Eine philosophische Betrachtung der Menschheits-, Kultur- und Ideengeschichte (mit Einbezug der Religion [und der Wissenschaft]).


Diese Seite steht derzeit in einer fundamentalen Überarbeitung - mit einem noch bedeutenderen Fokus auf die kulturphilosophischen Entwicklungen (d.h. auf den Zusammenhang zwischen Philosophie und Kulturentwicklung). Ich bleibe bei der alten Bezeichnung der Seite (Philorel), obwohl ich eigentlich von drei Hauptgebieten der Geisteskultur ausgehe: Philosophie, Religion und Wissenschaft (und ich versuche diese gleichwertig zu behandeln, alles natürlich hier im Rahmen der Philosophie). Ich werde dabei etwas mehr in die Tiefe gehen, als im bisherigen bzw. alten Text, aber nur punktuell. Die Free-Clipart-Bildern von Phillip Martin werde ich zur Auflockerung (zumindest vorläufig) beibehalten. Es wird mit der ersten grossen Umschreibung insgesamt drei Redaktionsrunden geben, da der Text über längere Zeit überarbeitet werden soll - derzeit läuft die zweite.

-> Was kann man für ein Interesse an der Philosophie haben?, Wie soll man mit der Philosophie umgehen?.

-> Kürzestzusammenfassung, Welche philosophischen Bücher empfehle ich zur Lektüre?.

-> Philosophen nach Richtungen, Philosophen nach Nationen.

-> Universitätsphilosophie.

Was findet sich auf dieser Seite wo? Abaelardus, Anaxagoras, Anaximander, Apel, Arendt, Aristoteles, Aufklärung, Augustinus, Averroës, Avicenna, Bacon (F.), Badiou, Bard, Bell, Belle Epoque, Bewusstseinsphilosophie, Blumenberg, Britische Moralphilosophie, Capra, Comte, Darwin, Descartes, Diogenes v. Sinope, Diskursethik, Einstein, Elementenlehre, Empedokles, Empirismus, Existentialismus, Fichte, Flow-State-Theorie, Frauen in der Philosophie, Frege, Freud, Gesellschaftsvertrag, Habermas, Hegel, Heidegger, Heraklit, Individualisten, Jonas, Kant I (Erkenntnistheorie), Kant II (Kategorischer Imperativ), Kierkegaard, Konfuzius, Kritische Theorie, Kunst, Lavelle, Liberalismus, Locke, Logos, Marx, Maslow, Mill, Mirandola, Montesquieu, Mythologie, Naess, Neopositivismus, Newton, Nietzsche, Nussbaum, Ockham, Ökophilosophie, Östliche Philosophie, Owen, Parmenides, Patristik, Petrarca, Philosophie des 20. Jahrhunderts, Philosophiebegriff, Platon, Plotin, Poststrukturalismus, Protagoras, Rationalismus, Rawls, Renaissance, Roderick, Rousseau, Russell, Saint-Pierre, Saint-Simon, Scholastik, Sartre, Schestow, Sidgwick, Silva, Singer, Sloterdijk, Smith, Sokrates, Sozialdarwinismus, Spencer, Steiner (R.), Strawson, Thales, Thomas v. Aquino, Thomasius, Unamuno, Urgrund, Urgrundphilosophen, Voltaire, Wells, Weltbild, Wheal, Wissenschaft, Wittgenstein, Zenon v. Elea, Zenon v. Kition, Zizek.


ANTIKE * * * Vom Polytheismus zur Philosophie, oder: vom Mythos zum Logos * * * Solon: die Frage nach der guten/gerechten Ordnung * * * Die Philosophen und der verborgene Urgrund der Dinge * * * Buddha, Laotse und Konfuzius in Ostasien * * * Protagoras: Der Mensch als das Mass aller Dinge * * * Sokrates, der heilige Fragensteller der Philosophen * * * Platon, Hüter der Ideen und Gründer der Akademie * * * Aristoteles, der Begründer der systematischen Wissenschaft * * * Vom Ende der grossen Klassik * * * Hellenismus: drei Schulen und der Untergang * * * Die Stoa in der römischen Philosophie.


Die antiken Philosophen und ihre Suche nach dem Urgrund.

Wo hat die Philosophie eigentlich angefangen? Normalerweise (bzw. schulbuchmässig) sagen wir, dass die Philosophiegeschichte in Griechenland im 7./6. Jahrhundert vor Christus begann, und dass der erste Philosoph Thales von Milet (um 624-546 v. Chr.) gewesen ist. Das ist aber eine ziemlich ungenaue Ansicht. Drei Dinge könnte man gegen diese Ansicht anführen: erstens begann die Philosophie nicht im heutigen Griechenland, sondern in Kleinasien (d.h. in der heutigen Türkei, und zwar im sogenannt asiatischen Teil der heutigen Türkei, wobei dieses Gebiet zum damaligen Grossreich Griechenland gehörte). Zweitens begann sie auch nicht wirklich dort, sondern: eine Art von Philosophie im Sinn des Nachdenkens über die Welt und den Menschen hat es natürlich schon lange vor der griechischen Philosophie gegeben, nämlich wahrscheinlich etwa so lange, wie der Mensch denken kann bzw. wie es ihn gibt (bekannt sind auch vorher schon etwa eine Weisheitsdichtung im altertümlichen Ägypten, etwa mit den 37 Lebensmaximen von Ptahhotep [um 2400 v. Chr.], was als älteste vollständig erhaltene Weisheitslehre gilt, und natürlich die Bibel, etwa mit dem Weisheitsbuch von Salomo, und es dürfte viele weitere Beispiele in den Frühkulturen geben - vermutlich schon in der Frühzeit des Menschen in Afrika - die wir aber heute nicht mehr kennen). Und drittens gibt es sogar innerhalb der altgriechischen Kultur frühere Weise (als diejenigen, die heute als Philosophen bezeichnet werden): die sogenannten Sieben Weisen von Griechenland: Pittakos von Mytilene, Solon von Athen, Thales von Milet, Bias von Priene, Kleobulos von Lindos, Chilon von Sparta, Myson von Chenai. Thales gehört also dazu, aber er ist nicht der Älteste dieser frühen Weisen im antiken Griechenland. Sehr bedeutend ist auch etwa Solon (um 640-560 v. Chr.) als Wegbereiter der attischen Demokratie (und damit auch als Vertreter einer frühen politischen Philosophie [Solon scheiterte mit seinen Reformen zwar mehrheitlich, gilt aber als Wegbereiter der Demokratie, welche von Perikles (um 495-429 v. Chr.) eingeführt wurde]). Viele der frühen Weisen in den älteren Kulturen waren entweder Herrscher oder Dichter (oder auch mythologische Figuren, die teils ebenfalls als philosophische Figuren verstanden werden können, v.a. in den polytheistischen Religionen: in der Frühzeit war die Vermittlung von Weisheit über den Mythos sehr bedeutend [wobei es hierbei Figuren gibt, deren weises, gutes und/oder starkes Handeln (Herakles), und wiederum andere, deren unweises, schlechtes und/oder schwaches Handeln (Ikarus) betrachtet wurde (in einem [religiös motivierten] moralphilosophischen Mythologismus [der Mythos blieb aber auch bedeutend in der antiken Philosophie, etwa bis und mit Platon, während die Wissenschaftlichkeit von Aristoteles dann endgültig vom Mythologischen (in der alten klassischen Form) wegwies]). Die Herausstellung der Sieben Weisen bedeutete, dass man quasi normalen Menschen eine Bedeutung gibt, die eigentlich in der Mythologie nur Götter, Halbgötter oder göttliche Helden haben]). Sie werden ausdrücklich und mit einem starken Anhauch von Mythos als Weise bezeichnet, während die Philosophen mit und nach Thales dagegen eigentlich nicht als Weise bezeichnet sind, sondern dem Philosophiebegriff nach als 'Freunde der Weisheit' (grch. philos = Freund, sophia = Weisheit) - eine kleine Nuance, die u.a. bedeutet, dass ihnen nicht attestiert wird, dass sie die Weisheit a priori kennen würden, sondern: dass sie sie suchen. Sie sind in diesem Sinn mehr Weisheitssucher als Weisheitsfinder und mehr Weisheitsfinder als Weisheitskenner (wobei das eine natürlich auch zum anderen führen kann - jedenfalls aber haben sich die Philosophen gegenseitig immer wieder viel widersprochen, in der Antike ebenso wie heute). Manche nennen das Staunen als Hauptmerkmal des Philosophen, andere wiederum den Zweifel, noch viel bedeutender ist aber diese Suche. Das ethisch-moralische Konzept vom Edlen stammt hingegen von Konfuzius (und kommt v.a. bei Platon in der Klassik wieder zum Tragen [und damit auch in seiner antiken Akademie wie auch später in den neuzeitlichen Universitäten (v.a. in deren früheren Geschichte, inkl. ihren exquisiten Gelehrtenkreisen wie etwa der Royal Society in England, gegründet 1660)]); in der vorsokratischen griechischen Antike gab es dagegen allerhand Philosophen - so etwa Heraklit, welcher der Dunkle genannt wurde, oder den Kyniker (bzw. Zyniker) Diogenes von Sinope, welcher sich von der Gesellschaft distanzierte und absichtlich in ärmlichsten Verhältnissen gelebt haben soll, aber auch etwa Empedokles, welcher sich für gottgleich gehalten haben soll, oder Sokrates natürlich, auch sehr speziell auf seine Art und Weise.

