Philorel-Seite


Eine philosophisch-religiöse Betrachtung der Menschheits-, Kultur- und Ideengeschichte.

Religion und Philosophie einmal ein bisschen anders - dies ist meine Hauptseite zu philosophischen und religiösen Themen. Diese Themen beschäftigen mich seit den früheren 1990-er Jahren, daher ist das auch ein bedeutendes Thema auf meiner neuen Website geworden (ich bringe diese Themen hier in Verbindung mit den lustigen Free-Clipart-Bildern von Phillip Martin - ein bisschen anders).

Sporadisch gibt es Überarbeitungen dieser Seite - wann die nächste anstehen wird, kann ich aber noch nicht sagen. Gewisse Abschnitte kann man sicher noch etwas verbessern. Ziel bleibt es, die Philosphiegeschichte möglichst kurz, einfach, klar und gut darzustellen (so dass man sich hier in kürzester Zeit rasch und rudimentär über die gesamte Philosophiegeschichte informieren kann).

-> Thema (unten an der Seite): Die Philosophie in den Medien, die Fragen der Zeit und der Public Intellectual: Leben wir in einer brandneuen Welt? Endzeit? Krise? Unruhe? - was ist denn eigentlich los? Kann negative Philosophie weiterhelfen?

-> Exkurs Kleine Bibelzusammenfassung: auf- und zuklappen.



Von der polytheistischen Religion zur Philosophie * * * Solon: die Frage nach der guten/gerechten Ordnung (Eunomia) * * * Der verborgene (Ur-) Grund - Logos * * * Buddha, Laotse und Konfuzius in Ostasien * * * Der Mensch als Mass aller Dinge im Sophismus * * * Sokrates, der Heilige der Philosophen * * * Platon, der Begründer der Akademie * * * Aristoteles, der erste systematische Wissenschaftler * * * Hellenismus, die Zeit der drei verschiedenen Schulen * * * Römische Philosophie.


Die antiken Philosophen und ihre Suche nach dem Urgrund.

Normalerweise (bzw. schulmässig) sagen wir, dass die Philosophiegeschichte im antiken Griechenland im 7./6. Jahrhundert vor Christus begann: mit dem ersten Philosophen Thales von Milet. Das ist aber eine ziemlich ungenaue Ansicht, denn erstens begann die Philosophie nicht im heutigen Griechenland, sondern in Kleinasien (d.h. in der heutigen Türkei, und zwar im sogenannt asiatischen Teil der heutigen Türkei, wobei dieses Gebiet, u.a., zum damaligen grossen Reich Griechenland gehörte), und zweitens begann die Philosophie auch nicht wirklich dort, sondern: eine Philosophie hat es natürlich schon lange vor der griechischen Philosophie gegeben, nämlich wahrscheinlich etwa so lange, wie der Mensch denken kann bzw. wie es ihn gibt (bekannt ist zumindest vorher auch schon eine Weisheitsdichtung, etwa im altertümlichen Ägypten, oder auch etwa in der Bibel, z.B. mit dem Weisheitsbuch von Salomo, und es dürfte weitere Beispiele in den Frühkulturen geben, die wir aber heute teils gar nicht mehr kennen). Wir setzen den Anfang einer wissenschaftlichen Philosophie aber eben an dieser Stelle der Zeitgeschichte in der griechischen Antike: Thales* soll der Erste gewesen sein, der intensiv und systematisch nach dem Ursprung der Dinge geforscht hat. Die ersten Philosophen waren die altgriechischen Urgrundphilosophen, die losgelöst vom vormaligen polytheistischen Glaubenssystem einen (anderen) ursprünglichen Grund für das Sein suchten, jenseits von allen Götterwelten; und eigentlich bestimmte diese Urgrundsuche sogar die gesamte antike griechische Philosophie bis zu ihrem Ende. Die ersten philosophischen Werke trugen bemerkenswert häufig Titel in der Art von: 'Über die Natur', was anzeigt, dass es sich hierbei um Naturphilosophie handelte. Jeder Philosoph sah einen anderen Urgrund für sein Denksystem: Thales das Wasser, Anaximander das Unbestimmte (oder auch: das Unbegrenzte, Unendliche, grch. Apeiron), Anaximenes die Luft, Xenophanes** den (einen) Gott, Heraklit das Feuer (und/oder auch die Bewegung oder das Fliessen), Pythagoras - der erste, der sich auch Philosophus nannte - die Zahl, Parmenides das Sein (in Unteritalien, welches damals auch zum griechischen Reich gehörte), Anaxagoras den Geist (sowie ein Prinzip von [Ur-] Mischung und Trennung - er brachte auch die Philosophie von Kleinasien nach Athen), Empedokles die Elemente (Vier-Elementen-Lehre [Erde, Feuer, Wasser, Luft], dazu zwei Prinzipien: Liebe und Hass - als erster Philosophie, welcher ein wirklich grösseres philosophisches System erstellte), Protagoras den Menschen, Demokrit die Atome und Sokrates den Zweifel. Mit ihm und seinem grossen Zweifel an allem beginnt die grosse Klassik der griechischen Philosophie, bestehend aus Sokrates, Platon und Aristoteles, von welchen jeweils der Eine auch der Lehrer des Folgenden war. Für Platon lag der Urgrund in den Ideen (hinter den Dingen bzw. auf dem Grund der Dinge): er formulierte daraus seine Ideenlehre und begründete die philosophische Akademie (heute: Universität). Aristoteles gilt als Begründer der systematischen Wissenschaft: in vielen wissenschaftlichen Gebieten hat er essenzielle Grundlagenwerke geliefert, und wenn auch einige seiner Gedanken später angezweifelt oder gar verworfen wurden, so wird er doch auch heute immer noch öfter dazu angeführt. Was aber war für Aristoteles der Urgrund? Sein Urgrund ist nicht genau erfassbar - einerseits sprach er (wie zuvor auch schon Platon und Sokrates) von einem (philosophischen) Gott, dem Demiurg, welcher der erste Beweger der Welt sei, andererseits bestimmte er das Glück als das höchste Gut des Menschen. Gott und Glück, so könnte man sagen, waren die Urgründe des Aristoteles. Bei Aristoteles stand das reine (Nach-) Denken aber noch klar über dem empirischen Forschen (d.h. es handelte sich bei ihm noch immer um reine Naturphilosophie und noch nicht um Naturwissenschaft). Nach der grossen Klassik folgte der Hellenismus, welcher drei grosse Schulen hervorbrachte: die skeptische Schule von Pyrrhon (Prinzip der Verneinung), die epikureische Schule von Epikur (Prinzip der Lust [und Unlust]) und die stoische Schule von Zenon (Prinzip der Gemütsruhe [bzw. der Gleichgültigkeit]). Ich nenne diese drei Schulen auch die Schulen des Untergangs, da sie den Untergang der antiken griechischen Kultur zumindest (mit-) begleiteten (einen grösseren Vorwurf möchte ich ihnen hier nicht machen). Auf diese hellenistischen Schulen der Philosophie traf auch der christliche Apostel Paulus zu seiner Zeit noch hauptsächlich, was auch der Hauptgrund gewesen sein dürfte für seine (zu?) scharfe Verwerfung der Philosophie (im Allgemeinen). Er verwarf in erster Linie eben diese Untergangsphilosophien (während die christliche Theologie zuerst den Neu-Platonismus und später auch den [Neu-] Aristotelismus in ihre Erwägungen miteinbezog [das Christentum hat auch sonst einige Dinge vom Heidentum übernommen, wie wir wissen - nicht umsonst gilt Jesus Christus als der Prophet, welcher zu den Heiden gesandt wurde]).

* Thales ist der Einzige der grossen bekannten Philosophen jener Zeit, welcher unter den Sieben Weisen der (vorsokratischen) Antike (bis zum 6. Jahrhundert) genannt ist. Diese sieben alten Weisen sind (in ungefährer zeitlicher Einordnung): Pittakos von Mytilene, Solon von Athen, Thales von Milet, Bias von Priene, Chilon von Sparta, Kleobulos von Lindos, Myson von Chenai. Der bedeutendste der anderen Weisen - in diesem Zusammenhang hier oder überhaupt - ist vermutlich Solon: er war ein etwas älterer Zeitgenosse von Thales, welcher die erste Verfassung in Athen geschaffen hat und damit auch als Urvater der Demokratie gilt. Seine Suche nach der guten/gerechten Ordnung und dem richtigen Gesetz - bzw. seine Politische Philosophie - ist also älter als die Naturphilosophie (aber als Philosophen bezeichnete man eben anfangs nur die Naturphilosophen).

** Die Philosophen von Xenophanes bis Parmenides, also die bedeutenden Vorklassiker*** (nach Thales und den Milesiern), lebten ungefähr um 550-450 v. Chr. Das heisst sie waren Zeitgenossen der grossen östlichen Weisen: Buddha, Laotse und Konfuzius. Man nimmt an, dass diese drei tatsächlich etwa zur selben Zeit gelebt und gewirkt haben (höchst unsicher sind dagegen die Lebensdaten vom altiranischen Religionsstifter Zarathustra - es ist aber nicht ausgeschlossen, dass auch er in diese Zeitperiode gehört). Das heisst: es gab eine grosse Kulturbewegung zu jener Zeit sowohl im Osten wie auch im Westen. Die die drei grossen Klassiker des Ostens (Buddha, Laotse und Konfuzius) sind also ein bisschen älter als die drei grossen Klassiker des Westens (Sokrates, Platon und Aristoteles). Wie weit die Wurzeln der entsprechenden Philosophien wirklich zurückreichen, ist jedoch sehr schwierig zu sagen (wie überhaupt eben der wirkliche Ursprung der Philosophie gar nicht zu datieren ist - und offen ist auch die Frage, wie weit sich die Weisen des Ostens und des Westens schon zu jener Zeit gegenseitig beeinflusst haben [so vertrat etwa Pythagoras eine Wiedergeburtslehre, die er aber scheinbar von Ägypten her übernommen hat]; älteste Funde chinesischer Seide in Europa sollen aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. stammen, was auf sehr alte Handelswege zwischen dem Osten und dem Westen hindeutet und genau in diese Zeit hineinpasst).

*** Interessant ist in der Vorklassik auch folgende Gelehrtenreihe (beschrieben im philosophiegeschichtlichen Werk von Diogenes Laertios): Xenophanes, der Religionsphilosoph des All-Einen, war der Lehrer von Parmenides, dem 'Ontologen', dessen Schüler Zenon (von Elea) war der Lehrer von Leukipp, dem Atomisten, dessen Schüler Demokrit war der Lehrer von Protagoras, dem Sophisten (und 'Humanisten') - und auf diesen folgten die Klassiker (Sokrates, Platon und Aristoteles) und danach die Hellenisten oder Nachklassiker (Pyrrhon, Epikur und Zenon [von Kition]).

