Eine philosophische Betrachtung der Menschheits-, Kultur- und Ideengeschichte (mit Einbezug der Religion [und der Wissenschaft]).


Diese Seite steht derzeit in einer fundamentalen Überarbeitung - mit einem noch bedeutenderen Fokus auf die kulturphilosophischen Entwicklungen (d.h. auf den Zusammenhang zwischen Philosophie und Kulturentwicklung). Ich bleibe aus Traditionsgründen bei der alten Bezeichnung der Seite (Philorel), obwohl ich eigentlich von drei Hauptgebieten der Geisteskultur ausgehe: Philosophie, Religion und Wissenschaft (und ich versuche diese gleichwertig zu behandeln, alles natürlich hier im Rahmen der Philosophie). Ich werde dabei etwas mehr in die Tiefe gehen, als im bisherigen bzw. alten Text, aber nur punktuell. Die Free-Clipart-Bilder von Phillip Martin werde ich zur Auflockerung beibehalten (und einige weitere Abbildungen beigeben). Es wird mit der ersten grossen Umschreibung insgesamt drei Redaktionsrunden geben, da der Text über längere Zeit überarbeitet werden soll - derzeit läuft die dritte und letzte.

-> Antike, Mittelalter (Christentum, inkl. Renaissance), Neuzeit (17./18. Jh. - Wissenschaft), Moderne I (18./19. Jh. - Aufklärung / Liberalismus), Moderne II (19./20. Jh. - Sozialismus), Moderne III (20./21. Jh. - Existentialismus)

-> Kürzestzusammenfassung der Philosophiegeschichte

-> Wie soll man mit der Philosophie umgehen?

-> Philosophische Lektüreempfehlungen

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ANTIKE * * * Vom Polytheismus zur Philosophie, oder: vom Mythos zum Logos * * * Solon: die Frage nach der guten/gerechten Ordnung * * * Die Philosophen und der verborgene Urgrund der Dinge * * * Buddha, Laotse und Konfuzius in Ostasien * * * Protagoras: Der Mensch als das Mass aller Dinge * * * Sokrates, der heilige Fragensteller der Philosophen * * * Platon, Hüter der Ideen und Gründer der Akademie * * * Aristoteles, der Begründer der systematischen Wissenschaft * * * Vom Ende der grossen Klassik * * * Hellenismus: drei Schulen und der Untergang * * * Die Stoa in der römischen Philosophie.


Der Beginn der Geschichte des bewussten Menschen soll etwa in einer Urzeit vor rund 300'000 Jahren liegen, wo sich in Afrika ein archaischer Homo sapiens aus dem Homo erectus entwickelt haben soll. Ob es ein paar Jahre früher oder später gewesen ist, das ist hier weniger von Belang (wir haben bereits gelernt, etwa in Jahrtausenden und sogar mehreren Jahrtausenden zu denken, was aber darüber hinausgeht, ist für uns ganz einfach unvorstellbar lange her). Für die Philosophie fängt die (philosophische) Menschheitsgeschichte sehr viel später an, nämlich mit der Entwicklung von fixen Ideen. Mit 'fix' ist hier nicht unveränderlich gemeint, sondern festgeschrieben und nachvollziehbar. So verstanden, ist die Philosophie natürlich sehr schrift- und textbezogen (vermutlich aber gibt es so etwas wie Philosophie - im Sinn vom Ergründen der Welt, in der wir leben - schon so lange, wie es so etwas wie Menschen gibt). Die Schrift ist vermutlich 6600 v. Chr. (in China [Jiahu-Schrift]), 5500 v. Chr. (in Rumänien [Vinca-Schrift]) oder im 4. Jahrtausend v. Chr. (in Mesopotamien) entstanden; die Forscher streiten sich darüber, welche frühe Zeichen bereits als Schrift gedeutet werden können. Noch später setzt die Geschichte der Philosophie ein - entweder in der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. im ägyptischen Altertum, wo es schon Weisheitsdichtungen gab, oder aber im 7./6. Jahrhundert v. Chr. im antiken Griechenland, wo wir von einer schulmässigen Entwicklung der Philosophie sprechen können. Auch darüber können sich die Forscher streiten.



Wo hat die Philosophie eigentlich angefangen? Normalerweise (bzw. schulmässig) sagen wir, dass die Philosophiegeschichte in Griechenland im 7./6. Jahrhundert vor Christus begann, und dass der erste Philosoph Thales von Milet (um 624-546 v. Chr.) gewesen ist. Das ist aber eben eine ziemlich ungenaue Ansicht. Drei Dinge könnte man gegen diese Ansicht anführen. Erstens begann die Philosophie nicht im heutigen Griechenland, sondern in Kleinasien (d.h. in der heutigen Türkei, und zwar im sogenannt asiatischen Teil der heutigen Türkei, wobei dieses Gebiet zum damaligen antiken Grossreich Griechenland gehörte). Zweitens begann sie auch nicht wirklich dort, sondern: wir stossen bei der Suche nach dem ersten Weisheitssucher und/oder -begründer etwa auf die 37 Lebensmaximen von Ptahhotep [um 2400 v. Chr.] im altertümlichen Ägypten, was als älteste vollständig erhaltene Weisheitslehre gilt (im selben Jahrtausend sind auch etwa die noch früheren ersten Weisheitssprüche von Imhotep sowie auch die Anfänge des chinesischen I Ging zu erwähnen). Der bekannteste vorgriechische Weise ist vermutlich der altisraelitische König Salomo (wobei dessen Weisheitsbuch in der Bibel aber sehr viel später, erst im 1. Jahrhundert vor dem Erscheinen Christi, geschrieben wurde). Drittens gibt es sogar innerhalb der altgriechischen Kultur frühere Weise (als diejenigen, die heute als Philosophen bezeichnet werden): die sogenannten Sieben Weisen von Griechenland: Pittakos von Mytilene, Solon von Athen, Thales von Milet, Bias von Priene, Kleobulos von Lindos, Chilon von Sparta, Myson von Chenai. Thales, unser erster (Schul-) Philosoph, gehört also auch dazu, aber er ist nicht der Älteste dieser frühen Weisen im antiken Griechenland (das ist Pittakos, welcher in einer politischen Auseinandersetzung zwischen der Aristokratie und dem Volk als Schiedsrichter [grch. Aisymnet] auftrat). Sehr bedeutend ist für uns auch etwa Solon (um 640-560 v. Chr.) als Wegbereiter der attischen Demokratie (und damit auch als Vertreter einer frühen politischen Philosophie [Solon scheiterte mit seinen Reformen zwar mehrheitlich, gilt aber als Wegbereiter der Demokratie, welche von Perikles (um 495-429 v. Chr.) eingeführt wurde]). Viele der frühen Weisen in den älteren Kulturen waren entweder Herrscher oder Dichter (oder auch mythologische und/oder religiöse Figuren, die teils ebenfalls als philosophische Figuren verstanden werden können: in der Frühzeit war die Vermittlung von Weisheit über den Mythos sehr bedeutend [wobei es hierbei Figuren gibt, deren weises, gutes und/oder starkes Handeln (Herakles), und wiederum andere, deren unweises, schlechtes und/oder schwaches Handeln (Ikarus - immerhin offenbar aber ebenso interessant und mutig) betrachtet wurde (beides in einem [religiös motivierten] moralphilosophischen Mythologismus [der Mythos blieb aber auch bedeutend in der antiken Philosophie, etwa bis und mit Platon, während die Wissenschaftlichkeit von Aristoteles dann endgültig vom Mythologischen (in der alten klassischen Form) wegzuweisen schien]). Die Herausstellung der Sieben Weisen bedeutete, dass man quasi normalen Menschen eine Bedeutung gab, die eigentlich in der Mythologie nur Götter, Halbgötter oder göttliche Helden haben]). Sie werden ausdrücklich und mit einem starken Anhauch von Mythos als Weise bezeichnet, während die Philosophen mit und nach Thales dagegen eigentlich nicht als Weise bezeichnet sind, sondern dem Philosophiebegriff nach als 'Freunde der Weisheit' (grch. philos = Freund, sophia = Weisheit) - eine kleine Nuance, die u.a. bedeutet, dass ihnen nicht attestiert wird, dass sie die Weisheit a priori kennen würden, sondern: dass sie diese v.a. zuerst einmal (und überhaupt je) suchen. Sie sind in diesem Sinn mehr Weisheitssucher als Weisheitsfinder und mehr Weisheitsfinder als Weisheitskenner (wobei das eine natürlich auch zum anderen führen kann - jedenfalls aber haben sich die Philosophen gegenseitig immer wieder viel widersprochen, in der Antike ebenso wie auch bis heute). Manche nennen das Staunen als Hauptmerkmal des Philosophen, andere wiederum den Zweifel, noch viel bedeutender ist aber eben diese Suche an und für sich (und für andere).

Das ethisch-moralische Konzept vom Edlen stammt hingegen vom chinesischen Moralphilosophen Konfuzius (und kommt v.a. bei Platon in der Klassik wieder zum Tragen [und damit auch in seiner antiken Akademie wie auch später in den neuzeitlichen und modernen Universitäten (v.a. in deren früheren Geschichte, inkl. ihren exquisiten Gelehrtenkreisen wie etwa der Royal Society in England, gegründet 1660 - bis heute haben sich die Universitäten, wenn auch nicht mehr so streng wie früher, einen gewissen Charakter des Elitären bewahrt)]); in der vorsokratischen griechischen Antike gab es dagegen allerhand Philosophen - so etwa Heraklit, welcher der Dunkle genannt wurde, oder den Kyniker (bzw. Zyniker) Diogenes von Sinope, welcher sich von der Gesellschaft distanzierte und absichtlich in ärmlichsten Verhältnissen gelebt (und in einem Fass gehaust bzw. geschlafen) hat, aber auch etwa Empedokles, welcher sich für gottgleich hielt, oder Chrysipp, der am Lachen über einen seiner eigenen Witze gestorben sein soll (alles immer der Überlieferung nach), oder auch Sokrates natürlich, auch sehr speziell auf seine Art und Weise. Die frühen Philosophen waren - obwohl teils bereits schulmässig gruppiert - gesamthaft betrachtet, alles andere als eine homogene Gruppe (und daher stimmt wohl auch die landläufige Vorstellung, die man von einem [antiken] Philosophen hat, nicht unbedingt).

Interessant: schon vor dem eigentlichen Beginn der (schulbuchmässigen) Philosophie können wir also der Philosophie - in der Person von Solon, welchen die Frage nach der guten/gerechten Ordnung (grch. eunomia) beschäftigte - einen praktischen Erfolg zuschreiben (auch wenn man ihn erst rückwirkend der Philosophie zurechnen kann). Wenn Regierungsformen der Weisheit zugerechnet werden können, so gilt dies vermutlich auch für frühe Gesetzgebungen überhaupt (insofern sie philosophische Elemente aufweisen und einer philosophischen Leistung entsprechen). Einer der ersten bekannten Gesetzestexte stammt von Hammurapi I. (von Babylon, um 1810-1759 v. Chr.): der Codex Hammurapi. Philosophie heisst natürlich nicht nur Regierungskritik (wie es heute oft verstanden wird), sondern auch - und eigentlich sogar - Regierungkunst (daher ist auch die Rechtsphilosophie ein nicht unbedeutender Zweig der Philosophie bis heute). Platon bestreitet zwar ausdrücklich, dass Staatsreden und -schriften wie jene Solons philosophisch seien - ich fasse jedoch die Philosophie weiter (man könnte vielleicht von einem engeren und einem weiteren Kreis der Philosophie sprechen - für mich ist Philosophie ganz wesentlich [aber natürlich nicht nur] Ideengeschichte und -entwicklung [und da gehört ein bisschen mehr dazu, als fundamentalistische Philosophen vielleicht eingestehen würden]).

Solche direkt auffallenden und einzusehenden Erfolge sollten in der weiteren Antike wie auch im Mittelalter allerdings selten bleiben (ganz im Gegensatz zur Neuzeit, wo der praktische Erfolg der Philosophie - u.a. mit der Entwicklung der Wissenschaften und mit der bürgerlichen Revolution - ganz neue Dimensionen angenommen hat).


Die Mythologie der alten Griechen. Den ersten Philosophen und ihrer Suche nach dem Urgrund der Welt vorausgehend, muss man erwähnen, dass die griechische Mythologie insofern eine besondere ist, als dass in ihr die Götter gar nicht am Anfang des Weltentstehungsprozesses stehen, sondern andere Kräfte, Mächte und Gewalten, welche auch die Götter geschaffen haben: nach Hesiod - dem Hauptdichter und -deuter dieser Mythologie neben Homer (und später bei den Römern, welche die griechische Götterwelt übernahmen, auch Vergil und Ovid) - sind dies in erster Linie: Chaos (d.h. Nichts, Leere [was nicht das Selbe ist, aber trotzdem]), Gaia, Tartaros, Eros, Nyx, Erebos, Uranos, Ourea, Pontos und schliesslich die Titanen (welche die eigentlichen Götter hervorbrachten - die Titanen Kronos, seinerseits der Sohn von Uranos [Himmel] und Gaia [Erde], und Rhea sind die Eltern des Göttervaters Zeus und der weiteren Götter). Wie authentisch die Darstellung der Götterwelt durch die Dichter ist, das können wir heute eigentlich nicht mehr sagen und nachvollziehen. Es gibt aber jedenfalls Stimmen, welche die Authentizität schon in der frühen Antike angezweifelt haben. "Alles", wetterte Xenophanes, ein Vertreter der frühen Urgrundphilosophen (und der eigentliche Religionsphilosoph unter diesen), "haben Homer und Hesiod den Göttern angehängt, was bei den Menschen Schimpf und Schande ist: Stehlen, Ehebrechen und Betrügen." Es wurde also unter den antiken Philosophen schon bemängelt, was später die monotheistischen Religionen am Polytheismus ebenfalls bemängelt haben: dass diese Götter - insbesondere in der griechischen Mythologie - zu menschlich seien bzw. sich zu wenig von den Menschen abheben würden (oder sogar noch schlimmer als die Menschen seien, indem sie Dinge tun würden, die unter den Menschen eigentlich verpönt sind). Das ist bedeutend, wenn man nachfolgend die ganze Bewegung der Philosophen betrachtet, welche diese polytheistische Götter- und Mythenwelt ja auch bereits in Frage stellte und nach anderen (philosophischen und/oder wissenschaftlichen) Urgründen der Welt suchte. (Kleine Anmerkung zu den polytheistischen Religionen: wenn diese heute als Einheiten geschildert werden, so entspricht dies vermutlich nicht wirklich deren Ausprägungen in der Vergangenheit [und auch in der Gegenwart, wo sie vereinzelt noch bestehen]: diese sind oft lokal geprägt und verschieden; in diesem Sinn war das Werk der [Mythen-] Dichter vermutlich auch ein Versuch der Vereinheitlichung einer zusammenhängenden, aber eben nicht einheitlichen Mythologie gewesen, welche schwierig ist, und es finden sich denn auch teils im Werk desselben Dichters sogar widersprechende mythologische Fakten [die Kultur der alten (polytheistischen) Götterwelten ist ähnlich wie die Sprachkultur zu sehen: mit überregionalen Zusammenhängen, aber eben auch mit ganz stark lokal geprägten Ausprägungen]. Wir können uns ferner auch vorstellen, dass in einer kulturell niedergehenden Religion die Werke der Dichter über die Religion - in welcher Intention sie auch geschrieben sind - mit der Zeit bedeutender werden können als die Religion selber, und das ist das, was hier zumindest in Teilen der Gesellschaft geschah; zumal in einer Religion, welche zuvor keine eigentliche Schriftreligion gewesen ist.)

Wenn man das bunte Treiben der altgriechischen Götter betrachtet (wie es von den Dichtern beschrieben wurde*) - man braucht sich diesbezüglich nicht einmal eine moderne Bildergeschichte vorzustellen - dann kann man vermutlich leicht einsehen, warum die Philosophen seit jeher einen relativ schweren Stand hatten und die meisten Leute sich eher für diese Götter- und Heldengeschichten interessierten als für die schwerfällige Nüchternheit der Philosophen. Und so kam es, dass die Philosophen in der Gesellschaft stets ein bisschen abseits standen und schliesslich auch eine Akademie gründeten, in welcher sie mehrheitlich unter sich waren. Im Mittelalter gingen sie gegenüber der neuen Religion vorerst fast gänzlich verloren, bis sie in den Bibliotheken der Klöster wiederentdeckt wurden, am Beginn der Neuzeit kurz aufblühten, um dann von den Wissenschaftlern wieder in den Schatten gestellt zu werden. Aber: wie hat eigentlich alles begonnen?

* Interessant ist dazu auch der Vergleich der Dichtungen der Antike und der Neuzeit. Lange noch waren die grossen Dichtungen in der Neuzeit, als Erbe der Renaissance quasi auch, im Stile der alten Götter- und Heldendramen angelegt - bis zu Shakespeares Hamlet (1602) und Goethes Faust (1808) und darüber hinaus! Die drei Grossen der Klassik der deutschen Literatur zeigen die unterschiedlichen Tendenzen jener Zeit: Goethe die alte Klassik in alter Form, Lessing - früher, notabene - eine neue Klassik in alter Form, Schiller eine neue Klassik in neuer Form.

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Die Bewegung der Philosophen. Obwohl das menschliche Denken natürlich eben früher angesetzt werden muss, gibt es gute Gründe dafür, den Anfang der eigentlichen Philosophie bei Thales zu sehen. Meist hören wir zu diesem Anfang: dass vereinzelte Denker im alten Griechenland den Rahmen des mythisch-polytheistischen Weltbildes gesprengt, und damit begonnen hätten, eigenständig über die Welt nachzudenken. Das kann man so sagen - es wird auch oft gesagt, die Philosophen hätten den Mythos, welcher im alten Polytheismus in einem wilden Geflecht mit anderen Mythen stand, durch einen klaren Logos ersetzt. Auch das stimmt in einem gewissen Sinn. Es gibt drei besondere Gründe dafür, warum diese Bewegung der Philosophen - man kann es durchaus so nennen - anders war als alles, was vorher in der Menschheits-, Kultur- und Ideengeschichte geschehen ist. Erstens hat es eben überhaupt eine Bewegung des Denkens gegeben, in welcher sich die einen auf die anderen bezogen (und aus dieser Bewegung heraus auch Richtungen und Schulen), während es vorher vereinzelte Weise gewesen waren, die meist im Nachhinein als solche bezeichnet wurden. Zweitens ist man nicht mehr, wie in der vorherigen mythischen Religion, von der Moral ausgegangen, und drittens wurde damit ein neues gesellschaftliches Gewicht des Denkens eingeführt (vielleicht kann man das vergleichen mit der Bewegung der Propheten in der altisraelitischen Religion, welche auch eine eigenartige und eigenständige Bewegung begründeten, mitunter gegen die öffentliche Meinung der Zeit). Bis dahin war die Weisheit eine reine Frage der Moral des Einzelnen im Allgemeinen oder auch der Entscheidung zur Gerechtigkeit von richterlicher Gewalt (siehe: etwa bei Salomos weisem Urteil). Die Philosophen aber hatten einen ganz anderen Ansatz: sie suchten nach einem Urgrund der Welt, welcher gleichzeitig den Logos - etwa: Gedanke, Sinn, Begriff, (Natur-) Gesetz, (All-) Vernunft - der jeweiligen Philosophie bildete und bestimmte. Man kann die Begriffe vom Urgrund und vom Logos nicht getrennt betrachten - die heutigen Wissenschaften haben ja übrigens auch immer noch so etwas wie einen Urgrund und Logos - den (Untersuchungs-) Gegenstand, welcher die Wissenschaft formt: zu einer physikalischen, chemischen, biologischen, psychologischen, soziologischen Sichtweise (usw. usf., etc. etc.). Die Urgrundphilosophen gingen also von der ethischen Erwägung quasi zum reinen Denken über. Wieso dies? Die üppigen Mythen der antiken Götterwelt genügten ihnen zur Welterklärung nicht mehr, und so fragten sie sich eben, was denn diese Welt im Innersten wirklich zusammenhält. Ist dies nun weise? Da man ja so auch vorerst zu keinem wirklichen Schluss kam, sondern alle Philosophen sich nur gegenseitig widersprachen und je einen anderen Urgrund sahen? Man kann die Weisheit davon so verstehen (was leider - glaube ich - keiner dieser alten Philosophen ausdrücklich formuliert hat): bevor wir wissen können, wie wir in der Welt handeln sollen, müssen wir doch wissen, in was für einer Welt wir überhaupt leben. Daher diese grundsätzlichen Gedanken über die Welt und diese vorläufige Zurückstellung der moralischen Fragen (die reine Religion bestand ja neben der Philosophie auch weiter). Und... das ist ja auch der Punkt, an welchem bereits die reine Wissenschaftlichkeit entsteht, welche eben die moralischen Fragen (aus genau diesem Grund) zurückstellt - und damit auch diese letztlich nicht unproblematische Trennung von Wissenschaft und Religion/Moral. Es war nicht so, dass die frühen Philosophen die Moral ausgeschlossen hätten, aber es gab doch eben diese Tendenz zum reinen Denken, jenseits aller vorgefassten ethischen Sätze, und diese Trennung von Wissen und Moral. Obwohl bei den Urgrundphilosophen so viel vom Logos die Rede ist, hat dies noch wenig zu tun mit einer eigentlichen oder durchgehenden Logik - das Kausalprinzip etwa, eines der Grundprinzipien der späteren wissenschaftlichen Logik, kam erst nach und nach in die Philosophie hinein (und wurde erst bei Aristoteles richtig formuliert, in der Klassik der griechischen Antike). Anfänglich stand der Logos noch irgendwie zwischen dem Mythos und der Logik, und wir können vielleicht auch sagen, dass bei den allerersten Philosophen der Urgrund und der Logos identisch betrachtet werden können, während bei den späteren, sich der Logos eigenständig machte, als eine Art ewige, unveränderliche und hinter allem stehende Weltvernunft (v.a. etwa mit Heraklit, Parmenides und Anaxagoras), während der Urgrund einer bestimmten Philosophie auch eine andere oder spezifischere Gestalt haben konnte (besonders etwa bei den Sophisten [mit Protagoras und anderen], und auch etwa bei den Atomisten war dies der Fall [Leukipp und Demokrit]). Ebenfalls ein bedeutender Begriff ist jener vom Nous - dies scheint so etwas wie eine allgemeine Auffassung von einem individuell wirksamen Intellekt zu sein. Manchmal wird Nous ähnlich wie Logos verwendet, jedoch hat dieser (ältere) Begriff doch oft eine individuellere Note.

Logos und Nous bilden quasi ein ähnliches Begriffspaar wie in der hinduistischen Religion Brahman und Atman (das ist kein gleiches, aber ein ähnliches Prinzip [eine Verbindung zwischen dem Universellen und dem Individuellen, die in der griechischen Philosophie, in welcher es praktisch nur um Ideen ging, schon vor Platon, wenn auch nicht spezifisch als solche, herausgehoben wird]). Da die Philosophen - wie sie das in allen Zeiten getan haben - die Begriffe einerseits teils verschieden verwendeten und andererseits auch Aussagen machten, die begrifflich nicht genau deklariert wurden (besonders in der Antike), muss man in einer Gesamtschau herausspüren, was die einzelnen Begriffe eigentlich bedeuten.

Das grösste Problem der Philosophie (wie auch der späteren Wissenschaft) ist schon angetönt worden: wie kann die Ethik in die Logos-Philosophie, welche sich vom religiösen Mythos losgelöst hat, einbezogen werden? Die antike Philosophie konnte dieses Problem - trotz dem platonischen Guten und dem aristotelischen Mittelmass* - eigentlich nie wirklich befriedigend lösen (und daher rückte in der römischen Philosophie das reine Recht und im Christentum eine verstärkte Religion in den Vordergrund, die Philosophie dagegen in den Hintergrund).

* Auch diese beiden Haltungen enthalten ja einen unaufgelösten Gegensatz, es sei denn, man betrachte das Mittelmass als das Gute, wie es Aristoteles sicher vorsah: nach dem platonischen Aufstieg zum ideell absolut Guten, die Rückkehr zum aristotelischen Mittelmass. Doch darin bleibt dann wiederum die Frage, zu welchem Handeln dieses ausgeklügelte Prinzip denn nun eigentlich führen soll. Das Problem taucht spätestens dann auf, wenn wir an einer Wegkreuzung stehen, an welcher wir uns zwischen dem einen oder anderen Weg entscheiden müssen. Immerhin hat Aristoteles darauf aufmerksam gemacht, dass es eine grosse Unterscheidung gibt zwischen der logischen bzw. theoretischen und der ethischen bzw. praktischen Philosophie, doch mit dieser Unterscheidung ist das Grundproblem noch nicht gelöst. (Schauen wir uns nun aber an, was die antike Philosophie demgegenüber, d.h. diesem Problem gegenüber, wirklich gebracht und geleistet hat.)

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Thales von Milet, die apollonischen Weisheiten und die Urgrundphilosophie. Thales, der erste (so bezeichnete) Philosoph, ging durchaus noch von einer polytheistischen Welt voller Götter aus, jedoch soll er auch die Selbsterkenntnis begründet haben. Die Herkunft der drei sogenannten apollonischen Weisheiten, den Inschriften, welche der Überlieferung nach am Eingang des Apollon-Tempels von Delphi geschrieben standen, die teils sogar eben Thales zugeschrieben werden, ist aber nicht gesichert: jedenfalls hat Thales diese apollonischen Weisheiten unterstützt ("Ei" [Du bist], "Erkenne dich selbst!" [Gnothi seauton], "Nichts im Übermass!" [Meden agan] - der mittlere Spruch wird v.a. auch Chilon zugeschrieben, einem anderen der sieben Weisen*]). Dass Thales die Selbsterkenntnis begründet haben soll, behauptet Diogenes Laertios, ein Philosophiehistoriker, welchem wir immerhin die meisten Auskünfte über die frühen Philosophen verdanken. Thales war auch ein bedeutender Mathematiker und nicht der einzige solche unter den frühen Philosophen (siehe auch: Pythagoras). Philosophisch bedeutender ist seine Idee davon, dass das Wasser der Ursprung aller Dinge sei. Diese Behauptung steht am Anfang der Urgrundphilosophie der ersten Philosophen. Die Weltbegründung wurde nicht mehr durch ein mythologisches Ereignis gesehen, sondern ein allumspannender Urgrund soll für das Dasein der Welt verantwortlich sein. Man fragte sich quasi auch, ob es nun ein Jenseits der Götter gebe oder nicht bzw. woraus denn die Dinge im reinen Diesseits beschaffen sind (und dies eben vollkommmen unabhängig von religiösen Erwägungen). Diese Weltsicht und Anschauung führte zu einer materialistischen Philosophie - die philosophische Uridee der Welt wird in einer materialistischen Erwägung begründet und in einem materiellen Element gesehen. "Das Prinzip aller Dinge ist Wasser; aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück." Die spätere Wissenschaft hat gezeigt, dass dies (immerhin) für die lebenden Dinge gilt, jedoch nicht für die nicht-lebenden Dinge (und... Wasser ist nach der modernen Elementenlehre eine Verbindung aus dem häufigsten Element im Universum [Wasserstoff] und dem häufigsten Element auf der Erde [Sauerstoff]). Im Wirkungsort von Thales gab es bereits die erste kleine philosophische Bewegung oder Schule: jene der Milesier (d.h. der Philosophen aus Milet, einer antiken Stadt an der Westküste der heutigen Türkei). Zu diesen Milesiern gehören v.a. auch Anaximander und Anaximenes, welche je eigene, andere Urgründe vorbrachten: Anaximander das Unbestimmte (oder auch: das Unbegrenzte, Unendliche, grch. Apeiron), Anaximenes die Luft. Und so war sowohl die Bewegung wie auch der Streit der Philosophen eröffnet. Anaximander führte zu einem ideellen Urgrund, Anaximenes sah ein anderes materielles Element. Und damit war eigentlich schon klar: man kann die Philosophie eher materialistisch oder eher idealistisch begründen, und man kann in diesen verschiedenen Grundarten auch je verschiedene Urgründe zu einer eigentlichen oder eigenständigen Richtung vorbringen. Dieses Grundthema beschäftigt ja die Philosophie auch eigentlich bis heute. Alle diese frühen Erwägungen werden im Rahmen einer Naturphilosophie gesehen (welche noch nicht eine eigentliche Wissenschaft war [die Philosophie als Wissenschaft wurde erst von Aristoteles in der griechischen Klassik begründet]). Die Grundfrage der ersten Philosophen war demnach: wie ist die Natur (bzw. eben der Ursprung oder Urgrund) beschaffen? Von vielen der ganz frühen Philosophen haben wir keine eigenen schriftlichen Überlieferungen: dazu gehören auch etwa Thales und Pythagoras, während von Anaximander der erste Satz der Philosophen überhaupt überliefert ist, welcher auch der erste Prosasatz - also der erste Satz der Weltliteratur, welcher nicht in lyrischer Form verfasst wurde! - überhaupt sein soll (von ihm gibt es aber eben auch nur diesen einen Satz, und dies erst noch in fragmentarischer Form) und von Anaximenes schliesslich das erste gesicherte philosophische Werk (mit dem Titel "Peri physeos", dt. 'Über die Natur', dem [nachträglich gesetzten] Standardtitel praktisch aller frühen Werke der Naturphilosophie).

* Den sieben Weisen werden sieben Sprüche zugeordnet. Die Zuteilung kann leicht verschieden sein - der spätantike gallo-römische Dichter Ausonius beschrieb folgende Zuteilung: Chilon - Gnothi seauton ("Erkenne dich selbst!"), Solon - Hora telos makrou biou ("Schau auf das Ende eines langen Lebens!"), Pittakos - Gignoske kairon ("Erkenne den rechten Zeitpunkt!"), Bias - Hoi pleistoi kakoi ("Die meisten sind schlecht"), Periander - Melete to pan ("Bedachtsamkeit vermag alles"), Kleobulos - Metron ariston ("Mass ist das Beste"), Thales - Engya, para d'ata ("Bürgschaft bringt Unheil"). Nicht allzu viel Besonderes eigentlich, aus heutiger Sicht - das sind (grösstenteils, mit ein paar Abstrichen oder Fragezeichen) gutbürgerliche und mittelständische Lebens-, Mass- und Verhaltensweisen, abgesehen von ein paar elitären Zwischenrufen, die es hier auch gibt, aber es ist doch interessant zu sehen, was - (schon) vor dem Auftritt der eigentlichen Philosophen - in der Antike als weise galt. Seinen Vers beendete Ausonius (um 310-395) mit den Worten: "Ich hab' gesprochen, trete ab; und Solon / Der die Gesetze gab, tritt auf." (Eine interessante frühe politische Wendung in der Weisheitsauffassung also.)

Trotzdem - d.h. trotz den sieben alten Weisen und trotz den drei Milesiern als erste Urgrundphilosophen - gelten heute eigentlich v.a. Thales und Pythagoras - die beiden Mathematiker (welche auch und v.a. auch durch ihre mathematischen Sätze in Erinnerung gelieben sind) - als die ersten heute noch weitherum bekannten Grössen der uralten Naturphilosophie. Pythagoras stammte aus Samos und war der erste nachmilesische Philosoph, auch der erste, welcher sich selber als Philosophus bezeichnete, und der erste, welcher eine eigene philosophische Schule und/oder Sekte begründete (in welcher auch die [ägyptische] Wiedergeburtslehre eine zentrale Rolle spielte; die pythagoräische Schule hatte also auch religiöse Züge, die sich aber von der polytheistischen Hauptlehre im antiken Griechenland abhob). Danach kam Heraklit, welcher das Feuer als Urgrund bezeichnete, womit die vier alten Grundelemente, welche Empedokles dann zusammenstellte, beisammen waren: Erde (von keinem Philosophen als alleiniger Urgrund behauptet! [es sei denn nachmalig, in einem grösseren Rahmen, von Ptolemäus quasi, mit dessen geozentrischem Weltbild]), Wasser, Luft und Feuer. Der Weg zum antiken Elementensystem war also übrigens genau gleich wie jener zum modernen Periodensystem der Elemente: zuerst wurden die einzelnen Elemente erhoben und daraus dann ein Gesamtsystem begründet. Aristoteles übernahm in der Klassik die Vierelementenlehre von Empedokles, fügte aber ein fünftes, diffuses Element bei: den Äther (was vielleicht auch bedeutete, dass er erkannte, dass dieses antike Elementensystem noch nicht der Weisheit letzter Schluss war, obwohl er es selber nicht auf eine andere Weise verbessern konnte). In der neuzeitlichen Wissenschaft wurde ein ganz anderes Elementensystem begründet, welches zum heutigen Periodensystem der Elemente führte. Auch die alten Chinesen kannten in deren Naturphilosophie eine Elementenlehre mit fünf Elementen: Holz, Feuer, Metall, Wasser, Erde [im Vergleich zu Aristoteles also mit Holz und Metall statt Luft und Äther]. Die altchinesische Elementenlehre wird etwa im Rahmen der Feng-Shui-Lehre noch immer verwendet. Die erste grosse Leistung der antiken Philosophie - falls man nicht schon Solon und die Demokratie anrechnen möchte - war also diese elementare Auseinandersetzung mit der Welt, die bis zur heutigen komplexen Elementenphysik und -chemie führte. (Eine rein religiöse Weltauffassung würde vermutlich nie dem Wasser, dem Wasserstoff und/oder dem Sauerstoff [und schon gar nicht dem Phosphor oder dem Einsteinium, u.a.], eine solch grosse Bedeutung geben.)

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Anaximander, der erste philosophische Satz und das Urbild der Welt. Der erste Satz der Philosophie, den wir genau kennen, ohne die spätere Vermittlung durch Historiker, ist ein seltsamer (philosophischer) Satz, denn es ist ein Satz, welcher eher etwas (neu-) religiös (und fast schon etwas offenbarerisch) tönt, eher als nach reiner Philosophie wie wir sie in der griechischen Antike erwarten würden. Ein weiteres Beispiel für die bedeutende Spannung zwischen Wissen/Weisheit und Ethik/Moral in der frühen Philosophie und in der Philosophie überhaupt. Die drei bedeutendsten Übersetzungen dieses ersten philosophischen Satzes in der deutschen Philosophie sind die folgenden: "Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zugrunde gehen, nach der Notwendigkeit, denn sie müssen Busse zahlen und für ihre Ungerechtigkeit gerichtet werden gemäss der Ordnung der Zeit." (Nietzsche). "Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Busse für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Ordnung." (Diels). "Entlang dem Brauch, gehören nämlich lassen sie Fug [Anm. Schicklichkeit] und somit auch Ruch [Anm. Besorgung], eines dem Anderen im Verwinden des Un-Fugs." (Heidegger). Typisch heideggerisch, natürlich: sprach- und sinnspielerisch, und auch ein bisschen nebulös. Wie nahe diese verschiedenen Übersetzungen am tatsächlichen Sinn dieses ersten philosophischen Satzes liegen, entzieht sich meiner Kenntnis - der Satz erscheint schwer übersetzbar (selbst wenn man des Griechischen mächtig ist - und einige scheinen noch das Ihre dazugetan oder weggenommen zu haben, wie das ja fast immer der Fall ist bei Übersetzungen). In einer Verständnisübersetzung würde ich diesen Satz etwa so einschätzen: 'Die Dinge kommen und gehen, sie beziehen sich aufeinander und (be-) wegen einander - dies ergibt die Ordnung der Zeit.' Von Anaximander stammt aber nicht nur der erste Satz der Philosophie, sondern auch die erste geographische Weltkarte, d.h. das erste eigentliche Weltbild, überhaupt - mit der Vorstellung, dass die Welt ein zusammenhängendes Ganzes ist (inkl. der [hier noch zweidimensionalen] Globus-Idee). Die antike Idee der Welt, wie sie von Anaximander gegeben ist - dass die Erde eine flache Scheibe ist, welche vom Meer (entsprechend: dem griechischen Titanen Okeanos) strommässig umflossen wird - hielt sich bis tief in das Mittelalter hinein und fast bis an die Neuzeit heran! (Der grosse Mythen- und Legendendichter Homer schilderte übrigens Okeanos, gemeinsam mit seiner Frau und Schwester Thetis (in der griechischen Mythologie die Tocher von Uranos und Gaia), als den Vater der Götter und Schöpfer der Welt - dies könnte auch Thales in seiner Urgrundphilosophie beeinflusst haben, so dass also vielleicht auch Homer bedeutend an der Entstehung der Urgrundphilosophie beteiligt ist bzw. an der Urgrundsuche in diesem ganzen polytheistischen Mythendurcheinander, welches eben die Legendendichter etwas zu ordnen versuchten, und welches eben die Urgrundphilosophen dann aufgebrochen haben.)

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Weitere bedeutende frühe Kartographen waren etwa Homer (spätes 8. u. frühes 7. Jh. - lieferte schon Beschreibungen der Welt), Dicaerchus (um 350-285 v. Chr.) oder Eratosthenes (um 276-194 v. Chr.). Die Darstellung des Weltbildes von Herodot bedeutet nicht, dass das alte Bild damit überwunden gewesen wäre - höchstens: dass er eine vollumfängliche okeanische Begrenzung nicht so ausdrücklich geschildert hat.


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Die griechische Philosophie vor ihrer Klassik. Die vorklassischen Philosophen werden Vorklassiker, Vorsokratiker oder Urgrundphilosophen genannt. Jeder dieser frühen Philosophen sah einen anderen Urgrund für sein philosophisches Denken (bzw. für sein Denk- und/oder Gedankensystem):

  • Thales (aus Milet [in Kleinasien]) das Wasser,

  • Anaximander (aus Milet [in Kleinasien]) das Unbestimmte (oder auch: das Unbegrenzte, Unendliche, grch. Apeiron),

  • Anaximenes (aus Milet [in Kleinasien]) die Luft,

  • Pythagoras (aus Samos) die Zahl,

  • Alkmaion (aus Kroton [in Unteritalien]) die Gleichheit bzw. den Ausgleich,

  • Xenophanes (aus Kolphon [in Kleinasien], welcher nach Elea übersiedelte) den (einen) Gott,

  • Heraklit (aus Ephesos [in Kleinasien]) das Feuer (und/oder auch die Bewegung oder das Fliessen [oder modern: der Flow] - er ist derjenige, welcher den Begriff des Logos eingeführt haben soll),

  • Parmenides (aus Elea [in Unteritalien]) das Sein (er begründete die bedeutende Schule der Eleaten),

  • Anaxagoras (aus Klazomenai [in Kleinasien], welcher nach Athen übersiedelte [und also die Philosophie nach Athen brachte]) den Geist (sowie ein Prinzip von [Ur-] Mischung und Trennung),

  • Empedokles (aus Akragas [auf Sizilien]) die Elemente (Vier-Elementen-Lehre [Erde, Feuer, Wasser, Luft], dazu zwei Prinzipien: Liebe und Streit),

  • Protagoras (aus Abdera) den Menschen,

  • Demokrit (aus Abdera) die Atome,

  • Sokrates (aus Athen) den Zweifel (mit ihm begann die grosse, aber kurze Klassik der griechischen Philosophie in Athen [mit Sokrates, Platon und Aristoteles]).

Kurz gesagt: die frühen Urgrundphilosophen sahen den Urgrund v.a. in den Elementen der natürlichen Physik. Empedokles führte dies zusammen zu einer eigentlich (früh-) physikalischen Elementenlehre, und Protagoras führte diese ganze materialistische Philosophie wieder zurück auf den Menschen
. Er war es demnach auch, welcher - über Sokrates - mit seinem Homo-Mensura-Satz, wonach der Mensch das Mass aller Dinge sei, die Klassik der griechischen Philosophie in Athen einleitete. Wir finden bei diesen frühen Philosophen - wie natürlich auch bei manchen späteren - einiges, was uns erstaunlich einleuchtend und modern vorkommt, dagegen aber auch wiederum anderes, was uns heute eher dunkel und unverständlich vorkommt. Man muss alle Philosophie (und Ideologie überhaupt) immer auch in der Zeit sehen, in welcher sie entstanden ist. Man kann manches sehr grob missverstehen, wenn man es 1:1 von irgendeiner Vergangenheit in die heutige Zeit hinein überträgt, ohne es auch adäquat zu interpretieren. Wir sprechen hier von einer Zeit, die etwa zwischen dem 7. und dem 5. Jahrhundert vor Christi Geburt liegt (es war aber eben bereits eine Zeit von erstaunlich dichtgedrängter Philosophie: zwischen der Geburt von Thales und dem Tod von Protagoras - mit all den weiteren Urgrundphilosophen dazwischen [von denen hier nur einige der Bedeutendsten erwähnt sind] - liegen nur rund 200 Jahre!).

Eigentlich ist jeder der Vorklassiker auf seine Art und Weise bedeutend und interessant, und würde einer fehlen, so würde ein wichtiges Glied in der Kette fehlen. Die bedeutendsten Vorklassiker insgesamt sind aber vielleicht Heraklit (um 520-460 v. Chr.), welcher gegenüber allzu starren Ideologien die Bedeutung der physikalischen Bewegung und Veränderung hervorhob, Parmenides (um 520-460 v. Chr.), welchen Platon sogar als grössten philosophischen Meister vor ihm selber bezeichnete, ferner Empedokles (um 495-435 v. Chr.), welcher das erste eigentliche System in der Philosophie geschaffen hat, und schliesslich Protagoras (um 490-411 v. Chr.), mit der grossen Wende zur Betrachtung des Menschen. Erwähnenswert ist hierzu auch die folgende Gelehrten- und Entwicklungsreihe der gesamten antiken griechischen Philosophie (beschrieben im Werk des Philosophiehistorikers Diogenes Laertios): Xenophanes, der Religionsphilosoph des All-Einen, war der Lehrer von Parmenides, dem 'Ontologen', dessen Schüler Zenon (von Elea) war der Lehrer von Leukipp, dem Atomisten, dessen Schüler Demokrit war der Lehrer von Protagoras, dem Sophisten (und 'Humanisten') - und auf diesen folgten die Klassiker (Sokrates - der 'Hyper-Sophist' - Platon und Aristoteles, von denen der Eine der Lehrer des Anderen war) und danach die Hellenisten oder Nachklassiker, welche sich gegen die Klassik wandten (Pyrrhon, Epikur und Zenon [von Kition]).

* Vielleicht v.a. deswegen, weil die Schule von Parmenides die grösste und bedeutendste vor Platons Akademie war. Dagegen ist aber die gleichnamige Schrift von Platon ("Parmenides") wenig schmeichelhaft ausgefallen und hat Parmenides eher auf eine satirische Art und Weise behandelt. Es scheint dabei fast ein bisschen so, als ob er ein bisschen Mühe mit Parmenides und/oder diesen nicht so ganz recht verstanden hatte. Platon behauptete ja die Idee des Guten als höchstes Prinzip - dies war schwierig zu vereinen mit dem Prinzip vom Sein als Urgrund bei Parmenides (auch sprach Platon ebenfalls vom Nicht-Sein, was nach Parmenides nicht zulässig ist; es zeigt sich bei diesen beiden und ihrer Kombination die ganze Schwierigkeit zwischen Metaphysik und Ethik [eine Frage, die v.a. in der Moderne vollends aufbrechen sollte]).

Wenn wir von den bedeutendsten und bekanntesten altgriechischen Philosophen sprechen, müssen wir auch von den bedeutendsten unterschlagenen altgriechischen Philosophen sprechen. Wenn ich heutige Philosophiegeschichtsbücher betrachte, fallen mir dazu v.a. drei Namen ein: Solon, der (Vor-) Begründer der Demokratie (den die Meisten eher als Politiker sehen denn als Philosoph), Alkmaion, der Philosoph der Gleichheit und des Ausgleichs, sowie Xenophanes, der Religionsphilosoph, später aber auch etwa Zenon von Elea mit seinen (v.a. für die physikalische Bewegungslehre) bedeutenden Paradoxien oder auch Xenophon als bedeutender Bestätiger von Sokrates (er ist ferner der erste Verfasser einer wirtschaftlichen Schrift!, was einigermassen bedeutend ist, wenn wir die grosse Bedeutung dieses Themas in der heutigen Zeit betrachten [Xenophon wies in seiner Schrift zur Hauswirtschaft darauf hin, dass der (politische) Frieden eine wichtige Voraussetzung für einen blühenden Handel ist]).




Griechische Philosophen, von links nach rechts: Thales, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Alkmaion, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras, Empedokles, Protagoras, Demokrit, Sokrates, Platon, Aristoteles, Pyrrhon, Epikur, Zenon (v. Kition). Diese Porträts sind eher als Vorstellungen von den jeweiligen Philosophen zu sehen.


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Ost-/West-Vergleich (Antike). Etwa zur Zeit von Xenophanes, Parmenides und Anaxagoras (um 500 v. Chr.), welche zu den bedeutendsten griechischen Vorklassikern gehören, gab es auch im (sogenannten) Osten der Welt eine bedeutende philosophische Kulturentwicklung: mit Laotse, Konfuzius und Buddha, die Zeitgenossen gewesen sein sollen (wobei heute nur schwerlich bestimmbar ist, wer hier, inkl. Anderen wie etwa Mahavira, genau wen - und wie - beeinflusst hat). Die östliche oder (indisch-) chinesische Klassik liegt also zeitlich vor der griechischen Klassik (demgegenüber liegt der Anfang der eigentlichen griechischen Philosophie vor dem Anfang der eigentlichen [von der reinen und/oder frühreren Religion weitgehend losgelösten fern-] östlichen Philosophie: im Osten sind die Religion und die Philosophie zwar traditionell enger miteinander verbunden als im Westen, trotzdem kann man dies vermutlich so sagen*). Konfuzius (551-479 v. Chr.) gilt als erster grosser Moralphilosoph überhaupt, welcher seine Philosophie in erster Linie auf die reine Moral ausgerichtet hat. In seinem Werk findet sich auch eine der frühesten bekannten Formulierungen der Goldenen Regel, wie sie aus vielen althergebrachten Religionen bekannt ist (und demnach so etwas wie die Urmoral der Welt beschreibt). Laotse (im 6. Jh. v. Chr.) ist der Philosoph des Nichtmachens (nicht zu verwechseln mit dem Nirwana von Buddha [Befreiung von der ewigen Wiedergeburt]). Die genaue Übersetzung ist hier recht schwierig: richtig spricht der im Ost-/West-Kulturverständnis verdienstvolle deutsche Sinologe Richard Wilhelm von Nichtmachen, und nicht etwa von Nichthandeln. Eine kleine, aber feine Nuance; im Schlusssatz seines "Tao Te King" sagt Laotse, der Sinn sei zu fördern, ohne zu schaden, und der Berufene soll wirken, ohne zu streiten. Es ist also eindeutig nicht von einem Nichthandeln die Rede (ebenso wie das Nirwana von Buddha auch nicht mit dem Nichts gleichsetzt werden kann, wie es in der westlichen Rezeption manchmal geschieht). Wilhelm übersetzt Tao als Sinn und Te als Leben, ich hätte - wie mir scheint noch etwas korrekter - Tao als Sinn und Te als Sein übersetzt. Bedeutend ist auch der leicht später aufgetretene Mozi, welcher eine Philosophie der universellen Liebe begründete (ein Thema, welches wir später - in etwas anderer Form - bei Jesus Christus wieder finden [interessant auch: dass die chinesischen Kaiser als Tianzi bezeichnet wurden, d.h. Sohn des Himmels]). Ganz unterschiedlich sind indes Entwicklung und Wert der weiteren Philosophie verlaufen: im Osten sind die drei grössten Denker der damaligen Zeit - eben: Laotse, Konfuzius und Buddha - auch die drei grössten Denker überhaupt geblieben, bis heute, im Westen hat sich dagegen eine lange und nicht endenwollende Reihe von grossen Denkern ergeben, in welcher es sehr schwierig geworden ist, die grössten davon herauszufinden und -zuheben (vielleicht etwa: Platon, Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquino, Hobbes, Descartes, Locke, Rousseau, Kant, Hegel - aber wie viele weitere/andere könnten einen Anspruch darauf hegen, in diese Liste aufgenommen zu werden [inkl. auch Wissenschaftlern wie Newton, Darwin oder Einstein, u.v.a., welche ebenfalls in einer bedeutenden Verbindung zur Philosophie stehen]).

* Es ist zu erwähnen - wenn hier vom Osten und vom Westen, und von östlicher und westlicher Philosophie die Rede ist - dass es auf dem Globus eigentlich ja gar keinen Westen und gar keinen Osten gibt, sondern: das sind immer Bezeichnungen von einem gewissen Punkt aus gesehen. So wie diese Bezeichnungen allgemein in unseren Breitengraden verwendet werden, liegt eine eurozentristische Sichtweise vor (die natürlich einen gewissen Sinn macht, wenn man die Philosophie der Vergangenheit betrachtet).

Die Philosophen der chinesischen Klassik hatten zwar nicht die analytische Kraft der griechischen Klassiker, aber ihre punktuelle Trefflichkeit - d.h. wie sie gewisse Dinge teils kurz und knapp auf den Punkt gebracht haben - ist in der Philosophiegeschichte vermutlich unerreicht bis heute. Zwei der schönsten Passagen von Laotse und Konfuzius verdeutlichen dies und erklären alleine fast eine ganze Welt (Metaphysik, Physik, Ethik). "Der Sinn erzeugt die Eins. Die Eins erzeugt die Zwei. Die Zwei erzeugt die Drei. Die Drei erzeugt alle Dinge. Alle Dinge haben im Rücken das Dunkle und streben nach dem Licht, und die strömende Kraft gibt ihnen Harmonie." (Laotse - von der Atom- zur Quantentheorie, quasi, und darüber hinaus.) "Wer den Willen des Himmels nicht kennt, kann kein Edler sein. Wer die Regeln sittlichen Verhaltens nicht kennt, hat im Leben keinen festen Stand. Wer nicht Worte richtig zu verstehen weiss, kann die Menschen nicht erkennen." (Konfuzius - ein moralisches Lehr- und Meditationsstück erster Güte in nur drei Sätzen.)

Exkurs - Östliche Philosophie in den anderen Zeitepochen. Interessanterweise gab es in jeder der Hauptepochen in der Philosophie je eine bedeutende ausserwestliche Phase. In der Antike ging sie - wie beschrieben (im 6./5. Jahrhundert vor Christus) - von den Chinesen aus, im Mittelalter (im 9.-12./13. Jahrhundert) von den Muslimen und in der Neuzeit (im 19./20. Jahrhundert) von den Hindus. Die arabische und die muslimische Kultur diente im Mittelalter - zu einer Zeit, in welcher sowohl die chinesische wie auch die muslimische Kultur höher entwickelt waren als die europäische - als bedeutende Zwischenstation zwischen Indien und Europa in der Mathematik, und als bedeutende Weiterentwicklung in allen Wissenschaften (etwa u.a. mit Al-Kindi, Ar-Razi, Al-Farabi, Al-Hazen, Al-Biruni, Ibn Sina [lat. Avicenna], Ibn Tufail, Ibn Ruschd [lat. Averroës] oder At-Tusi). In der Neuzeit waren es - nicht zuletzt wohl aufgrund der Kolonialisierung und Befreiung Indiens - die Hindus bzw. die Inder, welche eine ganze Reihe von vielbeachteten Persönlichkeiten hervorbrachten (Ramakrishna, Tagore, Vivekananda, Gandhi, Aurobindo - Krishnamurti [Theosophie]). Das bedeutet natürlich nicht, dass es in den anderen Kulturen je keine Denker gab, aber diese traten eher vereinzelt auf, während hier die Rede ist von kulturgeschichtlich bedeutenden grossen Bewegungen. In der neueren Zeit sind nebst den Indern sowie auch den Afrikanern (Wiredu, Hountondji, Oruka, Appiah, Eze - erste afrikanische Philosophen nach Zera Yacob [im 17. Jh., in Äthiopien]) etwa Nishida Kitaro in Japan oder Mohammed Iqbal für den arabischen Raum herausragend zu nennen.

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Die Griechische Klassik - I. Sokrates und der grosse Zweifel. Es brauchte nicht nur die Hinwendung der (sogenannten) Sophisten zum Menschen - mit dem Homo-mensura-Satz von Protagoras ("Der Mensch ist das Mass aller Dinge") - sondern auch einen gewissen (sagenumwobenen) Sokrates, um die griechische Philosophie in Athen zu ihrer Klassik und Hochblüte zu bringen. Sokrates übernahm von den Sophisten den Zweifel an allem, welchen sie mit ihren rhetorischen Künsten gesät hatten - der Sophist Gorgias nahm eigentlich schon den späteren Skeptizismus voraus - und machte ihn zu seinem Logos. Mit dem Zweifel beginnt alle wahre Philosophie - so könnte man das Credo von Sokrates (469-399 v. Chr.) formulieren, wie es besonders vom römischen Philosophen Cicero hervorgehoben wurde: als radikalen Zweifel an allem bzw. an allem Bisherigen (wie ihn später Descartes übrigens, am Beginn der Neuzeit und deren Wissenschaft, quasi in einer grossen Schauinszenierung der eigenen Philosophie nachahmte [nach dem Motto: ich zweifle an allem, komme dann aber aus dem reinen Zweifel heraus doch zu diesem und jenem Schluss]). Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich mir nicht sicher bin, ob es diesen Sokrates tatsächlich gegeben hat, oder ob er nicht vielmehr ein Kunstprodukt von Platon ist. Es ist ja schon seltsam, wie Platon praktisch alle seine (eigenen?) Ideen durch Sokrates zum Ausdruck brachte (welcher in praktisch allen Werken von Platon die Hauptfigur ist, immer in der Diskussion mit anderen Menschen/Philosophen). Es sieht daher in seinen Werken so aus, als wäre Platon selber nur ein reiner Stellvertreter von Sokrates. Wenn es also Sokrates gegeben hat, dann hat Platon praktisch keine eigenen Ideen vorgebracht, sondern nur jene von Sokrates wiedergegeben (d.h. wenn es einen grossen Sokrates gegeben hat, dann kann es keinen grossen Platon geben, oder höchstens als Begründer der Akademie - und umgekehrt: man redet ja in der Philosophie immer eben über den grossen Platon und meint eigentlich aber die Ideen und Diskussionen von Sokrates.) Es stellt sich hier also die Frage: Sokrates und/oder Platon? Vielleicht ist Sokrates nur, aber immerhin!, ein von Platon künstlich erschaffener (hochstilisierter Hyper-) Sophist. Für die These des Kunstproduktes spricht, dass Platon wohl auch sonst zu solchen gegriffenen hat - etwa mit der untergegangenen alten (Super-) Welt von Atlantis (die es wahrscheinlich, entgegen der Behauptung von Platon, nicht gegeben hat, die aber einen Fantasy-Effekt entwickelte, der bis heute anhält) - dagegen aber, dass Sokrates (zum Glück!) nicht nur bei Platon bedeutend erwähnt ist, sondern auch bei seinem Zeitgenossen Xenophon, welcher sich ebenfalls als Schüler von Sokrates ausgibt. So können wir also davon ausgehen, dass es Sokrates tatsächlich gegeben hat* - ich möchte aber diesen Zweifel trotzdem einmal so anbringen. Es wird tatsächlich ja übrigens auch nie gesagt, selbst unter Philosophieprofessoren und -insidern nicht, Sokrates sei der Begründer der Ideenlehre, sondern dies wird immer Platon zugeschrieben: in dessen Büchern stammt natürlich aber eben diese Ideenlehre einzig und alleine von Sokrates. Es gibt die klare Vorstellung: hier ist der Zweifel von Sokrates sowie dessen Diskussionsmethoden - wie sie eben auch Xenophon in dessen "Erinnerungen an Sokrates" schildert** - und da ist die Ideenlehre von Platon; aber das hat eigentlich in dieser Art nichts mit den platonischen Werken, wie wir sie zu lesen bekommen und wie sie deklariert sind, zu tun. Wenn es Sokrates tatsächlich gegeben hat, dann entsprechen die Werke Platons vielleicht einer schlecht deklarierten Vermischung von sokratischen und eigenen Ideen. Ob aber nun künstlich, übertrieben oder realistisch - es spielt letztlich keine Rolle, ob Sokrates ein Mensch oder nur eine Idee bzw. ein Mythos (bzw. der Mythos im Logos) war, oder eben tatsächlich sogar, wie es berichtet ist, ein Märtyrer und Heiliger der Philosophie: er gehört so oder so zu den bedeutendsten Philosophen der Welt! Mit Sokrates und seinem grossen Zweifel an allem sowie einer geheimnisvollen Spannung zwischen den Figuren von Sokrates, dem Hyper-Sophisten, und Platon, dem Begründer der Ideenlehre, begann die grosse Klassik der griechischen Philosophie, bestehend aus Sokrates, Platon und Aristoteles, von welchen jeweils der Eine auch der Lehrer des Folgenden war. Kompliziert, wie die Philosophie zuweilen nun einmal ist. (Lassen wir im Folgenden den Zweifel beiseite, und sprechen wir über Platon und Sokrates, wie die Philosophie im Allgemeinen über sie spricht, als zwei verschiedene Persönlichkeiten: die Philosophie Platons besteht ja übrigens eben nicht im Zweifel, sondern in einem mehr oder weniger klaren Ideensystem. Ich möchte im Besonderen die Ideen-, Gottes-, Seelen- und Staatslehre Platons betrachten.)

* Auch wenn es ihn tatsächlich gegeben hat (oder hätte), bleibt er eine höchst mysteriöse und umstrittene Figur. Interessanterweise sind nämlich auch viele überlieferte Vorstellungen, die wir von Sokrates haben, falsch (und teils auch nachweislich von Philosophen falsch weitergegeben). Landläufig hat man die Meinung, Sokrates sei ein Strassenphilosoph gewesen bzw. einer, welcher die Leute auf der Strasse angesprochen und sie in philosophische Gespräche verwickelt habe. Das ist vollkommen falsch: Sokrates sprach nur mit Leuten in einem erlesenen Zirkel von Philosophen oder der Philosophie nahestehenden Leuten (es sieht fast so aus, als seien dies Leute der Akademie). Und ein weiterer Hauptpunkt in der Auffassung von Sokrates ist vollkommen falsch, was er in diesem Fall sogar selber verschuldet hat. Manche Gelehrte sprechen von der Hebammenkunst (grch. Mäeutik oder Maieutik), wenn sie über Sokrates reden. Dieser selber hat seine Philosophie so bezeichnet, und gemeint, er lehre die Leute nicht die Wahrheit, sondern hole diese mit einer geschickten rhetorischen Technik aus den Leuten hervor. Diese würden dann, fast unbemerkt, selber auf die Wahrheit kommen. Tatsächlich aber sieht es - wenn man die Schriften von Platon wirklich liest - ganz anders aus: die anderen Figuren sagen in diesen sehr unnatürlich anmutenden Gesprächen fast gar nichts, während Sokrates die ganze Zeit redet und philosophiert, Gedanken formt und Schlüsse zieht, worauf die Anderen dann jeweils 'Ja' sagen, oder 'So ist es' (es ist also genau das Gegenteil von dem, was Sokrates selber über seine Kunst und Art des Philosophierens sagt - seltsam, aber so ist das).

** Der allerlogischste Schluss wäre daher, dass Platon die Figur von Sokrates aus dem Werk von Xenophon übernommen und dieser seine eigene Ideenlehre in den Mund gelegt hat. Dagegen spricht, dass Xenophon und Platon ziemlich exakte Zeitgenossen gewesen sein sollen, und dass Sokrates in praktisch allen Werken von Platon, auch den frühesten, erscheint. Das einzige bedeutende Werk Platons, in welchem Sokrates nicht die Hauptfigur und der Ideenbegründer ist, scheint das Buch "Nomoi" zu sein - dort hat ein unbekannter (namentlich nicht genannter) Athener dieselbe Rolle. (Eine weitere Möglichkeit wäre, dass gar Platons Schüler, die Akademiker, die platonischen Schriften verfasst und die Figur des Sokrates im Namen von Platon eingeführt haben. Wir können weder bei Platon noch bei Aristoteles mit letzter Genauigkeit sagen, welche Schriften von ihnen selber oder allenfalls von ihren Schülern verfasst wurden - in den Werken beider grosser Klassiker gibt es unerklärlich erscheinende, nicht deklarierte Widersprüche [die bedeutendsten, u.a., betreffen: Philosophenkönige vs. reine Gesetzesregierung in zwei verschiedenen Schriften zur Politik bei Platon sowie gar drei verschiedene Schriften zur Ethik mit teils unterschiedlichen Aussagen bei Aristoteles. Bei Sokrates ist es dagegen wenigstens klar, dass er keine eigenen Schriften verfasst hat.)

P.S. Wenn irgendjemand das Verhältnis von Platon und Sokrates genauer klären könnte, müsste es eigentlich Aristoteles sein. Hier drei Stellen aus seiner Metaphysik, welche auch einen kurzen und kleinen Einblick in die Ideenlehre geben (denn auch darin kommt Sokrates vor, wenn auch meist nur als abstraktes Beispiel für irgendetwas [wie im zweiten Zitat, u.a.]): "Und da sich nun Sokrates mit den ethischen Gegenständen beschäftigte und gar nicht mit der gesamten Natur, in jenen aber das Allgemeine suchte und sein Nachdenken zuerst auf Definitionen richtete, so brachte dies den Platon, der seine Ansichten aufnahm, zu der Annahme, dass die Definition etwas von dem Sinnlichen Verschiedenes zu ihrem Gegenstande habe; denn unmöglich könne es eine allgemeine Definition von irgend einem sinnlichen Gegenstande geben, da diese sich in beständiger Veränderung befänden. Diese Begriffe also nannte er Ideen des Seienden, das Sinnliche aber sei neben diesen und werde nach ihnen benannt; denn durch Teilnahme an den Ideen existiere die Vielheit des den Ideen gleichartigen." - "Denn was ist denn das werktätige Prinzip, welches im Hinblick auf die Ideen arbeitet? Es kann ja auch etwas einem andern ähnlich sein, ohne diesem nachgebildet zu sein; also mag es nun einen Sokrates geben oder nicht, so kann es jemand geben wie Sokrates, und dasselbe gälte offenbar auch, wenn es einen ewigen Sokrates gäbe." - "Sokrates aber setzte das Allgemeine und die Begriffsbestimmungen nicht als abgetrennte, selbständige Wesenheiten; die Anhänger der Ideenlehre aber trennten es und nannten dieses Ideen der Dinge." Alles klar? (Nein.)

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* * * * * * * * * *   Redaktion bis hier (3/3)   * * * * * * * * * *


Die Griechische Klassik - II. Platon, Teil 1: Ideen- und Gotteslehre. Ideenlehre. Platon (428 od. 427-348 od. 347 v. Chr.) ist vermutlich der heute bekannteste ältere Philosoph (vor der Neuzeit [also: Antike plus Mittelalter]). Dies kommt nicht unbedingt daher, dass die Leute seine Philosophie besonders gut kennen würden, sondern eher daher, dass er durch den Begriff vom Platonischen in unserer heutigen Sprachkultur vorkommt. Unter dem Platonischen begreifen wir etwas, was sich im rein Ideellen abspielt bzw. in einem reinen Ideenbereich. Dies führt uns direkt zur Ideenlehre Platons, welche dem bedeutendsten Teil seiner Philosophie entspricht. Die Idee ist für Platon nicht eine Inspiration oder Intuition im Geist, wie wir das heute sehen würden, sondern: es ist ein Begriff, welcher in einem quasi ewig-ideellen Raum hinter den Dingen liegt - ein Begriff vom Wahren hinter den Dingen. Von allem Seienden, so meinte Platon, gibt es eine wahre Idee, und dieser Idee zu entsprechen oder nääherzukommen ist auch der Sinn vom Seienden. Für den Menschen würde dies bedeuten: der Idee vom Menschen bzw. Menschlichen näherkommen. Die Erfassung der wahren Idee entspricht der reinen Vernunfterkenntnis. Und hier kommen wir vielleicht auf eine ästhetische Höhe der Philosophie, welche zuvor und danach nicht mehr erreicht wurde. Die beste - und das heisst gleichzeitig: die wahrste - aller Ideen ist die Idee vom reinen Guten (bzw. vom Besten). Damit schafft Platon aber - was ihm Aristoteles auch vorgeworfen hat - eine Art ideelles Jenseits gegenüber einem materiellen Diesseits (d.h. seine Philosophie hat religiöse Züge [wie besonders auch im Neuplatonismus bei Plotin zu sehen ist, welcher die Philosophie als einen fast mystischen Aufstieg zum Prinzip vom Einen aufgefasst hat]). In Platons Ethik - mit vier Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mässigkeit*) - entspricht die Gerechtigkeit der höchsten Tugend (d.h. sie entspricht der besten und wahrsten Auffassung von Ethik und Moral). Für seine Erhebung der Idee des Guten und der Tugend der Gerechtigkeit wird Platon bis heute geschätzt, geliebt und verehrt. Gotteslehre. Im Zentrum der Gotteslehre von Platon steht der Demiurg, ein Schöpfergott, welcher die Weltseele gebildet hat. Die Weltseele entspricht der Kraft, welche sich selbst und alles Seiende bewegt. Die alte polytheistische Götterwelt hat hier eigentlich keinerlei Bedeutung mehr (obwohl Platon die Götter in seinen Schriften mehrfach erwähnt, im Besonderen: Eros). Dagegen vertritt er philosophisch einen eigentlichen Monotheismus, allerdings eben mit einem künstlichen bzw. philosophischen Gott. In theologischer Hinsicht würden wir hier von einem Deismus sprechen, d.h. von einem Schöpfergott, welcher aber später nicht mehr in das Weltgeschehen eingreift. Oder man könnte auch sagen: ein Gott, welcher in der Idealität die Natur (der Weltseele) geschaffen hat, während aber in der Realität die Natur nur noch selber wirkt (auf dieser Ebene, also: der Ebene der Weltseele, würde diese Auffassung einem [Natur-] Pantheismus entsprechen). Die philosophische Religion von Platon ist letztlich äusserst vielschichtig. Freilich: diese Natur (bzw. Weltseele) liegt bei Platon in der Vernunft bzw. in der Idee der Vernunft! Und zwar in einer Vernunftidee, welche der menschlichen gleich ist. Das kann man als ziemlich idealistisch betrachten, aber genau dies ist ja Platons Philosophie auch: idealistisch.

* Anstelle der Klugheit wird auch der Begriff der Weisheit verwendet, ich denke aber eher, dass die Kombination der vier Tugenden in einem platonischen Sinn als Weisheit gelten müsste; ferner wird auch etwa der Begriff der Besonnenheit anstelle der Mässigkeit verwendet. Die Tugendlehre stammt ursprünglich vom Dichter Aischylos, wobei Platon dessen Begriff der Frömmigkeit durch jenen der Klugheit ersetzte. Der Begriff der Kardinaltugend stammt vom Patristiker Ambrosius von Mailand. (Die alte Tugendlehre wurde im Mittelalter durch christliche und in der Neuzeit/Moderne durch politische Begriffe ersetzt [wobei im Zentrum der heutigen praktischen Ethik eigentlich v.a. die Arbeitsmoral steht].)

Die Griechische Klassik - II. Platon, Teil 2: Seelen- und Staatslehre. Seelenlehre. Die (Einzel-) Seele ist verbunden mit der kosmischen Weltseele. Sie setzt sich aus einem begehrenden und einem vernünftigen Teil zusammen. Die Seele ist vom Körper gänzlich unabhängig und auch unsterblich (auch hierbei zeigt sich wieder der religiöse und idealistische Bezug von Platon, aber auch die Anleihen im Religiösen, welche bei ihm gemacht wurden [das frühmittelalterliche Christentum hing eher Platon an, welcher allerdings die abglösten Seelen mythologisch in der Unterwelt gesehen hat - und nicht etwa in in einem Himmel - das spätmittelalterliche eher Aristoteles, welcher dann auch die grössere Wirkung auf die Neuzeit ausübte]). Die Seele herrscht über den Körper (diese Auffassung ist uns heute sehr geläufig: sie wurde ebenfalls von Descartes vertreten und von diesem in die neuzeitliche Wissenschaft gebracht). Die antiken Philosophen sprachen allgemein eher von der Seele als vom Geist: die Seele ist das Prinzip, welches den menschlichen Körper bewohnt, der Geist dagegen wird zu dieser Zeit noch eher als eine Kraft in einem unpersönlichen Äusseren und/oder Allgemeinen gesehen (typisch bei Anaxagoras, dem eigentlichen Geistphilosophen der Antike - sowie Begründer der später in der Wissenschaft immer wieder aufgetretenen Panspermie-Theorie - mit einem unpersönlichen Weltgeist (grch. nous)]). Das Hauptprinzip der (antiken [philosophischen]) Seele war aber nicht etwa das Gefühl, wie wir heute sagen würden, sondern eben: die Vernunft (die wir heute dem Geist zusprechen würden). Diese gibt er in einem Gleichnis wieder: von einem Wagenlenker, welcher die beiden verschiedenartigen Pferde Willen und Begierde lenken muss. Staatslehre. Der Staat ist ein zentraler Faktor in der Philosophie von Platon, eigentlich aber im Kulturverständnis der griechischen Antike überhaupt. Im Vordergrund steht dabei der Begriff der Polis (heute würden wir vielleicht sagen: Bürgergemeinde [durchaus auch in einem politischen Sinn]). Das grosse griechische Reich jener Zeit beinhaltete viele Staaten mit unterschiedlichen Regierungssystemen. Platon lebte zwar in einem demokratischen Stadtstaat, er vertrat aber nicht ein demokratisches Ideal, sondern er sah einen elitären Idealstaat, welcher von (akademisch ausgebildeten) Philosophenkönigen oder -herrschern regiert würde (im Buch "Politeia"). In seinem Alterswerk (im Buch "Nomoi") verwarf er (falls dieses Buch denn wirklich von ihm stammt) diese Idee, in einer der bedeutendsten Wendungen eines Philosophen in der Geschichte überhaupt, und vertrat dagegen ein Staatsmodell, bei welchem die reinen Gesetze im Vordergrund stehen. Oder anders gesagt: gerechte Gesetze statt grosse Philosophen sollen den Staat regieren. Nicht sehr originell, aber doch immerhin vernünftig erscheinend. Das Ziel dabei ist die grösstmögliche Tüchtigkeit der Bürger zu erreichen. Platon begründete die Akademie (Philosophenschule, heute: Universität); nebst Aristoteles gehören Speusippos und Xenokrates zu seinen bedeutendsten Schülern, zwei Nachfolger Platons in der Leitung der Akademie).

Anm. Bei Platon scheint es besonders wichtig und bedeutend, immer wieder den Bezug zu anderen und v.a. auch zur heutigen Zeit zu schaffen, damit man erkennt, in welchem Zusammenhang diese Gedanken genau bestehen, aber eigentlich ist das für jede Philosophie zu jeder Zeit wichtig und bedeutend. Es kommt leider immer wieder vor - und dies sogar bei bekannteren und berühmteren Philosophen - dass sie alte Ideen 1:1 in die Gegenwart übertragen. Das geht natürlich eben eigentlich nicht. Bevor wir aber zu viele andere Philosophen mit zu vielen anderen Meinungen zu diesem Thema anhängen, welche die Sache auch nur verwirren, versuchen wir einen Zusammenhang doch besser direkt zu begründen: zu den grossen (anderen) Zeitepochen und zur heutigen Zeit.


Die antiken klassischen Philosophen werden heute in gewissen Punkten zuweilen auch stark kritisiert. Für Platon wie auch für Aristoteles war die Sklaverei - typisch für die Antike (und das vorhergehende Altertum) - eigentlich ein Normalzustand. Platon vertrat sogar einen gewissen Anflug zur Eugenik - jedenfalls wird ihm dies manchmal vorgeworfen: es handelte sich hierbei um eine (staatliche) Auslese (bzw. Selektion) und Erziehung der Besten (allerdings spezifisch bei der von ihm eingesetzten Klasse der Wächter oder Krieger, welche für die Landesverteidigung und die Verteidigung der in seinem Frühwerk vertretenen und später selber zurückgenommenen Philosophenherrschaft zuständig sind [man kann dies eigentlich nicht allgemein auf seine Philosophie übertragen: eine Bestenauslese in gewissen Bereichen hat natürlich noch lange nichts zu tun mit modernen wissenschaftstechnischen oder gar politfaschistischen Eugenikphantasien, aber trotzdem]). Wie können Philosophen, welche für das Gute, das Glück, die Gerechtigkeit und die Vernunft eintraten, solche Positionen einnehmen? Und v.a.: was sollen wir heute damit anfangen? Darauf gibt es eigentlich nur eine Antwort, jene des Christusapostels Paulus, wonach wir alles prüfen und das Gute behalten sollen. Oder anders gesagt: manches aus den Werken der alten Philosophen können wir in unsere Zeit übertragen, anderes müssen wir dagegen eher verwerfen. Im Fall von Platon können wir nachwievor der Meinung sein, dass das Gute gut ist, aber es stellt sich die Frage: Was ist gut? (Vielleicht eben nicht alles, was Platon in seinen antiken Ansichten für gut befand. Die Klassik der antiken griechischen Philosophie löste eben noch lange nicht alle philosophischen Fragen, aber sie bildet, zusammen mit der Vorklassik, die Grundlage der gesamten [westlichen] Philosophie [und Wissenschaft], welche man als solche an sich nicht verwerfen [sondern: höchstens nicht beachten] kann. Es stellen sich also bezüglich der alten Philosophien immer Fragen von Achtung und Prüfung.)