Interessant: schon vor dem eigentlichen Beginn der (schulbuchmässigen) Philosophie können wir also der Philosophie - in der Person von Solon, welchen die Frage nach der guten/gerechten Ordnung (grch. eunomia) beschäftigte - einen praktischen Erfolg zuschreiben (auch wenn man ihn erst rückwirkend der Philosophie zurechnen kann). Wenn Regierungsformen der Weisheit zugerechnet werden können, so gilt dies vermutlich auch für frühe Gesetzgebungen überhaupt (insofern sie philosophische Elemente aufweisen und einer philosophischen Leistung entsprechen). Einer der ersten bekannten Gesetzestexte stammt von Hammurapi I. (von Babylon, um 1810-1759 v. Chr.): der Codex Hammurapi. Philosophie heisst natürlich nicht nur Regierungskritik (wie es heute oft verstanden wird), sondern auch - und eigentlich sogar - Regierungkunst (daher ist auch die Rechtsphilosophie ein nicht unbedeutender Zweig der Philosophie bis heute). Platon bestreitet zwar ausdrücklich, dass Staatsreden und -schriften wie jene Solons philosophisch seien - ich fasse jedoch die Philosophie weiter (man könnte vielleicht von einem engeren und einem weiteren Kreis der Philosophie sprechen - für mich ist Philosophie ganz wesentlich [aber natürlich nicht nur] Ideengeschichte und -entwicklung [und da gehört ein bisschen mehr dazu, als fundamentalistische Philosophen vielleicht eingestehen würden]).

Solche direkt auffallenden und einzusehenden Erfolge sollten in der weiteren Antike wie auch im Mittelalter allerdings selten bleiben (ganz im Gegensatz zur Neuzeit, wo der praktische Erfolg der Philosophie - u.a. mit der Entwicklung der Wissenschaften und mit der bürgerlichen Revolution - ganz neue Dimensionen angenommen hat). Der Philosoph ist ja auch viel eher der (Nach-) Denker als der Macher (und ein Macher meist höchstens in einem künstlerischen Sinn). Waren aber die Philosophen nun eigentlich ihrer Zeit stets voraus? Oder haben sie diese eigentlich eher bloss interpretiert oder gar nur nachvollzogen? Oder haben sie sie ganz einfach mitgeprägt? Es kommen in der Philosophie sicher alle drei Varianten vor. Die treffendste und neutralste Ansicht ist vermutlich jene von einer Mitprägung (wobei es natürlich auch einige Philosophen gegeben hat, die der Zeit und/oder der Zukunft einen sehr bedeutenden, ja sogar epochalen Impuls gegeben haben).

Die Mythologie der alten Griechen. Vor der Betrachtung der Philosophen muss man erwähnen, dass die griechische Mythologie insofern eine besondere ist, als dass in ihr die Götter gar nicht am Anfang des Weltentstehungsprozesses stehen, sondern andere Kräfte, Mächte und Gewalten: nach Hesiod - dem Hauptdichter und -deuter dieser Mythologie neben Homer (und später bei den Römern, welche die griechische Götterwelt übernahmen, auch Ovid) - sind dies in erster Linie Chaos (d.h. Nichts, Leere [was nicht das Selbe ist, aber trotzdem]), Gaia, Tartaros, Eros, Nyx, Erebos, Uranos, Ourea, Pontos und schliesslich die Titanen (welche die eigentlichen Götter hervorbrachten - die Titanen Kronos und Rhea sind die Eltern des Göttervaters Zeus und der weiteren Götter). Wie authentisch die Darstellung der Götterwelt durch die Dichter ist, das können wir heute eigentlich nicht mehr sagen und nachvollziehen. Es gibt jedenfalls Stimmen, welche die Authentizität angezweifelt haben. "Alles", wetterte Xenophanes, ein Vertreter der Urgrundphilosophen (und der eigentliche Religionsphilosoph unter diesen), "haben Homer und Hesiod den Göttern angehängt, was bei den Menschen Schimpf und Schande ist: Stehlen, Ehebrechen und Betrügen." (Anmerkung zu den polytheistischen Religionen: wenn diese heute als Einheiten geschildert werden, so entspricht dies vermutlich nicht wirklich deren Ausprägungen in der Vergangenheit: diese sind oft lokal geprägt und verschieden; in diesem Sinn ist das Werk der Dichter vermutlich auch ein Versuch der Vereinheitlichung einer zusammenhängenden Mythologie gewesen, welche schwierig ist, und es finden sich denn auch teils im Werk desselben Dichters widersprechende mythologische Fakten [die Kultur der alten (polytheistischen) Götterwelten ist ähnlich wie die Sprachkultur zu sehen: mit überregionalen Zusammenhängen, aber eben auch mit ganz stark lokal geprägten Ausprägungen]. Wir können uns ferner auch vorstellen, dass in einer kulturell niedergehenden Religion die Werke der Dichter über die Religion - in welcher Intention sie auch geschrieben sind - bedeutender werden als die Religion selber; zumal in einer Religion, welche zuvor keine eigentliche Schriftreligion ist.)