Antike Stätten der Philosophen: Milet (in Kleinasien, heute: Türkei - Thales, Anaximander, Anaximenes), Kolophon (Xenophanes), Ephesus (in Kleinasien - Heraklit), Samos/Metapont (Pythagoras), Elea (heute: Velia in Unteritalien - Parmenides, Zenon v. Elea sowie evtl. Leukipp), Klazomenai (in Kleinasien - Anaxagoras), Akragas (heute: Agrigent auf Sizilien - Empedokles), Abdera (heute: Avdira - Protagoras, Demokrit), Athen (Sokrates, Xenophon, Platon, Aristoteles [bei ihm Wirkungsstätte - geb. in Stageira, gest. in Chalkis]), Sinope(Kleinasien)/Korinth (Diogenes von Sinope), Elis (Pyrrhon von Elis), Samos/Athen (Epikur), Kition (auf Zypern - Zenon von Kition), Ägypten (vermutlich: Plotin). Die antike griechische Philosophie begann also in Kleinasien und kam erst später nach Athen, und sie kam auch nicht alleine dorthin, sondern: es war Anaxagoras, der die Philosophie von Kleinasien nach Athen brachte (wo sie dann zur Klassik aufblühte, ohne die wir heute vielleicht gar nichts mehr von der alten Philosophie wüssten, notabene - es waren Sokrates und Platon (oder umgekehrt) sowie Aristoteles und danach die drei Schulen des Hellenismus, die weltberühmt wurden [und ansonsten würden wir eben heute vielleicht nur noch die mathematischen Sätze von Thales und Pythagoras sowie eine lustige Geschichte von einem seltsamen Diogenes im Fass kennen, und natürlich auch ferner keinen Descartes, Newton, Kant oder Einstein, aber: das ist ja alles gar nicht auszudenken]).


Stillstand in der römischen Philosophie. Im Allgemeinen bildet die antike griechische Philosophie einen wundervollen Mikrokosmos der Philosophie. Viele Gedanken der moderneren Philosophie finden hier auch ihren Ursprung, wenngleich auch gesagt werden muss, dass die Suche nach einer Antizipation in der griechischen Antike manchmal auch etwas allzu angestrengt und gesucht anmutet. Da wird doch auch vieles heute behauptet, was wenig bis gar nicht haltbar ist. Trotzdem ist es auch wiederum interessant, dass die antike griechische Philosophie gar noch nicht (oder nicht mehr) so verstaubt ist, wie manche auch behaupten. Anführen zur griechischen Antike muss man natürlich auch den attischen Versuch der Demokratie, wenngleich das nur in einem relativ begrenzten Raum stattfand: das griechische Reich war politisch nicht einheitlich geordnet (so kennt man u.a. etwa den recht grossen Gegensatz zwischen Athen und Sparta); daher könnte es für die heutige Europäische Union EU vielleicht sogar der bessere Vergleichswert sein als das antike römische Reich. Die folgende römische Antike ist philosophisch weniger bedeutend und interessant: die Römer übernahmen im Wesentlichen das altgriechisch-polytheistische Göttersystem (!) und brachten nur recht wenige grosse Denker hervor, die sich in den meisten Fällen auch an der griechischen bzw. an der hellenistischen Philosophie orientierten (alphabetisch etwa: Boëthius, Cicero, Epiktet, Lukrez, Mark Aurel oder Seneca, auch grosse Dichter wie etwa Horaz, Ovid oder Vergil werden manchmal mangels philosophischen Köpfen dazu gezählt - die Dichterkunst war auch wesentlich bedeutender im Alten Rom). Der bekannteste römische Philosoph ist vermutlich der Stoiker Seneca, der interessanteste vielleicht der Eklektiker Cicero - dieser begründete vermutlich die einzige relevante neue Richtung in der römischen Philosophie: den Eklektizismus - und... bedeutend ist ganz sicher auch (philosophisch v.a. für die viel spätere, in Italien ausgelöste Aera der Renaissance, it. Rinascita) die grosse Bedeutung der (körperlichen und figürlichen) Kunst. Viel bedeutender für die spätere Zeit war das Rechtssystem der alten Römer: wir betrachten noch unser heutiges Recht begründet auf dem alten Römischen Recht. Immerhin war aber die Kunst an und für sich im alten Rom ebenso bedeutend wie im antiken Griechenland. Trotzdem: historisch ist also die römische Antike (natürlich) unbedingt zu erwähnen, philosophisch kann man sie aber ebenso gut praktisch weglassen... Unbezweifelbar jedenfalls befand sich die Philosophie zu jener Zeit auf einem absteigenden Ast (und die grossen Klassiker der griechischen Philosophie waren zu jener Zeit praktisch auch schon vergessen). Es waren also nicht die religiösen Christen, welche die klassische griechische Philosophie versenkten, wie manche heute fälschlicherweise behaupten, sondern ganz im Gegenteil: diese haben sie, wie wir sehen werden, aus der Versenkung wieder hervorgeholt. Mit der Zeit der alten Römer sind wir natürlich wieder in der Zeit auch des Christus Jesus: wir kennen aus der Bibel den römischen Statthalter Pilatus in Palästina, und in Rom selber war zu jener Zeit (eben) der grosse Augustus an der Macht, welcher als der erste Kaiser Roms überhaupt gilt (er war zumindest der erste römische Machthaber, der sich 'Kaiser' nannte [und nicht etwa Gaius Iulius Caesar, der vorher lebte, im ersten Jahrhundert vor Christi Geburt, aber natürlich das grosse Vorbild war für die nachfolgenden römischen Cäsaren oder Kaiser; später bedeutete der Kaiserbegriff im hochadligen Mittelalter: König der Könige, keiner der mittelalterlichen Kaiser erreichte aber je wieder die Stellung eines Augustus]). Vielleicht könnte man zum Untergang des alten römischen Reiches - mit dem Germaneneinfall - sagen, dass es Europa zu jener Zeit noch nicht gelungen war, eine gemeinsame europäische Philosophie - und Kultur - zu finden (und dass eben dieses Projekt am Anfang steht einer eigentlichen europäischen Integration).

P.S. Wenn wir schon sagen müssen, dass während der römischen Antike einen gewissen Stillstand in der Philosophie gegeben hat, so können wir gleichzeitig auch sagen, dass ebenfalls die Lehrtätigkeit des Aristoteles auf dem Balkan wenig einbrachte: dieser wurde nämlich von König Philipp II. in die makedonische Hauptstadt Pella gerufen, um dort den nachkommenden Herrscher Alexander den Grossen, seinen Sohn, in der Philosophie zu unterrichten. Makedonien hatte zwar zu dieser Zeit die Vorherrschaft im griechischen Reich - von Athen - übernommen, doch das Alexanderreich hatte nicht allzu lange Bestand und wurde ebenfalls kein Hort der Philosophie. Die Niederlagen in den makedonischen Kriegen führten schliesslich zur Vorherrschaft der Römer (bzw. eben zu der grossen Kulturablösung in der europäischen Antike: von den Griechen zu den Römern - sicher ein Beispiel dafür, wie auch Kriege den Weg der Philosophie beeinflusst haben, u.v.a.).

Unbedingt zu erwähnen ist in der Zeit der Antike natürlich auch die fernöstliche Philosophie. Und in diesem Bezug gibt es ein interessantes Phänomen zu vermerken: die grössten Philosophen des Fernen Ostens waren nämlich ungefähr um die Zeit von 500 vor Christus Zeitgenossen, nämlich Buddha (in Nepal und Indien), Laotse und Konfuzius (je in China: alle Drei* gelten sowohl als Religionsstifter wie auch als philosophische Persönlichkeiten, denn im Fernen Osten gibt es keine allzu klare Trennung zwischen der Religion und der Philosophie; ob sogar eventuell auch der grosse Religionsbegründer Zarathustra in Persien ebenfalls in diese Aera gehört, ist strittig, da seine Lebenszeit nicht genau bekannt ist [dasselbe gilt allerdings auch für Laotse]). Dies vor der griechischen Klassik, notabene, aber in der griechischen Philosophie war dieser Zeitpunkt nicht minder bedeutend: es war die Zeit jener griechischen Philosophen, welche die grosse Klassik vorbereiteten, indem sie die Philosophie auf einen menschlichen oder humanistischen Standpunkt stellten (insbesondere mit Parmenides, Anaxagoras und schliesslich Protagoras). Konfuzius kann als erster grosser Moralphilosoph überhaupt betrachtet werden, und natürlich ist er in der Philosophiegeschichte an und für sich eine herausragende Figur; die antiken Philosophen des Fernen Ostens spielen in China noch heute, nach rund 2500 Jahren, eine beachtliche Rolle. Im mittleren und nahen Osten herrschten während der Antike, wie im antiken Europa, die polytheistischen Götterwelten vor; bedeutende kulturelle Wendungen brachten im Mittelalter Mohammed in Arabien (im 6./7. Jahrhundert) und Shankara in Indien (im 8./9. Jahrhundert).

* Es gab natürlich viele weitere Persönlichkeiten der Religion und Philosophie im alten Fernen Osten. In Indien ist etwa der Jainismus zu erwähnen, die Lehre von Mahavira (ebenfalls um 500 v. Chr., vorherrschend zu jener Zeit war in Indien natürlich immer noch der althergebrachte Brahmanismus, weswegen der Buddhismus in seiner Verbreitung auch rasch auswich und fortschritt nach Süden und Osten bzw. Südosten [gleich übrigens wie das Christentum nach Norden und Westen bzw. nach Europa auswich, weil das Judentum in Palästina/Israel vorherrschte]). In China ist etwa Mo Ti als Philosoph bedeutend zu erwähnen (im späteren 5. Jahrhundert v. Chr.): er sprach in seiner Lehre von einer universellen Liebe (ein Thema, welches sich später im Christentum, oder zumindest in einer esoterischen Christologie, wiederfindet; ebenso findet sich übrigens die sogenannte goldene Regel Christi in einer ähnlichen Form im Werk von Konfuzius wieder: dieser Satz taucht allerdings in fast jeder Religion und in manchen Philosophien auf [und wo sie genau zuerst zu suchen ist, das ist nicht klar]).


Jesus Christus, der Messias der christlichen Religion * * * Paulus und seine Kritik der hellenistischen Philosophie * * * Justinus - der Christus als ganzer Logos * * * Patristik der Kirchenväter mit Augustinus von Hippo * * * Mohammed und der Islam * * * Grosses (auch: Morgenländisches oder Griechisches) Schisma und die Forderung nach Einsicht und Vernunft im Glauben (Anselmus von Canterbury) * * * Averroës, der Wiederentdecker des Aristoteles * * * Wissenschaftssynthese und empirische Erkenntnis (Roger Bacon, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham) * * * Scholastik der Kirchenlehrer mit Thomas von Aquino * * * Die Reformation von Martin Luther und die Renaissance der antiken Kunst.


Die christliche Theologie.

