. Ich hatte gespürt, dass es immer einen Schritt weitergegangen ist, und dass ich auf einem guten Weg damit bin. Andere Menschen werden anders damit umgehen. Allen kann man dazu das weitergeben, was ein anderer bedeutend darüber gesagt, was die Philosophie für die Menschen ist. Es war Boethius, und dieser sagte: die Philosophie ist ein Trost. Ich habe über die dunkelste Stunde der Philosophie gesprochen, und ich habe Wittgenstein im Nachhinein ein bisschen im Verdacht, dass er damit eigentlich nur einen Witz machen wollte, von dem er selber nicht wissen konnnte, wie ernst ihn manche dabei nehmen würden. Aber item (und: wie auch immer). Bei Boethius und seinem Trost liegt vielleicht die hellste Stunde der Philosophie (aus einem Gefängnis heraus geschrieben, übrigens). Die Philosophie als Trost ist ein dreifacher: dass die Welt geschaffen ist, dass sie veränderlich ist und eben, dass sie tröstlich ist. Geschaffen heisst, sie ist nicht einfach nur da, sondern sie ist geschaffen da, und wir können auch nachvollziehen, wie sie geschaffen wurde (in der Philosophie), veränderlich heisst, sie ist nicht einfach nur da, sondern sie ist veränderlich da, und wir können sie verändern (in der Philosophie), und tröstlich heisst, sie ist nicht einfach nur da, sondern sie ist tröstlich da, und wir können getröstet werden über sie (in der Philosophie [aber auch in der Religion und in der Wissenschaft, denn es gibt auch einen Trost der Religion und einen Trost der Wissenschaft]). Was soll ich mehr dazu sagen? Es ist vielleicht mit der Philosophie ähnlich wie mit der Religion: wer zu viel von ihr erwartet, wird von ihr enttäuscht werden, und wer zu wenig von ihr erwartet, wird von ihr überrascht werden. (Und vermutlich ist es mit der Wissenschaft und allem anderen auch so ähnlich.) Ich bin in meiner Philosophie eben zu einem philosophischen System gekommen sowie auch zur Forderung nach einer besseren Ökologie und Soziologie, was eigentlich meiner Schlussfolgerung entspricht. Ethik reicht nicht mehr für die Lösung der Probleme der Welt, wir brauchen v.a. eine bessere Politik. Diese muss sich aber auf die Wissenschaft abstützten können - worauf sonst? Unsere heutige (spät-) moderne Zeit ist - so sehe ich es zumindest (wie sie sich gemäss den verschiedenen Zeitaltern entwickelt hat), eher wissenschaftlich und ferner her religiös als philosophisch orientiert. Daher zielt meine bedeutendste Forderung, obwohl ich einem gewissen Sinn auch alle Teile als gleichwertig betrachte, auf eine Förderung der Wissenschaften der Ökologie - diese Disziplin muss vielerorts sogar noch zuerst eingeführt werden - und der Wissenschaft der Soziologie. Das sind die beiden Wissenschaften, in welchen die bedeutendsten Probleme der Zukunft ausgetragen und gelöst werden müssen. Ich würde also auch eher heute ein Studium dieser Disziplinen empfehlen (allenfalls in Kombination mit anderen) als der Philosophie (ausser für wirklich speziell Interessierte).

Ich fühle mich heute kompetent, über die Philosophie (bzw. meine Philosophie) und auch über die Philosophiegeschichte (aus meiner Sichtweise heraus) Auskunft zu geben (was ich hier tue). Im Folgenden habe ich eine Kürzestzusammenfassung gemacht, wie ich sie eigentlich auch von den Schulen im Minimum erwarten würde, denn die Schulen sollten ja genau wissen, was sie unterrichten und worüber sie lehren wollen, was sein sollte: das Leben, das Wissen und die Welt - die Schule muss, neben einem gewissen soziologischen Ausgleich in der Ausbildung und in der Erziehung, mehr denn je die Grundlagen in diesen Dingen vermitteln (alles weitere findet sich für die weiter Interessierten heute auch im Internet).