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Die Bewegung der Philosophen. Es gibt durchaus, trotz allem menschlichen Denken zuvor, gute Gründe dafür, den Anfang der Philosophie bei Thales zu sehen. Meist hören wir zu diesem Anfang allgemein, dass vereinzelte Denker im alten Griechenland den Rahmen des mythisch-polytheistischen Weltbildes gesprengt hätten, und damit begannen, eigenständig über die Welt nachzudenken. Das kann man so sagen - es wird auch oft gesagt, die Philosophen hätten den Mythos durch den Logos ersetzt. Es gibt aber drei besondere Gründe, welche diese Bewegung der Philosophen - man kann es durchaus so nennen - ganz anders erscheinen lassen als alles, was vorher in der Menschheits-, Kultur- und Ideengeschichte geschehen war: erstens hat es eben eine Bewegung des Denkens gegeben, in welcher sich die einen auf die anderen bezogen (und aus dieser Bewegung heraus auch Richtungen und Schulen), während es vorher vereinzelte Weise gewesen waren, die meist im Nachhinein als solche bezeichnet wurden, zweitens ist man nicht mehr wie in der vorherigen Religion von der Moral ausgegangen, und drittens wurde damit ein neues gesellschaftliches Gewicht des Denkens eingeführt (zu vergleichen vielleicht mit der Bewegung der Propheten in der israelitischen Religion, welche auch eine eigenartige und eigenständige Bewegung begründet hatten, mitunter gegen die öffentliche Meinung). Bis dahin war die Weisheit eine reine Frage des Handelns der Moral des Einzelnen im Allgemeinen oder auch der Entscheidung zur Gerechtigkeit von richterlicher Gewalt (siehe: etwa bei Salomos weisem Urteil [in der Bibel]). Die Philosophen aber hatten einen ganz anderen Ansatz: sie suchten nach einem Urgrund der Welt (welcher gleichzeitig den Logos [etwa: Gedanke, Sinn, Begriff, (Natur-) Gesetz, (All-) Vernunft] der [jeweiligen] Philosophie bildete und/oder bestimmte; man kann die Begriffe vom Urgrund und vom Logos nicht getrennt betrachten - die heutigen Wissenschaften haben auch so etwas wie einen Urgrund und Logos: den [Untersuchungs-] Gegenstand, welcher die Wissenschaft formt: zu einer physikalischen, chemischen, biologischen, psychologischen, soziologischen Sichtweise [usw. usf., etc. etc.]). Die Urgrundphilosophen gingen also von der ethischen Erwägung quasi zum reinen Denken über. Wieso? Die üppigen Mythen der antiken Götterwelt genügten ihnen zur Welterklärung nicht mehr, und so fragten sie sich eben, was denn diese Welt vor allem ausmache. Ist dies nun weise? Da man ja so auch vorerst zu keinem wirklichen Schluss kam, sondern alle Philosophen sich nur gegenseitig widersprachen (und je einen anderen Urgrund sahen)? Man kann die Weisheit davon so verstehen (was leider - glaube ich - keiner dieser alten Philosophen ausdrücklich formuliert hat): bevor wir wissen können, wie wir in der Welt handeln sollen, müssen wir doch wissen, in was für einer Welt wir überhaupt leben. Daher diese grundsätzlichen Gedanken über die Welt und diese (vorläufige) Zurückstellung der moralischen Fragen (die reine Religion bestand ja neben der Philosophie auch weiter). Und... das ist ja auch der Punkt, an welchem bereits die reine Wissenschaftlichkeit entsteht, welche eben die moralischen Fragen (aus genau diesem Grund) zurückstellt (und damit auch diese letztlich nicht unproblematische Trennung von Wissenschaft und Religion/Moral). Es war nicht so, dass die frühen Philosophen die Moral ausgeschlossen hätten, aber es gab doch eben diese Tendenz zum reinen Denken jenseits aller vorgefassten (ethischen) Sätze. Obwohl bei den Urgrundphilosophen so viel vom Logos die Rede ist, hat dies noch wenig zu tun mit einer eigentlichen oder durchgehenden Logik, wie wir sie heute sehen - das Kausalprinzip etwa, eines der Grundprinzipien der heutigen wissenschaftlichen Logik, kam erst nach und nach in die Philosophie hinein (und wurde erst bei Aristoteles formuliert, in der Klassik der griechischen Antike). Der Logos steht als (Ur-) Grund und Halt des Denkens quasi zwischen dem Mythos, welcher im alten Polytheismus in einem wilden Geflecht mit anderen Mythen stand, und der Logik. Deswegen erscheinen uns wohl auch die Gedankengänge der ersten Philosophen teils als nicht sehr kompakt. Wir können vielleicht auch sagen, dass bei den allerersten Philosophen der Urgrund und der Logos identisch betrachtet werden können, während bei den späteren, sich der Logos eigenständig machte, als eine Art ewige, unveränderliche und hinter allem stehende Weltvernunft (v.a. etwa mit Heraklit, Parmenides und Anaxagoras), während der Urgrund einer bestimmten Philosophie auch eine andere oder spezifischere Gestalt haben konnte (besonders dann bei den Sophisten [mit Protagoras und anderen], auch etwa bei den Atomisten war dies der Fall [Leukipp und Demokrit]). Ebenfalls ein bedeutender Begriff ist jener vom Nous - dies scheint so etwas wie eine allgemeine Auffassung von einem individuell wirksamen Intellekt zu sein. Manchmal wird Nous ähnlich wie Logos verwendet, jedoch hat dieser (ältere) Begriff doch oft eine individuellere Note. Logos und Nous bilden so quasi ein ähnliches Begriffspaar wie in der hinduistischen Religion Brahman und Atman (das ist kein gleiches, aber ein ähnliches Prinzip [eine Verbindung zwischen dem Universum und dem Individuum (wie wir heute sagen würden), welche in der griechischen Philosophie, in welcher es praktisch nur um Ideen ging, schon vor Platon, jedoch nicht spezifisch als solche herausgehoben wird]). Da die Philosophen - wie sie das in allen Zeiten getan haben - die Begriffe einerseits teils verschieden verwendeten und andererseits auch Aussagen machten, die begrifflich nicht genau deklariert wurden (besonders in der Antike), muss man in einer Gesamtschau herausspüren, was die einzelnen Begriffe eigentlich bedeuten.

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Thales von Milet, die apollonischen Weisheiten und die Urgrundphilosophie. Thales, der erste (so bezeichnete) Philosoph, ging durchaus noch von einer polytheistischen Welt voller Götter aus, jedoch soll er auch die Selbsterkenntnis begründet haben. Die Herkunft der drei sogenannten apollonischen Weisheiten, den Inschriften, welche der Überlieferung nach am Eingang des Apollon-Tempels von Delphi geschrieben standen, ist aber nicht gesichert ("Ei" [Du bist], "Erkenne dich selbst!" [Gnothi seauton], "Nichts im Übermass!" [Meden agan] - die mittlere der drei apollonischen Weisheiten wird v.a. aber auch Chilon zugeschrieben, einem anderen der sieben Weisen*]). Dass Thales die Selbsterkenntnis begründet haben soll, behauptet indes Diogenes Laertios, ein Philosophiehistoriker, von welchem wir immerhin die meisten Auskünfte über die frühen Philosophen haben. Thales war auch ein bedeutender Mathematiker und nicht der einzige solche unter den frühen Philosophen (siehe: Pythagoras). Philosophisch bedeutender aber ist seine Idee davon, dass das Wasser der Ursprung aller Dinge sei. So fing also die Urgrundphilosophie der ersten Philosophen an: die Weltgründung wurde nicht mehr durch ein mythologisches Ereignis gesehen, sondern ein allumspannender Urgrund soll für das Dasein der Welt verantwortlich sein. Man fragte sich quasi auch, ob es nun ein Jenseits der Götter gebe oder nicht, woraus denn die Dinge im Diesseits beschaffen sind (und dies eben vollkommmen unabhängig von religiösen Erwägungen). Diese Weltsicht und Anschauung führte zu einer materialistischen Philosophie - die philosophische Uridee der Welt wird in einer materialistischen Erwägung begründet und in einem materiellen Element gesehen: "Das Prinzip aller Dinge ist Wasser; aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück." Die spätere Wissenschaft hat gezeigt, dass dies (immerhin) für die lebenden Dinge gilt, jedoch nicht für die nicht-lebenden Dinge (und... Wasser ist eine Verbindung aus dem häufigsten Element im Universum [Wasserstoff] und dem häufigsten Element auf der Erde [Sauerstoff] - nach der modernen Elementenlehre). Im Wirkungsort von Thales gab es bereits die erste kleine philosophische Bewegung oder Schule: jene der Milesier (d.h. Philosophen aus Milet, einer antiken Stadt an der Westküste der heutigen Türkei). Zu diesen gehören v.a. auch Anaximander und Anaximenes, welche je eigene, andere Urgründe vorbrachten: Anaximander das Unbestimmte (oder auch: das Unbegrenzte, Unendliche, grch. Apeiron), Anaximenes die Luft. Und so war sowohl die Bewegung wie auch der Streit der Philosophen eröffnet. Anaximander führte zu einem ideellen Urgrund, Anaximenes sah ein anderes materielles Element. Damit war schon klar: man kann die Philosophie eher materialistisch oder eher idealistisch begründen, und man kann in diesen verschiedenen Grundarten auch je verschiedene Urgründe zu einer eigentlichen oder eigenständigen Richtung vorbringen. Alle diese frühen Erwägungen werden im Rahmen einer Naturphilosophie gesehen (welche noch nicht eine eigentliche Wissenschaft war [die Philosophie als Wissenschaft wurde eigentlich erst von Aristoteles in der griechischen Klassik begründet]). Die Grundfrage der ersten Philosophen war demnach: wie ist die Natur beschaffen? Von vielen der ganz frühen Philosophen haben wir keine eigenen schriftlichen Überlieferungen: dies gilt auch etwa von Thales und Pythagoras, während von Anaximander der erste Satz der Philosophen überhaupt überliefert ist, welcher auch der erste Prosasatz - also der erste Satz der Weltliteratur, welcher nicht in lyrischer Form verfasst wurde! - überhaupt ist (von ihm gibt es aber eben auch nur diesen einen Satz, und dies erst noch in fragmentarischer Form) und von Anaximenes das erste gesicherte philosophische Werk (mit dem Titel "Peri physeos", dt. 'Über die Natur', dem [nachträglich gesetzten] Standardtitel praktisch aller frühen Werke der Naturphilosophie).