Der Übergang von der griechischen zur römischen Antike war ein europäisches Phänomen, die eigentliche Wirkungsgeschichte, welche das Mittelalter hervorbrachte, fand aber im Nahen Osten statt: im Lande Palästina (oder heute: Israel/Palästina) trat Jesus Christus als der von den altisraelitischen Propheten prophezeite Messias auf; jedenfalls haben das seine Jünger, Apostel, Anhänger und später sehr viele Leute so gesehen. Dieser Christus erwies sich als die bedeutendste religiöse Kraft auf der westlichen Hemisphäre*. Das Mittelalter ist im Westen wie im Osten durch religiöse Phänomene begründet: im Fernen Osten ist die Verbreitung des Buddhismus zu nennen, von Indien über Ostasien bis nach China; ferner ist die Begründung des Islams durch Mohammed in Arabien ebenso bedeutend wie die Erneuerung der indischen Religion durch Shankara. Wenn vielfach (im Westen) vom dunklen Mittelalter gesprochen wird, so muss man gleichzeitig auch von der dunklen Spätantike reden - eine Zeit auch der Esoterik und Alchemie (sowohl im südlichen Westen wie auch etwa in China).

* Auch wenn es das eigentlich gar nicht gibt, denn es gibt nur eine nördliche und südliche Hemisphäre, da die Himmelsrichtungen von Westen und Osten abhängig sind vom Standpunkt. So liegt für die Europäer China im Osten, für die Japaner aber liegt die USA im Osten (und China im Westen). Unsere Vorstellungen von Ost und West sind also letztlich eigentlich nur ideologische (oder eurozentristische) Begriffe. In der Wissenschaft der Geografie gibt es indessen den Nullmeridian, welcher die Welt tatsächlich in eine westliche und eine östliche Hemisphäre aufteilt; natürlich wurde dieser von Europäern begründet, und er verläuft exakt durch Greenwich in England, wo die Londoner Sternwarte steht (festgelegt wurde dies auf der Meridiankonferenz 1884, und dieser Nullmeridian bildet zusammen mit dem 180. Längengrad die beiden vertikalen Hemisphären [der grösste Teil Europas, inkl. der Schweiz, liegt dabei allerdings auf der östlichen Hemisphäre, in welcher 85% der Weltbevölkerung angesiedelt sind]).

Als erster grosser christlich-philosophischer Theologe gilt (wenn wir die biblischen Apostel weglassen): Justinus (mit dem Beinamen: der Märtyrer). Seine Behauptung hätte nicht grösser und bedeutender sein können: 'Der Christus ist der ganze Logos.' Mit diesem Satz machte sich die christliche Theologie an, die Urgrundphilosophie der Antike zu ersetzen bzw. die ganze Philosophie auf eine christliche Basis zu stellen. Die Theologie des Mittelalters wird grundsätzlich in zwei verschiedene Zeitalter eingeteilt: jenes der Patristik (Kirchenväter) und jenes der Scholastik (Kirchenlehrer). Der bekannteste Theologe der Patristik war der aus Nordafrika stammende Augustinus (auch: Aurelius Augustinus, oder: Augustinus von Hippo oder Thagaste, nebst etwa Ambrosius, Athanasius, Hieronymus, Origenes oder Tertullian, u.a.). Augustinus gilt als Vertreter eines Gottesstaatsprinzips, ebenso als bedeutendster philosophischer Verfechter der christlichen Dreifaltigkeit; er hat daneben aber auch eine durchaus rein philosophiegeschichtlich relevante Bedeutung, indem er z.B. der erste grosse Philosoph überhaupt war, welcher bedeutend über das Phänomen der Zeit nachdachte (in seinen 'Confessiones' [eine sehr bedeutende Sache, wenn wir etwa bedenken, welche Stellung die Zeit im Werk des relativistischen Physikers Einstein im 20. Jahrhundert spielte]). Das erste Jahrhundert des zweiten Millenniums nach Christi Geburt sollte eine ungeheure Bedeutung bekommen für die Philosophie und Geschichte Europas (und der Welt). Einerseits tauchte in diesem Zeitraum jener theologische Philosoph auf, welcher verantwortlich war für die Wende von der Patristik zur Scholastik: Anselmus von Canterbury, der aus Norditalien stammte und nach England auswanderte, mit seiner These, wonach der Glaube einsichtig werden soll, was so etwas wie eine erste klare Forderung für einen Vernunftbegriff war; andererseits ist zur selben Zeit das grosse Schisma in der christlichen Kirche zu vermerken: die Trennung zwischen der West- und der Ostkirche. In der Theologie des Mittelalters folgten weiter etwa Petrus Abaelardus, welcher eine Uneinigkeit der Kirchenväter feststellte, Thomas von Aquino, der mit seiner 'Summe der Theologie' zum eigentlichen Klassiker der katholischen Kirche wurde und mit seiner Wiederaufnahme der Philosophie von Aristoteles* die Grundlage für die Beschäftigung mit der aristotelischen Naturphilosophie am Anfang der neuzeitlichen Wissenschaft schuf, wobei er analog dem aristotelischen einen thomistischen Empirismus vertrat - ferner die bedeutende deutsche Mystik (Eckhart, Kues, früher auch Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen oder Mechthild von Magdeburg). In der Zeit der Wissenschaftssynthese bzw. der Synthese zwischen Religion und Wissenschaft/Vernunft sind zu erwähnen: Roger Bacon, Duns Scotus und Wilhelm von Ockham, welcher ein erstes eigentliches Rationalprinzip aufstellte (Occams Razor). Es wäre also falsch, zu sagen, in der Aera des christlichen Mittelalters sei philosophisch und wissenschaftlich nichts gelaufen - wie Glaubens-, Religions- und/oder Kirchenkritiker manchmal behaupten - sondern: in dieser Zeit wurden bereits die Grundlagen für die moderne Wissenschaft und Technik gelegt (inkl. auch der ganzen alchemistischen Bewegung, notabene; und sehr bedeutend war ferner im Mittelalter auch etwa die ganze Städte-Entwicklung in Europa). Besonders zu erwähnen ferner in wissenschaftlicher Hinsicht: Petrus Peregrinus mit seiner Abhandlung über den Magnetismus**, oder auch die italienischen Mathematiker Fibonacci, der das indisch-arabische Zahlensystem in Europa einführte, oder Pacioli, der Begründer der doppelten Buchhaltung (wobei man Letzteren auch schon der Renaissance zurechnen kann: der Übergang war fliessend, wie es bei Zeitepochenübergängen ja eigentlich immer der Fall ist). Besonders die leichtere Rechenweise mit den arabischen Ziffern sollte zu einer ganz neuen Art von Wissenschaft führen, und jene Verbindung von Wissenschaft und Mathematik begründen, die wir heute kennen.

* Die Wiederaufnahme der aristotelischen Philosophie gänzlich der christlichen Kultur zuzuschreiben, wäre aber falsch: vielmehr war der muslimische Philosoph Averroës der Erste, welcher dafür verantwortlich war. Im Werk von Thomas von Aquino erscheint denn fairerweise auch Aristoteles als 'der Philosoph' und Averroës als 'der Kommentator' (kein christlicher Dünkel also hier, sondern eine relativ faire Bewertung und Benennung). Sehr bedeutend erwähnen muss man die muslimische Kultur, u.a., auch im Bereich der Mathematik: der herausragende Name ist jener von Al-Chwarismi. Die neuere Mathematik fand ihren Weg von Indien über Arabien nach Europa (inkl. den indisch-arabischen Zahlen, denn mit den altrömischen Zahlen, die vorher in Europa noch gängig waren, liess sich relativ schlecht eine neuere Mathematik betreiben [ein weiteres Beispiel dafür, dass es gar nicht unbedingt in erster Linie das Christentum war, welches die aufkommende Wissenschaft behinderte im Mittelalter, sondern vielmehr das Erbe der vorangegangenen Antike: der erste Europäer, welcher das Rechnen mit den indisch-arabischen Zahlen erlernt haben soll, könnte der französische Mönch Gerbert d'Aurillac um das Jahr 970 gewesen sein (jedenfalls liest man das so), Fibonacci führte erst im Jahre 1202 die heutigen Zahlen ein und erst im Jahre 1524 fanden diese eine Verbreitung in ganz Europa durch das Rechenbuch von Adam Riese, zu einer Zeit, welche schon mitten in der Renaissance oder gar dem Anfang der Neuzeit lag, mit der ganzen Umwälzung des Denkens, welche mit dieser Zeit verbunden ist: wer die Schuld an der langsamen Einführung des neuen und besseren indisch-arabischen Zahlensystems alleine der Kirche zuführen will, verkennt die Realität: wenn Buchstaben- oder Zahlensysteme geändert werden, so sind dies natürlich ganz einschneidende Systemänderungen, die ihre Zeit benötigen, und diese Änderung scheint nicht übermässig lange gedauert zu haben, eigentlich, zu einer Zeit, die natürlich auch nicht über die heutigen Kommunikationsmittel verfügte]). Auch punkto Energiegewinnung machte man jedoch im Mittelalter einige Fortschritt, wobei dies noch rein durch (wie wir heute sagen würden) alternative Energien geschah, vorab mit Wind- und Wassermühlen (womit man zwar Energie gewinnen konnte, aber das grosse Problem war natürlich noch die Energieübertragung bzw. der Energietransport - daran studierte man noch gar nicht gross herum, sondern an einem Perpetuum Mobile, d.h. an der wahrscheinlichen Unmöglichkeit einer unerschöpflichen Energiequelle). Schon diese Wind- und Wassermühlen galten indessen als Symbole eines von konservativistischen Geistern sehr argwöhnisch betrachteten Fortschritts, wie der literarische Kampf Don Quichotes gegen die Windmühlen zeigt.

** Sehr interessant, dass zu jener Zeit der Magnetismus das bedeutendste Phänomen der Physik war, was sich fortsetzte bis zu Newton (im 17./18. Jahrhundert), mit seiner Gravitationstheorie (wie sehr noch Newton, wie auch viele andere frühe Wissenschaftler, der Philosophie zugerechnet werden kann, zeigt übrigens der Titel seines Hauptwerks, deutsch: 'Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie'). 1601 führte der britische Wissenschaftlicher William Gilbert den Begriff der Electrica (Elektrizität) ein, obwohl das Phänomen bereits im Altertum und in der Antike bekannt war, und in der Folge verschob sich das naturwissenschaftliche (Haupt-) Gewicht und Interesse langsam aber sicher vom Phänomen des Magnetismus zum Phänomen der Elektrizität (mit Grössen wie Franklin, Galvani, Volta, Coulomb, Ohm, Ampère, Faraday oder Maxwell, u.v.a.).


Indisch-arabisches Zahlensystem in Europa (Fibonacci) und Bedeutung der Mathematik * * * Universalgelehrte (Alberti, Da Vinci, Cardano) * * * Heliozentrisches Weltbild (Kopernikus) * * * Galilei: De Motu (Über die Bewegung) * * * Emprismus vs. Rationalismus * * * Wissenschaftsphilosophen (F. Bacon, Descartes, Laplace) * * * Erste Staatsphilosophen - Philosophie des Staates * * * Newton und das mechanische Universum der Physik * * * Chemische Elemente und Periodensystem der Elemente * * * Enzyklopädisten (Diderot, D'Alembert).