Wie Platon gründete Aristoteles eine eigene Philosophenschule (Peripatos genannt), das bedeutet auch: er trat aus der platonischen Akademie aus und begründete eine eigenständige und in manchem Platon auch wesentlich widersprechende Philosophie. Der bedeutendste Unterschied liegt in der Grundausrichtung: Platons Philosophie bezeichnen wir als Idealismus, jene von Aristoteles dagegen als Realismus - ob diese Bezeichnung korrekt ist, sei dahingestellt: sie ist v.a. im direkten Gegensatz und Vergleich der beiden grossen Klassiker zustande gekommen. (Die Begriffe des Idealismus und des Realismus sind in der Philosophie - anders als in der Volksmeinung manchmal - eigentlich nicht wertend gemeint, denn ebenso wie der Sinn von einem reinen Idealismus bezweifelt werden kann, so kann auch der Sinn von einem reinen Realismus bezweifelt werden [denn realiter gehören die Ideen natürlich zum Menschsein, und sobald wir uns im Feld der Ideen bewegen, spielt auch immer schon der Idealismus seine Rolle: wenn wir nämlich eine Idee einer anderen vorziehen, bewegen wir uns schon auf einen zunehmenden Idealismus zu].)

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Die Griechische Klassik - III. Aristoteles. Das bedeutendste, was man über Aristoteles sagen kann: er gilt als Begründer der systematischen Wissenschaft. Wenn wir heute Aristoteles (384-322 v. Chr.) als den vielleicht oder vermutlich bedeutendsten Philosophen der Antike bezeichnen, dann tun wir dies v.a. aufgrund seiner Leistungen als Wegbereiter der Wissenschaft und seiner wissenschaftlichen Grundlagenwerke: etwa in der Physik, Biologie, Psychologie oder auch Logik und Ethik (und nicht zu vergessen natürlich: die Metaphysik, als Wissenschaft vom Seienden als solchem bzw. die sogenannte Erste Philosophie). Seine Wissenschaft fand freilich immer noch im Rahmen der Naturphilosophie statt: bei ihm stand das reine (Nach-) Denken noch klar über dem empirischen Forschen (d.h. es handelte sich bei ihm eben noch immer um reine Naturphilosophie und noch nicht um Naturwissenschaft im heutigen Sinn [aber die Auseinandersetzung mit der aristotelischen Naturphilosophie sollte viele Jahrhunderte später der Hauptimpuls für die Begründung der neuzeitlichen und modernen Wissenschaft werden]). Während die Wissenschaft des Aristoteles sich erhalten hat - sie wurde zwar sehr kritisch betrachtet, wird aber andererseits auch immer noch studiert - ist seine ethische Position (für ihn war Ethik eine eigenständige Wissenschaft) fast untergegangen. Sie entspricht erstaunlicherweise jener, welche zuvor auch schon Konfuzius bedeutend vertreten hat (allerdings nur in einem einzelnen Satz, während Aristoteles dem Thema ein ganzes Buch widmete): Die Tugend zielt auf die Mitte - das ist vermutlich so etwas wie ein bürgerlicher Kernsatz (zu allen Zeiten). Und also... ein überraschender Gleichklang im Anfang der Ethik der westlichen und östlichen Philosophie! Der Urgrund ist bei Aristoteles schwieriger zu erfassen als bei den Philosophen zuvor (bei Sokrates war es noch sozusagen der Zweifel, bei Platon die Idee bzw. die Idee vom Guten oder das Gute sowie auch jene der Gerechtigkeit [im Guten]). Einerseits ist es diese Mitte, andererseits sprach er auch (platonisch) vom höchsten Gut des Menschen und vom Glück als dem höchsten Gut des Menschen. Und er sprach wie Platon vom Demiurg, dem philosophischen Gott - dieser kann aber nicht als Urgrund betrachtet werden, obwohl ihn Aristoteles eigentlich am Anfang seiner physikalischen Erwägungen gesehen hat: als Erstbeweger der Welt. Es gibt demnach bei Aristoteles vielleicht drei Urgründe: der Gott, die Mitte und das Glück (jedenfalls scheint mir dies eine gelungene Zusammenstellung zu sein). Demgegenüber könnte man aber auch die Wissenschaft als eigentlichen Urgrund seiner Philosophie bezeichnen; oder man könnte auch sagen, dass die vormalige Urgrundphilosophie bei ihm sozusagen ein Ende nahm (er studierte auch die vorherige Philosophie genauer als jeder andere Philosoph zuvor, um ihr ein Ende zu bereiten: den vagen und verschiedenen Urgründen wollte er eine exaktere Wissenschaft gegenüberstellen, die sich nicht mehr auf einen gemeinsamen Urgrund bezog, sondern in verschiedene Gebiete bzw. Disziplinen aufteilte). Bedeutend (bis heute) ist seine Einteilung der Wissenschaften bzw. der Naturphilosophie in eine theoretische und eine praktische Philosophie (heute: Natur- und Geisteswissenschaft). Diese Einteilung macht Sinn, weil die Ausrichtungen der beiden Bereiche grundverschieden sind (in der Geisteswissenschaft werden humane und soziale Ziele gesucht und angestrebt, in der Naturwissenschaft wird die Natur ergründet).

Sehr interessant ist u.a. die politische Philosophie des Aristoteles: er sieht grundsätzlich sechs mögliche Politsysteme, welche sich unterscheiden in ihrer Ausrichtung nach Gemeinwohl und Eigennutz sowie nach der Anzahl der Herrschenden: Monarchie (Gemeinwohl/Einer), Aristokratie (Gemeinwohl/Einige), Politie (Gemeinwohl/Alle), Tyrannis (Eigennutz/Einer), Oligarchie (Eigennutz/Einige), Demokratie (Eigennutz/Alle). Auch Aristoteles hegte (wie ja auch Platon) der reinen Demokratie gegenüber, in welcher er lebte, einige Vorbehalte - insbesondere stand sie in der Antike im Ruf, dass sie relativ leicht in eine Tyrannis oder Ochlokratie (Pöbelherrschaft) ausarten könne. Er kreierte daher die eigenartig erscheinende Form der Politie, welche eine Mischform darstellt zwischen Demokratie und Oligarchie und eigentlich der heutigen Staatsform der meisten demokratischen Länder entspricht (!) - mit dem Volk als hintergründigem Souverän und einer (vom Volk gewählten) Classe Politique (der Vernünftigen) in den staatstragenden Entscheidungsgewalten. In diesem Sinn erweist sich der gute alte Aristoteles als einer der modernsten Staatstheoretiker der Geschichte (und überhaupt können wir aus heutiger Sicht sagen, dass seine geisteswissenschaftlichen Erwägungen sogar von nachhaltigerer Bedeutung sind als die naturwissenschaftlichen). Auch seine Schichtenlehre in der Weltinterpretation - Hyle (d.h. Materie), Dinge, Lebewesen, Seele, Geist - zeigt sein systematisches und programmatisches Denken.

Aristoteles hat viele beeindruckende Schriften geschrieben: dazu gehören seiner Schriften über die Ethik und die Politik, oder seine Schriften über die Metaphysik und die Physik, und zu den beeindruckendsten gehören natürlich auch jene über die Logik und die Methodik (zusammengefasst im "Organon"). Wir sind immer wieder beeindruckt, wenn wir die dialogischen Stücke von Platon oder eben diese Schriften von Aristoteles lesen, darüber, wie hoch entwickelt die Sprache und das Denken zu jener Zeit bereits war (wir dürfen nicht vergessen: es geht hier um die Zeit im 4. Jahrhundert vor Christi Geburt und Wirken!). Hier ein Ausschnitt aus der "Hermeneutika oder Lehre vom Urteil" (grch. Peri hermeneias) von Aristoteles (natürlich in einer modernen Übersetzung): "Denn die Vorstellung des Guten, dass es gut sei, ist, wenn das Gute das Allgemeine ist, dieselbe mit der, welche alles, was irgend gut ist, als gut vorstellt, und diese ist in Nichts von derjenigen verschieden, das alles, was gut ist, gut sei. Ebenso verhält es sich mit der Vorstellung des Nicht-Guten. Wenn es sich nun mit den Vorstellungen so verhält, und wenn die in Worten geschehenden Bejahungen und Verneinungen nur die Zeichen für die in der Seele sind, so ist klar, dass zu der allgemeinen Bejahung die allgemeine Verneinung das Gegenteil bildet; also dass z.B. zu der Vorstellung, dass alles Gute, gut sei oder dass jeder Mensch gut sei, die Vorstellung, dass Nichts oder Niemand gut sei, das Gegenteil bildet. Dagegen sind die widersprechenden Vorstellungen die, dass nicht alles Gute oder nicht alle Menschen gut seien. Es zeigt sich also, dass das Wahre nicht das Gegenteil vom Wahren sein kann, weder als Vorstellung, noch als ausgesprochene Verneinung: denn die gegenteiligen Vorstellungen sagen Entgegengesetztes von einem Gegenstand aus; aber mehrere wahre Vorstellungen können von demselben Gegenstand zugleich wahr sein, während Gegenteile nicht in demselben Gegenstand zugleich enthalten sein können." Ich denke, dass dies auch ein heutiger Philosoph schreiben könnte (und vielleicht würde er sogar den selben, in der Sache kleinen, aber im Sinn grossen Fehler machen, den Satz von Parmenides, wonach nur das Seiende ist und es kein Nichtseiendes gibt [als ersten Satz aller Ersten Philosophie und Logik], zu vernachlässigen [welchen auch schon Platon machte und viele nach diesen]), und niemand würde sagen, welcher Aristoteles nicht kennt, dass dies nicht aus unserer Zeit stammen könne... Ich habe hier zu Aristoteles auch einen kurzen Ausschnitt seiner Logik gewählt, weil dieses Thema in der Folge aus gewissen und/oder bestimmten Gründen etwas zu kurz kommen wird, wie in den meisten Philosophiegeschichten, notabene (es wurde - so scheint mir - auch oft eher als philosophische Spielerei behandelt, denn als wirkliche Philosophie). Die Logik wurde langezeit bestimmt von den Grundbüchern des Aristoteles sowie Kommentaren dazu. In der Neuzeit wird oft die sogenannte Logik von Port-Royal (von den christlichen Jansenisten Antoine Arnauld und Pierre Nicolas, 1662) als Einleitung zu einer modernen Logik gesehen, welche dann v.a. von Gottlob Freges "Begriffsschrift" (1879) begründet wurde (mit der Prädikatenlogik, in welcher sich Linguistik und Mathematik immer bedeutender vermischen bzw. in welcher versucht wird, die Sprachlogik immer mathematischer aufzufassen - bedeutende Erfolge konnte die Logik dann v.a. in den Gebieten der Mathematik und der Informatik erzielen, weniger indes eben im Bereich der reinen Philosophie, wo der Traum Wittgensteins einer vollkommenen Formalisierung der Philosophie im Höhepunkt einer sprachlogischen Betrachtung als eine philosophische Absurdität betrachtet und als solche zurückgewiesen werden muss [ich werde auf dies noch zurückkommen]).

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Exkurs - Die Kritik an der Ideenlehre, das grosse Paradoxon und das schwierige 'Bewegungsproblem'. Die Kritik von Aristoteles an der Ideenlehre von Platon ist vielfältig ausgefallen. Am Bedeutendsten ist vielleicht der Einwand bezüglich des 'Bewegungsproblems'. Um diese Problematik zu begreifen müssen wir etwas zurückblenden, in die Zeit der Vorsokratiker bzw. Vorklassiker. Heraklit meinte, dass alles in einem ständigen Fliessen bzw. in einer ewigen Bewegung sei. Dagegen meinte Zenon von Elea (um 490-430 v. Chr.), ein Schüler von Parmenides (nicht zu verwechseln mit dem berühmteren, späteren Zenon von Kition, dem Begründer der Stoa), dass es im Grunde bzw. im Ganzen keine Bewegung geben könne! Das tönt einigermassen absurd. Zum Beweis seiner seltsamen These führte er ein Paradoxon auf. Er liess - was man heute als Gedankenexperiment bezeichnen würde - Achilles im Wettlauf gegen eine Schildkröte antreten, welcher er einen Vorsprung gibt. Nun holt Achilles zwar Stück für Stück auf, weil er der Schnellere ist, aber er kann die Schildkröte trotzdem nie ganz erreichen, weil diese in der Zeit, in welcher er ein Stück aufgeholt hat, immer schon wieder ein Stück weiter ist, und das gilt selbst dann, wenn er gerade daran wäre, sie einzuholen. Die Schildkröte behält immer - auch wenn man diese Überlegung ins Ewige weiterführt - einen kleinen Vorsprung, und es hat sich also wenig bis gar nichts an der ursprünglichen Situation geändert. Die Mathematiker und Logiker glauben, das Problem gelöst zu haben*, aber es war gar nicht so einfach (und das Paradoxon erstaunt uns bis heute [etwa in der US-Hollywood-Filmkomödie "I.Q." (1994)]). Noch klarer wird der Sinn von Zenons Behauptung in seinem Pfeil-Paradoxon, in welchem er sagt, dass sich ein Gegenstand in Bewegung realiter gar nicht bewegt, wenn man die Bewegung in allerkleinste Zeiteinheiten einteilt, in welchen er praktisch stillsteht (d.h. in einer zeitlichen Unendlichkeit und Ewigkeit, welche paradoxerweise ja auch der absoluten oder reinen zeitlich quasi eingefrorenen Gegenwart und Momentaufnahme entspricht, bewegen sich die Dinge eigentlich nicht, in der Raum-Zeit natürlich aber schon). Man hört zuweilen in der Philosophie, es bestehe ein Widerspruch zwischen Heraklit, welcher sagte, dass alles in Bewegung sei, und Parmenides, welcher eine starre Ewigkeit behaupte. Diese Auffassung gründet wohl v.a. auf diesen Paradoxien dieses eleatischen Schülers von Parmenides. Dieser spricht aber davon, dass das Seiende weder entstanden sei, noch zerstört werden könne, und auch nicht teilbar sei, sondern unveränderlich, da es als Ganzes ein Gleiches sei. Er spricht also vom Ganzen, während Heraklit vom Einzelnen spricht. Es macht offenbar (auch) einen Unterschied, ob man alles Einzelne einzeln betrachtet, oder das All als solches (jedenfalls in dieser Frage - was eigentlich auch ein Paradoxon darstellt: wie kann alles als Einzelnes in Bewegung sein, das Ganze als solches aber nicht? [wir reichen wirklich mit diesen Paradoxien aus einer alten Antike bereits an die Probleme der modernen Physik und an die Science Fiction heran]). Der Begriff vom Ewigen kommt bei Parmenides nicht explizit vor: was aber unveränderlich ist, das erscheint natürlich auch ewig - und genau um diese Qualitäten geht es ja hier: um das Ewige - welches in der Antike als unveränderlich vorgestellt wurde - bei Parmenides und um das Veränderliche und Bewegliche bei Heraklit. Insbesondere bei Anaxagoras ('Weltgeist') und Platon ('Weltseele') spielte die Auffassung des Ewigen, des Unveränderlichen und des Ganzen danach ebenfalls eine bedeutende Rolle (aber auch etwa der Universalienstreit im Mittelalter - Allgemeinbegriffe/-ideen vs. Einzeldinge - oder die Behauptung von einer ewigen Wiederkehr des Gleichen bei Nietzsche, gehören in diesen Themenbereich). Eine solche Ansicht vom Ganzen, welche (in der [vergleichsweise noch wenig beachteten] Philosophie) seit den Eleaten bis zu Platon vorherrschte, führte nach Aristoteles zu einem 'Bewegungsproblem', das sich auch in der Ideenlehre Platons manifestiere: die Ideen von Platon könnten, so meinte Aristoteles, (ebenso wie auch die Mathematik) keine Ursache für die Bewegung der Dinge sein**. Daher stellte Aristoteles, nebst der Annahme von Gott als Erstbeweger, in seiner Physik eine eigene (wissenschaftliche) Bewegungstheorie auf, welche - nach einem Intermezzo mit der sogenannten Impetus- oder Impulstheorie - von Galilei kritisiert und durch dessen Trägheitsprinzip (welches das 'Bewegungsproblem' endlich - tatsächlich oder weiterhin nur scheinbar - löste) ersetzt wurde, was zur neuzeitlichen Physik und Mechanik (mit der Idee eines mechanistischen Universums) bei Newton führte (genauer: die interessante und - weil die ganze neuezeitliche Physik daran hängt - spektakuläre Entdeckung der Grundgesetze der Mechanik). Die heutige Physik behauptet ja übrigens, dass sich auch das Ganze - nach ihr: das Universum, wie man heute sagt - bewegt (bzw. [derzeit] ausdehnt). Und trotzdem scheinen wir auch heute noch allzu oft die wahren Ideen - die es ja nach Platon auch nur in einer Ewigkeit geben kann - zu verfehlen... Dies ist vielleicht ein bisschen ein paradoxer Abschnitt, aber das gehört eben auch zur Philosophie: das Paradoxe, das Groteske, das Absurde - inkl. Fragen, die wir bis heute nicht auflösen können.

* Es stellt sich indes die Frage, ob die Mathematiker und Logiker das Problem auch wirklich gelöst haben. Sie haben es scheinbar gelöst, indem sie die Einteilung der Zeit in unendlich kleine Räume hier verboten haben - sie sagen uns aber nicht, mit welchem Recht sie das verbieten. In der Art und Weise, wie Zenon das Problem vorstellt, scheint es tatsächlich keine Lösung zu geben. In der Realität gibt es freilich eine einfache Erklärung: irgendwann einmal (bzw. ständig eigentlich) überspringt Achilles die immer kleiner werdenden, ins Unendliche gehenden Zeiträume mit einer einfachen Schrittlänge. Das Problem löst sich in der Realität von selber, nicht so aber in der Vorstellung. Man muss sich lösen von der Problemanordnung, in welcher man immer schaut, welchen Fortschritt die Schildkröte an dem Punkt gemacht hat, an welchem Achilles sie einholen würde. Wenn man ganz einfach bei beiden Figuren die gemachten Wegstrecken pro (gleichbleibender) Zeiteinheit aneinanderreiht, dann hat man das Abbild der Realität und das Problem ist gelöst. Das Problem zeigt, wie hilflos unsere Vorstellung wird, wenn wir uns auf einen falschen Gedanken konzentrieren und fixieren. Ferner zeigen diese Paradoxien natürlich auch, wie eng die Mathematik eigentlich mit der Vorstellung verknüpft ist. (Was auch immer damit gezeigt werden sollte: für mich sind diese Paradoxien viel zu klug, als dass Zenon von Elea damit einfach nur die Philosophie von Parmenides hätte beweisen wollen. Das ist übrigens eine Qualität, welche die heutige Philosophie praktisch nicht mehr kennt: die Klugheit. Man kann sich fragen, welche von den antiken oder platonischen Kardinaltugenden der Weisheit [Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mässigkeit] die heutige Philosophie überhaupt noch kennt; ich sage das ohne die antike Philosophie verherrlichen zu wollen. Es ist nur eine Frage.)

** Dies obwohl Platon eigentlich auch eine eigene Vorstellung zur Bewegung äusserte - im Problem der Pfeilbewegung, welches auf das Pfeil-Paradoxon zurückgeht (was zeigt, dass er auf Zenon von Elea Bezug genommen hat) und danach diskutiert wurde von Aristoteles selber bis zu Avicenna. Platon meinte, es sei die Luft, welche die Bewegung des Pfeils bewirkt - durch Wirbelbildungen in der Luft. Aristoteles dagegen meinte, der Bogen übergebe die Kraft an den Pfeil (das entspricht ja auch bereits unserer heute noch gängigen Vorstellung der einfachsten Billard-Kugel-Physik). Philoponos meinte, die Kraft sei nur geliehen (Impetustheorie) und verliere sich wieder, und darum falle der Pfeil nach einer gewissen Distanz zu Boden - dies sei auch im Vakuum so. Avicenna meinte, die Luft behindere die Bewegung des Pfeils und bewirke, dass er zu Boden falle, und nur im Vakuum gebe es eine konstante Bewegung, die nicht zum Stillstand kommt. Das wäre eigentlich schon ein Ansatz für die neuzeitliche Physik gewesen, aber es dauerte noch ein bisschen länger bis diese über Ockham und Galilei (Trägheitsprinzip) dann von Newton (Gravitationstheorie und drei Grundgesetze der Mechanik) begründet wurde. Das zeigt: hinter unserer heutigen Physik steht nicht nur Aristoteles in der Antike, welcher aber die Bewegungsphysik erstmals klar aufgefasst und dargestellt hat, sondern mindestens auch Heraklit, Zenon und Platon (ebenso ist auch hier hinzweisen auf den bedeutenden Einfluss der muslimischen Philosophie, aber auch der christlichen Philosophie für die gesamte spätere Wissenschaft - manches davon mag uns heute als simpel oder seltsam vorkommen, und doch war jeder dieser einzelnen Entwicklungsschritte notwendig für die gesamte Entwicklung, und nichts davon ist irgendwie trivial [ganz abgesehen davon, dass ja auch die einfachsten Dinge manchmal am Schwierigsten zu finden (siehe: Kategorischer Imperativ von Immanuel Kant) und/oder zu erklären sind (siehe: Relativitätstheorie von Einstein)]).

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Erstaunlicherweise war die grosse (bzw. heute als so gross empfundene) Klassik in der griechischen Philosophie nur eine kurze Phase von rund 150 Jahren (etwa 475-325 v. Chr.). Danach trieb es die späteren (hellenistischen) Philosophen nicht zum Verweilen, sondern zur Begründung neuer, anderer Ideen. Und so ging auch in den folgenden Zeiten - unglaublich aus heutiger Sicht - v.a. Aristoteles nahezu vergessen! Die platonische Akademie bestand zwar weiter, sie wurde allerdings im Jahr 86 v. Chr. durch den römischen Feldherrn Sulla gänzlich vernichtet - der letzte Leiter der Akademie (Philon von Larisa) war schon zwei Jahre zuvor nach Rom geflohen - während übrigens die attische Demokratie bereits 262 v. Chr., mit der Niederlage der Athener im Chremonideischen Krieg und einer wiederholten Besetzung durch Makedonien, zu Ende war (interessant: diesen Krieg kennt heute niemand, obwohl er für sehr lange Zeit das Ende der Demokratie bedeutete!). Die platonischen Zeitabschnitte werden bezeichnet als Ältere Akademie, Jüngere Akademie, Mittelplatonismus (1. Jh. v. Chr. bis 3. Jh.) und Neuplatonismus (mit Plotin [205-270] und anderen, im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt). Während der Platonismus im frühen Christentum (Patristik) eine bedeutende Rolle spielte, erlebte der Aristotelismus erst im späten Christentum (Scholastik) eine Renaissance, im 12./13. Jahrhundert - in der Wiederentdeckung der aristotelischen Philosophie durch Averroës, Moses Maimonides und Thomas von Aquino (mit bedeutendem Einfluss auf die Neuzeit und deren Wissenschaft, welche sich wesentlich in der Auseinandersetzung mit den Positionen von Aristoteles begründete und entwickelte; als allererster Aristoteles-Kommentator im Mittelalter überhaupt soll übrigens Notker Teutonicus (um 950–1022) gelten [ohne Gewähr]). Wiedererfahrungen der griechischen Antike gab es auch später immer wieder, bedeutend natürlich im Zeitalter der Renaissance - in welchem allerdings die römische Antike den grösseren Einfluss ausübte - oder auch etwa bei Nietzsche, welcher allerdings die antike Götterwelt eigentlich den Philosophen vorzog, während Sloterdijk in einer Rede nahe der letzten Jahrtausendwende (1997) fragte, ob die alten Philosophen heute noch unsere Freunde sein können (wobei er sich speziell auf Platon bezog). Wie bedeutend (und unkritisch) die griechische Antike gerade in den höheren deutschen Schulen bis zum Zweiten Weltkrieg behandelt wurde, zeigt auch eine Erzählung des Schriftstellers Andersch, welcher damit - ob zurecht oder zu Unrecht - einen altväterlichen Humanismus kritisiert (und die peinliche Frage stellt, ob denn eine humanistische Bildung vor gar nichts schütze). Wir treffen überall in der Philosophie auf Kritik und Gegenkritik (und Kritik der Gegenkritik, usw. usf., etc. etc. - die Beurteilung von alledem ist, wenn sie sorgfältig gemacht wird, immer schwierig und nie abgeschlossen). Es gibt in diesem Zusammenhang - des Übergangs von der Klassik zum Hellenismus - ferner eine bekannte Geschichte bzw. Anekdote aus früherer Zeit zu erwähnen: jene vom makedonischen Herrscher Alexander dem Grossen (356-323 v. Chr.), welcher der Legende nach von Aristoteles ausgebildet wurde, also sozusagen ein Philosophenkönig war, wie Platon ihn in seinem Frühwerk gefordert hatte, und dessen Begegnung mit dem zynischen, ärmlichen Philosophen Diogenes von Sinope (um 410-323 v. Chr.), auch bekannt als Diogenes im Fass oder in der Tonne, welcher - nach seinen Wünschen befragt - zum grossen Philosophenkönig gesagt haben soll: "Geh mir aus der Sonne!" Dies ist auch bereits ein, wenn auch ein anekdotisches Zeugnis zum Verhältnis der Klassik mit der nachmaligen hellenistischen Philosophie, welche zu einem bedeutenden Teil aus einem philosophischen Zynismus - bzw. aus der absichtlich gewählten Position der Weltdistanz, wie sie auch den Zynismus kennzeichnet - heraus entstanden war (besonders in der Skepsis und Stoa).

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Die hellenistische Philosophie (Nachklassik). Die spätere griechische Antike wird die Zeit des Hellenismus genannt (diese Epoche ist ziemlich genau umrissen: von der Herrschaftszeit Alexanders des Grossen [336 v. Chr.] bis zum Eingang des ptolemäischen Ägyptens in das Römische Reich [30 v. Chr. - wobei ich hier philosophisch die Zeit bis zu Plotin betrachte (quasi dem letzten Ausläufer der griechischen Antike, im 3. Jahrhundert, falls man nicht auch noch Boethius im 5./6. Jahrhundert dazuzählen möchte - das sind aber eher vereinzelte grosse Figuren einer spätgriechischen Philosophie; der Platonismus spielte indessen noch lange eine gewisse Rolle und tauchte zwischendurch immer wieder auf, insbesondere - u.a. - etwa in der Domschule von Chartres zur Zeit der christlichen Scholastik oder bei den Cambridger Platonikern noch im 17. Jahrhundert)]). Die hellenistische Zeit brachte drei grosse Schulen bzw. Richtungen hervor: die skeptische Schule von Pyrrhon (Prinzip der Verneinung [aller Wahrheitsansprüche überhaupt]), die epikureische Schule von Epikur (Prinzip der Lust [und Unlust]) und die stoische Schule von Zenon (Prinzip der Gemütsruhe [bzw. der Gleichgültigkeit]). Ich nenne diese drei Schulen auch die Schulen des Untergangs, da sie den Untergang der antiken griechischen Kultur zumindest (mit-) begleiteten. Auf diese hellenistischen Richtungen der Philosophie traf auch der christliche Apostel Paulus zu seiner Zeit noch hauptsächlich, insofern bei ihm von der Philosophie die Rede ist, was auch der Hauptgrund gewesen sein dürfte für seine (zu?) scharfe Verwerfung der Philosophie (im Allgemeinen). Er verwarf in erster Linie eben diese Untergangsphilosophien (während die christliche Theologie dann aber wiederum einiges aus der alten Philosophie in ihre eigene Lehre aufgenommen und eingebaut hat [das Christentum hat auch sonst verschiedenes vom Heidentum übernommen. Trotz dieser kritischen Anmerkung sind diese drei Schulen sehr bedeutend: die Skepsis spielte später zu verschiedenen Zeiten eine bedeutende Rolle (insbesondere etwa bei Empiricus, Montaigne, Hume oder Fries), Epikur gilt - gemeinsam mit dem römischen Philosophen Seneca - bis heute als Wegbereiter einer (manchmal auch etwas dekadent anmutenden) Lebenshilfephilosophie und den philosophischen Anleitungen zum Glücklichsein, während die Stoa, begründet von Zenon von Kition (333-262 v. Chr.), sogar zur Hauptphilosophie im antiken Rom aufstieg. Irgendwie schien sich dort die Stoa ganz gut zu eignen, um eigentlich eher ein grundsätzliches Desinteresse gegenüber der Philosophie zu signalisieren (die Stoa bot - bei Mark Aurel sogar kaiserlich vorgelebt - noch ein bisschen Nahrung für jene, die sich trotzdem für philosophische Fragen interessierten). Die letzten drei grossen Figuren der griechischen Antike waren zwei Wissenschaftler und ein Philosoph: Archimedes (aus Sizilien - mit dem Auftriebsgesetz [gilt quasi als erster Vertreter der experimentellen Wissenschaft (obwohl seine Entdeckung eher auf Zufall beruhte)]) - sowie bereits nach Christi Geburt und Wirken - Ptolemäus (aus Ägypten - mit dem [falschen] geozentrischen Weltbild) und schliesslich Neuplatonist Plotin. Einige weitere, meist frühere bekannte Wissenschaftler und Mathematiker waren etwa: Alkmaion (Isonomietheorie [Gleichheit, Ausgleich]), Hippokrates (Medizinischer Eid), Aristarch (von Samos [frühes heliozentrisches Weltbild]), Euklid (Geometrie), Eratosthenes (Erdumfangberechnung), Galen (Medizin). Nachdem Anaxagoras in der Vorklassik die Philosophie von Kleinasien nach Athen gebracht hatte, verlagerte sie sich nach Epikur von Athen wieder in die Peripherie: Plotin, welcher vermutlich in Ägypten geboren wurde und an der südlichen Westküste Italiens verstarb, setzte mit seinem Neuplatonismus (inkl. der anschliessenden Gnosis, einer Verbindung von verschiedenen Mystizismen [unter christlichen, jüdischen, heidnischen und hellenistischen Intellektuellen verbreitet]) das letzte grosse philosophische Zeichen, in jener Zeit, die wir als griechische Antike bezeichnen.


Antike Stätten der Philosophen: Milet (in Kleinasien, heute: Türkei - Thales, Anaximander, Anaximenes), Samos/Metapont (Pythagoras), Kroton (Alkmaion), Kolophon (Xenophanes), Ephesus (in Kleinasien - Heraklit), Elea (heute: Velia in Unteritalien - Parmenides, Zenon v. Elea sowie evtl. Leukipp), Klazomenai (in Kleinasien - Anaxagoras), Akragas (heute: Agrigent auf Sizilien - Empedokles), Abdera (heute: Avdira - Protagoras, Demokrit), Athen (Sokrates, Xenophon, Platon, Aristoteles [bei ihm Wirkungsstätte - geb. in Stageira, gest. in Chalkis]), Sinope (Kleinasien)/Korinth (Diogenes von Sinope), Elis (Pyrrhon von Elis), Samos/Athen (Epikur), Kition (auf Zypern - Zenon von Kition), Ägypten/Kampanien (vermutlich: Plotin) - Das antike Rom.


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Stillstand in der römischen Philosophie. Die folgende Zeit der römischen Antike ist philosophisch weniger bedeutend und interessant als die griechische (und dasselbe gilt es auch von der [systematisch] wissenschaftlichen Entwicklung zu sagen! [während es eine technische Weiterentwicklungen durchaus gab, hielten die alten Römer wenig bis gar nichts von schriftlicher bzw. theoretischer und systematischer Wissenschaft]). Die Römer übernahmen im Wesentlichen das altgriechisch-polytheistische Göttersystem und brachten nur recht wenige grosse Denker hervor, die sich in den meisten Fällen auch an der griechischen bzw. an der hellenistischen Philosophie orientierten - etwa: Cicero, Lukrez (der Epikureer), Seneca, Epiktet, Mark Aurel (der eigentliche Philosophenkaiser), Victorinus (gilt als Begründer der christlichen Trinitätslehre) oder Boëthius. Die vorherrschende philosophische Richtung war die (griechische) Stoa, welche auf Gelassenheit, Mässigung und Seelenfrieden zielt (ein Zeichen vermutlich auch dafür, dass die Philosophie zu dieser Zeit bzw. besonders zu dieser Zeit vorwiegend in der Oberschicht betrieben wurde). Der bekannteste römische Philosoph ist vermutlich der Stoiker Seneca, der interessanteste vielleicht der Eklektiker Cicero - dieser begründete die einzige neue Richtung in der römischen Philosophie: den Eklektizismus, was etwa so viel bedeutet wie die Zusammenlegung vieler Philosophien zu einer. Viel bedeutender als die Philosophie - inkl. Staatsphilosophie - war im Alten Rom das Rechtssystem, mit Rechtsgelehrten und -philosophen wie Cicero, Gaius oder Ulpian und der bedeutendsten Wirkung altrömischer Kultur auch auf unsere heutige Zeit (durchaus ja irgendwie im Sinne des späteren, gesetzesorientierten Nomoi-Platons). Wir betrachten noch unser heutiges Recht begründet auf der Basis des alten Römischen Rechts (was von einer späteren Wiederentdeckung des Alten Römischen Rechts im 11. Jahrhundert an der ältesten europäischen Universität in Bologna kommt [mit dem Rechtsgelehrten Irnerius (von Bologna)]; in Mitteleuropa erlangte es ab dem 14. Jahrhundert erneute Bedeutung). Der englische Philosoph Hobbes wies im 17. Jahrhundert darauf hin, dass v.a. zwei zentrale Punkte im Römischen Recht zu berücksichtigen sind: erstens der Eigentumsschutz und zweitens - sehr bedeutend - die juristische Person (wir finden beide Prinzipien auch in der theologischen Legitimierung Jesu Christi, denn dieser hat die Vollmacht Gottes zur Vertretung der dreifaltigen Person! - ein drittes bedeutendes Prinzip war, u.a., die Rechtlosigkeit der Sklaven [dieses spielt im heutigen Recht glücklicherweise keine Rolle mehr]). Rein philosophisch betrachtet, könnte man aber die Römische Antike fast ebenso gut weglassen... Die Stoa erfuhr keine allzu bedeutende Weiterentwicklung, und neue Richtungen kamen eben eigentlich gar keine auf. Unbezweifelbar jedenfalls befand sich die Philosophie zu jener Zeit auf einem absteigenden Ast - auch wenn sich der Platonismus erhalten hatte und durch den Neuplatonismus von Plotin zu neuer Blüte kam (dies hatte zwar einen Einfluss auf die Christologie im frühen Christentum, war aber ansonsten wohl eher von esoterischer Bedeutung [die platonische Schule in Athen war zu jener Zeit weiter bedeutender als jene von Plotin in Rom; die bekanntesten Philosophen aus den neuplatonischen Schulen sind etwa Porphyrios oder Proklos]). Es waren also nicht alleine die religiösen Christen, welche die klassische griechische Philosophie versenkten, wie manche heute fälschlicherweise behaupten, sondern ganz im Gegenteil: diese haben sie, wie schon angesprochen (v.a. im Fall von Aristoteles), eher aus der Versenkung wieder hervorgeholt (während die Vorsokratiker weder im Alten Rom noch im Christentum irgendeine Rolle spielten [die Philosophie vor Platon war am Ende der Antike praktisch vollkommen untergegangen (die Demokratie, der Ausgleich oder das Fliessen von allem interessierte die alten Römer ebenso wenig wie der [eine] Gott, das Sein oder der Geist [das sind nämlich alles Dinge, die in der vorsokratischen Philosophie vorkommen und dort bedeutend sind])]).

Der Glaube der alten Römer muss als eher oberflächlich bezeichnet werden - bedeutende Mystiker oder Esoteriker finden wir darin kaum (einzige Ausnahme ist die Gnosis, welche aber v.a. in der jüdischen, christlichen und hellenistischen Kultur eine bedeutendere Rolle spielte; auch die Alchemie, also die Vorgängerin der Wissenschaft der Chemie, mit esoterischem Zusammenhang, ging fast vollkommen an der römischen Kultur vorbei, notabene). Überhaupt waren sowohl die Religion wie auch die Philosophie und die (experimentelle) Wissenschaft (wo man schon von einer solchen sprechen konnte) herabgesetzt (zu viel Neues und Experimentelles war nicht erwünscht). Die Ausrichtung der Kultur war einfacher und praktischer, aber auch rechtlicher und amtlicher sowie militärischer Art - damit konnte eine grosse Hochkultur errichtet werden, die aber einen ebenso legendär grossen Niedergang erlebte. Die alten Reiche von Babylon (biblisch) und Rom sind heute Synonyme für untergegangene Grossreiche, welche aufgrund von Überbordungen und Übertreibungen aus dem Ruder geraten sind.

Summa summarum. Viele philosophische und wissenschaftliche Fragen wurden in der Antike zum ersten Mal vorgebracht und behandelt. Im Allgemeinen bildet die antike Philosophie einen wundervollen Mikrokosmos der Philosophie, in welcher also die Philosophen auf ihrer Urgrundsuche vom Wasser - aus dem das Leben entstammt - über den Menschen zum Recht kamen. Kombiniert man (Nomoi-) Platon/Rom mit Aristoteles, kann man (etwas optimistisch) zum Schluss kommen: das Ziel ist oder wäre das Recht in einem politischen Staat (d.h. in einem Staat, in welchem ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht der Bürger besteht - dies war im Römischen Reich natürlich nicht gegeben, obwohl es anfangs sogar auch gewisse demokratische Tendenzen gab, die aber im späteren Kaiserreich bzw. kaiserlichen Grossreich - eben in der Gestalt, wie wir die altrömische (Hoch-) Kultur v.a. kennen - vollkommen verlorengingen; ebenso war keine rechtliche Gleichheit gegeben, sondern es gab verschiedene Bevölkerungsgruppen, die nicht nur gesellschaftlich, sondern auch rechtlich schlechter behandelt wurden).

Die Antike ist ein Zeitraum, welcher etwa vom 8. Jahrhundert vor Christus bis etwa zum 5. Jahrhundert reicht (mit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahr 476). Diese Zeit überschneidet sich mit dem frühen Christentum, welche Patristik genannt wird: etwa vom 1. bis zum früheren 8. Jahrhundert, während das spätere mittelalterliche Christentum als Scholastik bezeichnet wird: etwa vom 10. bis zum 15. Jahrhundert. Das heisst: es gibt an diesem Punkt eine für die Zukunft Europas und der Welt überaus bedeutende Überschneidung der religiösen jüdisch-christlichen Kulturachse mit der philosophischen, politischen und rechtlichen griechisch-römischen Kulturachse. Im Mittelpunkt dieser Überschneidung steht natürlich die Figur von Jesus Christus (und diese bestimmte durch die christliche Religion und Theologie die [westliche] Philosophie des Mittelalters).

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Videos zur Europa- und Weltgeschichte: Kurze Geschichte Europas (engl.), Kurze Geschichte der Welt (engl.).



MITTELALTER (CHRISTENTUM) * * * Jesus Christus, der Messias der christlichen Religion * * * Paulus und seine Kritik der hellenistischen Philosophie * * * Justinus und der Christus als ganzer Logos * * * Patristik der Kirchenväter mit Augustinus * * * Mohammed und der Islam * * * Grosses (auch: Morgenländisches oder Griechisches) Schisma - die Trennung von Ost- und Westkirche * * * Forderung nach Einsicht und Vernunft im Glauben (Anselmus von Canterbury) * * * Averroës und die Wiederentdeckung des Aristoteles * * * Scholastik der Kirchenlehrer mit Thomas von Aquino * * * Anfänge einer neuen Wissenschaft und empirische Erkenntnis (Roger Bacon, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham) * * * Das neue Zeitalter der Renaissance.


Die christliche Theologie tritt an die Stelle der antiken Philosophie.

Jesus Christus wurde im Land Palästina (heute: Israel/Palästina), im Nahen Osten, geboren und trat dort als der von den altisraelitischen Propheten prophezeite, von Galiläa (Keltensiedlung, hebr. galil ha-gojim: Bezirk der Heiden) aus zu den Heiden gesandte Messias auf. Er begründete das, was der anthroposophische Philosoph Steiner den Christus-Impuls nennt, und dieser Christus erwies sich als die bedeutendste religiöse Kraft in der (westlichen) Welt. In diesem Christus-Impuls sind in dessen kultureller Bedeutung zwei grosse Ströme der Kultur zusammengekommen: die Religion vom alten Israel und die Philosophie vom antiken Griechenland. Jedoch scheint auch ein östlicher Einfluss sehr deutlich spür- und greifbar zu sein in diesem Impuls. Der Christus war ja verheissen als grosser Friedefürst der Welt, und daher können wir davon ausgehen, dass ein vielfältig verflochtener Welteinfluss sämtlicher Religionen und Kulturen zu diesem Impuls mitgewirkt hat. Wie könnte oder wollte er sonst der grosse Friedefürst sein? Das Mittelalter ist aber nicht nur durch den Christus, sondern im Westen wie im Osten durch verschiedene religiöse Phänomene begründet: durch das Auftreten des Religionsstifters Mani (im 3. Jh.), welcher eine erfolgreiche aber kurzlebige ökumenische Religion schuf, die zusammengesetzt war aus dem Christentum, dem Buddhismus und dem Parsismus (Zarathustra-Religion) und von Persien aus westwärts bis nach Nordafrika reichte, ferner: durch die Verbreitung des Buddhismus im Fernen Osten, von Indien über Ostasien (ab dem 3. Jh. v. Chr.) bis nach China (im 7. Jh.), durch die Begründung des Islams von Mohammed in Arabien (im 7. Jh.), und auch durch die Erneuerung der indischen Religion (Hinduismus) von Shankara (im 9. Jh.). Wenn vielfach (im Westen) vom dunklen Mittelalter gesprochen wird, so muss man gleichzeitig auch von der dunklen Spätantike reden - eine Zeit auch der Esoterik, des Okkultismus und der Alchemie (v.a. im südlichen Westen wie auch etwa in Ägypten oder China, die bekannteste Figur dazu ist Hermes Trismegistos, dessen Existenz aber nicht gesichert ist - eine Wendezeit eben von grosser religiöser Verwirrung und Erneuerung). Zeitlich kann man den Beginn des Mittelalters bei der Geburt Jesu sehen, oder im Anschluss an die Antike im 5./6. Jahrhundert (aufgrund der erwähnten Überschneidung können wir die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt sowohl der ausgehenden Antike wie dem aufkommenden Mittelalter zurechnen - erwähnenswert dazu sind auch die politischen Daten des Christentums: 301 Staatsreligion in Armenien, 313 Aufhebung des Verbots im Römischen Reich, 325 Konzil von Nicäa [Verwerfung des Arianismus] - gleichzeitig fand anfangs des 4. Jahrhunderts eine äussere Akzeptanz und eine innere Konzentration im Christentum statt; ebenfalls zu erwähnen ist diesbezüglich die Ordensgründung durch Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert [Benediktiner (die grösseren späteren Orden der katholischen Kirche vollzogen sich im 12./13. Jahrhundert [Karmeliten, Augustiner, Dominikaner, Franziskaner])]). Die Theologie des christlichen Mittelalters wird grundsätzlich in zwei verschiedene Zeitalter eingeteilt: jenes der Patristik (Kirchenväter) und jenes der Scholastik (Kirchenlehrer - bedeutend zwischen der Lehre des reinen Glaubens und jener des vernünftigen Glaubens liegt die Trennung von Ost- und Westkirche beim sogenannten Grossen bzw. Morgenländischen Schisma 1054 [dieses bewirkte eine Ost/West-Spaltung Europas und der Welt, die wir bis in das späte 20. Jahrhundert, und in deren Ausläufern weiter im 21. Jahrhundert, beobachten können]).

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Die Patristik im christlichen Mittelalter. Die Patristik ist die Zeit der Kirchenväter (lat. Patres ecclesiae). Die frühen Kirchenväter sahen das Christentums nicht nur als eine Erneuerung der Religion, sondern sie sahen es auch (bereits) als religiöse Philosophie. Eigentlich beginnt diese schon in der Bibel selber: mit Jesus Christus, ferner mit Petrus (und den zwölf Jüngern) und mit Paulus (und den weiteren Aposteln). Sie haben eigentlich schon Theologie als christliche Philosophie betrieben (freilich gibt es in der Theologie immer die beiden Aspekte: jener der christlichen Philosophie ebenso wie jener der Kirchenordnung). Als erster grosser christlich-philosophischer Theologe gilt indessen (d.h. wenn wir die neutestamentarischen biblischen Figuren einmal weglassen): Justinus (mit dem Beinamen: der Märtyrer). Seine Behauptung hätte nicht grösser und weitreichender sein können: "Der Christus ist der ganze Logos." Mit diesem Satz machte sich die christliche Theologie an, die Urgrundphilosophie der Antike zu ersetzen bzw. die ganze antike Philosophie auf eine rein christliche Basis zu stellen. Die Liste der bekanntesten Kirchenväter umfasst etwa Namen wie (u.a.): Justinus der Märtyrer, Irenäus von Lyon, Tertullian, Origenes, Athanasius der Grosse, Hilarius von Poitiers, Gregor von Nazianz, Basilius von Caesarea, Gregor von Nyssa, Ambrosius von Mailand, Hieronymus, Augustinus, Pseudo-Dionysius Areopagita, Isidor von Sevilla, Johannes von Damaskus (verst. 754 - gilt als letzter grosser Kirchenvater). Der bekannteste Theologe der Patristik war der aus Nordafrika stammende Augustinus (auch: Aurelius Augustinus [fälschlicherweise], oder: Augustinus von Hippo oder Thagaste, 354-430). Augustinus gilt als Vertreter eines Gottesstaatsprinzips, ebenso als bedeutendster philosophischer Verfechter der (christlichen) Dreifaltigkeit; er hat daneben aber auch eine durchaus rein philosophiegeschichtlich relevante Bedeutung, indem er etwa über das Phänomen der Zeit nachdachte. Er sah dabei einen Unterschied zwischen einer objektiven und einer subjektiven Zeitauffassung (was bedeutend sogar etwa in Bezug auf die Relativitätstheorie von Einstein im 20. Jahrhundert ist, aber eigentlich auch für die ganze Erkenntnistheorie der Scholastik und der Neuzeit [Frage: Wie erkennen wir die Welt überhaupt, wenn die subjektive und die objektive Auffassung verschieden sein können?], ferner auch initiierend für eine individualistische und psychologistische Philosophie [im 19./20. Jahrhundert]). Diese Überlegungen machte er in seinen 'Confessiones' (dt. Bekenntnisse), in denen er auch schildert, wie er vom Manichäer zum Christ wurde. In der Antike herrschten einfache oder aber mysteriöse Zeitvorstellungen: das ständige Fliessen bei Heraklit, das unverständliche Paradoxon bei Zenon von Elea oder demgegenüber wieder das einfache Messen bei Aristoteles, welcher den Zeitbegriff mit dem Bewegungsbegriff verknüpft hat. Für die Religion ist natürlich die Zeitauffassung im Verhältnis zur Ewigkeitsvorstellung - mit allen Fragen, welche in dieser Problematik auftauchen - auch immer wieder eine komplexe Herausforderung.

Die alten Griechen philosophierten sehr stark in der Vorstellung von grundsätzlichen und allgemeinen Idealen und Ideologien. Nie wäre es einem klassischen griechischen Denker in den Sinn gekommen, die Philosophie vom Einzelnen her aufzufassen. Tendenzen dazu gab es vielleicht in der hellenistischen Zeit: mit skeptizistischen, stoizistischen und hedonistischen Idealen. In der christlichen Religion ist manchmal die Rede von einem 'persönlichen Gott', was bei den intimen Aufzeichnungen von Augustinus besonders deutlich wird (und so ist es vielleicht auch zu erklären, dass diese erwähnten späteren Wendungen der neuzeitlichen und modernen Philosophie eigentlich bis auf Augustinus zurückgehen). Diese subjektive Note des Christentums ist die eine Seite dieser neuen Religion, andererseits prägte sie auch den Ein-Hoch-Gott-Glauben wie keine andere Religion zuvor (ausgebaut und verstärkt später noch im Islam - während der israelitische Jahwe* ja der Gott ist mit den vielen Erscheinungsorten [diese Verschiedenheiten in der Gottesvorstellung zu sehen, ist sehr bedeutend für die religiöse Ökumene, in welcher man sagen kann: es ist derselbe Gott [für alle, die von einem Gott ausgehen, weil es ja nicht zwei geben kann, wenn es nur einen gibt], aber es sind verschiedene Vorstellungen, welche den Frieden unter den Religionen manchmal etwas schwierig machen]).

* Der Streit um den Gottesnamen beginnt indessen bereits im Alten Testament der Bibel, denn hier gibt es bereits verschiedene Gottesnamen: da ist zuerst einmal - der Überlieferung nach - der Name eines Gottes, welcher so heilig ist, dass er nicht ausgesprochen werden darf, dann kommt der Jahwe (eigentlich: JHWH), von dem sie sagen, es sei dieser Gott, aber offenbar wurde der Name ja dann doch ausgesprochen (sonst würden wir ihn ja gar nicht kennen), und schliesslich der Gott der Propheten, welcher 'Herr Zebaoth' heisst (so bei Luther - eigentlich: JHWH Zebaot). Das Judentum spricht bis heute den Namen von JHWH nicht gerne aus und verwendet dafür andere Bezeichnungen wie Adonai (d.h. mein Herr, eigentlich im Plural) oder HaSchem (d.h. der Name); und das sind ja schon wieder zwei neue Namen. Ein weiterer Name, welcher im Zusammenhang mit dem alttestamentarischen Gott auftaucht, ist etwa der Name El(i) bzw. Elohim (d.h. Gott bzw. Götter). In der Bibelübersetzung Luthers ist der ursprünglich namenlose Gott, der einfach Gott ist, ohne Namen, eigentlich erst bei Abraham als Herr bezeichnet (im Neuen Testament dann bei Jesus als Vater). Allah ist das arabische Wort für Gott - während die muslimische Theologie etwa von den 99 schönsten Gottesnamen spricht. Im Parsismus ist der Gott als Herr der Weisheit bezeichnet, im Konfuzianismus etwa als Höchster im Himmel (die altchinesischen Kaiser, die sich auf diese Gottesbezeichnung bezogen, nannten sich Söhne des Himmels), usw. usf., etc. etc. Wieviele Gottesnamen bzw. Namen von Hauptgöttern es in der Welt je gegeben hat, ist nicht nachzurechnen - es sind auf jeden Fall sehr viele. Darunter auch der Gott der Philosophen: ein weiser und freundlicher Werkmeister, welchen sie Demiurg (grch. demiourgos) nannten (d.h. Sokrates-Platon nannte ihn so); nun aber: im Mittelalter ist der religiöse Gott in die Philosophie miteingezogen (bedeutend natürlich später auch in der Neuzeit und deren Moderne noch bei Bacon, Descartes und Leibniz über Newton oder Kant bis zu Kierkegaard, Nietzsche, Steiner oder Einstein, u.a. [während die Religion für die Rationalisten und frühen Wissenschaftler noch eine grosse Bedeutung hatte, sank diese bei den späteren Philosophen, so dass die Religionsphilosophie oder religiöse Philosophie eigentlich in der heutigen Philosophie eher eine Randerscheinung ist]).

Mit den Erneuerungen in den anderen Religionen, insbesondere im Hinduismus und mit der Neubegründung des Islams, war das Christentum herausgefordert. Die erste Jahrtausendwende in der christlichen Zeitrechnung brachte - nach der Bildung und dem Höhepunkt des Frankenreiches, etwa mit der Kaiserkrönung Karls des Grossen im Jahr 800, und des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in Mittel- und Südeuropa - grosse Ereignisse. Zwei solche sind herausragend zu erwähnen: die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger und das grosse Morgenländische Schisma (Trennung zwischen Ost- und Westkirche). Beide Ereignisse hatten einen grosse und lange Wirkung - bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts (Zusammenbruch des realexistierenden Kommunismus im Osten und kurzzeitig dann sogar alleinige Supermacht USA) und weiter darüber hinaus bis in die heutige Zeit hinein. In der Zeit der Patristik hatte die Handelsroute der Seidenstrasse (etwa 115 v. Chr. bis 13. Jh.*) ihren Höhepunkt, welche einen ständigen Austausch zwischen Ost und West förderte (nicht nur im Waren-, sondern auch im Ideenstrom). Der Bruch zwischen Ost und West hatte tiefgreifenden Folgen, und es folgte ja auch die (westliche) Ritterzeit - etwa im 11. bis zum 14. Jahrhundert; und schliesslich das, was wir heute als das Alte Europa bezeichnen: allzu feudalistische Herrschaften und ihre Kriege (exemplarisch etwa mit dem anglofranzösischen Hundertjährigen Krieg [1337-1453] - diese Kriege in Europa hielten an bis zum Zweiten Weltkrieg, ebenfalls im 20. Jahrhundert - viele vergessen in der heutigen Betrachtung Europas, woher dieses kommt: es gibt keinen anderen Kontinent, auf welchem über Jahrhunderte so viele Kriege auf so engem Raum herrschten). Die nachfolgenden grossen Entdecker und Reformatoren deuten dann schon auf die Neuzeit hin (oder: während der Katholizismus die Welt zu umschiffen und für sich einzunehmen versuchte, machten sich in Mitteleuropa die Reformatoren gegen festgefahrene Strukturen breit).

* Zusammen mit der Seidenstrasse war auch die Transsahararoute, bestehend von der Antike bis tief in die Neuzeit, bedeutend war für die materielle und kulturelle Blüte im gesamten Mittelmeerraum. Mansa Musa I. (1280-1337), König von Mali, gilt bis heute als einer der reichsten Männer, die es auf Erden je gegeben hat, da offenbar zu seiner Zeit die Nachfrage nach Gold für Westafrika und Europa stark gestiegen war. Um die selbe Zeit begannen sich erste europäische Seefahrer (nach den Wikingern) auf die Reise um die Welt zu machen. Ugolino und Vadino de Vivaldo sollen von Genua aus die ersten gewesen, welche 1291 in der Umschiffung Afrikas den Seeweg von Europa nach Indien zu erreichen versuchten (sie kamen jedoch nicht allzu weit, sondern wurden an der afrikanischen Westküste festgenommen und gefangengehalten - ihnen folgten mit sehr viel mehr Erfolg die Portugiesen und die Spanier). Dies freilich war der Aufbruch in eine ganz neue Zeit - sie fuhren los, fast wie im 20. Jahrhundert das Weltraumschiff Enterprise in der Film-Science-Fiction, um neue Welten zu entdecken (nicht nur im geografischen, sondern auch im sprichwörtlichen Sinn).

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Die Scholastik im christlichen Mittelalter. Der aus Norditalien stammende und nach England auswanderte Anselmus von Canterbury (1033-1109) forderte mit seiner These, wonach der Glaube einsichtig werden soll, die neue (Vernunfts-) Haltung der Scholastik, zu welcher Petrus Abaelardus (1079-1142) eine Methodik entwarf. Er stellte die Uneinigkeit der Kirchenväter fest: sie sagen einmal dies und einmal das ('Sic et non' - dieses ist typisch für die Scholastik: alles wird mit Frage und Gegenfrage, Antwort und Gegenantwort ausgelotet, um möglichst gute - oft aber auch recht komplizierte - Begründungen für alles zu finden [diese scholastische Methode beruhte ursprünglich auf der Philosophie von Aristoteles, welcher in seiner Metaphysik die ganze Philosophiegeschichte vor ihm einsah und bewertete]). Roscellinus, der Lehrer von Abaelardus, war mit einem strengen Nominalismus verantwortlich für den sogenannten Universalienstreit (Einzeldinge [lat. nomen] vs. Allgemeinbegriffe [lat. universalia]). Petrus Lombardus versuchte den Einwand der dauernden Uneinigkeit wettzumachen mit einem grossen Lehrbuch über die bis dahin aufgestellte Theologie ('Sentenzen'). In der muslimischen Philosophie gab es einen anderen bedeutenden Streit, in welchem es um das Subjekt der Wissenschaft der Metaphysik ging: Alfarabi (arab. Abu Nasr Muhammad al-Farabi) bezeichnete Gott als Subjekt sämtlicher Wissenschaften; dem widersprach Avicenna (arab. Abu Ali al-Husain ibn Abd Allah ibn Sina), der Aristoteles zitierte, nach welchem es eine Wissenschaft des Seienden als solchem gibt (die Metaphysik), in welcher dieses das Subjekt sei. Averroës (arab. Abu l-Walid Muhammad ibn Ahmed ibn Rusd [aus Spanien]), welcher sich ausführlich mit Aristoteles beschäftigte, behauptete, dass der Intellekt ein unpersönliches Phänomen sei, welches passiv im Menschen wirke und nicht aktiv vom Menschen hervorgebracht werde. Dies wiederum rief Thomas von Aquino (um 1225-1274) auf den Plan, welcher das bestritt. Er versuchte auch, die metaphysische Diskussion zu beruhigen - mit der einfachen Formel: Gott ist das Sein (ähnliche Äquivalenzformeln sind aus der Bibel bekannt [etwa: Gott ist Geist]); diese Diskussion dauerte jedoch über die gesamte Zeit der Scholastik an (und schliesslich sollte ein gewisser Descartes sie dann auf einen ganz neuen Boden stellen). Die Wiederaufnahme der Philosophie von Aristoteles durch die Scholastiker, insbesondere durch die 'Summe der Theologie' von Thomas, war die Grundlage für die Beschäftigung mit der aristotelischen Naturphilosophie im Hinblick auf die neuzeitliche Wissenschaft. Gleichzeitig kam unter den späteren Scholastikern bereits eine neue Wissenschaftlichkeit auf - etwa mit Robert Grosseteste (Naturphilosophie mit mathematischer Analyse), Roger Bacon ([Früh-] Empirismus), Johannes Duns Scotus (Unterscheidung von Theologie und Philosophie), Wilhelm von Ockham (Rationalitätsprinzip), Johannes Buridan (Impetustheorie [das ist eine heute überholte Theorie von Johannes Philoponos aus dem frühen Mittelalter, auf dem Weg zur neuzeitlichen Bewegungslehre, Physik und Mechanik]) oder Nikolaus von Oresme (dito - Giovanni Battista Benedetti modifizierte diese Theorie noch einmal, kurz bevor Galileo Galilei im 16./17. Jahrhundert sein berühmt gewordenes Trägheitsgesetz aufstellte - gleichzeitig war aber Benedetti auch ein bedeutender Aristoteleskritiker vor Galilei). Ferner zu erwähnen ist gegen das Ende der Scholastik - v.a. im Hinblick auf die Reformation - die bedeutende deutsche Mystik (Eckhart, Seuse, Tauler, Kues - früher auch Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen oder Mechthild von Magdeburg). Natürlich war die Scholastik erst auf dem Weg zur neuzeitlichen Wissenschaft, jedoch wurde hier bereits ein wissenschaftliches Hinterfragen, Vergleichen und Einschätzen - alles immer im Rahmen eines feststehenden, grundsätzlichen und vordergründigen Glaubens, natürlich.

Es wäre also - trotz allen gesicherten und bekannten Schwierigkeiten der Kirche mit innovativen Geistern (siehe: Hus, Bruno, Galilei [und auch trotz der ganzen schlimmen Inquisition]) - sicher falsch, zu behaupten, in der Ära des christlichen Mittelalters, also: vor der Zeit der Renaissance, sei philosophisch und wissenschaftlich alles stillgestanden und nichts geschehen, wie Glaubens-, Religions- und/oder Kirchenkritiker heute manchmal behaupten - sondern: in dieser Zeit wurden bereits die Grundlagen für die neuzeitliche und moderne Wissenschaft und Technik gelegt (inkl. auch der ganzen alchemistischen Bewegung, notabene; und sehr bedeutend war ferner im späteren Mittelalter auch bereits etwa die ganze Städte- und Wirtschaftsentwicklung in Europa). Zu erwähnen ist natürlich auch der Einfluss von den anderen Weltgegenden, insbesondere von China, von Indien und vom Islam. So übernahm etwa der italienische Mathematiker Leonardo Fibonacci (um 1170 - nach 1240) das indisch-arabische Zahlensystem (aus den Schriften von Al-Chwarismi, im 9. Jahrhundert [!]). Jordanus Nemorarius lieferte wichtige Beiträge zur Arithmetik, Geometrie und Astronomie, während Luca Pacioli im 15./16. Jahrhundert die für die spätere Betriebswirtschaft so bedeutend gewordene Doppelte Buchhaltung einführte. Besonders die leichtere Rechenweise mit den arabischen Ziffern sollte zu einer ganz neuen Art von Wissenschaft führen, und jene Verbindung von Wissenschaft und Mathematik begründen, die wir heute kennen. (Diese Veränderung ist wirklich nicht zu unterschätzen: man stelle sich vor, wir müssten die ganzen komplizierten heutigen Berechnungen noch mit den altrömischen Buchstabenzahlen ausführen!?). In manchen weiteren Dingen war die muslimische Wissenschaft im Mittelalter weiter entwickelt als die christliche - dies zeigte sich u.a. auch im Weltbild, welches im muslimischen Raum bereits differenzierter war, während das christliche noch immer auf antiken Vorstellungen bestand (siehe: Ebstorfer-Weltkarte, welche von Gervasius von Tilbury [um 1150-1235] stammen soll - man muss dazu sagen, dass das Wissen, etwa aufgrund von alter Handeslrouten, eigentlich bereits grösser hätte sein müssen, als es in solchen Karten der Gelehrten zum Ausdruck kam [allerdings konnten diese die Dinge damals auch noch relativ schlecht überprüfen, was vermutlich auch zu einem eher konservativeren Umgang mit dem Wissen führte (in Hinsicht auch auf eine wildwüchsige Alchemie und Esoterik im Hintergrund, notabene)]). Mit mehr Verständnis sind die Dinge leichter zu erschliessen: es gab im Verhältnis von Religion, Christentum und Kirche zur neuzeitlichen Wissenschaft sowohl eine gewisse Hemmung wie auch ein bedeutender Fortschritt. (Vielleicht wird es später einmal nicht mehr nötig sein, dies so zu sagen, aber in der heutigen ist es nötig, damit die Geschichte nicht gerade ganz verzerrt wird.)

Der Übergang vom Mittelalter zur Renaissance, in die Neuzeit und ihre spätere Moderne, ist aus heutiger Sicht sicher die bedeutendste und spektakulärste Zeitenwende überhaupt. Dabei war diese Zeit der Renaissance - zwischen dem Spätmittelalter und der Frühneuzeit, etwa im 15. und 16. Jahrhundert - sehr kurz und auch eher schwierig zu fassen. Wir verbinden einige Namen damit, wie etwa Lorenzo de' Medici oder Ludovico Sforza, politische Förderer der schönen Künste, Leonardo da Vinci, welcher als Universalgenie jener Zeit gilt, oder Michelangelo Buonarroti. speziell in der bildenden Kunst (Malerei, Bildhauerei, Architektur). Auffallend: das eindeutige Zentrum dieser Bewegung lag in Italien. Die Wiederentdeckung der antiken Kunst spielte dabei eine sehr wichtige Rolle (zu verweisen ist allerdings besonders auch auf die hohe Bedeutung der flämischen und niederländischen Malerei zu jener Zeit, welche auch vollkommen neue Perspektiven einbrachte, mit Vertretern wie Campin/Van Eyck (Naturalismus), Bosch ([Früh-] Surrealismus) oder Aertsen (Hyper-Naturalismus)]). Die Philosophie hatte eigentlich einen etwas weniger bekannten Anteil an der Entwicklung dieser Zeit (diese war so reich an grossen Taten und umwälzenden Veränderungen, dass die Philosophie in ihr vergleichsweise fast ein bisschen untergegangen ist - symbolisch vielleicht auch dafür bereits, dass sie bald von der Wissenschaft überflügelt werden sollte). Zur selben Zeit - wie gesagt - spielte sich nach einigen Wirren in der katholischen Kirche (Avignonesisches Papsttum, Abendländisches Schisma, Ablasshandel) in Deutschland die lutherische Reformation ab, während in Spanien und Portugal die grossen Seefahrer und Entdecker loszogen, um die Welt zu entdecken und teils auch zu erobern, v.a. aber, um neue Handelsrouten zu erschliessen (Dias, Da Gama, Kolumbus, Vespucci, Magellan, Cortez, Pizarro - später: der Brite Cook [und immer mitzuerwähnen: Bartolomé de Las Casas, welcher der schärfste Kritiker der Entdecker und Eroberer war, bezüglich deren Umgang mit den ansässigen Bevölkerungen]). Nicht nur auf dem Meer tat sich Weltbewegendes, sondern auch am Himmel: Kopernikus brachte das heliozentrische Weltbild vor, Galilei bestätigte dieses und revolutionierte im 17. Jahrhundert die Physik. Keckermann versuchte die neuen Tendenzen mit den alten Traditionen zu verbinden: in seiner Analytischen Methode forderte er die enzyklopädische Ordnung des verfügbaren Wissens und der verschiedenen Ansätze, in der Symbiose von Philosophie und Theologie (dies galt zu dieser Zeit als eigentliche Wissenschaft; ebenso begründete er damit - im Anfang der Erhebung von wissenschaftlichen Einzeldisziplinen - das philosophische Konzept des [Gesamt-] Systems). In der Wirtschaft trafen - auch nicht ganz unwesentlich für die nachfolgenden Zeiten - das mittelalterliche Zunftwesen und das neuzeitlich-moderne Bankenwesen aufeinander.

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Die Philosophie der Renaissance. 'Renaissance' (italienisch eigentlich: 'Rinascita') ist heute so etwas wie ein Zauberwort für den Übergang von einem als dunkel vorgestellten Mittelalter zu einer lichtgestaltigen Neuzeit und Moderne. Die Philosophie der Renaissance wird oft in Verbindung mit einem neuen Humanismus betrachtet, und als erster Philosoph desselben gilt Francesco Petrarca (1304-1374) im 14. Jahrhundert (er gehörte auch zusammen mit Alighieri und Boccaccio zu den bedeutendsten Figuren der italienischen Literatur des späten Mittelalters). Entgegen der komplexen mittelalterlichen Scholastik forderte Petrarca die Lektüre der antiken Originaltexte - das ist die Renaissance, der Rückbezug auf die Antike. Seine poetisch beschriebene Besteigung des Mont Ventoux wurde zum philosophischen Ereignis: zugleich ein Natur- und Selbsterlebnis - er war überwältigt quasi vom Ich auf dem Berg (und dies verweist bereits auf Descartes und dessen Subjektverständnis in der neuzeitlichen Wissenschaft: ein Ich, welches quasi die Berge der Seele erklommen hatte und nun bereit schien für den wissenschaftlichen Blick). Bedeutend sind in der Renaissance die grossen Universalgelehrten (Alberti, Da Vinci, Cardano). Im Zentrum der Renaissance-Philosophie sehe ich indes v.a. Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494). In seiner Schrift "Über die Würde des Menschen" setzte er den Menschen in die Mitte der Welt: dort habe Gott ihn (Adam) hingestellt und ihm einen freien Willen gegeben. Der Mensch könne ins Tierische entarten oder zum Göttlichen aufsteigen. Mirandola verzichtete also - wie übrigens auch die frühen neuzeitlichen Wissenschaftler - keineswegs auf die Gottesvorstellung, sondern ganz im Gegenteil: er sah die Renaissance als ein Gottesprojekt (und als eine Art Rückführung zur wahren Bestimmung des Menschen). Thomas Morus schrieb die 'Utopia' für diesen neuen, freien Menschen: eine politisch-soziale Wunschvorstellung eines Idealstaates, welcher mit der gänzlichen Abschaffung des Privateigentums (früh-) kommunistische Züge trägt - damit begründete er das Genre der Sozialutopie (vgl. Campanella, Andreae, Bacon, Harrington, Holberg, Mercier, Morris, Bellamy, Wells, Jefremow, u.a. - früher: Platon, Augustinus); heute ist das Gegengenre aktuell: die Dystopie (in der Science-Fiction-Literatur und -Kunst). Ein anderes bedeutendes literarisches Stilmittel dieser Zeit war die Satire (gegen die Herrschaft der Mächtigen in Staat und Kirche). Der niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam schrieb seinem Freund Morus das 'Lob der Torheit' - mächtige Fürsten werden dabei ebenso aufs Korn genommen wie fromme Christen und eifrige Kaufleute. Mit Würde und Heiterkeit wollte also der Mensch in die neue Zeit aufbrechen. Es ist - aus heutiger Sicht - eigentlich gar nichts wirklich Grosses, was uns die Philosophie der Renaissance sagt, sondern eigentlich nur ein (lustvoll empfundener) Aufbruch ins Ungewisse. Man hatte wohl auch kaum Zeit - wie das ja meistens ist in der Weltgeschichte - sich genau zu überlegen, wohin denn die Reise eigentlich gehen sollte, sondern man war einfach bloss überwältigt von den Veränderungen, die sich in dieser Renaissance abspielten, die natürlich aber viel mehr war als nur dies. Es ging ja nicht nur um eine Wiedererinnerung, sondern eben um eine vollkommen neue Zeit, wie sich bald auch sicher herausstellen sollte. Nur einer blieb in diesem ganzen Aufbruch ganz im Nüchternen: Niccolò Machiavelli, der ein Buch über die Regierungskunst für Fürsten schrieb, welches bis heute als bedeutendes staatspolitisches Werk des Republikanismus gefeiert wird. Er bewegte sich in dieser Schrift aber auf einem schmalen Grat zwischen der Legitimierung einer absolutistischen Herrschaft und einer republikanischen Fürstenkritik (doch es sollte bald einer kommen, der dies noch sehr viel besser und bedeutender machte... Thomas Hobbes).

Man sollte bei einer Kritik von Machiavelli eines nicht vergessen: die damalige Zeit war gerade in Italien geprägt von vielen kleinen Fürstentümern, welche sich in einer auch politisch wirren Zeit ständig bedroht fühlen mussten (und dies bedeutete immer, dass sich auch die Bevölkerung bedroht fühlen musste - im Jahr der Veröffentlichung seines Buches fand die Schlacht von Novara statt, zwei Jahre danach Schlachten bei Marignano und La Motta, neun Jahre danach die Schlacht bei Bicocca und zwölf Jahre danach jene bei Pavia: es war ein Europa, in welchem ständig irgendwo Krieg herrschte, allgemein ist sogar von den Renaissance-Kriegen in Italien die Rede, zwischen 1494-1559). Wir sprechen also von einem geistigen Aufbruch mitten in politischen und kriegerischen Wirren (und ansonsten natürlich von einer - im Vergleich zur heutigen Zeit - noch sehr einfachen und bescheidenen Lebenswelt).

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NEUZEIT (Wissenschaft, 17./18. Jh.) * * * Indisch-arabisches Zahlensystem in Europa * * * Die neue Bedeutung der Mathematik * * * Das heliozentrische Weltbild * * * Kepler und die Planetenbewegungen * * * Galilei - Bewegung und Trägheit * * * Empirismus vs. Rationalismus * * * Wissenschaftsphilosophen (F. Bacon, Descartes, Laplace) * * * Von der Alchemie zur Chemie * * * Newton und das mechanische Universum der Physik.


Die neuzeitliche Wissenschaft.