* Den sieben Weisen werden sieben Sprüche zugeordnet. Die Zuteilung kann leicht verschieden sein - der spätantike gallo-römische Dichter Ausonius beschrieb folgende Zuteilung: Chilon - Gnothi seauton ("Erkenne dich selbst!"), Solon - Hora telos makrou biou ("Schau auf das Ende eines langen Lebens!"), Pittakos - Gignoske kairon ("Erkenne den rechten Zeitpunkt!"), Bias - Hoi pleistoi kakoi ("Die meisten sind schlecht"), Periander - Melete to pan ("Bedachtsamkeit vermag alles"), Kleobulos - Metron ariston ("Mass ist das Beste"), Thales - Engya, para d'ata ("Bürgschaft bringt Unheil"). Nicht allzu viel Besonderes eigentlich, aus heutiger Sicht - das sind (grösstenteils, mit ein paar Abstrichen oder Fragezeichen) gutbürgerliche und mittelständische Lebens-, Mass- und Verhaltensweisen, aber es ist doch interessant zu sehen, was - (schon) vor dem Auftritt der eigentlichen Philosophen - in der Antike als weise galt. Seinen Vers beendete Ausonius (um 310-395) mit den Worten: "Ich hab' gesprochen, trete ab; und Solon / Der die Gesetze gab, tritt auf."

Trotzdem - d.h. trotz den sieben alten Weisen und trotz den drei Milesiern als den ersten Urgrundphilosophen - gelten heute eigentlich v.a. Thales und Pythagoras - die beiden Mathematiker (welche auch und v.a. auch durch ihre mathematischen Sätze in Erinnerung gelieben sind) - als die ersten heute noch weitherum bekannten Grössen der uralten Naturphilosophie. Pythagoras stammte aus Samos und war der erste nachmilesische Philosoph, auch der erste, welcher sich selber als Philosophus bezeichnete, und der erste, welcher eine eigene philosophische Schule und/oder Sekte begründete (in welcher auch die [ägyptische] Wiedergeburtslehre eine zentrale Rolle spielte; die pythagoräische Schule hatte also auch religiöse Züge). Danach kam Heraklit, welcher das Feuer als Urgrund bezeichnete, womit die vier alten Grundelemente, welche Empedokles dann zusammenstellte, beisammen waren: Erde (von keinem Philosophen als alleiniger Urgrund behauptet [es sei denn nachmalig von Ptolemäus, mit dessen geozentrischem Weltbild]), Wasser, Luft und Feuer. Aristoteles übernahm die Vierelementenlehre von Empedokles, setzte aber ein fünftes, diffuses Element dazu: den Äther (was vielleicht auch bedeutete, dass er erkannte, dass dieses antike Elementensystem noch nicht der Weisheit letzter Schluss war). In der neuzeitlichen Wissenschaft wurde ein ganz anderes Elementensystem begründet, welches zum heutigen Periodensystem der Elemente führte. (Auch die alten Chinesen kannten in deren Naturphilosophie eine Elementenlehre - mit fünf Elementen: Holz, Feuer, Metall, Wasser und Erde.)

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Anaximander, der erste philosophische Satz und das Urbild der Welt. Der erste Satz der Philosophie, den wir genau kennen, ohne die spätere Vermittlung durch Historiker, ist ein seltsamer philosophischer Satz, denn es ist ein Satz, welcher eher etwas (neu-) religiös (und fast schon etwas offenbarerisch) tönt, als nach Philosophie. Und damit haben wir diese Spannung in der frühen Philosophie und in der Philosophie überhaupt zwischen Wissen/Weisheit und Ethik/Moral wieder einmal auf dem Tisch. Ich bin leider - ich muss es zugeben - des Griechischen (wie auch des Lateinischen) nicht mächtig, und daher bin ich diesbezüglich auch leider auf reine Übersetzungen angewiesen. Die drei bedeutendsten Übersetzungen dieses ersten philosophischen Satzes in der deutschen Philosophie sind die folgenden: "Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zugrunde gehen, nach der Notwendigkeit, denn sie müssen Busse zahlen und für ihre Ungerechtigkeit gerichtet werden gemäss der Ordnung der Zeit." (Nietzsche). "Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Busse für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Ordnung." (Diels). "Entlang dem Brauch, gehören nämlich lassen sie Fug [Anm. Schicklichkeit] und somit auch Ruch [Anm. Besorgung], eines dem Anderen im Verwinden des Un-Fugs." (Heidegger). Typisch heideggerisch, natürlich: sprach- und sinnspielerisch, und ein bisschen nebulös. Wie nahe diese verschiedenen Übersetzungen am tatsächlichen Sinn dieses ersten philosophischen Satzes liegen, entzieht sich meiner Kenntnis - der Satz erscheint schwer übersetzbar*. In einer Verständnisübersetzung - was immer auch eine gute Sache ist (bei solchen Verständnisschwierigkeiten) - würde ich diesen Satz etwa so einschätzen: 'Die Dinge kommen und gehen, sie beziehen sich aufeinander und (be-) wegen einander - dies ergibt die Ordnung der Zeit.' Von Anaximander stammt aber nicht nur der erste Satz der Philosophie, sondern auch die erste geographische Weltkarte, d.h. das erste eigentliche Weltbild, überhaupt - mit der Vorstellung, dass die Welt ein zusammenhängendes Ganzes ist (inkl. der [hier noch zweidimensionalen] Globus-Idee, siehe: Bild [unten]). Die antike Idee der Welt, wie sie hier von Anaximander gegeben ist: dass die Erde eine flache Scheibe ist, welche vom Meer (entsprechend: dem griechischen Titanen Okeanos) strommässig umflossen wird, hielt sich bis tief in das Mittelalter hinein und fast bis an die Neuzeit heran! (Der grosse Mythen- und Legendendichter Homer schilderte übrigens Okeanos, gemeinsam mit seiner Frau und Schwester Thetis (in der griechischen Mythologie die Tocher von Uranos und Gaia), als den Vater der Götter und Schöpfer der Welt - dies könnte auch Thales in seiner Urgrundphilosophie beeinflusst haben, so dass also vielleicht auch Homer bedeutend an der Entstehung der Urgrundphilosophie beteiligt ist bzw. an der Urgrundsuche in diesem ganzen polytheistischen Mythenchaos, welches eben die Legendendichter etwas zu ordnen versuchten, und welches eben die Urgrundphilosophen dann aufgebrochen haben.)

* Einige scheinen auch das Ihre dazu getan und/oder weggenommen zu haben, wie das immer ist bei Übersetzungen, notabene. Dieser Satz zeigt auch, wie schwierig das Arbeiten mit Übersetzungen ist, und trotzdem sind wir natürlich immer auf diese angewiesen. Dies gilt es insbesondere übrigens auch für die deutsche Philosophie und deren Interpretation in der Welt zu sagen (denn nicht einmal 1,5% der Weltbevölkerung spricht Deutsch [als Muttersprache], obwohl es doch zumindest eine Zeit lang in Europa, rückblickend auf die grosse deutsche Klassik im 18./19. Jahrhundert, als Sprache der Dichter und Denker beschrieben wurde [das ist natürlich ein sehr kleiner Anteil]).