Die neuzeitliche Wissenschaft.

Nicht nur das neue Zahlenstystem war bedeutend für die aufkommende Wissenschaft, sondern natürlich auch der Buchdruck mit beweglichen Lettern (eingeführt 1045 in China, 1450 in Europa [von Gutenberg]). Die wissenschaftlichen Erkenntnisse mussten relativ rasch verbreitet werden können, um die wissenschaftliche Dynamik der Neuzeit zu begründen. Dazu kam die Erfindung wichtiger technischer Hilfsmittel: bereits im 13. Jahrhundert wurden Linse, Fernrohr und Mikroskop erfunden, aber auch die Uhr, später gab es auch Rechenhilfen dazu (erst im 17. Jahrhundert). Es brauchte also die Erfüllung einiger Voraussetzungen, um das Phänomen der Wissenschaft der Menschen zu dem zu machen, was es heute ist.

Die Zwischenphase zwischen dem christlichen Mittelalter und der neuzeitlichen Wissenschaft nennt man: Renaissance (d.h. Wiedergeburt [gemeint war damit etwa die Wiedergeburt einer klassisch-antiken Humanismusphilosophie]). Unter den Renaissance-Philosophen möchte ich Giovanni Pico della Mirandola hervorheben und sein Werk über die Würde des Menschen (weitere etwa: Petrarca oder Erasmus). Der Mann aber, welcher dann als Inbegriff steht für die Wendung vom Mittelalter zur Neuzeit in wissenschaftlicher Hinsicht, ist der Physiker Galileo Galilei. Er stellte die aristotelische Physik in Frage und begründete eine neuzeitliche Theorie über die physikalische Bewegung. Natürlich zeigte sich bekanntlich gerade bei ihm, u.a., auch ein gewisser ängstlicher Vorbehalt der Kirche gegenüber dieser neuen Wissenschaft, was wir auch nicht verschweigen wollen, wenn wir vorhin die christliche Theologie gelobt haben für ihre wissenschaftliche Bedeutung (dieser Vorbehalt erscheint einerseits verständlich, anderseits aber auch übertrieben, denn diese neue Wissenschaft war mit einem theologischen Einwand nicht aufzuhalten). Philosophisch untermauerten v.a. Francis Bacon und René Descartes das neue (natur-) wissenschaftliche Weltbild. In der Philosophie spricht man zu dieser Zeit von einem Widerstreit zwischen einer empiristischen Position (Bacon, Locke, Hume) und einer rationalistischen Position (Descartes, Spinoza, Leibniz), in welchem es darum ging, ob die Wahrheit a posteriori (d.h. der [Sinnes-] Erfahrung nachfolgend) oder a priori (d.h. der Erfahrung vorausgehend) gegeben sei, realiter haben aber beide Positionen zusammen die neue Wissenschaft begründet: der Rationalismus durch die Analytik, die Mathematik und den Determinismus, der Empirismus durch die experimentelle Forschungsweise und das ewige Weiterfragen. Der Physiker Isaac Newton, der vielleicht den eigentlichen Übergang von der Philosophie zur Wissenschaft signalisiert, bildete dann mit seinen mechanischen Gesetzen und seinem mechanistischen Weltbild so etwas wie die erste grosse Spitze der Naturwissenschaft. Und nach ihm begründete Pierre-Simon de Laplace das deterministische Prinzip der Wissenschaft, welches besagt, dass die Wahrheit vorbedingt und vorgegeben ist (und dass nur die Wissenschaft sie richtig erfassen und behaupten kann). Weitere Spitzen der neuzeitlichen Wissenschaft lagen etwa bei der Entdeckung der Elektrizität oder der Radioaktivität (u.v.a., natürlich). Die Philosophie rückte bereits zu diesem Zeitpunkt, wenn man sie direkt mit der Wissenschaft vergleicht, etwas in den Hintergrund. Das Paradigma der Neuzeit wurde ganz eindeutig von der Wissenschaft bestimmt, in welcher sich auch immer mehr Spezialgebiete herausbildeten, die quasi der Philosophie entzogen wurden. In der Antike war der Philosoph in Sachen Wahrheit und Weisheit noch ein Generalist, nun aber gab es Spezialisten, mit welchen der Philosoph in deren Spezialgebiet nicht mehr mithalten konnte, und aufgrund der zunehmenden Komplexität der wissenschaftlichen Bereiche, wurde auch seine Funktion an und für sich immer mehr in Frage gestellt (dies führte sogar später zu Ansätzen der Verneinung der Philosophie durch Philosophen selber - etwa bei Nietzsche oder Wittgenstein, u.a. - der resignierende Philosoph?). Jedenfalls ist die Position des Philosophen mit der Wissenschaft einiges schwieriger geworden. Die Konsequenz der Philosophie aus diesem Dilemma war, dass sie sich vorerst einmal ein bisschen auf das Gebiet der Geistes-, Sozial- oder Kulturwissenschaften zurückzog, wo sie noch mehr zu sagen dürfen glaubte (als in den Sphären, welche die Naturwissenschaft betraf, wo sie in Gebieten später auch wie etwa der Mikrobiologie, der Quantenphysik oder der Astrophysik sowie der ganzen neuen Technikwissenschaft, u.a., doch zunehmend verloren schien).

Bedeutend waren - wie gesagt - nicht nur die Praktiker, also die Experimentierer und Mathematiker, sondern auch die philosophischen Vordenker der aufkommenden Wissenschaft. Sowohl Bacon wie Descartes, die als philosophische Begründer des neuzeitlichen Wissenschaftsparadigmas gelten, kamen mit der aufkommenden Umweltproblematik und -ethik gegen Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend in Kritik, namentlich etwa in Büchern wie 'Wendezeit' vom Vulgärphilosophen Fritjof Capra oder 'Das Bacon-Projekt' von Lothar Schäfer (und die erste bedeutendere Wissenschaftskritik stammte vielleicht sogar vom Schweizer Schriftsteller Dürrenmatt [in seinem Physikerdrama, 1962]). Wie so vieles heute, ist wohl auch das neuzeitliche Wissenschaftsparadigma ambivalent zu betrachten: einerseits benötigt der Mensch eine Wissenschaft und Technik, andererseits können wir heute aber auch nicht mehr davon ausgehen, dass ein blinder Fortschrittsglauben in Wissenschaft und Technik keine Probleme und Fragen aufwerfen würde. Das heisst: Philosophen werden schon alleine nur deswegen weiter benötigt, damit die reine Wissenschaft und die reine Wirtschaft in ein richtiges Licht gestellt werden - welches durch die Philosophie weder verdunkelt noch überhellt werden soll. Die Position des Philosophen hat sich also gewandelt: von einem über die Dinge schauenden Naturphilosophen zu einem zwischen den (bzw. allen) Gebieten und Themen stehenden Mittlerphilosophen (oder: Philosophievermittler). Die Philosophie war auch nach der Begründung der Wissenschaft und deren ersten Höhepunkten (natürlich) noch gar nicht zu Ende, sondern: sie hatte noch einen weiteren Trumpf im Ärmel - die grosse Aufklärung, welche seither sogar oft als das eigentlich grosse Projekt der Philosophie überhaupt behauptet wird. Diesem voraus ging das Werk der grossen Enzyklopädisten. Die Wissenschaft rief danach, das ganze neue Wissen zu sammeln und zusammenzubringen - dafür wurden sogenannte Enzyklopädien (also: Wissenssammlungen) geschrieben. Die Enzyklopädisten sammelten aber nicht nur reines Wissen, sondern sie schrieben auch (philosophische) Kommentare. Bekannte Enzyklopädisten gab es nicht nur in Frankreich; zu nennen sind z.B. Ephraim Chambers in England ('Cyclopaedia', 1728), Denis Diderot und Jean Baptiste le Rond D'Alembert in Frankreich ('Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers', 1751-1780), Johann Georg Krünitz in Deutschland ('Oeconomische Encyclopädie', 1773-1858).

Zitat aus der Enzyklopädie (1751: L'Encyclopédie, Tome 1, AUTORITÉ): "Je ne prétens pas néanmoins que l'autorité ne soit absolument d'aucun usage dans les sciences. Je veux seulement faire entendre qu'elle doit servir à nous appuyer et non pas à nous conduire; et qu'autrement, elle entreprendroit sur les droits de la raison: celle-ci est un flambeau allumé par la nature, et destiné à nous éclairer; l'autre [l'autorité] n'est tout au plus qu'un bâton fait de la main des hommes, et bon pour nous soûtenir en cas de foiblesse [faiblesse], dans le chemin que la raison nous montre." (Texte établi par Diderot et d'Alembert - das war und ist natürlich nichts Anderes als der Versuch, den Begriff der Vernunft über die herrschenden Dinge wie Autorität, Regierung und Gesetz zu stellen und diese damit in einem gewissen Sinn zu relativieren; man könnte auch sagen, dass der Erfolg der Naturwissenschaft die Philosophen zu dieser Zeit auf den Pfad der Geisteswissenschaft geführt hat [indem sie das naturwissenschaftliche Wissen zusammenbringen mussten und dabei wieder auf die geisteswissenschaftlichen Begriffe gestossen sind, die sie ebenfalls neu definieren mussten].)


Französische Aufklärung und Revolution (Montesquieu, Voltaire, Rousseau) * * * Immanuel Kant, der Satz der Vernunft und der deutsche Idealismus * * * Smith und der ökonomische Liberalismus * * * Bentham und die utilitaristische Wohlstandsformel * * * Darwin und der (Sozial-) Darwinismus * * * Marx und der Marxismus * * * Nietzsche und die Kulturkritik * * * Einstein und der Relativismus * * * Existentialismus im 20. Jahrhundert * * * Umweltphilosophie und Tierethik.


Die Aufklärung, die Revolution und die Politik: die moderne Zeit.