Philosophie und Wissenschaft. Zu diesem Thema könnten in der Neuzeit zwei grundsätzlich verschiedene Behauptungen aufgestellt werden: 1. Die Wissenschaft hat die Philosophie überflügelt (bereits geäussert), 2. Die Wissenschaft ist aus der Philosophie hervorgegangen. Das Letztere tönt für die Philosophie sehr schmeichelhaft, das Erstere etwas weniger. Was aber ist richtig? Einerseits kann man sagen, dass die wissenschaftlichen Teilgebiete als solche aus der Philosophie hervorgegangen sind, andererseits kann man sagen, dass die reine Wissenschaft - in ihren Uranfängen - aber doch sicher vor der reinen Philosophie war (wir können dies ja sogar an der frühkindlichen Entwicklung sehen: der Mensch beginnt, die Dinge zu greifen und zu begreifen, bevor er über sie nachzudenken beginnt), und wiederum kann man anführen, dass es aber doch eigentlich keine Wissenschaft geben könne, ohne das vernünftige Nachdenken (usw. usf., etc. etc.). Oder anders gesagt: die Praxis der Wissenschaft hat sich teils unabhängig von der Philosophie entwickelt, die Wissenschaftstheorie aber stand immer im Zusammenhang mit der Philosophie (einen kleinen Vergleich bringt die Liste der wissenschaftlichen Meilensteine unten). Worin bestand diese philosophische Wissenschaftstheorie (in der Neuzeit)? Im Übergang zwischen der Renaissance und der Neuzeit und in der frühen Neuzeit traten erste neuzeitliche Wissenschaftler auf: drei grosse Figuren sind Kopernikus, Kepler und Galilei, welche von der Astronomie her zu den Bewegungsgesetzen vorstiessen - weitere: Harvey (mit der Entdeckung des grossen Herzkreislaufs in der Anatomie) sowie dann natürlich v.a. auch Boyle und Newton (die beiden grossen Figuren der Chemie und der Physik: Boyle vollzog den Wechsel quasi von der Alchemie zur Chemie, Newton begründete die Mechanik der Physik). Wir befinden uns also jetzt in einer Welt, in welcher mehr oder weniger alles erklärbar ist oder scheint, und in welcher mehr oder weniger nichts mehr unerklärbar ist oder scheint (und dies in einem fiktiven Raum von einer wissenschaftlichen Ewigkeit - die Naturgesetze, welche die Wissenschaft ergründet sind ewig [das ist eine oder die ganz neue Dimension der neuzeitlichen und modernen Wissenschaft: in der ganzen Antike wurde um die Wahrheit gestritten, im Mittelalter hat die Religion diese gepachtet, aber es blieben dabei viele Fragen offen, und nun machte sich die Wissenschaft daran, diese Pacht zu übernehmen: von Mirandola über Bacon bis Newton ist auch diese neue Zeit und Wissenschaft ein quasi göttliches Projekt - so etwas wie die menschliche Einsicht in das Werk Gottes, freilich ohne die Pathetik von alter, klassischer und traditioneller Religion]).

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Die Wissenschaftsphilosophen - Empirismus vs. Rationalismus. Zwischen den ersten grossen Vertretern der neuzeitlichen Wissenschaft traten auch die philosophischen Wissenschaftstheoretiker auf, insbesondere Francis Bacon (1561-1626) und René Descartes (1596-1650). Wie bedeutend sie für den Fortgang des wissenschaftlichen Zeitalters gewesen sind, zeigt alleine die Tatsache, dass sie heute auch für die Fehler, Unzulänglichkeiten und Gefahren der (gesamten) Wissenschaft kritisiert werden. Sie stehen eben als Wissenschaftstheoretiker für die gesamte Wissenschaft, während die einzelnen Wissenschaftler nur für ihr spezifisches Werk und Fachgebiet stehen. Bacon, der Empirist, verfasste - analog zu Morus - eine Utopie für das wissenschaftlich-technische Zeitalter ('New-Atlantis', inkl. der Forderung nach experimenteller Methodik); in einer brutalen Sprache - er war eigentlich Jurist und führte auch Hexenprozesse - forderte er wörtlich fast die Unterwerfung und Ausbeutung der Natur. Descartes, der Rationalist, formulierte die Subjekt/Objekt-Scheidung, welche der Wissenschaft zugrunde liegt - das Subjekt erforscht das Objekt - und er pries die Mathematik zur Beweisführung von naturwissenschaftlichen Gesetzen. Zusammen begründeten die gegensätzlichen Philosophien des Empirismus und des Rationalismus die neuzeitliche Wissenschaftstheorie. Der Empirismus (F. Bacon, Locke, Berkeley, Hume) behauptete, dass die Wahrheit a posteriori zu finden ist, d.h. der Sinneserfahrung nachfolgend. Nichts ist für den Empirismus im Geist vorgegeben, sondern alles muss sich erst in der Erfahrung als richtig erweisen. Das Experiment ist für die Wissenschaft das beste Instrument, um die Wahrheit zu prüfen. Der Rationalismus (Descartes, Spinoza, Leibniz, Wolff) dagegen war überzeugt, dass die Wahrheit a priori gefunden wird, d.h. der Sinneserfahrung vorausgehend. Für den Rationalismus gibt es ewige Sätze der Wahrheit (bzw. ewige Naturgesetze), welche keiner Prüfung bedürfen, weil sie schon immer bestanden haben. Man muss sie nur im Geist finden und formulieren. Dazu höchst dienlich ist die Mathematik (denn sie bildet ja genau ein solches System von ewiger und abstrakter Wahrheit). Der erkenntnistheoretische Streit wurde schliesslich beiseite gelegt, während das Experiment und die Mathematik den Erfolg der neuzeitlichen und modernen Wissenschaft bewirkt haben. Pierre-Simon de Laplace war der glühendste Vertreter des deterministischen Prinzips, wonach nur die Wissenschaft die gesamte Wahrheit ergründen kann (und auch wird). Die theoretischen Grundlagen und die praktischen Erfolge der Wissenschaft bestimmten rasch das Paradigma des neuen Zeitalters, welche die Renaissance eingeleitet hatte. Von nun an schien nur noch eines gefragt zu sein: wissenschaftlicher und technischer Fortschritt über alles. Und... die Philosophie musste sich quasi neu erfinden, in einem Prozess, in welchem sich nicht nur die Wissenschaft über sie zu stellen versuchte, sondern sich auch eine um die andere wissenschaftliche Diszplin von ihr ablöste: als Dienerin der Wissenschaft - wie sie im Mittelalter die Dienerin der Religion gewesen war - (d.h. nicht mehr Weisheit war ihr Schlüsselbegriff, sondern Wissen [frei nach Bacon: "Wissen ist Macht"] - sehr bedeutend in diesem Zusammenhang sind die späteren, teils ebenfalls aus der Philosophie herauskommenden Enzyklopädisten, welche das [wissenschaftliche] Wissen der Zeit in Sammelbüchern herausbrachten). Auch und gerade für die Philosophie war die Wissenschaft eine grosse Verheissung: denn nun gab es nicht mehr nur Behauptung und Gegenbehauptung wie in der Scholastik, sondern man hatte die Instrumente dazu gefunden, wissenschaftliche Aussagen zu machen und diese - vorab durch das objektiv nachvollziehbare Experiment und mit der allgemeingültigen Mathematik - zu beweisen. (Dass die Sprache auch in der Wissenschaft ein bedeutendes Instrument blieb, mit all ihren Vor- und Nachteilen, ging in der Euphorie des Moments fast ein bisschen vergessen.)

John Locke, auch ein führender Vertreter im Liberalismus, gilt als der bekannteste der Empiristen, George Berkeley als der speziellste - er vertrat einen radikalen Idealismus, in dem es eigentlich überhaupt gar keine Dinge gibt (diese erschienen uns nur als daseiend, meinte er, weil sie von Gott und vom Menschen angeschaut würden [d.h. eigentlich vom Menschen, aber wenn dieser nicht da ist, dann schaut immer noch Gott die Welt an, welche deswegen also immer da ist, auch wenn der Mensch sie nicht anschaut: die Philosophie ist auch offen für reichlich spezielle Argumente]) - sowie David Hume vermutlich als der klarste. René Descartes kommt unter den Rationalisten eine überragende Bedeutung zu: mit seinem berühmten 'Cogito ergo sum' (dt. "Ich denke, also bin ich") erklärte er nicht nur die Machtstellung des Wissenschaftlers gegenüber der Natur, sondern auch das - seit der Renaissance - erwachende Ich des Menschen überhaupt (und er wird heute, im höchst kritischen Zeitalter, auch dafür kritisiert, notaben [weil seine Ich-Behauptung manchen auch zu weit geht]). Gottfried Wilhelm Leibniz gilt den Einen als origineller Denker - so hat er u.a. das binäre Zahlensystem populär gemacht (auf welchem heute die Computertechnologie basiert) - den Anderen aber als Vertreter des Alten Europas (als solcher wurde er in der Aufklärung von Voltaire kritisiert). Christian Wolff wurde zum bedeutendsten Vertreter der Ontologie (Seinslehre), welche sich aus der deutschen Philosphie heraus entwickelte (eigentlich handelte es sich hierbei um eine Weiterentwicklung der antiken und scholastischen Seinsauffassung in der deutschen Philosophie [später auch über diese hinaus]).

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Die grossen Erfolge der Wissenschaft: Galilei, Boyle, Newton. Als erste der neuen Wissenschaftler gelten nach den Scholastikern v.a. die Astronomen (wie Kopernikus, Kepler oder Brahe, aber auch Bruno und Galilei [der Himmel, der im Mittelalter eine so bedeutende religiöse Rolle spielte, stand auch im Zentrum der frühen Wissenschaft]). Galileo Galilei gilt im 16./17. Jahrhundert aufgrund seiner Untersuchung der Fallgesetze auf der schiefen Ebene mit anschliessender horizontaler Bahn - mit welcher er die die Himmelsmechanik quasi auf die physikalischen Gegebenheiten an der Erdoberfläche einsetzte - sowie seiner Verteidigung des heliozentrischen Weltbilds von Kopernikus als erster grosser Naturwissenschaftler der Neuzeit. Als jener Wissenschaftler, welche die alte Alchemie mit neuen Einsichten in den Rang einer Wissenschaft der Chemie erhob, gilt Robert Boyle, welcher zu den zwölf Gründungsmitgliedern der Royal Society gehörte. Er forschte insbesondere auf dem Gebiet der Gaseigenschaften, bestätigte das Fallgesetz von Galilei, war ein Mitbegründer der Analytischen Chemie und gab den neuen Elementbegriff in den Naturwissenschaften vor (welcher schliesslich zum Periodensystem der Elemente führen sollte). Daneben arbeitete er aber auch mit einem Alchemisten names George Starkey (evtl. identisch mit dem nicht identifizierten alchemistischen Autor Irenäus Philalethes) zusammen. Noch also hatte sich die neue Wissenschaft nicht ganz von der alten Tradition gelöst (oder auch schon nur klar abgegrenzt). Isaac Newton (1642-1726) war der Mann, auf welchen wir unser ganzes heutiges physikalisches Grundverständnis abstützen - durch seine drei Grundgesetze der klassischen Mechanik. Er begründete diese, notabene, unter dem Namen der Philosophie - sein Hauptwerk heisst nämlich: "Philosophiae Naturalis Principia Mathematica" (1687), und noch später benannte Dalton sein Werk über die moderne Atomtheorie: "A New System of Chemical Philosophy" (1808). Nicht nur grundlegende Werke der Naturwissenschaft in Physik und Chemie also, sondern auch bedeutende Werke der Philosophie! Diese bedeutenden Naturforscher der Neuzeit sahen auf dem Grund ihrer Forschung noch einen philosophischen Anspruch, was sicher erwähnenswert ist, wenn man das heutige Verhältnis zwischen der Philosophie und der (Natur-) Wissenschaft betrachtet. Allerdings wollte etwa Newton damit der Philosophie wohl mehr Mathematik aufzwingen, als sich diese selber damit herumschlagen möchte. Der Titel zeigt, dass sich die Wissenschaft der Physik vor und mit Newton immer noch primär als Naturphilosophie verstand. Newton - offenbar eine viel schwierigere Persönlichkeit, als man im Allgemeinen annimmt (oder weiss) - wurde aber nicht nur der erste der Wissenschaftler, sondern auch der letzte der Magier genannt. Er beschäftigte sich auch mit Alchemie und mit biblischer Prophezeiung (als sogenannter Unitarier galt er im Christentum als Häretiker; er stellte seinen speziellen Glauben nicht besonders heraus und war trotzdem ein Mitglied der Royal Society [wo er allerdings aufgrund seiner Theorien zum Licht und den Farben in Streit geriet mit Robert Hooke, einem anderen sehr bedeutenden britischen Naturwissenschaftler jener Zeit] - im Geheimen aber machte er, wenn diese Dokumente denn wirklich echt sind, wie wir vermuten müssen, dunkle Prophezeiungen für die Zukunft [so dunkel, dass wir froh sein können, dass Einstein die Bedeutung Newtons ein bisschen relativierte]). Galilei, Boyle und Newton sind die drei grossen Namen der experimentellen neuzeitlichen und modernen Wissenschaft - einen ähnlich hohen Rang wie diese haben später eigentlich nur noch Darwin im 19. und Einstein im 20. Jahrhundert einnehmen können.

Weitere erwähnenswerte Figuren in den ersten Stunden der neuzeitlichen Wissenschaft waren etwa William Harvey, Zeitgenosse Galileis und Entdecker des Blutkreislaufs (auf Vorarbeiten der alten chinesischen Wissenschaft) sowie, etwas früher, William Gilbert, welcher mit seinen Forschungen auf dem Gebiet des Magnetismus und der Elektrizität - deren Begriff er einführte - ebenfalls als Wegbereiter der modernen naturwissenschaftlichen Forschung gilt. Seit Petrus Peregrinus im 13. Jahrhundert stand der Magnetismus im Zentrum des Interesses der Naturwissenschaft - der Wechsel des Interesses vom Magnetismus zur Elektrizität kann als paradigmatisch für das neue wissenschaftliche Zeitalter bezeichnet werden (von der Erfindung der Batterie [Galvani/Volta 1780/1800] über jene der Glühlampe [Thénard/Lindsay/Swan/Edison 1801/1835/1878/1880 - von 1881 bis 1900 stattete Edison New York mit elektrischem Licht aus und baute seinen General-Electric-Konzern auf] bis in die heutige Zeit hinein [so kann man die Entwicklung anhand eines Teilbereichs der Wissenschaft aufzeigen, was auch mit anderen Teilbereichen möglich wäre wie Energie [allgemein], Verkehr, Kommunikation, Materialien, Weltbild [physikalisch/materialistisch], usw. usf., etc. etc.]).

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Die folgende Liste führt die wissenschaftlichen Meilensteine an: Philosophien, Theorien, Gesetze, Entdeckungen, Erfindungen (enthalten ist darin nur das, was entsprechenden Personen zugeordnet werden kann - alles ohne Gewähr [und natürlich unvollständig: eigentlich nur ein kleines Fragment, mit 100 solchen Meilensteinen - nicht enthalten]).


Exkurs - Meilensteine der Naturwissenschaft: 5. Jh. v. Chr. Antikes Atommodell (Leukipp), 5. / 4. Jh. v. Chr. Medizin als Wissenschaft (Hippokrates), 4. Jh. v. Chr. Physik, Biologie, Psychologie (ferner auch Logik und Ethik) als Wissenschaft (Aristoteles), 3. Jh. v Chr. (Euklidische) Geometrie (Euklid), 3. Jh. v. Chr. Auftriebsgesetz (Archimedes), 2. Jh. Cai Lun (Papier – vermutlich früher), 2. / 3. Jh. Pharmakologie bzw. Galenik (Galenos), 3. Jh. Berechnung der Zahl Pi (Liu Hui), 8. Jh. Alchemie (Geber), 825 Algebra (Al-Chwarismi), 11. Jh. Kompass (Shen Kuo), 1202 Einführung des indisch-arabischen Zahlensystems in Europa (Fibonacci), 1266 / 1267 Empirismus in der Wissenschaftstheorie I (R. Bacon), 1269 Magnetismus (Peregrinus), 13. Jh. Blutkreislauf I (Nafis), 1323 Rationalitätsprinzip (Ockham), 1450 Buchdruck (Gutenberg), 1543 Heliozentrisches Weltbild (Kopernikus), 1564 / 1654 Wahrscheinlichkeitsrechnung (Cardano / Fermat u. Pascal), 1585 Völkerrecht (Gentili), 1590 / 1608 / 1610 / 1619 / 1674 Mikroskop (Martens u. Janssen / Lippershey / Galilei / Drebbel / Leeuwenhoek [oder: unbekannt]), 16. Jh. Taschenuhr (Henlein – vermutlich früher), 1601 Elektrizität (Gilbert), 1608 Fernrohr (Lipperhey), 1618 Planetenbewegungen (Kepler), 1620 Empirismus in der Wissenschaftstheorie II (F. Bacon), 1621 Brechungsgesetz in der Optik (Snell), 1623 Rechenmaschine (Schickard), 1628 Blutkreislauf II (Harvey), 1637 Subjekt/Objekt-Scheidung in der Wissenschaftstheorie (Descartes), 1638 Trägheitsprinzip (Galilei), 1661 Analytische Chemie (Boyle), 1687 Gravitationsgesetz und Bewegungsgesetze der Mechanik (Newton), 1695 / 1698 Dampfpumpe (Papin / Savery), 1712 / 1769 Dampfmaschine (Newcomen / Watts), 1753 Nomenklatura in der Biologie (Linné), 1764 / 1769 Spinnmaschine (Hargreaves / Arkwright), 1766 Entdeckung des Wasserstoffs (Cavendish), 1769 Dampfwagen (Cugnot), 1770-er Künstliche Menschen / Roboter (Jaquet-Droz), 1771 Entdeckung des Sauerstoffs (Scheele / Priestley), 1780 / 1800 Elektrochemie u. Batterie (Galvani / Volta), 1783 Dampfschiff (Jouffroy d'Abbans), 1785 / 1805 Mechanischer Webstuhl und Webmaschine (Cartwright / Jacquard), 1785 Elektrostatik (Coulomb), 1789 Gesetz der Massenerhaltung bei chemischen Reaktionen (Lavoisier), 1791 / 1794 / 1798 Verbrennungsmotor (Barber / Mead / Street / Stevens), 1797 Lithografie (Senefelder), 1804 Dampflokomotive (Trevithick), 1808 / 1903 / 1911 / 1916 / 1928 Modernes Atommodell (Dalton / Thomson / Rutherford / Bohr-Heisenberg / Schrödinger), 1809 / 1859 Evolutionstheorie (Lamarck / Darwin), 1814 Determinismus (Laplace), 1817 / 1861 Fahrrad (Drais / Michaux), 1826 / 1834 / 1837 Fotografie (Niépce, Talbot, Daguerre, Bayard), 1831 / 1861-1864 / 1888 Elektromagnetismus-Induktion / Elektrodynamik / Elektromagnetische Wellen (Faraday / Maxwell / Hertz), 1835 / 1860 / 1880 Glühlampe (Bowman Lindsay / Swan / Edison), 1839 Vulkanisation / Kunststoffe (Goodyear), 1839 / 1883 Photovoltaik (Becquerel / Fritts), 1840-er Desinfektion / Hygienevorschriften in der Medizin (Semmelweis), 1842 / 1847 Energie-Erhaltungssatz (Mayer / Helmholtz), 1851 Schreibtelegraf (Morse), 1856 Zelluloid (Parkes), 1860-er Semiotik als Wissenschaft (Peirce), 1860 / 1876 Telefon (Meucci / Bell), 1866 Dynamit (Nobel), 1866 Vererbungsgesetze (Mendel), 1869 Periodensystem der Elemente (Mendelejew / Meyer), 1877 / 1895 Radio (Edison / Marconi), 1882 Bakteriologie (Koch), 1883 Dampfturbine (Laval), 1884 / 1923 / 1928 Fernsehen (Nipkow / Zworykin / Baird), 1886 Automobil (Benz), 1887 Grammophon (Berliner), 1887 Wechselstrom (Tesla), 1895 Kinematograph (Lumière), 1895 Röntgenstrahlung (Röntgen), 1896 Radioaktivität (Becquerel), 1900 Strahlungsgesetz / Quantentheorie (Planck), 1901 / 1903 Motorflugzeug (Weisskopf / Wright), 1903 / 1923 Raumfahrt (Ziolkowski / Oberth), 1905 Relativitätstheorie und (physikalische) Weltformel (Einstein), 1911 Supraleitung (Kamerlingh Onnes), 1913 Fliessbandproduktion (Ford), 1916 / 1939 Chemische Bindung (Lewis / Pauling), 1917 / 1960 Laser (Einstein / Maiman), 1924 / 1953 Ursprung des Lebens (Oparin / Miller u. Urey), 1925 / 1947 Transistor (Lilienfeld / Shockley u. Bratttain), 1927 Teilchen- und Wellenstruktur des Lichts (Bohr), 1931 Urknalltheorie (Lemaître), 1938 Kernspaltung (Hahn u. Strassmann), 1941 Computer (Zuse), 1945 Atombombe (Oppenheimer), 1953 Doppelhelixstruktur der DNA (Watson u. Crick), 1959 / 1974 / 1986 Nanotechnologie (Feynman / Taniguchi / Drexler), 1961 / 1967 / 1970-1973 Standardmodell der physikalischen Grundkräfte (Glashow / Weinberg u. Salam / Unbekannt), 1967 Herztransplantation (Barnard), 1969 / 1970 Mikroprozessor (Hoff / Faggin), 1981 Stereolithographie / 3D-Druck (Hull), 1991 World Wide Web (Berners-Lee).




* Natürlich kann man an dieser Stelle eine bedeutende Frage aufwerfen: Müsste die heutige Philosophie nicht durchdrungen sein von der Relativitäts- und der Quantentheorie? Antwort: Ebenso wenig wie die Philosophie durch die Gravitation von Newton zu Boden geplumpst ist, wird sie sich mit der Relativität von Einstein in Wellen auflösen (obwohl man doch das Gefühl hat, die moderne Physik habe in der Philosophie des 20. Jahrhunderts auch für einige Verwirrung gesorgt und einigen Schaden angerichtet [was uns andererseits auch dazu auffordert, die Philosophie heute neu zu bewerten]). Die aktuelle Wissenschaft hat immer einen gewissen Einfluss auf die Philosophie, dieser führt aber andererseits nicht dazu, dass aus der Philosophie etwas anderes werden würde, als sie tatsächlich ist, nämlich eben: Philosophie. Auch die heutigen Erkenntnisse der Neurobiologie und der Hirnforschung werden - aus demselben Grund - die Philosophie nicht in ihren Grundfesten erschüttern können (wie manche schon wieder meinen). Was aber sind denn die Grundfesten der Philosophie? Ich würde fünf Punkte dazu angeben: 1. In der Philosophie haben wir es mit Ideen zu tun (Platon). 2. Jede (philosophische) Aussage ist widerlegbar, denn es gibt zu jedem Standpunkt einen Gegenstandpunkt (Skeptizismus). 3. Nur in der Ersten Philosophie gibt es einen festen Grund und Boden (bzw. Urgrund): das (Da-) Sein (Metaphysik/Ontologie - ob dies eine Wahrheit und/oder eine Festlegung ist, spielt hier keine Rolle [und für jede spezielle Philosophie kann ein anderer Urgrund angenommen werden]). 4. Der Mensch sehnt sich nach dem Guten, weswegen er eine Ethik des Guten benötigt (Platon/Aristoteles [das Gute ist somit quasi der Urgrund der Ethik]). 5. Die Philosophie muss unterschieden werden in theoretische und praktische Philosophie (Aristoteles [eine Vereinigung der Richtungen erscheint - ebenso wie ein philosophisches System - möglich, ist aber nicht zwingend]). Obwohl die Philosophie die meisten Erkenntnisse der Wissenschaft unterstützt - vielleicht nicht ganz alle - geht sie doch teils auch von anderen Voraussetzungen und Verhältnissen aus. So hat sie z.B. einen Urgrund, welcher (natur-) wissenschaftlich nicht erreichbar scheint, und sie geht eben davon aus, dass jede Aussage widerlegbar ist. Das heisst, sie sucht nicht nach einer ewigen Wahrheit, sondern nach einer besten Wahrheit. Vielleicht müsste man sagen: nach der besten Wahrscheinlichkeit. Es gibt ja diese imaginäre Wahrscheinlichkeitsskala, in welcher die absolute Wahrheit 100% ausmachen würde (wenn der Mensch definitiv alles in dieser Welt wüsste). Während die Wissenschaft diese 100% zumindest idealiter a posteriori immer anstrebt, weiss oder denkt die Philosophie a priori, dass sie diese 100% nie erreichen kann (z.B. weil es zuviel ist für den Menschen, oder weil sich die Zeit dauernd verändert). Dies gibt ihr andererseits die Freiheit, auch mit Mitteln zu arbeiten, mit denen die Wissenschaft nicht arbeiten würde. Sie muss ihre Sätze nicht (wissenschaftlich) beweisen, sondern: (philosophisch) rechtfertigen. Daher kann etwa Aristoteles sagen, Gott sei der Erstbeweger in der Welt, und wir können es ihm bis heute nicht abstreitig machen - die Wissenschaft würde solches nie sagen, weil es nicht beweisbar ist. Damit soll nicht gesagt sein, die Wissenschaft würde nur Dinge behaupten, die beweisbar seien - denn es gibt in der heutigen Wissenschaft auch immer mehr Spekulationen, besonders in Mikro- und Makrobereichen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis [sowie auch in den Geisteswissenschaften] - aber: eigentlich müsste sie dies nach ihrem eigenen Selbstverständnis tun. P.S. Ich möchte hier nicht nur wissenschaftliche Dinge bringen und damit ein bisschen wissenschaftlich(er) erscheinen, sondern ich möchte auch die Unterschiede zwischen der Wissenschaft und der Philosophie klar herausstellen. Natürlich ist für mich die Philosophie übrigens nachwievor auch eine Wissenschaft (mit ihren eigenen Kriterien allerdings eben).


Entwicklung der (einzelnen) Wissenschaften (rudimentär - je in 15 Punkten). Mathematik u. Informatik: 1. Euklid / Geometrie, 2. Liu Hui / Pi, 3. Aryabhata / Null (früheste bekannte Verwendung), 4. Al-Chwarismi / Algebra - Fibonacci überträgt arabisch-indisches Zahlensystem in den Westen (dort vorher Römisches Zahlensystem) - 5. Napier u. Bürgi / Logarithmen, 6. Schickard / Rechenmaschine, 7. Descartes / Analytische Geometrie, 8. Pascal u. Fermat / Wahrscheinlichkeitsrechnung, 9. Leibniz u. Bernoulli (Johann) / Integral- und Differentialrechnung (Leibniz übertrug auch das Binäre Zahlensystem in den Westen), 10. Gauss u. Lobatschewski / Nichteuklidische Geometrie, 11. Cauchy / Funktionentheorie, 12. Cantor / Mengenlehre, 13. Hilbert / Axiomatisierung u. Probleme, 14. Neumann u. Turing / Theoretische Informatik, 15. Zuse / Computer, ferner: Internet und World Wide Web (von Berners-Lee, online 1991). - Physik (Theorie): 1. Empedokles / Elementenlehre, 2. Leukipp u. Demokrit / Atomlehre (modern: Dalton, Thomson, Rutherford, Bohr-Heisenberg/Schrödinger, Seaborg), 3. Aristoteles / Physik (als Wissenschaft), 4. Archimedes / Auftriebsgesetz, 5. Ptolemäus / Geozentrik, 6. Philoponos / Impetustheorie, 7. Peregrinus / Magnetismus, 8. Kopernikus / Heliozentrik, 9. Gilbert / Elektrizität, 8. Galilei / Trägheitsprinzip, 9. Kepler / Planetenbewegungen, 10. Newton / Mechanik, 11. Maxwell / Elektromagnetismus, 12. Becquerel / Radioaktivität, 13. Planck / Quantentheorie, 14. Einstein / Relativitätstheorie, 15. Lemaître / Urknalltheorie, ferner: moderne Elementar- und Astrophysik (Antimaterie, Standardmodell [der Teilchenphysik], Galaxiehaufen, Supernova). - Chemie (spez. Kunststoffproduktion): 1. Unbek. / Alchemie, 2. Boyle / Chemie (als Wissenschaft), 3. Cavendish / Wasserstoff, 4. Lavoisier / Oxidation, 5. Priestley / Sauerstoff, 6. Berzelius / Elektrochemie, 7. Goodyear / Vulkanisation, 8. Liebig / Agrochemie, 9. Mendelejew u. Meyer / Periodensystem der Elemente, 10. Hyatt / Celluloid, 11. Chardonnet / Kunstseide, 12. Le Chatelier / Reaktionsgleichgewicht, 13. Baekeland / Bakelit (Kunststoff), 14. Werner / Komplexchemie, 15. Staudinger / Polymerchemie, ferner: Fermi u. Seaborg / 'Stein der Weisen' (Verwandlung von Material zu Gold, 1935 u. 1980). - Biologie u. Anatomie: 1. Aristoteles / Systematik, 2. Harvey / Blutkreislauf, 3. Hooke / Zellen, 4. Leeuwenhoek / Bakterien, 5. Stahl / Organismus, 6. Linné / Taxonomie, 7. Priestley u. Ingenhousz u. Lavoisier / Photosynthese, 8. Lamarck / Evolutionstheorie I, 9. Schwann u. Schleiden / Zelltheorie, 10. Darwin u. Wallace / Evolutionstheorie II, 11. Mendel / Vererbungslehre (bzw. Genetik), 12. Haeckel / Ökologie, 13. Braun-Blanquet / Pflanzensoziologie, 14. Crick u. Watson / DNA-Struktur, 15. Mullis / Polymerase-Kettenreaktion (Vervielfältigung der DNA, Klonierung). - Medizin u. Chirurgie: 1. Hippokrates / Ärztlicher Eid, Rationale Medizin u. Humeralpathologie (Vier-Säfte-Lehre), 2. Galenos / Temperamentenlehre, 3. Rhazes / Experimente, 4. Paracelsus / Spagyrik (Arzneimittelherstellung und Therapie nach alchemistischen Grundsätzen), 5. Leeuwenhoek / Bakterien (Entdeckung), 6. Jenner / Impfung, 7. Semmelweis / Hygiene, 8. Virchow / Zellularpathologie u. Moderne Pathologie, 9. Pasteur u. Koch / Keimtheorie, 10. Röntgen / Röntgen, 11. Ehrlich / Chemotherapie (Begriff), 12. Hopkins / Vitamine, 13. Stanley / Viren (Nachweis), 14. Bigelow u. Bakken / Herzschrittmacher, 15. Pichlmayr / Transplantationsmedizin. - Psychologie* u. Psychiatrie u. Pädagogik: 1. Aristoteles / Psychologie (Erste Schrift), 2. Comenius / Pädagogik, 3. Rousseau / Erziehung (modern), 4. Cullen / Neurose, 5. Feuchtersleben / Psychose u. Psychosomatik, 6. Pawlow / Reflexpsychologie, 7. Kraepelin / Klassifizierung u. Psychopharmakologie, 8. Freud / Psychoanalyse, Psychotherapie u. Tiefenpsychologie, 9. Bleuler / Schizophrenie, 10. Adler / Individualpsychologie, 11. Jung / Analytische Psychologie, 12. Watson u. Skinner / Verhaltensanalyse u. Behaviorismus, 13. Perls (Fritz und Laura) u. Goodman / Gestalttherapie, 14. Szasz u. Laing / Antipsychiatrie, 15. Bandura / Lernpsychologie u. Soziales Lernen. - Ökonomie u. Realwirtschaft: 1. Unbek. / Sklavenwirtschaft, 2. Xenophon / Hauswirtschaftslehre, 3. Unbek. / Zunftwesen, 4. Unbek. / Bankwesen (modern: Bardi u. Peruzzi u. Acciaiuoli [in Florenz]), 5. Pacioli / Doppelte Buchhaltung, 6. Colbert / Merkantilismus (Dt. Kameralismus), 7. Quesnay / Physiokratismus, 8. Smith u. Ricardo / Klassische Nationalökonomie u. Liberalismus, 9. Bentham u. Mill / Utilitarismus, 10. Saint-Simon u. Owen / Utopischer Sozialismus, 11. Marx / Kommunismus, 12. Gossen u. Marshall / Grenznutzenschule, 13. Keynes / Keynesianismus, 14. Hayek u. Mises u. Friedman / Neoliberalismus (Dt. Ordoliberalismus), 15. Müller-Armack / Soziale Marktwirtschaft. - Soziologie u. Politik: 1. Unbek. / Urgruppe (Tierreich: Schutz- und Jagdgründe), 2. Unbek. / Königtum, 3. Solon / Demokratie, 4. Unbek. / Parlamentarismus (in England), 5. Morus / (Gesellschafts-) Utopie (und Utopischer Sozialismus), 6. Hobbes / Gesellschaftsvertrag (später: Rousseau), 7. Gentili u. Grotius / Völkerrecht, 8. Locke u. Montesquieu / Gewaltentrennung, 9. Voltaire / Meinungsfreiheit, 10. Smith / Wirtschaftsliberalismus, 11. Kant / Völkerbund, 12. Napoleon / Nationalstaat, 13. Comte / Soziologie (als Wissenschaft), 14. Mill / Dystopie, 15. Parsons / Soziologische Theorie. - Theologie u. Religion (aus christlicher Perspektive): 1. Unbek. / Animismus, 2. Unbek. / Polytheismus, 3. Unbek. / Monotheismus (nach Bibel: Adam u. Eva u. Urväter [Adam, Noah, Abraham]), 4. Unbek. / Indische Religion u. Brahmanismus/Hinduismus, 5. Jakob u. Mose / Israeliten u. Judentum, 6. Elia u. Propheten / Messias, 7. Buddha / Buddhismus, 8. Jesus / Christentum (Frühchristentum, Orthodoxie/Katholizismus), 9. Mani / Manichäismus, 10. Augustinus / Dreifaltigkeit, 11. Mohammed / Islam, 12. Thomas von Aquino / Theologie (Summe), 13. Luther / Reformation, 14. Johannes XXIII. u. Paul VI. / Ökumene, 15. Küng / Weltethos (als grosse Aufgabe der künftigen Menschheit [begonnen beim (ersten) Weltparlament der Religionen, 1893 - vgl. Vivekananda]). - Geografie (inkl. Entdeckungen): 1. Anaximander / Weltkarte, 2. Eratosthenes / Erdumfang, 3. Eriksson / Entdeckung Amerikas (später: Kolumbus), 4. Polo / Asien- und China-Reise (mit teils seltsamen Berichten, die kaum gänzlich von ihm stammen dürften), 5. Dias / Südspitze Afrikas, 6. Agricola / Mineralogie, 7. Mercator / Kartographie (modern), 8. Magellan / Weltumseglung, 9. Keckermann u. Varenius / Allgemeine Geographie, 10. Deluc u. Saussure (Horace-Bénédict) / Geologie, 11. Humboldt (Alexander) u. Ritter / Geographie als Wissenschaft (Definition von Richthofen), 12. Wegener / Pangäa (Urkontinent), 13. Troll / Landschaftsökologie, 14. Amundsen / Südpol (Ersterreichung - in einem dramatischen Wettlauf mit Scott), 15. Hillary u. Norgay/ Mount Everest (Erstbesteigung).

* Psychologie und Psychiatrie sind für mich in diesem Zusammenhang schwierige Themen. Sind es wirklich Wissenschaften oder sind es keine? Sind es Naturwissenschaften oder Geisteswissenschaften? Selbst verschiedene Vertreter dieser Richtungen würden vermutlich verschiedene Behauptungen aufstellen. Die Vertretung einer strengen Subjekt/Objekt-Scheidung wird im Menschlichen schwieriger. Kann man andere Menschen betrachten wie Tiere*, Pflanzen oder Steine? Ich bin der Meinung, dass es in der Wissenschaft vom Menschlichen nicht nur den Verstand braucht, sondern auch ein Verständnis (dies gilt sowohl für die Psychologie/Psychiatrie wie auch für die Soziologie und Politologie [und ich denke, dass gerade einige Theoretiker der Psychologie und Psychiatrie ein solches Verständnis, wie es einer wahren Wissenschaft vom Menschlichen entsprechen würde, verfehlt haben]).

** Es stellt sich ja in der heutigen Philosophie auch die Frage nach den Rechten der Tiere, umso mehr aber natürlich - in verschiedenen Bereichen - auch immer noch die Fragen der Menschenrechte.

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Exkurs: Wissenschaft und Weltverbesserung. Dürfen wir die Wissenschaft überhaupt kritisieren, angesichts all der Vorteile, welche sie in den letzten 400 Jahre gebracht hat? Nichts liegt mir ferner, als die Wissenschaft zu stark zu kritisieren. Augustinus sagte - bereits in der Zeit der christlichen Patristik - dass kein vernünftiger Mensch gegen die menschliche Wissenschaft sein kann, und das ist ein weises philosophisches Wort. Ich lege die Wissenschaftskritik, welche sich in der Folge der Kulturkritik, im 20. Jahrhundert ergeben hat, eher so aus, dass wir uns wieder fragen müssen: Was ist denn eigentlich wahre Wissenschaft? Oder nach Platon gefragt: was ist denn die eigentliche Idee hinter der Wissenschaft? Statt der reinen Ausbeutung schlägt der Ökophilosoph Schäfer ein neues (Bacon-) Projekt vor: das Projekt von der Erkenntnis, Nutzung und Schonung der Natur (1993). Das tönt für mich schon ein bisschen besser. Wir stehen heute am Anfang dieser neu zu stellenden Fragen. Ich denke, dass wir auf dem Weg dazu sind zu einer adäquaten Antwort - aber auch: dass es aber ein relativ langer Weg werden könnte. Und ist eigentlich die Welt durch die Wissenschaft tatsächlich eine bessere Welt geworden? Einige sagen, dass heute (in absoluten Zahlen betrachtet) mehr Kinder an Hunger sterben denn je, die Statistiken der Weltgesundheitsorganisation sagen aber, dass sich die Weltgesundheitssituation in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten stetig verbessert hat. Wir tun uns recht schwierig mit der Beurteilung. Während ältere Menschen eher zum Denken neigen, dass es mit der Welt immer schlechter stehe, neigen jüngere Menschen eher zum Denken, dass es mit der Welt (immer) besser werde. Die Jungen ist natürlicherweise etwas optimistischer, die Älteren etwas pessimistischer. In der politischen Veränderungskraft ist es aber gerade umgekehrt: die Jüngeren sind meist progressiver eingestellt, die Älteren aber konservativer (eigentlich wären es ja aus ihrem eher pessimistischen Denken heraus v.a. die Alten, welche die Welt verändern wollen müssten - wozu ihnen aber natürlich meist die Kraft fehlt). Wir würden vielleicht sagen - in der ganzen Dankbarkeit auch für all die technischen Dinge, die unser Leben erleichtern - die Welt sei insgesamt besser, aber auch etwas gefährlicher geworden. Das Ziel jeder wahren Religion, Philosophie und Wissenschaft bleibt hoffentlich weiterhin und für allezeit die Weltverbesserung - denn es ist ja keine Welt vorstellbar, die nicht verbesserbar wäre (dies können wir Leibniz heute sicher entgegenhalten, welcher in der beruhigenden feudalistischen Vorstellung von der je besten aller möglichen Welten lebte [ohne deswegen mit Voltaire gerade in das Gegenteil zu verfallen, notabene]). Erstaunlich eigentlich, wie wenig Ansehen der Begriff der Weltverbesserung geniesst, ist es doch wohl einer von wenigen Begriffen, welche wirklich Sinn machen in dieser Welt (und welcher noch sinnvoller ist, wenn wir uns das Gegenteil vor Augen führen: sollen wir denn etwa eine Weltverschlechterung anstreben? - manche wollen über solche Dinge gar nicht urteilen, weil sie meinen, dies würde nur ihr Leben schwieriger machen, aber das ist im Allgemeinen mit Sicherheit bereits der erste Schritt zur Verschlechterung: weil der Weg zur Verbesserung die Aktivität benötigt, und weil diese nicht von nichts kommt, sondern von einem Wunsch und Willen zur Verbesserung; die Aktivität in der spätmodernen Gesellschaft ist - so betrachtet - vermutlich etwas Gutes, wenn sie denn auch in die richtigen Bahnen kommt).

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NEUZEIT / MODERNE I (Aufklärung - Liberalismus, 18./19. Jh.) * * * Hobbes und der (sogenannt) aufgeklärte Absolutismus * * * Parlamentarismus in England (Bill of Rights) * * * Politischer Liberalismus von Locke * * * Französische Aufklärung und Revolution (Montesquieu, Voltaire, Rousseau) * * * Die Materialisten (L'homme machine) * * * Smith und der Wirtschaftsliberalismus * * * Immanuel Kant, der Satz der reinen Vernunft und der deutsche Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) * * * Die utilitaristische Wohlstandsformel * * * Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie.


Die Aufklärung, die Revolution, die Politik und die moderne Zeit.

Eigentlich könnte man es sich sehr einfach machen mit der Philosophie der Aufklärung: sie wandte sich gegen die alte (mittelalterliche) Drei-Stände-Ordnung mit Adel, Geistlichkeit und Drittem Stand und stürzte diese in einer (Bürger-) Revolution in Frankreich - mit dem Sturm auf die Bastille 1789 (als Referenzdatum). Aber die Aufklärung kann nicht so leicht erklärt werden, weder in ihrem Ursprung noch in ihrem Fortgang. Manche erklärten sie nach ihrer Blütezeit als ewiges Projekt der Philosophie - dann aber, so können wir hoffen, nicht in einer neuen blossen Dienerschaft von irgendetwas, sondern: nach allen Seiten hin: Wo aber hat diese Aufklärung denn eigentlich ihren Ursprung? Ich sehe in neueren Zeiten (etwa der letzten 500 Jahre) drei grosse Perioden: der Renaissance, der Wissenschaft (Neuzeit) und der Aufklärung (Moderne - tatsächlich beginnt nach mir die moderne Zeit bereits im 18. Jahrhundert [und wir sind immer noch mitten in dieser Aufklärung und Moderne drin: eine Zeit, welche noch lange andauern könnte, denn alles aufzuklären, ist gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erschien. Ich spreche in dieser Entwicklung von Jahrhunderten - bis die Postulate einer umfassenden Aufklärung wirklich adäquat umgesetzt und erfüllt sind]). Ursprünge einer politischen Aufklärung können wir in der Klassik der antiken Philosophie finden: bei Konfuzius, welcher trotz seiner konservativistischen Philosophie einräumte, dass ein ungerechter Herrscher gestürzt werden kann, bei Protagoras und dessen Hinwendung zum Menschen (auch hier: von der reinen Wissenschaft wieder zu den menschlichen Belangen), bei Platon und seiner Forderung nach gerechten Gesetzen und bei Aristoteles und seiner Erhebung der Staatsform von einer demokratischen Politie. Diese Ursprünge gingen eigentlich schon in der Zeit des Hellenismus wieder verloren, wo sich die Philosophie von der grossen Staatsphilosophie der Klassik abwandte und sich ins eigene kleine (Lust-) Gärtlein zurückzog (spezifisch bei Epikur, mit seiner privatisierten Meinung: «Man muss sich selbst aus dem Gefängnis der üblen Geschäfte und der Politik befreien.»). Dieser Verlust ging weiter in der römischen Antike - wo zwar ein starker, aber kein gerechter Staat herrschte - und im Mittelalter, wo sich die Entwicklung der europäischen Adelsherrschaften dann ad absurdum führte (letztlich oder spezifisch und symbolisch in der Person von Louis XIV. [1638-1715], dem Sonnenkönig, und seinen prunkvollen Wandelhallen und exquisiten Schlossgärten in Versailles). Betrachten wir die Ursprünge in der Philosophie der Neuzeit, so stossen wir auf die Philosophie von Hobbes, auch wenn dieser eigentlich noch - wie Machiavelli vor ihm - (im Namen des Republikanismus, notabene) einen absolutistischen Staat gutheisst (weitere bedeutende frühe Staatsphilosophen waren auch Jean Bodin [Absolutist] oder Johann Althusius [Calvinist, siehe auch: calvinistische Monarchomachen (bzw. Monarchiekritiker)]).

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Hobbes, der Gesellschaftsvertrag und der (sogenannt) aufgeklärte Absolutismus. Es ist in einem gewissen Sinn verstörend, zu sehen, mit welcher (fast bewussten) Naivität Thomas Hobbes (1588-1679) einen absolutistischen Staat verteidigte (v.a. weil man ihm durchaus attestieren muss, ein sehr kluger und schlauer Kopf zu sein). Er greift - gegen die Forderung der Renaissance - die Lektüre der antiken Schriften an, und meint, dass die Autoren derselben aus verwerflichen Demokratien stammen würden, die zu nichts anderem führen könnten, als zur Zerstörung des Staates (solche Argumente kommen uns in der heutigen Zeit natürlich nicht ganz unbekannt vor! [es sind - historisch betrachtet - die Argumente einer vorrevolutionären Reaktion!]; interessant aber: bereits zur Zeit von Hobbes im 17. Jahrhundert war der Demokratiebegriff im Gespräch). Der Oberherr, wie Hobbes den Herrscher (gleichgültig in welcher Staatsform) nennt, darf nach Hobbes ausdrücklich alles - er ist alleine für sich selbst verantwortlich und nur Gott gegenüber Rechenschaft schuldig, niemandem sonst (keinem Parlament, und auch keinem anderen Staat: Hobbes verwirft jegliches Völkerrecht ausdrücklich und vollkommen [und dies obwohl oder gerade weil der bedeutendste frühe Philosoph des Völkerrechts, Hugo Grotius, ein Zeitgenosse von Hobbes war]). Die Erklärung dafür, wie er zu dieser reaktionären Verteidigung gegen die Renaissance kommt, ist äusserst raffiniert. Er stellt uns nämlich einen fiktiven Naturzustand vor Augen, in welchem ein Krieg aller gegen alle herrscht (homo homini lupus: der Mensch ist des Menschen Wolf - dies ist für Hobbes nicht nur der Naturzustand, sondern auch das Naturrecht: von Natur aus hat jeder ein Recht auf alles). Um diesen kämpferischen und kriegerischen Naturzustand zu überwinden, schliessen die Menschen nun, so Hobbes weiter, einen sogenannten Gesellschaftsvertrag, in welchem sie alle Macht dem Staat und dessen Oberherrn übergeben. Der Oberherr und der Staat bürgen für die Sicherheit der Bürger (und erst, wenn die staatliche Gewalt dies nicht mehr kann, darf der Bürger für sich selber schauen). Hier beginnt die Naivität von Hobbes zur vollen Blüte zu gelangen. Er sieht nämlich daraus einen gerechten Staat entstehen, fordert gar eine umfassende staatliche Sozialhilfe (u.a. - ja, er fordert nicht nur eine Sozialhilfe, sondern das Wohlergehen für alle: es darf für keinen Bürger irgendeinen Mangel geben! [dies zeigt, dass es Hobbes auch und v.a. darum ging, einen sozialeren Absolutismus zu vertreten, allerdings war die Art und Weise, wie er den Absolutismus an und für sich verteidigte, etwas zu radikal, als dass seine sozialen Argumente wirkliche Durchschlagskraft hätten erreichen können]). Der Oberherr soll ja ein guter und gerechter Herrscher sein. Was aber, wenn er es nicht ist? Dann hat der Bürger trotzdem eben - so sagt Hobbes (womit er hinter Konfuzius zurückgeht) - in keinem Fall irgendein Recht, sich gegen den Oberherrn zu wenden, weil dies den Gesellschaftsvertrag verletzen würde. Jede Meinung wider die Regierung ist bei Hobbes ein Verbrechen gegen den Staat (bzw. gegen den Gesellschaftsvertrag [wider den Naturzustand]). Ansätze einer solchen Ansicht finden wir heute noch in der Politik, und von dieser Ansicht (und dem entsprechend negativ besetzten Menschenbild) aus würde sich die Frage stellen: ist es denn nicht viel naiver, den Naturzustand (bzw. die Anarchie) zu riskieren? Eine erstaunlich berechtigte Frage. Und doch würden wir uns heute - hoffentlich - eher für die Demokratie (mitsamt ihren ganzen Meinungsverschiedenheiten) entscheiden als für den Absolutismus. (Die Politik aber bleibt eine schwierige und verzwickte Sache.)

Exkurs - Hobbes, Cromwell und die Bill of Rights. Wie kommt Hobbes ausgerechnet in England, welches doch als Ursprungsland des Parlamentarismus gilt, auf solche Ideen? Abgesehen davon, dass es gerade in England auch schon immer starke reaktionäre Kreise gegeben hat (wo aber nicht?), lässt sich dies wohl am Besten mit einem Zeitgenossen von Hobbes erklären: Oliver Cromwell (1599-1658), ursprünglich ein Abgeordneter des Unterhauses, später: Lordprotektor von England, Schottland und Irland zur kurzen Zeit des Republikanismus in Britannien (über 100 Jahre vor der Französischen Bürgerrevolution). Die Gedanken von Hobbes zielen also nicht in Richtung auf einen adligen König, sondern auf einen Bürgerkönig (wie es später in Frankreich, nach der Revolution bzw. den ersten Wirren der Revolution, Napoleon Bonaparte werden sollte - Cromwell weckt aber eher den Gedanken an einen anderen Revolutionspolitiker des späteren Frankreichs: Maximilien de Robespierre, eine weitere Figur, die zeigt, wie schwierig diese ganze Bürgererhebung und ihre Rechtfertigung war [erstaunlich genug, dass sie trotzdem gelungen ist - hoffen wir, dass sie auch in vernünftigen Bahnen bestehen bleibt]). Das Hauptwerk von Hobbes - "Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil" (dt. Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und staatlichen Gemeinwesens) - kam 1651 heraus, genau zwei Jahre nach Cromwells Sieg im Englischen Bürgerkrieg und ein Jahr nach seiner Machterlangung über die (damalige Parlaments-) Armee (zwei Jahre nach der Veröffentlichung löste Cromwell das Parlament auf und übernahm die Alleinherrschaft). Wir können uns an dieser Stelle fragen, ob wir die Philosophie nur für sich alleine betrachten dürfen, oder ob wir nicht andere Geschehnisse - wie die historischen - stets mitberücksichtigen müssen. Im Buch von Hobbes findet sich übrigens kein Wort über Cromwell und/oder die englische Geschichte - es ist durch und durch ein rein philosophisches Werk, welches in diesem Sinn auch eine vollkommene Unabhängigkeit vom Zeitgeschehen vorgibt (trotzdem kam - nach dem Ende vom Cromwellschen Republikanismus - ein paar Jahre nach der englischen Originalausgabe eine zensurierte und revidierte Ausgabe in lateinischer Sprache heraus [1668]; die englische Geschichte ging weiter mit der Erhebung der Bill of Rights [1689 - also exakt 100 Jahre vor der Revolution in Frankreich], welche die Rechte zwischen Parlament und König regelte und zu den grundlegendsten Dokumenten des Parlamentarismus gehört: erstmals war das Parlament nicht mehr nur eine beratende Institution des Königs, sondern es hatte das Recht, selber zusammenzutreten und auch Einfluss zu nehmen etwa auf die Staatsfinanzen, was dazu führte, dass fast alle Entscheidungen des Königs von der Billigung des Parlaments abhängig wurden). Hobbes ist in der Folge etwas vergessen gegangen: wir sprechen heute meist vom Absolutismus, von der Renaissance und von Aufklärung/Liberalismus - Hobbes, dazwischen, vergessen wir; ich finde er ist eine (bzw. diese) besondere Betrachtung wert (auch im Hinblick auf das aktuelle politische Geschehen). Er steht mit seiner Art des Philosophierens, welche sehr klar und gradlinig ist - nicht unbedingt mit seinen philosophischen und/oder politischen Schlüssen eben - auch vielleicht am Anfang der neuzeitlichen Philosophie.



* Kleiner Einwand: am Anfang stand und steht in der Schweizer Demokratie natürlich nicht das Volk, sondern: (teils von Einzelpersonen! [bzw. Experten]) vorgefasste alte Gesetzbücher (BV, OR, ZGB, StGB, u.a. - im Vorfeld der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates 1848 hatte sogar der Philosoph Ignaz Paul Vitalis Troxler, Begründer des Biosophie- und Anthroposophiebegriffs (und auch bekannt für den visuellen Troxler-Effekt), der auch ein angesehener Schweizer Diplomat war, einen persönlichen Verfassungsentwurf vorgelegt [in seiner Schrift: "Die eine und wahre Eidgenossenschaft im Gegensatz zur Centralherrschaft und Kantonsthümelei, sowie zum neuen Zwitterbunde beider, nebst einem Verfassungsentwurf" (1833) - die erste Bundesverfassung des neuen Bundesstaates wurde dann von der alten Tagsatzungsregierung ausgearbeitet]). Ein Problem in einer Direkten Demokratie, die ja immer auf einer bestimmten Grundlage entstanden ist, besteht daher - nebst den ganzen supranationalen Fragen - auch in der Kohärenz von (alter) Grundordnung und (gegenwärtigem) Volkswillen. Ob das Volk am Ende steht, das wird sich erst zeigen müssen - dies ist abhängig davon, ob es wirklich (langfristig) bestimmen kann und von wem es auf welche Art und Weise informiert und/oder manipuliert wird. (Insgesamt ist es heute noch viel zu früh, um die Direkte Demokratie irgendwie zu bewerten. Die schlechten Beteiligungszahlen sind derzeit als ein bedeutendes [Legitimierungs-] Problem zu betrachten. Am Aufbau der Direkten Demokratie wirkten verschiedene Intellektuelle mit, so etwa der Staatsrechtler Carl Hilty, welcher auch philosophisch-theologische Schriften verfasste, oder auch der deutsche Philosoph Friedrich Albert Lange, der zu dieser Zeit in der Schweiz lebte.)



Die Lebenszeit von Hobbes ist fast identisch mit dem Anfang des Britischen Weltreiches. Man spricht dabei etwa von einem Ersten Britischen Weltreich (1583-1783), von einem Aufstieg zum Zweiten Britischen Weltreich (1783-1815 - in welchem das Vereinigte Königreich Grossbritanniens seine Aufmerksamkeit von Amerika weg auf Asien, den Pazifik und später auch Afrika lenkte), von einem Imperialen Jahrhundert (1815-1914), dann von den Weltkriegen (1914-1945) und schliesslich von der Dekolonialisierung (1945-1997). Das britische Imperium war tatsächlich - man kann es kaum glauben (weil das in Mitteleuropa eigentlich nie ein allzu bedeutendes Thema war [viele andere europäische Staaten geizten ja ihrerseits auch nicht mit Weltbedeutung und -anspruch]) - das grösste Weltreich der Geschichte. Seine grösste Ausdehnung erreichte es im Jahr 1922, als es mit 458 Millionen Einwohnern, welche unter der britischen Krone lebten, ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung umfasste!


Videos zum Imperialismus und Kolonialismus: 500 Years of European Colonialism, Ten Biggest Empires in History.


Die Weltgeschichte hatte immer einen bedeutenden Einfluss auf die Philosophie, und das gilt es auch zu sagen für die Zeit des europäischen Kolonialismus und Imperialismus (16.-20. Jahrhundert [dies umspannt epochengeschichtlich also die gesamte Neuzeit und reicht sogar bis in die Renaissance zurück - das einzige europäische Land, welches einen grösseren Teil seiner alten Kolonien behalten hat, ist Russland, aufgrund des angrenzenden Sibiriens und verbliebenen Gebieten im Kaukasus; dies zeigt, in welch grossem Wandel sich Europa heute befindet]).

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Locke und der englische Liberalismus. Die bedeutendsten Vorboten der Aufklärung sind nebst den französischen Aufklärern v.a. die englischen Liberalisten. Der Hauptvertreter des frühen englischen Liberalismus ist John Locke (1632-1704). Es liegt wohl nahe, diese Bewegung v.a. auf die Besiedlung Amerikas und die dortigen freiheitlichen Verhältnisse zurückzuführen (1620 zogen die ersten Pilgerväter, welche sich von der englischen Staatskirche lösten, von England nach Amerika, in die Freiheit, sozusagen, während in ihrer alten Heimat die [parlamentarische] Monarchie und der Puritanismus vorherrschten). Die Ereignisse in der neuen Welt wirkten natürlich auf die alte Welt bzw. das alte Europa zurück (und wie!). Rund 100 Jahre nach Locke folgten die Wirtschaftsliberalisten um Adam Smith (1723-1790), dessen Hauptwerk 'The Wealth of Nations' 1776 erschien, mitten in der Industriellen Revolution in England (1764/1769 Spinnmaschine von Hargreaves und Arkwright, 1785/1786 Webmaschine von Cartwright, 1804 Dampflokomotive und Eisenbahn von Trevithick), und also noch immer vor dem Sturm auf die Bastille in Frankreich; ferner zu erwähnen im frühen Wirtschaftsliberalismus, etwa Malthus, Say und Ricardo (als eigentliche Begründer der Nationalökonomie gelten William Petty [1623-1687] in England und Pierre Le Pesant Boisguilbert in Frankreich, als grösster Kritiker derselben der Genfer Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi - sowie die Utilitaristen, die mit einer Wohlstandsformel, wonach der Wohlstand der grossen Masse angestrebt werden soll, bereits versuchten, den ungezügelten Wirtschaftsliberalismus ein bisschen zu sozialisieren: Bentham und Mill [im 18./19. Jahrhundert]). Die Erfolge der Wissenschaft und Technik, der wirtschaftliche Aufschwung und die Aufklärung in der Politik gingen sozusagen Hand in Hand. Und das waren die grossen Bewegungen in dieser neuen Zeit, die sich in der Renaissance angekündigt hatte. Locke vereinigte alle gängigen philosophischen Richtungen der englischen Philosophie jener Zeit in sich: den englischen Empirismus, die klassische Nationalökonomie - er gilt ebenfalls als ein Vorläufer derselben - und den politischen Liberalismus. Wie Grotius und Pufendorf leitete Locke das Naturrecht, welches vor jeglicher Staatsverfassung steht, von der biblischen Offenbarung ab. Die Absolutisten gingen davon aus, dass die (biblischen und späteren) Könige die Nachfolger der biblischen Urväter seien, und dass diesen die Welt/Natur gegeben worden sei, um über sie zu herrschen. Nach Locke hat Gott die Natur allen gleichermassen gegeben und dem Menschen eine Freiheit der Person verliehen - Freiheit, Leben und Eigentum sind für ihn unveräusserliche Rechte jedes Bürgers. Die Staatsregierung benötigt nach ihm die Zustimmung der Menschen, und sie muss sich dazu verpflichten, die Naturrechte (Freiheit, Gleichheit und Unverletzlichkeit von Person und Eigentum [vgl. Römisches Recht]) zu schützen. Der Mensch darf sich zur Selbsterhaltung Natur/Dinge aneignen, aber nicht mehr, als er selber verwenden kann (das ist so etwas wie die Formel eines bescheidenen Reichtums [und Wohlstands]). Die innere Logik des Wertesystems von Locke ergibt sich aus den Begriffen der Natur, der Arbeit und des Eigentums: durch Arbeit bzw. durch Vermischung von Natur und Arbeit entsteht - über die reine Natur hinaus - Eigentum (die Dinge können getauscht werden, so auch im Arbeitsverhältnis: Arbeit gegen Lohn [Locke sah noch keinen Konflikt zwischen einer politischen Freiheit und einer ökonomischen Abhängigkeit]). Das Individuum hat damit Freiheitsrechte, welche über den Interessen des Staates stehen, und welche es auch gegenüber dem Staat einfordern kann. Im Staat herrscht eine Gewaltenteilung (bei Locke nur erst zwischen der Exekutive und der Legislative - Montesquieu fügte später die Judikative hinzu), d.h. es gibt keinen absolutistischen, eindimensionalen Oberherrn mehr wie noch bei Hobbes). Bedeutend für seine humanistische und liberalistische Haltung ist sein 'Brief über die Toleranz', in welchem er sich für die Religionsfreiheit einsetzt (ebenso ist er für die Gleichheit von Mann und Frau [dagegen gab es aber auch bei ihm noch immer ein Recht auf Versklavung [!]: dies ist nach ihm dann gegeben, wenn ein Volk ungerechterweise einen Krieg beginnt und ihn verliert]). Die politische Theorie Lockes hatte einen bedeutenden Einfluss auf die sogenannte Glorious Revolution in England (1688/1689 - mit der Bill of Rights [1689]), ferner auf die US-Amerikanische Verfassung (1787 - nach der Unabhängigkeitserklärung [1776]) und auf die Französische Revolution (1789).

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Die Philosophen der (französischen) Aufklärung. Gerade als der Philosophie drohte, ihre grosse Bedeutung an die Wissenschaft und deren Ewigkeitsanspruch zu verlieren, erschien ein neues Licht in ihr, welches von vielen seither gar als das ewige Projekt der Philosophie bezeichnet wird: das Licht der Aufklärung (engl. Enlightenment bzw. Age of Enlightenment, frz. Siècle des Lumières). Es war in diesem Sinn eine Art (neuerliche) Wiedergeburt der Philosophie - eine zweite Renaissance vielleicht sogar. Drei Namen werden besonders stark hervorgehoben, wenn es um den philosophischen Begriff der Aufklärung geht: Charles de Montesquieu (1689-1755), Voltaire (1694-1778) und Jean-Jacques Rousseau (1712-1778 - weitere sind etwa, u.a.: Mirabeau, Condorcet, La Fayette oder Saint-Just). Diese Bedeutung haben sie natürlich v.a. deswegen bekommen, weil in Frankreich auch tatsächlich die grosse bürgerliche Revolution stattgefunden hat, welche ganz Europa veränderte. Wie gross war der Anteil der Philosophen daran? Das kann man nicht in Prozent messen, dieser kann aber sicher als bedeutend bezeichnet werden. Keiner der drei grossen französischen Aufklärer hat übrigens die Revolution persönlich miterlebt, und gesprochen von einer Revolution hat im Vorfeld eigentlich nur Voltaire. Rousseau hielt sich zurück, obwohl er den Menschen überall in Ketten sah, obwohl er doch frei geboren sei. Montesquieu war kein revolutionärer Geist, sondern ein eher nüchterner Philosoph (wie man ihn sich eigentlich vorstellt - gerade er zeigt aber einen sehr bedeutenden Bezug zur Renaissance und zur Antike). In der Analyse der Staatsformen (Republiken, Monarchien und Despotien) favorisierte er die Parlamentarische Monarchie, ansonsten verehrte er die Tugend der Antike. Vor Extremismus und Unordnung - wie sie in den Wirren rund um die Revolution dann aufkam - warnte er und sprach sich dagegen für Stabilität und Mässigung aus. Bekannt blieb er bis heute durch die treffliche Erweiterung der Gewaltenteilung von Locke - in die Legislative (gesetzgebende Gewalt), die Exekutive (ausführende Gewalt) und die Judikative (richterliche Gewalt). Ganz anders war dagegen Voltaire veranlagt, welcher gegen die Kirche hetzte und die behäbige rationalistische Philosophie (v.a. in der deutschen Form von Leibniz und Wolff) verpönte. Gegen Unterschiede in Besitz und Stellung hatte er dagegen nichts einzuwenden, und auch er favorisierte letztlich die Staatsform der Monarchie, mit einem guten König (diesen sah er in Friedrich II. bzw. dem Grossen in Preussen, zu dessen Hofkreis er eine Zeit lang gehörte, ebenso wie der Materialist La Mettrie übrigens - allerdings gingen der Preussenkönig, der ein Buch mit dem Titel "Antimachiavell" schrieb, mit Voltaire zuletzt im Streit auseinander). Wer nun im Werk von Rousseau eine flammende Rede für die Demokratie erwarten würde, der sähe sich getäuscht. Er nimmt in seinem Hauptwerk "Über den Gesellschaftsvertrag" die Idee von Hobbes diesbezüglich auf, vertritt aber im Gegensatz zu diesem ein positives Menschenbild. Jeder der Unrecht tut, meinte Rousseau, hat dies auch vom Anderen zu erwarten - in der Freiheit (in Unabhängigkeit) sieht er nicht in erster Linie die Möglichkeit böse, sondern die Möglichkeit, gut zu handeln (und so sei das negative Bild von Hobbes zu verwerfen: "Veredelt doch die Meinungen der Menschen, dann läutern sich ihre Sitten von selbst!" - reichlich idealistisch). Eine ideale Staatsform gibt es für ihn nicht: er betrachtet die Monarchie als geeignet für wohlhabende und grosse Nationen, die Aristokratie für mittelreiche und -grosse, die Demokratie für kleine und arme (wie Montesquieu zieht er das Los- dem Wahlverfahren in der Demokratie vor - die öffentlichen Ämter sollten ausgelost werden [eine radikale Idee der Gleichheit, welche bereits in der Antike entstanden ist, in der Realpolitik aber seither nicht mehr bedeutend aufgegriffen wurde]).

Die aufklärerischen Philosophen waren also in den meisten Punkten gar nicht so radikal, wie uns dies heute manchmal vorkommt, und es gab in der Revolution sehr viel radikalere Forderungen und Typen. Dennoch waren die Anstösse der grossen Philosophen eben sehr bedeutend für die Ereignisse in Frankreich zu jener Zeit.

Anm. Als Schweizer kann Rousseau - genau genommen - übrigens nicht bezeichnet werden: er ist zwar in der damaligen Republik Genf geboren, aber diese trat erst 1815 definitiv der Eidgenossenschaft bei (und demnach war Rousseau eigentlich nie ein Schweizer Bürger [dasselbe gilt auch für Marat (aus dem Kanton Neuenburg) oder (den jungen) Sismondi]).


Es war einmal... der Mensch (Ausschnitte): Das Zeitalter der Aufklärung, Amerika - die neue Welt, Die Französische Revolution*.

* Kleiner Einwand: Die Brüderlichkeit ist natürlich kein 'ideologischer Firlefanz' (wie hier behauptet wird), sondern sie ist ein logischer Teilfaktor im Ziel des grossen Interessensausgleichs in einem modernen bürgerlichen Staat. Alle drei Werte haben den gleichen Anspruch: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - das ist das bürgerliche Credo (wenn man es ganz genau nimmt, was meistens aber nicht gemacht wird - natürlich widersprechen sich die drei Faktoren gegenseitig: das kann ja nicht anders sein, wenn es um einen Interessensausgleich geht - und es ist daher die Politik, welche diesen langfristig und nachhaltig hervorbringen soll). Man muss die Progressiven ebenso davor warnen, die Grundordnung zu verwirken, wie man die Konservativen davor warnen muss, die Zukunft zu verbauen.


Die Demokratie kommt unter unseren Aufklärungs- und Revolutionsphilosophen eigentlich gar nicht so gut weg. Warum ist das so? Der Hauptgrund dürfte darin liegen, dass man zu jener Zeit den Begriff der Republik bevorzugte. In der Republik werden die Repräsentanten vom Volk gewählt, während die Demokratie eigentlich noch ein bisschen weiter geht und eine Herrschaft des Volkes bezeichnet (es sind also sicher Verhältnisse damit gemeint, welche über eine reine Repräsentation hinausgehen). Heute werden die Begriffe von Republik und Demokratie praktisch synonym verwendet. In der Zeit der Aufklärung hatte man scheinbar immer noch das Gefühl - wie es schon Hobbes sagte - die Demokratien würden dazu neigen, unstabil und unsicher zu sein. Wie sicher die Demokratien heute sind, das ist eine andere Frage. Jedenfalls aber hat die Demokratie - und gerade ja auch die Direkte Demokratie in der Schweiz - seit der Aufklärung Erfolge in der Weltpolitik gefeiert, welche ihr nicht einmal die Philosophen der Aufklärung zugetraut haben. Zu erwähnen ist dazu, dass die Demokratie schon bei den antiken Philosophen nicht allzu gut wegkommt. Platon, welcher ein Anhänger der Monarchie war, meinte die Demokratie stamme aus der Oligarchie und führe zur Tyrannis, wenn sie nicht vorher scheitert an der Übertreibung ihres höchsten Guts, der Freiheit. Aristoteles sah, wie gesagt, (wenigstens) eine Mischform von Demokratie und Oligarchie als beste politische Form (ähnlich der Struktur, wie wir sie auch heute haben). Die Demokratie muss also - das kann man sicher sagen - besonders klug sein und handeln, weil sie quasi für sich selber verantwortlich ist.

Exkurs - (Jahres-) Zahlen zur Demokratie-Entwicklung. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie jung die meisten heutigen Demokratien/Republiken sind (ebenso aber ist es interessant, den älteren Wurzeln ein bisschen nachzugehen). Ich habe versucht, eine Liste mit ein paar Staaten zusammenzustellen (angegeben ist das mit dem aktuellen Parlament in Zusammenhang stehende erste, regelmässige, sich selbst konstituierende Parlament): ab ca. 900 Vier bekannte norwegische Thing-Versammlungen (Borgarthing (in Borg, heute: Sarpsborg), Eidsivathing (in Eidsvoll), Frostathing (auf der Halbinsel Frosta [Vorläufer: Øyrathing?]), Gulathing [in Gulen]), 930 Island (erste Althing-Versammlung [gilt als ältestes heute noch bestehendes Parlament der Welt (fand aber damals nicht regelmässig statt)]), 979 Isle of Man (erste regelmässig stattfindende Volksversammlung), um 1000 Assise (Schwurgerichtsversammlungen) im normannischen Sizilien und Süditalien, 1188 [Königreich] León ([Nord-] Portugal/Spanien: laut UNESCO das älteste europäische Parlament im heutigen Sinn), ab 1231 Landsgemeinden in der Alten Eidgenossenschaft (früheste bekannte Landsgemeinden in Uri 1231 [Gemeinde der Leute des Tals - erstmalige Bezeichnung als Landsgemeinde 1275], Schwyz 1294 [Landtag], Unterwalden 1309), 1689 England (anfangs: Königlicher Rat 1215 [unselbstständig], früher: Witan 7.-11. Jh. [Ratsversammlung von Würdenträgern], später: 1707 Grossbritannien [nach der Vereinigung von England und Schottland]), 1768 Korsika, 1789 USA, 1789/1791 Frankreich (früher: Parlement von Paris um 1300 und Toulouse 1303 [u.a.]), 1815 Niederlande (früher: 1579?), Schweiz 1848 (früher: Tagsatzung in der Alten Eidgenossenschaft 1315), Italien 1946 (früher: Sardinien 1861), Deutschland 1949 (früher: Reichstag 1919, Frankfurter Nationalversammlung 1848), Europa/EU 1952, Portugal 1975 (früher: 1834?), Spanien 1978 (früher 1822/1931?), Russland 1993 (früher: 1990). Solche Daten sind schwer zu ermitteln und zu bewerten, wenn man nicht Historiker ist - daher dies auch alles ohne Gewähr (und auch nicht vollständig - das sind nur ein paar herausgegriffene interessante und markante Zahlen [eigentlich hat es Volksversammlungen verschiedener, und auch grösserer oder kleinerer Art eigentlich schon unter den Urvölkern gegeben, nicht nur im Alten Griechenland (auch etwa als Dorf- und/oder Stammesversammlungen; es geht bei diesen Zahlen hier um die Demokratie-Entwicklung in der neueren Zeit - interessant auch hierzu: die Wurzeln der modernen parlamentarischen Demokratie-Entwicklung finden sich im dunklen und angeblich so unfortschrittlichen Mittelalter]).