Wenn wir von den bedeutendsten altgriechischen Philosophen sprechen, müssen wir auch von den bedeutendsten unterschlagenen altgriechischen Philosophen sprechen. Wenn ich heutige Philosophiegeschichtsbücher betrachte, fallen mir dazu v.a. drei Namen ein: Solon, der (Vor-) Begründer der Demokratie, Alkmaion, der Philosoph der Gleichheit und des Ausgleichs*, sowie Xenophanes, der Gottvertreter, später aber auch etwa Zenon von Elea (mit seinen bedeutenden Paradoxien - ich werde noch genauer auf diese eingehen) oder auch Xenophon, der Bestätiger von Sokrates quasi (auch dieses Thema wird später noch eingehender behandelt - er ist aber als Zeitgenosse von Platon und Aristoteles auch der erste Verfasser einer wirtschaftlichen Schrift! - einigermassen bedeutend vermutlich, wenn wir die Bedeutung dieses Themas in der heutigen Zeit betrachten). Dies sind nur ein paar Namen - welche einige heutige Philosophiestudenten vielleicht noch gar nie gehört haben (!) - von einer grossen Zahl von Philosophen aus der Antike, die meistens nur am Rand oder gar nicht betrachtet werden. Wer sich also eingehender damit beschäftigen möchte, kann sich schon nur in dieser griechischen Antike philosophisch prächtig verlieren.

* Vermutlich einer der bedeutendsten der nahezu vergessenen und/oder unbeachteten Philosophen. Ich brauchte rund 25 Jahre der Beschäftigung mit der Philosophie, um ihn zu finden (bzw. um seine Bedeutung im Gesamtkontext zu erkennen). Und so geht es einem natürlich immer wieder in diesem grossen, weiten Feld (welches ja immer auch etwas mit kognitiver Archäologie zu tun hat [und das ist natürlich einer der Reize der Philosophie: nicht nur das, von dem alle, die sich mit diesen Themen beschäftigen, heute reden, sondern das Verborgene, welches man irgendwo dazu auch noch findet, und welches trotz seiner Verborgenheit wesentlich erscheint (und es gibt leider manches, welches auch ich nicht finden werde, weil man schlicht nicht die Zeit dazu hat, selbst wenn man viel Zeit dafür aufwendet, sich mit allem zu beschäftigen)]).



                 


Weitere bedeutende frühe Kartographen waren etwa Homer (spätes 8. u. frühes 7. Jh. - lieferte schon Beschreibungen der Welt), Dicaerchus (um 350-285 v. Chr.) oder Eratosthenes (um 276-194 v. Chr.). Die Darstellung hier des Weltbildes von Herodot bedeutet eben nicht, dass das alte Bild damit überwunden gewesen wäre - höchstens: dass er eine vollumfängliche okeanische Begrenzung nicht so ausdrücklich geschildert hat.

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Die griechische Philosophie vor ihrer Klassik. Jeder Philosoph sah einen anderen Urgrund für sein philosophisches Denken (oder: Denk- und/oder Gedankensystem):

  • Thales (aus Milet [in Kleinasien]) das Wasser,

  • Anaximander (aus Milet [in Kleinasien]) das Unbestimmte (oder auch: das Unbegrenzte, Unendliche, grch. Apeiron),

  • Anaximenes (aus Milet [in Kleinasien]) die Luft,

  • Pythagoras (aus Samos) die Zahl,

  • Alkmaion (aus Kroton [in Unteritalien]) die Gleichheit bzw. den Ausgleich,

  • Xenophanes (aus Kolphon [in Kleinasien], welcher nach Elea übersiedelte) den (einen) Gott,

  • Heraklit (aus Ephesos [in Kleinasien]) das Feuer (und/oder auch die Bewegung oder das Fliessen [oder modern: der Flow] - er ist auch derjenige, welcher den Begriff des Logos eingeführt haben soll),

  • Parmenides (aus Elea [in Unteritalien]) das Sein (er begründete auch die bedeutende Schule der Eleaten),

  • Anaxagoras (aus Klazomenai [in Kleinasien], welcher nach Athen übersiedelte [und also die Philosophie nach Athen brachte]) den Geist (sowie ein Prinzip von [Ur-] Mischung und Trennung),

  • Empedokles (aus Akragas [auf Sizilien]) die Elemente (Vier-Elementen-Lehre [Erde, Feuer, Wasser, Luft], dazu zwei Prinzipien: Liebe und Streit),

  • Protagoras (aus Abdera) den Menschen,

  • Demokrit (aus Abdera) die Atome,

  • Sokrates (aus Athen) den Zweifel (mit ihm begann die grosse, aber kurze Klassik der griechischen Philosophie in Athen [mit Sokrates, Platon und Aristoteles]).

Kurz gesagt, könnte man sagen, dass die ersten Urgrundphilosophen den Urgrund v.a. in den Elementen der natürlichen Physik sahen. Empedokles führte dies zusammen zu einer eigentlich (früh-) physikalischen Elementenlehre, und Protagoras führte diese ganze materialistische Philosophie wieder zurück auf den Menschen
. Er war es demnach auch, welcher - über Sokrates - die Klassik der griechischen Philosophie in Athen einleitete. Das ist die einfachste und geradlinigste Sichtweise, die wir auch sehen müssen, wenn wir die Sache begreifen wollen, auch wenn die Wirklichkeit natürlich nicht ganz so einfach und geradlinig war. Wir finden bei diesen frühen Philosophen - wie natürlich auch bei manchen späteren - einiges, was uns erstaunlich einleuchtend und modern vorkommt, dagegen aber auch wiederum anderes, was uns heute eher dunkel und unverständlich vorkommt. Man muss alle Philosophie (und Ideologie überhaupt) immer auch in der Zeit sehen, in welcher sie entstanden ist, und das ist ja eine Zeit, die lange vorbei ist. Man kann vieles ganz grob missverstehen, wenn man es 1:1 von irgendeiner Vergangenheit in die heutige Zeit hinein überträgt, ohne es auch adäquat zu interpretieren. Wir sprechen hier von einer Zeit, die etwa zwischen dem 7. und dem 5. Jahrhundert vor Christi Geburt liegt (es war aber eben bereits eine Zeit von erstaunlich dichtgedrängter Philosophie: zwischen der Geburt von Thales und dem Tod von Protagoras - mit den ganzen anderen Urgrundphilosophen dazwischen [von denen hier nur einige der Bedeutendsten erwähnt sind] - liegen nur rund 200 Jahre).

Eigentlich ist jeder der Vorklassiker auf seine Weise bedeutend und interessant, und würde einer fehlen, so würde ein wichtiges Glied in der Kette fehlen. Die bedeutendsten Vorklassiker insgesamt sind aber vielleicht Heraklit (um 520-460 v. Chr.), welcher gegenüber allzu starren Ideologien die Bedeutung der physikalischen Bewegung und Veränderung hervorhob, Parmenides (um 520-460 v. Chr.), welchen Platon sogar als grössten philosophischen Meister vor ihm selber bezeichnete (vielleicht v.a. deswegen, weil die Schule von Parmenides die grösste und bedeutendste vor Platons Akademie war) - wogegen aber die gleichnamige Schrift von Platon ("Protagoras") wenig schmeichelhaft ist und diesen eher auf eine satirische Art und Weise behandelt - ferner Empedokles (um 495-435 v. Chr.), welcher das erste eigentliche System in der Philosophie geschaffen hat, und schliesslich Protagoras (um 490-411 v. Chr.), mit der grossen Wende zur Betrachtung des Menschen. Erwähnenswert ist hierzu auch die folgende Gelehrten- und Entwicklungsreihe der gesamten antiken griechischen Philosophie (beschrieben im Werk des Philosophiehistorikers Diogenes Laertios): Xenophanes, der Religionsphilosoph des All-Einen, war der Lehrer von Parmenides, dem 'Ontologen', dessen Schüler Zenon (von Elea) war der Lehrer von Leukipp, dem Atomisten, dessen Schüler Demokrit war der Lehrer von Protagoras, dem Sophisten (und 'Humanisten') - und auf diesen folgten die Klassiker (Sokrates - der 'Hyper-Sophist' - Platon und Aristoteles, von denen der Eine der Lehrer des Anderen war) und danach die Hellenisten oder Nachklassiker, welche sich gegen die Klassik wandten (Pyrrhon, Epikur und Zenon [von Kition]).