(Dieses Bild steht für junge bis jugendliche Arbeiter, vermutlich Fabrikarbeiter: Wissenschaft ist ja gut und recht, aber was ist denn eigentlich mit den Leuten?) Mit der reinen (Natur-) Wissenschaft war das philosophische Erbe der Zeit der Renaissance ja noch nicht befriedigt. Es stellte sich die Frage, was diese für die Gesellschaft an und für sich bedeuten sollte. Diese Frage rief die sogenannten Staatsphilosophen auf den Plan, allen voran Thomas Hobbes. Er verteidigte zwar die absolutistische Politik und Gesellschaftsform jener Zeit, gilt aber (wie etwa auch Hugo Grotius) trotzdem als Vorreiter der nachfolgenden Aufklärung, u.a. durch seinen Begriff des Gesellschaftsvertrags, welcher später auch von Locke und Rousseau bedeutend aufgenommen wurde. Dieser Begriff stellte nämlich die Frage nach den Verhältnissen in der Gesellschaft, eine Frage, die in philosophischen Sphären zuvor kaum oder gar nicht gestellt wurde. Es war Zeit für die Aera der Aufklärung. Die bedeutendsten Vertreter sind etwa Bayle, Abbé de Saint-Pierre, Montesquieu, Voltaire und v.a. auch Jean-Jacques Rousseau in Frankreich, später wurde Immanuel Kant in Deutschland zur zentralen und quasi abschliessenden Figur dieser Aera. Die französischen Aufklärer bereiteten die (französische) Bürgerrevolution des 18. Jahrhunderts vor - mit deren Losung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - und es war sicher kein Zufall, dass diese Revolution wider die alte feudale Gesellschaftsordnung des Mittelalters gerade in Frankreich stattfand: hier hatte der Sonnenkönig Louis XIV. den politischen Absolutismus derart übertrieben vorgeführt, dass es kaum möglich erschien, dass die Philosophie darauf nicht antwortete. Nach und nach, wenn auch mit einigen Stockungen und Umwegen, entstanden aus dieser Bewegung die heutigen demokratischen Nationalstaaten. Die Sieger und Vollstrecker dieser Revolution waren - politisch gesehen - die Liberalisten, dies im Zuge der industriellen Revolution auch, welche dieser neuen Bewegung einen ungeheuren Schub gab. Adam Smith steht für den ökonomischen Liberalismus in England - die Liberalisten wollten wirtschaftlich v.a. die Handelsfreiheit erreichen. Bald aber folgte die Erkenntnis, dass die Industrialisierung nicht nur Vorteile und Freiheiten für die Leute brachte, sondern: dass es auch einige Dinge dabei gab, die kritisierenswert sind, allen voran die Ausbeutung der Arbeiterschaft und der Ressourcen überhaupt. Diesem Thema nahmen sich die Sozialisten an, zuerst mit dem Utopischen Sozialismus (Saint-Simon, Owen, Fourier), dann mit dem Kommunismus/Marxismus (Marx/Engels, Lenin) und schliesslich mit der Sozialdemokratie. Karl Marx gilt mit seiner (kommunistischen) Idee der klassenlosen Gesellschaft als bedeutendster Autor des Sozialismus (und damit auch als der grosse ideologische Gegenspieler von Adam Smith). Unter dem Begriff des Bürgertums verstand er nicht das Volk, sondern: eine herrschende Klasse (Bourgeoisie) - der Begriff wird heute noch verschiedenartig verwendet (wie war es nun eigentlich genau bei der Revolution gemeint?). Aus dem Widerspruch zwischen den Liberalisten und den Sozialisten entwickelte sich die heutige Parteienlandschaft in der demokratischen Politik (bzw. der bedeutendste und grundlegendste Teil davon). War die Wissenschaft das Leitmotiv der ersten Periode der Neuzeit, so ist es in dieser zweiten Periode - bis heute - vermutlich die Ökonomie (eigentlich ist oder wäre es die Politik, da aber in der Politik die Ökonomie die grösste Rolle spielt, ist es eher die Ökonomie).

Nun wird es ein kleines bisschen komplizierter (aber nur ein wenig, denn diese Darstellung der Philosophiegeschichte soll so einfach sein, dass sie auch für einen Philosophieneuling verständlich ist [und doch aber vielleicht auch noch ein paar kleinere Überraschungen bereit hält für einen Philosophiekenner]). Was bis hier geschildert wurde, ist die eine Entwicklungslinie, womit gesagt ist, dass es noch eine andere gibt. Ich nenne diese beiden Linien die realistische (sowie auch materialistische) und die idealistische* Entwicklungslinie der neuzeitlichen Philosophie. Bei der realistischen geht es also v.a. um wissenschaftliche, politische und ökonomische Dinge, in der zweiten dagegen - welche für die reine Philosophie eigentlich heute noch fast bedeutender ist - geht es um das, was wir heute 'Philosophie des Geistes' nennen, oder besser eigentlich: Analytik des Geistes (oder auch: des Bewusstseins). Um diese zweite Entwicklungslinie zu verstehen, müssen wir in der Geschichte etwas zurückgehen, nämlich zur Person des grossen englischen Philosophen John Locke, in welcher sich beide Linie kreuzen. Locke steht ebenso für seinen (naturwissenschaftlichen) Empirismus wie auch für seine erkenntnistheoretischen Ansätze. Diese können auf die einfache Frage reduziert werden: Wie funktioniert eigentlich unser Denken? Denn das müssten wir ja wissen, um zu sagen, was wir überhaupt wissen können und sollen. Im Vordergrund steht eine Analyse der Vorstellungen des Denkens. Locke, Berkeley und Hume machten sich in der Neuzeit die ersten bedeutenden Gedanken zu diesem Thema (ich muss ehrlich gestehen, dass ich über das arabische und christliche Mittelalter diesbezüglich noch zu wenig Bescheid weiss - ich werde dieser Frage noch nachgehen). Immanuel Kant sagte, er sei dank Hume aus seinem erkenntnistheoretischen Schlummer erwacht. Dem Idealismus von Berkeley hielt er das Ding an sich entgegen. Doch der Deutsche Idealismus mit Fichte, Schelling und Hegel ging wieder in die andere Richtung. Ganz einfach erklärt, ging es im Idealismus etwa um diese Behauptung: Wir können nur etwas aussagen darüber, was in unserer Vorstellung vor sich geht, aber darüber, wie die Welt wirklich beschaffen ist, können wir so gut wie nichts aussagen. Natürlich entspricht dies einer Art erkenntnistheoretischem Schock für die Menschen (zurückbezogen auf den Kartesianismus könnte man sagen, dass der Idealismus das Objekt verwirft und nur noch das Subjekt bzw. die Ideen des Subjekts, oder nach Descartes: die res cogitans, untersucht). Vielleicht ist es auch eine etwas allzu introvertierte Auffassung, aber immerhin hat man doch dadurch viele interessante Fragen und Gedanken über unser Denken aufgeworfen. Nach den Idealisten folgten die Individualisten (mit Schopenhauer, Stirner und Nietzsche), während Husserl - v.a. in seinem Frühwerk - mit seiner idealistischen Phänomenologie noch einmal auf einen Fundamentalidealismus zurückkommen wollte: dem reinen Bewusstsein, welches er als einen absoluten Grund betrachtete, würde alles Seiende der Welt seinen Sinn und seine Geltung verdanken (das war gleichzeitig ein Höhepunkt der idealistischen Philosophie - Hume und Kant sprachen vom Handeln, Schopenhauer und Nietzsche vom Willen, Brentano und Husserl von der Intention - wie auch eine Überzeichnung der idealistischen Position). In den USA ging der Pragmatismus (Peirce, James, Dewey) der Auseinandersetzung zwischen dem Idealismus und dem Realismus geschickt aus dem Weg, jedoch auf Kosten der wissenschaftlichen Bedeutung der Philosophie (zugunsten letztlich der reinen Disziplinenwissenschaften sowie der Wirtschaft, aber auch der Religion - ganz ausgerichtet auf die US-amerikanischen Verhältnisse). In der europäischen Philosophie des 20. Jahrhunderts kann man ganz grob vielleicht von drei grossen Richtungen in der Philosophie sprechen: erstens mit der Analytischen Philosophie (v.a. mit der Sprachanalyse, einem Nebengeleis quasi der 'Philosophie des Geistes' [Wittgenstein, Russell sowie diverse Philosophen in den USA, welche hierin eine neuen wissenschaftlichen Ansatz der Philosophie sahen]), zweitens - beruhend auf der Kulturkritik - mit dem Poststrukturalismus (mit seinem Zentrum in Frankreich [Foucault, Deleuze, Derrida]) und der Kritischen Theorie (mit ihrem Zentrum in Deutschland [Horkheimer, Adorno]) sowie drittens mit dem Existentialismus (mit dem Anfang in Deutschland [Heidegger, Jaspers] und der Weiterentwicklung in Frankreich [Sartre, Marcel - zurückgehend natürlich bis auf Kierkegaard]). Das sind natürlich längst nicht alle Richtungen, sondern: das ist nur ein Versuch, ein paar grobe Linien aufzuzeigen, die zum Verständnis der weit verzweigten Philosophiegeschichte dienen können. (Weiteres zur aktuellen Philosophie gibt es weiter unten.)

* Die Begriffe vom Realismus und Idealismus, wie ich sie hier verwende (bzw. wie die Philosophie sie verwendet [oder verwenden sollte]), sind nicht kongruent, aber doch äquivalent zu den allgemeinsprachlichen Begriffen. Der Idealismus meint tatsächlich eine Philosophie, welche von den Ideen ausgeht (oder im kartesianischen Begriff: von der res cogitans), der Realismus dagegen eine Philosophie, die von den Dingen ausgeht (oder im kartesianischen Begriff: von der res extensa). Im Gegensatz zu den Alltagsbegriffen sind aber in den philosophischen Begriffen keinerlei volkstümliche Vorurteile einbegriffen (d.h. der Realismus ist nicht gut und der Idealismus schlecht, oder umgekehrt, sondern die Begriffe werden wertneutral verwendet [jedenfalls sollte dies so sein]).


P.S. (I). Wo sind denn eigentlich die Frauen? Natürlich gibt es auch Frauen in der Philosophiegeschichte (und auch in der Geschichte der Theologie). Aber ganz ehrlich gesagt: die ganz grossen Marksteine haben die Frauen in der Philosophiegeschichte bisher nicht gesetzt. Ob dies so ist, weil die Frauen das nicht gekonnt hätten, oder weil sie nicht gehört wurden, ist nicht klar. Klar scheint nur, dass sich dies in der Zukunft ändern könnte. Ich weiss nicht, ob ich die Frauenphilosophie richtig einschätze, aber ich meine, dass wir die grossen philosophischen Ansätze von Frauen vielleicht gar nicht in der Philosophie, sondern in der Kunst suchen können. Mehr als bei den Männern scheinen sich grosse philosophische Gedanken von Frauen von der Kunst abzuleiten. Ein Beispiel diesbezüglich ist für mich die minimalistische Malerin Agnes Martin (1912-2004 - aufmerksam geworden bin ich auf die kanadisch-amerikanische Künstlerin durch einen Dokumentarfilm eines Schweizer Regisseurs [Thomas Lüchinger: "On A Clear Day - Agnes Martin", 2000]). Ganz unscheinbar hat sie ihrem relativ bekannten malerischen Werk auch einige philosophische Essays angefügt - insbesondere ihre Gedanken über die Inspiration in der Kunst sind interessant und berührend. Nie habe ich überdies einen Philosophen gehört, welcher dermassen direkt die alte Auffassung von Aristoteles aufgenommen hat, wonach das Glück das höchste Gut des Menschen sei (ohne freilich sich auf diesen zu beziehen: sie geht eher von einem buddhistischen Ansatz aus, scheint aber auf das selbe Resultat zu kommen). Agnes Martin schreibt in ihrem so typischen einfachen und direkten philosophischen Mut: "Was wir wirklich wollen, ist dem Glück dienen. Wir möchten, dass alle glücklich sind, nie unglücklich, auch nur für einen Augenblick. Wir möchten, dass die Tiere glücklich sind. Das Glück eines jeden Lebewesens ist das, was wir wollen. Wir wünschen es sehr, doch wir können es nicht herbeiführen. Wir können nicht einmal einen einzigen Menschen glücklich machen. Es scheint, dass diese Sache, die wir mehr als alles andere wollen für uns unerreichbar ist. Doch wir sind geboren, dem Glück zu dienen, und das tun wir auch." [Agnes Martin: "Writings - Schriften", 1992]. Wunderbar! Ja, vielleicht müssen wir die grossen philosophischen Frauen in der Kunst suchen (vielleicht ist auch das Verhältnis von Frauen in der Kunst zur Kunst ein tieferes, als dies bei Männern der Fall ist [man kann das wahrscheinlich nicht generell sagen, aber vielleicht exemplarisch]).