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Exkurs - Freiheit und Organisation. Der Freiheitsbegriff spielte natürlich, wie populistisch er auch immer aufgefasst werden kann, in Aufklärung und Revolution eine grosse, ja: vielleicht die entscheidende Rolle (mit Gleichheit und Brüderlichkeit alleine hätte sich vermutlich keine so grosse und bedeutende gesellschaftliche Revolution machen lassen). Rousseau stellte fest, dass der Mensch frei geboren sei, aber überall in Ketten liege, und nach Voltaire wurde unter Aufklärung und Freiheit v.a. eine Trennung von Kirche und Staat sowie eine weitgehende Meinungsfreiheit verstanden. Berühmt ist Voltaires grosser Ausspruch: «Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äussern dürfen (Anm.: damit ich meine auch äussern darf [wie dazu zu denken ist]).» Der Freiheitsbegriff kann im bürgerlichen Staat aber nicht alleine betrachtet werden, denn er ging eigentlich fast unzertrennlich Hand in Hand mit einer grösseren Strenge, Ordentlichkeit und Organisiertheit. Bedeutend hat dies die Staatsauffassung von Napoleon gezeigt (wie auch: vorausgenommen - die Auffassung eben davon, dass Volksherrschaft auch Organisiertheit bedeutet [jedenfalls entspricht dies der Entwicklung vom Anfang der modernen Demokratien bis heute]). Aspekte davon sind etwa die Erziehung, das Militärwesen, die Volksschule, die Polizeiorganisation oder (etwas später auch) die Psychiatrie. Diese Tendenzen können mit der Loslösung von der monarchischen Gesellschaftsstruktur erklärt werden. Die Tendenz zu einer strengeren und überlegteren - wohl auch bereits kindbezogeneren, aber auch zielgerichteteren - Erziehung kann bereits im Erziehungsroman von Rousseau ("Émile ou De l'éducation", 1762) eingesehen werden. Ein Grundgedanke dafür, ist es, den Menschen für die Bereitschaft zur Schliessung und Erfüllung des Gesellschaftsvertrags zu erziehen (d.h. er soll ein nützliches Glied für die Gesellschaft werden). Die grössere Organisiertheit des Militärs erlangte besonders eben im (frühen zentralistischen National-) Staat vom Bürgerkaiser Napoleon, welcher sich nach den schlimmen anfänglichen Revolutionswirren bildete, grosse Bedeutung und Wirkung. Bei ihm zeigten sich auch erste grosse und übertriebene Eroberungstendenzen innerhalb des neuzeitlichen Europas, welches doch - trotz der Kolonialisierung der sogenannt Dritten Welt seit der späteren Renaissance und des damit zusammenhängenden Imperialismus - von liberalistischen und humanistischen Gedanken hätte geleitet sein sollen. Dies eben wollte Napoleon mit Gewalt in ganz Europa durchsetzen. Er steht in einer seltsamen Weise gleichzeitig für Fortschritt und Bruch der Aufklärungsgedanken. Die Europäer setzten sich nach der napoleonischen Ära bzw. nach der Niederlage Napoleons bei Waterloo am Wiener Kongress zu einer Neuordnung Europas zusammen, in welcher die Reaktion für eine kurze Zeit eine bedeutende Rolle spielte - die Moderne war aber nicht aufzuhalten. Im Faschismus (und Nationalsozialismus sowie im [realexistierenden] Kommunismus) zwischen den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert wurden die angesprochenen Tendenzen dermassen übertrieben, dass daraus ein negatives Schreckbild entstanden ist. In der Folge entwickelte sich aus den überautoritären Exzessen ein eher antiautoritäres Erziehungsideal, welches die Selbstentfaltung und -verwirklichung in den Vordergrund stellt, in der letzten Zeit aber ebenfalls in die Kritik geriet. Vernünftig erscheint in dieser Frage - wie meistens: ein Mittelweg (was natürlich leichter gesagt als umgesetzt ist, aber trotzdem).

Anm. Meiner Meinung sollte man dabei nicht von einer Selbstverwirklichung, sondern - jenseits von der Bedürfnisökonomie (Gossen, Walras, Jevons, Giffen, Menger, Marshall) - von idealiter (menschlich) und realiter (personal, situativ) gegebenen Existenzbedürfnissen sprechen (man kann dabei auf die Humanistische Psychologie verweisen, jedoch finde ich die Bedürfnispyramide vom humanistischen Psychologen Maslow nicht unbedingt als das Mass aller Dinge [auch hier ist ja von einem diffusen Selbstverwirklichungsbegriff die Rede - das Ideal der Selbstverwirklichung stammt, auf die Arbeit bezogen, von Marx (! - Theorie einer 'kollektivistischen Selbstverwirklichung'?), was es aber auch nicht viel besser macht, denn rein vom Gefühl her kann man sich kaum vorstellen, dass der menschliche Endzweck - was auch immer genau damit gemeint ist - eine reine Selbstverwirklichung sein soll, welche ebenso übertrieben erscheint wie etwa die reine Pflichterfüllung bei Kant]). Natürlich bin ich für die Befriedigung der Bedürfnisse und die Förderung der Talente - alles andere wäre ja menschlich unlogisch (dazu aber benötigt man keine solche Überhöhung des Selbstbegriffs).

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Weitere Themen zur Zeit der Aufklärung sind die Enzyklopädisten (Chambers, Diderot/D'Alembert, Krünitz) - sie stehen, exemplarisch mit Denis Diderot (1713-1748), vielleicht die Verkörperung des wissenschaftlich-enzyklopädistischen Aufklärers überhaupt, mit ihrer Ordnung des Wissens zwischen der Wissenschaft und der Aufklärung - die Materialisten (De La Mettrie, Helvétius, D'Holbach), die Sensualisten (Condillac [Vorläufer: Locke, Hume]) und die (idealistischen) Erkenntnistheoretiker (von Hobbes/Locke über Berkeley und Hume sowie Kant bis zu den deutschen Idealisten [Fichte, Schelling, Hegel]). Die Philosophie spaltete sich also zu dieser Zeit auch auf, in eine materialistische und eine idealistische Wendung. Der Materialismus von Julien Offray de La Mettrie (1709-1751 - mit seinem Hauptwerk "L'homme machine", dt. Der Mensch als Maschine, 1748) ging davon aus, dass alle Phänomene der Welt letztlich rein materialistisch erklärbar sind, dagegen meinte der Idealist Hegel, die Welt sei reiner Geist. Zwei extreme Positionen, aber dies ist der grosse, bis heute bestehende Gegensatz in der modernen Philosophie (welcher v.a. in der Erkenntnistheorie einigermassen komplexe Positionen hervorgebracht hat). Jede Ära scheint ihren eigenen grossen Gegensatz zu haben. In der Antike war es jener zwischen Idealismus und Realismus (oder eigentlich müsste man besser sagen: zwischen Ideellismus und Reellismus - Platon vs. Aristoteles), im Mittelalter zwischen Universalismus und Nominalismus (bekannt geworden als scholastischer Universalienstreit), in der Neuzeit zwischen Empirismus und Rationalismus (wie besprochen) und in deren Moderne eben zwischen Materialismus und Idealismus, was ein bisschen an den Gegensatz der Antike erinnert - oder ging es gar in allen Zeitaltern letztlich um den thematisch gleichen Gegensatz in verschiedenen Begriffsauffassungen? Ja und nein - es zeigen sich Ähnlichkeiten, aber doch wohl keine Gleichheit. (In der heutigen Spätmoderne hat sich wiederum - politisch relevant - ein bis dato ungeklärter Gegensatz zwischen dem Liberalismus und dem Sozialismus eröffnet.)

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Themenschwerpunkt: Erkenntnistheorie. An dieser Stelle müssen wir ein bisschen zurückschauen und ein bisschen vorgreifen, denn die Erkenntnistheorie (auch: Epistemologie), um welche es in der Folge geht, ist ein grosses und epochenüberschreitendes Thema. Sie spielte schon in der Antike (insbesondere bei Platons Ideenlehre) und im Mittelalter eine gewisse Rolle, in der Neuzeit und ihrer Moderne aber rückte sie in den Mittelpunkt der Philosophie - mit ihrer ewigen Frage: was und wie können wir überhaupt erkennen? Die Frage ist simpel, die Erörterungen dazu aber sind einigermassen komplex.

Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie I (von Hobbes bis Locke). Die gesamte neuzeitliche und moderne Philosophie und Wissenschaft basiert eigentlich auf der Epistemologie. Dabei kamen drei grosse Fragen auf: 1. Wie ist das Verhältnis zwischen Sinneserfahrung und Erkenntnis beschaffen? Folgt die Erkenntnis den Sinneserfahrungen nach (Empirismus) oder geht sie diesen voraus (Rationalismus)? 2. Wie ist das Verhältnis zwischen dem Ding (da draussen) und dem ideenhaften Denken beschaffen? Gibt es überhaupt ein Ding (an sich)? 3. Wie ist das Bewusstsein und das Denken überhaupt beschaffen bzw. wie ist das Verhältnis zwischen dem Denken und dem Gehirn beschaffen (Tiefen- und Neuropsychologie, Hirnforschung, Philosophie des Geistes)? Zu 1. Diese Frage wurde eigentlich nicht restlich geklärt, obwohl der Empirismus und der Rationalismus ja zusammen die neuzeitliche Wissenschaft begründet haben. Man könnte vielleicht sagen, dass die Erkenntnis eher empirisch (d.h. durch Erfahrung und Lernen) angelegt ist, sich dann aber rational festigt (in der Erinnerung und im Glauben [denn wir glauben ja an das, was wir für wahr halten] - freilich kann diese rationale Festigung im Kindesalter und auch später natürlich immer auch auf Irrtümern beruhen [und zu beachten ist nicht nur die individuelle Erkenntnis und Erinnerung, sondern auch das Kollektivgedächtnis und die Ansichten der vorherrschenden Kultur]). Zu 2. Zuerst zu erwähnen ist zu diesem Thema die wiedererwachte und starke Position des Menschen in der Renaissance (siehe: Mirandola). Hobbes sprach nur von den Dingen (engl. the things); die Frage nach dem Subjekt stellte er sich eigentlich noch gar nicht, was ja auch die natürlichste Haltung ist (dass wir einfach bloss die Dinge da draussen anschauen und bewerten [und mit den inneren Dingen unbewusst gleich verfahren]). Bei Descartes beginnt dann bereits die gesamte folgende Diskussion zu diesem Thema. Er formulierte einen strengen Dualismus zwischen dem erkennenden Subjekt und dem erkannten Objekt (er spricht selber allerdings nicht in dieser Terminologie davon, sondern das tut nur die Interpretation seiner Philosophie: auch er spricht eigentlich noch immer von den Dingen [frz. les choses]). In seiner Philosophie wie auch in der folgenden Wissenschaft steht demnach das Objekt im Vordergrund, denn es ist die Basis von dem, was in der Wissenschaft erforscht werden soll. Bei Locke stellte sich bereits im 17. Jahrhundert erstmals die epistemologische Frage in drängender Form. Als erstes stellte er fest, dass es keine angeborenen Ideen gibt (wie Platon es behauptete [und Leibniz es aber in einer reaktionären Antwort an Locke wieder behaupten wird]). Nach Locke gibt es einfache und komplexe Ideen (d.h. Abbilder und Zusammensetzungen) sowie unter den einfachen Ideen solche, die auf äusserer und innerer Erfahrung (d.h. Eindruck [engl. sensation] und Überlegung, auch in der Selbsterkenntnis [engl. reflexion]) bestehen, und unter den äusseren solche, die auf primären und sekundären Qualitäten (d.h. unveränderlichen und veränderlichen Bestandteilen der Dinge) beruhen. Ins Bewusstsein gelangen nicht die Dinge (oder: Substanzen), sondern nur ihre Qualitäten (bzw. Eigenschaften). Er war damit der erste (neuzeitliche) Philosoph, welcher tiefer in dieses Feld eindrang und ein ganzes Erkenntnissystem erhob, welches in der Folge tiefere und breitere Diskussionen rund um dieses Thema auslöste. Das heisst: Locke hat eine neue Komplexität in die Philosophie gebracht, wie sie die nachfolgende Philosophie auch auszeichnet, bis zu Kant und Hegel und darüber hinaus (sehr zum Schrecken natürlich für alle, welche eine so tiefgreifende und komplexe Philosophie lieber gar nicht haben möchten [und daher auch teils begannen, bis in intellektuelle Kreise hinein, die Philosophie a priori zu verwerfen - die Auseinandersetzung mit dem menschlichen und dem eigenen Denken ist keine einfache Sache]).

Warum überhaupt in der Neuzeit eine umfassende Erörterung der Erkenntnistheorie aufkam, zeigt vielleicht die Zeichnung auf dem Cover des Buches "Ars magna lucis et umbrae" (dt. Die Grosse Kunst [bzw. die Wissenschaft] des Lichts und des Schattens, 1646) vom jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kircher. Die Vermischung von alter Religion und neuer Wissenschaft führte, wie man hier vielleicht sehen kann, zu einiger Verwirrung bezüglich eben der Art und Weise der Zusammenhänge des Erkennens (und die zweckreduzierte Darstellung von Descartes liess letztlich auch zu viele Fragen offen). Man muss über diese Fragen nicht nachdenken, aber kann darüber nachdenken: es gibt aber immer auch die Wege der reinen Religion, des reinen Rationalismus, des adaptierten Zeitgeistes oder sogar auch der individuellen und persönlichen Ethik und Moral (u.a.). Hier aber geht es eben um das schwierige Feld (und die Philosophie und Wissenschaft) der Erkenntnistheorie.

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Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie II (von Locke bis Kant). Eine besondere Figur unter den englischen Empiristen war Berkeley. Er stellte radikal in Frage, ob es überhaupt Dinge gebe: Esse est Percipi - 'Sein heisst Wahrgenommenwerden'. Der Stuhl, behauptete Berkeley, existiert nur deshalb, weil ich ihn wahrnehme - und darüber hinaus kann ich nichts über sein Sein aussagen. Was aber ist, wenn ich den Raum verlasse? Dann ist der Stuhl immer noch da, meinte Berkeley... weil ihn dann immer noch Gott wahrnimmt. Das ist purer Idealismus, welcher sagt: es gibt für uns letztlich nur unsere eigenen Gedanken von den Dingen (und ob es da draussen wirklich Dinge gibt, das können wir weder wissen noch beweisen). Ein (relativ unbekannt gebliebener) Universalgelehrter namens Samuel Johnson (auch: Dr. Johnson) widerlegte dies: indem wir ja Schmerz spüren, wenn wir an die Dinge stossen, was zeigt, dass sie tatsächlich da sind und existieren, unahbängig von unserer Wahrnehmung (und da jeder dies spürt, müsse es auch als wissenschaftlich bewiesen gelten [auch wenn man mit einigen berechtigten oder unberechtigten Spitzfindigkeiten das Problem weiter aufrecht erhalten könnte (wie steht es z.B. mit Traumempfindungen?), und... letztlich sind ja Empfindungen auch nur Wahrnehmungen und als solche noch nicht gesicherte Wahrheiten]). Die Idealismus-Diskussion ging weiter und wurde auch in der nachfolgenden (deutschen) Philosophie sehr bedeutend. Der grosse Immanuel Kant (1724-1804) - welcher über den skeptischen Empiristen Hume zu diesen Fragen kam - prägte nun den Begriff vom 'Ding an sich'. Es geht hier nicht um die ganze Komplexität des kantischen Denkens und Systems (oder gar was die Interpretatoren daraus gemacht haben), sondern nur um ein paar wesentliche Grundzüge. Mit dem Begriff vom Ding an sich, sagte Kant, dass er im Gegensatz zu Berkeley den Dingen durchaus eine Realität attestiert, er meint aber, dass wir nicht die Dinge an sich erkennen können, wie sie wirklich sind, sondern nur die Erscheinungen (bzw. die Phänomenologie) der Dinge, wie sie uns also erscheinen. Wir erinnern uns dabei natürlich v.a. an die Diskussionen rund um das geo- und das heliozentrische Weltbild und den grauenhaften Irrtum der menschlichen Primäranschauung bzw. Wahrnehmung in diesem Bereich!* Die Dinge sind eben nicht immer so, wie sie uns (primär) erscheinen (was natürlich aber nicht heisst, dass sie immer anders sind, aber es ist doch hierbei ein grosses Feld von Fragen eröffnet - bezüglich eben Begriffen wie Anschauung, Bewertung, Wahrnehmung, Erkenntnis, Vorstellung, Erinnerung, Bewusstsein [u.a.], und wie das alles zusammenhängt). Bei Kant droht man sich rasch in dessen ziemlich eigener Begriffswelt zu verlieren. Bedeutend in der Philosophie von Kant ist die Unterscheidung vom Transzendenten und dem Transzendentalen - ersteres liege im Bereich des Glaubens (das betrifft etwa die Vorstellungen von Gott, Freiheit, Unsterblichkeit) und sei (nach Kant) für unsere Erkenntnis unzugänglich, letzteres sei unserer Erkenntnis zugänglich und befinde sich also im Bereich eines möglichen Wissens. Mit dem Begriff der Transzendentalphilosophie grenzte sich Kant insbesondere gegen die Ontologie ab (d.h. gegen die Ontologie seiner Zeit, insbesondere jene von Wolff bzw. jene im Leibniz-Wolffschen System, welches vor Kant die deutsche Philosophie beherrschte) - er befand die Seinsphilosophie als (zu) spekulativ, während seine Transzentalphilosophie diesem Vorwurf zu entgehen versucht, indem sie sich auf dem Boden der Epistemologie (Erkenntnistheorie) begründet. In der Transzendentalen Ästhetik, in welcher er auf die reine Anschauung zielte, beschrieb er die sinnlichen Grundlagen der Wahrnehmung, in der Transzendentalen Analytik, in welchen er auf die reinen Verstandesbegriffe, welche nicht empirisch sind, zielte, den Weg zur (transzendentalen) Erkenntnis. Das tönt irgendwie fast ein bisschen mythisch, mystisch und/oder esoterisch, und ist es tatsächlich auch! - zumindest ein bisschen platonisch bzw. plotinisch. Kant ist hier auf dem Weg zur höchsten Erkenntnis bzw. zu seiner höchsten Erkenntnis: zum Kategorischen Imperativ (dieser wird hier später erklärt - man könnte Kant fast als einen Mystiker bezeichnen, der sich einer äusserst rationalen Beschreibungs- und Erklärungsweise bedient, was in dieser Form und Qualität in der Philosophie eigentlich einzigartig ist). Während es den Empiristen wie den Rationalisten gleichermassen um reine Naturerkenntnis ging, legte Kant letztlich mehr Wert auf die (Geistes-) Urteile - das entspricht der eigentlichen kopernikanischen oder eben kantischen Wende, welche Kant für seine Philosophie beanspruchte. Er unterschied zwischen Analytischen Urteilen (immer a priori) und Synthetischen Urteilen, und unter diesen solche a posteriori und a priori.

* Allerdings muss man in dieser Frage auch darauf hinweisen, dass das heliozentrische Weltbild ebenfalls nicht unproblematisch ist. Es kann uns nämlich dazu verleiten, dass wir ob unserer ganzen Betrachtung der Sonne und des Universums vergessen könnten, dass die Erde unsere Lebensgrundlage ist und (vermutlich auch) bleibt... Wir können ja nicht einfach nur zum Himmel hoch gucken und denken: das, was hier unten ist, ist nicht das Zentrum der Welt, also geht es uns letztlich nichts an. Die Primäranschauung hat also hier durchaus auch eine gewisse Berechtigung, weil sie unser (auch irgendwie berechtigtes) Alltagsempfinden wiedergibt. Für uns, in unserem Alltag, ist die Erde das Zentrum der Welt (aber wissenschaftlich bzw. astronomisch betrachtet, ist dies falsch - trotzdem sind wir nach der ganzen Astronomie wieder zurückgekommen quasi auch zur Ökologie [und vielleicht müssen wir aufgrund der zunehmenden Probleme der Ökologie dann in 100 bis 200 Jahren sogar dazu raten, die Astronomie nicht gänzlich zu vergessen, weil sich plötzlich wieder alles um die Erde drehen könnte]). Simon-Schaefer, welcher eine kleine Philosophiegeschichte schrieb, hielt der Quantum World bzw. der spätmodernen Astronomie entgegen, dass die Mitte - für uns - immer dort ist, wo wir selber sind (auch das ist natürlich etwas zu rudimentär, aber trotzdem auch immer zu bedenken - und dieser Gedanke kann uns auch dabei helfen, uns nicht ganz zu verlieren, in der Religion, Philosophie und/oder Wissenschaft, oder überhaupt in den verschiedensten Dingen dieser komplexen Welt, in welcher wir heute so viel Wunderliches hören aus Mikro- und Makrowelten, oder Dinge, die [teils seit Jahrhunderten] auf reinen Berechnungen und Vermutungen bestehen, was zu grossen Teilen auch noch nicht so ganz gesichert ist! [d.h. einiges von diesem stimmt vielleicht und anderes vielleicht nicht - wenn heute von einer Krise der Wahrheit die Rede ist, oder von Fake News und dergleichen mehr, so hat dies nicht nur mit den Neuen Medien zu tun, sondern auch mit der Verunsicherung im Weltbild der Menschen, welche entstanden ist durch eine Wissenschaft, die sich immer weiter von den Alltagserfahrungen der Menschen entfernt, ohne einen Rückbezug zu schaffen, mit welchem die Leute etwas anfangen können: so werden die Leute auch empfänglich für immer wildere, verrücktere und sinnlosere Botschaften, im Fantasy-Bereich ebenso wie im News- oder Philosophiebereich, notabene: die unsicheren Sphären des Wissens gab es schon immer, neu ist aber, dass diese im 19./20. Jahrhundert mitunter ins Zentrum der Wissenschaft und des Interesses gerückt sind]).

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Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie III (von Kant bis Schopenhauer). Kants Philosophie hätte gewiss genügend Grund geboten, länger bei ihr zu verweilen und sie genau zu bedenken, doch wie wir schon in der Antike gesehen haben, bleibt die Philosophie nicht lange stehen, und das war auch in diesem Fall so. Auf Kant folgten die deutschen Idealisten: Fichte, Schelling und Hegel. Bedeutend für die Erklärung des Sinn und Zwecks des deutschen Idealismus ist "Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus" (um 1796?). Es ist in der Handschrift Hegels geschrieben, jedoch ist seine Autorenschaft nicht gesichert. Der Text könnte auch eine Abschrift eines Textes von einem seiner berühmten Zimmergenossen während seiner Studienzeit in Tübingen sein (Schelling und Hölderlin), oder sogar von einem anderen, unbekannten Autor stammen. Dieser Text behauptet, dass die gesamte Metaphysik künftig in die Moral fallen, wovon Kant nur ein Beispiel gegeben habe, und eine Ethik begründen werde, die ein vollständiges System aller Ideen hervorbringen wird (quasi eine Grand Unified Theory GUT der Philosophie bzw. der Ethik also [analog dem grossen Traum der Physik im 20. Jahrhundert]). Im Weiteren geht es in diesem Text ebenso um idealistische wie auch um romantische Inhalte (die philosophische Ära des Idealismus hat sich hier mit der literarischen Ära der Romantik überschnitten - ferner findet sich ebenfalls ein anarchistischer Anhauch in diesem Text [welcher schwierig vereinbar ist mit dem späteren Hegel]). Zu verweisen ist auch auf einen philosophischen Text des Dichters Hölderlin ("Urteil und Seyn", 1794/95), in welchem dieser sagt, dass das Sein die Verbindung von Subjekt und Objekt ausdrücke, und dass ein Ich mit Selbstbewusstsein eines sei, welches sich mit sich selber auseinandersetze. Diese Auseinandersetzung ist bedeutend für die später von Hegel entwickelte Dialektik. Im selben Jahr erschien Fichtes "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre" - dieser sprach ebenfalls von der Bedeutung des Selbstbewusstseins und einer wissenschaftlichen Gesamtlehre. Das Wahre ist das Ganze, meinte Hegel später (und das Wirkliche ist das Vernünftige). Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) gilt indes als der eigentliche Begründer des deutschen Idealismus (mit dessen ganzen Verwicklungen und Schrulligkeiten, die bei ihm bereits erkennbar sind). Er entwickelte ebenfalls bereits eine dialektische und/oder dialogische Methode, insbesondere in seiner Schrift "Die Bestimmung des Menschen" (1800). Im Zentrum der erkenntnistheoretischen Erwägung der Idealisten steht das reine Bewusstsein - das Ding interessierte sie nicht mehr (weder an sich noch überhaupt - es geht ihnen um das blosse und reine Bewusstsein bzw. den blossen oder reinen Intellekt oder Geist). Die wilde Dialektik bei Fichte - und erst recht später bei Schelling - nimmt manchmal etwas bizarre, immer aber durchaus intellektuell interessante Formen an. Schelling wechselte die Ausrichtung seiner Philosophie - wie kaum ein anderer Philosoph vor und nach ihm - mehrfach, blieb aber stets im Idealismus verwurzelt. Der bedeutendste Vertreter der Deutschen Idealisten ist Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831). Er sagte, dass die Idee in einer dialektischen Selbstenfaltung des absoluten Geistes zu ihrem Fürsichsein kommt (dies entspricht auch einer unglaublichen [hoch romantischen!] Dramatisierung von Ich und Selbst in einer dynamischen Welt - gegenüber der verwegenen reinen Vernunft bei Kant, notabene). Der Lebensprozess beinhaltet nach Hegel seinen Ausgangspunkt ebenso wie seinen Gegensatz und die Rückkehr zu sich selber auf einer höheren Ebene - der ganze Prozess sei das Wahre. Wie einst Heraklit - der dunkle Philosoph der Antike - geht es Hegel v.a. um die Bewegung: die Dialektik - bestehend aus These, Antithese und Synthese - entspricht der Bewegung im Weltgeist. Hegel greift damit auf Platon und die Scholastik zurück, welche die Dialektik als Methode zur Erkenntnisgewinnung schon bedeutend verwendet haben, für ihn ist sie aber mehr als nur eine Methode: sie ist der eigentliche Urgrund und das eigentliche geistige Prinzip hinter allem. Arthur Schopenhauer (1788-1860) lenkte die Diskussion vom Bewusstsein weiter auf den Willen, von welchem die Idealisten vor ihm auch schon bedeutend gesprochen haben. Für Schopenhauer ist nun dies aber das eigentliche Prinzip. Der Willen bildet sich quasi aus der reinen Vorstellung heraus. Der Intellekt ist bloss das Werkzeug des Willens, welcher aber seinerseits im Leiden der Welt untergeht. Das vergeistigte Leiden bildet den Antrieb des Intellektuellen - in einer Art pessimistischem Idealismus. Dazu braucht es eigentlich keine allzu logische Erkenntnistheorie mehr - und die gibt es bei Schopenhauer (trotz bemühter Versuche) auch eigentlich nicht (immer, wenn es interessant wird, bricht er ab oder um, z.B. und v.a. wenn er bei der Erhebung der Grundgrössen von Raum, Zeit und Kausalität das Vorher und Nachher nicht mehr sieht, d.h. Sinn und Zweck - und letztlich ist er besser in seinen Lebensweisheitsaphorismen als in seiner Erkenntnistheorie [wie logisch auch die Wendung von Schopenhauer erscheint, so mangelhaft ist sein analytisches Vermögen (im Vergleich zu Kant oder Hegel - er versucht, sich auf dieser Ebene zu halten, erreicht sie aber letztlich nicht mehr: der philosophische Zenit war überschritten, nicht aber die Kunst, wie Nietzsche danach zeigen sollte)]).

Hier brach das Programm des deutschen Idealismus ab: im Folgenden sprach Stirner vom Einzigen, Marx von einem (Klassen-) Kampf, Bahnsen von einem (Grund-) Widerspruch, Hartmann (Eduard v.) von einem Unbewussten und Mainländer von einem Wahnsinn - letzteres bereits zur Zeit des grossen Bismarck übrigens, dem vielleicht grössten deutschen Politiker seit Friedrich II., König in und von Preussen und Kurfürst zu Brandenburg, auch: 'Der alte Fritz' (und im Vorraum der Belle Epoque nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870-1871, diesem kurzen Vorgeschmack vom Ersten Weltkrieg), in einer Zeit, in welcher die Politik eigentlich Gewissheit ausstrahlte, die Philosophie diese aber offenkundig nicht aufzunehmen bereit war, und schliesslich trampelte Nietzsche heftig auf dem ganzen geistigen Leiden der Zeit herum und begründete aus dem gleichzeitigen Traum von Macht und Kraft den Über-Träumer bzw. Über-Menschen, während es Husserl - inkl. seinen vielen Anhängern - in seiner übertrockenen Art nicht gelingen wird, es wiederzubeleben (und Heidegger es nur noch mit einem gewissen - nicht bösen, aber neckischen - Schalk betrachtet; wenn es irgendeinen deutschen Philosophen gibt, der adäquat versuchte, an dieses Programm anzuknüpfen, dann ist es vielleicht Habermas mit seiner "Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) [zumindest bildete er, auch wenn seine Wurzeln ebenso in der französischen und US-amerikanischen Philosophie liegen, in einem gewissen Sinn eine logische Fortsetzung vom Bewusstsein der Idealisten über den Willen von Schopenhauer [und Nietzsche] zum Diskurs: das ist sicher ehrenwert, aber die ganz grosse und weltbewegende Bedeutung eines Kant und Hegel, oder auch eines Nietzsche noch in seinem ganzen Abgeschmack von allem, ist - zumindest vorläufig - auf dem Weg etwas verlorengegangen (und die deutsche Kultur kämpft derzeit nicht mehr um den Vorrang in der Philosophie, sondern um die Anerkennung ihrer Sprache und deren Leistungen in einem weltweiten Kontext überhaupt)]).

Das Versprechen des deutschen Idealismus - vielleicht abzüglich einiger Schrulligkeiten, welche ihn in der Vergangenheit belastet haben - bleibt bestehen. Als die die deutsche Philosphie zu ihrer grossen Zeit der Klassik anhob (begleitet im 18. Jahrhundert von der literarischen Klassik, nach Lebenszeit in der Reihenfolge: Kant, Lessing, Mendelssohn, Herder, Goethe, Schiller, Fichte, Jean Paul, Schleiermacher, Hegel, Hölderlin, Schlegel, Schelling, Brentano, Novalis, u.a.) waren die Hauptgleise der Philosophie eigentlich schon besetzt durch die Franzosen (Descartes, Rousseau) und die Engländer (Bacon, Locke), welche die Wissenschaft begründet und die Aufklärung eingeleitet hatten. Trotzdem nahm die deutsche Philosophie danach für längere Zeit die führende Stellung ein und hat auch ein paar grosse praktische wie theoretische Erfolge vorzuweisen: Leibniz und das binäre Zahlensystem (Computertechnik), Wolff und die (Wieder-) Erhebung der Ontologie, Kant und der Kategorische Imperativ sowie die Völkerbundidee (und die Idee eines allgemeinen Weltbürgertums dazu), Marx/Engels und die kommunistische Idee als Wegbereiter für die nachfolgende Sozialdemokratie. Marx, Freud und Einstein waren zudem die bedeutendsten intellektuellen Beweger für das 20. Jahrhundert und die ganzen Veränderungen, welche wir im letzten Jahrhundert erlebt haben (was einigermassen erstaunlich ist, da die jüdische Philosophie bis dahin vergleichsweise eher eine Randerscheinung in der westlichen Philosophie war [etwa mit Philon, Avicebron, Maimonides, Gersonides, Spinoza oder Mendelssohn - zeitgleich oder später: Cohen, Buber, Kaplan, Rosenzweig (und eine ganze Reihe weiterer Philosophen mit jüdischem Hintergrund im 20. Jahrhundert, wie etwa Adorno, Arendt, Benjamin, Chomsky, Derrida, Fromm, Horkheimer, Jonas, Levinas, Nagel, Popper, Putnam, Rand, Reichenbach oder Singer; nachdem die jüdischen Denker im 19./20. Jahrhundert für Deutschland von grosser Bedeutung waren, sind sie es im 20./21. Jahrhundert für die USA)]).

Bezüglich der drei grossen Fragen der Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie steht die Betrachtung der dritten Frage noch aus, welche die Tiefen- und Neuropsychologie, die Hirnforschung und die Philosophie des Geistes betrifft - dies behandle ich hier nur am Rande, da die Wissenschaft in diesen Bereichen philosophisch noch nicht sehr aussagekräftig ist, falls sie überhaupt einen bedeutenden Einfluss auf die Philosophie haben werden. Vielleicht spielt es für die Philosophie gar keine allzu grosse Rolle, welche Neuronen genau an welchen Prozessen beteiligt sind, wie es auch keine grosse Rolle für sie spielt, welche Muskeln für welche Bewegungen verantwortlich sind - bedeutend für die Philosophie ist die Richtung der Bewegungs- und der Denkprozesse. (Es gibt jedenfalls keinen Grund eigentlich für die Philosophie in diesem philosophiegeschichtlichen Zusammenhang hier allzu viel dazu vorzugreifen.)

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Ich möchte an dieser Stelle auf Kant zurückkommen (denn natürlich hat die Betrachtung des Kategorischen Imperativs einen eigenen Abschnitt verdient - als eine der grössten philosophischen Unternehmungen überhaupt [nebst etwa der Ideenlehre von Platon, der Wissenschaft von Aristoteles, der Theologie von Aquino oder dem Rationalismus von Descartes]). Wenn man Kant noch mehr erhöhen wollte, als es schon gemeinhin getan wird, könnte man die Philosophiegeschichte als einen dreiteiligen Akt und Kant als ihren Höhepunkt deuten: 1. Platon, mitsamt seinem Sokrates und den Urgrundphilosophen, im Auftakt, in der Begründung des Idealismus, 2. Aristoteles mit der Begründung der Wissenschaft, und in seinem Zuge - nach einer längeren Phase der reinen Religion im Mittelalter - die neuzeitliche Wissenschaft*, 3. Kant (im Zuge der englischen und französischen Aufklärung), mit der Erfüllung des idealistischen Anhauchs und der Beschreibung einer vollkommenen Ethik. (Dies wäre die einfachste Darstellung einer reinen Philosophie, die dann aber auch mit Kant [und Hegel**] quasi zu Ende wäre - so wollen wir das Ganze natürlich nicht deuten, trotzdem sei auf diese Kernentwicklung der reinen Philosophie hingewiesen. Man kann das Komplexe - denke ich - nicht verstehen, wenn man nicht auch die Versimpelung davon sieht.)

* Mit dem Empirismus von Bacon und dem Rationalismus von Descartes (nebst den Berechnungen von Kepler und den Experimenten von Galilei natürlich, u.v.a.).

** Dieser lieferte mit seiner Dialektik, in einer Erweiterung und/oder Umdeutung der platonischen Dialektik, noch ein allgemeines Welterklärungsmodell dazu, von welchem man aus kantischer Sichtweise sagen kann, dass dies für den Menschen nicht nötig sei, wenn man die reine Ethik hat, während es aus hegelianischer Sicht unbedingt notwendig ist, die Welt (als einen dynamischen Prozess) zu erklären (auch wenn man mit einer solchen Erklärung in Konflikt mit der reinen Ethik kommen kann, welche aber aus hegelianischer Sicht zu fix und starr ist und zu wenig Lebensbewegung zulässt).

Immanuel Kant und der Kategorische Imperativ. Wenn Denken und Philosophie (auch) auf Schönheit gründet, wie Platon behauptete, dann hat Kant ein solch ästhetisches Projekt der Philosophie in einem gewissen Sinn zum Höhepunkt geführt. Manchmal hat er es mit seinem Stil sogar ein bisschen übertrieben, aber das sei ihm verziehen. Kant wusste, dass er es, wenn er die Ethik in der Philosophie wiedererheben wollte, gegen eine mittlerweilen schon mächtig erstarkte Naturwissenschaft aufnehmen musste, die keine immanente und adäquate Ethik mehr in sich trägt. In seinen frühen Jahren hatte er sich selber mit der Naturwissenschaft beschäftigt und ein naturwissenschaftliches Werk geschrieben ("Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels", 1755 - anonym veröffentlicht [vor seiner eigentlichen Habilitation und Dissertation - er war in seinem Studium nicht der schnellste und wurde oft beim Billardspiel gesehen, mit welchem er sich auch einen Teil des Studiums finanziert haben soll]). Dann widmete er sich - aus pietistischem Elternhaus stammend - zunächst der Religion ("Der einzige mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes", 1762 - mit dem Versuch eines ontologischen Gottesbeweises). Es folgte eine Kritik des Theosophen Swedenborg ("Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik", 1766). Dies immer unter vielem Anderem, denn Kant war sein Leben lang ein ausgesprochener Vielpublizist. In den 1770-er Jahren schrieb er nur zwei Schriften und bereitete ansonsten die grosse Wende in seiner Philosophie ein, von welcher er später sagte, dass die Beschäftigung mit dem Skeptizismus von Hume sie wesentlich begründet habe. Es ist die kantische Wende zu einem Kritizismus und zu einer vollkommenen Ethik. Kant bezeichnete seine Zeit als die Zeit der Kritik (was für uns auch sehr modern tönt, aber diese Neigung des Kritizistischen tauchte eben bereits hier auf [wobei Kant einen positiven Begriff der Kritik von einer Grenzbestimmung hat - im Gegensatz zum eher negativen Begriff der Spätmoderne]). 1781 erschien die "Kritik der reinen Vernunft", welche allgemein als das grösste und bedeutendste Werk von Kant gilt. Wenn man es genau betrachtet, ist es aber eigentlich nur eine Vorbereitung für die "Kritik der praktischen Vernunft" (1788 - welcher dann, etwas weniger bedeutend, noch die "Kritik der Urteilskraft", 1790, folgte). Mit viel theoretischem Brimborium bahnte sich Kant in seiner ersten kritischen Schrift, am Empirismus und Rationalismus vorbei, den Weg zum Kategorischen Imperativ, welcher in seiner zweiten kritischen Schrift zur Blüte kam und den ersten und höchsten Satz einer ethischen Philosophie begründet: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Muss man diesen Satz, auf welchen die gesamte Philosophie von Kant hinzielte, eingehend erklären*? Er beinhaltet einen platonischen und/oder plotinischen Anhauch ebenso wie die Erfüllung des Gesellschaftsvertrags der Aufklärung, und er bedeutet v.a. dies - wie bei allen grossen ethischen Sätzen und Weltformeln (z.B. auch bei der Goldenen Regel in der Religion) - dass wir uns ständig in Gefahr befinden, von ihm abzuweichen. Dieser Satz entsprach nicht nur einer grossen Tat für die (philosophische) Ewigkeit, sondern auch einer bedeutenden Notwendigkeit der Zeit. Die Französische Revolution brachte eine grosse Unsicherheit der Gesellschaft und ihrer Politik hervor. Im Jahr 1789, ein Jahr nach der Veröffentlichung des Kategorischen Imperativs - es ist das Jahr der Revolution! - begrüsste Napoleon (20-jährig) in Frankreich die Bürgerrevolution ausdrücklich, verurteilte aber die damit verbundenen Unruhen und Ausschreitungen... Kant stellte nun - pünktlich, wie er war - einen Satz zur Verfügung, an welchem sich der Bürger ungeachtet aktueller und kommender politischer Wirren festhalten konnte. In seinem Alterswerk - immerhin mit 71 Jahren! - setzte er noch einmal einen Meilenstein und lieferte seinen grössten realpraktischen Erfolg nach: die bis dahin bedeutendste Begründung eines Völkerbundes ("Zum ewigen Frieden", 1795**). Und was von ihm drittens auch bedeutend in Erinnerung bleibt ist sein grosses Motto zur Aufklärung: "Sapere aude!" (dt. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! - natürlich übrigens [im Allgemeinen] kein Widerspruch zum Kategorischen Imperativ, denn dieser soll ja der Schluss aus jenem sein [wir können dazu im Sinn einer kantischen Pflichtethik anführen: das Persönliche ist kein Hinderungsgrund dafür, das Allgemeine zu anerkennen (vielmehr denn als Pflicht verstand aber Kant seinen Kategorischen Imperativ als logische Schlussfolgerung eines vernünftigen Denkens bzw. des Denkens der Vernunft, daher hätte er ihn vielleicht eher [ohne preussischen Einschlag, quasi] als Logische Rationalität einer jeglichen Ethik bezeichnen sollen)]).

* Versuchen wir eine solche Erklärung einmal in drei Sätzen. Kant geht davon aus, dass es möglich ist, auf rationalem Weg zu einer objektiven Moral zu kommen (so gelangt er von der Kritik der reinen Vernunft zur Kritik der praktischen Vernunft, welche schon in jener vorgespurt ist). Die Moralphilosophie Kants ist einzuordnen als Deontologie - d.h. nur der Akt alleine zählt für die moralische Bewertung, weder der Kontext oder die Umstände noch die Konsequenzen (vgl. Konsequentialismus [Bentham] - der Zweck heiligt die Mittel: nach Kant soll der Mensch als Zweck an sich behandelt werden, nicht als Mittel zum Zweck). Sie zielt auf eine vollkommene, nicht verhandel- oder übertragbare, universal gültige Ethik. Kritik? Der Kategorische Imperativ ist für die Person unerfüllbar. Das ist wohl wahr, aber er ist auch nicht ein juristisches Gesetz, sondern bloss eine ethische Maxime. Wenn er nicht erfüllbar ist, führt er zu einer Doppelmoral. Auch das ist wohl wahr, aber sollten wir aufgrund der Unerfüllbarkeit einer höchsten Ethik jegliche Moral überhaupt verwerfen? Wohl eher nicht. Das heisst: mit einer gewissen Doppelmoral in der Welt müssen wir wohl einfach leben. Kant vertritt aber nicht eine Doppelmoral, sondern eben eine vollkommene Moral, und dies geht so weit, dass er nicht einmal eine Notlüge erlaubt (siehe: "Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen", 1797 [gegen Benjamin Constant]). Ok: Kant hat seinen Ethizismus ein bisschen übertrieben, aber das musste er tun, um zu einer höchsten Maxime zu kommen. Was die Menschen damit anfangen, ist ihnen letztlich selber überlassen. Eine perfekte Welt wird es nie geben, aber wir können uns überlegen, mit welchen Sätzen (und Handlungen) wir sie besser machen können. Nichts anderes als dies hat Kant getan. Wir dürfen in der ganzen Philosophie den Alltag nicht vergessen (in welchem nicht jeder ein Platon oder ein Kant ist [um einmal die höchsten ethisch-moralischen Autoritäten zu nennen (Platon indes nur in den Grundideen und in manchen Passagen, in anderen wiederum, wenn er über das Ziel hinaus geschossen hat - was im Idealismus immer vorkommen kann - eher nicht)]). Wir dürfen im ganzen Alltag aber auch die Philosophie nicht vergessen. Die Frage auch diesbezüglich übrigens, ob wir in der Ethik vom Höchsten ausgehen sollen (wie Platon und Plotin) oder aber vom Mittleren (wie Konfuzius und Aristoteles) ist eine offene und äusserst schwierige Frage; ich würde dazu sagen: die reine Ethik zielt auf das Höchste, die Lebensmoral aber eher auf das Mittlere (schon alleine um dieses zu bestimmen, benötigt der Mensch jedoch auch eine Einsicht in die höchste Ethik - natürlich kommt es auch immer auf die Sachlage drauf an: es gibt Fragen, in welchen es selbst im Alltag fast nur eine höchste Ethik geben kann [und eine solche ist ferner natürlich in der ganzen modernen Wirtschaft hoch präsent, in welcher es - sei es im gehobenen Handwerk, in der standardisierten Arbeit und in der industriellen Massenproduktion - oft nur ein Ziel gibt, nämlich eben (einer höchsten Ethik folgend) die Dinge perfekt zu machen: das Beispiel der Wirtschaft zeigt natürlich aber auch das Problem und die Grenzen von einer überdimensionalisierten und v.a. von einer standardisierten Ethik, welche sich selber ad absurdum führen kann, wenn man sie allzu technisch und/oder hierarchisch versteht - eine Thematik, welche Marx dann aufgenommen hat]).

** Von einem dauerhaften oder ewigen Frieden hatte allerdings bereits Charles Irénée Castel de Saint-Pierre (auch: Abbé de Saint-Pierre, 1658-1743) gesprochen (in seinem Werk "Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe" [1712/1717] - er kann somit als Vater späterer europäischer Integrationsbemühungen und -bewegungen gelten [etwa beim Wiener Kongress im 19. und mit der Europäischen Union im 20. Jahrhundert]). Was den (Welt-) Völkerbund betrifft, so dauerte es also von der Begründung der Idee (1795) bis zur ersten Umsetzung (1920) genau 125 Jahre - eine denkwürdige (und trotzdem in der gesamten historischen Entwicklung auch wiederum nicht allzu lange!) Zeit.

Hier gibt es als kleines Müsterchen eine kleine Passage aus Kants "Kritik der reinen Vernunft". Dies sind nur drei Sätze, die ein bisschen den Stil von Kant aufzeigen, welcher sicher mit Hegel - aber natürlich auch etwa Nietzsche auf seine Art und Weise - zu den grössten Artisten und Stilisten in der Philosophiegeschichte zählt. "Ich werde mir also nach der Analogie der Realitäten in der Welt, der Substanzen, der Kausalität und der Notwendigkeit, ein Wesen denken, das alles dieses in der höchsten Vollkommenheit besitzt, und, indem diese Idee bloss auf meiner Vernunft beruht, dieses Wesen als selbständige Vernunft, was durch Ideen der grössten Harmonie und Einheit, Ursache vom Weltganzen ist, denken können, so dass ich alle, die Idee einschränkende, Bedingungen weglasse, lediglich um, unter dem Schutze eines solchen Urgrundes, systematische Einheit des Mannigfaltigen im Weltganzen, und, vermittelst derselben, den grösstmöglichen empirischen Vernunftgebrauch möglich zu machen, indem ich alle Verbindungen so ansehe, als ob sie Anfordernungen einer höchsten Vernunft wären, von der die unsrige ein schwaches Abbild ist. Ich denke mir alsdenn dieses höchste Wesen durch lauter Begriffe, die eigentlich nur in der Sinnenwelt ihre Anwendung haben; da ich aber auch jene transzendentale Voraussetzung zu keinem andern als relativen Gebrauch habe, nämlich, dass sie das Substratum der grösstmöglichen Erfahrungseinheit abgeben sollte, so darf ich ein Wesen, das ich von der Welt unterscheide, ganz wohl durch Eigenschaften denken, die lediglich zur Sinnenwelt gehören. Denn ich verlange es keineswegs, und bin auch nicht befugt es zu verlangen, diesen Gegenstand meiner Idee, nach dem, was er an sich sein mag, zu erkennen; denn dazu habe ich keine Begriffe, und selbst die Begriffe von Realität, Substanz, Kausalität, ja sogar der Notwendigkeit im Dasein, verlieren alle Bedeutung, sind leere Titel zu Begriffen, ohne allen Inhalt, wenn ich mich ausser dem Felde der Sinne damit hinauswage." (Für uns tönt das heute eher ein bisschen antik, indes: wenn man die Art und Weise genau untersucht, findet man bei Kant eben in gewissen Wendungen auch einen Einschlag von späterer Moderne bereits, wie es ihn bei den anderen grossen Philosophen jener Zeit so noch nicht gab [ausgenommen vielleicht Voltaire, der aber mehr belletristische als philosophische Werke verfasste, eigentlich also ein belletristischer Schriftsteller war].)

Zu den Philosophen, welche Kant besonders beeinflusst haben - nebst etwa (wie er selber sagte) Hume oder Crusius direkt, oder auch Locke und Rousseau indirekt - zählt natürlich (was Kant viel zu wenig deklarierte) v.a. auch Christian Thomasius (1655-1728), einem Philosophen, der heute - im Schatten von Kant - nahezu unbekannt geblieben ist (obwohl er als der erste grosse deutsche Aufklärer gilt), dessen Vater (Jakob Thomasius) der Lehrer von Leibniz war und dessen (juristische) Vernunftlehre Kant kritisierte (ebenso zu erwähnen ist noch früher die Vernunftrechtslehre von Pufendorf [damit ist ein Recht gemeint, welches aus der blossen Vernunft (also vollkommen rationalistisch) hergeleitet wird]). In einem gewissen Sinn hat also Kant quasi auf philosophischem Boden die Vernunftlehren von Pufendorf, Thomasius und Wolff abgeschlossen. Zeitlich steht er zwischen Leibniz und Wolff, welche in Deutschland das erste grosse philosophische System begründet haben (Leibniz-Wolffsches System: dieses wurde vor Kant bereits etwa von Buddeus und Crusius kritisch betrachtet - Leibniz schrieb die Theodizee [d.h. Gerechtigkeit oder Rechtfertigung Gottes, mit dem Versuch eines philosophischen Gottesbeweises, was im 11. Jahrhundert erstmals Anselmus von Canterbury versucht hatte, der Begründer der Einsicht bzw. Vernunft im Glauben], Thomasius stellte die Vernunftlehre auf, Wolff sprach von der göttlichen Gnade und dem Licht der Vernunft, Kant schrieb die Kritik der reinen Vernunft [und die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft]). Diese Betrachtungen sind insbesondere darum interessant, weil Kant im internationalen Verständnis, welches sich wenig interessiert für die frühere deutsche Philosophie - abgesehen vielleicht von Leibniz - wie ein Monolith dasteht: man muss ihn aber ebenso in seinem internationalen wie auch in seinem deutschen Kontext sehen. Seine grosse Weltbekanntheit kommt nicht zuletzt auch von seiner philosophischen Beziehung zu Hume, welche ihm eine grosse Bedeutung im angelsächsischen Sprachraum eingebracht hat (dagegen ist die Rezeption etwa von Hegel im angelsächsischen Raum sehr viel kleiner).

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NEUZEIT / MODERNE II (Sozialismus, 19./20. Jh.) * * * Ein merkwürdiges Paar * * * Die utopischen Sozialisten * * * Comte - oder: die Soziologie als Wissenschaft * * * Darwin und die Affen * * * Marxismus und Sozialdarwinismus * * * Individualismus und Kulturkritik (Stirner, Kierkegaard, Nietzsche) * * * Analytische Philosophie von Frege * * * Psychoanalyse mit Freud * * * Einstein, der Relativismus und die Weltformel * * * Neopositivismus und Neoliberalismus.


Nun wird es noch ein bisschen schwieriger, die Philosophie darzustellen - nicht weil sie so viel komplexer geworden wäre (eher das Gegenteil ist der Fall), sondern: weil sie so viel diversifizierter geworden ist. Das heisst: es gibt viele Linien in der neueren Philosophie, welchen wir folgen und/oder sogar zu Hauptlinien erklären könnten. Die Ideologie (und Anti-Ideologie) spielen in der Philosophie eine grössere Rolle denn je. Ich möchte hier vornehmlich einer politischen Linie folgen, aber natürlich alles andere dabei mitbetrachten. Ist das legitim? Auch hier: einige Philosophen glauben, die Philosophie laufe letztlich auf die Politik hinaus, andere wiederum meinen, dass man eine reine Philosophie erhalten müsse jenseits von allen Gebieten der übrigen Wissenschaften. Dies freilich wird immer schwieriger, aufgrund der hohen Entwicklung der heutigen Wissenschaften und ihrer Teildisziplinen (und jede von ihnen hat immer wieder einen grossen Einfluss auf die Philosophie, aus welcher sie ja auch hervorgegangen sind - schon alleine deswegen ist die Behauptung einer reinen Philosophie immer schwieriger: ist sie denn tatsächlich noch rein, wenn man alle spezifischen Wissenschaftsgebiete davon abziehen muss? Also: Aristoteles ohne Physik, ohne Biologie, ohne Psychologie, auch ohne Politik eben, und letztlich sogar auch ohne Logik und Ethik? [was ja eigentlich auch eigenständige Wissenschaftsgebiete sein könnten und/oder müssten: die Logik ist teils heute schon in der Mathematik beheimatet, während die Ethik erstaunlicherweise noch keine eigene Wissenschaft gefunden hat, was auch darauf hinweisen könnte, dass sie das eigentliche Kerngebiet der Philosophie ist, womit aber wohl auch nicht alle einverstanden sind]). Die Philosophie ist ein bisschen in ein Dilemma geraten - das wissen wir eigentlich schon länger, aber das Problem ist nicht kleiner geworden. Es ist heute teils so, dass Philosophen im Namen der Philosophie von den unterschiedlichsten Dingen sprechen, die auch teils nicht mehr allzu viel miteinander zu tun haben. Das war früher nicht so: da gab es zumindest Fixpunkte, an denen niemand vorbeigekommen ist - das gibt es heute weitgehend nicht mehr. Es gibt wohl noch immer bedeutendere und weniger bedeutende Sammelpunkte, aber unter diesen keinen einzigen, den man (ob berechtigterweise oder nicht) in einer spezifischen Philosophie nicht ebenso gut auch weglassen bzw. unterschlagen könnte. Während die Neuzeit - in der Renaissance - mit den Universalgelehrten begann - sind wir heute bei den Spezialphilosophien angelangt, die mitunter - nicht immer, aber manchmal - auch eben die Politik in die eine oder andere Richtung zu lenken versuchen bzw. von der einen oder anderen politischen Richtung ausgehen. Nehmen wir aber einmal an, die neuere Philosophie sei nur halb so komplex, wie es den Anschein macht (sonst könnten wir sie ja überhaupt nicht mehr entwirren).

Grundsätzlich mache ich die Zeiteinteilung mit dem Altertum (Vor-Antike), der Antike, dem Mittelalter, der Neuzeit (Wissenschaft), der Moderne (Aufklärung/Liberalismus [hier: Moderne I]) und der Spätmoderne (Aufklärung/Sozialismus [Moderne II] sowie Existenzialismus [Moderne III - wobei der Existenzialismus für mich quasi die dialektische Folge aus dem politischen Konflikt zwischen dem Liberalismus und dem Sozialismus darstellt]).

Sozialistische Ideen gehen in der Philosophie vielleicht zurück bis auf die Gesellschaftsutopie von Morus (oder sogar auf platonische Ideen), aber wenn wir all die kommenden Veränderungen in der Gesellschaft betrachten, fällt im 18./19. Jahrhundert zuerst einmal v.a. ein seltsames oder merkwürdiges Paar auf: William Godwin (1756-1836, Anarchist [Hauptwerk: "Enquiry Concerning Political Justice and its Influence on Modern Morals and Manners" (1793) - er träumte von einer Welt ohne Staaten und Regierungen]) und Mary Wollstonecraft (1759-1797, Frauenrechtlerin [Hauptwerk: "A Vindication of the Rights of Woman" (1789)]). Die beiden hatten eine berühmte Tochter: Mary Shelley (1797-1851, Schriftstellerin - geb. Mary Godwin, auch: Mary Wollstonecraft Shelley [Werke: "Frankenstein or The Modern Prometheus" (1818), eine frühe Wissenschaftskritik, oder "The Last Man" (1826), der erste grosse gesellschaftsdystopische Roman]). Dieses Paar ist eine Art Vorläufer des heute berühmteren existentialistischen Paars Sartre/De Beauvoir im 20. Jahrhundert (ohne berühmte Nachkommen): ein Paar, welches die Welt in Frage und auf den Kopf stellt. Godwin und Wollstonecraft haben nichts direkt mit dem Sozialismus zu tun, aber sehr viel eben mit einem freieren Denken, welches dafür notwendig war gegen die festgefahrenen Konventionen der Zeit. Das zeigt: es gab auch verrücktere Gedanken als jene der frühen, utopischen Sozialisten zu jener Zeit, aber die gab es ja mindestens schon seit Voltaire. Der moderne Sozialismus begann eigentlich in religiösen Sozialsiedlungen - die älteste soll jene der Fuggerei sein, zurückgehend auf Jakob Fugger, einem der reichsten Menschen seiner Zeit und einem der ersten grossen Philanthropen der neueren Zeit (1521 - philosophisch betrachtet liegt dies in der Zeit der Renaissance, rund 25 Jahre nach Mirandola und seiner Rede über die Würde des Menschen). Speziell an dieser Fuggerei: sie war nur für katholische Bürger zugänglich, und ihre Bewohner waren dazu angehalten dreimal am Tag ein Gebet für die Stifterfamilie zu sprechen. Bekannter ist in der Philosophie vermutlich die genossenschaftliche US-Siedlung New Harmony (1824-1827 ff), gegründet vom englischen Frühsozialisten und Unternehmer Robert Owen (zuvor als pietistische Siedlung Harmony [1814-1824, gegründet von Johann Georg Rapp]). Dieser zählt zu den grossen utopischen Frühsozialisten. Was für ein Traum! Der Traum von der sich durch Arbeit selbst erhaltenden Sozialsiedlung gegen die Armut der Zeit.


(Früh-) Sozialismus und Soziologie. Der Begriff vom Sozialismus und von den Sozialisten findet sich bereits im 'Contrat Social' von Rousseau und soll etwa in den 1820-er Jahren bedeutend aufgetreten sein. Die berühmtesten Frühsozialisten, welche (nach einer Bezeichnung von Marx) auch utopische Sozialisten genannt werden, sind Saint-Simon, Owen und Fourier. Owen war beeinflusst von Bentham, dem Utilitaristen, Saint-Simon von Destutt de Tracy, dem Ideologisten (dieser heute nicht mehr allzu bekannte Aufklärer begründete eine Ideologie namens Ideologie, als Wissenschaft der Vorstellungen und Wahrnehmungen). Der Frühsozialismus schien zu jener Zeit irgendwie in der Luft zu liegen und sich unabhängig in Frankreich und England entwickelt zu haben - in England eher praktisch, in Frankreich eher theoretisch. Robert Owen (1771-1858), das jüngste von sieben Kindern eines Sattlers, fing als Lehrling in der Textilindustrie an und arbeitete sich später bis zum Fabrikleiter hoch - als solcher führte er ab 1799 menschenwürdigere Arbeitsbedingungen ein. Sein Betrieb galt in dieser Hinsicht als viel beachteter Musterbetrieb. Das utopische Experiment mit einer sozial organisierten Genossenschaftssiedlung in den USA war dann zwar aufsehenerregend, aber von relativ kurzer Dauer. Letztlich ist wohl der Name von Henri de Saint-Simon (1760-1825) der grösste unter den frühen Sozialisten. In seinen Schriften forderte er eine soziale Reorganisation der Gesellschaft in ganz Europa. Ebenso sprach er bereits von einer Wissenschaft der Gesellschaft - eine Idee, welche sein Sekretär Auguste Comte (1798-1857) als Begründer der Soziologie als Wissenschaft umsetzen sollte. Kurz nach dem Tod von Saint-Simon, bildeten seine Anhänger eine jedoch nicht sehr weitreichende Schule des Saint-Simonismus. Bedeutend ist zu dieser Zeit nicht der Sozialismus als Idee alleine, sondern (wie auch im späteren Marxismus, notabene) die Verbindung von Wissenschaft, Sozialismus und Industrie. Das war noch nicht unbedingt (revolutionär) gegen eine andere Klasse gerichtet, sondern als logische Weiterentwicklung aus der Bürgerrevolution gedacht (das zeigt sich gerade auch in der Comtschen Weiterentwicklung des Saint-Simonismus zur Soziologie - auch wenn es bereits während der Französischen Revolution auch Gleichheitsfanatiker mit revolutionären Tendenzen gab [siehe etwa: Geheimbund der Verschwörung der Égaux (Gleichen) unter Babeuf, ab 1795]; die frühen Sozialisten glaubten daran, dass sich eine künftige sozialistische Gesellschaft mit dem wissenschaftlichen Fortschritt wie von selber durchsetzen und ausbreiten werde). Comte verwendete für seine Vorstellung von Soziologie den Begriff des Positivismus. Darunter verstand er einen dreifachen Entwicklungsprozess: von einer theologischen zu einer metaphysischen und von dieser zu einer positiven Epoche, in welcher die Religion und die Philosophie (zugunsten einer reinen Wissenschaft) überwunden werde. Sowohl Saint-Simon wie auch Comte provozierten die katholische Kirche, indem sie in ihren Werktiteln den Begriff des Katechismus verwendeten. Comte schrieb sogar ein Werk namens "Katechismus der positiven Religion" (was ein bisschen an Kants 'Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft' erinnert - dies dürfte jedoch nicht der Weg sein zu einer besseren Verständigung zwischen Religion, Philosophie und Wissenschaft [wir müssen in einer solchen die Religion als Religion, die Philosophie als Philosophie und die Wissenschaft als Wissenschaft sein und gelten lassen und ein gutes Gleichgewicht dieser Gesellschaftsfaktoren anstreben]). Saint-Simon wird trotz seiner Provokation als Vater der (späteren) katholischen Soziallehre betrachtet. Die Wissenschaft der Soziologie werde erst dann richtig entwickelt, meinte Comte, wenn alle anderen Wissenschaften schon auf einem sehr hohen Niveau seien - vermutlich hatte er damit recht: der Mensch scheint in der Wissenschaft an alles Andere zuerst zu denken, und zuletzt erst an seine Gesellschaft. (Weitere bedeutende Positivisten waren etwa Spencer oder Taine. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang natürlich auch der früher schon begründete naturwissenschaftliche Determinismus [Laplace]. Und später sollte dann v.a. der Neopositivismus zu einer grossen und fragwürdigen Berühmtheit gelangen. Betrachten wir den Frühsozialismus von Saint-Simon und den Positivismus von Comte, so können wir sagen, dass diese beiden die heutige Zeit und Politik sehr massgeblich mitgeprägt haben. Und spätestens von diesem Zeitpunkt an, muss man die Philosophie auch mit einem politischen Blick betrachten.)


Exkurs - Einteilung der Wissenschaften. Aus dem Gebiet der Soziologie heraus wurden bis heute verschiedene weitere Wissenschaften begründet, wie etwa die Politik- und die Medienwissenschaft. Zudem gibt es Disziplinen, die sich vorher begründet haben, welche aber ebenfalls eigentlich in das Gebiet der Soziologie gehören, wie die Jurisprudenz und die Ökonomie. Dies sind eigentlich alles nur Teilgebiete der Soziologie, da das zu erforschende Subjekt all dieser Wissenschaften - unter je verschiedenen Gesichtspunkten - die (selbe) Gesellschaft ist (besonders klar ist dieser Fakt bei der Politologie: Polis [Gesellschaft] -> Politik -> Politologie). Die (wilde) Aufteilung der Wissenschaften wird spätestens hier zu einem kleineren oder grösseren Problem (insofern diese Wissenschaften sich dann nicht als Teildisziplinen betrachten, sondern als eigenständige Wissenschaften, was eine umgreifende Soziologie zu einem einigermassen schwierigen Unterfangen macht [nicht zuletzt natürlich aufgrund der grossen gesellschaftlichen Bedeutung und Macht der Ökonomie, aber auch aufgrund der sich ebenso eigentlich neben aller Wissenschaft betrachtenden Realpolitik (die Fehlentwicklungen, die wir in der Geschichte der Politik jedoch massenhaft einsehen und betrachten können, zeigen, dass eine Wissenschaft der Gesellschaft doch vermutlich einigen Sinn macht, auch und v.a. um die Gesellschaft zu schützen - ohne dabei wiederum in wissenschaftliche Absolutismen hineinzugeraten, natürlich, welche sinnvolle gesellschaftliche Entwicklungen behindern: Frieden, Entwicklung und Ausgleich in Einklang zu bringen, das ist sicher ein grosses Postulat einer wissenschaftlichen Soziologie)]). Die Einteilung der Wissenschaften ist noch heute ein umstrittenes Gebiet. Aristoteles teilte das Handeln und die Wissenschaften grundsätzlich in drei Gattungen ein: Theoria (Theoretisches Handeln bzw. Betrachten: Metaphysik, Physik [bzw. Naturphilosophie], Biologie, Psychologie), Praxis (Praktisches Handeln bzw. [allgemein] Handeln: Ethik, Politik), Poiesis (Zweckgebundenes Handeln bzw. Herstellen: Rhetorik, Poetik); eine vierte Sektion bildet die Logik (Kategorienlehre, Interpretation, Analytik, Topik, u.a.). Bedeutend ist in dieser Aufteilung v.a. der Gegensatz zwischen Theoretischer (heute: Naturwissenschaft) und Praktischer Philosophie (heute: Geisteswissenschaft) - sowie Ontologie, wie wir dazu sagen müssen, denn dies ist ja eigentlich (als Erste Philosophie, oder Grundphilosophie) die dritte eigenständige Grundkategorie bei Aristoteles. Weiter finden wir Wissenschaftsklassifizierungen in der Antike etwa bei den Stoikern, während die Scholastiker im Mittelalter drei Hauptfakultäten (Theologie, Jurisprudenz und Medizin) sowie Sieben Freie Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) bezeichneten; in der Neuzeit sind die Enyklopädisten zu erwähnen, ferner etwa Bacon, Bentham, Ampère, Comte (mit einer [quasi positivistischen] Reihenfolge der Wissenschaften: Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie, Biologie, Soziologie) oder Spencer. In der neueren Zeit ist es nicht mehr üblich, sich allzu grosse und bedeutende bzw. systemische Gedanken dazu zu machen. Entsprechend werden die Wissenschaften heute - mit der ganzen Zunahme der Komplexität der Diversifizierungen - in der Wikipedia (d.h. in der heute meistverwendeten Enzyklopädie des Wissens, Stand Herbst 2017) in viele verschiedene Klassen eingeteilt (ohne allzu grosse Begründungen dazu): Geisteswissenschaften (Kulturwissenschaften), Humanwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Agrarwissenschaften, Philosophie, Rechtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Strukturwissenschaften, Theologie, Wirtschaftswissenschaften. Das erscheint irgendwie beliebig fast (und so wird es eigentlich heute auch an den Universitäten gehandhabt [jede Universität hat praktische ihre eigenen Klassifizierungsstrukturen und -gründe, wie die Politik auch in jedem Kreis verschieden fast beliebig ihre Ministerien organisiert - die neuzeitliche Grundeinteilung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften spielt eine immer geringere Rolle]). Dies ist (zunehmend) eines von verschiedenen bedeutenderen Problemen in der heutigen Wissenschaft: fehlende Ordnung und Klarheit. (Allerdings ist dazu zu sagen, dass die Ordnung der Wissenschaften aus verschiedenen Gründen auch eine sehr schwierige und komplexe Sache ist - aber vermutlich auch eine wichtige Sache eben im Rahmen von einer ernstzunehmenden und nachhaltigen Wissenschaft überhaupt.)

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Marxismus und Sozialdarwinismus. Bedeutende Weiterentwicklungen im Sozialismus fanden gegenüber dem Frühsozialismus in Deutschland statt (sowohl in Richtung Kommunismus wie auch in Richtung Sozialdemokratie). Der erste bedeutende deutsche - überwiegend christlich geprägte - Sozialist war Wilhelm Weitling (mit seiner Schrift "Die Menschheit wie sie ist und sein sollte", 1839/40). "Darum muss die nächste Revolution, soll sie verbessern, eine soziale sein." Offenbar bezeichnete in jener Zeit der Sozialismusbegriff eine Bourgeoisbewegung - Saint-Simon war ein Aristokrat - der Kommunismusbegriff dagegen eine Arbeiterbewegung. Daher war es naheliegend, dass Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels, welche 1848 gemeinsam, just zur Märzrevolution 1848/49 in Deutschland (und nachdem sich Marx zuvor am französischen Anarchisten Proudhon gerieben hatte), das Kommunistische Manifest veröffentlichten, und also den Kommunismusbegriff forcierten. Später wurde ihre Ideologie - in Abgrenzung auch zum realexistierenden Kommunismus in Osteuropa (seit 1917) - konsequent als Marxismus bezeichnet. Die philosophischen Hintergründe des Marxismus werden als Dialektischer Materialismus beschrieben und basieren auf der Dialektik von Hegel und dem Materialismus von Feuerbach. Entscheidend für die Welt- und Gesellschaftsentwicklung sind in diesem Denken die Produktivkräfte und die Produktionsverhältnisse, welche bestimmte Gesellschaftsklassen schaffen. Der Mensch ist demgemäss grundsätzlich ein Opfer seiner Bedürfnisse. Marx glaubte, dass der Endzweck eine klassenlose Gesellschaft sei. Der preussischen Reaktion entfliehend zog er 1849 nach Paris und schliesslich nach London. In England lernte er die dortigen Arbeitsverhältnisse und deren geschichtliche Hintergründe im Rahmen der industriellen Revolution besser kennen, welche er in seinem Hauptwerk "Das Kapital" sehr genau beschrieb. Den (politischen) Freiheitsbegriff aus der Bürgerrevolution interpretierte er um zu einem (v.a. im Arbeitsprozess relevanten) Selbstverwirklichungsideal, womit er einen gewissen Höhepunkt liefert im gesamten politischen Idealismus, wie er seit der Bürgerrevolution aufgebrochen ist (bzw. den verschiedenen Revolutionen: in England 1688/89 [Glorious Revolution], in Frankreich 1789 [sowie, während der nachnapoleonischen konservativen Restauration: Julirevolution 1830], in Deutschland 1848/49 [Märzrevolution: gescheitert - gleichzeitig, oder leicht vorausgehend 1847/48, in der Schweiz: Sonderbundskrieg und liberalistischer Bundesstaat (nach dem Vorbild der USA und des revolutionären Frankreichs)], in Russland 1917 [Oktoberrevolution: Anfang des realexistierenden Kommunismus]). Eine andere Entwicklung prägte das 19. Jahrhundert ebenfalls stark. Mit seinem Hauptwerk "On the Origin of Species" (dt. Über die Entstehung der Arten, 1859) gab der britische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) der - zuvor v.a. von Lamarck bedeutend behandelten - Evolutionstheorie eine ganz neue Richtung. Die Ressourcen in der Welt sind knapp, woraus ein ständiger Kampf ums Überleben und eine natürliche Auslese erfolgt. Die wichtigste Bedeutung für dasselbe hat nach Darwin die Anpassung an die Umwelt. Dass der Mensch seine körperlichen Ursprünge in der Tierwelt hat, und dort insbesondere bei den Affen, das war eigentlich gar nicht so neu, aber mit den Ideen von Darwin rückte dies ins Zentrum des Bewusstseins der Zeit. Es gab einen grossen Aufschrei bei denen, die Mühe hatten dies zu akzeptieren, sahen sie doch dabei v.a. eine Infragestellung höherer Ideale des Menschen. Herbert Spencer (1820-1903) übertrug die Ideen von Darwin auf die Gesellschaft, woraus die Ideologie des Sozialdarwinismus entstand. Auch in der menschlichen Gesellschaft, meinte Spencer, überleben nur die Stärksten und/oder Bestangepassten (das ist quasi Hobbes minus Gesellschaftsvertrag). Natürlich steht diese (sozial-) darwinistische Gesellschaftstheorie in einem krassen Gegensatz zur sozialistischen - oder umgekehrt. Damit waren auch zwei krasse politische Gegensätze geboren: jene, welche auf einen egoistischen (oder oligarchistischen - natürlich gibt es auch einen gemeinsamen und sogar einen kollektiven Egoismus), und jene, welche auf einen altruistischen (und institutionalistischen) Gesellschaftsansatz setzt. Durchgesetzt hat sich letztlich keines der beiden Extreme, sondern offenbar braucht es in einer Gesellschaft beides: die Eigenheiten wie auch die Zusammenheiten.

Engels beschrieb die ideologische Dynamik der Zeit folgendermassen: "Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte [...]." Damit versuchte er den Gegensatz zwischen der zweckbestimmten Geisteswissenschaft und der Natur-Wissenschaft zu verschleiern, indem er behauptete, die kommunistische Lehre gleiche quasi einer Natur-Wissenschaft. Es war die Zeit extremer gesellschaftlicher Theorien. Interessant: innerhalb von nur sechs Jahren zwischen 1816 und 1822 wurden der Begründer der Rassentheorie bzw. der Theorie von der Ungleichheit der Rassen (Gobineau [1816]), der Begründer des Kommunismus (Marx [1818]), der Begründer des Sozialdarwinismus (Spencer [1820]) und der Begründer der Eugenik (Galton [1822]) geboren*. Man kann sich somit vorstellen, wie stark diese Zeit die folgende Diskussion um rechte und linke politische Extrempositionen geprägt hat (über die Weltkriege hinweg und bis in die heutige Zeit hinein). Vielleicht kann diese Epoche und deren Folgen der Philosophie lernen und raten, dass sie nicht allzu rasch auf eine spektakuläre Entwicklung in einer einzelnen Wissenschaft aufspringen sollte. Ob sie sich diese Lehre zu Herzen genommen hat? (Das bedeutet natürlich nicht, dass die Philosophie die Wissenschaft nicht beachten soll, aber es zeigt doch eine gewisse Gefahr auf, welche aus allzu leichtfertigen Adaptionen entstehen kann, aus der Wissenschaft oder überhaupt - und die Rückwirkung in diesem Fall war wiederum, dass die Philosophie in der Zwischenzeit, innerhalb und ausserhalb der wissenschaftlichen Sphäre, praktisch ihr gesamtes früheres Renommee verloren hat [und dieses heute quasi neu begründen muss].)

* Ferner: im selben Jahrzehnt geboren, 1809-1818 (zwischen Darwin und Marx): Darwin (1809 - Evolutionstheoriker), Gossen (1810 - Mikroökonom), Lévi (1810 - Okkultist), Hess (1812 - Zionist), Kierkegaard (1813 - Existentialist), Bakunin (1814 - Anarchist), Gobineau (1816 - Rassist), Thoreau (1817 - Naturfreund), Baha'ullah (1817 - Vertreter der [muslimischen] Neuoffenbarung), Marx (1818 - Kommunist) - alles sehr bedeutende Namen für ihre Richtungen und Wendungen (mit einer grossen Ausstrahlung bis in die heutige Zeit). Vermutlich wird man geistesgeschichtlich kaum eine verrücktere Zeit als diese finden...