Griechische Philosophen, von links nach rechts: Thales, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Alkmaion, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras, Empedokles, Protagoras, Demokrit, Sokrates, Platon, Aristoteles, Pyrrhon, Epikur, Zenon (v. Kition). Diese Porträts sind eher als Vorstellungen von den jeweiligen Philosophen zu sehen.


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Ost-/West-Vergleich (Antike). Etwa zur Zeit von Xenophanes, Parmenides und Anaxagoras (um 500 v. Chr.), welche zu den bedeutendsten griechischen Vorklassikern gehören, gab es - wie etwa Bewusstseins- und Kulturphilosoph Gebser hervorhob - auch im (sogenannten) Osten der Welt eine bedeutende philosophische Kulturentwicklung: mit Laotse, Konfuzius und Buddha, welche allesamt Zeitgenossen gewesen sein sollen (wobei heute nur schwerlich bestimmbar ist, wer hier genau wen - und wie - beeinflusst hat). Die östliche oder (indisch-) chinesische Klassik liegt also zeitlich vor der griechischen Klassik (demgegenüber liegt der Anfang der eigentlichen griechischen Philosophie vor dem Anfang der eigentlichen [von der reinen Religion weitgehend losgelösten fern-] östlichen Philosophie: im Osten sind die Religion und die Philosophie zwar traditionell enger miteinander verbunden als im Westen, trotzdem kann man dies vermutlich so sagen [es bleibt zu erwähnen, dass es auf dem Globus natürlich eigentlich gar keinen Westen und gar keinen Osten gibt, sondern: das sind immer Bezeichnungen von einem gewissen Punkt aus betrachtet, in diesem Fall liegt eine eurozentristische Sichtweise vor]). Konfuzius (551-479 v. Chr.) gilt als erster grosser Moralphilosoph überhaupt, welcher seine Philosophie in erster Linie auf die reine Moral ausgerichtet hat. In seinem Werk findet sich auch eine der frühesten bekannten Formulierungen der Goldenen Regel, wie sie aus vielen althergebrachten Religionen bekannt ist (und demnach so etwas wie die Urmoral der Welt bedeutet). Laotse (im 6. Jh. v. Chr.) ist der Philosoph des Nichthandelns (nicht zu verwechseln mit dem Nirwana von Buddha [Befreiung von der ewigen Wiedergeburt]). Bedeutend ist auch der leicht später aufgetretene Mozi, welcher eine Philosophie der universellen Liebe begründete (ein Thema, welches wir später - in etwas anderer Form - bei Jesus Christus wieder finden). Ganz unterschiedlich sind indes Entwicklung und Wert der weiteren Philosophie verlaufen: im Osten sind die drei grössten Denker der damaligen Zeit (eben: Laotse, Konfuzius und Buddha) auch die drei grössten Denker überhaupt geblieben, bis heute, im Westen hat sich dagegen eine lange und nicht endenwollende Reihe von grossen Denkern ergeben, in welcher es sehr schwer geworden ist, die grössten davon herauszuheben (vielleicht etwa: Platon, Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquino, Hobbes, Descartes, Locke, Rousseau, Kant, Hegel - aber wie viele weitere/andere könnten einen Anspruch darauf hegen, in diese Liste aufgenommen zu werden? [inkl. auch Wissenschaftlern wie Newton, Darwin oder Einstein, u.v.a., welche ebenfalls in einer engen Verbindung zur Philosophie stehen]).

Die Philosophen der chinesischen Klassik hatten zwar nicht die analytische Kraft der griechischen Klassiker, aber ihre punktuelle Trefflichkeit - d.h. wie sie gewisse Dinge teils kurz und knapp auf den Punkt gebracht haben - ist in der Philosophiegeschichte vermutlich nahezu unerreicht bis heute. Die beiden vielleicht schönsten Passagen von Laotse und Konfuzius verdeutlichen dies und erklären alleine fast eine ganze Welt (Metaphysik, Physik, Ethik). "Der Sinn erzeugt die Eins. Die Eins erzeugt die Zwei. Die Zwei erzeugt die Drei. Die Drei erzeugt alle Dinge. Alle Dinge haben im Rücken das Dunkle und streben nach dem Licht, und die strömende Kraft gibt ihnen Harmonie." (Laotse - von der Atom- zur Quantentheorie und darüber hinaus.) "Wer den Willen des Himmels nicht kennt, kann kein Edler sein. Wer die Regeln sittlichen Verhaltens nicht kennt, hat im Leben keinen festen Stand. Wer nicht Worte richtig zu verstehen weiss, kann die Menschen nicht erkennen." (Konfuzius - ein moralisches Lehr- und Meditationsstück erster Güte in nur drei Sätzen.)

Exkurs - Östliche Philosophie in den anderen Zeitepochen. Interessanterweise gab es in jeder der Hauptepochen in der Philosophie je eine bedeutende ausserwestliche Phase. In der Antike ging sie - wie beschrieben (im 6./5. Jahrhundert vor Christus) - von den Chinesen aus, im Mittelalter (im 9.-12./13. Jahrhundert) von den Muslimen und in der Neuzeit (im 19./20. Jahrhundert) von den Hindus. Die arabische und die muslimische Kultur diente im Mittelalter - zu einer Zeit, in welcher sowohl die chinesische wie auch die muslimische Kultur höher entwickelt waren als die europäische - als bedeutende Zwischenstation zwischen Indien und Europa in der Mathematik, und als bedeutende Weiterentwicklung in allen Wissenschaften (etwa u.a. mit Al-Kindi, Al-Gunaid, Ar-Razi, Al-Farabi, Al-Tawhidi, Al-Hazen, Al-Biruni, Ibn Sina [lat. Avicenna], Al-Ghazali, Al-Gilani, Ibn Tufail, Ibn Baddscha, Ibn Ruschd [lat. Averroës], Suhrawardi oder Ibn Arabi [letztere beiden gehören zu den Begründern des Sufismus]). In der Neuzeit waren es - nicht zuletzt wohl aufgrund der Kolonialisierung und Befreiung Indiens - wiederum die Hindus und/oder Inder, welche eine ganze Reihe von vielbeachteten Persönlichkeiten hervorbrachten (Ramakrishna, Tagore, Vivekananda, Gandhi, Aurobindo, Radhakrishnan, Ambedkar [Kritik], Baba, Krishnamurti [Theosophie]). Das bedeutet natürlich nicht, dass es in den anderen Kulturen je keine Denker gab, aber diese waren eher in der (reinen) Religion, in der Politik oder aber in der Wissenschaft zuhause - hier ist nur von jenen die Rede, welche auch in der allgemeinen Philosophie eine grössere Beachtung gefunden haben. Nebst den Indern und den Afrikanern (Wiredu, Hountondji, Oruka, Appiah, Eze), deren Philosophie im 20. Jahrhundert begründet wurde, sind etwa Nishida Kitaro in Japan oder Mohammed Iqbal für den arabischen Raum herausragend zu nennen. (Zu den ersten Philosophen, welche die östliche Philosophie in Europa aufgenommen haben, gehören - nebst Scholastikern wie Albertus Magnus oder Thomas von Aquino, natürlich - in der Neuzeit sehr bedeutend etwa Goethe, Hegel oder Schopenhauer.)