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Kürzestzusammenfassung. Was gehört in der Philosophie zum Allgemeinwissen? Im 7./6. Jahrhundert vor Christus traten die sogenannten Urgrundphilosophen oder Vorklassiker im damals griechischen Kleinasien (heutige Türkei) auf, welche damit begannen, selbstständig über die Welt nachzudenken. Als erster dieser Philosophen gilt Thales von Milet. Die Klassik der griechischen Philosophie wird in Athen gebildet durch Sokrates, Platon und Aristoteles. Sokrates philosophierte auf der Strasse mit den Leuten (und versuchte sie zum Nachdenken zu bewegen), Platon entwickelte die Ideenlehre (von den Ideen hinter den Dingen) und Aristoteles begründete die systematische Wissenschaft (in der Naturphilosophie). Die Römer übernahmen dagegen von den Griechen die spätere hellenistische Stoa - eine Philosophie, welche auf die Gemütsruhe zielte. Im Römischen Reich war jedoch das (Römische) Recht bedeutender als die Philosophie. Nach der Konvertierung der Römer zum Christentum übernahm die christliche Theologie im Mittelalter die Rolle der Philosophie. Diese wird in eine frühere Zeit der Patristik (Augustinus) und in eine spätere Zeit der Scholastik (Thomas von Aquino) eingeteilt. Im 15./16. Jahrhundert fand eine Renaissance statt, in welcher neuzeitliche und moderne Freiheitsgedanken aufkamen. Diese führten zur Begründung der (Natur-) Wissenschaft. Bedeutende philosphische Wissenschaftsvertreter waren in der Neuzeit Francis Bacon (Empirismus [experimentelle Methodik und objektive Erfahrung] - Spruch: "Wissen ist Macht", weitere Empiristen: Locke und Hume) und René Descartes (Rationalismus [ewiges Wissen und mathematischer Beweis] - Spruch: "Ich denke, also bin ich" [Subjekt-Objekt-Scheidung], weitere Rationalisten: Spinoza und Leibniz). Im Zeitalter der Aufklärung kam zur wissenschaftlichen Erneuerung eine politische Erneuerung dazu. Französische Philosophen wie Montesquieu, Voltaire und Rousseau sind mitverantwortlich für die Französische (Bürger-) Revolution. Das Credo dieser Revolution der Bürger gegen die mittelalterliche Dreistandesgesellschaft (mit Adel, Geistlichkeit und Drittem Stand) lautet: Freiheit (liberté), Gleichheit (égalité) und Brüderlichkeit (fraternité). Der grosse deutsche Aufklärer Immanuel Kant sorgte mit seinen kritischen Schriften (Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft und Kritik der Urteilskraft) dafür, dass die deutsche Philosophie fortan eine Führungsstellung in der Philosophie (Europas) einnahm (Spruch: "Sapere aude" [dt. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen]). Ihm folgte der Deutsche Idealismus, dessen bedeutendster Vertreter Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist (sein bekanntestes Werk heisst: Phänomenologie des Geistes [Dialektikprinzip mit These, Antithese und Synthese als Weltprinzip]). Nach diesem diversifizierte sich die Philosophie in viele verschiedene Richtungen. Die heutige Politik ist geprägt durch die Auseinandersetzung zwischen dem Liberalismus (18. Jh./Aufklärung) und dem Sozialismus (19. Jh. - in diesem sind ebenfalls Schopenhauer und die Individualisten [mit Nietzsche] bedeutend zu erwähnen). Im 20. Jahrhundert gab es v.a. drei bedeutende Richtungen: Kritizistische Philosophie (mit der Kritischen Theorie in Deutschland und dem Poststrukturalismus in Frankreich), Existentialismus (Heidegger, Sartre) sowie Analytische Philosophie (v.a. in den USA - nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die USA mehr und mehr die führende Position in der Kultur allgemein, und so auch in der Philosophie). Zur Philosophie anderer Kulturen: in China gelten die alten drei Philosophen noch immer als die grössten (Konfuzius, Laotse, Buddha [dieser aus Indien/Nepal] - rund 500 v. Chr.), in Arabien hatte die muslimische Philosophie eine Blütezeit während der christlichen Scholastik im Mittelalter (die europäische Kultur übernahm von ihr das indisch-arabische Zahlensystem und die Wiederbetrachtung der aristotelischen Philosophie [wichtig für die Herausbildung der neuzeitlichen Wissenschaft (Aristoteles <-> Galilei)]). Noch einmal eine kürzeste und knappste Zeitbestimmung: Antike (Griechen, Römer), Mittelalter (Christentum), Neuzeit: 15./16. Jh. Renaissance, 17. Jh. Wissenschaft, 18. Jh. Aufklärung/Liberalismus, 19. Jh. Sozialismus, 20. Jh. Existentialismus. Für alle, die interessiert sind an philosophischen Themen gibt es interessante Bücher zur Philosophiegeschichte (was eher zu empfehlen ist, als die Lektüre von alten Einzelwerken). Aktuelle Public Philosophers (mit Vorsicht zu geniessen - wie alles [in der Welt (und in der Philosophie)]): Chomsky, Enthoven, Nussbaum, Precht, Sandel, Sloterdijk, Zizek (u.a.). Das genügt als Minimalgrundwissen (welches auch an jede Grund- und Volksschule gehört - man kann dazu den Schülern ein Blatt Papier abgeben, inkl. der Nennung von etwa drei Büchern zur Philosophiegeschichte [siehe oben], und dann wissen sie Bescheid [und desgleichen kann man es mit den Wissenschaft machen, insbesondere mit der Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Psychologie, Ökonomie, Soziologie, und auch mit der Theologie/Religion sowie Geografie, u.a. (siehe im Abschnitt über die Wissenschaftsgeschichte)]).