Unterwegs zu einer Philosophie der Liebe? Martha Nussbaum über Liebe und Gerechtigkeit, Angelika Krebs über Liebe und Abhängigkeit, Brigitte Kronauer über Liebe und Boshaftigkeit, Connie Palmen über Liebe und Leidenschaft. - Auch interessant zu diesem Thema: Derrida, Wurmser.

Und Bertrand Russell ("Love is wise")? Positivistischer Pazifismus genügt nicht zur Weltverbesserung. Und... Russell tönt irgendwie nach Jiddu Krishnamurti. Krishnamurti: The world is stupid. Russell: The world is not stupid but ignorant. Haben sie nicht recht in einem gewissen Sinn? Was aber, wenn sie recht hätten? Wie wollen sie eine Welt verbessern, welche dumm und/oder ignorant ist? Mission Impossible. Game Over. (Sanders for President!)





Erfreulichere und weniger erfreuliche Zukunftsperspektiven zum Schluss hier.

Auf jeden Fall erfreulich: ein Besuch der Website von Phillip Martin.


P.S. (II). Und wo ist denn eigentlich die Natur- und Umweltphilosophie? Gibt es überhaupt eine Natur- und Umweltphilosophie? Das gibt es tatsächlich - mit Namen wie (alphabetisch nach Nachnamen): Dieter Birnbacher, Gernot Böhme, Ernst Haeckel, Hans Jonas, James Lovelock, Humberto Maturana, Arne Naess, John Passmore, Holmes Rolston (III), Lothar Schäfer, Michel Serres, Paul Shepard, Peter Singer, Paul W. Taylor, Francisco Varela (u.a.). Trotzdem muss man sagen, dass die Natur- und Umweltphilosophie nur ein Nebenthema der aktuellen Philosophie ist (besonders etwa auch in der derzeit so bedeutend erscheinenden US-amerikanischen Philosophie) - und dass ihr Höhepunkt eigentlich auch fast schon wieder etwas vorbei ist. Einige Philosophen haben einzelne oder vereinzelte Werke zu diesem Thema geschrieben, aber kaum einer hat das Thema konsequent ausgearbeitet. Angesichts der grossen Zukunftsproblematik erstaunt dies doch ein bisschen. Und das ist auch ein grosser Vorwurf meinerseits an die aktuelle Philosophie: dass sie dieses grosse und epochale Thema nicht besser behandelt (und der Politik den Spiegel der Verantwortung nicht bedeutender und bewegender hinhält). Philosophen oder Philosophinnen des 21. Jahrhunderts, für welche der Natur- und Umweltschutz nicht mit ins Zentrum ihrer Philosophie gestellt ist, kann ich nicht so recht begreifen. Ebenso schlecht wie die Ökologie wird von der heutigen Philosophie auch die Soziologie behandelt (und es droht der soziologische Stillstand, wenn nicht sogar Rückschritt - das sind wohl je bereits selbstständige Wissenschaften, aber vergleichsweise unterentwickelte Wissenschaften - verglichen mit ihrer tatsächlichen Bedeutung). Philosophiert die heutige Philosophie an den eigentlich aktuellen Themen vorbei? Aus meiner Sicht, ganz eindeutig: ja.


Die Philosophie in den Medien, die Fragen der Zeit und der Public Intellectual.   [TOP.]

Zwischen 2006-2008 lief im Bayrischen Rundfunk eine Sendung, welche den sehr gelungenen Versuch wagte, die Philosophiegeschichte im Fernsehen zu diskutieren: 'Denker des Abendlandes'. Der Physiker Harald Lesch und der Philosoph Wilhelm Vossenkuhl sprechen über philosophische Themen. In dieser Serie geht es um die Vorstellung der Philosophen. (Hier, gibt's die verschiedenen Folgen zum Anklicken und Onlineschauen - die fehlenden finden sich auch hier, beim Bayerischen Fernsehen [erste Folge: Philosophie allgemein]; in der vorangegangenen Sendereihe Lesch & Co. ging es 2003-2006 mit denselben Protagonisten um allgemeine philosophische Themen). Bereits seit 2002 gibt es - vielleicht etwas überraschend - auch Philosophie im Schweizer Fernsehen: mit der Sendung 'Sternstunde Philosophie'. Diese Sendung ist eines der ersten philosophischen Formate in den Massenmedien überhaupt! Solche habe ich erst in den 1990-er Jahren gefunden (ohne Gewähr!). Vorher hatten die Philosophen zwar auch einen Platz in den allgemeinen Kultursendungen, aber keine eigenen philosophischen Formate. Die Philosophie in den Medien schuf auch den Typus des Medienphilosophen bzw. (philosophischen) Public Intellectual (welchen es im anglikanischen Sprachraum schon früher gab, während dies in Deutschland erst in den letzten Jahren aufkommen ist [Definition: "A well-known, intelligent, learned person whose written works and other social and cultural contributions are recognized not only by academic audiences and readers, but also by many members of society in general." (wiktionary.org). Der Begriff des Intellektuellen soll im Zuge der Dreyfus-Affäre, in welcher Wissenschaftler, höhere Beamte und vor allem auch Künstler und Literaten gegen einen Justizirrtum protestierten, in Frankreich aufgekommen sein (1898) - zuerst eigentlich als negativer Begriff.]). Der (philosophische) Public Intellectual, welcher eine der bedeutendsten Figuren in der Philosophie geworden ist, wird von den Medien zu aktuellen Themen befragt und vertritt damit die Philosophie vor dem breiten Publikum. Der Public Intellectual ist natürlich idealerweise ein Philosoph, andererseits werden auch Personen aus anderen Gebieten leichter der Philosophie zugerechnet werden, wenn sie als Public Intellectual auftreten - dieser scheint also per se etwas Philosophisches an sich zu haben. Die bedeutendste philosophische Sendung im deutschsprachigen Raum ist derzeit diejenige von Precht.

Bedeutendste philosophische Medienformate (Massen-/Unterhaltungsmedien).

1991/1997-dato "Philosophy Now" (Zeitschrift, USA - Chefredaktor: Rick Lewis [1991 lokal, 1997 national]).
1994-dato "Sternstunde Philosophie" (Fernsehsendung, CH - Schweizer Radio und Fernsehen SRF, Moderatoren: Herbert Meier, Klara Obermüller, Norbert Bischofberger, Barbara Bleisch, Katja Gentinetta, Stephan Klapproth).
?-dato "Das philosophische Radio" (Radiosendung, DE - WDR5, Moderator: Jürgen Wiebicke).
2001-2006 "Lesch & Co." (Fernsehsendung, DE - BR-alpha, Moderatoren: Harald Lesch & Wilhelm Vossenkuhl).
2002-2012 "Das Philosophische Quartett" (Fernsehsendung, DE - Zweites Deutsches Fernsehen ZDF, Moderatoren: Peter Sloterdijk & Rüdiger Safranski).
2004-dato "Philosophy Talk" (Radiosendung, USA - Valley Public Radio, Moderatoren: Ken Taylor & John Perry).
2006-2008 "Denker des Abendlandes" (Fernsehsendung, DE - Bayrischer Rundfunk BR, Moderatoren: Harald Lesch & Wilhelm Vossenkuhl).
2006-dato "Philosophie Magazine" (Zeitschrift, FR - Chefredaktor: Michel Eltchaninoff).
2007-dato "Philosophie" (Fernsehsendung, FR - ARTE, Moderator: Raphaël Enthoven).
2007-dato "Philosophy Bites" (Poadcastserie, USA - Moderatoren: Nigel Warburton & David Edmonds).
2008-dato "scobel" (Fernsehsendung, DE - 3sat, Moderator: Gert Scobel).
2011-dato "Philosophie Magazin" (Zeitschrift, DE - Chefredaktor: Wolfram Eilenberger).
2012-dato "Precht" (Fernsehsendung, DE - Zweites Deutsches Fernsehen ZDF, Moderator: Richard David Precht).
2012-dato "The Public Philosopher" (Radiosendung, ENG - BBC Radio 4, Moderator: Michael Sandel).

Es gibt verschiedene Arten von philosophischen Sendungen, und es gibt auch viele verschiedenen Arten von Philosophen - die Einen sind so, die Anderen aber ganz anders, und die gängige Vorstellung von einem Philosophen wird dabei meistens etwas enttäuscht - hier ein Beispiel dazu: Paul K. Feyerabend (über die Wissenschaft und die Religion - wie Dürrenmatt und Frisch verstarb Feyerabend in den früheren 1990-er Jahren [und mit diesen eine ganze Generation von typischen Intellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts]). Auf den verschiedenen Videokanälen gibt es viele interessante Videos zur Philosophie zu sehen - zwei Diskussionen mit zeitgenössischen Philosophen, die von verschiedenen Ansätzen ausgehen: Peter Sloterdijk (über die Gesellschaft und die Zeit) und André Comte-Sponville (über das Glück und die Weisheit, frz.). Die beiden Beispiele zeigen auch: immer stärker rücken Medienphilosophen in den Vordergrund, d.h. Philosophen, die mediengewandt sind. Der studierte Universitätshintergrund und die mediale Gewandtheit scheinen heute die Hauptfaktoren zur Bekanntheit und Bedeutung eines Philosophen zu sein (und/oder zu werden); aber es gibt - wie immer - auch andere, welche dem gängigen Trend nicht unbedingt entsprechen. Philosophen sprechen heute über dies und das, und es gibt fast nichts, worüber sie nicht sprechen. Das Ganze gleicht in unseren heutigen medialen Zeiten irgendwie einem Ideen- und Meinungsbasar (ich will aber die Medien nicht immer nur kritisieren - denn immerhin hat dies auch zur Folge, dass sie die Philosophie ein bisschen aus den verstaubten Universitäten herausgelockt wird). Was ist überhaupt noch relevant? Zu den interessanteren aktuellen Beiträgen gehören sicher die Darlegungen von Prof. Dr. Hoyningen-Huene über die Divergenz zwischen englischsprachiger und europäischer (Festland-) Philosophie. Er spricht auch - etwas provokativ - von systematischer und geschichtsorientierter Auffassung. Diese Divergenz ist eigentlich recht alt, heute aber (durch die US-Philosophie im 20. Jahrhundert) bedeutender denn je. Und aktuell: der Brexit zeigt diesen alten philosophischen Graben (ganz handfest) sogar politisch auf. Brexit, Terror, Trump - was ist überhaupt mit dieser Welt heute los?