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Die Griechische Klassik - I. Sokrates und der grosse Zweifel. Es brauchte nicht nur die Hinwendung der (sogenannten) Sophisten zum Menschen - mit dem Homo-mensura-Satz von Protagoras ("Der Mensch ist das Mass aller Dinge"), sondern auch einen gewissen (sagenumwobenen) Sokrates, um die griechische Philosophie in Athen zu ihrer Klassik und Hochblüte zu bringen. Sokrates übernahm von den Sophisten den Zweifel, welchen sie mit ihren rhetorischen Künsten gesät hatten - der Sophist Gorgias nahm eigentlich schon den späteren Skeptizismus voraus - und machte ihn zu seinem Logos. Mit dem Zweifel beginnt alle wahre Philosophie - so könnte man das Credo von Sokrates (wie es besonders vom römischen Philosophen Cicero hervorgehoben wurde) formulieren: als radikalen Zweifel an allem bzw. an allem Bisherigen (wie ihn später Descartes übrigens, am Beginn der Neuzeit und deren Wissenschaft, quasi in einer grossen Schauinszenierung der eigenen Philosophie nachahmte [nach dem Motto: ich zweifle an allem, komme dann aber aus dem reinen Zweifel heraus doch zu diesem und jenem Schluss]). Ich muss an dieser Stelle sagen, dass ich mir nicht sicher bin, ob es diesen Sokrates tatsächlich gegeben hat, oder ob er nicht vielmehr ein Kunstprodukt von Platon ist. Es ist ja schon seltsam, wie Platon praktisch alle seine (eigenen?) Ideen durch Sokrates zum Ausdruck brachte (welcher in praktisch allen Werken von Platon die Hauptfigur ist, immer in der Diskussion mit anderen Menschen/Philosophen). Es sieht daher in seinen Werken so aus, als wäre Platon selber nur ein reiner Stellvertreter von Sokrates. Wenn es also Sokrates gegeben hat, dann hat Platon praktisch keine eigenen Ideen vorgebracht, sondern nur jene von Sokrates wiedergegeben (d.h. wenn es einen grossen Sokrates gegeben hat, dann kann es keinen grossen Platon geben, oder höchstens als Begründer der Akademie - und umgekehrt: man redet ja in der Philosophie immer eben über den grossen Platon und meint eigentlich aber die Ideen und Diskussionen von Sokrates - es stellt sich hier also die Frage: Sokrates und/oder Platon?). Vielleicht ist Sokrates nur, aber immerhin!, ein von Platon künstlich erschaffener (hochstilisierter Hyper-) Sophist. Für die These des Kunstproduktes spricht, dass Platon vermutlich auch sonst zu solchen gegriffenen hat - etwa mit der untergegangenen alten (Super-) Welt von Atlantis (die es wahrscheinlich, entgegen der Behauptung von Platon, nicht gegeben hat, die aber einen Fantasy-Effekt entwickelte, der bis heute anhält) - dagegen aber, dass Sokrates (zum Glück!) nicht nur bei Platon bedeutend erwähnt ist, sondern auch bei seinem Zeitgenossen Xenophon, welcher sich ebenfalls als Schüler von Sokrates ausgibt. So können wir also davon ausgehen, dass es Sokrates tatsächlich gegeben hat - ich möchte aber diesen Zweifel doch einmal so anbringen. Es wird tatsächlich ja übrigens auch nie gesagt, selbst unter Philosophieprofessoren und -insidern nicht, Sokrates sei der Begründer der Ideenlehre, sondern dies wird immer Platon zugeschrieben: in dessen Büchern stammt natürlich aber eben diese Ideenlehre einzig und alleine von Sokrates. Es gibt die klare Vorstellung: hier ist der Zweifel von Sokrates sowie dessen Diskussionsmethoden - wie sie auch Xenophon schildert (in dessen "Erinnerungen an Sokrates")* - und da ist die Ideenlehre von Platon - aber das hat eigentlich so nichts mit den platonischen Werken, wie wir sie zu lesen bekommen und wie sie deklariert sind, zu tun. Wenn es Sokrates tatsächlich gegeben hat, dann entsprechen die Werke Platons vielleicht einer schlecht deklarierten Vermischung von sokratischen und eigenen Ideen. Ob nun künstlich, übertrieben oder realistisch - es spielt letztlich keine Rolle, ob Sokrates ein Mensch oder nur eine Idee bzw. ein Mythos (bzw. der Mythos im Logos) war, oder eben tatsächlich sogar, wie es berichtet ist, ein Märtyrer und Heiliger der Philosophie: er gehört so oder so zu den bedeutendsten Philosophen der Welt! Mit Sokrates und seinem grossen Zweifel an allem sowie einer geheimnisvollen Spannung zwischen den Figuren von Sokrates, dem Hyper-Sophisten, und Platon, dem Begründer der Ideenlehre, begann die grosse Klassik der griechischen Philosophie, bestehend aus Sokrates, Platon und Aristoteles, von welchen jeweils der Eine auch der Lehrer des Folgenden war. (Lassen wir im Folgenden den Zweifel beiseite, und sprechen wir über Platon und Sokrates, wie die Philosophie im Allgemeinen über sie spricht, als zwei verschiedene Persönlichkeiten: die Philosophie Platons besteht ja übrigens eben nicht im Zweifel, sondern in einem mehr oder weniger klaren Ideensystem. Ich möchte im Besonderen die Ideen-, Gottes-, Seelen- und Staatslehre Platons betrachten.)

* Der allerlogischste Schluss wäre daher, dass Platon die Figur von Sokrates aus dem Werk von Xenophon übernommen und dieser seine eigene Ideenlehre in den Mund gelegt hat. Dagegen spricht, dass Xenophon und Platon ziemlich exakte Zeitgenossen gewesen sein sollen, und dass Sokrates in praktisch allen Werken von Platon, auch den frühesten, erscheint. Das einzige bedeutende Werk Platons, in welchem Sokrates nicht die Hauptfigur und der Ideenbegründer ist, scheint das Buch "Nomoi" zu sein - dort hat ein unbekannter (namentlich nicht genannter) Athener dieselbe Rolle. (Eine weitere Möglichkeit wäre, dass gar Platons Schüler, die Akademiker, die platonischen Schriften verfasst und die Figur des Sokrates im Namen von Platon eingeführt haben. Wir können weder bei Platon noch bei Aristoteles mit letzter Genauigkeit sagen, welche Schriften von ihnen selber oder allenfalls von ihren Schülern verfasst wurden - in den Werken beider grosser Klassiker gibt es unerklärlich erscheinende, nicht deklarierte Widersprüche [die bedeutendsten, u.a., betreffen: Philosophenkönige vs. reine Gesetzesregierung in zwei verschiedenen Schriften zur Politik bei Platon sowie gar drei verschiedene Schriften zur Ethik bei Aristoteles. Bei Sokrates ist es dagegen klar, dass er keine eigenen Schriften verfasst hat.)

P.S. Wenn irgendjemand das Verhältnis von Platon und Sokrates genauer klären könnte, müsste es eigentlich Aristoteles sein. Hier drei Stellen aus seiner Metaphysik, welche auch einen kurzen und kleinen Einblick in die Ideenlehre geben (denn auch darin kommt Sokrates vor, wenn auch meist nur als abstraktes Beispiel für irgendetwas [wie im zweiten Zitat, u.a.]): "Und da sich nun Sokrates mit den ethischen Gegenständen beschäftigte und gar nicht mit der gesamten Natur, in jenen aber das Allgemeine suchte und sein Nachdenken zuerst auf Definitionen richtete, so brachte dies den Platon, der seine Ansichten aufnahm, zu der Annahme, dass die Definition etwas von dem Sinnlichen Verschiedenes zu ihrem Gegenstande habe; denn unmöglich könne es eine allgemeine Definition von irgend einem sinnlichen Gegenstande geben, da diese sich in beständiger Veränderung befänden. Diese Begriffe also nannte er Ideen des Seienden, das Sinnliche aber sei neben diesen und werde nach ihnen benannt; denn durch Teilnahme an den Ideen existiere die Vielheit des den Ideen gleichartigen." - "Denn was ist denn das werktätige Prinzip, welches im Hinblick auf die Ideen arbeitet? Es kann ja auch etwas einem andern ähnlich sein, ohne diesem nachgebildet zu sein; also mag es nun einen Sokrates geben oder nicht, so kann es jemand geben wie Sokrates, und dasselbe gälte offenbar auch, wenn es einen ewigen Sokrates gäbe." - "Sokrates aber setzte das Allgemeine und die Begriffsbestimmungen nicht als abgetrennte, selbständige Wesenheiten; die Anhänger der Ideenlehre aber trennten es und nannten dieses Ideen der Dinge." Alles klar? (Nein.)