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Exkurs - Religiöse Phänomene im 19. Jahrhundert (Neuoffenbarungen/Sektizismus). Das 19. Jahrhundert war auch ein bedeutendes Jahrhundert von religiösen Neuoffenbarungen. Es gibt dazu im Wesentlichen zwei Hauptphänomene: ein christliches und ein indisches. Bedeutend bezüglich christlicher Neuoffenbarungen ist z.B. die Lorberbewegung. Jakob Lorber (1800-1864) war ein österreichischer Hauslehrer für Gesang, Musik und Zeichnen, welcher ab 1840 eine innere Stimme in der Region seines Herzens gehört haben soll, von welcher er Gottesoffenbarungen erhielt. Von der offiziellen Religion werden diese als Privatoffenbarungen bezeichnet. In seinen Texten transportierte er Gott und Jesus teils als (seine) Ich-Phänomene. Eine besonders bedeutende Figur in dieser Bewegung war Gottfried Mayerhofer (1807-1877), welcher ab 1870 als religiöses Medium tätig war. Dieser vertrat in seinen Texten (vorab in seinen Schöpfungs- und Lebensgeheimnissen) noch konsequenter eine Ich-Christus-Position. Der Grund für das Aufkommen eines bedeutenden religiösen Phänomens in Indien dürfte in dessen Besetzung durch Grossbritannien liegen sowie in einer religiösen Einkehr (später, besonders bei Gandhi gar einem religiös motivierten Widerstand) dazu. Die zentrale Figur jenes Phänomens scheint Ramakrishna (bzw. Ramakrishna Paramahamsa 1836-1866) zu sein, ein grosser hinduistischer Mystiker und Lehrer, welcher von seinen Anhängern als eine Inkarnation von Brahma betrachtet wurde. Er beschäftigte sich neben dem Hinduismus auch mit dem Christentum und dem Islam: 1861 wurde eine Asketin namens Bhairavi Brahmani seine spirituelle Lehrerin, 1866 wurde er von einem Sufilehrer in den Islam eingeführt, 1873 liess er sich von einem Schüler die Bibel vorlesen. Eine weitere bedeutende Figur im Hinduismus des 19. Jahrhunderts ist Swami Vivekananda (1863-1902), einer der bedeutendsten Schüler von Ramakrishna. Er wurde im Westen gross bekannt, als er beim (ersten) Weltparlament der Religionen 1893 in Chicago als führende Figur auftrat (mit einer sehr berühmt gewordenen Rede, der Fabel vom Frosch im Brunnen). Andere bedeutende Persönlichkeiten aus der Bewegung dieser Zeit in Indien sind u.a. etwa Tagore, Gandhi oder Aurobindo. Auch Jiddu Krishnamurti (1895-1986) ist zu nennen, welcher in der Theosophischen Gesellschaft als Maitreya-Figur postuliert wurde, dies aber selber ablehnte (und auch aus der Theosophie austrat [ebenso lehnte Patel, welcher vom theosophischen Esoteriker Creme zur Maitreyafigur erhoben wurde, dies im 20. Jahrhundert ab]). Die Theosophie wurde 1875 von Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891) begründet (zu deren Hintergrund gehören etwa: Alchemie, Gnosis, Mystik, Kabbala, Geheimgesellschaften, Okkultismus und Spiritismus [Personen: Paracelsus, Fludd, Böhme, Andreae, Swedenborg, Saint-Martin, u.v.a., darunter auch geheimnisvolle mythische Persönlichkeiten wie Trismegistos oder Rosencreutz - sehr schwierige, komplexe und komplizierte Sachen und Zusammenhänge aus verschiedensten altertümlichen Lehren]). Sie steht für einen christlich-indischen Zusammenhang in diesen ganzen religiösen Phänomenen des 19. Jahrhunderts. Dies kann man auch sagen vom - wie es heisst - umstrittenen Indologen Louis Jacolliot (1837-1890), welcher in seinem Buch "La bible dans l'Inde" (1869) behauptete, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sei, sondern die Kreuzigung überlebt und danach in Indien gelebt habe (es gibt weitere Bücher dieser Art, aber auch Gegner dieser Theorie, welche zu widerlegen versuchten, was die Anderen zu beweisen versuchten). Zu den Vertretern dieser Theorie gehört auch Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908), welcher die Ahmadiyya-Bewegung begründete, und sich (1882) als Mahdi und Messias bezeichnete sowie als Vertreter aller anderen in den verschiedenen Religionen erwarteten Gottesgesandten. Die Bedeutung dieses Mahdis für die Zukunft innerhalb und ausserhalb des Islams ist aus heutiger Sicht schwierig zu beurteilen. Ebenfalls interessant im Islam dieser Zeit ist das Auftreten von Baha'ullah (1817-1892), dem Begründer des Bahaismus (bzw. der Bahai-Religion). Er gehört ebenfalls zum Phänomen einer Mahdi-Erwartung, wie sie v.a. vom Schaichismus ausging, von welchem aus Mulla Husayn den späteren Bab, Sayyid Ali Muhammad (1819-1850), als Mahdi bezeichnete. Dieser interpretierte die schiitische Mahdi-Vorstellung um und sah darin nur noch eine spirituelle Erneuerung ohne weltlichen Machtanspruch. Ab 1844 beanspruchte der Bab, welcher danach gefangengenommen und hingerichtet wurde, diese Rolle für sich. Die Bewegung der Babisten spaltete sich, wobei die Mehrheit in Baha'ullah den vom Bab prophezeiten nächsten Gottesoffenbarer sahen. Auch dieser behauptete (1863), der Verheissene der grossen Religionen zu sein (und dies wurde vor- und nachher auch von verschiedenen anderen Personen behauptet). In den Reigen dieser Neuoffenbarungsphänomene gehört ferner auch das Mormonentum von Joseph Smith (1805-1844) in den USA. Dessen Buch Mormon erschien 1830 (Mormon ist ein Prophet, welcher im 4. Jahrhundert in Amerika gelebt haben soll, wofür aber jegliche Hinweise und Beweise fehlen [inhaltlich scheint das Werk v.a. auf die Kraft des alten Testaments zu verweisen; bedeutend ist auch die Umdeutung der amerikanischen Geschichte]). Ein anderes christliches Phänomen des 19. Jahrhunderts - wenn auch ohne eigentliche Neuoffenbarung - ist die methodistische Heilsarmee, welche 1865 von William Booth (1829-1912) in London gegründet wurde. Im 20. Jahrhundert reagierte der Katholizismus auf all diese (und weitere) Ereignisse mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965), in welchem es um eine ökumenische Erneuerung im Christentum ging. Im Judentum wiederum standen nicht - im Sinn von Neuoffenbarungen oder Messiaserwartungen - religiöse, sondern politische Fragen im Vordergrund: 1897 fand der erste Zionistenkongress statt (was später zum Staat Israel führte). Der wesentliche Impuls dieser Phänomene scheint in vielfältiger Hinsicht das Zusammentreffen der Kulturen gewesen zu sein; der dabei entstandene Sektizismus wirft sicher auch einige Fragen bezüglich der Zukunft der Religion auf.

(Anm. Ich habe in diesem Abschnitt besonders viele Zeitangaben gemacht, weil diese für das Verständnis der Zusammenhänge dieser Phänomene interessant sind.)

Wer diese vielfältigen Entwicklung im Bereich der Neureligion sieht, von welcher hier nur ein Ausschnitt gegeben ist, kann leicht verstehen, dass die (eine) Reaktion der Philosophie in der Analytik und im Neukantianismus bestand, d.h. in einer fast etwas übermässigen Systematisierung der Philosophie. Die zeitgenössische und nachfolgende Philosophie liess sich jedenfalls in keiner Art und Weise (bzw. nur am äussersten Rand) auf ein solches neureligiöses Aufkommen ein (mit welchem selbst die klassische Religion grosse Mühe hatte, notabene). Sowohl die Analytik wie auch der Neukantianismus zielten v.a. auf das Urteil: die Analytik versuchte es mit allerhand (sprach-) analytischem Material zu belasten, während einer der bedeutenden Versuche des Neukantianismus die Loslösung des Urteils von der Realität war. Man kann diese Philosophie in einem gewissen Sinn vielleicht auch als eine Flucht vor den religiösen und politischen Herausforderungen dieser Zeit sehen. Typisch etwa schloss der Neukantianer Windelband sowohl die Metaphysik wie auch die Politik aus der Philosophie aus, indem er alleine Logik, Ethik und Ästhetik als Teilbereiche der Philosophie anerkannte (was letztlich eine ziemlich schmale und eingeschränkte - und vielleicht auch etwas luftige - Philosophie ergibt). Cohen, ebenfalls einer der führenden Köpfe des Neukantianismus, führte Windelbands Programm oder Vorgabe in seinem Spätwerk exakt aus (mit seinen Werken "Logik der reinen Erkenntnis" [1902], "Ethik des reinen Willens" [1904] und "Ästhetik des reinen Gefühls" [1912], wobei rein hier immer neukantianisch objektiviert bedeutet).

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Individualismus, Kulturkritik und Sozialdemokratie. Eigentlich hatte schon Kant von der kritischen Zeit gesprochen und ja auch seine Werke danach benannt, trotzdem sehen wir Kant heute als Klassiker an, während wir die grosse Kulturkritik im 19./20. Jahrhundert sehen. Ein Ausgangspunkt dafür war sicher Schopenhauer, auch Bahnsen, dann insbesondere aber Stirner, Mainländer und Nietzsche - drei der (auf je ihre sehr spezielle Art) vermutlich kompromisslosesten Philosophen aller Zeiten. Max Stirner (eigentlich: Johann Caspar Schmidt, 1806-1856) - man bedenke die Zeit und ihren Aufruhr! - formulierte eine Philosophie eines fast vollkommenen Egoismus ("Der Einzige und sein Eigentum", 1845). Philipp Mainländer (eigentlich: Philipp Batz, 1841-1876) nannte sein Denken vom Nichtsein, welches besser sei als das Sein, eine Philosophie der Erlösung, stürzte aber vollkommen ab dabei (und nahm sich schliesslich das Leben [was unter den Philosophen sehr selten ist - man muss darauf verweisen, dass solche Aussagen wie Mainländer sie machte, in einem fernöstlichen und/oder spiritualistischen Zusammenhang ganz anders zu verstehen sind, als in einem westlichen und/oder materialistischen Zusammenhang!, Mainländer war stark beeinflusst von Schopenhauer]). Manche sehen darin den radikalsten Pessimismus, der je formuliert wurde. Und... Friedrich Nietzsche (1844-1900) ging ebenfalls an die Grenzen von Umnachtung und Verrücktheit und ist in seiner ganz eigentümlichen Radikalität bis heute nahezu unfassbar - der unfassbarste Philosoph, den es je gegeben hat. Jedes seiner zahlreichen Bücher ist ein absolut erschütterndes Weltereignis. Er ist der schicksalshaft und fast grauenvoll in den vergangenen Zeiten versunkene Philosoph. Er hat diese alten Zeiten in seiner ganz eigenen - mitunter wirren und doch immer intellektuellen - Kunstform aufleben, oder vielmehr: aufspielen lassen, und hat sie dann aber ebenso radikal verworfen, wie alles, was ihnen folgte. Seine Philosophie wird Nihilismus genannt, obwohl er doch einen Wert setzte, aber einen (natürlich) nahezu unfassbaren: den Übermenschen (im Übrigen stammte - bei seiner ganzen Sprachkraft und -macht [wie man sie zuvor in der Philosophie in ganz anderem Kontext fast nur bei Jakob Böhme im 17. Jahrhundert findet, oder stark formalisiert natürlich auch bei Kant] - fast keine seiner grössten Ideen von ihm selber, auch jene vom Übermenschen nicht, denn der Grössenwahn lag in seiner Zeit quasi in der Luft und wurde u.a. vom russischen Schriftsteller Dostojewski schon bedeutend thematisiert [wenngleich dessen grosser Held, oder Antiheld, Raskolnikow in 'Schuld und Sühne' ins reine Christentum zurückfällt, während Nietzsche eben den nebulösen und traumtänzerischen Über- und Machtmenschen begründet]). Beeinflusst war Nietzsche u.a. und v.a. von der russischen Literatur und Philosophie (Turgenew, Dostojewski, Leontjew, Spir, Pissarew [u.a.] - im Buch "Jenseits von Gut und Böse" spricht er sogar von einem 'russischen Nihilin'). Insgesamt sprudelte Nietzsche natürlich trotzdem über von Ideen (und er komponierte, was weniger bekannt ist - wie später etwa Adorno oder Jankélévitch - auch klassische Musikstücke [die Freundschaft mit dem Komponisten Wagner und der Bruch in derselben haben es vielleicht verhindert, dass sich Nietzsche in diesem Bereich weiterentwickelt hätte - seltsamerweise liess er sich musikalisch auch wenig bis gar nicht vom berühmten Komponisten beeinflussen]). Egoismus, Pessimismus und Nihilismus - das lag also auch in dieser Zeit, vielmehr noch aber ein eigentlicher Individualismus, zu welchem wir neben Stirner und Nietzsche v.a. auch Sören Kierkegaard (1813-1855) zählen können. Dessen Philosophie steht eigentlich - individualistisch - für sich alleine, doch im 20. Jahrhundert gab es einige Philosophen, welche sich so bedeutend auf ihn bezogen haben, dass er (posthum) auch zum Begründer des Existentialismus wurde. Demgegenüber - d.h. gegenüber all diesen individualistischen Tendenzen - entwickelte sich auch der Sozialismus weiter. Die Hauptfigur in dieser Weiterentwicklung war Eduard Bernstein (1850-1932). In seinem Werk "Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie" (1899) brachte er zum Ausdruck, dass die neue Stossrichtung im Sozialismus - im Westen - fortan jene der Sozialdemokratie sein würde (die reine Sozialdemokratie setzte sich v.a. im deutschsprachigen und skandinavischen Raum durch, während in den übrigen Ländern meist noch immer Sozialistische Parteien und Arbeiterparteien den Ton im linken Lager angeben [der Revisionismus von Bernstein hatte aber eine europaweite Wirkung, indem darin nicht mehr eine sozialistische Revolution, sondern ein sozialer Reformismus in der Demokratie angestrebt wird]). Sozialdemokratische Parteien hatten sich schon vorher begründet: 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Deutschland, 1888 die Sozialdemokratische Partei der Schweiz, 1889 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Österreich. Die Parteigründungen der Sozialdemokraten (und der Arbeiterbewegung überhaupt) waren auch ein bedeutender Auslöser für die Verbesserung und Verstärkung der Parteistrukturen der übrigen politischen Parteien, wie wir sie heute kennen.

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Man kann diese Zeit - wenn man bedenkt, wie dominant der anglophile Raum im 20. Jahrhundert wurde - nicht betrachten, ohne im Besonderen auch die britische Philosophie und speziell die britische Moralphilosophie etwas genauer zu betrachten. Es gibt in der englischsprachigen Philosophie eine klare Hauptlinie: Nominalismus -> Empirismus -> Liberalismus -> Utilitarismus -> Pragmatismus (USA). Die Moralphilosophie spielte dabei eher nur eine Nebenrolle, weil ein gewisses moralisches Urteil natürlich bereits durch diese Hauptlinie besetzt war: die Moralphilosophie wurde aber im Verlauf der Zeit bedeutender und diversifizierter. Man kann in der englischen Philosophie ferner - wenn man von der Hauptlinie abstrahiert - fünf bedeutende Linien ausmachen. Die erste führt von Canterbury zu Locke, d.h. von der frühen Begründung der Vernunft (in der Religion) zum Anfang vom eigentlichen Liberalismus (Canterbury - Bacon R. - Scotus - Ockham - Bacon F. - Hobbes - Locke), die zweite von Hobbes zu den Wirtschaftsliberalisten (allerdings in einem ständigen Wechsel von absolutistischem Merkantilismus und progressiver Liberalität: Mun [Merkantilist (vorher)] - Hobbes [Staatsphilosoph eines aufgeklärten Absolutismus] - Petty [Sekretär von Hobbes, gilt als (früher) Vater der Nationalökonomie] - Child [Merkantilist] - North [Freihandelsvertreter] - Denham-Steuart [Später Vertreter und Zusammenfasser des Merkantilismus, in Schottland] - Smith [Nationalökonomie, Wirtschaftsliberalismus (in Schottland)] - Malthus [Nationalökonom] - Ricardo [Nationalökonom] - Senior [Nachklassik der Nationalökonomie] - Jevons [Neoklassik der Nationalökonomie, Grenznutzenschule (früher: Gossen in Deutschland), Neoliberalismus (v.a. in Österreich und in den USA)]), die dritte von Locke zu den Erkenntnistheoretikern (Locke - Berkeley - Hume [daraufhin Kant in Deutschland]), die vierte von den Aufklärern und Liberalisten zu den Utilitaristen und Moralphilosophen (Locke - Shaftesbury - Clarke - Hutcheson - Reid - Smith - Ferguson - Bentham - Mill - Sidgwick - Moore - Ross - Hare [nicht berücksichtigt sind hier die Konservativisten, z.B. Bolingbroke oder Burke, oder später etwa Oakschott]) und die fünfte von Moore zu den Analytischen Philosophen (Moore/Russell [sie waren Freunde] ff); daneben gab es speziellere und/oder weniger bedeutende Achsen, z.B. u.a. die Oxford Calculators (14. Jh.), die Cambridger Platoniker (17. Jh.) oder natürlich die Wissenschaftler (17./18. Jh. - Harvey, Boyle, Wren, Hooke, Newton ff), und daneben gab es natürlich auch noch viele einzelne Philosophen, welche sich nicht so gut einordnen lassen (die bedeutendsten der Neuzeit sind jedoch hier eingeordnet). Von den fünf Linien interessiert mich in dieser Thematik die vierte - jene der Moralphilosophen. Insgesamt war die europäische Philosophie immer ein Zusammenspiel vieler Regionen, die britische Philosophie ist jedoch in der Neuzeit sicher auch ganz besonders bedeutend geworden: mit der Vernunfterhebung (schon bei Canterbury, später wieder bei Locke), dem grossen Wissenschaftsimpuls (insbesondere von Boyle für die Chemie und Newton für die Physik), oder auch dem für die nachfolgende und heutige Zeit so bedeutenden Wirtschaftsliberalismus (mit Smith und Ricardo). Das ist ja nicht gerade wenig, wenn wir die Auswirkung von alledem in den letzten 400 Jahren betrachten. Die Kontintentaleuropäer fühl(t)en sich gerade im Bereich der Moralphilosophie immer ein bisschen überlegen - aber trotzdem, oder gerade deswegen, ist es interessant speziell die britische Moralphilosophie kurz etwas genauer anzuschauen.

Sidgwick und die britische Moralphilosophie. Im angelsächsischen Raum gilt Henry Sidgwick (1838-1900), welcher fast ein exakter Zeitgenosse des deutschen Nihilisten Friedrich Nietzsche war, bei manchen als einer der bedeutendsten Moralphilosophen überhaupt, auf dem europäischen Festland ist er hingegen kaum bekannt. Während Nietzsche die deutsche Philosophie sehr weit von ihrer Klassik wegführte, versuchte Sidgwick die englische Philosophie des Utilitarismus (klassisch bei Bentham und Mill [aufgenommen von Verschiedenen]) mit der schottischen des Common Sense (Reid, Beattie, Stewart, Brown, Hamilton) zu verbinden. Der Utilitarismus hatte sich in Grossbritannien in Verbindung mit dem früheren Liberalismus als moralische Hauptphilosophie etabliert (der Empirismus regelte das Verhältnis zur Wissenschaft, der Liberalismus jenes zur Wirtschaft, der Utilitarismus jenes zur Politik). Grundsätzlich sollte die Wirtschaft liberalistisch ausgerichtet sein, dabei aber den Wohlstand der Vielen bewerkstelligen (das war das Hauptargument der Utilitaristen, mit welchem sie sowohl den Anarchismus von Godwin wie den Sozialismus von Owen abgewiesen haben - Bentham formulierte den Utilitarismus sogar noch vor diesen, Mill bestätigte und verstärkte ihn nachfolgend [und ebenso erneuerte er das Band zum Liberalismus mit seiner Schrift "On Liberty", 1859; als in Deutschland 1848 die Revolution wütete und Marx/Engels ihr Kommunistisches Manifest veröffentlichten, gab Mill die "Principles of Political Economy" heraus (die Briten hatten ihre eigene Revolution ja etwas mehr als 100 Jahre vor der französischen, und sie wollten keine zweite - natürlich formierte sich der Sozialismus auch in Grossbritannien, aber irgendwie konnten die grössten Wirren dabei umschifft werden]). Ein kurzer Rückblick. Die Moralphilosophie begann in Grossbritannien - abgesehen von einzelnen früheren Moralphilosophen wie Canterbury oder Buchanan - mit Locke (Liberalismus) und erreicht dann v.a. in der Aufklärung eine grössere Bedeutung: 1. Earl of Shaftesbury (Allgemeine Harmonie und Wohlfahrt gegen den Egoismus bei Hobbes), 2. Samuel Clarke (Christliche Philosophie der Freiheit gegen den Atheismus von Hobbes und den Pantheismus von Spinoza), 3. Francis Hutcheson (Moral Sense - Wohltätigkeit und Mitgefühl gegen den Egoismus bei Hobbes), 4. Thomas Reid (Common Sense - der gesunde Menschenverstand muss die Grundlage aller philosophischen Erwägung sein [Common Sense Realismus*]), 5. Adam Ferguson (Streben nach moralischer Vollkommenheit**, Sozialethiker der Aufklärung, Mitbegründer der Soziologie). Am Ende der englischen Aufklärung kam Smith, welcher ebenfalls als bedeutender Moralphilosoph gilt, mit seinem Wirtschaftsliberalismus und Bentham/Mill mit ihrem Utilitarismus, und in diese Situation hinein kam dann auch Sidgwick - in eine mittlerweilen bereits grosse und gefestigte Tradition der britischen Moralphilosophie. Sidgwick wurde so etwas wie der Verbindungspunkt in derselben, auch zwischen Mill und Moore, ein Student von Sidgwick (und mit Russell auch Begründer der angelsächsischen Ausprägung der Analytischen Philosophie - Moore fuhr aber auf beiden Schienen, der ethischen wie der analytischen, und gilt als bedeutendster britischer Moralphilosoph nach Sidgwick [mit Schriften wie "The Refutation of Idealism" oder "A Defence of Common Sense"]). Bei Sidgwick laufen also quasi alle Fäden der neueren britischen Moralphilosophie zusammen, und das ist wohl auch der Grund für die hohe Einschätzung, die er in Grossbritannien bei manchen geniesst.

* Man könnte sagen, dass dies näher bei Aristoteles ist, während die deutsche Moralphilosophie näher bei Platon ist/war. Interessant sind vielleicht die grössten Probleme dieser ethischen Positionen: bei Platon ist es die Prinzipienübertreibung, bei Aristoteles ist es die Problemverharmlosung. Die Erklärung dazu habe ich bezüglich Platon schon gegeben. Der Idealismus beinhaltet das Ideal des Höchsten, bei Platon die Idee des Guten an sich. Natürlich neigt dieses Grundprinzip zu einem Absolutismus, also zu einer Prinzipienübertreibung. In der Realität wird dann meist auch nicht diese allgemeine Idee des Guten belassen, sondern diese wird mit irgendeinem konkreten Inhalt besetzt, welcher dann auch fraglich bis gefährlich übertrieben werden kann. Das Problem bei Aristoteles ist ein ganz Anderes: er zielt mit seiner Tugend auf die Mitte. Das ist der gutbürgerliche Ausgleich von allem - ebenfalls ein gutes und logisch erscheinendes Ideal. Man betrachtet immer zwei Extreme und zielt auf die Mitte. Das Problem hierbei: das tut man auch bei grossen Problemen bzw. Problemlagen, und hier kann es dann fraglich bis gefährlich werden, weil man gewisse Probleme so herunterspielen und unterschätzen kann. Beide ethischen Ansichten - jene von Platon wie jene von Aristoteles - haben ihre Vor- und Nachteile (und man kann mit ihnen umgehen, wenn man diese auch kennt).

** Ferguson dürfte darin sogar Kant beeinflusst haben, welcher sich bedeutend für die britische Philosophie interessierte***: "It has been observed, that one of the strongest propensities in human nature is ambition, that which tends to perfection, or the bettering ourselves." (Aus: "Institutes of Moral Philosophy", 1769). Er verwendete den Vollkommenheitsbegriff auch in weiteren Passagen bedeutend. Kants erkenntnistheoretische Wende, womit er erst auf den Weg seiner grossen Ethik kam, soll sich in einer kleineren Schrift 1770 vollzogen haben.

*** Kant bildet auch den Abschluss einer grossen europäischen Philosophieperiode, welche man auch die europäische Klassik nennen könnte, in welcher die Philosophie tatsächlich übernational war und betrachtet wurde. Etwa mit dieser Reihe: Descartes - Locke - Leibniz - Voltaire - Hume - Rousseau - Kant, während vorher (Bodin, Hobbes) und nachher (Fichte/Schelling/Hegel, Nietzsche/Sidgwick, Schopenhauer, Feuerbach) die Philosophie eher national ausgerichtet war. Offenbar gibt es diesbezüglich Wellenbewegungen, denn im 20. Jahrhundert gab es in Europa wieder eine ausgesprochen international ausgerichtete Philosophie (v.a. zwischen Deutschland und Frankreich: mit der Existenzphilosophie und der Kritischen Theorie in Deutschland sowie dem Existentialismus und dem Poststrukturalismus in Frankreich - und zu erwähnen ist diesbezüglich natürlich auch die transatlantische Verbindung: mit einem grossen Einfluss der US-Philosophie und der gesamten US-Kultur überhaupt auf Westeuropa [während in Osteuropa eine zwangsartige Verbindung zwischen der kommunistischen Sowjetunion und dem übrigen Osteuropa bestand, wozu zu sagen ist, dass es eine panslawistische Bewegung, auch in der Philosophie, zuvor nicht nur in Russland gegeben hatte; diese war auch verantwortlich für die Bildung von völkerverbindenden Staaten wie die Tschechoslowakei oder Jugoslawien (der Ursprung von panslawistischen Ideen, wie sie in der Habsburgermonarchie entstanden sind, soll bei slowakischen Gelehrten liegen [Kollar, Safarik] - und es gab vor der Sowjetunion bzw. dem Warschauer Pakt und Grossdeutschland nicht nur panslawistische und deutschtümliche Gedanken, sondern auch etwa panafrikanische [Du Bois, Garvey])]).

Mill und die Freiheit in der Vernünftigkeit. Eines der schönsten Stücke der englischen Moralphilosophie lieferte freilich John Stuart Mill (1806-1873), als er, den Liberalismus von Locke mit dem Utalitarismus von Bentham verbindend, zu einer Lösung für die politisch zerrissene moderne Gesellschaft kam, bevor der Konflikt zwischen den Liberalisten und den Sozialisten überhaupt auf der Hauptebene der europäischen Politik erschien, indem er das aristotelische Mittelmass konsequent auf der soziologischen und politischen Ebene interpretierte (in seinem Werk "On Liberty", dt. Über die Freiheit, 1859). "Wenn nicht Ideen gleich günstig für Demokratie wie Aristokratie, persönliches wie gemeinsames Eigentum, Genossenschaften wie Wettbewerb, Luxus wie Abstinenz, Sozialismus wie Individualismus, Freiheit wie Diszplin, und für alle andern bestehenden Gegenwirkungen des täglichen Lebens mit gleicher Freimütigkeit zu Wort kommen und mit gleichem Talent und gleicher Energie angegriffen und verteidigt werden, dann ist keine Möglichkeit vorhanden, dass beiden Elementen ihr Recht wird. Die eine Schale muss dann steigen, die andere sinken. Die Wahrheit ist in den grossen praktischen Angelegenheiten des Lebens so sehr eine Frage der Versöhnung und Vereinigung von Gegensätzen, dass nur wenige ein genügend fähiges und unparteiisches Urteil besitzen, um die Schlichtung der Gegensätze korrekt genug auszuführen [...]." Schöner, schlichter und treffender kann man die Grundvoraussetzungen einer freiheitlichen Gesellschaft - d.h. auch eine korrekte Interpretation von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - fast nicht formulieren (einer Gesellschaft also, in welcher der Sozialismus am Staat nicht scheitert, und der Liberalismus nicht an der Freiheit). Dies erscheint zumindest als das rechte Mittel für eine gerechte Gesellschaft in Friedenszeiten, während in Kriegszeiten, die man im Allgemeinen doch so gerne verhindern würde, alles immer ein bisschen komplizierter erscheint. (Die Sätze von Mill deuten vielleicht auch darauf hin, dass ein gerechter Liberalismus, ein gerechter Sozialismus und ein gerechtes Christentum letztlich vielleicht auf das Selbe hinauslaufen bzw. dass sie sich irgendwie, von verschiedenen Grundansichten ausgehend, bei einem guten und gelungenen Ausgleich in der Mitte treffen, wie alle gerechten Ideologien überhaupt, nicht in der äusseren Form vielleicht, aber im inneren Sinn und Geist. Eine sinnvolle, aktive Politik wäre dann ein Wirken gegen die Ungerechtigkeit - alles nach der Meinung von Mill gefolgert, welche in diesem Punkt auch meiner Meinung entspricht; es wird in der freiheitlichen Politik immer Richtungskämpfe geben, und es wird immer die eine Seite ein bisschen stärker sein als die andere, aber keine Seite sollte sich zum Absoluten bzw. zur absoluten Macht, welche nicht der Conditio Humana entspricht, hin bewegen, und natürlich müssen die Standpunkte auch gehalten werden, um sie langfristig zu verteidigen [gegen das Ungleichgewicht und die Ungerechtigkeit].)

Als bedeutendste britische Philosophen des 20. Jahrhunderts gelten vermutlich etwa Bertrand Russell (1872-1970) und Peter Strawson (1919-2006). Beide werden sowohl der analytischen wie auch der ethischen Philosophie zugeordnet (obwohl Russell die Ethik eigentlich nicht als philosophisches Gebiet sah, da sie nicht auf einem sicheren Wissen beruhe). Während Russell eine reine - und manchen übertrieben erscheinende - Empirik und Analytik vertrat, führte Strawson zurück zu metaphysischen und common-sense-moralischen Standpunkten. Russell und Strawson kritisierten sich gegenseitig. Ebenfalls zu nennen ist George Edward Moore (1873-1958). Er wandte sich zusammen mit Russell - die Beiden waren befreundet - gegen den Idealismus in der britischen Philosophie (womit man aber auch eine gewisse Verwässerung der Moral verbinden kann, wie sie etwa noch bei Locke und Smith so bedeutend war). Mit seiner "Principia Ethica" gehört Moore zu den Begründer der (sogenannten) Metaethik, in welcher nicht mehr Handlungen bewertet, sondern moralische Urteile semantischen Analysen unterzogen werden. Seine Philosophie wurde etwa als ethischer Intuitionismus bezeichnet, womit vielleicht angedeutet ist, dass manche darin eher eine Schwächung denn eine Stärkung der Ethik sahen (ein Prozess übrigens - die Schwächung der Position der Ethik - welcher sich in der Philosophie eigentlich seit dem [übermächtig erscheinenden] Kategorischen Imperativ von Kant bzw. nach diesem ergeben hat [von Hegel über Schopenhauer und Nietzsche bis zu Heidegger und der zeitgemässen anglophilen Philosophie]).

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Belle Epoque (auch: Fin de Siècle, etwa 1884-1914). In der Zeit der Belle Epoque - mit ihrem Höhepunkt der reformerischen Künstlerkolonie um die Brüder Gräser auf dem Monte Verità (bei Ascona, ab 1900) - bildete sich (wenn auch erst in einer wohlhabenden und/oder künstlerischen Oberschicht) ein neues Freiheitsgefühl heraus, welches jäh durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde (seinen Fortgang fand diese Bewegung in den USA, kulminierend - im Zuge der Proteste gegen den Vietnamkrieg - in der sogenannten 1968-er Bewegung [Stichworte: Hippies, Flowerpower, Summer of Love, Woodstock; die Vorläufer der Belle Epoque können wiederum in der Romantik (18./19. Jh.) sowie in der Bewegung der Naturheilkunde (im 19. Jh.), aber teilweise auch im Okkultismus (18./19 Jh.) gesehen werden]). Diese Zeit brachte eine Vielzahl von eigenartigen und -willigen und speziellen Gestalten und Philosophen hervor, von denen die Meisten vergessen gingen - wie etwa: Karl Wilhelm Diefenbach, Rudolf Steiner (1861-1925), Jacques Élie Henri Ambroise Ner (alias Han Ryner), Rabindranath Tagore (nebst anderen indischen Persönlichkeiten), Georges I. Gurdjieff, Stefan George, Joseph Anton Schneiderfranken (alias Bô Yin Râ), Gusto Gräser, Nicholas Roerich oder Hugo Ball (u.a. - auch der Dadaismus, begründet 1916, gehört noch dazu: ein schriller Aufschrei von Emigranten gegen den Weltkrieg [und in Paris folgten in den 1920-er Jahren, zwischen den beiden Weltkriegen, die sogenannten 'Années folles' (die Fortsetzung der Belle Epoque quasi, während in Italien der Faschismus und in Russland der Kommunismus aufzog) sowie auch der Surrealismus und andere Kunstrichtungen der modernen Malerei: in der Malerei gab es keinen kulturellen Unterbruch!]). Neben den hohen Kunstidealen gab es zu dieser Zeit auch hohe und neue Erziehungsideale, etwa bei Maria Montessori (u.a.) - Rudolf Maria Holzapfel verband das Kunst- und Erziehungsideal zum Panideal. In der Philosophiegeschichte wird diese Zeit meist ein bisschen vernachlässigt (vermutlich: weil die 'echten Philosophen' - nie waren sie absenter - es verpasst haben, an diesem bedeutenden Kunst- und Kultur-Event teilzunehmen*); es gab v.a. aber auch umwälzende Erkenntnisse und Veränderungen in der Naturwissenschaft, insbesondere in der Physik: mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen und der Radioaktivität, v.a. dann aber mit der Quanten- und der Relativitätstheorie (1900/1905). Die gesamte (bis dahin mechanistisch betrachtete) Physik, so schien es, wurde auf den Kopf gestellt. Die Veränderung schien in ihrer ganzen (heute - über 100 Jahre später - noch immer unabsehbaren) Konsequenz fast jener zu gleichen, mit welcher die neuzeitliche Wissenschaft einst begründet wurde. Ferner begründete etwa Freud in diesen Jahren die Psychoanalyse - die Seele wurde endgültig zum grossen Thema des spätmodernen Menschen. Sigmund Freud (1856-1939) und Albert Einstein (1879-1955) - vom bedeutenden Time-Magazin am Ende des 20. Jahrhunderts zur grössten Persönlichkeit desselben gewählt - wurden zu den grossen Figuren eines (20.) Jahrhunderts, welches von seiner Intensität her noch einmal alles bisher dagewesene übertreffen sollte - im Positiven wie im Negativen. Was blieb in diesem Jahrhundert für die Philosophie übrig? Es schien fast ein bisschen so, als ob nun eben immer bedeutender nur noch die Wissenschaftler die Themen setzen würden - und nicht mehr die Philosophen. Ein anderes Kulturphänomen trat neben der Wissenschaft immer grösser in Erscheinung und begann die Philosophie ebenfalls immer bedeutender zu beeinflussen: jenes der Kunst. Insbesondere Schopenhauer und Nietzsche gingen bereits - ziemlich überhöht - auf die Kreativität und (wie sie meinten) das Genie des Künstlers ein. Der künstlerische Geniebegriff ist der Traum von einem überbegabten Menschen, wie er eigentlich in der Renaissance entstanden ist, speziell mit dem als Universalgenie gepriesenen Leonardo (da Vinci). Anlass zu einer solch erhobenen bis abgehobenen Betrachtung gaben ferner v.a. die Klassische Musik (Mozart, Beethoven, Wagner) und die Moderne Malerei (Van Gogh, Munch, Picasso). Was früher einmal die Seher und Propheten, später die Apostel, die Theologen und die Philosophen waren - nämlich: Weltdeuter - das sind in der späteren Moderne quasi die Künstler geworden: die Literaten, Maler und Musiker (das 18./19. Jahrhundert war von den Literaten geprägt [Lessing, Goethe, Schiller, Dickens, Dostojewski], inkl. den Philosophen [Voltaire, Rousseau, Kant, Hegel, Kierkegaard], das 19./20. von den Malern [Cézanne, Renoir, van Gogh, Munch, Picasso] und das 20. [u. 21.?] von den Musikern [Armstrong, Miller, Presley, Lennon, Jackson - mit dieser Prägung ist v.a. die Bedeutung für die künstlerische, kulturelle und gesellschaftliche Veränderung gemeint: Im 20. Jahrhundert hat die Musik die Malerei und die Literatur als bedeutendste Künste abgelöst (und natürlich sind die Musiker auch viel populärer geworden als etwa die Philosophen)]). Die Kunst und die Musik liefern eine Art Seelenprophetie, und von diesen wollte man jetzt wissen, wie sie die Welt sehen, und was sie von ihr erwarten (das gilt noch nicht unbedingt für die genannten Künstler, die zu ihren Lebenszeiten noch nicht einen so grossen Rückhalt hatten, aber für die kommenden, im 20. Jahrhundert [und für die vergangenen in der Rückbetrachtung (Van Gogh verkaufte in seinem Leben ein einziges Bild, und heute ist sein teuerstes Bild 82,5 Mio. Dollar wert)]). Die Künstler wurden wörtlich zu den seelischen Interpreten der Zeit (besonders deutlich wurde dies während der 1968-er Bewegung gegen den Vietnam-Krieg).

* Dabei stammte die Idee zum Monte-Verità-Projekt eigentlich sogar direkt aus der Philosophie (zumindest kann man das so herleiten): vom deutsch-russischen Philosophen Afrikan Spir (1837-1890), dessen Vater Naturarzt war (in seinem Buch "Vorschlag an die Freunde einer vernünftigen Lebensführung" [1869] - er beeinflusste auch Nietzsche, welcher sich eine Zeit lang in Italien in ein abgelegenes Bergdorf zurückzog). Es gibt also quasi eine direkte Verbindung von Spir, Nietzsche und Gräser (Monte Verità) zur Hippiebewegung der 1968-er Generation. Sicher ein interessantes Detail für unsere heutige Zeit und Kultur. Allerdings war das 19. Jahrhundert allgemein begleitet von einer bedeutenden Naturbewegung bzw. Wiederentdeckung der Natur; dafür stehen auch etwa die US-amerikanischen Transzendentalisten, v.a. Henry David Thoreau (1817-1862 - mit seinem Buch "Walden" [1854] - ein Bericht über sein zeitweiliges Leben als Aussteiger, in einer Waldhütte am See).


Illustration von Friedrich Eduard Bilz (Naturheilkundler und Lebensreformer) - "Das Volk im Zukunftsstaat" (1904).


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Exkurs - Kunst, Medien, Werbung, Multimedia, Internet, oder: die bedeutendsten Nebensachen der Welt. Im Volksmund wird manchmal der Fussballsport* als die wichtigste Nebensache der Welt bezeichnet - und ich wäre gar nicht einmal abgeneigt, dem zuzustimmen (denn etwas Zerstreuung muss auch im Geistigen sein, und die körperliche Betätigung ist nicht zu verachten) - aber vielleicht gibt es noch bedeutendere Nebensachen, nämlich z.B. eben: Kunst, (Massen-) Medien, Werbung, Multimedia, Internet (bzw. World Wide Web). Und es dürfte kaum abzustreiten sein, dass diese Dinge die moderne Welt ganz wesentlich verändert haben - und daher natürlich auch bedeutende Berührungspunkte mit der (spät-) modernen Philosophie aufweisen. Sie haben die Art und Weise verändert, oder sind immer noch daran, dies zu tun: wie wir die Welt wahrnehmen, erkennen, begreifen, verstehen, erinnern. Wie aber sollen wir eine Welt begreifen, die nicht mehr greifbar ist? Weil sie virtuell ist. Die nicht mehr auf Verstand beruht? Weil sie abstrakt ist. Die sich unserer Erkenntnis entzieht? Weil sie surreal ist. Das sind Fragen, die sich heute vermehrt stellen, nicht nur in der Philosophie, sondern sogar auch in der Wissenschaft (spätestens seit dem Aufkommen der Quanten- und der Relativitätstheorie). Lange bevor die Wissenschaft der Physik auf die Strahlungsphänomene gestossen ist (insbesondere die Röntgenstrahlung und die Radioaktivität) hat uns die Kunst der Malerei in eine abstrakte Welt eingeführt, z.B. beim Surrealismus von Bosch (im 15./16. Jh.) oder Arcimboldo (im 16. Jh. - mit seinen seltsamen Gemüsegesichtern). Kann man physikalische Theorien und künstlerische Richtungen vergleichen? Vielleicht schon - die Dinge wurden auch in der Physik plötzlich anders, als sie eigentlich erschienen sind. Die Erde stand sogar plötzlich nicht einmal mehr im Mittelpunkt der Welt, sie war auch keine flache Scheibe mehr, und mehr noch: sie bewegte sich sogar. Nun aber gab es plötzlich auch Gesichter, die aus Früchten zusammengesetzt waren. Was sollte man mit solchem anfangen? Das macht eigentlich keinen klar erkennbaren Sinn, und trotzdem ist es eine künstlerische und künstliche Realität, Aussage und Herausforderung. Die alte Kunst hatte ihren genauen Ort: in der Ästhetik (v.a. der ästhetisierenden Darstellung des Menschen) der Antike, in der Religion des Mittelalters (auch in der Musik natürlich - spätestens seit der Gotik wurden ja die Kirchen als Klanghallen eingerichtet, und der Kirchenbesuch war gleichzeitig ein Konzerterlebnis); die neue Kunst in der Neuzeit und deren Moderne aber hob die alten Orte auf: die Religion war nicht mehr das Sujet, die Ästhetik nicht mehr das Motiv für die Kunst. Erst im 17. Jahrhundert sollten sich die neuen Tendenzen durchsetzen. Es war die Zeit der grossen niederländischen Meister: Rubens, Goyen, Rembrandt, Vermeer. Stimmungen hielten plötzlich Einzug in die Malerei - bedeutend dazu auch etwa Carrucci und Caravaggio (Barock, im 16./17. Jh.) sowie Wright, Füssli und Blake ([Vor-] Symbolismus, im 18. Jh.), Turner und Constable (Romantik, im 19. Jh.) - und mit ihnen zuerst einmal die Düsterkeit. Die Menschen wurden nicht mehr stilisiert dargestellt, sondern natürlicher, manchmal auch schon hypernatürlich. Der Fokus ist eines der bedeutendsten Merkmale der neuen Malerei. Einzelne Dinge wurden in den Fokus genommen, aber manchmal ging es gar nicht um die Dinge selber, sondern um die reine Kunst, ohne eigentliche Aussage, wie etwa in der Malerei des Stilllebens - herausragend dazu: Claesz (im 17. Jh.). Bei Goya kündigte sich schon der Sturm der Moderne an, welche noch zurückgehalten wurde durch Romantik und Biedermeier, dann aber voll durchschlug, vorerst mit dem Impressionismus (Pissarro, Manet, Degas, Cézanne, Monet, Renoir) und dem Expresssionismus (van Gogh, Munch) sowie dem Symbolismus - auch von der Literatur aufgenommen (Moréas) - und dem Fauvismus (alles Strömungen der modernen Malerei, welche gegen den Naturalismus gerichtet waren). Noch im 19. Jahrhundert sind viele Vertreter einer vollkommen neuen Malerei geboren: Rousseau [Henri], Gaugin, Klimt, Kandinsky, weiter ging es in zunehmender Abstraktion mit Malewitsch, Klee, Picasso, Braque, Ernst, Dali usw. usf., etc. etc. Die eigentliche Wirklichkeit des Bildes wurde immer weiter abstrahiert - bald kamen zuweilen nur noch Formen vor, v.a. Quadrate, Linien, Striche. Die Malerei wurde auch graphischer: ganz einfach deswegen, weil sie von der werbe- und absatzorientierten Grafik, wie sie v.a. die Medien mit sich brachten, beeinflusst wurde (vielleicht war dies sogar die bedeutendste Beeinflussung der Malerei seit jener, welche im Mittelalter von der Religion ausgegangen war). Es schien so, als ob die Maler alle möglichen Arten und Weisen, wie man die Welt sehen konnte, in ein Bild bringen wollten, wobei man auch durchaus (wie dies auch die Physik tat) immer neue Erschütterungen der gängigen Weltbilder provozierte. Von einer entarteten Politik wurde die abstrakte Kunst als 'entartete Kunst' bezeichnet. Im Fotorealismus des 20. Jahrhunderts konnten die Maler nur noch zeigen, dass sie das auch können, was der Fotoapparat kann, aber der Computer stellte mit zunehmenden Möglichkeiten in der Bildbearbeitung selbst die Kombination von Fotorealismus und Surrealismus in den Schatten. Das war eigentlich so etwas wie das Ende der Malerei (also der schönsten Kunst vielleicht überhaupt). Ist es tatsächlich möglich, dass die Technik in dieser Art und Weise alles ersetzen wird, was der Mensch hervorbringen kann? Wir sagen: nein, aber wir sind uns nicht mehr sicher heute. Ein verstörender Science-Fiction-Fantasy-Gedanke** (aber natürlich: es bleibt auch der Gedanke, welchen Jesus Christus eigentlich schon ausgesprochen hat, vor rund 2000 Jahren: in jedem Lebewesen, und erst recht in jedem Menschen, bleibt, was auch immer geschehen mag in den Ewigkeiten aller Ewigkeiten, so etwas wie eine Seele übrig - und das ist der grösste Gedanke des Messias überhaupt [welcher noch überhaupt gar nicht an Cyborgs denken konnte und trotzdem schon wusste, worum es eigentlich geht]). Und was werden Multimedia und Internet uns noch alles bescheren in der Brave New World oder in der New World Order (oder: wie auch immer)? Die Schreckensvision hat H.G. Wells (1866-1946) geschildert (1895, in seiner berühmten Zeitmaschine-Novelle - in der Belle Epoque), mit den Eloi und den Morlocks (und dem Verlust des Zusammenhangs von einer Menschheit überhaupt [aufgrund zweier sich im totalen Streit verschieden entwickelnden Menschheitsteilen - das ist die absolute Dystopie der Menschheit]).

* Exkurs: Philosophie und Fussball. Passen der Fussball und die Philosophie auch nur irgendwie zusammen? Langezeit hätte man das sicher verneint - spätestens seit der Hochscholastik galt die Intellektualität mehr oder weniger als körperlich bewegungslos - aber im mittleren und späteren 20. Jahrhundert traten erste solche Verbindungen auf, bedeutend etwa bei Camus (in seiner Jugend Fussballtorwart), bei Apel (sah die sportliche Fairness als Vorbild für eine allgemeine Moraltheorie [geäussert in der TV-Sendung "Der Letztbegründer", 1992] - und schon der US-Ethiker Rawls hatte ja sehr bedeutend den v.a. im Sport populär gewordenen Begriff der Fairness für seine Philosophie aufgenommen: "Justice as Fairness: Political not Metaphysical", 1985) oder bei aktuellen Autoren von philosophischen Fussballbüchern (Gessmann: "Philosophie des Fussballs" [2011], Gebauer: "Das Leben in 90 Minuten - Eine Philosophie des Fussballs" [2016]). In seinem letzten Prosawerk "La Chute" (dt. Der Fall, 1956) liess Camus die Hauptfigur Clamence sagen: "Nur im Fussballstadion und im Theater kann ich mich noch völlig unschuldig fühlen." Ganz so unschuldig kommt uns das bisher einzige philosophische Werk eines Spitzensportlers aber vielleicht aber nicht vor. Es gab nämlich einen Schachweltmeister, welcher zugleich Mathematiker und Philosoph war: Emanuel Lasker (zweiter offizieller Schachweltmeister, 1894-1921 [längste Zeit als Träger dieses Titels bis heute]). Und dieser schrieb ein Buch namens "Kampf" (zugleich auf Englisch erschienen: "Struggle", 1907). In diesem Buch beschrieb er seine Version eines sportlichen Idealmenschen, welchen er als Macheiden bezeichnete (daher auch der Begriff der Machologie für seine Philosophie oder Wissenschaft des Kampfes). Wahrer Sport ist natürlich nicht nur Kampf, sondern auch Spiel - und vielleicht auch Kunst. Steinitz, der erste offizielle Schachweltmeister überhaupt meinte: "Schach ist so inspirierend, dass ich nicht glauben kann, dass ein guter Spieler während der Partie böse Gedanken hegt." Oder Karpow: "Schach ist alles: Kunst, Wissenschaft und Sport." Wie meistens werden die Einschätzungen auch hierzu verschieden ausfallen. Inwiefern sind überhaupt Fussball und Schach vergleichbar (bzw. verschiedene Sportarten untereinander überhaupt)? Ein deutscher Spitzenfussballer meinte einmal ironisch - quasi an den Grenzen zwischen Idealitäten und Realitäten - dazu: "Fussball ist wie Schach - nur ohne Würfel." (Lukas Podolski, Fussballweltmeister mit der deutschen Nationalmannschaft 2014). Das Schachspiel, von seiner Anlage her ein Kriegsspiel, ist ja aber eben auch nicht immer so harmlos, wie es von aussen vielleicht aussieht (wie spätestens der Kalte Schachkrieg zwischen Fischer und Spasski [1972] zeigte [oder wie auch die in der Schachwelt immer beliebter werdenden Schnell-, Blitz- und Bulletspiele zeigen]). Eines ist sicher: Fussball ohne Kampf ist ebenso undenkbar wie Fussball als reiner Kampf (vgl. legendäre Anti-Spiele wie The Battle of Highbury 1934 oder The Battle of Santiago 1962). Weitere Berührungspunkte zwischen Philosophie und Sport: Platon soll der Legende nach zu den antiken Olympiasiegern gehört haben (in der Pankration [einer Verbindung von Ringen und Boxen]), tatsächlicher Olympiasieger in der Neuzeit wurde der deutsche Philosoph Hans Lenk 1960 im Rudern! Ferner soll Heidegger als Skilehrer bei Universitätsausflügen aufgetreten sein, während Kant sein Studium teilweise mit Gewinnen aus Billardturnieren finanziert haben soll. Es gibt also nicht allzu viele Bezüge, ein paar wenige - und daher doppelt interessante - aber schon. Wer sich dagegen mit intellektuellem Widerwillen gegen jegliche sportliche Betätigung eindecken möchte, der wird fündig bei... George Orwell ("The Sporting Spirit", 1945). Heute entdecken indessen nicht nur immer mehr Philosophen ein Interesse für den Fussball, sondern: im Fussball ist auch immer öfter nicht mehr nur von reinen Spielsystemen die Rede, sondern von Spielphilosophien. Das heisst: das Ganze ist ein bisschen komplexer, komplizierter und interessanter geworden, und das ist ja eigentlich auch ein Kompliment an die Philosophie - man muss es auch einmal umgekehrt sehen. Eine Anbiederung an den Fussball ist der Philosophie natürlich aber trotzdem nicht zu empfehlen: sie sollte sich eigentlich an überhaupt gar nichts anbiedern. (Auch in der Wirtschaft ist übrigens heute öfter die Rede von Unternehmensphilosophien, und vielleicht benötigen auch die Staaten in der Zukunft bessere Philosophien: bewusste Staatsphilosophien [ohne in allzu simple alte völkische Nationalismen zu geraten, natürlich, sondern: mit zeitgemässeren und umsichtigeren Begründungen und Ausprägungen].)

** Exkurs: Science Fiction und Philosophie. Eigentlich ist es erstaunlich, dass die Science Fiction - der Begriff soll vom britischen Dichter und Essayisten William Wilson (1851) stammen - keine grössere Beachtung in der Philosophie gefunden hat. Die wissenschaftlich-abenteuerliche Fiktion hat schon seit ihren literarischen Anfängen dazu gedient, die Zustände in der Erdenwelt durch symbolische Medien zu kritisieren. Exemplarisch dazu ist die Schrift "Micromégas" (1752), die als eine der ersten belletristischen Werke der Science Fiction gilt - es handelt sich dabei um ein satirisches Werk von... Voltaire (früher zu nennen sind in der Science-Fiction-Literatur vielleicht etwa Kepler, Bergerac und Swift: es gibt aber noch ältere Vorläufer bis zu den fliegenden Teppichen in den altorientalischen Geschichten oder frühen literarischen Mond- und Planetenreisen. Die Anfänge der Science-Fiction-Literatur wirkten auf den grossen Aufklärer Immanuel Kant so stark, dass dieser in einer seiner frühen naturwissenschaftlichen Schriften ein verwegenes Kapitel namens "Von den Bewohnern der Gestirne" [1755] über ausserirdische Wesen schrieb! Und er war, notabene, nicht der einzige Intellektuelle, welcher sich zu dieser Zeit mit diesem Thema befasste - sogar in der hoch angesehenen Royal Society war dies ein Thema, wie man etwa den Abhandlungen "The Discovery of a World in the Moone" [1638] und "A Discourse Concerning a New World and Another Planet" [1640] von John Wilkins, Bischof von Chester und Gründungsmitglied sowie erster Sekretär der Royal Society, entnehmen kann). Die Hauptfigur in der Science-Fiction-Erzählung von Voltaire ist ein intelligenter, freundlicher Ausserirdischer, welcher vom Planeten Sirius zur Erde kommt und hier mit den Menschen über Philosophie spricht. So, dachte vermutlich Voltaire, würden sich die Leute vielleicht eher mit der Philosophie beschäftigen. Wir erinnern uns auch an die grossen Ausserirdischen-Reden von Klaatu (aus dem Film "The Day the Eart Stood Still", dt. Der Tag, an dem die Erde stillstand), welcher die Menschheit vor sich selber warnte und (nicht ganz unproblematisch) Polizeistaaten vorschlug, oder Nix (im Film "Tomorrowland" - mit einem interessanten und erschütternden Science-Fiction-Fazit) - in der Star-Wars-Serie wurde mit Jedi-Meister Yoda sogar ein klassischer Weiser alter (fernöstlicher) Prägung eingeführt]). Wir erinnern uns auch an den menschlichen Captain Kirk und den ausserirdischen Mister Spock an Bord vom Raumschiff Enterprise (K/S Moments: Season 1, 2, 3), die uns auf ihren Weltraummissionen ebenfalls moralische Botschaften von einer neuen Welt zukommen liessen. Der Macher dieser äusserst populären TV-Serie, Gene Roddenberry, soll dabei Anleihen beim Sozialisten, Humanisten und Philantropen Corliss Lamont (1902-1995) gemacht haben. Speziell an der Science Fiction ist natürlich, dass sie immer auf die Zukunft ausgerichtet ist. Oft geht es dabei um technische Entwicklung, speziell etwa im Bereich von Maschinen, Automaten, Robotern, Androiden und Cyborgs - aber eigentlich in jedem Bereich der Wissenschaft und dessen spezifischer Problematik. Ein drittes Hauptthema neben der Vermittlung von Moral (auf eine etwas andere Art) und der technischen Entwicklung ist die gesellschaftliche Zukunft. Diesen Bereich nennen wir Dystopie. Der Begriff ist ein Gegenbegriff zu jenem der Utopie (wie er von Morus ausging). John Stuart Mill soll diesen Begriff 1868 erstmals in einer Rede vor dem britischen Parlament verwendet haben. Als eine der ersten Dystopien gilt "The Last Man" (dt. Verney, der letzte Mensch - 1826) von Mary Shelley, als eine der berühmtesten vermutlich "1984" (1948) von George Orwell. Vielleicht können wir sagen, dass die Science Fiction ein Nebenbereich der Philosophie geworden ist - auch der Philosophie in der Kunst. Dies gilt natürlich nicht für alle Werke der Science Fiction, aber doch für die wesentlichen Grundkonzeptionen dieses Genres. Als einer von wenigen Philosophen hat Andy Clark (geb. 1957) die Fragen der Science Fiction aufgenommen - in seinem Buch "Natural-Born Cyborgs: Minds, Technologies, and the Future of Human Intelligence" (2004). In seiner Extended-Mind-Theorie behauptet er, dass die Menschen aufgrund der vielen technischen Werkzeuge, die sie verwenden, bereits Cyborgs seien (also: biologisch-technologische Mischwesen). Bedeutend zu erwähnen ist vielleicht auch das Buch "Filosofie als science-fiction: interviews en een enquête" (1968) des niederländischen Philosophen Fons Elders. Natürlich ist die Science Fiction v.a. in der heutigen Filmwelt eine Vermischung von ernsthaften Intentionen und reiner Unterhaltung, und natürlich besteht die Gefahr einer Trivialisierung der Philosophie***, wenn diese die heutige Science Fiction zu leichtfertig adaptieren würde, andererseits muss aber eben doch auf den bedeutenden Bezug zwischen der Science Fiction und der Philosophie hingewiesen werden. Hinweisen muss man jedoch auch auf politische Botschaften, welche in der Science Fiction versteckt sind: einerseits die eher rechte Botschaft vom Menschen als (Funktions-) Maschine (vgl. Materialismus, Trans-/Posthumanismus), andererseits die eher linke Botschaft von der gespaltenen Gesellschaft (Dystopie). Verwandt mit der Science Fiction ist der ebenso bedeutende Fantasy-Bereich in der heutigen Kunst, welcher wesentlich ausgegangen ist von den Tolkien-Romanen (besonders "The Lord of the Rings", dt. Herr der Ringe, 1954/55). Nicht selten vermischen sich die beiden Genres auch (exemplarisch etwa in den Star-Wars-Filmen), eigentlich ist die Fantasy jedoch sogar eine Art Gegenkonzept zur Science Fiction, indem darin phantastische altertümliche Welten der Vergangenheit heraufbeschworen werden]). Interessant ist natürlich auch die Grenze zwischen Science und Fiction. Was wird heute im Zeitalter der Überwissenschaft bzw. der zunehmend überforderten Normalmenschen nicht alles behauptet? Etwa: wir würden in einer Matrix leben, die von ausserirdischen Wesen gesteuert wird, und nun suchen selbst Wissenschaftler nach dem holografischen Universum, in welchem wir nur Projektionen sind..., usw. usf., etc. etc. Das Problem bei solch irren Aussagen ist nicht nur, dass sich die Wissenschaft teilweise von der Science Fiction beeinflussen lässt, sondern auch: dass sie sehr grosse Mühe hat mit ihren eigenen Lücken und Unsicherheiten (und dass die Technikwissenschaft, und ebenso auch die reine Mathematikwissenschaft, notabene, in einer - selbst innerhalb der Naturwissenschaften, und selbst innerhalb der Teildisziplin der Physik! - zunehmenden Verwirrung der Weltbilder teilweise bereits in Konkurrenz tritt zur eigentlichen Naturwissenschaft).



*** Behandelt wurde der Hang zum Trivialen in der Science Fiction explizit bereits im Essay "The Imagination of Disaster" (1961) von der US-amerikanischen Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin Susan Sontag. Sie stellte darin fest, dass die Science-Fiction-Filme viel mit Fiktion, aber wenig mit Wissenschaft zu tun hätten. Es gehe oft um eine reine Ästhetik der Zerstörung, welche einen leidenschaftslosen Blick auf Gewalt und Elend provoziere. Dieses Problem kennt das Genre natürlich bis heute. Auffallend in den Trailern der 1950-er Filme ist in der Tat, dass viele (v.a. die billiger produzierten) Filme damit werben, die verrückteste und furchteinflössendste Geschichte anbieten würden, die man je gesehen habe (also: reines Spektakel).

Science-Fiction-Literatur. Erste Phase: "Alete diegemata" (dt. Wahre Geschichten, Lukian von Samosata, im 2. Jh. [ferner: "Ikaromenippus" und "Philopseudes"]), "Alf Layla Wa Leila" (dt. Tausendundeine Nacht, im 8. Jh. in Arabien), "Taketori Monogatari" (um das Jahr 900 in Japan). Zweite Phase: "Orlando furioso" (Ariosto, 1516), "Utopia" (Morus, 1516), "Somnium" (Kepler, zw. 1620-1630). Dritte Phase: "The Man in the Moone" (Godwin [F.], 1638), "L'histoire comique contenant les états et empires de la lune" und "L'histoire comique des états et empires du soleil" (Bergerac, 1655 u. 1662), "Micromégas" (Voltaire, 1752). Vierte Phase: "Frankenstein or The Modern Prometheus" (Shelley, 1818 - auch: "The Last Man"), "Die Automate" (Hoffmann, 1819), "Le roman de l'avenir" (Bodin [F.], 1834). Fünfte Phase: "Voyage au centre de la terre" (Verne, 1864 - weitere: "Autour de la lune", "Vingt mille lieues sous les mers"), "Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde" (Stevenson, 1886), "The Time Machine" (Wells, 1895 - weitere: "The Invisible Man", "The War of the Worlds" [u.a.]). Zu den zehn bedeutendsten Science-Fiction-Autoren gehören vielleicht etwa: Shelley, Verne, Stevenson, Wells, Orwell, Heinlein, Clarke, Asimov, Herbert, Dick. - Science-Fiction-Filme (Meilensteine). "Le voyage dans la lune" (Méliès, 1902), "Metropolis" (Lang, 1927), "Modern Times" (Chaplin, 1936), "The Day The Earth Stood Still" (Wise, 1951), "The War of The Worlds" (Pal, 1953), "The Time Machine" (Pal, 1960), "Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb" (Kubrick, 1964), "Fahrenheit 451" (Truffaut, 1966), "Star Trek" (TV-Serie, Originalserie 1966-1969), "Planet of the Apes" (Schaffer, 1968), "2001: A Space Odyssey" (Kubrick, 1968), "A Clockwork Orange" (Kubrick, 1971), "Soljaris" (Tarkowskji, 1972), "Silent Running" (Trumbull, 1972), "Soylent Green" (Fleischer, 1973), "Welt am Draht" (Fassbinder, 1973), "Logan's Run" (Anderson, 1976), "Star Wars" (1977 - Originaltrilogie 1977-1983), "Battlestar Galactica" (TV-Serie 1978-1980), "Alien" (Scott, 1979), "Star Trek: The Motion Picture" (Film, 1979), "WarGames" (Badham, 1983), "The Day After" (Meyer, 1983), "Dreamscape" (Ruben, 1984), "Dune" (Lynch, 1984), "1984" (Radford, 1984), "Independence Day" (1996), "Bicentennial Man" (Columbus, 1999), "The Matrix" (Wachowski, 1999), "The Day After Tomorrow" (Emmerich, 2004), "Avatar" (Cameron, 2009), "Moon" (Jones, 2009), "Prophets of Science Fiction" (Dokumentarfilm, 2011), "The Hunger Games" (Ross, 2012), "Her" (Jonze, 2013), "Tomorrowland" (Bird, 2015), "The Circle" (Ponsoldt, 2017).

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Die Zeitperiode, welche auf die Belle Epoque folgte, konnte keinem Philosophen gefallen: Erster Weltkrieg, Faschismus, Weltwirtschaftskrise (engl. Great Depression), Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg.

Die dunkelste Stunde der Philosophie (oder: die Philosophen sehen schwarz - Neopositivismus, Untergangsstimmung und Kulturkritik). Schopenhauer und Kierkegaard gehören - wie immer auch man ihre Philosophie in einer Einzelbetrachtung bewertet - zu den grössten Beeinflussern der modernen Philosophie überhaupt. Von Schopenhauer beeinflusst, entstand eine Reihe von mehr oder weniger diffusen bis dubiosen Philosophien, etwa mit der Psychophysik von Fechner, dem Voluntarismus von Wundt, der Philosophie des Unbewussten von Hartmann (Eduard v.) oder dem Empiriokritizismus von Avenarius (mit bedeutendem Bezug auch zum Pantheismus von Spinoza). Richard Avenarius (eigentlich: Richard Habermann, 1843-1896) prägte den Begriff des Empiriokritizismus, welcher nicht etwa eine Kritik am Empirismus bedeutet, sondern im Gegenteil die vollkommene Radikalisierung desselben, womit er sowohl die Metaphysik wie auch den Materialismus aus der Philosophie ausschliessen wollte (ohne damit eine Ethik zu begründen, notabene). Vor ihm galt bereits Gottlob Frege (1848-1925) mit seiner "Begriffsschrift, eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens" (1879) als Begründer der Analytischen Philosophie - und damit dem Versuch der mathematischen Formalisierung der Philosophie - mit welcher er etwa Russell und Wittgenstein beeinflusste. Ludwig Wittgenstein (1889-1951), ein Österreicher, welcher nach England übersiedelte* - ich betrachte hier den philosophiegeschichtlich bedeutenderen früheren Wittgenstein - sollte nun aufzeigen, wohin dies alles zielte. Er ging mit seinem "Tractatus logico-philosophicus" (1921) in seiner Antiphilosophie weiter als die bisherigen, indem er forderte, alle philosophischen Probleme seien überhaupt abzuschaffen. Das ist die Forderung danach, quasi aus der Philosophie heraus, die Philosophie selber abzuschaffen: zugunsten einer reinen Wissenschaft, natürlich. Und das ist vermutlich die dunkelste Stunde der Philosophiegeschichte überhaupt. Diese hielt in den 1920-er Jahren an: etwa mit der Behauptung vom Untergang des Abendlandes, von Oswald Spengler (1922), oder jener, dass der Geist der Widersacher der Seele sei, von Ludwig Klages (1929)**. Die Philosophie war auf einem Nullpunkt angekommen***. Dann wurde es eine Weile lang ganz schwarz in Europa - die Welt stand vor dem Zweiten Weltkrieg. Als die Lichter ein paar Jahre später wieder angingen, kam ein ganzes Heer von Poststrukturalisten in Frankreich (Lacan, Barthes, Lyotard, Deleuze, Foucault, Derrida, Baudrillard, Guattari) mit einer Kulturkritik, welche an die Heftigkeit von Nietzsche erinnerte oder diese teils sogar noch übertraf. Dies initiierte auch die Kritische Theorie in Deutschland (Benjamin, Horkheimer, Marcuse, Fromm, Löwenthal, Adorno), welche aus jüdischen Denkern bestand, die im Krieg emigrieren mussten und ebenfalls eine scharfe Kultur- und v.a. auch Technikkritik vorbrachten. Beide Richtungen liessen gegen das spätere 20. Jahrtausend und das Millennium hin fast endzeitmässige Stimmungen aufkommen. Der bedeutendste dieser kritizistischen Philosophen ist vielleicht Michel Foucault (1926-1984) - mit seinen Begriffen der Diskontinuität**** und des Diskurses bzw. der Diskursanalyse - der schärfste vielleicht Jean Baudrillard (1929-2007), welcher durch die Technisierung die sozialen Strukturen und Beziehungen verschwinden sah und ferner die gesamte Realität überhaupt, welche nach ihm zunehmend reproduzierbar und daher irrelevant wird, während er gleichzeitig auch eine Hyperrealität aufsteigen sah; typisch für diese ganze Verwirrung ist natürlich auch die Philosophie der Dekonstruktion von Jacques Derrida (1930-2004). Die Kulturkritik wurde so in Deutschland wie in Frankreich zur führenden Philosophie in Europa im späteren 20. Jahrhundert, und so verschob sich auch das philosophische Hauptinteresse der Philosophie, wie sich zeigen sollte, immer mehr in die USA, wo sich eben vorab die früher in Deutschland formierte (pseudo-) analytische Richtung weiterentwickelte.

* Wir sehen radikalempiristische und/oder extrem analytische Richtungen heute in der angloamerikanischen Philosophie - v.a. in den USA - beheimatet, aber dies ist ebenfalls in der deutschsprachigen Philosophie entstanden. Besonders gilt es hierbei die verschworene Gruppe des Wiener Kreises zu erwähnen, in welchem sich österreichische, deutsche und internationale Persönlichkeiten aufhielten. Die Philosophie dieses Kreises wird etwa als Neopositivismus oder Logischer Empirismus/Positivismus bezeichnet. Es gibt viele Namen dafür, die letztlich aber alle dasselbe bedeuten: quasi die Abschaffung der Philosophie zugunsten einer reinen (Natur-) Wissenschaft (der Urpositivismus von Comte ging ja davon aus, dass die wissenschaftliche Ära die religiöse und philosophische Ära ablöst und verdrängt [davon geht auch dieser Neopositivismus aus]). Einige der Denker dieser Richtungen verliessen den deutschsprachigen Raum rund um den Zweiten Weltkrieg und zogen in Richtung England und USA, was auch dazu beitrug, dass der Neopositivismus dort (im weiten Feld der analytischen Philosophie) die vorherrschende Richtung der Philosophie im 20. Jahrhundert wurde. Damit geriet die Philosophie ein bisschen aus dem Gleichgewicht, weil sowohl in Kontinentaleuropa wie im angloamerikanischen Raum die bestehenden Tendenzen noch einmal verstärkt wurden (während die Gegengewichte weitgehend fehlten). Insgesamt hatte die angloamerikanische Philosophie mit dieser Entwicklung fortan im 20. Jahrhundert vermutlich die grössere Kraft, aber sie brachte doch eigentlich recht wenig Neues und Weltbewegendes hervor. Aber nicht nur dies: nicht nur der Neopositivismus wurde so in die USA exportiert, sondern auch der Neoliberalismus, welchen dann Milton Friedman prominent vertreten hat (der Neoliberalismus hat sich jedoch ebenfalls in Österreich durch Hayek, ein Verwandter von Wittgenstein und einer der weltberühmtesten politischen Überläufer von links nach rechts, sowie Mises begründet [siehe: Österreichische Schule der Nationalökonomie]). Die bedeutendsten Begründer im inneren und äusseren Teil des Wiener Kreises, welche emigrierten sind (u.a.): Carnap (USA), Gödel (USA), Hempel (USA), Menger (USA [Sohn des Begründers der Österreichischen Schule der Nationalökonomie]), Mises (USA), Morgenstern (USA [stand in engem Kontakt mit Hayek und Mises und begründete in den USA mit dem ebenfalls emigrierten Neumann die Spieltheorie]), Popper (England), Reichenbach (USA), Tarski (USA), Waismann (England), Wittgenstein (England - bereits früher); im Zusammenhang mit diesem Kreis standen auch vor den Emigrationen schon bedeutende US-amerikanische und britische Positivisten wie Ayer (USA), Ramsey (England) oder Quine (USA), welche die Emigrationen teils mitorganisierten. Neben den Mitgliedern dieses Kreises emigrierten natürlich auch andere Wissenschaftler in die USA.

** Es gibt natürlich weitere interessante Schriften in den 1920-er Jahren - dazu gehören etwa die Schrift über den wahren Staat von Othmar Spann, welche den hierarchischen Aufbau der Gesellschaft betont (erwähnenswert dazu auch etwa die Staatsauffassungen im Deutschen Idealismus gegen Vorstellungen von Selbstorganisation in der gleichzeitigen Romantik: im Systemprogramm [Staat als etwas Mechanisches] sowie bei Fichte [Geschlossener Handelsstaat] und Hegel [Staat mit objektivem Willen]), oder die Gewaltkritik von Walter Benjamin (bezugnehmend auf "Réflexions sur la violence" [1908] von Georges Sorel - diese mit einer Verherrlichung von politischer Gewalt gegen einen allgemeinen Sittenzerfall), beide 1921.

*** Besonders politisch manifestierte sich die Philosophie in jener Zeit in Italien: mit dem Marxisten Gramsci und dem Faschisten Gentile - beide waren beeinflusst von Benedetto Croce (1866-1952), einem idealistischen Humanisten, welcher so etwas wie der Dreh- und Angelpunkt der neueren italienischen Philosophie ist.

**** Ein schwieriger Begriff, welcher zwischen einem 'So nicht' und einem 'Gar nicht' schwankt. Ich finde Foucaults Verwerfung des Humanismus ähnlich überrissen wie Marxens Verwerfung der Bürgerlichkeit. Bei solch radikalen Verwerfungen wird - wenngleich es aus Zeitphänomenen heraus vielleicht verständlich erscheint - vergessen, dass ein Status nicht aus dem Nichts kam, sondern aus einer historischen Entwicklung heraus, und dass der Bruch mit diesem Status des Alten auch einen Rückfall in das Uralte bedeuten kann. Wenn etwa Marx die Bürgerlichkeit verwirft, verwirft er dann nicht gleichzeitig auch die bürgerliche Revolution? Mit welchen Folgen? Und wenn Foucault den Humanismus verwirft (oder nach ihm ferner die [sogenannten] Trans- und Posthumanisten), verwirft er dann nicht gleichzeitig den Aufbruch des Menschen in der Renaissance? Und wieder die Frage dazu: mit welchen Folgen? In einer notwendigen, gelingenden und gelungenen Revolution erscheinen solche Radikalitäten nützlich, ansonsten aber sollte man doch eher einen Reformismus anstreben und damit auch eine gemässigte Beurteilung der Geschichte. Es scheint hierbei auch der Grundsatz zu gelten, dass man nicht revolutionieren kann, was bereits revolutioniert worden ist (oder dass dies zumindest noch sehr viel schwieriger erscheint). Wenn man etwas kritisiert, was bereits revolutioniert worden ist, dann muss man es reformieren.