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Zum Schluss zwei Listen zur besseren Übersicht und Einordnung: Philosophen nach Richtungen und Nationen.


Philosophen nach Richtungen (der westlich-abendländischen Philosophie [inkl. Religionsstifter]). - Altertum - Vor dem eigentlichen Geschehen in der (Schul-) Philosophiegeschichte (u.a. mit ägyptischer Weisheitsdichtung [Ptah-Hotep], babylonischen Gesetzestexten [Hammurapi], jüdischer Religion [Mose, Jakob] sowie biblischen Weisheitsbüchern [Salomo, Hiob]). - Antike - Mythendichtung I (Homer), Sieben Weise (Pittakos, Solon [auch Thales]), Urgrundphilosophen (Thales, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Xenophanes, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras, Empedokles, Protagoras, Demokrit), Indien (Buddha, Mahavira), Mythendichtung II (Herodot), China (Laotse, Konfuzius, Mozi), Klassiker (Sokrates, Platon, Aristoteles - evtl. auch Xenophon), Hellenisten (Pyrrhon [Skeptizismus], Epikur [Epikureismus], Zenon v. Kition [Stoizismus od. Stoa - in Rom: Aurel, Seneca]), Mathematik (Euklid, Diophantos), Eklektizismus (Cicero), Mythendichtung III (Ovid), Jüdische Philosophie I (Philon v. Alexandria). - Mittelalter - Christliche Patristik (Petrus, Paulus, Justinus, Irenäus, Tertullian, Hieronymus, Athanasius, Augustinus, Isidorus v. Sevilla), Gnostizismus (Basilides, Valentinus), Neuplatonismus (Plotin), Manichäismus (Mani), Ordensgründer I (Benedictus), Islam (Mohammed), Alchemie (Geber), Hinduistische Philosophie (Shankara), Muslimische Philosophie (Al-Kindi [lat. Alkindus], Ar-Razi [lat. Rhazes], Al-Biruni [lat. Alberuni], Al-Farabi [lat. Alpharabius od. Avenassar], Ibn Sina [lat. Avicenna], Al-Ghazali [lat. Algazel], Ibn Baddscha [lat. Avempace], Ibn Tufail [Abubacer], Ibn Ruschd [lat. Averroës]), Christliche Scholastik (Canterbury, Abaelardus, Lombardus, Magnus, Bonaventura, Thomas v. Aquino, Bacon [R.], Scotus, Ockham, Kues), Christliche Mystik (Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Eckhart, Katharina von Siena, Kues), Ordensgründer II (Joachim v. Fiore, Dominikus, Franziskus), Jüdische Philosophie II (Maimonides), Sufismus (Suhrawardi, Ibn Arabi), Kabbalismus (Gikatilla, de Leon), Renaissance (Alighieri, Petrarca, Ficino, Pomponazzi, Mirandola, Patrizi), Reformation I (Hus), Universalgelehrte I (Da Vinci), Humanismus (Erasmus, Morus), Staatstheorie I (Machiavelli), Sikhismus (Guru Nanak). - Neuzeit - [Neuzeitliche] Naturwissenschaft I (Kopernikus), Reformation II (Luther, Zwingli, Melanchthon, Calvin, Knox), Ordensgründer III (Ignatius v. Loyola), Universalgelehrte II (Cardano, Della Porta, Kircher), Staatstheorie II (Bodin, Grotius, Althusius, Hobbes), Essayistik (Montaigne), [Neuzeitliche] Naturwissenschaft II (Brahe, Bruno, Galilei, Kepler), Ontologie I (Goclenius, Lorhard, Micraelius, Clauberg), Empirismus (Bacon [F.], Locke, Berkeley, Hume), Deismus I (Cherbury), Jansenismus (Jansen, Pascal, Arnauld), Reformpädagogik (Comenius), Rationalismus (Descartes, Spinoza, Leibniz), Naturwissenschaft II (Boyle [Chemie], Newton [Physik]), Pietismus (Spener), Okkasionalismus (Malebranche), Enzyklopädisten (Bayle, Chambers, Diderot, D'Alembert, Krünitz), Deismus II (Collins), Ontologie II (Wolff). - Moderne I - Aufklärung (Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Kant, Mendelssohn), Materialismus (De La Mettrie, Helvétius, D'Holbach), Psychiatrie I (Cullen), Common-Sense-Philosophie (Reid), Sensualismus (Condillac), [Ökonomischer] Liberalismus u. Klassische Nationalökonomie (Smith, Malthus, Ricardo), Evolutionstheorie I (Lamarck), Feminismus (De Gouges, Wollstonecraft), Utilitarismus (Bentham, Mill), Anarchismus I (Godwin). - Moderne II - [Utopischer] Sozialismus (Saint-Simon, Owen, Fourier), [Deutscher] Idealismus (Fichte, Hegel, Schelling), Subjektiver Idealismus (Schopenhauer), Soziologie u. Positivismus (Comte), Neuoffenbarung (Lorber, Mayerhofer - im Islam: Baha'ullah, Mirza Ghulam Ahmad), [Nordamerikanischer] Transzendentalismus (Emerson, Thoreau), Linkshegelianismus (Feuerbach, Bauer), Politologie (Tocqueville), Psychophysik (Fechner), Individualismus (Stirner), Anarchismus II (Proudhon, Bakunin, Kropotkin), Evolutionstheorie II (Darwin), Existentialismus I (Kierkegaard), Rassentheorie (Gobineau), Teleologischer Idealismus (Lotze), Kommunismus I (Marx, Engels), Sozialdarwinismus (Spencer), Eugenik (Galton), Neukantianismus (Lange, Liebmann, Cohen, Natorp, Cassirer), Theosophie (Blavatsky, Olcott, Besant), Voluntarismus (Wundt), Moderner Hinduismus (Ramakrishna, Tagore, Vivekananda, Gandhi), Lebensphilosophie (Dilthey, Bergson, Klages), Empiriokritizismus (Mach, Avenarius), Pragmatismus (Peirce, James, Dewey, Santayana), Philosophie des Unbewussten (Von Hartmann [E.]), Nihilismus (Nietzsche), Analytische (Sprach-) Philosophie I (Frege, Russell, Wittgenstein), Sozialdemokratischer Revisionismus (Bernstein). - Moderne III - Symbolismus (Moréas)*, Psychoanalyse (Freud, Adler, Jung), Strukturalismus I (De Saussure), Psychiatrie II (Kraepelin, Bleuler), Quantentheorie I (Planck), Phänomenologie I (Husserl, Scheler), Neue Metaphysik (Alexander, Whitehead, Hartmann [N.]), Essentialismus (Duhem), Anthroposophie (Steiner), Existentialismus II (Schestow, Berdjajew, Lavelle), Filosofia italiana (Croce, Gentile, Gramsci), Machologie (Lasker), Kosmischer Idealismus (Boodin), Kommunismus II (Lenin, Trotzki, Mao), Integralismus I (Aurobindo), Futurismus* (Marinetti), Behaviorismus (Watson, Skinner), Relativismus (Einstein, Feyerabend), Surrealismus* (Apollinaire, Breton), Neoliberalismus I (Von Mises, Von Hayek), Philosophie der Masse (Gasset, Canetti), Existentialismus