Leben wir in einer brandneuen Welt?

...und ist die alte Welt gestorben, wie der schwedische Cyberphilosoph und Musiker Alexander Bard sagt? Mit aufsehenerregendem Auftritt stellte er vor ein paar Jahren seine Internet-Philosophie vor (diese publizierte er in drei Werken zusammen mit Medientheoretiker Jan Söderqvist [2000-2009], 2012 wurden diese zusammengefasst im englischen Buch "The Futura Trilogy"). Bard sagt, das Internet werde unsere ganze Gesellschaft und Philosophie fundamental verändern. Seine Ausführungen sind zwar interessant, er macht jedoch einen Fehler, welchen viele Futuristen machen: sie rechnen nur noch mit dem Neuen und vergessen das Althergebrachte. Die Welt funktioniert aber anders: das Neue verbindet sich mit dem Alten, und so entwickelt sich die Welt ständig weiter. Natürlich ist das Internet nicht der einzige Faktor der Zukunft, trotzdem lohnt es sich die Ausführungen Bards einmal anzuhören (interessanterweise nehmen sich die [Universitäts-] Philosophen dem Thema zu wenig an, und das war und ist schon mit der Ökologie der Fall! - die Universitätsphilosophie scheint auch diesen schrägen Typen wieder einmal nicht aufzunehmen und einzuordnen). Ein weiteres Beispiel von Futurismus in der heutigen Philosophie ist der YouTube-Vlogger Jason Silva, welcher aus Venezuela stammt, aber in den USA lebt. Das scheint nicht so ganz neu zu sein, sondern irgendetwas mit Trans- oder (mittlerweilen schon) Posthumanismus zu tun zu haben, einem von Nietzsche beeinflussten Versuch der philosophischen Verstärkung einer sowieso schon rasanten technischen Entwicklung dieser Zeit und der Zukunft. Die Aussage ist etwa diese: der Mensch ist keine biologische Maschine (wie die französischen Materialisten behaupteten), aber er wird eine technische Maschine werden (aufgrund seiner stetig zunehmenden Abhängigkeit von seiner eigenen Technologie). Silva verbindet Technizismus mit (biologischem) Naturalismus, was die faszinierende Kraft seiner Videos ausmacht (es ist der Traum der Wiedervereinigung von ursprünglicher Natur und technischer Kultur - hier aber [zu?] eindeutig zugunsten der Technik). (P.S. Ich gebe zu, dass ich auch etwas Mühe habe mit solchermassen neuen und teils in ihrer Art etwas extremistischen Auffassungen, ich möchte mich aber fair damit auseinandersetzen - solche Dinge gehören zur Betrachtung der Ideengeschichte zu dieser Zeit ganz einfach dazu.)


Endzeit? Krise? Unruhe? - was ist denn eigentlich los?

Richard Williams, ein anderer populärer YouTube-Vlogger, zeigt etwas ganz Anderes, nämlich: wie religiöse Grundideen heute neu aufbereitet werden. Seit längerer Zeit glauben wir an eine Reduktion der Religion, seit einiger Zeit stellen wir aber auch eine Wiedergeburt von religiöser und esoterischer Weltanschauung fest. Auch in diesem Bereich gibt es neue Fragen, oder vielleicht besser: neue (ur-) alte Fragen. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob das nicht vielleicht auch eher ein bisschen überzogen ist. Philosophie oder nicht? Selbst Slavoj Zizek, einer der meist beachtetsten und interessantesten Philosophen dieser Zeit, spricht heute von einer 'Endzeit' (was auch immer damit philosophisch gemeint sein soll). Seltsame Töne eigentlich aus der Philosophie - doch den Philosophen kann dies nach Nietzsche, Wittgenstein und Heidegger kaum mehr wirklich erschüttern. Gibt es mehr philosophische 'Endzeit' als bei Nietzsche? Eine andere Frage (denn man muss immer auch ganz andere Fragen stellen, das ist sehr bedeutend für die Philosophie): kann die heutige Zeit wirklich schlimmer werden als der Zweite Weltkrieg? Man denke einmal daran, was das eigentlich war, und woher wir eigentlich historisch kommen (Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg*). Es ist nur eine Frage, keine Aussage: wir fürchten heute nicht nur einen Dritten Weltkrieg, sondern auch einen kulturellen und ethischen Schock - oder sogar: Zusammenbruch - der Gesellschaften. Obwohl ich auch finde, dass wir in einer schwierigen und ambivalenten Zeit leben, würde ich den Endzeit-Gedanken nicht überbewerten - nicht einmal den Wendezeit-Gedanken, mit welchem ich philosophisch aufgewachsen bin (vgl. Capra [mit dem ersten (vulgär-) philosophischen Buch, welches ich gelesen habe, überhaupt]). Oder handelt es sich bei der 'Endzeit' etwa gar eher um eine Krise der Philosophie selber? Ich finde jedenfalls, dass die gegenwärtige Philosophie in einem gewissen Sinn in einer Krise steckt. Auch interessant: Ralph Konersmann zur Unruhe in der Welt. Die Feststellung einer zunehmenden Unruhe ist eine vornehme Zurückhaltung der Universitätsphilosophie - wenn man sich andere Stellungnahmen heute ansieht. Der Elfenbeinturm - oder sagen wir: das Glashaus, oder: die Wolkenstadt - wackelt nicht, es niest nur ein Bürokrat darin. Aber was ist denn nun eigentlich geschehen? Darauf gibt es keine philosophische Antwort, sondern eine technologische: der Fernseher, der Personal Computer und das World Wide Web (aber auch das Auto, das Flugzeug und der Jumbo Jet, ein bereits längst veralteter Begriff übrigens - die Weiterentwicklung der Technologie im Bereich von Verkehr/Transport sowie Information/Kommunikation war zusammen mit jener in der Energiegewinnung im 20. Jahrhundert schier unglaublich). Das ist das, was geschehen ist, und jetzt fragt es sich, wie wir damit umgehen wollen/können. Auch fragt sich, ob wir die Dinge verbinden wollen: hat die Unruhe der modernen Welt mit einer verblassenden Idee von Bildung, wie sie der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann vorbringt, zu tun? (Die Österreicher sollte man übrigens nicht unterschätzen, denn sie haben immer wieder die Finger im Spiel, wenn es gefährlich wird in der modernen Welt - Stichwort: Neoliberalismus/Anarchokapitalismus.) Das ist sehr gut möglich und wäre auch irgendwie logisch: je schlechter die Bildung, desto grösser die Unruhe. Oder umgekehrt: je grösser die Unruhe, desto schlechter die Bildung? (Das könnte ja auch sein.)

* Wenn wir die Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachten, könnten wir denken, dass die Nationen versagt haben. Ich warne aber davor, sie aufzugeben. Das wäre in Europa vielleicht möglich, doch im Rest der Welt ist solches unverantwortlich: wir sehen heute im Nahen Osten, was sogenannte failed states für Probleme bringen. Das ist keine Alternative für die Welt (sondern: es geht heute um eine gute und faire Abwägung zwischen Nationalität und Supranationalität - die Europäer haben den Nationalismus übertrieben, heute sollten sie ihn nicht unterschätzen, aber auch nicht erneut übertreiben).


Kann negative Philosophie weiterhelfen?

Negative Philosophie ist die logische Folge der Kulturkritik - die Philosophie des Negativen hat im deutschen Sprachraum eine grosse Tradition: angefangen etwa bei Nietzsche über Schopenhauer, Klages, Spengler und Wittgenstein - u.a. - bis in die heutige Zeit hinein. Ein bedeutender Vertreter einer negativistischen Philosophie ist heute Sven Hillenkamp. Er kritisiert die späte Moderne bzw. die heutige Zeit radikal. Es ist eine radikale Kritik, die aus einer radikal gewordenen Kunst heraus entstanden ist (und philosophisch vielleicht bei Poststrukturalisten wie Baudrillard oder Derrida zu verorten ist). Trotz oder gerade wegen unbegrenzter Möglichkeiten kann der Mensch in dieser Zeit nichts mehr in der Welt erreichen, meint Hillenkamp. Born too late to explore the world, born too early to explore the universe? Ein Mensch in einer Zwischenzeit? Oder ist bzw. wäre auch dies nur eine Illusion? Verlieren wir durch immer neue Möglichkeiten der Veränderung im Alltag die Treue in der Liebe und die Pflicht in der Arbeit? Und hängen dann ganz in der Luft? Das Problem mag real sein, und die Darstellung desselben auch künstlerisch wertvoll, aber philosophisch irritiert doch auch die übernegative Haltung Hillenkamps ein bisschen (auch wenn die verlorene humanistische Position vielleicht doch auch noch eine humanistische Position ist, eine Position, die sich eigentlich um den Menschen kümmern möchte, im Gegensatz etwa zum Transhumanismus, aber zumindest im Grossen und Ganzen nicht mehr weiss, wie das zu schaffen sein könnte). Kann sich die Philosophie in einer reinen Kritik ergeben und darin aufgehen? Hillenkamps Bücher haben schreckliche Titel wie "Das Ende der Liebe" oder "Negative Moderne". Lösungen will Hillenkamp gar keine mehr anbieten, sondern er sagt dazu: dass die Lösungen ein Teil des Problems seien. Das tönt zwar irgendwie interessant, in der heutigen Sprache und Auffassung (vielleicht sogar auch irgendwie verständlich*), aber es ist wohl moralisch nicht ganz richtig. In einer immer negativer werdenden Welt gäbe es immerhin ja noch die Möglichkeit, gegen das Negative einzustehen (heute z.B., u.a., gegen die Umweltverschmutzung) - und also für eine bessere Umwelt, d.h. für bessere (oder zumindest nicht schlechter werdende) Lebensbedingungen für die Menschen. In einer negativen Welt würde die erste Losung also lauten: suche das Gute. Es wird immer in der Welt einen Grund geben, um sich für das Gute einzusetzen - und daher gibt es auch keinen Grund für eine absolute Negativität. Das ist mehr als nur Hoffnung der Religion, es ist auch Trost der Philosophie (notabene). Und wenn wir das Gute nicht mehr sehen, dann müssen wir es wieder suchen. (Manchmal müssen wir tatsächlich heute in der Moral wieder bei Adam und Eva anfangen - aber dann tun wir das doch!).