Anmerkung: Edmund Husserl (1859-1938) war mit seiner ebenfalls bedeutend klingenden Philosophie der Phänomenologie so etwas wie die tragische Figur oder (quasi in der Reaktion auf die Reaktion) der Don Quichotte der Philosophie der Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Er sah den dunklen, lichttötenden Effekt des Neopositivismus und stellte sich gegen diesen. Aber damit geriet er mitten in ein grosses Dilemma. In seiner Rettungsaktion für die Philosophie griff er den Empirismus an. Sein Ziel war es, eine neue philosophische Wissenschaft zu begründen, welche auf alle Erkenntnismöglichkeiten zurückgreift (und nicht nach einem fixen Modell funktioniert wie die empirische Wissenschaft). Das ist aus einer philosophischen Sicht verständlich, wenn man bedenkt, wie stark die reine Philosophie von der Wissenschaft an den Rand gedrängt wurde, aber es löst leider keinerlei Probleme. Das Postulat (des Einbezugs aller Möglichkeiten der Erkenntnis) ist zwar gut, aber man kann (und soll) damit nicht die exakte Wissenschaft angreifen. Obwohl Husserl mit seiner Phänomenologie letztlich keinen Erfolg hatte - trotz der Unterstützung sogar von Heidegger - und sich das Zentrum der Philosophie in die USA verlagerte, kann man Husserls Philosophie heute auch wie eine Prophezeiung sehen, von einer Wissenschaft, welche teils heute ihren eigenen Empirismus verleugnet und sich - v.a. in der Makro- und Mikrophysik - von selber auf zunehmend spekulative Ebenen begibt und dort teils eigentlich esoterische Aussagen macht, die sie allerdings als pure Wissenschaft ausgibt.

Ich sage nicht, dass es bei Wittgenstein nicht auch gute und brauchbare Gedanken gäbe, oder dass Sprach- und auch Philosophiekritik grundsätzlich schlecht ist, aber einige seiner Sätze und Auffassungen sind so problematisch, dass ich sie hier - aufgrund der grossen Bedeutung, die sie erlangt haben - nicht vorenthalten möchte. Die problematischsten seiner Sätze sind etwa diese (immer in einem wissenschaftlichen Kontext zu sehen [und abgesehen von den ganzen mehr oder weniger abstrusen pseudomathematischen Formalitäten, welche er vorbringt, und welche in dieser Art von Philosophie dann immer bedeutender werden]): "Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. [...] Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten. [...] Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen. [...] Und es ist nicht verwunderlich, dass die tiefsten Probleme eigentlich keine Probleme sind. [...] Alle Philosophie ist 'Sprachkritik'. [...] Alle Sätze der Logik sagen aber dasselbe. Nämlich Nichts. [...] Wir können uns in einem gewissen Sinne, nicht in der Logik irren. [...] Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. [...] Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt. [...] Das Ich tritt in die Philosophie dadurch ein, dass die 'Welt meine Welt ist'. [...] Immer kann man die Logik so auffassen, dass jeder Satz sein eigener Beweis ist. [...] Alle Sätze sind gleichwertig. [...] Gott offenbart sich nicht in der Welt." Die Neopositivisten versuchen eigentlich gegenüber der Philosophie den selben Trick anzuwenden, welchen die Aufklärer gegenüber der Religion angewendet haben - da sie sich aufgrund der Absolution, welche sie ihrem eigenen Denken und ihren eigenen Vorstellungen unterstellen, mit diesen Dingen nicht mehr beschäftigen möchten, erklären sie sie einfach kurzum zum Unsinn. Schon Augustinus sagte, dass ein vernünftiger Mensch nicht auf die Wissenschaft verzichten könne, aber wie unvernüntig ist es, zu behaupten, dass man in einem reinen Wissen (so es denn erreichbar wäre) keine Weisheit mehr benötigen würde? Ich träume auch von einer vollkommenen Wissenschaft - sicher - aber ich kann diesen Traum einordnen in realistische Verhältnisse. Wittgenstein entspricht nicht der Abschaffung einer allfälligen Ignoranz und Arroganz in der Philosophie (wie er selber behauptet), sondern der Spitze derselben! (Es ging und geht aber trotzdem weiter mit der Philosophie. Wenn man über Philosophie sprechen will, kann man ihre dunkelste Stunde nicht weglassen: ihre Selbstanklage. Denn Frege und Wittgenstein sind ja nicht Leute von aussen, sondern Leute, die durchaus aus dem universitären Kreis der Philosophie herausgewachsen sind. Und viele haben sich diesen angeschlossen? Ignoranz und Arroganz gibt es in anderen Bereichen des Menschlichen natürlich übrigens auch - in der Philosophie sollte man aber leichter darüber sprechen können. Man kann einzelne Philosophen kritisieren, auch die ganze Philosophie, aber was ändert dies daran, dass die Menschen sich in der Welt orientieren müssen, und dass sie Urteile und Entscheide fällen müssen?, und dass man darüber sprechen muss, wie dies im Rahmen einer Gesellschaft und Welt geschehen kann und soll. Seit der Aufklärung ist man sich darüber einig, dass dies im Allgemeinen nicht in Geheimbünden und/oder hinter dunklen Mauern in dunklen Kellern, wie ehedem in den dunkleren Zeitaltern, geschehen soll, sondern in einem offenen Diskurs. Das ist der Grundgedanke der Aufklärung. Auch wenn diese heute wieder angeschwärzt wird - von Leuten, die (so glaube ich) [auch] nicht so recht wissen, was sie tun und die in einer Rückständigkeit verloren sind, die es so, wie sie sich das erträumen, nicht mehr geben wird, weil sich das Rad der Zeit halt eben nicht zurückdrehen lässt - müssen wir dies klar sagen und deklarieren. Die Philosophie von Wittgenstein entspricht einem Versuch, die Aufklärung abzuschaffen und stattdessen eine pseudointellektualistische Anti-Philosophie einzusetzen. Dieser Versuch hatte eigentlich fast noch etwas Schalkhaftes an sich, doch dieses ist längst verflogen [u.a. durch Russell, welcher zusammen mit Moore und Whitehead, u.a., die Sache schon sehr viel ernster genommen hat, so dass bis heute eine ganze Armada von Neopositivisten entstanden ist, was auch einer der Gründe dafür ist - wegen deren Verschleierungstaktiken und geschlossenem Diskurs - dass viele die Philosophie heute noch sehr viel weniger verstehen denn je; da aber diese Reaktion heute politisch durchzuschlagen bzw. eine bedeutende Wirkung zu erreichen scheint, ist es gut möglich, dass sie philosophisch mit der Zeit nachlassen wird - diese ganzen Vorkommnisse zeigen zumindest aber auf jeden Fall, dass man heute nicht mehr von einer politisch gänzlich unabhängigen Philosophie sprechen kann, sondern: die Politik ist heute in der Philosophie ein Thema, welches man zumindest immer auch berücksichtigen muss, in einer Zeit, in welcher zunehmend alles verpolitisiert zu werden scheint (auch die Wissenschaft?), und dies übrigens zunehmend auf immer verschlungeneren Pfaden].)

Die US-Philosophin Cora Diamond schlug in der Wittgenstein-Debatte eine neue Wittgenstein-Lesart vor, mit einem quasi therapeutischen Wittgenstein. In dieser sogenannt resoluten Lesart wird gesagt, dass der Tractatus von Wittgenstein im wörtlichen Sinn ein Unsinn ist, dass aber die Sätze von Wittgenstein einen thearapeutischen Charakter haben. Man kann es auch so interpretieren (ich habe meine Deutungsweise dargelegt [zur Grundsituation, in welcher Wittgenstein ernst und wörtlich genommen wurde, und auch so aufgefasst werden wollte, notabene, denn damit hing ja letztlich auch sein persönlicher Erfolg zusammen]).

Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, was wahre Wissenschaft (und was wahre Soziologie) ist. Wahre Wissenschaft ist für mich jener Bereich, welcher durch die Nutzung aller möglichen Quellen versucht, ein möglichst gutes Wissen zu erreichen (und Soziologie ist für mich eine Wissenschaft, welche nach möglichst guten Lösungen sucht, um die Probleme, welche sich in den Gesellschaften ergeben, zu lösen). Dazu brauchen wir keinen Positivismus, d.h. keine Reduktion auf allfällige Allfälligkeiten - oder jedenfalls nicht nur solche, und auch kein Ausruhen auf den Lorbeeren derselben - sondern immer wieder ein echtes Bemühen und grosse Anstrengungen. Wer Wissenschaft will, muss mit Komplexität rechnen. Diese möglichst einfach darzustellen, kann nicht das Weglassen und Vergessen von Wesentlichem bedeuten, aber dagegen auch nicht die Verleugnung einer sinnvollen Methodik, die in gewissen Bereichen höchstens ethisch zu hinterfragen ist. Die klassische und traditionelle wissenschaftliche Methodik ist der Grundstein der Wissenschaft (und der primäre Bereich der Wissenschaft), dazu müssen aber die übrigen Möglichkeiten ebenfalls in Betracht gezogen werden (als sekundärer Bereich, welcher den primären Bereich ergänzt [exemplarisch etwa: wie im Verhältnis der Schul- und Alternativmedizin]). Der primäre Bereich muss sich indes aber auch selber klarer von Aussagen distanzieren, welche nach seinem eigentlichen Grundverständnis nicht erwiesen sind und diese in den sekundären Bereich verweisen. Die Wissenschaft soll sich nicht mit falschen Federn schmücken, sondern einen Bereich bilden, welcher gesichert ist (auch wenn dies in der spätmodernen Wissenschaft aus verschiedenen Gründen immer schwieriger wird). Die Philosophie als Wissenschaft wird wohl damit leben müssen, dass sie zwar den Anspruch hat, eine Wissenschaft zu sein, dass sie aber (grösstenteils) nicht auf die Methoden der Naturwissenchaft zurückgreifen kann (wäre nämlich die Philosophie eine Naturwissenschaft, dann wäre sie keine Philosophie mehr).

Und eine grosse Frage der Philosophie ist seit längerer Zeit auch diese: Ist die Aufklärung als gescheitert zu betrachten? (Siehe etwa: Adorno/Horkheimer ["Dialektik der Aufklärung", 1944], oder auch: Frisch ["Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb", Rede 1985]). Manche bezeichneten die Aufklärung als ewiges Projekt aller künftigen Philosophie, oder tun dies immer noch, einige stellten sie in Frage - insbesondere die Kritizisten im 20. Jahrhundert. Der Sozialpsychologe Gustave Le Bon schrieb (in seinem Hauptwerk "Die Psychologie der Massen") bereits 1895: "Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer." Wer so schreibt, und damit die (demokratische) Masse entmündigt, missachtet die ganzen Erfolge der Aufklärung, die heute unbestreitbar vorhanden sind (aber natürlich auch ihre Kehrseiten haben, wie alles), und er überlässt das Feld allzu leicht einer Gegenaufklärung, die ausser ihrem übertriebenen Konservativismus keinen wirklichen Plan für die Zukunft hat.

Ausgerechnet ein US-Amerikaner hat die Problematik der europäischen Philosophie des 20. Jahrhunderts vermutlich am Besten zusammengefasst: Rick Roderick (1949-2002) ist bekannter durch seine Vortragsreihen als durch seine Bücher. 1993 hielt er eine Vortragsreihe unter dem Titel "Self Under Siege" (dt. Das Selbst unter Druck [oder genauer: Belagerung]), in welcher er einige der bedeutendsten europäischen Philosophen des 20. Jahrhunderts und ihre Ideen erklärte, und dabei zeigte, dass er ein sehr guter Kenner und Analyst der europäischen Philosophie dieser Zeit ist. Es gibt ein paar Vorbehalte, trotzdem kann man dies empfehlen als Einstiegs- und/oder Basiswissen. Lecture 1: Masters of Suspicion, Lecture 2: Heidegger - The Rejection of Humanism, Lecture 3: Sartre - The Road to Freedom, Lecture 4: Marcuse - One-Dimensional Man, Lecture 5: Habermas - The Fragile Dignity of Humanity, Lecture 6: Foucault - The Disappearance of the Human, Lecture 7: Derrida - The Ends of Man, Lecture 8: Baudrillard - Fatal Strategies. Das ist natürlich kein leichter Stoff - v.a. wegen der negativen Grundtendenz, die wir, offen oder versteckt, oft darin finden - aber es ist die (europäische) Philosophie des 20. Jahrhunderts, die sich direkt an Nietzsche ([Über-] Kritizismus), Schopenhauer (Pessimistische Grundeinstellung und Leiden an der Welt [und an deren kleineren und grösseren Katastrophen]) und Wittgenstein (Verneinung von [klassischer und/oder systemischer] Philosophie) anschliesst.

Roderick wies in seinen Vorlesungen auch speziell daraufhin, dass die Philosophie und die Geschichte (bzw. Geschichtsschreibung) der Vergangenheit gewisse Wesenszüge tragen, die er bezeichnet als: weiss, männlich und europäisch (zumindest bis ins 20. Jahrhundert [wobei man eben die Wurzeln der heutigen US-Philosophie ebenfalls in Europa sehen kann]). Es gebe andere Faktoren meinte er dazu, ohne dies genau auszuführen (nur als kleiner Wink an das Bewusstsein).

Nicht nur in Deutschland und Frankreich hat sich die Philosophie im 20. Jahrhundert ein bisschen ins Abseits gebracht: in Italien kam mit Vattimo und Rovatti sogar der Begriff eines Schwachen Denkens auf (missachtend: dass das Denken ja eine Alternative ist zum Nicht-Denken). Diese Denker nahmen Bezug auf den heideggerschen Begriff der Seinsvergessenheit und forderten eine Schwächung des Seins und dessen starker Strukturen (wie sie es formulieren - was immer damit gemeint sein soll [das Sein an sich hat meiner Meinung nach gar keine Strukturen, und im Daseienden werden von alters her (Da-) Sein und Wesen getrennt betrachtet, aber item]). Dies freilich ist ebenso eine Wendung gegen Heidegger wie auch gegen Kant (und dessen aufklärerisches Credo vom Sapere aude). Denn Heidegger meinte ja mit dem zweideutigen Begriff der Aufgabe des Denkens ein anderes, neues Denken - und nicht ein schwaches Denken. Ich bin der Meinung, dass sich die Welt gerade heute - und auch zukünftig - kein schwaches Denken erlauben kann, in einer Zeit, in welcher die Probleme immer grösser und die Waffen immer besser werden (man kann nicht mit Denken ein riesiges Waffenarsenal aufbauen, und wenn es um die Verwendung desselben geht, oder allenfalls bzw. besser: um den Abbau desselben, wenn es als zu gross empfunden wird, das Denken dann einfach ausschalten - das ist doch eher eine sehr fragwürdige Strategie). Das Aufgeben des Denkens ist keine Lösung für die Umgehung der Schwierigkeiten des Denkens - das ist, glaube ich, auch das, was Heidegger mit seiner Lichtung im Denken eigentlich sagen wollte. Selbst im dunkelsten Wald, in den wir gerade heute geraten können - wo alles besser sein müsste, es aber teils nicht ist (oder sogar schlechter zu werden scheint oder droht, weil die Technik sehr viel stärker verbessert wurde als die Moral) - finden wir eine Lichtung. Und da ist auch etwas Menschliches übrigens, was weiterträgt. Ich vertrete nachwievor ein starkes bzw. bedeutendes Denken (wenn auch im Rahmen der gesamten Schichtung [die ich in meinem Ansatz dargestellt habe als: (Da-) Sein, Leben, Glauben, (Nach-) Denken und Handeln - also: nicht mehr Denken und Geist für sich alleine stehend, wie in den meisten philosophischen Systemen der neueren Zeit bis dahin]).

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NEUZEIT / MODERNE III (Existentialismus, 20./21. Jh.) * * * Existentialismus im 20. Jahrhundert * * * Die ökologische Problematik * * * US-Philosophie: Pragmatismus, Analytik & Co. * * * Aktuelle Philosophie - Trends, Tendenzen, Exoten * * * Multi-Media-Freestyle-Flow-Bewusstseinserweiterungsphilosophie * * * Libertarian Crossover - ein seltsames politisches Phänomen * * * Ambivalenz - Neuer Atheismus und Neue Religiosität * * * 21. Jahrhundert: Bewusstseins-, Diskurs- und Öffentlichkeitsdebatten.





Die Kunst des Existentialismus. Der Existentialismus ist so etwas wie der Lichtblick in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, jedenfalls kann man das (v.a. aus einer künstlerischen Sichtweise heraus) so auffassen - zwischen der kritizistischen und der analytischen Philosophie. Auch hier sind in erster Linie die Deutschen (Jaspers, Heidegger - Ontologie/Metaphysik: Hartmann [Nicolai]) und die Franzosen (Lavelle, Marcel, Sartre, De Beauvoir, Camus) zu nennen - ich würde daneben auch von einem Schweizer Existentialismus sprechen (insbesondere mit Frisch und Dürrenmatt sowie weiteren Schriftsellern; weitgehend ohne spezifische oder ausführliche Existenzphilosophie, es finden sich aber doch auch, wenn man den Kreis ein bisschen weiter fasst, einige belletristische und auch philosophische Texte von verschiedenen Denkern dieser Zeit dazu [und gerade Frisch - und warum nicht auch Dürrenmatt? - entsprach durchaus sehr einem existentialistischen Künstlertypus im 20. Jahrhundert]). Korrekterweise müsste man bei der deutschen Richtung von der Existenzphilosophie sprechen (nach einem Begriff von Jaspers) und bei der französischen von einem Existentialismus. Jedoch blieb auch der Existentialismus alles andere als kritikfrei: die Ethik spielt in dieser Philosophie (ebenfalls - wie in der gesamten Philosophie des 20. Jahrhunderts) keine allzu grosse Rolle, und manche werfen den existentialistischen Philosophen, insbesondere Heidegger und Sartre, ein allzu grosses Gewörtel vor, d.h. Sprache um der Sprache willen oder Gedanken um der Gedanken und nicht um der Philosophie willen. Die existentialistische Philosophie soll aber auch viel mit Kunst zu tun haben. Das Kunstwerk ist sozusagen der Urgrund für den Existentialisten (bzw. das Werk allgemein, oder das Wirken für etwas, ist der Hauptgrund für den existentialistischen Menschen).* Und innerhalb des Existentialismus wiederum war es vermutlich der Roman "L'Étranger" (1942) von Albert Camus, welcher das bedeutendste belletristische Werk zu diesem Thema war. Das Fremde und das Andere sind (im Gegensatz zur reinen Subjektphilosophie im Kartesianismus und bei den modernen Individualisten) ein bedeutendes Thema - v.a. im französischen Existentialismus. Der Existentialist ist jedoch auch quasi ein Anti-Meursault** (d.h. das Gegenteil vom Helden bzw. Antihelden dieses Romans, obwohl er diesen Typ auch und vielleicht sogar zuerst in sich trägt, und dieser auch einen bedeutenden Teil seiner Künstlerseele ausmacht: er ist sich seiner Existenz bewusst, er denkt über diese nach, insbesondere auch über seine Ängste und Gefühle - vgl. Kierkegaard - was der naive und in seiner Naivität fast ein bisschen gewissenlose Meursault, der sehr stark dem 'Homo Faber' [1957] bei Frisch ähnelt, im Roman nicht tut [es gibt in der Literatur dieser Zeit weitere literarische Figuren zu diesem Thema, aber keine ist ganz so typisch wie diese beiden (Meursault und Faber)]). Rein philosophietheoretisch sind aber Heidegger und Sartre bedeutender - ebenso in ihrer starken Rhetorik, und auch als erste grosse Public Philosophers. Doch dem eigentlichen Typus des Existentialisten entsprechen v.a. Camus und Frisch (das ist der Existentialist oder der typische [Medien-] Intellektuelle jener Zeit, etwa im Gegensatz zum Dandy, einem anderen Künstlertyp, oder auch zum Hippie [z.B.]). Martin Heidegger (1889-1976) meinte, dass eine Frage in der Philosophie bis dahin noch nicht richtig gestellt wurde: jene nach dem Sein an sich. Er nennt seine Philosophie deswegen eine Fundamentalontologie. Ob er diesem Anspruch gerecht wurde, kann man aber bezweifeln. Zweifellos hat er indes die Frage nach dem Sein (als Urgrund, seit alters her) bedeutend wieder aufgeworfen. Seine Philosophie und seine Sprache sind sehr originell, aber andererseits hat er sich einerseits zu stark von der traditionellen Philosophie abgewandt und ist andererseits doch nicht über die alte Metaphysik hinausgekommen. Dagegen war es ihm vorbehalten, die Dunkelheit in der deutschen Philosophie aufzuhellen. Er griff das Problem auf und sprach ebenfalls und ausdrücklich vom Ende der Philosophie, allerdings nicht in einem wirklichen Schluss, sondern in der Versammlung ihres Ganzen und der Bestimmung ihrer äussersten Möglichkeiten (und auch in einem neuen Denken, dessen Art und Form Heidegger jedoch - anders als Hegel früher - im Wesentlichen offen lässt). Jean-Paul Sartre (1905-1980) war vermutlich der bedeutendste Public Philosopher des 20. Jahrhunderts, aber in seiner philosophischen Systematik konnte auch er nicht recht überzeugen. Wie Platon und Hegel machte er den Fehler - entgegen dem Satz von Parmenides - das Nichts als Substanz bzw. Idee aufzufassen (wie es Gorgias in der Antike aufbrachte). Der bedeutendste Systematiker unter den Seinsphilosophen des 20. Jahrhunderts war dagegen - wenngleich auch nicht ganz ohne Abstriche - Nicolai Hartmann, auch wenn er ziemlich stark im Schatten der grossen Persönlichkeiten der Existentialisten stand, die für das breite Publikum sehr viel leichter zugänglich waren. Letztlich bleibt aus dieser Zeit v.a. aber eben die Kunst des Existentialismus - und vielleicht auch eine grosses Ausrufezeichen für die Kunst und Kultur allgemein, in einer Zeit, nach welcher wir uns auch um diese wieder mehr Sorgen machen müssen. Für den Existentialisten ist das Kunstwerk der Urgrund - in einer sich ständig (und immer rascher) verändernden Welt (auch als Auseinandersetzung mit der Moral, aber viel mehr als nur dies) - für die Menschen (oder für manche Menschen) ist die Kunst vielleicht sogar der letzte Halt. [Interview mit Frisch (Teil 2).]

* Dies freilich in einer trotz Gegenkultur immer noch positiven Auffassung der Kunst, welche heute durch Kommerz und Exzess - v.a. auch durch die Kombination von Kommerz und Exzess (inkl. der Mainstream- und Leitkulturfrage, welche in einer vorwiegend kapitalistischen Gesellschaft alles umfasst, was kommerziell erfolgreich ist) - zunehmend in Frage gestellt scheint.

** Auf einer Website habe ich - das macht die Aussage vielleicht ein bisschen verständlicher - passend dies gefunden: "On peut noter cependant que certains critiques ont vu dans Meursault, homme fruste, une sorte de Camus raté." (Und daher ist übrigens auch die Verfilmung - von Visconti 1967, mit Marcello Mastroianni [eine klassische Fehlbesetzung: eigentlich hätte man einen Laien nehmen sollen, welcher ebenso überfordert ist mit allem] - nicht allzu gut, weil sie uns nicht den Eindruck eines Antihelden gibt, der immer wieder neben den Situationen steht: das ist im Buch ein bisschen anders beschrieben). Dass Philosophen auch belletristische Werke schreiben, ist eigentlich ursprünglich nicht vorgesehen: in der Antike gab es eine ziemlich klare Trennung von Philosophie und Belletristik (und im Mittelalter sowieso). Die bekanntesten belletristischen Philosophen sind - nebst Camus und Sartre - vermutlich Voltaire und Nietzsche.

Wenn man über den Existentialismus im 20. Jahrhundert spricht, so muss man einerseits auf Kierkegaard zurückschauen, andererseits aber auch auf die russische Literatur, insbesondere jene von Dostojewski. Sie ist die Verbindung zu existentialistischen Philosophen in Russland - wie Schestow und Berdjajew - welche wiederum eine Verbindung darstellen zum Existentialismus in Deutschland und Frankreich (so dass also der Existentialismus zeitlich gar nicht so zerstückelt ist, wie man allgemein annimmt (hier Heidegger und Sartre, und dort, in einer tiefen Vergangenheit, Kierkegaard): sondern das war eine relativ durchgehende Bewegung von Kierkegaard bis und mit Camus! Diese Sichtweise ist daher nicht gegeben, weil die Russen im Westen - mit der erwähnten Verbindung - aus politischen Gründen im 20. Jahrhundert ganz einfach vergessen gingen... Der deutsche Philosoph Walter Kaufmann wies auf die grosse Bedeutung Dostojewskis für den Existentialismus hin (in der von ihm herausgegebenen Textsammlung "Existentialism from Dostoevsky to Sartre", 1975). Wenn man bedenkt, dass Dostojewski ferner auch etwa Nietzsche beeinflusst hat, dann nimmt seine Bedeutung für die neuere Philosophiegeschichte weiter zu. Leo Isaakowitsch Schestow (1866-1938) hat bedeutende Kommentare über die Verbindungen von Dostojewski und Tolstoi zu Nietzsche geschrieben und kann so in philosophischer Hinsicht als bedeutender Kommentator der russischen Literatur bezeichnet werden (gleichzeitig gilt aber sein bekanntestes Werk auch als Höhepunkt der antirationalistischen russischen Religionsphilosophie im 20. Jahrhundert). Dostojewski hat zwar kein spezifisch philosophisches Werk geschrieben, war aber eben sehr einflussreich (und einige seiner Romane tragen ja auch philosophische Züge). Damit erscheint er natürlich auch als so etwas wie ein früher Urtypus des modernen Künstlers und Existenzialisten. Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew (1874-1948) versuchte, inspiriert vom Religionsphilosophen Wladimir Solowjow, eine Vereinigung zwischen dem Marxismus und dem russisch-orthodoxen Christentum; besonders erwähnenswert ist seine Position der Nichterwünschtheit von Utopien (aufgenommen von Aldous Huxley, in dessen dystopischem Roman "Brave New World").

Dasselbe kann man von seinem spanischen Zeitgenossen Miguel de Unamuno (1864-1936) sagen - ein sehr interessanter Schriftsteller für diejenigen, welche sich für den Themenbereich zwischen Existentialismus und Religion interessieren - vielleicht einer der interessantesten Religionsphilosophen der neueren Zeit und in manchen Fragen diesbezüglich aktuell bis heute; dies gilt auch für G.K. Chesterton (1874-1936), welcher etwa mit seiner Schrift "The Everlasting Man" (1925) eine ungewöhnlich starke (spät-) moderne Apologie des Christentums geschrieben hat.

Trotz der grossen und reichen deutschen, britischen oder auch russischen Literatur: die grössten literarischen Wunderwerke dieser Zeit scheinen aus der französischen Literatur zu kommen: nebst Camus und seinem Buch vom Fremden - oder auch etwa Ionesco im verwandten absurden Theater - sind Schriftsteller zu nennen wie Jules Verne, einer der grössten, bedeutendsten und begnadetsten Abenteuer-, Fantasy- und Science-Fiction-Autoren, oder Antoine de Saint-Exupéry, welcher die wundersame Geschichte vom kleinen Prinzen geschrieben hat (Originaltitel: "The Little Prince", frz. Le petit prince, 1943). Er führte damit eine Figur der Philosophie des Herzens ein, welche der Philosophie durchaus zeigen kann, dass man auch mit dem Herzen sehen kann (ohne gleich zu übertreiben damit!). Für mich ist der kleine Prinz damit eine bedeutende philosophische Figur (und ein französischer Philosoph hat ihm sogar ein philosophisches Buch gewidmet - André-A. Devaux : "Les Grandes Leçons du Petit Prince de Saint-Exupéry").

Diese Beispiele zeigen, dass man bei der Betrachtung des philosophischen Existentialismus auch die Literatur des 19./20. Jahrhunderts betrachten muss, und erst eine solche Betrachtung zeigt, wie bedeutend der Existentialismus tatsächlich auch als Philosophie der Spätmoderne ist. Ich sehe ihn letztlich sogar als vorherrschende Philosophie im 20. Jahrhundert (ungeachtet dessen, dass rein zahlenmässig vermutlich mehr Philosophen an analytischen und kritizistischen Ansätzen arbeiteten sowie an der Erinnerung an alte Philosophen und Richtungen natürlich auch).

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Die Bedeutung der Ökophilosophie. Als Begründer des Begriffs der Ökologie gilt - wenig schmeichelnd vielleicht, aber trotzdem - der Biologe Haeckel, welcher auch als Wegbereiter der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland gilt (1866: "Unter Oecologie verstehen wir die gesammte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle 'Existenz-Bedingungen' rechnen können. Diese sind theils organischer, theils anorganischer Natur; sowohl diese als jene sind [...] von der grössten Bedeutung für die Form der Organismen, weil sie dieselbe zwingen, sich ihnen anzupassen." [Es wird jedoch behauptet, der Begriff tauche schon vorher vereinzelt in Lexika auf.]) Es gibt (vorher wie nachher) viele weitere Namen, welche mit dem Aufkommen von einem ökologischen Denken und Betrachten in Zusammenhang stehen - sie finden sich vorwiegend - noch vollkommen unpolitisch - meist in der früheren Naturwissenschaft, ein paar dieser Namen sind etwa: Perkins Marsh (Nachhaltigkeitsprinzip - der Begriff der Nachhaltigkeit stammt indes aus der deutschen Forstwirtschaft von Carlowitz im 17./18. Jahrhundert), Warming (Pflanzenökologie), Schroeter (Autökologie u. Synökologie), Tansley (Begriff des Ökosystems), Braun-Blanquet (Pflanzensoziologie), Leopold (Naturschutz), Elton (Tierökologie)*. Diese und andere Pioniere der Ökologie sind bis heute nicht allzu gross bekannt, was zeigt, dass sich die Ökologie quasi durch die Hintertüre in die Naturwissenschaften eingearbeitet hat. Dies ist vielleicht auch der Grund dafür, dass die Philosophie dieses Thema etwas spät erst aufgenommen hat. Sie liegt zwischen der naturwissenschaftlichen Begründung, dem bedeutenden Bericht über die 'Grenzen des Wachstums' von Meadows (Club of Rome, 1972), welcher das Thema erstmals breiter an die Öffentlichkeit brachte, und der politischen Aktualität und Aktivität ab den 1980-er Jahren. Eines der bedeutendsten Werke der ökologischen Philosophie stammt vielleicht von Hans Jonas (1903-1993): "Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation" (1979 - der Titel basiert auf dem 'Prinzip Hoffnung' [1954-1959] von Ernst Bloch, welches sich bedeutend mit der Utopiegeschichte in der Philosophie auseinandersetzte). Zuerst hatte sich die ökologische Philosophie - immer noch innerhalb der Naturwissenschaft - auf einem eher diffusen Weg angenähert, etwa mit der Gaia-Theorie (Lovelock/Margulis) in den 1960-er Jahren; als bedeutend gilt das Sachbuch "Silent Spring" (1962) der Biologin Rachel Carson (wird häufig als Ausgangspunkt der weltweiten Umweltbewegung betrachtet). Ein weiterer bedeutender philosophischer Autor zu diesem Thema ist Arne Naess (1912-2009), der Begründer der sogenannten Tiefenökologie (etwa mit "Ecology, Community and Lifestyle"). Auch später ist auffallend, dass solche ökologischen Bücher immer eigentlich Einzelwerke in einem viel breiteren Werk waren - eine durch und durch und ausschliesslich ökologische Philosophie hat es bis dato eigentlich noch gar nicht gegeben. Das gilt auch etwa für Lother Schäfer (geb. 1934) oder Roy Bhaskar (1944-2014), zwei weitere philosophische Autoren in diesem Bereich, die man dazu erwähnen sollte; auch in den USA gibt es einige weitere Vertreter: Taylor, Shepard, Rolston, Devall oder Attfield - ferner etwa der Australier Passmore oder auch die Deutschen Birnbacher und Seel (u.a.). Bedeutend auf dem Gebiet der Tierethik ist der australische Moralphilosoph Peter Singer (geb. 1946) (ebenfalls bedeutend: Tom Regan oder Jean-Claude und Ursula Wolf - diese Thematik beginnt historisch in der Philosophie etwa beim Utilitaristen Bentham).

* Bereits viel früher sollen sich zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert naturschützerische Aussagen bei verschiedenen Autoren in der arabischen Medizin finden (darunter auch etwa Al-Kindi oder Avicenna). Bei diesen ging es v.a. Luft-, Wasser oder Bodenverschmutzung. Erwähnenswert ist im Mittelalter sicher auch die Naturmystik von Franz von Assisi.

Summa summarum: trotz der grossen Bedeutung des Themas, spielte dieses in der Philosophie bisher eher nur eine Nebenrolle. Tendenz vielleicht sogar: weiter abnehmend! Die heutigen Philosophen tun sich offenkundig und erstaunlicherweise - oder auch nicht - etwas schwer mit Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit!

Es stellen sich natürlich viele interessante ethisch-moralische Fragen im Zusammenhang mit der Ökologie. Wir wissen heute eigentlich noch immer nicht, wie gross nun wirklich die menschliche Verursachung der wachsenden Ökoprobleme sind. Die Wissenschaft nimmt an, dass dieser Zusammenhang äusserst bedeutend ist - aber schon nur, wenn die Möglichkeit einer hohen Bedeutung eines solchen Zusammenhangs gegeben ist, müssen wir reagieren, angesichts der grossen Bedeutung der Problematik. Daher ist es erstaunlich, dass es immer noch sehr viele Philosophen gibt heute, welche dieses Thema praktisch überhaupt gar nicht beachten. Es ist doch eigentlich das grosse bzw. grösste Thema dieser Zeit (des zu Ende gegangenen 20. und angebrochenen 21. Jahrhunderts)! Mit einem äusserst bedeutenden Umbruch im gesamten menschlichen Denken. Aber das passt eben zu dem, was ich schon gesagt habe: es gibt heute kein Thema in der Philosophie mehr, welches man nicht auch umgehen könnte - selbst dieses nicht.

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US-Philosophie - der grosse (analytische) Status Quo?* Die bedeutendsten US-Philosophen waren bis dato (und aus heutiger Sicht) vielleicht etwa James, Rawls, Searle, Rorty - der erste grosse Public Philosopher der USA verstärkte Wittgensteins und Heideggers Ende der Philosphie in den USA ('The End of Philosophy'**) - sowie Chomsky, welcher als grosser westlicher Systemkritiker die aktuelle Supermachtpolitik der USA kritisch betrachtet. Die Bedeutung der US-Philosophie ist heute noch immer schwierig abzuschätzen. Die US-Philosophie rückte nach dem Zweiten Weltkrieg ins Zentrum des philosophischen Interesses, quasi aus politischen und kulturellen Gründen - ich bin allerdings der Meinung, dass die europäische Philosophie immer noch die stärkere ist, während die USA mehr auf die reine Wissenschaft ausgerichtet ist (und auch andere Schwächen hat, etwa in der [auch historischen] Tiefen- und Breitenrelevanz oder in politischer und einer gewissen [medien-] populistischen Hinsicht). In der US-Philosophie wurde - nach dem Transzendentalismus (Emerson, Thoreau und andere) und dem Pragmatismus (Peirce, James, Dewey, später: Mead, Santayana) - im 20. Jahrhundert v.a. eine grosse analytische (Lewis [C.I.], Goodman, Quine, Sellars [W.], Putnam, Chomsky, Searle, Nagel, Kripke, Lewis [D.K.], Dennett, Levine [in England: Moore, Ryle, Ayer, Austin, Dummett] - u.v.a.) und eine kleine ethische Richtung (Rawls - u.a.) vertreten. Die neuste Entwicklung ist die sogenannte (manchmal etwas diffus anmutende) Philosophie des Geistes, welche von der Neuropsychologie und der Hirnforschung beeinflusst, aus der analytischen Philosophie entstanden ist (Bieri nannte diese Richtung - zurecht - Analytische Philosophie des Geistes [was zeigt, dass der Übergang zwischen Sprach-, Geistes- und Bewusstseinsphilosophie fliessend ist; die sprachanalytische Richtung stammt v.a. aus Grossbritannien, während die geistanalytische Richtung zur grossen US-Richtung des 20. Jahrhunderts wurde]). Allerdings sind einerseits vermutlich die Erkenntnisse in den betreffenden Wissenschaften noch zu wenig klar und andererseits sind deren Resultate vielleicht auch nicht überrelevant für die reine Philosophie. Für diese ist es zwar durchaus interessant und wichtig, was die Naturwissenschaft über das Denken herausfindet, dies alles ändert jedoch nichts an philosophischen Begriffen wie Sinn, Zweck oder Ziel (und dergleichen mehr). Dies - die Bedeutung und Verbindung von Wörtern, Bedeutungen und Verbindungen - sind und bleiben aller Naturwissenschaft zum Trotz die eigentlichen Fragen der Philosophie (inkl. Religion). Die Philosophie des Geistes schlägt sich auch teils mit Scheinproblemen herum, etwa dem sogenannten alten (aus der Auseinandersetzung mit dem Kartesianismus herstammenden) Leib-Seele-Problems. Bei Steiner, welcher (u.a.) leider in den Universitäten wenig bis gar keine Beachtung gefunden hat, ist es doch bereits sehr klar erschienen, dass die dreifaltige Auffassung von Körper, Seele und Geist die Lösung dieses Problems ist (diese ist schon lange bekannt: aus der Theosophie, der Alchemie und/oder der Mystik [und kann sogar aus einer reduzierten Schichtenlehre bei Aristoteles schon herausgelesen werden (wenn man die ersten drei seiner Schichten zu einer zusammenfasst) - ebenfalls in diesem Zusammenhang ist der spanische Humanist Vives, welcher meinte, dass nicht der Geist, sondern die psychische Energie (also: die Seele) die Mitte des Menschen ausmache]). Der Pragmatismus ist nicht nur die bedeutendste philosophische Richtung der USA - mit William James (1842-1910) als populärstem Vertreter - sondern auch eine Beschreibung der US-Politik. Während James seiner Zeit voraus gewesen zu sein scheint, hat diese nachfolgend ihn bis heute nicht überwunden, so dass er so etwas wie der grosse philosophische Klassiker der USA geworden ist (neben Emerson und Dewey). John Searle (geb. 1932) ist vielleicht der grosse Name der analytischen Philosophie in den USA - er verbindet auch die sprach- mit der geistanalytischen Philosophie. Chomsky und Roderick sind je auf ihre Art vielleicht eher ein bisschen untypische US-Philosophen (was sie für Europäer sympathischer macht, für US-Amerikaner vielleicht weniger, denn reiner Pragmatismus und reine - wissenschaftlich anmutende - Analytik entspricht eben dem US-Denken).

* Dass sich die anglophile Philosophie in der Analytischen Philosophie und der Philosophie des Geistes ein bisschen im Kreis herumdreht, zeigt schon alleine gewisse Ähnlichkeit der Werktitel. Zwei einfach gestrickte Variationen, die fast ein bisschen an antike Konzepte erinnern, treten dabei besonders häufig auf: "Philosophy of..." (oder sogar auch: Ontology of...) - darum heisst es auch: Philosophy of Language, Philosophy of Mind und Philosophy of Consciousness - oder "This & That" (auch: This, This & That). Zum Beispiel (u.a.): "Language Truth and Logic" (Ayer, 1946), "Logic and Knowledge" (Russell, 1956), "Word and Object" (Quine, 1960), "Science, Perception and Reality" (Sellars [W.], 1963), "Truth and Meaning" (Davidson, 1967), "Language and Responsability" (Chomsky, 1979), "Matter and Consciousness" (Churchland [Pau.]), "Reason, Truth, and History" (Putnam, 1981), "Minds, Brains and Science" (Searle, 1984), "Meaning, Knowledge, and Reality" (McDowell, 1998), "Mind, Language and Society" (Searle, 1998), "Mind, Value, and Reality" (McDowell, 1998), "Meaning, Knowledge, and Reality" (McDowell, 1998), "Consciousness and Language" (Searle, 2002), "Freedom and Neurobiology" (Searle, 2004), "Neuroscience and Philosophy: Brain, Mind, and Language" (2007 - Bennett, Dennett, Hacker, Searle). Solche Titel komment bereits in der neopositivistischen Philosophie im deutschsprachigen Raum gehäuft vor (z.B. "Über Sinn und Bedeutung" [Frege, 1892 (Art.)], "Über Begriff und Gegenstand" [1892 (Art.)], "Erkenntnis und Irrtum" [Mach, 1905] - wir finden das ebenfalls bei den deutschen Philosophen, welche sich bedeutend für die US-Philosophie interessieren [u.a. Habermas oder Metzinger]). Es verwundert mich nicht, dass der australische Philosoph Chalmers sich fragte: "Why Isn't There More Progress in Philosophy?" (David Chalmers: Keynote lecture at the Royal Institute of Philosophy, 2013). Meist gibt es dann zu wenig Fortschritt, oder nicht den richtigen, wenn man irgendwie ansteht. Vielleicht ist in der heutigen Universitätsphilosophie aber auch gar nicht allzu mehr Fortschritt erwünscht - aus verschiedenen Gründen (die ebenso in der Vergangenheit, wie auch in der Gegenwart und der Zukunft liegen). Auffallend: die sonst doch so utilitaristisch und pragmatisch orientierten Anglikaner sprechen im Kern ihrer Philosophie plötzlich nur noch über Geist, Sprache, Bedeutung und eben... dies und das. Der Fortschritt ist auch darum nicht möglich, weil man sich vielleicht einmal darauf hätte einigen können, dass es heute um eine Philosophie des Bewusstseins geht - denn dies scheint der modernste und interessanteste all dieser Begriffe zu sein (und es wird sich auch ganz pragmatisch die Frage stellen: wie erlangen wir ein Bewusstsein, mit oder in welchem wir diese Welt und unsere Menschheit erhalten können) - aber dann kommen sie wieder mit... brain, mind and language (oder irgendetwas). So dreht sich das im Kreis herum, und die Philosophie des Geistes, der Sprache und des Bewusstseins geraten sich gegenseitig in die Quere - und niemand kommt mehr so recht draus, worum es denn nun eigentlich überhaupt geht (was sowieso eine schwierige Sache ist in der Geisteswissenschaft, aber genau damit müssen wir ja irgendwie klarkommen). Schliesslich: wie problematisch solche Dies&Das-Bezugsthemenbücher sein können, zeigt vielleicht das eigentliche US-Weltprogramm dieser Zeit: Milton Friedman - "Capitalism and Freedom" (dt. Kapitalismus und Freiheit, 1962). Manche sehen das problematischer, andere weniger: ich möchte hiermit eigentlich nur auf die Technik vom (philosophischen) Dies&Das&Nichts-anderes hinweisen.

** Mit dem Ende der Philosophie meinte Richard Rorty (1931-2007), der vielleicht bekannteste, aber auch einer der umstrittendsten US-Philosophen im 20. Jahrhundert, (im Gegensatz zu Heidegger und im Einklang mit Wittgenstein) ein tatsächliches Ende. Er meinte, dass die grossen Richtungen des 20. Jahrhunderts durch die Kritik aus ihren eigenen Reihen beendet worden seien: die Phänomenologie Husserls durch Heidegger, Gadamer und Derrida, der Logische Positivismus durch Quine und Wittgenstein. Demgegenüber sah er den alten Pragmatismus als durchgehende und weiterführende Philosophie (v.a. jenen von James). Die (ganze!?) Wahrheit ist nach Rorty dasjenige, was erfolgreich ist ('truth ist what works']). Demgegenüber verwarf er metaphysische und epistemologische Ansichten (wie sie nach ihm die zu beendende Philosophie vertrat), die nicht zu rechtfertigen seien, ohne in einem Zirkelschluss zu enden (in welchem nur bewiesen wird, was zuvor vorausgesetzt wurde). Das ist ein skeptizistischer Anwurf. Der reine Skeptizismus wurde aufgrund von dessen Alltagsuntauglichkeit bereits in der Antike widerlegt. Rorty sagt, dass nur das Alltags- und das Wissenschaftswissen eine Rechtfertigung besitze - und das heisst letztlich: nur das Wissenschaftswissen, denn dieses steht ja logischerweise im Intellektuellen über der Alltagserfahrung. Das entspricht natürlich der Wissenschaftsfixiertheit der US-amerikanischen Philosophie, doch leider ist es der Wissenschaft bis heute nicht gelungen die ersten und letzten Fragen (d.h. die Fragen nach dem Ursrpung und dem Endzweck) zu lösen (und sie schafft es daher auch nicht eine Ethik zu begründen). Rortys Philosophie ist daher für viele Intellektuellen etwas zu einfach gestrickt (oder anders gesagt: wir können keine reine Wissenschaft vertreten, wenn diese nicht perfekt und endgültig ausgearbeitet ist, und es ist ja gerade die Philosophie, die immer wieder Grundanstösse zu offenen wissenschaftlichen Fragen gegeben hat [und geben muss]).


American Philosopher - Eight short films about philosophy in America and American philosophy by Phillip McReynold.


Prof. Dr. Hoyningen-Huene aus Deutschland sieht in der heutigen Philosophie viele Kontroversen und spricht in der Analyse derselben (u.a.) über den Unterschied von analytischer und kontinentaler Philosophie (I, II). Damit ist im Wesentlichen ein (schon sehr lange bestehender) Unterschied zwischen der anglophilen und der mitteleuropäischen Philosophie angesprochen.

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20. Jahrhundert (bis dato) - weitere Entwicklungen. Eine bedeutende Stellung haben in der heutigen Philosophie bzw. im heutigen Medienzeitalter die Public Philosophers (Chomsky, Rorty, Sloterdijk, Zizek, Sandel, Precht, Enthoven), eine fachspezifische Art von Public Intellectuals - in der Tradition etwa von Heidegger, Sartre oder Foucault*. Im Jahr 1971 trafen sich Foucault und Chomsky im Rahmen des International Philosophers Projects (unter der Leitung von Elders) zu einer Art Gipfeltreffen der Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (dies unter dem Titel: "Human nature: Justice vs Power"). Noam Chomsky (geb. 1928) ist mit seiner bemerkenswerten Art, die Philosophie sehr pragmatisch auf einem allgemein verständlichen intellektuellen Niveau zu halten, vielleicht der grösste Star unter diesen Public Philosophers (zumindest seit Sartre [und natürlich auch als Vertreter der US-Philosophie, welche nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutender erschien als die europäische Philosophie - typisch vielleicht auch für die US-amerikanische Philosophie: dass sie sich weder allzu genau auf die Höhenflüge noch auf die Tiefpunkte - und schon gar nicht auf die komplizierten Verflechtungen und Verbindungen - der europäischen Philosophie einlässt]). Chomsky ist vielleicht auch der bedeutendste Sprachphilosoph des 20. Jahrhunderts (dafür aber politisch nicht ganz auf der Höhe). Die Rhetorik wird mit den Medien in der Philosophie bedeutender, als sie viele Jahrhunderte lang war (anders als bei den alten Griechen oder Römern, notabene [eine bedeutende Trennung von Literatur und Rhetorik scheint sich im Mittelalter ergeben zu haben: mit dem Prediger auf der Kanzel und dem Schriftgelehrten in der Bibliothek (die grossen Scholastiker waren nicht unbedingt die grossen Prediger, und umgekehrt)]). Die Philosophie ist durch die Medien näher beim Volk, was aber noch nicht bedeutet, dass sie auch breiter verstanden wird (aber es ist doch eine gewisse Öffnung heute spürbar, von einer allzu elitären, abgehobenen und in sich vergrabenen [Schrift-] Philosophie - das ist zumindest interessant [aber auch nicht gänzlich ohne Bedenken, natürlich]). Die grosse Zeit der eigentlichen Medienphilosophie (Baudrillard, Postman, McLuhan, Capurro, Bolz) ist eigentlich fast schon ein bisschen vorbei, ohne dass sie allzu grosse Wellen geworfen hätte - auch ein sehr wichtiges Thema der heutigen Zeit, natürlich; ebenfalls in das Gebiet der Medien, d.h. der Nachrichten, Wörter, Töne und Bilder, gehört die Metaphorologie von Hans Blumenberg (1920-1996). Blumenberg ist in der deutschen Philosophie vielleicht so etwas wie ein heimlicher Star oder offener Geheimtipp der Schriftphilosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - oder ein Versuch zu zeigen, wie sie immer eigentlich auch noch sein könnte (ruhig und klassisch im Ausdruck, fixiert im Grundthema, aber breit in der Anregung des Denkens) - während Paul Feyerabend, der Philosoph des Relativismus, vielleicht ein heimlicher Star oder ein offener Geheimtipp der rhetorischen Philosophie des letzten Jahrhunderts ist - dito (fabulierend und viel leichter und lockerer, als die Philosophie eigentlich ist, trotzdem immer hochintellektuell und -interessant). Die eigentlichen Stars waren jedoch Jürgen Habermas (geb. 1929 - für die Schriftphilosophie ["Theorie des kommunikativen Handelns"]) und Peter Sloterdijk (geb. 1947 - für die rhetorische Philosophie) - ich habe an beiden meine Freude, aber auch bei beiden meine Vorbehalte. Eine seltsame Situation: irgendwie ist die stärkere Kraft der Philosophie in Deutschland geblieben, die grössere Bedeutung aber ist in die USA abgewandert. Diese Bedeutung wiederum scheint immer mehr vom systematischen in das formalistische abzuwandern (die Welt scheint unsicherer zu werden derzeit, die Philosophie dagegen eben immer formalistischer). Schliesslich möchte ich hier auch eine Aussenseiterposition erwähnen, die im Zuge der grossen Bedeutung der Science Fiction in der Kunst nicht ganz unbedeutend ist, jene des Trans- und Posthumanismus - nicht selten verbunden mit Atheismus und Eugenik (Huxley [Julian], Ettinger, FM-2030, More, Bostrom). Wohin geht die Philosophie der Zukunft? Das ist eine grosse und offene Frage. Sicher ist eigentlich nur das, was uns heute beschäftigt: das sind vorab die alten Probleme (aus dem 20. Jahrhundert und den vorherigen Jahrhunderten) - die Wissenschaft und ihre Weiterentwicklung, die Erhaltung der Umwelt und der Natur sowie die Verbesserung der Gesellschaft; aktuell derzeit sind die Neuen Medien, der politische Populismus (rechts wie links) oder die Fake News und deren wachsender Einfluss. Von einem Ende der Philosophie ist nichts zu sehen, denn alleine die ständigen Veränderungen in der Welt werden dafür sorgen, dass wir uns immer wieder mit den alten und neuen Fragen beschäftigen werden müssen.

* Bedeutend sind auch philosophische Medienformate in den Massen-/Unterhaltungsmedien, welche in den letzten Jahren und Jahrzenten entstanden sind. Dies sind ja die ersten grossen (Broadcast-) Medienformate zur Philosophie überhaupt! Es gab wohl vorher schon Fachzeitschriften, aber nicht eben Formate für ein breiteres Publikum. Der bedeutendste Medienpionier war vermutlich Bryan Magee (geb. 1930) - mit Serien im englischen Radio ("Modern British Philosophy" [1970–1971] und im Fernsehen ("Men of Ideas" [1978] und "The Great Philosophers" [1987] - in der ersten Sendung der ersten philosophischen TV-Serie gab Isaiah Berlin eine Einführung in die Philosophie). Als erste bedeutende Publikumszeitschrift gilt "Philosophy Now" in den USA (Chefredaktor: Rick Lewis - 1991 lokal, 1997 national). Relativ früh unterwegs - in Mitteleuropa - war auch die Schweizer Sendung "Sternstunde Philosophie" (seit 1994 - früher als deutsche Formate wie "Lesch & Co." [2001-2006], "Das Philosophische Quartett" [2002-2012], "Denker des Abendlandes" [2006-2008], "scobel" [2008-dato], "Precht" [2012-dato]). Die bedeutendste philosophische Zeitschrift ist derzeit das "Philosophie Magazine" (ursprünglich in Frankreich, 2006-dato - Chefredaktor: Michel Eltchaninoff; deutsches Format: "Philosophie Magazin", 2011-dato - Chefredaktor: Wolfram Eilenberger). Auf dem französisch-deutschen Fernsehsender Arte präsentiert Raphaël Enthoven ein zeitgemäss aufgemachtes Format namens "Philosophie" (2008-dato), in welchem v.a. französische Philosophen zu Gast sind. Im englischen BBC-Radio tritt US-Philosoph Michael Sandel auf mit einer Sendung namens "The Public Philosopher" (2012-dato). Dies sind nicht alle philosophischen Sendungen der letzten Jahrzehnte, aber ein paar der bedeutendsten.

Ich habe im vorangegangenen Abschnitt die rhetorischen Philosophen des 20. Jahrhunderts angesprochen (Public Philosophers). Vielleicht gab es in der Philosophie des 20. Jahrhunderts sogar mehr rhetorische als schriftliche Grössen. Das gesprochene Wort - und das Hören von Philosophie - scheint im Zeitalter von Radio, Fernsehen und Internet in der Philosophie interessanter und wichtiger zu werden als das geschriebene Wort. zu werden als das Lesen von Philosophie! Die Öffentlichkeit nimmt heute fast nur noch die grossen Rhetoriker wahr, die in den Massenmedien und im Internet auftreten, während die Schriftphilosophie immer mehr in den Hintergrund - v.a. von spezifischen akademischen Fachzirkeln - rückt. Einen eigentlichen Event-Charakter hat die Philosophie - trotz einiger Ansätze - bisher jedoch nicht wirklich entwickelt, obwohl es eigentlich bereits eine Event-Philosophie gibt: bei Alain Badiou (geb. 1937), in dessen Werk der Ereignis-Begriff von zentraler Bedeutung ist (auch für die Philosophie selber?).

Interessant in dieser Hinsicht (einer aktiveren bzw. ereignisreicheren Philosophie [zumindest in einem Teilbereich derselben]) ist vielleicht insbesondere der Effektive Altruismus von William MacAskill (eigentlich William Crouch, geb. 1987 - weitere Vertreter sind etwa: Kagan, Ord, Pogge, Singer, Unger). Ein aktiver Altruismus ist in der Philosophie eine sehr seltene Sache und erinnert vielleicht ein bisschen an Albert Schweitzer und dessen Philosophie der Ehrfurcht vor dem Leben (und natürlich auch an die religiösen und sozialen Kollektivsiedlungsversuche, speziell bei Owen, welcher als einer der bedeutendsten utopischen Sozialisten angesehen wird). Natürlich fragt sich aber, ob dieser Effektive Altruismus nicht letztlich dieselbe Halblösung darstellt wie es manchmal von der Entwicklungshilfe gesagt wird (im Gegensatz zu einer wirklichen und nachhaltigen [politischen] Entwicklung). Immerhin aber eben sind Beispiele von einer aktiven Handlungsphilosophie sicher eine interessante Sache.

Und... die grössten oder eigentlichen Hoffnungsträger für eine aktionsmässige Philosophie der Zukunft sind für mich Leute wie Duttweiler im 20. (mit seinem genossenschaftlichen Einsatz zwischen liberalistischer und sozialistischer Politik, ohne eigentlichen philosophischen Hintergrund, aber durchaus mit philosophischen Äusserungen und auch einem quasi-philosophischen Programm) oder Macron im 21. Jahrhundert (welcher die EU-Position Frankreichs gegen einen aufkommenden Rechtsnationalismus und eine untergehende sozialistische Linie rettete - mit bedeutendem philosophischem Hintergrund, als Assistent von Ricoeur). Das sind Figuren, die uns den eigentlichen Untergang der (politischen) Aktionsphilosophie - mit dem Marxismus und Realexistierenden Kommunismus - vergessen machen, und uns eine neue Hoffnung in Bezug der Verbindung von Philosophie und Aktion verleihen (nicht aus einem grossangelegten und aufgeblasenen Marxismus heraus, sondern aufgrund individueller und zeitgemässer Umstände [zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit richtiger Aktion - niemand verkörpert diese Kombination derzeit so gut wie Macron im Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts (auch wenn wir die Gesamtheit seiner Politik und deren Auswirkungen heute noch nicht so genau abschätzen können)]). Das sind Leute, die man auch in einem altantiken Sinn als weise bezeichnen könnte (im Sinn der Sieben Weisen in der vorphilosophischen Zeit).


Aktuell: Trends, Tendenzen, Exoten. Interessante Versuche, neue Formen der Philosophie im Internetzeitalter zu erfinden, führen derzeit v.a. in die Videokanäle im Web. Pioniere dazu sind verschiedene relativ unbekannte Leute (teils auch Laien), unter welchen Jason Silva (geb. 1982) herausragt, der in Venezuela geboren wurde und in den USA lebt. Er wird als 'Timothy Leary for the Viral Video Age' bezeichnet (man könnte vielleicht auch sagen: eine Art Video-Schamane des Internetzeitalters). Seine spektakulären und hyperexpressiven Bilderflut-Web-Videos sind so etwas wie das pure Gegenteil vom alten scholastischen Bibliotheken-Muff-Image des Philosophen, wie es Sloterdijk in seiner Menschenpark-Rede angesprochen hat (obwohl Silva ein universitär studierter Philosoph ist). Ich nenne das Multi-Media-Freestyle-Flow-Bewusstseinserweiterungsphilosophie (ein Ausdruck, welcher vielleicht zeigt, dass man das fast nicht beschreiben kann - Silva selber spricht von 'Mystery Awe', 'Cognitive Extasy Awe' oder 'Extatic Contemplation' als Erfahrungen, die ihn besonders interessieren). Rein philosophisch ist Silva in Bereichen einzuordnen wie Philosophie des Geistes, Transhumanismus, aber auch etwa Bereichen wie Lebensphilosophie, Psychedelik, Animismus, Spiritualismus oder Spiritismus (er spricht selber sogar von Channeling - die Verbindung von Naturerfahrung, Technik und Spiritismus ist natürlich nicht eine neue Verbindung, sondern das findet sich schon etwa in der Alchemie und auch später: die Verbindung von Uraltem mit Brandneuem ist derzeit hochmodern - für manche in verschiedenerlei Hinsicht auch: erschreckend modern [die ganze Fantasy-Bewegung in der heutigen Kunst gehört ebenfalls zu diesem Phänomen, u.a.])*. Es bleibt vielleicht die Frage, wie sich all diese Highs - in der heutigen Wissenschaftsphilosophie überhaupt - in eine vernünftige Zukunftsperspektive integrieren lassen. Auf jeden Fall ist das aber sehr zeitgemäss, natürlich, und auch hoch interessant. Daher gehört Silva vermutlich auch zu den bedeutendsten Philosophen und philosophischen Influencern dieser Zeit. Ein anderer Versuch, einen Event- und Performance-Charakter in der Philosophie zu erzeugen ist etwa Philosophy Slam, ein Bühnenwettbewerb für rhetorische Philosophie (entstanden aus dem Poetry Slam - die Übertragung in die Philosophie stammt von Hofweber [2008/2014]). Für etwas Bewegung in der Philosophie haben auch die Cafés philosophiques von Marc Sautet (1947-1998) geführt, die sich seit 1992 von Paris aus zuerst in Frankreich und dann international entwickelt haben (als Sautet 1998 früh starb, waren es bereits rund 100 in Frankreich und etwa 150 international). Ebenfalls erwähnenswert sind die Nächte der Philosophie, in denen verschiedene Veranstaltungen zu philosophischen Themen während einer Nacht stattfinden (konzipiert von Mériam Korichi, 2010). Doch auch immer mehr Universitätsprofessoren schicken ihre Vorträge direkt oder indirekt in die ganze Welt hinaus, und andere entdecken - TED-talk-mässig - die alte Vortragsbühne für sich. Auch hierbei gibt es interessante Figuren wie z.B. den schwedischen Cyberphilosophen, Musiker und Zarathustrier Alexander Bard (geb. 1961), welcher v.a. mit einer speziellen Interpretation der Internetentwicklung aufgefallen ist. Man kann seine syntheistische Haltung hinterfragen, oder als zu übertrieben betrachten - natürlich stimmt das nicht, wenn er sagt, wir würden in einer brandneuen Welt leben und die alte Welt sie gestorben (das ist eine typisch futuristische Übertreibung) - aber seine Cyberphilosophie (seit 2000) ist sicher interessant. Ich möchte wirklich nicht allzu freizügig irgendwelche Exoten, die es immer gibt, hier anführen, aber ein paar interessante Denker, welche durch die Maschen der offiziellen (Universitäts-) Philosophie fallen, gibt es eben doch (und hat es auch schon immer gegeben). Bard ist ein philosophischer Laie - aber: kein anderer Philosoph hat sich so konsequent auf das Internetthema eingelassen (was ja doch eines der bedeutendsten Themen dieser Zeit ist). Was hat die reine Schriftphilosophie derzeit vorzuweisen? Es ist sehr schwierig, darin eine klare Tendenz für das 21. Jahrhundert herauszuspüren - vielleicht ist es auch noch etwas zu früh dafür. Erwähnen möchte ich daher einen, welcher die Philosophie des 20. Jahrhunderts zusammengefasst hat zu einer Negativität der Moderne: Sven Hillenkamp (geb. 1971 - "Negative Moderne" [2016]). Vielleicht ist das schon wieder etwas abgeschmackt, aber es ist - ausser dem Existentialismus und dem Analytikspiel für philosophische Spieler - das, was das 20. Jahrhundert mit seiner ganzen kulturkritischen Haltung uns philosophisch hinterlassen hat (und wir wissen eigentlich immer noch nicht, wie wir damit umgehen wollen). Auch der derzeit vielleicht populärste Public Philosopher Slavoj Zizek (geb. 1949) ist eigentlich ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert (bzw. Jahrtausend) und steht irgendwie für das grosse politische Fragezeichen nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus.

* Erwähnen muss man aber in diesem Zusammenhang v.a. Louis Lavelle (1883-1951 - mit Büchern wie "La Conscience de soi", "La Présence totale", "Du temps et de l'éternité" oder "De l'intimité spirituelle", je zwischen 1933-1955 - es scheint fast so, als würde die aussergewöhnliche Performance von Silva direkt aus diesem Geist herauskommen [obwohl er diese Bücher vermutlich gar nie gelesen hat, sondern einfach etwas auf virtuose Art bringt, was sehr gut in unsere Zeit bzw. in unsere Medien und in unsere Kunst hineinpasst (denn es würde nicht überall passen, aber in einem Medien- und Kunstformat passt es sehr gut, und eben: Philosophie und Action, das ist etwas ganz Neues, natürlich)]).


Weitere Videos von Silva: To be on to something, Awake walking lucid dreaming, Create a flow state, Extended mind - the extensions of our cognition, Some poetic facts, Love (eines seiner frühen Videos aus dem Jahr 2012) - interessante Gespräche: Gespräch mit Vlogger Tom Bilyeu, Überblick über sein Awe-Denken und seinen Hintergrund; und so spricht er eigentlich: Spanisch. (Und ein Video von Populärwissenschaftler Carl Sagan, welchen Silva - nebst deGrasse Tyson - oft als Vorbild angibt: Pale Blue Dot - etwas, was aus den 1970-er und 1980-er Jahren kommt: die Sichtweise vom All auf die Erde. Konkret geht es hier allerdings um ein berühmtgewordenes Bild aus dem Jahr 1990.)


Eine religiös angehauchte Gegenfigur zum Technikfreak Jason Silva ("I phone therefore I am, I mean literally") ist auf den Web-Videokanälen Prince Ea (eigentlich Richard Williams: "Did you know the average person spends four years of his life looking down at his cellphone? Kind of ironic how these touchscreens can make us lose touch"), welcher tatsächlich aus dem Freestyle-HipHop kommt (auch Silva macht diese Verbindung). Man kann solche Ideen- und Propaganda-Videos auf sehr verschiedene Art machen- Sicher ist es schon nur deshalb interessant, solche Videos von Influencern zu sehen, um vertraut zu werden mit der Art und Weise, wie wir in Zukunft manipuliert werden, vermutlich auch immer öfter durch oder in einer Virtual Reality (von Leuten, die ehrliche Ansichten transportieren, wie Jason Silva oder Prince Ea, aber auch von Leuten, welche die reine [z.B. auch, u.a., die politische, aber auch neureligiöse oder auch nur industriell-werbungsmässige] Manipulation beabsichtigen; eines ist sicher: die Manipulationsmöglichkeiten werden in verschiedenerlei Hinsicht immer besser werden [und scheinbar erreichen sie trotz aller Aufklärung ihre Wirkung, oder zumindest: irgendeine Wirkung]). Die philosophische Wahrheit liegt wohl auch hier - zwischen Silva und Ea - wieder einmal in der Mitte: es wird noch viel mehr Technik geben, aber vielleicht auch ein wachsendes Bewusstsein vom Umgang mit Technik (und was heute interessant ist, ist es schon morgen nicht mehr - Gott und die Natur aber bleiben interessant).

Ein weiterer erwähnenswerter Philosoph dieser Zeit ist Tristan Garcia (geb. 1981), welcher sagt die Moderne und ihre Intensität sei eine Umkehr der Klassik (Lebe, wie du denkst -> Denke, wie du lebst); das (hedonistische und fetischistische) Ziel des (spät-) modernen Menschen sei es, meint Garcia, welcher mehr Langeweile postuliert, die Intensität des Lebens zu steigern (ob mehr Langweile ein realistisches Postulat ist, in einer Welt der stetig zunehmenden technischen Herausforderungen, das ist aber doch eher fraglich [für manche vielleicht schon, für andere vielleicht eher nicht]). Gegensätze im Bereich Intensität und Stille sind Jamie Wheat mit seiner Flow-State-Theorie und Erling Kagge mit dem Buch "Stille". Kagge ist Extremabenteurer, welchen man durch die Art seiner Abenteuer hier durchaus in der Philosophie nennen kann (auch als Vertreter der neuen Abenteurergeneration). Die mit der Selbstbestimmungstheorie (Ryan, Deci [2000]) verwandte Flow-State-Theorie (Csikszentmihalyi, Wheal, Kotler) wird als die eigentliche Sensation in der Neurologie und Psychologie dieser Zeit ausgegeben. Bedeutend in der Entwicklung dieser Theorie ist auch der humanistische Psychologe Maslow, mit dessen Bedürfnispyramide und seiner Beschreibung des Gipfelerlebnisses (engl. peak experience [beim Aufstieg des Bergsteigers]). Mit dem Flow ist ein Phänomen der Konzentration und Verschmelzung mit einer bestimmten Tätigkeit gemeint, wodurch extreme Leistungen möglich sind (z.B. im Sport, in der Kunst, aber auch überhaupt). Das Phänomen ist philosophisch nicht nur wegen Silva interessant, sondern schon alleine wegen Heraklit (mit seinem 'Panta rhei' [Alles fliesst]). Die Philosophie des Bewusstseins ist auch bedeutend in der Philosophie des Geistes. Jason Silva erklärt eine soziale Bedeutung des Phänomens: mit der Flow-State-Theorie soll die Freude in der Gesellschaft insgesamt erhöht werden, was die ganze Gesellschaft verbessern soll. Problematisch ist vielleicht die Versuchung, dies unter Drogeneinfluss zu erreichen. Interessant finde ich auch die Begriffsdiversifizierung von einer Makrophilosophie (Mayos) und einer Mikrophilosophie (Baggini). Während Mayos in der Philosophie die grossen Zusammehänge sucht, meint Baggini auf seiner Website (mit dem sinnigen Namen microphilosophy.net): "[Microphilosophy is:] Small thoughts about big subjects; big thoughts about small things [...]." Das entspricht ein bisschen einer philosophischen Leichtigkeit des (Da-) Seins - gegenüber der Schwereverhangenheit vergangener Grossideologien und deren Auseinandersetzungen - und ist in der heutigen Philosophie eigentlich sogar stärker verbreitet als das Denken in den ganz grossen und ganz schwierigen Zusammenhängen. Fakt ist: beides ist legitim, und beides wird in der Philosophie praktiziert. Die bekanntesten der im Medienzeitalter aufkommenden Mikrophilosophen, welche versuchen, die Philosophie und den Alltag viel näher zusammenzubringen, als dies die grossen Denker der alten Zeiten getan haben, sind vielleicht Alain de Botton (geb. 1969) - auch mit seiner 'Religion für Atheisten' steht er voll im Trend der heutigen philosophischen Diskussionen - sowie Michael Sandel (1953), welcher dem Kommunitarismus zugeneigt ist und als eine Art Rockstar der heutigen Philosophie gilt (in Südkorea hat er in einem Sportstadion vor 14'000 US-verrückten Zuschauern [!] 'the worlds biggest lecture about philosophy' abgehalten: eine ganz neue Dimension für die Philosophie, die man begrüssen oder auch kritisch hinterfragen kann - zuerst schafften, nach den Politikern und Priestern natürlich, die Spitzensportler solche Zuschauermassen, dann die Rock- und Musikstars, dann vereinzelt die Comedians und nun gibt es sogar schon einen Philosophen, der das geschafft hat [im Westen hat er allerdings eine nicht annähernd so grosse Zuhörerschar: mit Philosophie ein Sportstadion zu füllen, erscheint hier zu dieser Zeit wohl noch immer undenkbar]).

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Libertarian Crossover. Vermutlich muss hier auch auf die aktuelle politische Entwicklung eingegangen werden. Man kann sich natürlich fragen, inwieweit politische Entwicklungen, und erst recht aktuelle, ein Thema der Philosophie sind - zumal es ja heute sogar eine spezifische Wissenschaft der Politologie gibt. Ich bin der Meinung, dass Ethik und Politik zwei relativ eng verknüpfte Gebiete sind, und dass daher die Politik und ihre aktuellen Entwicklungen immer ein Thema der Philosophie sind (wenngleich auch die langfristige Betrachtung immer bedeutender ist als die Momentaufnahme - gerade in einer langfristigen Betrachtung kann man jedoch die Verwandtschaft von Ethik und Politik erkennen: der Einzelne steht mit einem ethischen Problem vor der Politik der Gemeinschaft, und zwar bei einer guten wie bei einer schlechten Politik bzw. im Einverständnis wie im Nicht-Einverständnis mit der aktuellen Politik, und umgekehrt). Sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Politik - der aufkommende Begriff vom Libertarismus ist heute nahezu ein Synonym für extremen Neoliberalismus oder Anarchokapitalismus, stammt aber vom Anarchokommunisten Déjacque (im 19. Jahrhundert)* - scheint derzeit eine seltsame Wendung stattzufinden, indem die Rechtsaussenposition offenbar Inhalte von der Linksaussenposition übernimmt und zu ihren Gunsten umdeutet. Dieses seltsame Phänomen - ich nenne es 'Libertarian Crossover' - welches derzeit zu beobachten ist (und zusammenhängen könnte einerseits mit einer gewissen Loslösung konservativistischer Positionen von der Religion, andererseits aber auch mit der Partykultur der Jungen, in welcher man sich von den alten Ideologien verabschiedet und lieber gemeinsam abfeiert), scheint in einem zeitlichen Zusammenhang zu stehen mit dem Niedergang des osteuropäischen Kommunismus und dem Ende des Kalten Krieges (Ende des 20. Jahrhunderts). Man sieht heute immer öfter heute ein Schema mit zwei Achsen und vier Feldern - eine sozialrelevante Achse vom Libertarismus unten zum Autoritarismus oben und eine ökonomierelevante Achse von links nach rechts. Ich möchte ein bisschen vor diesem Schema warnen, in welches Personen oder Parteien eingeteilt werden. Im Gegensatz zum alten linearen Links-Rechts-System (Rechtsaussen, Rechts, Mitte, Links, Linksaussen) kommt hier der reine Streit - in doppelter Hinsicht sogar - besser zum Tragen. Vielleicht sollten wir in der Politik nicht etwas grapisch (zweidimendional) darstellen, was wir dreidimensional nicht darstellen können (ganz korrekt wäre in der modernen Demokratie eine Einteilung nach den Faktoren der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bzw. Verwandtschaftlichkeit [dies wäre aber wohl in der Erhebung und Darstellung ebenso wie in der Verständlichkeit schon etwas zu kompliziert für ein einfaches System]). Im zweidimensionalen System können u.a. etwa religiöse Phänomene kaum eingeteilt werden. Auch erscheinen alle Regierungsträger notwendigerweise in der autoritären Hälfte, weil sie ja eben Regierungsträger sind, wogegen die Opposition fast ebenso notwendig in der unteren Hälfte liegt (aber in die obere rücken würde, sobald sie an der Regierung beteiligt wäre). Dieses System scheint von der Opposition zu kommen und nur in einem oppositionellen Rahmen relevant zu sein. Das Crossover an den Enden des politischen Spektrums ist übrigens nichts Neues, sondern hat eine bedeutende historische Relevanz - offenbar scheint es an diesen Enden nur noch um die oppositionelle Selbstbehauptung zu gehen, und dies führt dann zu ähnlichen Phänomenen (und auch Regierungen, wenn sich die Extreme durchsetzen). In diesem Sinn scheint dieses System doch einigermassen fragwürdig zu sein, wenngleich es auch schwieriger geworden ist, das alte lineare System aufrechtzuerhalten, weil sich z.B. die grüne Bewegung im Vergleich zu den Neomarxisten nicht mehr richtig einordnen lässt und weil der Progressivitätsfaktor nicht mehr so klar verteilt ist, je nachdem, ob wir von sozialen oder technischen Neuerungen ausgehen - trotz diesen Schwierigkeiten würde ich beim alten System bleiben (national-liberal-christlich-sozial-alternativ [grün]; für mich ist - wie sich auch in verschiedenen Ländern im heutigen Europa zeigt - in diesem Schema durchaus auch eine Kombination vom Nationalen mit dem Supranationalen möglich [sowie es auch Anhänger des Lokalen und Regionalen gibt, die ebenso Anhänger des Nationalen sein können; inwiefern das grüne Argument platzgebunden ist in diesem Schema ist ebenso fraglich, ich siedle es traditionsgemäss in der Politik auf der linken Seite an]).