III (Jaspers, Marcel, Heidegger, Stein, Sartre, Arendt, De Beauvoir, Camus), Quantentheorie II (Bohr, Schrödinger, Heisenberg), Philosophie der Hoffnung (Bloch), Dadaismus* (Ball), Rastafarianismus (Garvey, Howell), Feldtheorie I (Lewin), Kybernetik (Wiener), Urknalltheorie (Lemaître), Strukturalismus II (Jakobsen, Lévi-Strauss), Kritische Theorie (Horkheimer, Marcuse, Adorno), Hermeneutik [im 20. Jh.] (Gadamer), Poststrukturalismus I (Lacan), Kritischer Rationalismus (Popper), Informatik (Neumann), Philosophie der Verantwortung I (Jonas), Analytische (Sprach-) Integralismus II (Gebser, Wilber), Libertarismus (Rand, Nozick), Philosophie II (Quine), Phänomenologie II (Merleau-Ponty), Neoliberalismus II (Friedman [M.]), Ökologie (Naess), Hippie-Bewegung (Leary), Metaphorologie (Blumenberg), Paradigmenphilosophie (Kuhn, Capra), Diskursethik (Apel, Habermas), Poststrukturalismus II (Deleuze, Foucault, Derrida, Lyotard, Baudrillard), Anarchokapitalismus I (Rothbard, Friedman [D.]), Philosophie des Geistes (Putnam, Searle, Kripke, Pauen, Metzinger, Chalmers), Public (Media-) Intellectual/Philosopher I (Chomsky, Rorty), Weltethosphilosophie (Küng), Kommunitarismus (Etzioni, MacIntyre, Walzer, Sandel), Transhumanismus (FM-2030, More, Bostrom), Medienphilosophie (Postman, McLuhan, Capurro), Afrikanische Philosophie (Wiredu, Hountondji, Oruka, Appiah, Eze), Philosophie des Ereignisses (Badiou), Tierethik (Regan, Singer), Feldtheorie II (Sheldrake), Kritischer Realismus (Bhaskar), Public (Media-) Intellectual/Philosopher II (Safranski, Sloterdijk, Zizek, Precht, Enthoven), Philosophische Praxis (Achenbach), Philosophie der Verantwortung II (Nida-Rümelin, Heidbrink), Philosophie des Erweiterten Geistes (Clark), Internetphilosophie (Bard, Floridi), Spekulativer Realismus u. Philosophie der Kontinuität (Meillassoux), Anarchokapitalismus II (Huemer), Philosophy Slam (Hofweber), Philosophie der Negativität (Hillenkamp), Multi-Media-Freestyle-Flow-Bewusstseinserweiterungsphilosophie (Silva). - Der Einfachheit halber wurde hier jeder Philosoph nur einer Richtung zugeteilt, obwohl es natürlich auch immer wieder Überschneidungen gibt; sowohl die Richtungen wie auch deren einzelne Vertreter wurden je nach dem Geburtsjahr eingeteilt.

* In dieser Liste wurden bedeutende theoretische Vertreter der (modernen) Kunst mit einem Sternchen (*) bezeichnet. Oft haben diese ein bedeutendes Manifest zur entsprechenden Richtung geschrieben (und/oder diese begründet). Die Philosophen haben solches zwar praktisch nie direkt aufgenommen, trotzdem ist auch die Entwicklung der Kunst natürlich von philosophischer Bedeutung. Auch wissenschaftliche Richtungen wurden vereinzelt neben der eigentlichen oder reinen Philosophie hier aufgeführt (und ebenfalls als sehr bedeutend für die Entwicklung der Ideengeschichte bewertet).