* Der spätmoderne Mensch (bzw. Intellektuelle bzw. westliche Intellektuelle) neigt zu geistlicher Enttäuschung. Diese ergibt sich aus verschiedenen philosophischen, religiösen und wissenschaftlichen wie auch politischen Enttäuschungen. Die Schriftsteller bestanden auf aller Schärfe der Kritik (welche die kritischen Philosophen aufgebracht hatten): Max Frisch erklärte das Projekt der Aufklärung als gescheitert, während Friedrich Dürrenmatt die Wissenschaft für verrückt erklärte. Es gibt verschiedene Gründe, die heute gegen ein positives und für ein zumindest sehr kritisches Weltverständnis sprechen. Trotzdem lehne ich überpessimistische Weltsichten ab - vom nihilistischen Denken von Ivo Urbancic ("Evropski nihilizem", engl. The European Nihilism, 1971, oder "Nevarnost biti", engl. The Danger of Being, 2003) bis zum pessimistischen Denken von David Benatar ("Better Never to Have Been: The Harm of Coming Into Existence", 2006). Wir haben letztlich die Wahl in unserer moralischen (Grund-) Einstellung**. Warum sollten wir uns also ausgerechnet für einen absoluten Pessimismus entscheiden? Ich glaube nicht, dass ein solcher die Welt als Philosophie in irgendeiner Art und Weise weiterbringen kann.

** Mit einer Grundeinstellung meine ich eine vom selbstständigen Individuum ausgehende (idealistische) Einstellung, welche auf die Gesellschaft und die Zukunft gerichtet ist - also etwa jene, welche wir an unsere Kinder weitergeben möchten, wenn wir solche haben oder hätten. Wir müssen moralisch an unsere Kinder denken, selbst an fiktive Kinder, damit wir die Perspektive der Nachkommen nicht aus den Augen verlieren (bzw. die Welt nicht als einen Platz der reinen Gegenwart missdeuten). Das ist für mich eine (oder: die) Ontologische Referenz - ich würde im Moralischen nie von einem Imperativ sprechen wie Kant (obwohl es Kant in seiner Formulierung, Absicht und Aussicht auch zurecht getan hat - interessant in diesem Zusammenhang vielleicht auch die Interpretation des kantischen Satzes durch Hans Jonas in dessen Buch "Das Prinzip Verantwortung", 1979, in welcher er den Faktor der Zukunft bzw. Zukunftgerichtetheit ebenfalls ausdrücklich in das moralische Denken einbrachte [was übrigens sehr lange zuvor auch schon Konfuzius getan hatte - weniger die griechischen Denker, welche entweder von einem starren Ideal oder aber von einer wilden, oder zumindest: dauernden Bewegtheit ausgegangen sind***]).

*** Ist denn die Welt nicht tatsächlich in ständiger Bewegung? Natürlich ist absolut gesehen immer eine Bewegung in der Welt vorhanden, aber es gibt auch Dinge oder Phänomene in der Welt, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer relativen Ruhe befinden. Dies kann ebenfalls nicht abgestritten werden. Ich sage dies, weil die Fragen zwischen Ruhe und Bewegung heute von bedeutender philosophischer Relevanz sind (für den Menschen ist klar, wir sehen das z.B. bei den Sportlern: der Mensch braucht beides, Bewegung und Ruhe, oder: Ruhe und Bewegung).

Obwohl eine negative bis negativistische Philosophie schwer verständlich erscheint, ist sie doch relativ leicht zu verstehen. Was einem dabei zuerst in den Sinn kommt ist im Allgemeinen eben die ganze Kulturkritik (zurückgehend auf Philosophen wie Montaigne, Voltaire oder Nietzsche), in deren Zuge sie einen gewissen Höhepunkt bildet, im Besonderen aber kann sie auch als eine Reaktion oder Antwort auf den (alten) Positivismus gesehen werden, welcher auf Comte zurückgeht. Dieser hatte v.a. im englischsprachigen Raum einen elitären Überhumanismus begründet, der heute immer stärker in Zweifel gezogen wird - auch etwa durch den Trans- und Posthumanismus. Die Frage, ob man aufgrund von überhumanistischen Vorstellungen den ganzen berechtigt erscheinenden Humanismus über Bord werfen soll, ist natürlich aber auch gegeben. Wie auch immer: seit der Aufklärung - oder eigentlich bereits seit dem 11. Jahrhundert im Mittelalter - ist der Begriff der Vernunft der grosse Begriff in der Philosophie, und an diesem Begriff ist trotz Nietzsche und allem auch heute noch in der Philosophie schwer vorbeizukommen. Wenn es einen Begriff gibt, welcher heute besonders zu beachten ist, dann ist es für mich der Begriff der Verantwortung (vgl. aktuell etwa: Nida-Rümelin, Heidbrink, u.a. - ich selbst habe diesen Begriff unabhängig für mich eigentlich auch als den obersten Begriff einer spätmodernen Ethik gesehen).

Interessant zu den Themen Negativität und Zukunft ist - u.v.a. - auch dieses Interview mit Bernard Stiegler, welcher wie immer mehr kritische Intellektuelle eher pessimistisch denkt. Für mich gibt es eine Grenze zwischen einem Kritizismus und einem Pessimismus, die ich nicht überschreiten möchte. Ich glaube, dass sich derzeit sowohl ein Positivismus (aus dem Szientifismus) wie auch ein Negativismus (aus dem Kritizismus) weiterentwickelt - eine der Hauptschwierigkeit der Zukunft wird es sein, die verschiedenen Tendenzen irgendwie zusammenzuhalten - in einer Gesellschaft, die trotz allem oder gerade wegen allem auch noch gemeinsame moralische Ziele hat. Natürlich hat die Zunahme von Negativismus (ebenso wie des Positivismus, welcher ebenfalls eine unreligiöse Bewegung ist, notabene) auch zu tun mit dem Verlust von Religion: diese bedeutet auch eine gewisse Verbundenheit mit der Welt und ein gewisses Vertrauen in die Welt, welches mit dem Verlust der Religion verloren geht (anstelle dessen kann eine gesteigerte Distanz zur Welt entstehen, bis zu einer negativistischen Einstellung gegen die Welt - Nietzsche ist das beste Beispiel für solche Prozesse). Interessant auch: Stiegler erzählt hier auch von seiner Zeit im Gefängnis, und er sagt, im Gefängnis sei es viel schlimmer geworden, seit der Zeit, in welcher er interniert war. Vielleicht kann man das sogar verallgemeinern: in allen Institutionen und Bereichen ist es schlimmer und härter geworden. Und vieles kommt für mich vom zunehmenden Negativismus (das macht alles überall schlimmer - wir leben zunehmend in negativistischen Strukturen und Dynamiken, aber wie gesagt: ich bin der Meinung, dass es derzeit eine doppelte Entwicklung gibt, und dass man keine Entwicklung überbewerten sollte). Hier noch ein lustiger Beitrag zum Thema: Harald Schmidt liest Nietzsche und Adorno. (Eigentlich sind wir aber schon nicht mehr in der Zeit der Dekonstruktion, sondern des Phantasialismus, manchmal hat man das Gefühl, die Menschheit laufe in einen einzigen grossen Drogenrausch hinein: das Ende des Gehirns? - die Frage bleibt weiterhin: wie soll uns dies alles helfen für die Lösung der realen Probleme?).

P.S. Natürlich schlägt die Neue Rechte, welche derzeit so erstaunliche politische Erfolge feiert, auch in der Philosophie zu Buche: einer der bedeutendsten Vertreter ist vermutlich Jason Brennan, Philosoph und Politikwissenschaftler. (Bewerten tue ich dies nicht - für mich ist der grösste Teil der heutigen Philosophie unbrauchbar [und dies gehört natürlich dazu]; wir müssen dazu sagen, dass auch die linke Philosophie derzeit in einer Krise steckt, während eine neutrale Philsophie sich immer weiter zurückziehen wird, wenn es politisch so weitergeht. Es ist schon erstaunlich, wie Brennan uns hier wie der gute Junge von nebenan erzählt, die neue Philosophie der Welt sei eine Wendung gegen die Demokratie, eine Diktatur der Elite und eine neue freie Marktwirtschaft der Ausbeutung und Verschwendung.)


Moderne Philosophie*. Ich bin über die (älteren) Klassiker in die Philosophie eingestiegen und habe mich langezeit auch fast ausschliesslich mit diesen auseinandergesetzt. Die Philosophie des 20. Jahrhunderts habe ich dabei grösstenteils umgangen. Das hatte seine guten Gründe - und es brauchte ausgerechnet einen US-Amerikaner (denen man nachsagt, dass sie keine allzu grosse Ahnung haben von der europäisch-kontinentalen Philosophie - aber dieser US-Amerikaner ist anders), um in mir dieses Interesse an der zeitgemässeren Philosophie zu wecken. Rick Roderick (1949-2002) ist bekannter durch seine Vortragsreihen als durch seine Bücher. 1993 hielt er eine Vortragsreihe unter dem Titel "Self Under Siege" (dt. Das Selbst unter Druck [oder genauer: Belagerung]), in welcher er einige der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts und ihre Ideen erklärte und zeigte, dass er ein sehr guter Kenner und Analyst der modernen Philosophie ist (natürlich in englischer Sprache). Es gibt ein paar Vorbehalte, trotzdem kann ich dies empfehlen für alle, welche ähnliche Probleme mit der modernen Philosophie haben - und überhaupt. Lecture 1: Masters of Suspicion, Lecture 2: Heidegger - The Rejection of Humanism, Lecture 3: Sartre - The Road to Freedom, Lecture 4: Marcuse - One-Dimensional Man. Lecture 5: Habermas - The Fragile Dignity of Humanity, Lecture 6: Foucault - The Disappearance of the Human, Lecture 7: Derrida - The Ends of Man, Lecture 8: Baudrillard - Fatal Strategies. Das ist natürlich kein leichter Stoff - v.a. wegen der negativen Grundtendenz, die wir, offen oder versteckt, oft darin finden** - aber es ist die Philosophie des 20. Jahrhunderts.

* Ich benütze den Begriff der Moderne hier in ihrem eigenen Sinn quasi, welcher Modernität und Aktualität gleichsetzt. Modern ist, was in Mode bzw. aktuell ist. Für mich beginnt die moderne Philosophie sehr viel früher, nämlich bei der französischen Bürgerrevolution und deren Philosophen (Montesquieu, Voltaire, Rousseau und v.a. auch Kant). Dagegen setze ich die Zeit der Postmoderne sehr viel später an als die französischen Poststrukturalisten - in einer ferneren Zukunft (Roderick sagt in seinem Vortrag zu Baudrillard sogar, dass dieser zwar den Begriff der Postmoderne benützt, aber nicht wirklich von einer wahren Postmoderne ausgeht [was immer das sein mag - darüber kann es verschiedene Meinungen geben, je nachdem auch, ob man eine optimistische oder pessimistische Sicht der Zukunft hat]).

** Diese negative Grundtendenz ist nicht unverständlich: sie basiert auf einer immer komplexeren Technik (und auch Bürokratie, notabene), welcher sich der Mensch gegenübersieht, zwei schlimmen Weltkriegen und einem grossen Ökoproblem. Die Philosophen waren mit ihrer Zeitkritik natürlich etwas früher dran als es die allgemeine Wahrnehmung war. Man lese etwa Karl Jaspers Buch "Die geistige Situation der Zeit" (1931) und staune darüber (bei allen Vorbehalten auch hierbei), wie aktuell manche seiner Beschreibungen und Erklärungen heute noch erscheinen.


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