Als mögliches grösseres Problem für die Zukunft sehe ich die in der aktuellen universitären Philosophie teils sich ergebende Verknüpfung von Naturalismus, Materialismus, Realismus, Positivismus und Libertarismus/Kapitalismus, quasi zu einer kapitalpositivistischen Einheitsphilosophie. Dies scheint der Weg zu sein, wenn man aus naturwissenschaftlichen Positionen heraus eine kumulative Einheitsphilosophie entwickeln möchte. Für mich ist und bleibt die Philosophie natürlich aber ein Gebiet, welches sehr bedeutend v.a. auch die Aufgabe hat, zwischen den verschiedenen Bereichen und Ideologien zu vermitteln. Eine sinnvolle Verbindung von Religion, Philosophie und Wissenschaft - eines der Grundprobleme der geistigen Sphäre - wird sicher nicht so einfach zu lösen sein, sondern sehr viel schwieriger. Die einzelnen der erwähnten Begriffe haben durchaus ihre philosophische Teilberechtigung - ich spreche vom Problem der Verknüpfung zu einer Einheitsphilosophie (gegen sämtliche übrige Philosophie, quasi).

Die derzeit anlaufende libertäre Diskussion passt sehr gut in die heutige politische Diskussion der Philosophie, wenn man bedenkt, dass in den letzten Jahren polistische Exoten wie Chomsky (Anarchosyndikalist) oder Zizek (bezeichnet sich zuweilen halb scherzhaft und halb im Ernst als Stalinist) betrachtet. Die aktuelle Diskussion scheint zwischen Libertären und Kommunitaristen stattzufinden - der Kommunitarismus ist eine Gemeinsinnideologie, welche aus dem US-amerikanischen Republikanismus und Evangelismus stammt (diese Diskussion auf Europa übertragen, könnte zu einer grossen Herausforderung für die traditionelle Liberal- und Sozialdemokratie werden, deren Verteidigung heute immer öfter unter dem Argument eines überholten Traditionalismus abgetan wird [die anderen Themen sind zwar nicht neu, sondern mindestens ebenso alt, wenn nicht sogar noch viel älter, aber neu aufgemacht und verkauft - das politische Momentum scheint derzeit auf der rechten Seite zu sein, und man kann gespannt sein, wie diese Diskussion weiterverlaufen wird]).

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Neuer Atheismus und Neue Religiosität. Ein grosses Thema ist nachwievor und immer wieder auch die Religion. In der zweiten Hälfte der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts und dritten Jahrtausends kamen - nach der von religiösen Extremisten geführten Terrorattacke auf das World Trade Center 2001 - die vier Neuen Atheisten auf, welche sich die vier apokalyptischen Reiter des Atheismus bezeichneten (Dawkins, Dennet, Harris, Hitchens). Mit ihren Büchern erschienen sie ein paar Jahre lang weit oben in den Bestsellerlisten. Was hat die Religion in unserer wissenschaftlichen und technischen Zeit überhaupt noch für Argumente? Eine Antwort - oder eigentlich: die einzige engagierte Antwort - auf dieses grosse Aufkommen eines Neuen Atheismus gab (nicht allzu gross beachtet): Randall Niles. In seiner Gap-Filling-Theorie sagt er, dass die heutige Wissenschaft die leeren Stellen ihrer Weltanschauung mit einer philosophischen Annahme bzw. Spekulation ausfüllt: der Gläubige, so sagt Niles, welcher eine Zeit lang den Neuen Atheisten folgte, sich dann aber gegen den Atheismus entschied, füllt diese Lücken mit Gott (was ebenso legitim erscheint). Man kann eigentlich nicht über den heutigen Atheismus sprechen, ohne Niles zu erwähnen. Er war der neuen (wenn auch oft unbestimmten) Religiosität, von welcher wir seither hören, quasi einen Schritt voraus. Auch die Behauptung von Lamont, dass ein Humanismus fast zwangsläufig atheistisch sein muss, ist nicht nachzuvollziehen (Gegenbeispiel: Albert Schweitzer, u.v.a.). Wir erleben heute - weiterhin - beides: Neuer Atheismus wie auch Neue Religiosität/Spiritualität (und sogar auch Spirituellen Atheismus [Comte-Sponville, Critchley, De Botton]). Zur Rekapitulation seien an dieser Stelle kurz die (Grund-) Möglichkeiten bezüglich des religiösen (Gottes-) Glaubens angeführt: Theismus (Polytheismus, Monotheismus, Pantheismus), Deismus, Agnostizismus, Spiritualismus, Atheismus (ein neues Wort ist jenes vom Syntheismus - das passt aber, so würde ich sagen, nicht ganz in dieses Schema [denn auch die Theologie hat durchaus eine syntheistische Komponente, auch wenn sie sich auf die Gottesoffenbarung stützt: es sind ja Menschen, von Adam über Noah, Abraham und Jakob bis Mose weiter bis zu Jesus, u.v.a., welche diese Religion gemacht haben - im Christentum rangen die gläubigen Menschen sogar auf Ökumenischen Konzilien um die Glaubenswahrheiten; natürlich gibt es auch eine ganze andere neue Auffassung von Synteismus, die es aber auch schon gab, bevor dieser Begriff überhaupt aufkam: das ist die Kreation von künstlichen Religionen, die neben dem allgemeinen historischen Kontext stehen und ebenfalls ein (Rand-) Thema im 20. Jahrhundert waren]).

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Ist etwas sehr Wichtiges und Grosses zu dieser Zeit vergessen worden? Natürlich (u.v.a., welches hier, in dieser kurzen Zusammenstellung, nicht erwähnt werden konnte): der Begriff der Information. Manchmal ist man so tief im vielfältigen Geschehen dieser Zeit drin, dass man zentrale Begriffe wie diesen glatt vergisst. Die Bedeutung dieses Begriffs für unser Zeitalter hat der US-Soziologe Daniel Bell (1919-2011) herausgestellt, in seinem Buch "The Coming of Post-Industrial Society: A Venture in Social Forecasting" (dt. Die nachindustrielle Gesellschaft, 1973). Er ging von der Dreiheit der ökonomischen (Produktions-) Sektoren (Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen) aus, wie sie in den Wirtschaftswissenschaften beschrieben ist, und bezeichnete das Zeitalter der Dienstleistungen als angebrochen, in welchem der Begriff der Information die zentrale Rolle spielt (dies notabene acht Jahre vor dem Personal Computer [1981] und 18 Jahre vor dem World Wide Web [1991 - während weitere zehn Jahre später übrigens natürlich, zwei Jahre nach der grossen Millenniumsfeier* beim Jahreswechsel 1999/2000 und ein Jahr nach dem New-Economy-Crash bzw. der sogenannten Dotcom-Blase 2000, die Welt daran erinnert wurde, dass dies alles nicht so einfach werden wird, wie manche vielleicht geglaubt haben: na ja]). Man muss dazu sagen, dass heute mit dem Internet (Stichwort: Internet der Dinge) bereits von einer Vierten industriellen Revolution die Rede ist - als erste gilt die Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft, als zweite die Massenanfertigung mit Fliessbändern und elektrischer Energie, als dritte der Einsatz von Elektronik und Informationstechnologie (IT, Computer) - trotzdem scheint auch Bell recht zu haben. Der Faktor der Information ist auf jeden Fall zu einem der bedeutendsten Faktoren dieser Gesellschaft geworden (und die damit zusammenhängenden Chancen und Risiken sind erst daran, sich richtig herauszustellen).

* Ich fand es, wie ich an dieser Stelle anmerken muss, erstaunlich, wie wenig bedeutende Publikationen es rund um das Thema des Millenniums (der christlichen Zeitrechnung) gab. Man kann dies sicher verschiedenartig interpretieren. In der Philosophie war der Jahrtausendwechsel praktisch überhaupt kein Thema. Die bedeutendsten Bücher dazu kamen aus der Religion: von Papst Johannes Paul II. ("Erinnerung und Identität - Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden", 2005) und Dalai Lama Tenzin Gyatso ("Das Buch der Menschlichkeit - Eine neue Ethik für unsere Zeit", 1999). Allzu viel Neues konnte man aus diesen beiden Büchern freilich auch nicht herauslesen. Der Papst meinte, der Utilitarismus habe den Sinn für das Bonum Honestum verloren, was er als Grund für die Krisen dieser Zeit betrachtet. Mich persönlich hat der Jahrtausendwechsel sehr interessiert. Wenn man in den Jahrtausendwechseln grosse Schritte sehen will, so muss man rund um das Jahr 2000 etwa das Aufkommen der Ökoproblematik, den Zusammenbruch des (osteuropäischen) Kommunismus und die Entwicklung des Internets bzw. World Wide Webs sehen. Amerika wurde um das Jahr 1000 von den Europäern entdeckt und war im Jahr 2000 mit der USA, welche mit allen drei genannten Themen - oder mit allen wichtigen Themen dieser Zeit überhaupt - in bedeutendem Zusammenhang steht, (noch) so etwas wie der Weltpolizist. Der religiöse Ost-West-Konflikt aus dem 11. Jahrhundert fand seinen Höhepunkt im Kalten Krieg im 20. Jahrhundert - obwohl es noch Nachwirkungen gibt, dürfte in der Zukunft der Süd-Nord-Konflikt bedeutender werden (und erst, wenn auch dieser besser gelöst wird, kann vielleicht eine wirklich und grundsätzlich bessere Welt realisiert werden, in welcher zumindest die allergrössten Weltkonflikte einigermassen akzeptabel gelöst sind [und das wird leider noch lange dauern]).

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Exkurs: Unsere Zeit, die kaum beschrieben werden kann. Die Philosophie - traditionell (und richtigerweise) verhangen im Alten - scheint einigermassen grosse Schwierigkeiten zu haben, den gewichtigen Jahrhundertwechsel zu vollziehen. Unter der Frage: was noch? Wie werden sich die progressiven und die konservativen Kräfte vertragen - die, glaube ich, beide nicht mehr so recht wissen, wie es weiter gehen soll bzw. keinen festen Plan mehr für die Zukunft haben: Orientierungs- und Konzentrationslosigkeit scheinen zu einem immer bedeutenderen Thema zu werden in der gegenwärtigen und zukünftigen Welt. Es ist eine Zeit, die man kaum beschreiben kann, aber ich versuche es dennoch. Die Welt wartet nicht auf uns, hören wir immer wieder. Was ist das für ein Satz? Das Problem ist aber doch wohl ein ganz anderes. Das Problem ist, dass wir nicht auf die Welt gewartet haben. Es könnte auch sein, dass die Welt trotzdem auf uns wartet, aber anders, als wir es erwartet haben. Man kann sehen, wie die Welt auseinander driftet - täglich tausendfach - und wie sie nicht wissen, wie sie sie zusammenhalten wollen. So entstehen immer mehr Dinge, die man nicht sagen darf, und immer weniger Dinge, die man noch machen darf (nicht weil es verboten wäre, aber weil man es nicht macht). Trotzdem wird gerade die Kunst immer wilder, verrückter, irrer in dieser Zeit. Es nützt uns aber nichts, die zukünftige Zeit schon a priori schlecht zu reden. In einem zeitinterpretierenden Ausblick steht für mich der Begriff der Ambivalenz im Vordergrund. Jedes Mal, wenn man denkt, diese Zeit sei schlecht, denkt man sofort, aber im Allgemeinen sei sie vielleicht doch nicht ganz so schlecht, und jedes Mal, wenn denkt, diese Zeit sei gut, denkt man sofort, aber im Besonderen sei sie vielleicht doch nicht ganz so gut. Ich habe versucht, diese allgemeine Ambivalenz in konkretere Fragen zu kleiden und bin etwa auf folgende Fragen gekommen: 1. Ewiges Projekt der philosophischen Aufklärung nach allen Richtungen hin oder Brave New Dark Media World? 2. Weltliche Humanität mit hintergründlicher Religion oder neue Fundamentalismen in allen Bereichen? 3. Quantitativer und qualitativer Fortschritt in den Natur- wie den Geisteswissenschaften oder wilde libertäre Technikentwicklung mit katastrophalen Folgen? Es ist immer schwieriger, überhaupt irgendetwas bezüglich der Zukunft zu sagen - und es ist in dieser Zeit schwieriger denn je, daher ist das auch irgendwie eine gegenwartsbezogene und zukunftsfragliche Zeit. Diese Fragen sind daher rein spekulativ. Schon in einem halben Jahr kann die Welt wieder ganz anders aussehen - so ist oder erscheint das in dieser heutigen Zeit. Vielleicht habe ich trotzdem irgendeinen (Zeit-) Nerv damit getroffen (und wenn nicht, so habe ich es wenigstens versucht). Die Zukunft entsteht - sei es in einer (entschiedenen) seriellen oder in einer (zusammengeführten) dialektischen Logik - aus den grossen Zeitfragen heraus. Auch interessant finde ich die Betrachtung der Bestsellerautoren der Zeit - das sind heute etwa: Dan Brown (Verschwörungstheorien), Ken Follett (Thriller), John Grisham (Justiz), Stephen King (Horror), Joanne K. Rowling (Fantasy - mittelalterlicher Art und Weise). In der Brave New Media World von sensationellen Extremen ist aber philosophisch eigentlich wieder viel interessanter, was Masse und Mitte machen (ich meine damit nicht einen extrem seichten Mainstream, wie es ihn heute ja auch gibt, sondern eine wahrere Mitte und ein wahreres Mass). Die Philosophie liess sich - im 19./20. Jahrhundert - einige Zeit von der Kunst zu Extravaganzen mitreissen, welche sie sich eigentlich nicht leisten kann (oder sollte - wie es eben auch gilt gegenüber der reinen Wissenschaft oder Religion). Wenn die Philosophie sich selber bleiben will, muss sie ihre eigene Position in allem finden.

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Populäre und wissenschaftliche Philosophie. Es ist mir ein Anliegen, hier noch einmal - wo es nicht schon gemacht wurde - auf die Autoren der (sogenannten) Populär- und Vulgärphilosophie (und -wissenschaft) zu verweisen, wie sie v.a. in den 1970-er und 1980-er Jahren, aber eigentlich zu allen modernen Zeiten, als Bestsellerautoren herauskamen. Dazu zähle ich Leute wie Arthur Koestler, Robert Jungk, Joseph Weizenbaum, Frederic Vester, Carl Sagan, Fritjof Capra (später etwa: Dawkins, Hawking oder deGrasse Tyson - u.a.). Besonders Jungk, Vester und Capra stehen - wie auch etwa Naess oder Lovelock/Margulis - auch in einem engen Zusammenhang mit der ersten grösser angelegten Diskussion von ökologischen Themen und Ansichten in einer breiteren und auch der intellektuellen Öffentlichkeit. Das Buch "The Turning Point: Science, Society, and the Rising Culture" (dt. Wendezeit - Bausteine für ein neues Weltbild, 1982) vom österreichisch-amerikanischen Physiker und Esoteriker Fritjof Capra (geb. 1939), welches ich in den mittleren 1980-er Jahren gelesen habe (1985 kam eine erweiterte deutsche Ausgabe heraus, 1990 ein Film zum Buch), war meine erste philosophische Lektüre überhaupt, die mich auch dazu angeregt hat, mich etwas später sehr viel breiter und tiefer mit der Philosophie auseinanderzusetzen. Ich kann sagen, dass diese Populär- und Vulgärphilosophie - mit Anflügen auch etwa von Camus, Nietzsche, Fromm oder Jonas - mich eigentlich zur Philosophie gebracht hat. Für die Wissenschaften ist der Bereich der populärwissenschaftlichen Autoren und Moderatoren relativ bedeutend, bei den Philosophen fehlt dies - und damit ein besserer Zugang zu einem breiteren Publikum - ein bisschen. Die Position des vulgärwissenschaftlichen Autors ist für den Philosophen natürlich nicht so fremd (und daher auch besonders interessant), denn er steht ja selber in dieser Position: einerseits möchte er die Wissenschaften einbeziehen in sein Denken, andererseits aber ist er auf keinem wissenschaftlichen Gebiet ein wissenschaftlicher Experte. Er kann also selber nur ein Vulgärwissenschaftler sein. Er sollte auch nichts vorgeben oder -spielen - etwa behaupten, der hätte eine reine bzw. spezielle wissenschaftliche Kompetenz - immerhin aber kann er alle wissenschaftlichen (und zwar natur- wie geisteswissenschaftliche) Gebiete gleichermassen einbeziehen. Das ist wiederum der Vorteil des Philosophen (irgendeinen Vorteil muss er ja auch haben). Er hat vielleicht etwas weniger Einblick, dafür aber einen etwas besseren Überblick, indem er sich auch vorurteilsfrei mit allem beschäftigen kann. Natürlich erhebt sich auch die Frage, ob es überhaupt eine wissenschaftliche Philosophie gibt, wie ja die Philosophie als Wissenschaft behauptet ist (im universitären System). Ich würde das bejahen, meine aber, dass wir erst auf dem Weg zu einer solchen sind. Dazu müssten wir die einzelnen Philosophien besser einordnen können, was natürlich sehr schwierig ist (auch deswegen, u.v.a., weil es immer neue Begriffe gibt und immer neue Sichtweisen, welche die Gesamtschau wieder verändern; trotzdem glaube ich an eine Wissenschaft der Philosophie [und an eine Philosophie der Wissenschaft - bedeutend ist für mich in diesem Zusammenhang die Sichtweise der Philosophie als Ideengeschichte, ebenso wie als Ideenauffassung zu einem bestimmten Zeitpunkt; und der Begriff von Ideen bedeutet in der Philosophie immer auch ganz wesentlich den Begriff von Begriffen: wir können auch von einer Begriffsgeschichte und -auffassung sprechen]). Ich gehe ferner davon aus, dass wir in der kommenden Zeit eine Popularisierung der Philosophie, vermehrt aus sich selber heraus, erleben werden (und nicht - wie früher - fast ausschliesslich durch Wissenschaftler, Journalisten, Schriftsteller und andere Autoren, die sich quasi von aussen her in die populäre Philosophie einbringen).

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Lange habe ich die aktuelle Philosophie kaum beachtet, mich v.a. mit den grossen alten Klassikern beschäftigt und - ausser der angesprochenen frühen Beschäftigung mit der Populär- und Vulgärphilosophie und -wissenschaft - irgendwo beim Existenzialismus etwa von Sartre einen Strich gezogen bei dem, was mich philosophisch interessiert. Da ist heute so viel die Rede von 'Negativität der Moderne' (Hillenkamp), 'Ende der Geschichte' (Fukuyama), 'Kampf der Kulturen' (Huntington) und ähnlichem. Zugegeben: das sind alles keine reinen Philosophen, sondern Leute, die im Umkreis der Philosophie dem Zeitgeist nachspüren - aber: sie finden meistens mehr oder weniger negativ anmutende Dinge (und dies zeigt, dass im Gegensatz zur positiven Aufbruchsstimmung in der Populär- und Vulgärphilosophie heute im Allgemeinen zunehmend eine negative Stimmung herrscht). Das stiess mich lange einfach nur ab (denn das ist nicht das, was ich unter Philosophie verstehe [wenn es gut ist, sollte man es loben, wenn es schlecht ist, sollte man Verbesserungen anregen - das ist für mich Philosophie]). Auch bei den reinen Philosophen vermisse ich positive, zukunftsorientierte Ideen und Systeme. Es scheint, als sei dies sehr schwierig, in einer Zeit, in welcher man die Dinge nur noch schwerlich analysieren kann, ohne die Medien, ohne die Technik, ohne die Computer, ohne die Roboter. Wenn man in die Zukunft schaut, sieht man eine Zukunft voller Maschinen, und die Rolle, welche der Mensch in dieser Welt der Maschinen spielen soll, scheint irgendwie undefiniert (wie passt das noch zusammen mit der Philosophie [der Menschen]?). Daher scheint es wohl an der Zeit zu sein, die Sache von Grund auf noch einmal neu zu überlegen und das Vergangene mit dem Zukünftigen zu verbinden. Ich habe mich dabei nicht gescheut, die Entwicklung der Ideengeschichte letztlich bis in die Gegenwart hinein aufzuarbeiten (auch wenn die Analyse der Gegenwart immer eben auch viel schwieriger ist als jene der Vergangenheit).

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Etwas bin ich immer noch schuldig, und das ist eine genauere Einschätzungen der aktuellen Philosophie (bzw. ich möchte die Gelegenheit nutzen, an dieser Stelle eine solche zu machen). Allgemeine philosophische Überlegungen - wie ich sie bis hierhin vorgebracht habe - und Überlegungen und Erwägungen zur offiziellen Philosophie sind für mich nicht ganz dasselbe. Gibt es überhaupt eine 'offizielle Philosophie'? Natürlich nicht, aber es gibt den Anspruch von einer quasi 'offiziellen Philosophie' - durch den universitären Diskurs (diesen Begriff sollte man sich merken: jenen vom Diskurs [denn der wird gleich wieder vorkommen]). Ich habe mich bei meinen allgemeinen philosophischen Überlegungen in meinem ideengeschichtlichen Ansatz übrigens nicht für oder gegen irgendjemanden ausgesprochen, sondern ich habe einfach das gebracht, was mir während meiner vielfältigen Beschäftigung mit Philosophie am Bedeutendsten erschienen ist. Dass vermutlich jeder Philosoph gewisse Ideen unterschätzt und andere überschätzt, ist nicht von der Hand zu weisen, und das wird sicher auch mir geschehen. Und selbst das grösste Bemühen, um eine faire Bestandesaufnahme wird dieses Problem letztlich nicht lösen können. Jede Philosophiegeschichte, die ich bisher gelesen habe - und das waren doch einige - konnte den Mangel nicht verbergen, dass im Hintergrund noch 1000 andere Namen stehen.

Überlegungen und Erwägungen zur 'offiziellen Philosophie' - I. Diskursethik. In meiner Analyse zu diesem Thema sehe ich im 20. Jahrhundert (bis dato) drei grosse Richtungen. Die erste Richtung ist nach meinem Verständnis jene der Kulturkritik, die zweite jene der Seinsphilosophie, die dritte jene der (sogenannt) Analytischen Philosophie. Alle diese drei Richtungen, und das ist bedeutend, stammen aus dem 19. Jahrhundert, denn dies zeigt eine gewisse Stagnation in der 'offiziellen Philosophie' (im 20. Jahrhundert). Zur Kulturkritik. Den Vater der Kulturkritik müssen wir nicht lange suchen: es ist natürlich Nietzsche. Es gibt frühere Vorstufen - vielleicht müsste man diesbezüglich unter den ganz grossen Namen der Philosophie von einem anfänglichen Dreigestirn Voltaire-Marx-Nietzsche sprechen - aber bei ihm ist dies doch durchgebrochen, in einer Art und Weise, wie sie auch seither nicht mehr erreicht wurde. Aber das Thema besteht fort. Im 20. Jahrhundert ist in dieser Richtung die neomarxistische Kritische Theorie in Deutschland sowie der antistrukturalistische Postrukturalismus in Frankreich zu nennen. Dies hat einerseits zu einer (ausseruniversitären) Behauptung einer Philosophie der Negativität der Moderne (Hillenkamp) geführt, andererseits - was mich hier mehr interessiert - zur Diskursethik, welche Jürgen Habermas (geb. 1929) gemeinsam aufstellte mit Karl-Otto Apel (1922-2017), welcher ein grosses Interesse für den US-Pragmatismus in diese Richtung eingebracht hat. Die Diskursethik will - wie alle anderen ethischen Versuche - die moralische Negativität der Zeit überwinden und sie in eine moralische Positivität verwandeln. Ich sage trotzdem Positivität (im philosophischen Sinn), auch wenn es hier eigentlich kein oberstes Prinzip gibt - das oberste Prinzip ist indes eben der Diskurs. Der Hintergrund der Diskursethik ist die Auseinandersetzung mit Kant, dem grössten Moralphilosophen der Neuzeit, sowie mit John Rawls (1921-2002), dem bedeutendsten Moralphilosophen der USA im 20. Jahrhundert (Hauptwerk: "A Theory of Justice", dt. Eine Theorie der Gerechtigkeit, 1971 [eigentlich bei ihm: eine Theorie der Fairness]). Kant hat mit seinem Kategorischen Imperativ eine allgemeine Pflichtethik begründet. Seine Gegner glauben, dies mit einem Vorwurf des Solipsismus verwerfen zu können* (d.h. ungefähr: Eingeschlossenheit in die Ich-Perspektive [vgl. Descartes (und so kann man auch sagen, Kants Satz vom Kategorischen Imperativ wende sich zwar an alle, aber bloss an alle Ichs, ohne ein weiterführendes oder verbindendes Du und Wir - das ist der Vorwurf); offenbar hat man keine Kritik am Satz selber ansetzen können]). Kant zielte auf das Allgemeine, Rawls auf das Konkrete. In einem konkreten moralischen Problem, sagt Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit, muss man sich - quasi in einem kleinen Gedankenexperiment - in die Rolle des oder der Anderen versetzen, um zu einem guten moralischen Urteil zu kommen; und dies sollte natürlich jedermann immer tun (wenn es um moralische Fragen geht). Er sagt also: wir können die moralischen Probleme nicht allgemein angehen, sondern wir müssen sie konkret angehen, und wir müssen für diese konkrete Herangehensweise neue ethisch-moralische Grundsätze finden. Dass dies nicht so einfach ist, wie Rawls vorgibt (und ferner vermutlich auch vielen Vor- und Fehlurteilen unterliegen muss), liegt auf der Hand. Wir bewerten ja den Anderen dann genau gleich, wie Kant das Allgemeine bewertet hat - solipsistisch. Und genau hier setzt natürlich die Diskursethik an, welche sagt, dass wir nicht alleine über die Vorstellung vom Anderen und seiner Rolle eine Ethik und Moral erzeugen können, sondern: dass wir mit ihm sprechen müssen. Die Diskursethik zielt auf die Kommunikation zur Lösung von ethisch-moralischen Problemen (und hier kreuzt sich der Weg der Kulturkritik mit jenem der Analytischen Philosophie [diese begründete aus der Sprachphilosophie heraus selber zwei Wege: 1. Sprachphilosophie, Philosophie des Geistes, Philosophie des Bewusstseins [siehe im nächsten Abschnitt], 2. Sprachphilosophie, Kommunikationstheorie, Diskursethik (siehe in diesem Abschnitt)]). Das tönt im ersten Moment sehr schön und gut, bedeutet aber, dass (unter gegebenen Regeln der Theorie) immer alle miteinander sprechen müssen, wenn irgendein Moralproblem besteht, und solche umgeben uns ja eigentlich - wenn wir es genau nehmen - von morgens früh bis abends spät. Es wird kaum von der Hand zu weisen sein, dass eine solche Forderungen grösste praktische Probleme mit sich bringt. Wir stecken hier in einer unglaublich schwierigen Sackgasse: wir können nicht sagen, dass es moralisch nicht gut sei, moralische Probleme auszudiskutieren, andererseits können wir aber auch nicht sagen, dass dies im Alltag immer machbar sei. Rawls meinte, wir sollten nicht auf die Praxis schauen, sondern die Erwägung unabhängig von dieser machen. Das kann er gut sagen, aber das Problem besteht trotzdem, und es ist auch nicht wirklich wegzudiskutieren. Was ist nun gescheiter: eine allgemeine Formel, welche nicht hinreichend befolgt wird (nach Kant), oder ein konkreter Diskurs, welcher so nicht hinreichend abgehalten wird (nach Habermas)?** Oder die Behauptung Humes, welcher Kant widersprechen wollte, dass man nicht von einem Sein auf ein Sollen schliessen kann, oder schärfer: dass es im Grunde gar kein Sollen im Sein gibt? Ich würde dazu sagen, dass man die Ethik auf der Ebene der Politik betrachten, den Diskurs (so gut wie halt eben möglich) dort verankern und Wahlen und Abstimmungen einführen und ein Konsenssystem mit einer Konkordanzregierung, einem Kollegialitätsprinzip und einem Vernehmlassungsverfahren*** aufstellen müsste. Der politische Diskurs steht doch heute (seit der Bürgerrevolution nämlich) im Allgemeinen über dem rein moralischen, und in dieser Hinsicht werden wir wohl kaum um institutionelle Lösungen herumkommen. Eigentlich sollte es seit Marx üblich sein, die Politik in die ethische Diskussion einzubeziehen. Es besteht bei der Verbindung zwischen der ethischen auf der politischen Ebene allerdings ein grosse Problem: dass es nämlich heute eine Wissenschaft der Politologie gibt, und dass sich viele Philosophen deshalb nicht mehr auf dieses Gebiet und diese Ebene wagen. Trotzdem: vielleicht braucht es letztlich alle drei: das allgemeine Prinzip, den konkreten Diskurs und die praktische Politik. Die Ethik besteht natürlich übrigens aus ethischen Prinzipien und deren moralischer Anwendung. Man kann Kant - wie ich meine - keinen Vorwurf dazu machen, dass er das beste allgemeine Prinzip der Ethik gefunden und aufgestellt hat. Wenn alle nach diesem Prinzip handeln würden, hätten wir eine perfekte Gesellschaft - dass dies nicht möglich ist, das ist ein anderes Thema. Habermas sagt, dass Kants Kategorischer Imperativ ausserhalb seines Systems nicht leicht zu verteidigen sein dürfte - er geht davon aus, dass Kant ein System für diesen Satz aufgebaut hat, aber das Gegenteil ist der Fall: er hat sein System um den Satz herum gebaut. Der Satz kann sehr gut - wie auch die Goldene Regel in der Religion - für sich alleine stehen. Der Kategorische Imperativ ist deshalb so bedeutend, weil er vielleicht der einzige Satz der westlichen Philosophie ist, welcher für sich alleine bestehen kann. Das System ist bei Kant kein Gerüst für diesen Satz, sondern es ist eine Mauer um den Satz herum. Und der Satz ist dermassen radikal im Ethischen, dass dies das einzige Prinzip ist, unter welchem - rein theoretisch betrachtet - eine Anarchie denkbar oder möglich wäre! (Von der Goldenen Regel unterscheidet er sich übrigens darin, dass jene auf das Du zielt, dieser aber auf das Wir.) Die bedeutendste ethische Frage, die bestehen bleibt, ist vielleicht diese: Warum ist im Sollen oft kein Wollen? Eines der grössten Probleme der kantischen Ethik war jedoch nicht unbedingt die Willensphilosophie, sondern die Philosophie (und Psychologie) des Unbewussten (von Eduard von Hartmann - denn eine Philosophie des Unbewussten macht eine Ethik noch doppelt so schwierig, als sie sowieso schon ist).

* Die heutige Universitätsphilosophie glaubt, dass ein Problem dann gut gelöst sei, wenn möglichst viele Leute daran arbeiten. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt aber das pure Gegenteil: es waren immer wieder Einzelne, welche die grossen Schritte gemacht haben: von Aristoteles über Galilei und Newton bis Darwin und Einstein (u.v.a.). Das waren alles Einzelleistungen, und wenn wir sie nicht gehabt hätten, würden wir heute nirgendwo stehen. Ich glaube nicht an die These, dass viele Autoren ein besseres Resultat erbringen - ich halte es aber für möglich, dass sie auch ein gutes Resultat erbringen können. Zu sagen, dies sei besser als jenes, ist in diesem Fall kein gutes Argument. Den vergangenen Wissenschaftlern oder Philosophen vorzuwerfen, dass sie alleine gearbeitet hätten, wäre eine ziemlich grosse Frechheit. Rawls tut aber nicht genau dies, sondern er wirft Kant vor, dass er sein allgemeines Prinzip aus der Position eines Alleinigen heraus aufgestellt habe. Aber eben genau dies tun ja Wissenschaftler seit Descartes eben - und niemand kann sagen, sie hätten uns keine Vorteile gebracht. Sie stellen als forschende Subjekte objektiv und allgemein gültige Regeln her (im Sinn der Naturwissenschaft) oder auf (im Sinne der Geisteswissenschaft). Wenn amerikanische Philosophen heute - und morgen vielleicht auch andere Philosophen von anderen Kontinenten - teils alles verdrehen wollen, ohne etwas richtigzustellen, dann muss ich dies mit Vehemenz kritisieren. Die alte europäische Philosophie war nicht so schlecht, wie manche heute behaupten, und schon gar nicht unnütz, sondern man kann und sollte sie in neue Überlegungen integrieren. (Das ist zumindest mein Standpunkt dazu: es geht nicht darum, Descartes, Kant oder Hegel - in deren Entwicklungsgeschichte vom forschenden Ich der neuzeitlichen Wissenschaft über die allgemeine Pflicht in der modernen Aufklärung zur diffusen aber bedeutenden Welterscheinung in der spätmodernen Brave New Media World, oder auch andere - aus der Philosophie auszuschliessen, sondern es geht darum, zu einer möglichst guten und vernünftigen Philosophie zu kommen. Was wir in der Philosophie brauchen - für die Zukunft - ist nicht nur das Neue, sondern das Beste aus allen Zeiten. Wenn ich manche heutigen Philosophen, oder solche, die sich so nennen, über alte Grössen der Philosophie herziehen höre, dann kann ich diese Überheblichkeit nur schwerlich begreifen. Es kann einen Grund dafür geben, an einem gewissen Punkt der Geschichte eine gewisse Richtung anzugreifen - wie das Capra aufgrund des ökologischen Dilemmas gegenüber Bacon und Descartes getan hat - aber es gibt keinen Grund dafür, das Alte grundsätzlich einfach zu übergehen. Nicht die reine Innovation ist anzustreben, sondern eine geschickte Kombination zwischen Innovation und Konservierung bzw. zwischen Erneuerung und Erhaltung - es sei denn, man hätte einen wirklichen Quantensprung vorzuweisen, aber das sehe ich in der heutigen Philosophie nicht [und da kann ich weit herum schauen: ich sehe das nicht]. Demgegenüber halte ich natürlich aber auch nichts von denjenigen, gar nicht so seltenen Europäern, die am Liebsten in ein altes Europa zurückkehren möchten, in welchem sich nichts bewegt - man kann sich derzeit fragen, was schlimmer und schrecklicher ist: ein neuer Stillstand oder die Verdrängung des Alten. Ich hoffe, dass die Realität bessere Wege finden wird.)

** Und auch einigermassen relevant: die Frage letztlich doch auch oder wieder aus der Ich-Perspektive - was nützt dem Einzelnen mehr: ein allgemeines Prinzip, welches von den anderen nicht beachtet wird, oder ein Diskurs, an welchem die anderen so nicht teilnehmen? In beiden Fällen müssten wir ja eigentlich Maschinen haben: für die Umsetzung des perfekten Prinzips ebenso wie für den perfekten Diskurs: Menschen tun sich schwer mit solchen Sachen. Es ergibt sich beim perfekten, reglementierten Diskurs übrigens auch das gleiche Problem wie im Kommunismus: in kleinen Gruppen kann solches - zumindest eine Zeit lang - vielleicht einigermassen funktionieren (siehe: Kibbuz und andere alternative Gruppen/Siedlungen), in der grossen, weiten Welt aber eher nicht. Auch wenn das heute so ist, können wir trotzdem Zukunftshoffnungen hegen: dass ein solcher Diskurs dereinst weltweit doch zumindest in der hohen Politik möglich sei. Desgleichen aber kann man auch sagen: vielleicht haben die Menschen einmal eine Einsicht in das Prinzip von Kant (und dann würde es vielleicht gar keinen Diskurs brauchen [weil alle - geleitet vom richtigen Prinzip - aus sich selber heraus verünftig wären]). Und schon wieder sind wir bei pari (ceteris paribus). Wir müssen in der Philosophie auch immer beides betrachten: die Idealitäten und die Realitäten - wir dürfen die Idealitäten nicht für die Realitäten preisgeben, aber wir dürfen die Realitäten auch nicht ob den Idealitäten vergessen. Das ist immer wieder eine schwierige Gratwanderung.

*** Dies sind natürlich Begriffe aus der realexistierenden Schweizer Politik. Der Begriff der Konsenspolitik zur Beschreibung des Schweizer Systems ist in der Politikwissenschaft aufgekommen (und teils sogar schon von Philosophen übernommen worden). Konkordanz (dt. Zusammenstimmung) bzw. Konkordanzregierung meint in diesem Zusammenhang, dass alle relevanten politischen Kräfte in die siebenköpfige Regierung, namens Bundesrat, eingebunden werden sollen (die Idee der mehrköpfigen Regierung bzw. der Verzicht eines eindeutigen, langjährigen Staatsoberhaupts stammt vom Direktorium in der Französischen Revolution, welches die letzte Regierung derselben war [mit einer fünfköpfigen Regierung 1795-1799]). Dies schafft die Möglichkeit eines breiten Konsenses bei geringer (aber immerhin noch vorhandener!) Opposition. Man könnte dieses Prinzip auch als einen Politischen Utilitarismus bezeichnen (die Regierungseingebundenheit der grossen Mehrheit). Kollegialität oder Kollegialitätsprinzip meint den kohärenten Zusammenhalt innerhalb dieser aus verschiedensten Kräften zusammengesetzten Regierung. Zumindest theoretisch ist man zuerst politischer Eidgenosse und Vertreter der Regierung und erst in zweiter Linie Parteivertreter. (Ein-) Vernehmen bzw. Vernehmlassungsverfahren bedeutet, dass man im komplexen Gesetzgestaltungs- und -verabschiedungsprozess (zwischen Parlament, Bundesrat und Volk) alle relevanten Kräfte (über den politischen Bereich hinaus, was etwa grosse Verbände, Vereinigungen und Unternehmen betrifft [oder betreffen sollte]) einvernommen werden bzw. in diesen Prozess mit ihrer Meinungsäusserung eingebunden werden. Das Jahr 1848 war übrigens ebenso das Jahr von Marxens Kommunistischem Manifest wie auch das Jahr der Gründung des Bundesstaates der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Direkte Demokratie 1874/1891) - die revolutionären Wirren und die instabile Lage in Europa dürften einer der Hauptgründe für die Gründung des Bundesstaates in der Schweiz gewesen sein (vorher war die Schweiz ein relativ lockerer Staatenbund). Die beschriebene Art der Regierung hatte ihre Glanzzeit und ihren Höhepunkt in der Zeit der sogenannten Zauberformel zur ausgewogenen Zusammensetzung des Bundesrates (1959-2003 - so etwas wie die 'Goldene Zeit' der Schweiz). Seit den späteren 1970-er Jahren erzielt die Vorzeigedemokratie jedoch stets Beteiligungszahlen bei Parlamentswahlen von unter 50%! Ich sage nicht, dass die Direkte Demokratie für alle Staaten der Welt die beste Staatsform sei. Sie scheint vielleicht in kleinen Staaten besser bzw. leichter zu funktionieren als in grossen, und sie ist vielleicht auf einen gesellschaftlichen und internationalen Frieden angewiesen, und sie ist vielleicht durch die heute notwendige Supranationalität ein bisschen in Frage gestellt (was aber alles auch nicht so sicher ist), aber es ist für mich die philosophischste Art der Politikgestaltung (daher haben es Philosophen in der Schweiz auch besonders schwer, weil die Politik bereits quasi philosophisch organisiert ist). Obwohl diese Staatsform der Direkten Demokratie bereits seit über 150 Jahren besteht, hat sich kein anderes Land dieser angeschlossen - die Schweiz hat auch kaum Werbung dafür gemacht, z.B. mit entsprechenden Vorstössen und Bekanntmachungen in der UNO, was vielleicht mit ihrer internationalen Zurückhaltung und Neutralität zu tun hat (so dass man das Schweizer Modell im Ausland oft nicht genauer kennt [man weiss vielleicht, dass die Schweiz ein spezielles System hat, und vielleicht kennt man auch noch den Begriff der Direkten Demokratie, aber man weiss nicht, wie das genau funktioniert - selbst die Österreicher müssen heute nachfragen in der Schweiz, wenn sie sich für mehr Direkte Demokratie interessieren!]). Innerhalb der (international wenig bekannten) Schweizer Philosophie gibt es die philosophische Diskussion um die Direkte Demokratie (etwa bei Arnold Künzli, Hans Saner oder Georg Kohler), aber diese ist selbst hierzulande wenig bekannt (geschweige denn international - zudem war diese Diskussion bisher meist eher kritisch gegen innen gerichtet und wenig aufklärerisch gegen aussen). International ist heute die Demokratie - und insbesondere die mitteorientierte Konsensdemokratie - unter radikalen Denkern und Kreisen in Frage gestellt (so trat etwa im April 2017 der libertäre US-Philosoph Jason Brennan im Schweizer Fernsehen in der Sendung "Sternstunde Philosophie" auf und forderte dort die Abschaffung der Demokratie [was für Alternativen es heute dazu geben sollte, können solch extremistische Philosophen jedoch nicht sagen]).

Bei Habermas kommt (exemplarisch) stellenweise auch sehr schön zum Ausdruck, wie weit sich die universitäre Philosophie - natürlich nicht nur die Philosophie, sondern der gesamte Wissenschaftsbetrieb - von einem menschlichen Alltag entfernt hat. Ausdrücklich sogar etwa, wenn er (in seinem Buch "Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln") schreibt: "Die moralischen Alltagsintuitionen bedürfen der Aufklärung des Philosophen nicht. In diesem Falle scheint mir ein therapeutisches Selbstverständnis der Philosophie, wie es von Wittgenstein inauguriert worden ist, ausnahmsweise am Platz zu sein. Die philosophische Ethik hat eine aufklärende Funktion gegenüber den Verwirrungen, die sie selbst im Bewusstsein der Gebildeten angerichtet hat [...]." Er trennt also Alltag und Philosophie, was natürlich nicht statthaft ist - die Philosophie handelt von allem Wesentlichen, und natürlich auch vom Alltag der Menschen. Wir sehen in dieser kurzen Passage die Selbstkasteiung des kritischen Teils der heutigen Philosophie, wie man sie eben z.B. bei Wittgenstein und ähnlichen schon kennengelernt hat, ebenso wie diese seltsame Distanzierung vom Alltagsleben. Was bedeutet aber diese Aussage von Habermas? Heisst es, dass der Alltagsmensch die Philosophie nicht ernstnehmen, sondern sie als therapeutischen Witz auffassen und das wahre Denken den Philosophen überlassen soll? Ich weiss nicht, ob ich das richtig verstanden habe - Habermas ist in seinen Aussagen für den Alltagsmenschen manchmal recht schwierig zu verstehen (weil er manche Gedankensprünge nicht richtig bzw. ausführlich deklariert [was ein allgemeines Problem der zeitgenössischen Philosophie zu sein scheint]). Ein bisschen Kritik an der zeitgenössischen Philosophie, die sich irgendwo zwischen der losen (unbegründeten, aber doch oft trefflichen) Vernunft von Konfuzius und der strengen (überbegründeten) Vernunft von Kant bewegt, aber keine wahre Meisterschaft mehr erreicht, muss schon sein. Man wünscht sich eigentlich eine andere Philosophie - und weiss aber nicht genau was für eine. Das ist der Zustand der heutigen Philosophie - die aktuelle Philosophie glaubt auch, im Zuge der grossen Kulturkritik alles kritisieren zu können, nur dabei sich selber nicht kritisieren zu müssen: das ist ein sehr grosser Fehler. Ich sage nicht einmal, der grosse (Kultur-) Kritiker müsste zuerst bei sich selber anfangen, aber er sollte irgendwann einmal auch zu sich selber kommen.

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Überlegungen und Erwägungen zur 'offiziellen Philosophie' - II. Bewusstseinsphilosophie. Zur Seinsphilosophie. Dies ist die zweite grosse Richtung im 20. Jahrhundert, und auch diese stammt aus dem 19. Jahrhundert, zumindest in ihrer existentialistischen Ausprägung (die ontologische Richtung ist natürlich sehr viel älter). Wir sprechen heute in der Seinsphilosophie von Ontologie und Exstentialismus. Auch in der Seinsphilosophie hat es einen deutschen - eher ontologischen - und einen französischen - eher existentialistischen - Zweig gegeben. Scheinbar ist diese Richtung im 20. Jahrhundert abgebrochen (jedenfalls in der europäischen Philosophie). Die US-Philosophie tat sich relativ schwer damit. Es gibt ein paar Werke zu diesem Thema, in der deutschen wie der US-amerikanischen Philosophie, wobei aber meistens eine Ontologie von diesem oder von jenem behauptet wird (oder eine solche oder solche, z.B. die 'sprachanalytische Erste Philosophie' bei Tugendhat [u.ä.]), was natürlich nicht geht, da die Ontologie als Erste Philosophie keinen anderen Bezug haben kann als sich selber bzw. das Ganze bzw. alles, was ist, oder alles Seiende (das Problem der Spezialontologien beginnt indessen schon bei Heidegger, welcher die Ontologie mit der Phänomenologie verknüpft hat, oder bei Hartmann, welcher die Ontologie mit der Anthropologie verknüpft hat - das ist eigentlich alles unzulässig [im Sinn einer Fundamentalontologie (die als solche verknüpft werden kann mit anderem)]). Der Existentialismus hat in den USA überhaupt gar keine Rolle gespielt. Die Fortsetzung der Seinsphilosophie sehe ich daher und überhaupt natürlich in erster Linie in meinem eigenen Werk. In diesem geschichtlichen Überblick hier interessiert mich aber mehr die dritte Richtung: jene von der Geistvorstellung (wie ich diese nenne). Zur Geistvorstellung. Es wird vielleicht klar, weswegen ich diese Richtung so nenne, wenn ich den Zusammenhang erkläre, dass ich in dieser Richtung anfangs die Analytische (Sprach-) Philosophie sehe, welche ihren Ursprung ebenfalls im 19. Jahrhundert hat, und in der Folge über die Philosophie des Geistes dann die heutige Bewusstseinsphilosophie - von der Sprache bzw. Sprachanalyse zum Bewusstsein bzw. zur Bewusstseinsanalyse. Es dürfte keine allzu grosse Frage sein, dass der Bewusstseinsbegriff und die Bewusstseinsanalyse zu den bedeutendsten Fragen und Themen dieser Zeit, nicht nur in der Philosophie, sondern: in der gesamten Wissenschaft gehört. Wir wundern uns heute über unser Bewusstsein mehr denn je, und wir möchten sehr gerne wissen, was es eigentlich damit genau und alles auf sich hat. Darum wird dieses Gebiet derzeit besonders intensiv erforscht. Wir sind daran, neue Dinge über das Bewusstsein herauszufinden, und wir wissen noch nicht, wo uns dies schliesslich hinführen wird. Wir sprechen dabei von Kognitionswissenschaft, ein Gebiet, welches zusammenhängt mit der Neurologie bzw. Neurobiologie und -psychologie und der Hirnforschung sowie der Psychologie allgemein, sowie eben auch, und hoffentlich bedeutend, mit der Philosophie. Das Thema besteht eigentlich schon seit dem gesamten 20. Jahrhundert: die Philosophie musste jedoch zuerst den Schock vom Unbewussten verdauen, welches in ihr aufgestiegen und dann in die Psychologie abgewandert war, bis sie sich - einem rein Ideellen und Logischen bzw. Pseudologischen überlassen - erneut auf das Bewusste einlassen konnte. Mittlerweilen hat sie dies aber getan - wenn auch vielleicht noch nicht ganz in ausreichendem Mass. US-Philosoph Nagel, einer von vielen Vertretern der (sogenannten) Philosophie des Geistes, sagt: "Consciousness is what makes the mind body problem really intractable." Damit sagt er eigentlich, dass es sich hierbei um ein anderes Phänomen handelt. Ich würde sagen, die wahre Erkenntnis des Bewusstseins macht das (sogenannte) Leib-Seele-Problem nicht unlösbar, sondern überflüssig. Und daher sind auch viele Vertreter der Philosophie des Geistes letztlich beim Bewusstsein und bei der Bewusstseinsphilosophie gelandet. Wir schauen im Bewusstsein nicht quasi von aussen auf Geist (Denken), Seele (Fühlen) und/oder Körper (Empfinden), sondern wir erleben diese Dinge im Bewusstsein - durch eine (da-) seinswesentliche Einheit - alle gleichzeitig aus einem inneren Zusammenhang heraus, welcher letztlich eben auch - was in einem grösseren und bedeutenderen Sinn relevant ist - in ein Kollektives Bewusstsein* hineinfliesst. Für die Philosophen ist die kognitive - oder vielmehr: konszientische - Wende schwierig. Auch wenn viele Philosophen sich heute grundsätzlich für das Bewusstsein interessieren, sind doch auch viele noch in alten Themen verhangen: so etwa Putnam in einer reinen Funktionalität, Chomsky in einer Sprachstrukturalität, Searle gar in einem Bionaturalismus, während wiederum andere sich rein an die Ergebnisse der Wissenschaft hängen und dabei (auch) vergessen, dass Bewusstsein auch etwas mit der Person bzw. mit einem Ich und einem Selbst und dem konkreten Leben zu tun hat. Ist es deshalb so schwierig zu fassen? Wie auch immer. Bei den jüngeren Philosophen scheint dagegen die Erkenntnis über die Bedeutung des Bewusstseins als solches zu wachsen. Vielleicht rückt das Bewusstsein sogar wirklich nachhaltig ins Zentrum des philosophischen Interesses. Vielleicht wird der Philosophie mehr und mehr bewusst, dass die aktuellen und kommenden Probleme nur über das Bewusstsein (und das Kollektivbewusstsein zu lösen sind). Vielleicht sollten wir weniger vom Geist und von der Seele, sondern vielmehr vom Bewusstsein sprechen. Bewusstsein ist eigentlich nichts anderes als (Da-) Sein, welches bewusst ist. Es gibt eine direkte Verbindung zwischen (Da-) Sein und Bewusstsein. Und vielleicht gibt es sogar eine Dreiheit von (Da-) Sein, Bewusstsein und Diskurs bzw. Verbundensein. Es geht in der aktuellen Psychologie, die etwa in den 1950-er Jahren eine (sogenannte) Kognitive Wende erfahren hat, oft um die Begriffe des Lernens und damit zusammenhängend der Entwicklung, der Intelligenz und der Kreativität, aber die Fragen des Bewusstseins sind natürlich sehr viel tiefer und breiter. Wenn wir das Bewusstsein an seine Ursprünge zurückverfolgen, so geht es dabei v.a. um Fragen der Orientierung und der Konzentration. Heute dagegen geht es vielleicht eher oder auch um Fragen der Stimmung und Bestimmung - oder allgemeiner: bewusste Koordination von allem, was uns betrifft und ausmacht - wobei alle anderen Fragen, welche das Bewusstsein betreffen, natürlich immer mitspielen (und dabei geht es vermutlich nicht nur darum, eine möglichst grosse Leistung bei möglichst grossem Vergnügen aus dem Bewusstsein herauszuholen, vgl. Flow-State-Theorie). Mit der Bewusstseinsphilosophie wird man sicher nicht alle Probleme lösen können, aber vielleicht einen neuen Zugang zur Lösung von bedeutenden Problemen erhalten. Es kann auch sein, dass das Interesse an dieser Richtung wieder abflauen wird, weil grössere Erfolge vielleicht nicht so rasch erzielt werden können, wie man das eigentlich gerne hätte, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass dieser Begriff und dieses Thema die Menschheit noch länger und weiter beschäftigen wird.

* Das Bewusstsein ist an praktisch allen wichtigen Fragen, die uns Menschen betreffen, beteiligt. Und die Soziologie spricht schon lange von einem Kollektivbewusstsein (v.a. bei Émile Durkheim und dessen Schülern), für welches dasselbe gilt (auch wenn es nicht konkret erfahr- und erfassbar ist, weist es abstrakt die selben Eigenschaften auf! [das Kollektivbewusstsein kann vielleicht auch als das gesellschaftliche Äquivalent zum Weltgeist beschrieben werden - der einzelne Geist ist urgründlich im Weltgeist aufgehoben bzw. aus diesem herstammend, aber da Geist, was im Grunde eine reine Kraft ist (der Geist ist wie Kolumbus ['Segel setzen und los!'], das Bewusstsein wie Casas ['Was ist denn hier eigentlich los?']), Bewusstsein schafft, schaffen die unter einander verbundenen Geister auch das Kollektivbewusstsein - ich weiss: manche mögen solche Hegeleien nicht besonders, ich finde sie aber interessant]). Das (abstrakte) Kollektivbewusstsein entscheidet z.B., ob wir als Masse wählen gehen oder nicht, also: ob wir unsere Demokratie unterstützen oder nicht [Frage: wollen wir überhaupt noch wissen, was hier los ist?, und auch selber mitbestimmen], und also: wie wir unsere Regeln festsetzen, u.v.a. Es sind zwar die Einzelnen, die agieren, aber die wichtigen Entscheidungen fallen in einer höher entwickelten Politik im Kollektiv, oder abstrakt gesprochen: im Kollektivbewusstsein (welches natürlich heute in einem bedeutenden, wenn auch nicht alleinigen Zusammenhang mit den [Massen-] Medien steht).

Summa summarum: das Bewusstsein und der Diskurs - das sind die grossen philosophischen (Haupt-) Themen der heutigen Zeit. Eine dritte bedeutende Richtung wären allenfalls die schon mehrfach erwähnten Public Philosophers - inklusive diesen, könnten wir sagen, dass es der aktuellen Philosophie, anfangs des 21. Jahrhunderts, v.a. um Bewusstsein, Diskurs und Öffentlichkeit geht. Ein sehr interessantes Paket, wie ich finde (zur Öffentlichkeitsdebatte ist das Werk vom US-Soziologen Sennett zu erwähnen, in welchem dieser einen 'Fall des öffentlichen Menschen' [englischer Titel] bzw. 'Verfall des öffentlichen Lebens' [deutscher Titel] bzw. 'Verfall der Öffentlichkeit' voraussagte [ich glaube, dass die Neuen Medien keinen Niedergang der Öffentlichkeit bringen werden, sondern - im Gegenteil - eine verstärkte Debatte über die Öffentlichkeit]). Natürlich sehe ich auch - und erst recht - die Seinsphilosophie weiterhin als grosses Thema dieser Zeit und keinesfalls als irgendwie abgeschlossen, weder in dieser Zeit noch überhaupt. Es wird auch wieder Diskussionen um das Weltbild bzw. die Weltbilder geben - bedeutend wird in dieser Diskussion vermutlich sein, dass die Wissenschaft ihr Weltbild konkretisieren wird (bzw. muss), während philosophische Weltbilder es eher schwieriger haben werden (was natürlich nicht heisst, dass nicht trotzdem ein philosophisches Weltbild vorschlagen bzw. in die Diskussion eingebracht werden kann). Ferner wird die Verhinderung eines unseligen 'Kampfes der Kulturen' (siehe: Huntington) ein Dauerthema der zukünftigen Ideengeschichte sein - bezüglich der Gegenwart und näheren Zukunft (mit den heute gegebenen Kulturdifferenzen) wie auch einer ferneren Zukunft (mit unabsehbaren Kulturen). Ebenso werden ökologische und soziologische Themen bleiben, natürlich.

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Und... die Frauenfrage in der Philosophie? Diese verdient sicher - noch immer, oder überhaupt - eine besondere Beachtung. In der Antike gab es einige wenige Philosophinnen, Wissenschaftlerinnen und Dichterinnen (Sappho, Theano, Aspasia, Hipparchia, Leontion, Diotima, Sosipatra, Hypatia - auch Alchemistinnen wie Maria die Jüdin oder Kleopatra die Alchemistin), während im Christentum die Mystikerinnen eine grosse Bedeutung hatten (Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Brigitta von Schweden, Katharina von Siena, Teresa von Ávila [in der Bibel ist ja übrigens schon die Rede von Prophetinnen und auch Jüngerinnen - und in der christlichen Mystik sind die Frauen den Männern fast schon gleichgestellt (aber nur in der Mystik)]). Bedeutend sind in der früheren neuzeitlichen und modernen Philosophie etwa die Salonnières (d.h. Gastgeberinnen, v.a. wohlhabende und gebildete Frauen, für literarische und/oder philosophische Zirkel - eine Tradition, welche in der Aufklärung eine grosse Rolle spielte [oder sogar an deren Begründung mitbeteiligt war]). Die Geschichte der literarischen Salons begann etwa mit Catherine de Vivonne, Marquise de Rambouillet (1588-1665) - die grössten Dichter und Dichterinnen ihrer Zeit gingen (u.v.a.) bei ihr ein und aus. Weitere bedeutende frühe Salonnières in Frankreich waren etwa Marquise de Lambert oder Marquise de Tencin (die Mutter des philosophischen Enzyklopädisten D'Alembert). Zu den bekannteren Salonnières gehören ferner etwa Caroline Schelling (Muse verschiedener Dichter und Denker der Romantik sowie Ehefrau Schellings), Madame de Staël, Rahel Varnhagen (mit Persönlichkeiten wie Arnim, Hegel, Heine, Humboldt [Wilhelm], Schlegel) oder Johanna Schopenhauer (Mutter Schopenhauers, mit Kontakten etwa zu Goethe). Einige der Grandes Dames der literarischen Gesellschaft schrieben auch eigene Werke. Es gab viele solche Salons in ganz Europa - nach dem Ersten Weltkrieg kamen sie allerdings aus der Mode. Wie sieht es aus bei den Philosophinnen (der Neuzeit)? Worüber denken eigentlich Frauen (heute) nach? Haben sie besondere/andere Themen? Die frühen Philosophinnen waren oft oder meist auch Frauenrechtlerinnen: nicht alle solche stammen aus der Philosophie, aber die Beziehung zwischen der Philosophie - wenn auch noch in einem ausseruniversitären Kontext - und frühen Frauenrechtlerinnen ist doch bedeutend (Christine de Pizan, Marie de Gournay, Arcangela Tarabotti, Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft [aber auch andere/spätere]). De Gouges forderte in ihrem Hauptwerk die Frauen dazu auf, Philosophie zu studieren und die Ideen der Aufklärung zu vertreten. Zu den ersten grossen Schriftphilosophinnen gehören ansonsten etwa Margaret Cavendish und Anne Conway im 17. Jahrhundert sowie Émilie du Châtelet im 18. Jahrhundert. Frauen hatten es in früheren Zeiten sehr schwer in der Philosophie und an der Universität überhaupt; dies erklärt, dass sie nicht selten zeitkritische Positionen eingenommen haben (wodurch einige auch in Verruf kamen und heftig kritisiert wurden [exemplarisch Cavendish, welche sich gegen die physikalischen Hauptauffassungen ihrer Zeit wandte]). Drei besondere Frauen in diesem ganzen Zusammenhang sind Lou Andreas-Salomé (1861-1937), die Skandalfrau in der Geistesgeschichte des 19./20. Jahrhunderts, Mileva Maric (1875-1948) - bis heute ist umstritten, wie bedeutend ihr Beitrag zur Relativitätstheorie von Einstein tatsächlich war (er könnte relativ beträchtlich gewesen sein; sie war zwar Mathematikerin und Physikerin, aber die Relativitätstheorie ist natürlich auch bedeutend für die Philosophie [und Maric gehört zu jenen vielleicht zahlreichen Ehegattinnen, welche ihre grossen Männer bedeutend beeinflusst haben, ohne dass dies, zumindest zu jener Zeit, gross bekannt gewesen wäre]) - sowie Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891), welche, ebenso wie auch Annie Besant (1847-1933) oder Alice Bailey (1880-1949), eine sehr grosse Bedeutung in der Theosophie und Esoterik hatte (legendär auch bis heute eigentlich - und interessant: im selben Jahr 1875, in welchem Blavatsky und Olcott die Theosophische Gesellschaft begründeten, publizierte Mary Baker Eddy [1821-1910] ihr Buch zur Christian Science). Man könnte fast sagen, dass es so grosse Frauenfiguren - inkl. etwa Marie Curie in der Wissenschaft oder Agatha Christie in der Literatur (vorher auch Shelley, Spyri oder die Brontë-Schwestern, u.a.) - seither in der Geistesgeschichte eigentlich fast nicht mehr gegeben hat! Diese grossen Frauenfiguren waren noch so etwas wie eine Sensation. Es gibt zwar heute mehr Frauen in der Philosophie, Literatur oder Wissenschaft, die einzelnen konnten sich aber damals grösser herausheben (spezielle und aussergewöhnliche Frauen wie z.B. Ayn Rand [1905-1982] können sich nicht mehr einen ganz so grossen Namen schaffen [was sich natürlich in der Zukunft ändern kann/sollte - und dies zeigt auch, dass man nicht sagen kann, dass heute keine Frauenförderung mehr benötigt würde]). Bedeutend sind besonders in der ontologischen Philosophie etwa Hedwig Conrad-Martius, Edith Stein und Hannah Arendt (1906-1975), welche mit ihren pointierten Auftritten vielleicht als bekannteste bisherige Philosophin im deutschsprachigen Raum gilt. Erwähnenswert ist auch ein Feminismus-Revival im 20. Jahrhundert (De Beauvoir, Schwarzer), mit grösseren politischen Erfolgen als zuvor - besonders interessant in der feministischen Philosophie des 20. Jahrhunderts ist vielleicht auch Élisabeth Badinter (geb. 1944), mit der Kritik von männlichen Idealen und dem Mythos der Mutterliebe. Weitere besonders erwähnenswerte Philosophinnen sind etwa Elizabeth Anscombe (1919-2001), Mary Midgley (geb. 1919), Ruth Barcan Marcus (1921-2012), Patricia Churchland (geb. 1943) oder Martha Nussbaum (geb. 1947), die zusammen mit dem indischen Ökonomen Sen (und in Zusammenarbeit auch mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) den Befähigungsansatz (engl. Capability Approach) in der Wohlfahrtsökonomie entwickelte. Ziel dieses Ansatzes ist die Erfassung und Verbesserung der Wohlfahrtsqualität. Arendt wie De Beauvoir oder Nussbaum waren/sind auch bedeutend geworden als weibliche Public Philosophers, d.h. als Repräsentantinnen weiblicher Philosophie in der Öffentlichkeit. Was haben wir von den Frauen in der Philosophie der Zukunft zu erwarten? Vermutlich ein bisschen mehr als in der Vergangenheit (weil die Voraussetzungen dafür hoffentlich besser sein werden). Sicher ist auf jeden Fall, dass der Wert des Bewahrens in Zukunft gegenüber jenem des Bebauens an Bedeutung gewinnen wird (ich weiss nicht, ob dies geschlechterspezifisch - zumal in der Philosophie - wirklich relevant ist, aber trotzdem; von den Frauen erwarte ich nicht eine vollkommene Revolution der Philosophie, sondern einen unvermeidbaren und notwendigen Ausgleich).

Meine Lieblingsphilosophin ist eigentlich die eher unbekannte Agnes Martin (1912-2004), eine vom Buddhismus und dem Spiritualismus beeinflusste minimalistische Malerin, welche auch ein kleines Büchlein mit sehr interessanten philosophischen Texten (zu Themen wie Glück, Inspiration, Kreatitivät und Kunst) herausgegeben hat - eine Art minimalistische Philosophie ("Writings", dt. Schriften, 1992). Klein aber trotzdem beeindruckend und ergreifend - auch dies kann ein Weg sein (nicht nur für Philosophinnen, sondern für die Philosophie der Zukunft überhaupt). "Das Leben ist ein Abenteuer, und Abenteuer sind schwierig. Sie machen harte Arbeit, und man weiss nicht, wie sie weiter gehen oder wie sie enden werden. Dennoch haben wir einen grossten Appetit auf das Abenteuer des Lebens. Wir sind stets rastlos, wenn wir uns nicht gemäss unserer Begabung vorwärtsbewegen. Obwohl wir in der Finsternis leben, sind wir nicht ohne Orientierung. Unsere Orientierung heisst Eingebung (engl. inspiration)."

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Exkurs - Gibt es eigentlich eine Philosophie der Liebe? Die gibt es tatsächlich, sie ist aber weitgehend in Vergessenheit geraten (siehe: Derrida, ein ansonsten sehr gewiefter Rhetoriker, welcher in einem dokumentarischen Filmportrait ["Derrida", 2002] exemplarisch ziemlich gemein und peinlich dazu befragt wurde, zuerst - trotz dem Hinweis auf die historische Relevanz des Themas in der Philosophiegeschichte - rein gar nichts zum Thema der Liebe sagen konnte ["j'ai la tête vide sur l'amour en general"], und sich dann, ohne es zu deklarieren, eines Gedankens von Pascal erinnerte [Gegensatz von Liebe der ganzen Person als solcher einerseits und andererseits dem Begehren nach bestimmten einzelnen Eigenschaften], welchen er dann in gewohnter Manier heutiger, medienwirksamer philosophischer Rhetorik ausbreitete - typisch vielleicht für eine zunehmend geistverlorene und -überladene Philosophie). Das Thema der Liebe wurde bedeutend von Empedokles in die Philosophie eingeführt: nach ihm gibt es zwei Grundkräfte, die Liebe und den Streit, wobei die Welt - im Gegensatz zur Auffassung von Hobbes (im 17. Jahrhundert), von einem Urzustand des Krieges aller gegen alle - zu einem Idealzustand der vollkommenen Liebe neigt, diesen Zustand aber nicht halten kann, so dass ein ständiges Wechselspiel zwischen Liebe und Streit entsteht. In China entwickelte Mozi - vermutlich wenig später - eine Philosophie der universellen bzw. allgemeinen Liebe (jedoch nicht irgendwie alternativ, wie wir einen solchen Begriff heute auffassen würden, sondern sehr ordnungsorientiert, wie es dem Alten China entsprach [in diesem Punkt war Mozis Philosophie auch mit dem Konfuzianismus verwandt - er fasste also den Liebesbegriff auf eine quasi gutbürgerliche Art und Weise auf (ich würde dies als einen politsystemischen Begriff von Liebe bezeichnen)]). Platon behandelte das Thema mit einer der originellsten seiner verschiedenen Mythenbildungen*, mit dem Mythos der zwei Hälften: Liebe ist demgemäss die Suche nach der passenden anderen Hälfte, welche den ursprünglichen Naturzustand der Verbundenheit wieder herstellt. Im Mittelalter ist - nebst schon nur dem urchristlichen Satz der Nächstenliebe, natürlich: Liebe deinen Nächsten wie (auch) dich selbst - die Liebesdefinition nach Augustinus bedeutend, welche auf Aristoteles zurückgeht: Liebe heisst: ich will, dass du bist. Wenn auf Erden die Liebe herrschen würde, meinte Aristoteles, wären die Gesetze überflüssig. Von Thomas von Aquino, welcher die Philosophie von Aristoteles mit der christlichen Theologie verbunden hat, ist der Aphorismus bekannt: das Gute ist der einzige Grund der Liebe. Im Griechischen gibt es ferner, je nach Ansicht, drei (diese auch in der philosophischen Diskussion bei Platon und Aristoteles), vier oder fünf verschiedene Begriffe für die Liebe: Philia (freundschaftliche Liebe bzw. [tiefe] Freundschaft - dieses Wort kommt im Begriff der Philosophie vor), Eros (erotische, begehrende, leidenschaftliche Liebe - nach dem gleichnamigen altgriechischen Gott [welcher bei Platon oft erwähnt wird]), Agape (göttliche Liebe), Storge (familiäre Liebe bzw. Familienzusammenhalt) und Xenia (Gastfreundschaft). Sind wir zufrieden mit diesen Geschichten, Ansichten und Begriffen? Interessant eben: das sich in der ja so arbeitsintensiven Neuzeit und deren Moderne, in welcher so viele verschiedenartige Energien umgesetzt werden, eher die Frauen mit diesem Thema beschäftigen (und es daher in der Philosophie zumindest längere Zeit eher kein Thema mehr war).

* Während die Urgrundphilosophen quasi den Mythos durch den Logos ersetzt haben, hat Platon teils das Gegenteil gemacht: den Logos zum Mythos geformt. Der Mythos und die Allegorie spielten aber auch nach Platon noch eine bedeutende Rolle. Wir wären vermutlich sehr erstaunt, wenn wir vor Augen geführt bekämen, mit wievielen philosophischen Mythen unsere heutige Kultur, die wir als so technisch-rational gesehen haben, durchzogen ist. Das fängt natürlich an beim Bild, welches wir von Jesus Christus haben. Ich spreche nicht vom realen Jesus, sondern vom Bild des Christus. Es geht weiter mit dem Renaissance-Mythos des Menschen im Zentrum der Welt (beschrieben von Mirandola) - ein humanistischer Mythos, welcher vergleichbar ist mit jenem von Protagoras in der Antike, wonach der Mensch das Mass aller Dinge sei (just vor der griechischen Klassik). Es geht weiter mit den Gesellschaftsutopien: der frühsozialistischen Utopie von Morus und v.a. der wissenschaftlich-technischen von Bacon, welche das Weltbild eines kommenden wissenschaftlich-technischen Zeitalters beschreibt. Und es geht weiter mit dem Bild von der unsichtbaren Hand bei Smith, welche die Märkte der Wirtschaft regeln soll (das hat schon fast eine magische Komponente [ähnlich wie der Wissenschaftsbegriff zur Zeit der Alchemie]). Und auch der wissenschaftliche Determinismus von Laplace, wonach die Wissenschaft alles weiss bzw. irgendwann einmal alles wissen wird, ist eigentlich so etwas wie ein Mythos. Das sind nur einige sehr bedeutende Beispiele, die zeigen, wie wichtig der Mythos auch in unserer heutigen Kulturgeschichte noch immer ist (obwohl das eigentlich nicht thematisiert wird). Vielleicht können wir sogar sagen, dass die Neuzeit und die Moderne mit Mythen durchzogen ist, während die erste Zeit, die wirklich praktisch ohne Mythos, Urgrund und Logos auskommen will - oder mit solchen, die eigentlich schon im Ansatz gescheitert sind, z.B. das reine Überleben der Stärksten, die klassenlose Gesellschaft oder der Übermensch - und sich eigentlich alleine an der Realität orientieren möchte, die Spätmoderne ist (mit allen Vor- und Nachteilen, welche das hat - sprich: viele neue Möglichkeiten und Chancen, aber auch Relativität, Ambivalenz, Unsicherheit, Gefährlichkeit [nicht nur in einzelnen Unternehmungen, sondern in der Gesamtkonzeption - obwohl die Spätmoderne vielleicht Ansätze zu einer mythenlosen Zeit in sich trägt, ist aber eher nicht zu erwarten, dass der Mythos in der Zukunft keine Rolle mehr spielen wird: zu bedeutend scheint sein Gewicht in der menschlichen Kultur zu sein]).