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Philosophen nach Nationen (und Weltregionen - nach Geburtsort [und heutiger politgeografischer Einteilung], inkl. Religionsstifter - pro Land oder Region die bedeutendsten zehn Namen der ganzen Philosophiegeschichte). Afrika I (Nordafrika): Augustinus (Algerien), Badiou (Marokko), Camus (Algerien), Derrida (Algerien), Mose (Ägypten), Origenes (Ägypten), Philon (Ägypten), Plotin (Ägypten? [nicht gesichert]), Ptahhotep (Ägypten), Tertullian (Tunesien) - Averröes wurde Spanien zugerechnet. Afrika II (Mittel- und Südafrika): Benatar (Südafrika), Berger (Senegal), Eze (Nigeria), Findlay (Südafrika), Gyekye (Ghana), Hountondji (Elfenbeinküste), McDowell (Südafrika), Oruka (Kenia), Wiredu (Ghana), Yacob (Äthiopien). Asien I (Arabien & Naher u. Mittlerer Osten, inkl. Israel): Hazen (Irak), Jesus (Israel), Johannes v. Damaskus (Syrien), Justinus (Israel), Kindi (Irak), Luqa (Libanon), Mani (Irak), Mohammed (Saudiarabien), Petrus (Israel), Porphyrios (Libanon) - Mose wurde Afrika (Ägypten) zugerechnet. Asien IIa (Indien [inkl. Nepal u. Bangladesh]): Aurobindo, Buddha (Nepal), Gandhi, Krishnamurti, Nagarjuna, Radhakrishnan, Ramanuja, Shankara, Tagore, Vivekananda. Asien IIb (Persien u. Mittelasien): Avicenna (Usbekistan), Chwarismi (Iran), Farabi (Afghanistan), Ghazali (Iran), Gilani (Iran), Iqbal (Pakistan), Rhazes (Iran), Rumi (Iran), Sadra (Iran), Zarathustra (Iran) - Mani wurde Irak/Asien I zugerechnet. Asien III (China u. Südostasien): Dogen (Japan), Dschuang Dsi (China), Hanfeizi (China), Konfuzius (China), Laotse (China), Dhondrub (Tibet), Mozi (China), Sunzi (China), Suzuki (Japan), Wonhyo (Korea). Benelux: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Erasmus [Niederlande], Geulincx [Belgien], Grotius [Niederlande], Mandeville [Niederlande], Spinoza [Niederlande]). Deutschland: Einstein, Hegel, Heidegger, Kant, Leibniz, Luther, Marx, Nietzsche, Schopenhauer, Wolff. Frankreich: Abaelardus, De La Mettrie, Descartes, Diderot, Foucault, Montaigne, Montesquieu, Sartre, Tocqueville, Voltaire - Rousseau wurde der Schweiz zugerechnet. Griechenland (inkl. Zypern): Aristoteles, Demokrit, Epikur, Platon, Protagoras, Pyrrhon, Pythagoras, Solon, Sokrates, Zenon (Zypern). Grossbritannien: Bacon, Darwin, Hobbes, Hume, Locke, Mill, Newton, Ockham, Sidgwick, Smith - Canterbury wurde Italien zugerechnet. Iberien: Averroës, Avicebron, Gasset, Isidorus (v. Sevilla), Llull, Maimonides, Pereira (Portugal), Santayana, Suárez, Unamuno. Italien: Aquino, Boëthius, Canterbury, Cicero, Croce, Empedokles, Machiavelli, Mirandola, Parmenides, Seneca. Lateinamerika: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Bunge [Argentinien], Maturana [Chile], Silva [Venezuela], Varela [Chile], Vasconcelos [Mexiko]). Österreich: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Buber, Feyerabend, Popper, Schlick, Wittgenstein). Osteuropa (exkl. Russland): Blavatsky (Ukraine), Comenius (Tschechien), Freud (Tschechien), Husserl (Tschechien), Kopernikus (Polen), Lukács (Ungarn), Mach (Tschechien), Steiner (Kroatien), Tarski (Polen), Zizek (Slowenien). Ozeanien: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Alexander, Chalmers, Passmore, Singer, Smart [alle Australien]). Russland: Bakunin, Berdjajew, Herzen, Iljin, Kropotkin, Leontjew, Plechanow, Radischtschew, Schestow, Solowjow. Schweiz: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Jung, Küng, Paracelsus, Rousseau, Sismondi) - Einstein wurde Deutschland zugerechnet, Gebser wurde Polen/Osteuropa zugerechnet (dort nicht aufgeführt). Skandinavien: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Bard [Schweden], Kierkegaard [Dänemark], Naess [Norwegen], Swedenborg [Schweden], Wright [Finnland]). Türkei: Anaxagoras, Anaximander, Anaximenes, Diogenes (v. Sinope), Epiktet, Heraklit, Paulus, Proklos, Thales, Xenophanes. USA u. Nordamerika: Chomsky, Dewey, Emerson, James, Peirce, Rand, Rawls, Rorty, Quine, Thoreau.

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