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Welche philosophischen Bücher empfehle ich zur Lektüre? (Ausser meinen eigenen, natürlich.) Das ist immer eine schwierige Frage. Für den Profi lautet das Pflichtprogramm etwa: die Schriften von Platon und Aristoteles zur Metaphysik, Physik, Ethik und Politik (das sind fünf Schriften von Aristoteles und eine von Platon), die Bekenntnisse von Augustinus (nebst der Bibel, natürlich, die man allen empfehlen kann [schon nur als Grundlagenwerk der westlich-christlichen Kultur]) sowie die kritischen Schriften von Kant (drei Schriften) und die Phänomenologie des Geistes von Hegel. Das sind (nur) zehn Schriften (plus die Bibel, natürlich [im Minimum: das Neue Testament]). Das ist das Minimalprogramm für den Profi - beliebig erweiterbar nach eigenen Interessen. Sind diese Schriften für den Laien ebenfalls empfehlenswert? Bei einem gegebenen (grossen) Interesse an der Philosophie vielleicht: ja, sonst vielleicht: eher nicht (was natürlich nicht heisst, dass ich sie schlecht finde, sondern: zu ausführlich, zu spezifisch und/oder zu kompliziert [für irgendeinen Laien in dieser heutigen Zeit - das leichte Kurzprogramm wäre dies: die Zehn Gebote Moses, das Matthäus-Evangelium, je aus der Bibel, sowie die Nikomachische Ethik von Aristoteles]). Der (vollkommene) Laie - d.h. der überwiegend grosse Teil der heutigen Menschen (ob Akademiker oder nicht, notabene) - ist vermutlich viel besser bedient mit einem guten Buch über die Philosophiegeschichte. Natürlich sollte auch der Profi solche Bücher lesen. Vor vielen Jahren habe ich einmal einem Philosophiestudenten - zugegeben: es war nicht gerade der Allereifrigsten einer - ein Buch über Philosophiegeschichte in die Hand gegeben bzw. geschenkt, eines dieser neueren, handlicheren, populärphilosophischen Philosophiegeschichtsbücher, und dieser hat darüber gestaunt, dass es so etwas überhaupt gibt (damals, vor rund 20 Jahren, war das selbst innerhalb des Philosophiebereichs noch nicht so gebräuchlich und selbstverständlich wie heute, aber ich denke, das gibt es heute noch: Philosophieinteressierte, die in Einzelwerken herumwühlen, ohne sich vorher einen soliden Überblick zu verschaffen [aber: das kann man heute, im Vergleich zu früheren Zeiten, relativ leicht und einfach tun]; ich habe einmal im Fernsehen einen Film über einen Menschen gesehen, welcher - vollkommen begeistert von dessen Ansatz - praktisch das gesamte Werk von Schopenhauer, oder jedenfalls die bedeutenderen Werke, durchgelesen hat und dann in eine tiefe Depression verfallen ist [das ist nicht zu empfehlen!]). Interessante Bücher zur Philosophiegeschichte sind etwa: Otfried Höffes "Kleine Geschichte der Philosophie", Christoph Helferichs "Geschichte der Philosophie" und/oder Hans Joachim Störigs "Kleine Weltgeschichte der Philosophie"; immer nützlich ist auch der dtv-Atlas zur Philosophie: die kürzeste Form quasi, um sich breit über die Philosophiegeschichte zu informieren - ferner gibt es auch verschiedene Werke mit Philosophenporträts, z.B. "50 Klassiker Philosophen", und bei grösserem Interesse, auch das "Lexikon der philosophischen Werke" von Julian Nida-Rümelin (mit kurzen Artikeln zu über 1000 philosphischen Werken). Es gibt auch immer mehr unterhaltende Wege zur philosophischen (Weiter-) Bildung. Ein Klassiker ist mittlerweilen der Roman "Sofies verden" (dt. Sofies Welt, 1993) vom norwegischen Schriftsteller Jostein Gaarder. Auf ebenso einfache wie unterhaltende Weise werden in diesem Buch geschichtliche Porträts und Zusammenhänge in der Philosophie dargestellt (das Werk ist natürlich ebenfalls als Hörbuch erhältlich [oder als solches auch Internet aufzufinden]). Auch empfehlenswert ist eine Darstellung der Philosophiegeschichte im Cartoonstil: "Philosophy For Beginners" (dt. Philosophie - Eine Bildergeschichte für Einsteiger, 1992) von Richard Osborne. Und schliesslich gibt es heute auch Videos bzw. DVDs zu diesem Thema, so etwa von der Fernsehsendung "Denker des Abendlandes" von Wilhelm Vossenkuhl und Harald Lesch. Ansonsten werden die philosophischen Interessen je nach eigenen Interessensgebieten verschieden sein, und im Allgemeinen gehören wohl v.a. die ethischen und moralischen Schriften sowie die Lebensweisheitsbücher zu den beliebtesten (meist auch zu den kürzeren) philosophischen Büchern, wie etwa die Nikomachische Ethik von Aristoteles, das Handbüchlein der Moral von Epiktet, die Selbstbetrachtungen von Mark Aurel, die Vita Beata von Seneca und die Beata Vita von Augustinus, der Trost der Philosophie von Boethius, die Schrift über die Würde des Menschen von Mirandola, die Essais von Montaigne, der Brief über die Toleranz von Locke, die Kritik der praktischen Vernunft und die Schrift zum Ewigen Frieden je von Kant, die Aphorismen zur Lebensweisheit von Schopenhauer, die Schrift über die Freiheit von Mill sowie das Prinzip Weltethos von Küng (dies sind alles Werke zur Ethik; ein überschaubares Büchlein zur Erkenntnistheorie, ohne dass man sich gleich in die ganz grossen Schunken stürzen müsste, liefert Hume mit seiner Untersuchung über den menschlichen Verstand [natürlich aber erst recht bereits nur ein Zeitausschnitt (aber immerhin vielleicht für jedermann lesbar [während eben die Werke oder Schunken dazu von Locke, Kant, Hegel oder Schopenhauer, u.a., doch eher nur für Spezialisten zu empfehlen sind])]). Mein persönliches Interesse zielte dagegen v.a. auch auf die historisch grossen und wegweisenden Schriften und Schunken, aber die Interessen sind, wie gesagt, verschieden. Muss man philosophische Bücher lesen? Sicher nicht. Wer lieber belletristische Bücher mag, soll diese lesen, ebenso wer lieber Sachbücher, Biografien oder anderes mag, und wer gar keine Bücher mag, der soll die Lektüre sein lassen und sich anderen Dingen widmen. (Dagegen würde ich darauf bestehen, dass ein kleines Minimalwissen über die Philosophiegeschichte zur Allgemeinbildung gehört - für all diejenigen, welchen diese noch irgendetwas bedeutet.)



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Wie soll man mit der Philosophie umgehen? Diese Frage kann ich für niemanden beantworten, und ich glaube, niemand kann das. Das muss jeder für sich selber herausfinden. Die Philosophie findet heute nicht mehr nur in Universitätsbibliotheken statt, sondern sie ist ein Teil des World Wide Webs geworden. Man kann die Philosophie bloss zur Kenntnis nehmen, sich mit ihr mehr oder weniger bedeutend beschäftigen, oder sie zu einem Leitfaden im Leben machen, auf den man immer wieder zurückgreifen kann (man muss natürlich dazu keine eigenen philosophischen Werke verfassen). Ich sehe fünf verschiedene Interessen, die man bezüglich der Philosophie haben kann: 1. Fachinteresse, 2. Bildungsinteresse, 3. Zeitinteresse, 4. Religio-Interesse, 5. Desinteresse. Ein Fachinteresse betrifft Leute, die irgendetwas mit Philosophie zu tun haben, sei es, dass sie Philosophie studieren oder halt eben sonst irgendetwas mit Philosophie zu tun haben (was natürlich aber eher selten ist). Ein übriges Fachinteresse findet sich vielleicht am Ehesten in Künstlerkreisen, welche oft auch an Ideen aller Art sowie der Ideengeschichte interessiert sind. Das Bildungsinteresse ist gegeben, wenn man sich primär für die Fakten interessiert. Man zählt Philosophie zur Allgemeinbildung und möchte ein bisschen etwas darüber wissen. Gerade dies ist in der Philosophie jedoch nicht ganz so einfach, weil alles mit allem zusammenhängt und eine gelöste Frage hundert neue Fragen eröffnet. Interessant ist das Zeitinteresse - ich weiss aber nicht, ob es wirklich weit verbreitet ist. Damit meine ich, dass man im Besonderen wissen möchte, wie unsere Gegenwart entstanden ist: welche Ideen aus der Vergangenheit zu unserer heutigen Zeit geführt haben. Natürlich ist die Erklärung der Zeit bzw. der Gegenwart eine sehr wichtige Bedeutung der Philosophie, was sich viele nicht bewusst so richtig bewusst sind (vielleicht sogar einige Philosophiestudenten nicht). Mit dem Wissen um die Vergangenheit der Gegenwart lässt sich vielleicht auch die Zukunft der Gegenwart besser ergründen (dies ist indessen nicht ganz so sicher [da sich immer manche Dinge rascher entwickeln als andere, und wir nie ganz genau wissen können, welche Dinge sich in Zukunft mit welchem Tempo und in welche Richtungen entwickeln werden]). Ein sehr häufiges Interesse ist das Religio-Interesse. Ich meine damit, dass man in der Philosophie einen Lebenssinn sucht, vielleicht sogar eine Ersatzreligion (wenn man mit der eigenen Religion nicht oder nicht ganz zufrieden ist - schliesslich haben die Philosophen ja auch traditionell u.a. genau dies getan). Ich muss dazu sagen, dass die Philosophie aus verschiedenen Gründen keine Ersatzreligion im klassischen Sinn sein kann. Sicher aber kann sie auf ihre Art und Weise eine Auseinandersetzung mit dem Ganzen sein. Bei der Religion gehen wir von einem festen Glauben aus, bei der Philosophie dagegen handelt es sich um eine ständige Arbeit, welche nie fertig ist. Es gibt Leute, welche dies lieber haben. Man kann sich wirklich bzw. natürlich ein ganzes Leben lang mit der Philosophie beschäftigen - manchmal ein bisschen mehr und manchmal ein bisschen weniger, ohne dass man an ein bestimmtes Ziel kommen muss. Im Einzelfall ist es aber sicher zu überlegen, wie bedeutend man sich auf die Philosophie einlassen will. Sie ist v.a. eben etwas für Leute, welche ständig auf der Suche sind (was aber nicht heisst, dass man nicht auch Wahrheiten in der Philosophie finden könnte [trotzdem ist das Suchen und Fragen nie abgeschlossen]). Schliesslich bleibt noch das Desinteresse, was die einfachste und verbreitetste Form der Auseinandersetzung mit der Philosophie ist: man sagt sich halt einfach, dass dies andere interessieren mag, aber nicht einen selber, oder dass man keine Zeit für so etwas hat, oder wie auch immer (obwohl ich eben schon für eine Grundschulung für alle auch in Philosophie bin, allerdings für eine wirklich nur sehr rudimentäre). Was ist die Philosophie überhaupt? Es gibt sehr viele verschiedene Antworten darauf. Eine der schönsten stammt von Boethius. Dieser sagte: die Philosophie ist ein Trost. Ich habe über die dunkelste Stunde der Philosophie gesprochen, und ich habe Wittgenstein im Nachhinein ein bisschen im Verdacht, dass er damit eigentlich nur einen Witz machen wollte, von dem er selber nicht wissen konnnte, wie ernst ihn manche dabei nehmen würden. Aber item (und: wie auch immer). Bei Boethius und seinem Trost liegt vielleicht die hellste Stunde der Philosophie (aus einem Gefängnis heraus geschrieben, übrigens). Die Philosophie als Trost ist ein dreifacher: dass die Welt geschaffen ist, dass sie veränderlich ist und eben, dass sie tröstlich ist. Geschaffen heisst, sie ist nicht einfach nur da, sondern sie ist geschaffen da, und wir können auch nachvollziehen, wie sie geschaffen wurde (in der Philosophie), veränderlich heisst, sie ist nicht einfach nur da, sondern sie ist veränderlich da, und wir können sie verändern (in der Philosophie), und tröstlich heisst, sie ist nicht einfach nur da, sondern sie ist tröstlich da, und wir können getröstet werden über sie (in der Philosophie [aber auch in der Religion und in der Wissenschaft, denn es gibt auch einen Trost der Religion und einen Trost der Wissenschaft]). Was soll ich mehr dazu sagen? Es ist vielleicht mit der Philosophie ähnlich wie mit der Religion (und der Wissenschaft - ich habe diesen Spruch eigentlich zuerst zur Religion gemacht, aber er gilt vielleicht für alle drei Gebiete): wer zu viel von ihr erwartet, wird von ihr enttäuscht werden, und wer zu wenig von ihr erwartet, wird von ihr überrascht werden.

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Kürzestzusammenfassung. Was gehört in der Philosophie zum Allgemeinwissen? Im 7./6. Jahrhundert vor Christus traten die sogenannten Urgrundphilosophen oder Vorklassiker im damaligen griechischen Kleinasien (bzw. in der heutigen Türkei) auf, welche damit begannen, selbstständig über die Welt nachzudenken. Als erster dieser Philosophen gilt Thales von Milet. Die Klassik der griechischen Philosophie wird in Athen durch Sokrates, Platon und Aristoteles gebildet. Sokrates philosophierte mit den Leuten und versuchte sie zum Nachdenken zu bewegen, Platon entwickelte die Ideenlehre von den Ideen hinter den Dingen und Aristoteles begründete die systematische Wissenschaft in der Naturphilosophie. Die Römer übernahmen von den Griechen die spätantike hellenistische Stoa, eine Philosophie, welche auf die Gemütsruhe zielt. Im Römischen Reich war jedoch das Römische Recht bedeutender als die (griechische) Philosophie, trotzdem sind etwa Cicero oder Seneca bis heute berühmte römische Philosophen. Nach der Konvertierung der Römer zum Christentum übernahm die christliche Theologie im Mittelalter die Rolle der Philosophie. Diese wird in eine frühere Zeit der Patristik (Kirchenväter wie Augustinus) und in eine spätere Zeit der Scholastik (Kirchenlehrer wie Thomas von Aquino) eingeteilt. Im 15./16. Jahrhundert fand eine Renaissance statt, in welcher neuzeitliche und moderne Freiheitsgedanken aufkamen. Diese führten zur Begründung der (Natur-) Wissenschaft. Bedeutende philosphische Wissenschaftsbegründer waren in der Neuzeit v.a. Francis Bacon (Empirismus [experimentelle Methodik und objektive Erfahrung] - Spruch: "Wissen ist Macht", weitere Empiristen: Locke und Hume) sowie René Descartes (Rationalismus [ewiges Wissen und mathematischer Beweis] - Spruch: "Ich denke, also bin ich" [Subjekt-Objekt-Scheidung], weitere Rationalisten: Spinoza und Leibniz). Zu den ersten grossen Wissenschaftler gehören die Astronomen (Kopernikus, Kepler, Galilei) sowie Boyle (Chemie) und Newton (Physik). Im Zeitalter der Aufklärung kam zur wissenschaftlichen Erneuerung eine politische Erneuerung dazu. Französische Philosophen wie Montesquieu, Voltaire und Rousseau sind mitverantwortlich für die Französische Bürgerrevolution. Das Credo dieser Revolution der Bürger gegen die mittelalterliche Dreistandesgesellschaft (mit Adel, Geistlichkeit und Drittem Stand) lautet: Freiheit (liberté), Gleichheit (égalité) und Brüderlichkeit (fraternité). Der grosse deutsche (Spät-) Aufklärer Immanuel Kant sorgte mit seinen kritischen Schriften - Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft und Kritik der Urteilskraft - dafür, dass die deutsche Philosophie fortan eine führende Stellung in der Philosophie Europas einnahm (Spruch: "Sapere aude" [dt. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen]); mit seinem Kategorischen Imperativ vertrat er eine Ethik der aus der Freiheit heraus erwählten Pflicht. Ihm folgte der Deutsche Idealismus, dessen bedeutendster Vertreter Georg Wilhelm Friedrich Hegel war (sein bekanntestes Werk heisst: Phänomenologie des Geistes [Dialektikprinzip mit These, Antithese und Synthese als Weltprinzip]). Nach diesem diversifizierte sich die Philosophie in viele verschiedene Richtungen. Die heutige Politik ist geprägt durch die Auseinandersetzung zwischen dem Liberalismus (18./19 Jh. - Aufklärung) und dem Sozialismus (19./20. Jh. - in dieser Ära sind ebenfalls die Individualisten und Pessimisten [Schopenhauer, Nietzsche] bedeutend zu erwähnen). Im 20. Jahrhundert gab es nach meiner Auffassung v.a. drei bedeutende Richtungen: Kritizistische Philosophie (mit der Kritischen Theorie in Deutschland und dem Poststrukturalismus in Frankreich), Existentialismus (Jaspers, Heidegger, Sartre, Camus) sowie Analytische Philosophie (v.a. im anglophilen Raum bzw. in Grossbritannien und den USA - nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die USA mehr und mehr die führende Position in der Kultur allgemein, und so auch in der Philosophie). Zur Philosophie anderer Kulturen: in China gelten die alten drei Philosophen noch immer als die grössten (Konfuzius, Laotse, Buddha [dieser aus Nepal/Indien] - rund 500 v. Chr.), in Arabien hatte die muslimische Philosophie eine Blütezeit während der christlichen Scholastik im Mittelalter (die europäische Kultur übernahm von ihr das indisch-arabische Zahlensystem und die Wiederbetrachtung der aristotelischen Philosophie [wichtig für die Herausbildung der neuzeitlichen Wissenschaft (Aristoteles <-> Galilei)]). Noch einmal eine kürzeste und knappste Zeitbestimmung: Antike (Griechen, Römer), Mittelalter (Christentum), 15. u. 16. Jh. Renaissance, 17./18. Jh. Wissenschaft, 18./19. Jh. Aufklärung - Liberalismus, 19./20. Jh. Sozialismus, 20./21. Jh. Existentialismus. Für alle, die interessiert sind an philosophischen Themen gibt es interessante Bücher zur Philosophiegeschichte (was eher zu empfehlen ist, als die Lektüre von alten Einzelwerken). Aktuelle Public Philosophers (mit Vorsicht zu geniessen - wie alles [in der Welt (und in der Philosophie)]): Chomsky, Enthoven, Nussbaum, Precht, Sandel, Sloterdijk, Zizek (u.a.). Das genügt als Minimalgrundwissen (welches auch an jede Grund- und Volksschule gehört - man kann dazu den Schülern ein Blatt Papier abgeben, inkl. der Nennung von etwa drei Büchern zur Philosophiegeschichte [siehe oben], und dann wissen sie Bescheid [und desgleichen kann man es mit den Wissenschaft machen, insbesondere mit der Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Psychologie, Ökonomie, Soziologie, und auch mit der Theologie/Religion sowie Geografie, u.a. (siehe im Abschnitt über die Wissenschaftsgeschichte)]).

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Kleine Liste zur besseren Übersicht und Einordnung: Philosophen (und Vertreter der Ideengeschichte) nach Richtungen.

Philosophen nach Richtungen (der westlich-abendländischen Philosophie [inkl. Religionsstifter]). - Antike (inkl. Altertum) - Altertum vor dem eigentlichen Geschehen in der (Schul-) Philosophiegeschichte (u.a. mit ägyptischer Weisheitsdichtung [Ptah-Hotep], babylonischen Gesetzestexten [Hammurapi], jüdischer Religion [Mose, Jakob] sowie biblischen Weisheitsbüchern [Salomo, Hiob] und indischen [Yajnavalkya, Kapila] und chinesischen Weisheitslehren [Guanzi]), Mythendichtung I (Homer), Sieben Weise (Pittakos, Solon [auch Thales]), Urgrundphilosophen bzw. Vorsokratiker (Thales v. Milet, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Alkmaion, Xenophanes, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras, Empedokles, Leukipp, Melissos v. Elea, Zenon v. Elea, Hippias v. Elis, Protagoras, Gorgias v. Leontinoi, Prodikos v. Keos, Kritias, Demokrit - Schulen in dieser Zeit: Milesier (Thales), Pythagoreer (Pythagoras), Eleaten (Parmenides), Atomisten (Leukipp/Demokrit)]), Indien [andere (exkl. Buddha)] (Mahavira, Kesakambali), Buddhismus I od. Hinayana bzw. Theravada (Buddha), Tugendlehre (Aischylos), Mythendichtung II (Herodot), China (Laozi [auch: Laotse], Kongzi [lat. Confucius, dt. Konfuzius], Sunzi, Liezi, Mozi [auch: Mo Ti], Mengzi [lat. Menzius], Zhuangzi [auch: Dschuang Dsi], Xunzi, Hanfeizi [auch: Han Fei], Zhongshu), Medizin I (Hippokrates), Griechische Klassiker (Sokrates, Platon, Aristoteles - evtl. auch Xenophon), Akademie I (Speusippos, Xenokrates, Arkesilaos, Karneades), Hellenisten (Pyrrhon [Skeptizismus I], Epikur [Epikureismus I], Zenon v. Kition [Stoizismus od. Stoa - ferner: Kleanthes, Chrysipp]), Heliozentrik (Aristarch v. Samos), Mathematik (Euklid, Diophantos), Yoga (Patanjali), Neupythagoreismus (Varro), Jüdische Philosophie I (Hillel, Schammai), Eklektizismus I (Cicero), Epikureismus II (Lukrez), Skeptizismus II (Ainesidemos, Agrippa), Mythendichtung III (Ovid), Jüdische Philosophie II (Philon v. Alexandria). - Mittelalter (inkl. Renaissance) - Christentum (Jesus - Evangelisten: Markus, Matthäus, Lukas, Johannes), Römische Stoa (Seneca, Epiktet, Aurel), Patristik (Petrus, Paulus, Justinus der Märtyrer, Irenäus v. Lyon, Tertullian, Clemens v. Alexandria, Origenes, Cyprian v. Karthago, Lactantius, Eusebius v. Caesarea, Athanasius der Grosse, Hilarius v. Poitiers, Gregor v. Nazianz, Basilius v. Caesarea, Gregor v. Nyssa, Hieronymus, Ambrosius v. Mailand, Chrysostomos, Augustinus v. Hippo, Pseudo-Dionysius Areopagita, Isidor v. Sevilla, Johannes v. Damaskus), Geozentrik I (Ptolemäus), Römische Rechtsgelehrte (Gaius, Ulpian, Celsus), Gnostizismus od. Gnosis (Basilides, Valentinus, Markion [Biblischer Kanonismus]), Skeptizismus III (Empiricus), Buddhismus II od. Mahayana (Nagarjuna), Medizin II (Galen), Christentumkritik (Kelsos), Neuplatonismus I (Plotin, Porphyrios, Sakkas, Iamblichos), Manichäismus (Mani), Trinitätslehre (Victorinus), Philosophiegeschichte I (Laertios), Arianismus (Arius), Akademie II (Plutarch v. Athen, Proklos), Chen-/Zen-Buddhismus I (Bodhidharma), Medizin III (Tao Hongjing), Katholische Ordensgründer I (Benedikt v. Nursia), Impetustheorie I (Philoponos), Islam (Mohammed), Alchemie (Geber), Hinduistische Philosophie (Shankara, Ramanuja), Muslimische Philosophie I (Al-Kindi [lat. Alkindus], Al-Buchari [Muslimische Theologie], Ar-Razi [lat. Rhazes], An-Nadim, Al-Hazen [lat. Alhazen od. Avenetan], Al-Farabi [lat. Alpharabius od. Avenassar], Al-Tawhidi, Al-Biruni [lat. Alberuni], Ibn Sina [lat. Avicenna, Medizin IV], Al-Ghazali [lat. Algazel], Al-Gilani, Ibn Baddscha [lat. Avempace], Ibn Tufail [lat. Abubacer], Ibn Ruschd [lat. Averroës], At-Tusi), Sufismus I (Al-Dschunaid), Zwischenphase Patristik/Scholastik (Eriugena, Symeon der Neue Theologe, Cerularius [Grosses Schisma], Clairvaux), Schule von Chartres (Berengar v. Tours, Bernhard v. Chartres, Thierry v. Chartres, Willhelm v. Conches, Gilbert v. Poitiers, Johannes v. Salisbury, Alanus ab Insulis), Scholastik (Canterbury, Roscellinus, Wilhelm v. Champeaux, Grosseteste, Abaelardus, Lombardus, Gundissalinus, Alexander v. Hales, Bonaventura, Magnus, Thomas v. Aquino [Thomismus], Bacon [R.], Siger v. Brabant, Heinrich v. Gent, Duns Scotus, Marsilius v. Padua, Ockham, Buridan [Impetustheorie II], Kues, Biel), Christliche Mystik (Hildegard v. Bingen, Mechthild v. Magdeburg, Llull, Eckhart, Katharina v. Siena), Geozentrik II (Sacrobosco), Katholische Ordensgründer II (Joachim v. Fiore, Dominikus, Franz v. Assisi), Jüdische Philosophie III (Maimonides), Zen-Buddhismus II (Eisai), [Christliche] Häretiker (Valdes), Sufismus II (Tabrizi, Suhrawardi, Ibn Arabi, Rumi), Intellektualismus (Dietrich v. Freiberg), Kabbalismus I (Gikatilla, de Leon), Renaissance (Alighieri, Petrarca, Ficino, Pomponazzi, Mirandola, Fracastoro, Bovillus, Vasari [Manierismus* u. Renaissance-Begriff], Patrizi [Panpsychismus]), Kommentatorenschule [des Gemeinen Rechts (Römisch-kanonisches Recht des Mittelalters)] (Bartolus, Baldus), Vorreformation (Wyclif, Hus, Colet), Muslimische Philosophie II (Ibn Chaldun), Neuplatonismus II (Plethon), Humanismus (Alberti, Valla, Reuchlin, Agricola, Erasmus, Morus [(Utopischer) Sozialismus I], Vives, Ramus, Scaliger, Lipsius), Anthropologie I (Hundt), Universalgelehrte I (Da Vinci), Staatstheorie I (Machiavelli), Sikhismus (Nanak), Neokonfuzianismus (Yangming). - Neuzeit - [Neuzeitliche] Naturwissenschaft I (Kopernikus), Spänische Spätscholastik oder Zweite Scholastik I (De Vitoria, De Soto, Cano, De Molina, Suárez [Völkerrecht I]), Reformation (Luther, Tyndale, Zwingli, Bucer, Melanchthon, Bullinger, Calvin, Knox), Universalgelehrte II (Nettesheim, Cardano, Della Porta, Kircher), Katholische Ordensgründer III (Ignatius v. Loyola), Medizin V (Paracelsus, Vesalius [Anatomie]), Christliche Mystik II (Teresa v. Ávila), Staatstheorie II (Bodin, Althusius, Hobbes [Aufgeklärter Absolutismus I]), Impetustheorie III (Benedetti), Essayistik (Montaigne), Kabbalismus II (Luria), [Neuzeitliche] Naturwissenschaft II u. Astronomie (Brahe, Bruno, Galilei, Kepler, Gassendi), Ontologie I (Goclenius, Lorhard, Micraelius, Calov, Clauberg), Völkerrecht II (Gentili, Grotius [Naturrecht I]), Empirismus (Bacon [F.], Locke, Berkeley [Idealismus], Hume), Anthropologie II (Casmann), Feminismus I (De Gournay), Muslimische Philosophie IV (Sadra), Christliche Mystik III (Böhme), Deismus I (Cherbury), Jansenismus (Jansen, Pascal, Arnauld [Logik von Port-Royal], Nicole [dito]), Salonnières I (Rambouillet), Reformpädagogik I (Comenius), Rationalismus (Descartes, Spinoza, Leibniz), [Frühe] Äthiopische Philosophie (Yacob, Heywat), Muslimische Philosophie III u. Osmanische Philosophie (Celebi), Cambridger Platonismus (More [H.], Cudworth, Whichcote), Puritanismus u. Erweckungstheologie I (Watson [T.]), Klassische Nationalökonomie I (Petty, Boisguilbert), Okkasionalismus (Geulincx, Malebranche), Christliche Mystik IV (Silesius), Naturwissenschaft II (Boyle [Chemie], Huygens [Lichttheorie I (Wellentheorie)], Newton [Physik, Lichttheorie II (Korpuskulartheorie)]), Naturrecht II (Pufendorf [Vernunftrechtslehre I]), Pietismus (Spener), Enzyklopädisten (Bayle, Chambers, Diderot, D'Alembert, Krünitz), Salonnières II (Lambert, Tencin), Vernunftlehre bzw. Vernunftrechtslehre II (Thomasius), Deismus II (Tindal, Collins [Freidenkertum - früher: Toland], Reimarus), Europäische Union (Saint-Pierre), Atheismus (Meslier), Geschichtsphilosophie (Vico), Ethischer Sensualismus (Shaftesbury), Ontologie II (Wolff [Vernunftrechtslehre III]), Physiokratismus (Cantillon, Quesnay, Turgot), Theosophie I (Swedenborg). - Moderne I - [Französische] Aufklärung (Montesquieu, Voltaire, Mably [Egalitarismus I], Rousseau [Reformpädagogik II], Mirabeau, Condorcet, La Fayette, Saint-Just), Schottische Aufklärung (Hutcheson, Reid [Common-Sense-Philosophie - weitere: Beattie, Stewart, Brown, Hamilton], Ferguson), Philosophiegeschichte II (Brucker), Kritizismus (Home Kames), Dogmatischer Rationalismus bzw. Leibniz-Wolffsches System (Gottsched, Baumeister, Baumgarten, Meier, Sulzer, Nicolai), Muslimische Philosophie V (Al-Wahhab, Ad-Dihlawi), Erweckungstheologie II (Edwards [J.]), Methodismus u. Erweckungstheologie III (Wesley, Whitefield), Materialismus (De La Mettrie, Helvétius, D'Holbach), Psychiatrie I (Cullen), Russische Wissenschaft (Lomonossow), Italienische Aufklärer (Genovesi, Buonafede, Galiani, Beccaria), Klassische Nationalökonomie II (Denham-Steuart, Smith [Liberalismus I bzw. Ökonomischer Liberalismus], Malthus, Say, Ricardo), Aufgeklärter Absolutismus II (Friedrich der Grosse), Klassizismus* (Laugier, Winckelmann), Sprachphilosophie I (Burnett), Sensualismus (Condillac), [Utopischer] Sozialismus II (Morelly), Russische Philosophie (Skoworoda), Reformpädagogik III (Basedow, Pestalozzi), Deutsche Aufklärer (Kant [Deontologie od. Pflichtethik], Mendelssohn, Tetens, Garve, Lichtenberg, Lossius, Jacobi, Herder, Herz, Maimon, Reinhold), Gegenreformation (Pütter), Moderner Konservativismus I (Burke), Christliche Mystik V (Hamann), Gegenaufklärung (Saint-Martin, Maistre), US-Aufklärung (Jefferson), Russische Aufklärer (Nowikow, Radischtschew), Evolutionstheorie I (Lamarck), Feminismus II (De Gouges, Wollstonecraft), Illuminatenorden u. Perfektibilismus (Weishaupt, Knigge), Utilitarismus I (Bentham [Konsequentialismus], Mill), Romantik (Goethe, Schiller [F.], Schlegel [A.W.], Schleiermacher [Moderne Hermeneutik], Schlegel [F.]), Philosophie der Ideologie (Tracy), Aufgeklärte Gegenaufklärung (Bonald), Anarchismus I (Godwin), Symbolismus* I (Blake), Phrenologie (Gall). - Moderne II - Egalitarismus II (Babeuf, Buonarroti), [Utopischer] Sozialismus III (Saint-Simon, Owen [R.], Fourier, Cabet, Blanc), Deutsche Skeptiker ([Aenesidemus-] Schulze, Fries), Deutscher Idealismus (Fichte, Hegel, Hölderlin, Schelling), Moderne Atomtheorie I (Dalton), Liberalismus II bzw. Politischer Liberalismus (Constant), Philosophiegeschichte III (Degérando, Ritter [H.]), Transzendentaler Synthetismus (Krug), Kapitalismuskritik (Sismondi, Thompson), Allgemeine Pädagogik (Herbart), Historische Rechtsschule (Savigny), [Nordamerikanischer] Transzendentalismus I (Channing), Biosophie u. Anthroposophie I u. Wahre Eidgenossenschaft (Troxler), Krausismo (Krause), Subjektiver Idealismus (Schopenhauer), Rassentheorie I (Carus), Eklektizismus II (Cousin), [Gesellschafts-] Dystopie I* (Shelley), Soziologie u. Positivismus (Comte), Neuoffenbarung (Lorber, Mayerhofer - im Islam: Baha'ullah [Bahaismus], Bab [Babismus], Mirza Ghulam Ahmad [Ahmadismus]), Neoguelfismus (Gioberti), [Nordamerikanischer] Transzendentalismus II (Emerson, Thoreau), Linkshegelianismus (Feuerbach, Bauer), Politologie (Tocqueville), Staatssozialismus (Rodbertus), Psychophysik (Fechner), Individualismus I (Stirner [Egoismus]), [Utopischer] Sozialismus IV (Weitling), Leben-Jesu-Forschung bzw. Historisch-kritische Jesusforschung (Strauss [D.F.]), Anarchismus II (Proudhon [Syndikalismus], Bakunin, Kropotkin), Evolutionstheorie II (Darwin, Wallace, Weismann [Neodarwinismus]), Grenznutzentheorie (Gossen), [Moderner] Okkultismus (Lévi, Du Prel), Narodniki-Bewegung (Herzen, Lawrow, Tschernyschewski), Existentialismus I (Kierkegaard), Energieerhaltungssatz (Mayer, Helmholtz), Neokritizismus (Renouvier), Rassentheorie II (Gobineau), Psychiatrie II (Griesinger), Philosophie des Geistes I (Lewes [Emergenzbegriff]), Teleologischer Idealismus (Lotze), Kommunismus I (Marx, Engels), [Russischer] Nihilismus I (Turgenew, Leontjew, Pissarew), Sozialdarwinismus (Spencer), Libertarismus I (Déjacque), Klassische Russische Literatur (Dostojewski, Tolstoi), Praktischer Idealismus (Hebler), Entropielehre (Clausius, Boltzmann), Eugenik (Galton), Sozialdemokratie (Lassalle, Bebel, Kautsky), Agnostizismus (Huxley [T.H.]), Philosophiegeschichte IV (Ueberweg), Neukantianismus (Lange, Liebmann, Cohen, Riehl, Windelband, Vaihinger, Natorp, Wwedenski, Rickert, Cornelius, Cassirer, Lask, Hönigswald, Bauch), Milieutheorie (Taine), Italienischer Positivismus (Ardigò), Widerspruchsphilosophie (Bahnsen), Lichttheorie III (Maxwell [Elektromagnetische Theorie]), Theosophie II (Blavatsky, Olcott, Sinnett, Besant, Bailey), Philosophie der Erfahrung (Hodgson), Induktionismus (Lachelier), [Deutscher] Psychologismus (Wundt [Voluntarismus I], Lipps, Erdmann), Lebensphilosophie (Dilthey, Bergson [Intuitionismus I], Klages [Pessimismus I]), [Deutscher] Positivismus u. Empiriokritizismus (Dühring, Mach, Avenarius), Ökologiebegriff (Haeckel), Britischer Idealismus (Hill Green [Sozialer Liberalismus I], Nettleship, Bradley, Bosanquet, Toynbee, McTaggart, Joachim [Kohärenztheorie]), [Moderner] Hinduismus u. [weitere] Moderne Indische Philosophie I (Ramakrishna, Sai Baba, Tagore, Vivekananda, Gandhi, Aurobindo [Integralismus I], Radhakrishnan, Ambedkar, Meher Baba, Krishnamurti), Immanenzphilosophie (Schuppe), Identitätsphilosophie (Spir), Utilitarismus II (Sidgwick), Intentionalismus (Brentano), Pragmatismus (Peirce [Prädikatenlogik I], James, Dewey, Mead, Santayana, Schiller [F.C.S.]), Pessimismus II (Mainländer), Massenpsychologie bzw. Philosophie der Masse I (Le Bon), Philosophie des Unbewussten (Hartmann [E.v., Transzendenter Realismus]), Marxismus I (Labriola, Plechanow), Nihilismus II (Nietzsche, Klima), Kontingentismus (Boutroux), Elitetheorie (Pareto, Mosca), Sprachphilosophie II u. Analytische [Sprach-] Philosophie I (Frege [Prädikatenlogik II], Russell [Atheistischer Humanismus I], Moore, Wittgenstein), Sozialdemokratischer Revisionismus (Bernstein), Neuer-Mensch-Philosophie (Masaryk), Alternativ-, Friedens- u. [Lebens-] Reformbewegung (Diefenbach, Gräser [K.], Gräser [G.]), Tierethik I (Salt), Emergenztheorie (Morgan, Alexander, Broad), Gegenstandstheorie (Meinong), Relativismus I (Poincaré [Relativitätsprinzip, Chaostheorie I]), Amerikanischer Idealismus (Royce), Voluntarismus II (Tönnies), Symbolismus* II (Moréas, D'Annunzio, George), Taylorismus (Taylor [F.W.]), Psychiatrie III (Kraepelin, Bleuler, Baldwin), Psychoanalyse (Freud, Adler [A.], Jung [Individuation I]), Moderne Atomtheorie II (Thomson, Rutherford), Organizismus I (Ritter [W.E.]), Strukturalismus I (De Saussure), Sozialer Liberalismus II (Hobson, Hobhouse), Quantentheorie I (Planck), Raumzeitlehre (Palágyi), Gestaltphilosophie u. -psychologie (Ehrenfels, Wertheimer, Koffka, Köhler, Perls), Phänomenologie I (Husserl, Pfänder, Scheler [Philosophische Anthropologie I]), [Methodischer] Holismus (Haldane, Smuts), Essentialismus (Duhem), Anthroposophie II od. Spirituelle Philosophie (Steiner [R.], Steffen, Barfield), Anarchismus III (Ryner, Armand), Prozessphilosophie (Whitehead), Aktionsphilosophie (Blondel), Denkpsychologie (Külpe, Bühler), Freiwirtschaftslehre (Gesell), [Analytische] Philosophie des Geistes II (Brunner), Ideengeschichte (Meinecke, Lovejoy), Angewandte Psychologie (Münsterberg, Stern), Philosophie der Verantwortung I (Weber), Pazifismus I (Fried, Holl), Existentialismus II (Unamuno, Schestow, Berdjajew, Lavelle), Radikaler Konstruktivismus (Uexküll), Polnische Logiker I (Twardowski, Lesniewski, Lukasiewicz, Kotarbinski [Reismus]), [Gesellschafts-] Dystopie II* (Wells), Vierter Weg (Gurdjeff, Ouspensky), Italienischer/Französischer Idealismus (Croce, Brunschvicg), Parapsychologie (Dessoir), Rechtsrealismus (Hägerström), Machologie (Lasker), Individualismus II (Alain), Feminismus III (Goldman, Stöcker), Kosmischer Idealismus (Boodin), Marxismus II u. Kommunismus II u. Realexistierender Kommunismus (Lenin, Trotzki, Mao), Moderne japanische Philosophie [20. Jh.] (Kitaro, Suzuki, Izutsu, Nishijima), Reformpädagogik IV (Montessori, Nohl, Litt, Spranger [Dritter Humanismus]), Marxismus III (Luxemburg, Liebknecht), Ökophilosophie II (Tansley), Faschismus- / Totalitarismuskritik I (Martinetti, Rosselli [Liberaler Sozialismus], Bobbio), Neuer Realismus (Spaulding, Montague, Perry), Panidealismus (Holzapfel), Lebendige Ethik (Roerich), Sinnesphilosophie (Pradines), Faschismus (Gentile), Ehrfurcht vor dem Leben (Schweitzer), Futurismus* (Marinetti), Muslimische Philosophie VI (Iqbal), Kollektives Gedächtnis (Halbwachs), Traditionalismus u. Anti-Modernismus u. Philosophia perennis (Coomaraswamy, Ziegler, Guénon, Evola, Hutchins, Eliade, Schuon, Heintel), Neuthomismus (Maréchal, Przywara, Maritain, Gilson, Lotz, Lonergan, Rahner, Veatch), [Moderne] Rechtsphilosophie u. Rechtspositivismus (Radbruch, Kelsen [Reine Rechtslehre], Schmitt [Rechtspositivismuskritik], Hart), Behaviorismus (Watson [J.B.], Skinner), Ontologie III (Häberlin, Hartmann [N. (Neue Metaphysik)], Conrad-Martius [Realontologie bzw. Ontologische Phänomenologie], Noica, Albert [K.]), Jüdische Philosophie IV (Buber, Kaplan, Rosenzweig, Scholem), Neuropsychologie (Goldstein), Relativismus II (Einstein [Relativitätstheorie, Lichttheorie IV (Lichtquantenhypothese), Weltformel I], Reichenbach), Surrealismus* (Apollinaire, Breton, Bataille, Alquié), Philosophie des Untergangs (Spengler), Phänomenologie II (Geiger, Reinach, Lipps, Koyré, Ingarden, Reiner, Schütz, Kojève, Spiegelberg, Fink, Patocka, Merleau-Ponty, Henry [Lebensphilosophie], Rombach), Dialogische Philosophie (Grisebach), Kritischer Realismus I (Sellars [R.W.], Kraft [Hypothetischer Realismus]), Kubismus* (Gleizes), Operativismus (Dingler), Evolutionstheorie III (De Chardin), Neoliberalismus I (Mises, Hayek), Neosokratik (Nelson [L.], Strauss [L.], Vlastos - weitere Antike Philosophie [20. Jh.]: Ackrill, Owen [G.E.L.], Conche, Bollack), Rassentheorie III (Vasconcelos [Kosmische Rasse]), Operationalismus (Bridgman), Keynesianismus (Keynes), Schöpferische Zerstörung (Schumpeter), Philosophie der Masse II (Ortega y Gasset, Kracauer, Canetti), [Analytische] Philosophie des Geistes III (Lewis [C.I. - Qualiabegriff]). Moderne III - Existentialismus III u. Existenzphilosophie (Jaspers [Existenzphilosophie], Marcel, Heidegger [Ontologie IV (Fundamentalontologie)], Stein, Sartre [Intellectual/Philosopher I], Arendt, De Beauvoir [Feminismus IV], Dufrenne, Hersch, Paci, Camus, Barrett, Pareyson, Henrich), Dynamismus u. Surrationalismus (Bachelard), Quantentheorie II (Bohr [Moderne Atomtheorie III], Schrödinger, Heisenberg), Marxismus IV u. Neomarxismus (Lukács, Banfi, Korsch, Gramsci, Goldmann, Schaff, Oiserman, Althusser, Chattopadhyaya, Gorz, Markovic, Iljenkow, Colletti, Axelos, Kolakowski [ferner: siehe auch Kritische Theorie und Operaismus]), Philosophie der Hoffnung (Bloch), Wissenschaftliches Erklärungsmodell bzw. Hempel-Oppenheim-Schema bzw. HO-Schema (Oppenheim, Hempel), Dadaismus* (Ball), Identitätstheorie I (Boring), Transhumanismus I (Huxley [J.]), Ontologiekritik (Zocher, Kanthack, Haag), Soziales Kapital od. Soziale Marktwirtschaft (Duttweiler, Müller-Armack, Sik [Dritter Weg (in der Ökonomie)]), Philosophische Anthropologie II (Rothacker, Plessner, Gehlen, Hengstenberg, Kamlah, Landmann [Fundamentalanthropologie]), Feldtheorie I (Lewin, Gurwitsch [Morphische Felder I]), Magischer Realismus* (Roh), Informatik I (Bush), Wissenssoziologie (Mannheim), [Gesellschafts-] Dystopie III* (Huxley [A.], Orwell), Kybernetik I (Wiener, McCulloch, Ashby), Urknalltheorie (Lemaître), Sufismus III (Shah [I.A.]), Paneuropismus und Europäische Integration (Coudenhove-Kalergi, De Rougemont), Rastafarianismus (Howell), Entwicklungspsychologie I u. Reformpädagogik V (Piaget), Strukturalismus II (Jakobson, Lévi-Strauss, Ricoeur), Kritische Theorie I (Horkheimer, Marcuse, Fromm, Löwenthal, Adorno - im Umkreis: Benjamin), Zen-Buddhismus im Westen (Dürckheim, Enomiya-Lassalle [Christlich-buddhistischer Dialog]), Herzensphilosophie (De Saint-Exupéry), Sprachphilosophie III u. Analytische [Sprach-] Philosophie II (Ryle, Ramsey, Church [Theoretische Informatik], Goodman, Quine, Black [Philosophie des Unsinns I], Ayer [Emotivismus I], Austin [Sprechakttheorie I], Grice, Lorenzen, Geach, Davidson, Strawson), Qualitätsmanagement (Deming, Juran, Crosby), Hermeneutik [im 20. Jh.] (Gadamer), Systemtheorie (Bertalanffy), Poststrukturalismus I (Lacan, Barthes), Polnische Logiker II (Tarski), Moderner Konservativismus II (Oakeshott), Kommunikationstheorie II (Lazarsfeld, Lasswell), Kritischer Rationalismus (Popper [Drei-Welten-Lehre], Topitsch, Bunge, Albert [H.], Watkins, Lakatos, Salmon, Bartley [Pankritischer Rationalismus], Musgrave), Humanistischer Atheismus II (Lamont, Flew), [Jüdische] Raconteurs (Adler [M.J.], Jankélévitch, Berlin, Bauman, Steiner [G.]), Informatik II (Neumann [Spieltheorie - gemeinsam mit Morgenstern], Turing, Shannon [Informationstheorie, Kommunikationstheorie I (Shannon-Weaver-Modell)]), Intuitionismus II (Lossky, Ross), [Konservativistische] Ritter-Schule I (Ritter [J.]), Tierpsychologie bzw. Ethologie (Lorenz [K.], Tinbergen), Philosophie der Verantwortung II (Jonas, Weischedel, Picht), [Analytische] Philosophie des Geistes IV (Eccles, Wisdom, Sellars [W. - Kritischer Realismus II], Hampshire, Smart [Identitätstheorie II], Wollheim, Place [dito], Putnam, Searle, Fodor [Repräsentationale Theorie des Geistes, Sprache des Geistes]), Organizismus II (Mayr [Synthetische Evolutionstheorie]), Personalismus (Mounier), Integralismus II (Gebser), Zwei-Kulturen-Theorie (Snow), Intuitionismus III (Loegstrup), Libertarismus II (Rand, Nozick), Faschismus- / Totalitarismuskritik II (Aron, Gross), Muslimische Philosophie VII (Mahmoud), Bisoziationstheorie (Koestler), Prädikatenlogik III (Gödel), Philosophie der Verpflichtung (Levinas), Humanistische od. Afrikanische Philosophie I (Senghor, Kagame, Césaire), Positive Psychologie (Maslow), Emotivismus II (Stevenson), Anarchismus IV (Weil, Kohr), Futurologie (Flechtheim, Jungk), [Technologische] Singularität I (Ulam), Moderne Chinesische Philosophie [20. Jh.] (Zongsan, Wang), Management (Drucker), Philosophie des Raumes (Bense), Schweizer Politik [20. Jh.] (Frisch, Tschäni, Künzli, Saner, Kohler), Nihilismus III (Cioran), Ethischer Imperativ (Foerster), Rechtspositivismus II (Perelman), Tierethik II (Ferrater Mora), Philosophie der Apokalypse (Ellul), Paradigmentheorie u. -philosophie (Schulz, Kuhn, Capra), Ethischer Rationalismus (Gewirth), Neoliberalismus II (Friedman [M.]), Pazifismus II (Weizsäcker), Ökophilosophie III (Naess [Tiefenökologie (Ökosophie I)], Odum, Passmore, Panikkar [Ökosophie II], Bookchin [Ökoanarchismus], Taylor [P.W.], Shepard, Rolston, Roszak [Ökopsychologie], Devall, Attfield), Reaktionismus (Dávila), Jüdische Philosophie V (Ben-Chorin [u.a. - viele jüdische Denker unter anderen Rubriken]), Ethizismus u. Metaethik bzw. Ethiker [20. Jh.] (Nowell-Smith, Mackie, Baier, Hare [(Universeller) Präskriptivismus], Foot), Philosophiegeschichte V u. Populäre Philosophiegeschichte I (Störig, Edwards [P.]), Analytische Philosophie in Skandinavien (Von Wright, Kanger, Hintikka), Reflexionsphilosophie (Wagner), Chaostheorie II (Lorenz [E.N.], Mandelbrot, Feigenbaum), Radikaler Konstruktivismus II (Glasersfeld), Holistischer Pragmatismus (White), Nacheinsteinsche Physik (Feynman, Gell-Mann, Glashow, Weinberg, Hawking, Veneziano [Stringtheorie]), Murphys Law (Murphy), Moderne Indische Philosophie II (Maharishi [Transzendentale Meditation], Sarkar), Transhumanismus II (Ettinger), Straussianer I (Jaffa, Rosen, Benardete, Bloom, Mansfield, Sontag, Masters), Erweckungstheologie IV (Graham), Konsequentialismus (Anscombe), Medienphilosophie I (Flusser, Postman, McLuhan), Metaphorologie (Blumenberg), Hippie-Bewegung* (Leary [Drogenerfahrung I] , Ginsberg, Brautigan), Weltformel (Charon), Millenniumsliteratur (Wojtyla aka Papst Johannes Paul II., Dondrub aka Dalai Lama Tenzin Gyatso), Neokonservativismus (Kristol), Anti-Psychiatrie (Szasz, Laing), Operaismus (Panzieri, Negri), Neonietzschianismus (Kaufmann), Pädagogik der Unterdrückten (Freire), Gerechtigkeitstheorie (Rawls), Science-Fiction-Philosophie I (Lem), Philosophie des Unsinns II (Watzlawick, Frankfurt), Symbolismus III (Durand), Quantentheorie III (D'Espagnat), Philosophie der Komplexität (Morin), Fuzzylogik (Zadeh), Fehlschlüsse (Hamblin), Marxismus V u. Postmarxismus (Castoriadis, Lefort, Laclau, Badiou [Philosophie des Ereignisses], Rancière, Mouffe, Gauchet), Argumentationstheorie (Toulmin [Argumentationstheorie (in der Philosophie)]), Diskursethik (Apel [Transzendentalpragmatik], Habermas [Universalpragmatik]), Informatikkritik (Weizenbaum, Dreyfus), Wissenschaft & Religion (Barbour), Anthropologie III (Girard), Individuation II (Simondon), Guise Theorie od. Gestalttheorie (Castaneda [H.-N.]), Sufismus IV (Shah [I.]), Relativismus III (Feyerabend, Margolis), Poststrukturalismus II (Deleuze, Foucault [Diskontinuität u. Diskursanalyse], Derrida [Dekonstruktion], Lyotard, Baudrillard [Hyperrealität], Guattari [Ökosophie III], Nancy), Drogenerfahrung II (Castaneda [C.]), Public (Media-) Intellectual/Philosopher II (Revel, Chomsky [Sprachphilosophie V u. Analytische (Sprach-) Philosophie IV], Rorty), Vernetztes Denken (Vester), Sprachphilosophie IV u. Analytische [Sprach-] Philosophie III (Dummett, Cavell, Tugendhat, Föllesdal), Anarchokapitalismus I (Rothbard, Friedman [D.]), [Konservativistische] Ritter-Schule II (Lübbe, Spaemann, Marquard), Entwicklungspsychologie II (Kohlberg), Kybernetik II (Luhmann [Soziokybernetik]), [Technologische] Singularität II (Minsky, Toffler [Informationsüberflutung]), Befreiungstheologie (Gutiérrez, Miranda), Weltethos (Küng), Kognitionsbiologie (Maturana, Varela), Kommunitarismus (Etzioni [Responsivität], MacIntyre, Walzer), Transhumanismus III (FM-2030, More [M.], Bostrom), Anerkennungsanalyse u. Anerkennungstheorie (Taylor [C.], Todorov, Honneth [Kritische Theorie II]), Afrikanische Philosophie II (Wiredu, Gyekye, Mudimbe, Hountondji, Oruka, Appiah, Eze), Flow-Theorie I (Csikszentmihalyi), Ökologie II (Schäfer, Birnbacher, Seel), Science-Fiction-Philosophie II (Elders), Neuer Atheismus (Schnädelbach, Dawkins, Hitchens, Onfray, Schmidt-Salomon), Schwaches Denken (Vattimo, Rovatti), [Analytische] Philosophie des Geistes V (Nagel, Kripke, Audi, Lewis [D.K. (Modaler Realismus)], Churchland [Pau.], Dennett, McDowell, Churchland [Pat.], Bieri, Levine, Pauen, Metzinger, Chalmers), Ontologie V (Fine), Public (Media-) Intellectual/Philosopher III (Glucksmann, Unger, Safranski, Sloterdijk, Finkielkraut, Zizek, Stiegler, Sandel, Precht, Enthoven), Informatik III (Nelson [T. - Hypertext]), Tierethik III (Regan, Wolf [J.C.], Singer, Wolf [U.]), Straussianer II (Butterworth, Galston, Fukuyama), Syntheismus (Kauffman), Philosophie der anständigen Gesellschaft (Margalit), Paläokonservativismus (Gottfried, Scruton), Poststrukturalismus III (Agamben, May, Han, Hillenkamp [Negativität der Moderne]), Feldtheorie II (Sheldrake [Morphische Felder II]), Philosophiegeschichte V u. Populäre Philosophiegeschichte II (Höffe, Vossenkuhl, Helferich), Strukturelle Prokrastination (Perry), Kritischer Realismus [im sozialtheoretischen Ansatz] (Bhaskar), [Technologische] Singularität III (Vinge, Kurzweil), Medienphilosophie II (Capurro, Zielinski [Medienarchäologie], Bolz, Lovink), New Age (Spangler), Systematizität (Hoyningen-Huene), Café philosophique (Sautet), Philosophische Praxis (Achenbach), Agnostischer Liberalismus (Gray), Integralismus III (Wilber), Multikulturalismus (Goldberg, Kymlicka), Spiritueller Atheismus (Comte-Sponville, Critchley, De Botton), Philosophie der Verantwortung III (Nida-Rümelin, Heidbrink), Sprechakttheorie II (Butler [Performativität]), Philosophie des Erweiterten Geistes bzw. Extended-Mind-Theorie (Clark), Postdisziplinarität u. Makrophilosophie (Mayos), Internetphilosophie (Bard, Floridi), Muslimische Philosophie VIII (Ramadan), Atheismuskritik u. Gap-Filling-Theorie (Niles), Flow-Theorie II (Kotler, Wheal), Spekulativer Realismus (Meillassoux [Philosophie der Kontinuität], Harman), Mikrophilosophie (Baggini), Anarchokapitalismus II (Huemer), Philosophy Slam (Hofweber), Sprachphilosophie VI (Hübl), Neuer Elitarismus (Brennan), Effektiver Altruismus (Ord, MacAskill), Philosophie der Intensität (Garcia), Multi-Media-Freestyle-Flow-Bewusstseinserweiterungsphilosophie (Silva). - Der Einfachheit halber wurde jeder Philosoph - und andere hier erwähnte Persönlichkeiten der Ideengeschichte - nur einer Richtung zugeteilt, obwohl es natürlich auch immer wieder Überschneidungen gibt; sowohl die Richtungen wie auch deren einzelne Vertreter wurden je nach dem Geburtsjahr eingeteilt. Für die neueren Richtungen habe ich teils eigene Bezeichnungen gewählt, weil es meist noch gar keine offiziellen Bezeichnungen dafür gibt. Natürlich gilt es bei alten wie v.a. auch bei neuen Theorien, obwohl man sie als Richtungen gelten lässt, immer auch kritisch und skeptisch zu sein. Die Liste wurde erstellt mit Hilfe der Philosophen-Timeline. [Still unter Konstruktion.]

* In dieser Liste wurden bedeutende theoretische Vertreter der (modernen) Kunst mit einem Sternchen (*) bezeichnet. Oft haben diese ein bedeutendes Manifest zur entsprechenden Richtung geschrieben (und/oder diese begründet). Die Philosophen haben solches zwar praktisch nie direkt aufgenommen, trotzdem ist auch die Entwicklung der Kunst natürlich von philosophischer Bedeutung. Auch wissenschaftliche Richtungen wurden vereinzelt neben der eigentlichen oder reinen Philosophie hier aufgeführt (und ebenfalls als sehr bedeutend für die Entwicklung der Ideengeschichte bewertet).

** So sehe ich auch die Strukturierung des gesamten Wissens. Solche Listen könnten schon längstens von allen Wissenschaften bestehen - und darüber hinaus auch von anderen Fachgebieten und Zusammenhängen. Um so etwas zu machen, reicht es natürlich nicht, sich ein bisschen oberflächlich mit den Dingen zu beschäftigen, sondern da muss man sich schon sehr tief und fest mit den Dingen beschäftigen. Die Grundlage dieser Liste der philosophischen Richtungen ist meine Philotimeline (mit der Auflistung aller Philosophen, welche mir während meiner langjährigen Begegnung mit der Philosophiegeschichte begegnet sind).

Anm. Natürlich ist das mit den Begriffen und Richtungen heute auch ein bisschen eine Spielerei geworden, und was sich davon in der Philosophiegeschichte wird halten können ist unklar (manches wird auch erst später umbenannt oder zusammengefasst). Das heisst: die alten Bezeichnungen sind sicherer als die neueren (teilweise habe ich vereinzelt auch Eigenbezeichnungen gewählt, wo mir dies angebracht erschien). Es geht hier (nur) um eine kleine Bestandesaufnahme zu dieser Zeit - eine Art philosophiegeschichtliches Inventar 2000+. Vollständig ist eine solche Liste - aus verschiedenen Gründen - nie: es geht bloss um einen kleinen Einblick in die Vielfalt der philosophischen Wirkgeschichte.

Den einzelnen Religionen, aber auch den einzelnen Wissenschaften, und sogar auch einer Populär- und Vulgärphilosophie, in einer solchen Liste gerecht zu werden, ist äusserst schwierig. Es ist klar, dass dies eine Liste ist, die erstens auf die (reine) Philosophie und zweitens - seit dem Mittelalter - auf das Christentum und eine aus dem Christentum heraus stammende Philosophie ausgerichtet ist (die sich teilweise, gerade im 20./21. Jahrhundert freilich auch wieder etwas vom Christentum entfernt hat). Ich habe mir aber doch einige Mühe gegeben, das Andere wengistens nicht zu sehr zu vernachlässigen (so dass man hier insgesamt ein recht grosses Spektrum aus der Ideengeschichte vorfindet [gewisse Lücken bleiben natürlich immer, denn eine solche Liste kann letztlich nicht und nie vollständig sein, wenn sie das Ganze auch trotz aller Ausführlichkeit möglichst kurz und verträglich darstellen möchte: dies ist ja eine Mischung zwischen einer Wissenschaftlichkeit und einer Kurzübersicht - das gilt sowohl für den Text wie auch für diese Liste]).

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Kleiner historischer Überblick über die Jahrhunderte (seit der Erscheinung Christi).

Jahr
Grösste Stadt
Weltbevölkerung
Ereignisse Philosophie
0/1
Rom
200 Mio.
Jesus Christus Mittelalter-Patristik
500
Konstantinopel (Istanbul)
280 Mio.
Ende des weströmischen Reiches, Gründung des Frankenreiches Mittelalter-Patristik
Kaifeng
400 Mio.
Morgenländisches Schisma (Trennung von Ost- und Westkirche), Wikinger entdecken Amerika Mittelalter-Scholastik
Peking
500 Mio.
Ende der islamischen Herrschaft in Spanien, Seefahrer erreichen Südspitze Afrikas, Amerika und Indien, Reformationsthesen Luthers Renaissance
1600
Peking
550 Mio.
Untergang der spanischen Armada, Galileis Bewegungsschrift, Übersiedlung sogenannter englischer Pilgerväter nach Nordamerika Neuzeit-Wissenschaft
1700
Edo (Tokio)
650 Mio.
Niederlagen der Osmanen (Türken) vor Wien, Principia Mathematica von Newton (Mechanische Physik), Glorious Revolution und Bill of Rights in England (Parlamentarismus), Sieg des russischen Zaren Peter des Grossen im Nordischen Krieg, Niederlage des Sonnenkönigs Louis XIV. im spanischen Erbfolgekrieg (Gewinner ist England) Neuzeit-Moderne-Aufklärung
1800
Edo (Tokio)
1,000 Mia.
Französische (Bürger-) Revolution, Kants Begründung des Völkerbundes, Napoleonische Kriege, Wiener Kongress Neuzeit-Moderne-Liberalismus
1900
London
1,650 Mia.
Soziale Gesetzgebung von Bismarck (gegen Aufkommen der Sozialisten), Quanten- und Relativitätstheorie in der Belle Epoque, Künstlerkolonie auf dem Monte Verità, Erster Weltkrieg, Russische Revolution (Kommunismus) Neuzeit-Moderne-Sozialismus
2000
Mexiko-Stadt (Metropolregion: Tokio)
6,127 Mia.
Gründung von Grünen Parteien (Ökoproblematik), Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus (Ende des Kalten Krieges), World Wide Web Neuzeit-Moderne-Existentialismus

Anm. Die Liste enthält die bedeutendsten Ereignisse rund um die Jahrthundert, jeweils etwa von den 80-er bis zu den 20-er Jahren (also im letzten und ersten Fünftel der Jahrhunderte [und Jahrtausende - bei den früheren Daten wurde das etwas weiter gefasst] - dass in der Liste fast nur Ereignisse der westlichen Geschichte gegeben sind, ist ein reiner Zufall, d.h. erstens begründet wohl durch eine gewisse Einseitigkeit der Geschichtsschreibung im Westen, allerdings ist diese auch besonders gut belegt, andererseits spielten sich aber offenbar tatsächlich viele der wichtigsten Ereignisse der westlichen Geschichte um die Jahrhundertwenden statt [das kann allerdings auch nur so erscheinen, weil immerhin zwei Fünftel aller Ereignisse von der Zeitspanne um die Jahrhunderte, wie ich sie hier aufgefasst habe, betroffen ist]).


Und dies sind die populärsten Philosophen: 1. Platon, 2. Einstein, 3. Erasmus, 4. Voltaire, 5. Seneca. Erhebung nach Suchergebnissen in der grössten Web-Suchmaschine (google[.ch]). Wie kann man dies eruieren? Es gibt eigentlich nur eine Methode, dies auf die Schnelle zu tun. Das ist die Suche nach Google-Ergebnissen. Natürlich vollkommen ohne jegliche Gewähr. Ich habe dabei exakt nach dem angegebenen Namen gesucht (also mit Klammern in der Sucheingabe - trotzdem kommen bei manchen natürlich auch noch ganz andere Ergebnisse, was immer mitzubedenken ist; ich habe jeweils zuerst nach dem englischen Namen gesucht, aber auch die anderssprachigen Begriffe berücksichtigt (und diese genommen, wo sie bessere Resultate ergeben haben - dies natürlich alles auf google.ch, wobei hier auch anderssprachige Seiten berücksichtigt werden)]). Das ist natürlich nur eine kleine Spielerei, aber wie gesagt: die einzige Methode, mit welcher man überhaupt irgendeine Aussage darüber machen kann. Nicht berücksichtigt sind hier die grossen Religionsstifter, etwa: Jesus 906000000, Mohammed 204000000, Buddha 179000000, Moses 117000000 (auch dies in der lateinischen Schrift, notabene). Die grösste Überraschung ist vielleicht diese: die grossen Religionsführer kommen zwar klar vor den Philosophen, diese aber ebenso klar vor den Wissenschaftlern! (Der einzige Wissenschaftler, welcher mit den Philosophen mithalten kann, ist Einstein.) [Aufgenommen an einem Tag im Dezember 2017.]

Anm. Diese Popularitätsliste ist - wenig überraschend - nicht ganz deckungsgleich mit dem Aufmerksamkeitsgrad in meinem Text über die Philosophiegeschichte. Ich gehe natürlich von einem fachlichen Aspekt aus, während die Popularität auf ganz andere Dinge zielt (man kann sich je bei den einzelnen Philosophen vorstellen, warum genau ihre Popularität grösser ist als etwa die eines Immanuel Kant, der in dieser Liste erst auf Platz 30 (!) erscheint [oder Hegel etwa noch sehr viel weiter hinten (zudem hatten es natürlich in dieser Erhebungsanordnung auch die Philosophen leichter, die mit einem Wort bezeichnet werden können, und unter diesen wiederum jene, die in allen Sprachen gleich geschrieben werden - ganz fair ist das leider nicht zu machen)]).

149000000 Plato (1. - Hauptwerk: "Politeia", 5./4. Jh. v. Chr.). 062300000 Albert Einstein (2. - "Zur Elektrodynamik bewegter Körper", 1905 - allgemein verständlich: "Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie", 1916). 050000000 Erasmus (3. - "Moriae encomium" [dt. Lob der Torheit, 1509]). 049000000 Voltaire (4. - "Candide ou l'optimisme" [dt. Candid oder der Optimismus, 1759]). 044600000 Seneca (5. - "De vita beata" [dt. Vom glücklichen Leben, 1. Jh.]). 042900000 Cicero (6. - "De officiis" [dt. Von den Pflichten oder Vom pflichtgemässen Handeln, 44. v. Chr.], "De fato" [dt. Vom Schicksal, 44. Chr.] u. "De oratore" [dt. Über den Redner, 55 v. Chr.]). 028900000 Aristotle (7. - "Ta meta ta physika" [dt. Metaphysik] u. "Ethika Nikomacheia" [dt. Nikomachische Ethik, 4. Jh. v. Chr.]). 026400000 Socrates (8. - keine Schriften [siehe Schriftgut von Platon und Xenophon]). 022250000 Francis Bacon* (9. - "Novum organum scientiarum" [dt. Neues Werkzeug der Wissenschaften, 1620]). 021900000 Karl Marx (10. - "Das Kapital", 1867-1894). - Weitere: 017300000 Confucius (11.). 017200000 Thales (12.). 015800000 Charles Darwin (13.). 013900000 Ralph Waldo Emerson (14.). 013000000 Albert Camus (15.). 012600000 Friedrich Nietzsche (16.). 011900000 Isaac Newton (17.). 011800000 Adam Smith (18.). 009760000 Montesquieu (19.). 009580000 Galileo Galilei (20.). 008540000 William James (21.). 008240000 Simone de Beauvoir (22.). 007890000 Jean-Jacques Rousseau (23.). 007840000 Pythagaras (24.). 007820000 Thomas More (25.). 007620000 John Locke (26.). 007270000 Noam Chomsky (27.). 006410000 Jean-Paul Sartre (28.). 006170000 Blaise Pascal (29.). 006030000 Immanuel Kant (30.). - Weitere: 005570000 Michel Foucault. 005440000 Bertrand Russell. 004670000 Rudolf Steiner. 004660000 Hannah Arendt. 004510000 John Stuart Mill. 004300000 Antonio Gramsci. 003280000 Avicenna. 002830000 Averroes. 002270000 David Hume. 002210000 Epicurus. 001550000 Heraclitus. 001350000 Parmenides. 001340000 Plotinus. 001340000 Protagoras. 001310000 Laozi. 000757000 Martin Heidegger. 000724000 Niccolò Machiavelli. 000665000 Francisco Suárez. 000882000 René Descartes. 000819000 Jacques Derrida. 000669000 Jason Silva. 000659000 Thomas von Aquino. 000653000 Michel de Montaigne. 000622000 Auguste Comte. 000620000 Herbert Spencer. 000619000 Jürgen Habermas. 000611000 Jeremy Bentham. 000608000 Gilles Deleuze. 000604000 Mary Wollstonecraft. 000601000 Gottfried Wilhelm Leibniz. 000589000 Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 000587000 Søren Kierkegaard. 000578000 José Ortega y Gasset. 000573000 Augustine of Hippo. 000573000 Peter Singer. 000567000 Jean Baudrillard. 000555000 Edmund Husserl. 000536000 Nicolaus Copernicus. 000535000 Alain Badiou. 000529000 Theodor W. Adorno. 000528000 Denis Diderot. 000523000 Baruch Spinoza. 000521000 Slavoj Zizek. 000506000 Miguel de Unamuno. 000504000 Roger Bacon. 000501000 Karl Jaspers. 000501000 Peter Sloterdijk. 000495000 Richard Rorty. 000494000 Alain de Botton. 000493000 Maurice Merleau-Ponty. 000478000 William Godwin. 000474000 Martha Nussbaum. 000460000 Daniel Dennett. 000457000 Ernst Bloch. 000456000 George Berkeley. 000455000 Karl Popper. 000454000 Alfred North Whitehead. 000454000 Ludwig Wittgenstein. 000448000 Antonio Negri. 000447000 Thomas Hobbes. 000445000 Arthur Schopenhauer. 000437000 Charles Saunders Peirce. 000432000 Henri Bergson. 000430000 Benedetto Croce. 000420000 Hans Jonas. 000410000 Mikhail Bakunin. 000408000 William of Ockham. 000407000 Muhammad Iqbal. 000389000 Michael Sandel. 000384000 Richard David Precht. 000371000 Andy Clark. 000352000 David Chalmers. 000349000 Adam Ferguson. 000347000 Julien Offray de La Mettrie. 000323000 Julian Nida-Rümelin. 000314000 G.E. Moore. 000310000 Arne Næss. 000299000 Gottlob Frege. 000273000 Roy Bhaskar. 000267000 André Comte-Sponville. 000259000 Alexander Bard. 000250000 Anselm of Canterbury. 000235000 Raphaël Enthoven. 000220000 Henri de Saint-Simon. 000210000 Gilbert Ryle. 000134000 Henry Sidgwick. 000133000 Zeno of Citium. 000121000 Willard Van Orman Quine. 000119000 Ludwig Andreas Feuerbach. 000117000 André Glucksmann. 000094200 Rick Roderick. (Die Zahlen wurden erhoben am 13.12.2017.)

* Da es einen bekannten Maler gleichen Namens gibt und dieser einzeln genommen sogar leicht mehr Ergebnisse bringt, habe ich das Ergebnis für Roger Bacon hier durch zwei geteilt.


P.S. Wenn Moderne Philosophie bedeutet - aus irgendwelchen Gründen, Ungründen und/oder Abgründen - die alten Meister der Philosophie zu verunglimpfen (statt einzuordnen), dann würde ich eine solche Philosophie als unstatthaft bezeichnen. Mich interessiert hier am Ende aber noch ein ganz anderes Thema, nämlich das Faktum, dass die Soziologie immer schwieriger von der (reinen) Philosophie zu trennen ist. Die Ablösung der Soziologie von der Philosophie, in deren Begründung als eigenständige Wissenschaft war der schwerste Schlag bisher für die Immanenz der Philosophie. Denn das Nachdenken über die Gesellschaft und das Wirken der Menschen zu einer bestimmten Zeit gehört natürlich ganz wesentlich zur Philosophie. Es zeigt sich denn auch, dass der grössere Teil der soziologischen Aktivitäten noch immer philosophischer Natur ist. Wie man früher von einer Naturphilosophie gesprochen hat, können wir heute von einer Sozialphilosophie sprechen, die halt eben gleichzeitig fast in der Soziologie wie auch in der Philosophie beheimatet ist. Man könnte daher sehr viele Soziologen auch als Philosophen bezeichnen und umgekehrt. Zwei Soziologen dieser Zeit des 20./21. Jahrhunderts möchte ich herausheben, da sie den Ziel- und Ankerpunkten meiner Philosophie von einer politisch kumulierten Ethik entsprechen (und ich mit ihnen quasi einen Bogen darum herum machen kann). Erstens: Charles Wright Mills (1916-1962). In meiner Behauptung, dass eine zukünftige Philosophie wegführen muss von der (althergebrachten) psychologischen Seelenanklage, hin zu einer soziologischen Verbesserung. Zweitens: Anthony Giddens (geb. 1938). In meiner Behauptung, dass eine zukünftige Philosophie wegführen muss von der (fortwährenden) ökonomischen Güterverschwendung, hin zu einem ökologischen Bewusstsein. (Giddens fordert zwar mehr Ökologie, und beklagt, dass diese zu einem Hinterkopfthema zu werden droht, gleichzeitig möchte er jedoch den Sozialstaat abbauen, ohne die Chancengleichheit zu tangieren - ein seltsames Unterfangen zu dieser Zeit, und ich bin hier genau der anderen Meinung: wir müssen die bisherigen Erfolge in der sozialen Verbesserung in der Soziologie ganz unbedingt heute konsolidieren und wissenschaftlich absichern; libertarische Experimente sind mit allergrösster Vorsicht zu sehen - sie haben das Potenzial, in einer immer unsicherer werdenden Zeit, die gesamte spätmoderne Gesellschaftsstruktur aus den Angeln zu heben [daher ist die wissenschaftliche Absicherung des Erreichten heute für die Zukunft so wichtig und bedeutend: damit auch allfällige Rückschläge, welche mit der entsprechenden Rhetorik versehen wären, überwunden werden könnten; der Zeitgeist kann Rückschritte machen, der Geist der Wissenschaft darf keine Rückschritte machen]).


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