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Die Griechische Klassik - II. Platon, Teil 1: Ideen- und Gotteslehre. Ideenlehre. Platon (428 od. 427-348 od. 347 v. Chr.) ist vermutlich der heute bekannteste ältere Philosoph (vor der Neuzeit). Dies kommt nicht unbedingt daher, dass die Leute seine Philosophie besonders gut kennen würden, sondern eher daher, dass er durch den Begriff vom Platonischen in unserer heutigen Sprachkultur vorkommt. Das Platonische bedeutet etwas, was sich im rein Ideellen abspielt bzw. in einem reinen Ideenbereich. Dies führt uns direkt zur Ideenlehre Platons, welche dem bedeutendsten Teil seiner Philosophie entspricht. Die Idee ist für Platon nicht eine Inspiration oder Intuition im Geist, wie wir das heute sehen würden, sondern: es ist ein Begriff, welcher ewig hinter den Dingen liegt - und zwar der Begriff vom Wahren hinter den Dingen. Von allem Seienden, so meinte Platon, gibt es eine wahre Idee, und dieser Idee zu entsprechen ist auch der Sinn vom Seienden. Die Erfassung der wahren Idee entspricht der reinen Vernunfterkenntnis. Und hier kommen wir vielleicht auf eine ästhetische Höhe der Philosophie, welche zuvor und danach nicht mehr erreicht wurde. Die beste - und das heisst gleichzeitig: die wahrste - aller Ideen ist die Idee vom Guten (bzw. vom Besten). Damit schafft Platon aber - was ihm Aristoteles auch vorgeworfen hat - praktisch ein ideelles Jenseits gegenüber einem materiellen Diesseits (d.h. seine Philosophie hat religiöse Züge [wie besonders auch im Neuplatonismus bei Plotin zu sehen ist, welcher die Philosophie als einen fast mystischen Aufstieg zum Prinzip vom Einen aufgefasst hat]). In Platons Ethik - mit vier Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mässigkeit) - entspricht die Gerechtigkeit der höchsten Tugend (d.h. sie entspricht der besten und wahrsten Auffassung von Ethik). Für seine Erhebung der Idee des Guten und der Tugend der Gerechtigkeit wird Platon bis heute geschätzt, geliebt und verehrt. Gotteslehre. Im Zentrum der Gotteslehre von Platon steht der Demiurg, ein Schöpfergott, welcher die Weltseele gebildet hat. Die Weltseele entspricht der Kraft, welche sich selbst und alles Seiende bewegt. Die alte polytheistische Götterwelt hat hier keinerlei Bedeutung mehr (obwohl Platon die Götter in seinen Schriften mehrfach erwähnt, im Besonderen: Eros). Dagegen vertritt Platon einen eigentlichen Monotheismus, allerdings eben mit einem künstlichen bzw. philosophischen Gott. In theologischer Hinsicht würden wir hier von einem Deismus sprechen, d.h. von einem Schöpfergott, welcher aber später nicht mehr in das Weltgeschehen eingreift. Oder man könnte auch sagen: ein Gott, welcher in der Idealität die Natur (der Weltseele) geschaffen hat, während aber in der Realität die Natur nur noch selber wirkt (auf dieser Ebene, der Ebene der Weltseele, würde diese Auffassung einem [Natur-] Pantheismus entsprechen). Freilich: diese Natur (bzw. Weltseele) liegt bei Platon letztlich in der Vernunft! Und zwar in einer Vernunft, welche der menschlichen gleich ist. Das kann man als ziemlich idealistisch betrachten, aber genau dies ist ja Platons Philosophie auch: idealistisch.

Die Griechische Klassik - II. Platon, Teil 2: Seelen- und Staatslehre. Seelenlehre. Die (Einzel-) Seele ist verbunden mit der kosmischen Weltseele. Sie setzt sich aus einem begehrenden und einem vernünftigen Teil zusammen. Die Seele ist vom Körper gänzlich unabhängig und auch unsterblich (auch hierbei zeigt sich wieder der religiöse und idealistische Bezug von Platon, aber auch die Anleihen im Religiösen, welche bei ihm gemacht wurden [das frühmittelalterliche Christentum hing eher Platon an, welcher allerdings die abglösten Seelen mythologisch in der Unterwelt gesehen hat - und nicht etwa in in einem Himmel - das spätmittelalterliche eher Aristoteles, welcher dann auch die grössere Wirkung auf die Neuzeit ausübte]). Die Seele herrscht über den Körper (diese Auffassung ist uns heute sehr geläufig: sie wurde ebenfalls von Descartes vertreten und von diesem in die neuzeitliche Wissenschaft gebracht). Die antiken Philosophen sprachen allgemein eher von der Seele als vom Geist: die Seele ist das Prinzip, welches den menschlichen Körper bewohnt, der Geist dagegen wird zu dieser Zeit noch eher als eine Kraft in einem unpersönlichen Äusseren und/oder Allgemeinen gesehen (typisch bei Anaxagoras, dem eigentlichen Geistphilosophen der Antike, mit einem unpersönlichen Weltgeist (grch. nous)]). Das Hauptprinzip der (antiken [philosophischen]) Seele war aber nicht etwa das Gefühl, wie wir heute sagen würden, sondern eben: die Vernunft (die wir heute dem Geist zusprechen würden). Diese gibt er in einem Gleichnis wieder: von einem Wagenlenker, welcher die beiden verschiedenartigen Pferde Willen und Begierde lenken muss. Staatslehre. Der Staat ist ein zentraler Faktor in der Philosophie von Platon, eigentlich aber im Kulturverständnis der griechischen Antike überhaupt. Im Vordergrund steht dabei der Begriff der Polis (heute würden wir vielleicht sagen: Bürgergemeinde [durchaus auch in einem politischen Sinn]). Das grosse griechische Reich jener Zeit beinhaltete viele Staaten mit unterschiedlichen Regierungssystemen. Platon lebte zwar in einem demokratischen Stadtstaat, er vertrat aber nicht ein demokratisches Ideal, sondern er sah einen elitären Idealstaat, welcher von (akademisch ausgebildeten) Philosophenkönigen oder -herrschern regiert würde (im Buch "Politeia"). In seinem Alterswerk (im Buch "Nomoi") verwarf er (falls dieses Buch denn wirklich von ihm stammt) diese Idee, in einer der bedeutendsten Wendungen eines Philosophen in der Geschichte überhaupt, und vertrat dagegen ein Staatsmodell, bei welchem die reinen Gesetze im Vordergrund stehen. Oder anders gesagt: gerechte Gesetze statt grosse Philosophen sollen den Staat regieren. Nicht sehr originell, aber doch immerhin vernünftig erscheinend. Das Ziel dabei ist die grösstmögliche Tüchtigkeit der Bürger zu erreichen. Platon begründete die Akademie (Philosophenschule, heute: Universität); nebst Aristoteles gehören Speusippos und Xenokrates zu seinen bedeutendsten Schülern, zwei Nachfolger Platons in der Leitung der Akademie).

Anm. Bei Platon scheint es besonders wichtig und bedeutend, immer wieder den Bezug zu anderen und v.a. auch zur heutigen Zeit zu schaffen, damit man erkennt, in welchem Zusammenhang diese Gedanken genau bestehen, aber eigentlich ist das für jede Philosophie zu jeder Zeit wichtig und bedeutend. Es kommt leider immer wieder vor - und dies sogar bei bekannteren und berühmteren Philosophen - dass sie alte Ideen 1:1 in die Gegenwart übertragen. Das geht natürlich eben eigentlich nicht. Bevor wir aber zu viele andere Philosophen mit zu vielen anderen Meinungen zu diesem Thema anhängen, welche die Sache auch nur verwirren, versuchen wir einen Zusammenhang doch besser direkt zu begründen: zu den grossen (anderen) Zeitepochen und zur heutigen Zeit.



Die antiken klassischen Philosophen werden heute in gewissen Punkten zuweilen auch stark kritisiert. Für Platon wie auch für Aristoteles war die Sklaverei - typisch für die Antike (und das vorhergehende Altertum) - eigentlich ein Normalzustand. Platon vertrat sogar einen gewissen Anflug zur Eugenik - jedenfalls wird ihm dies manchmal vorgeworfen: es handelte sich hierbei um eine (staatliche) Auslese (bzw. Selektion) und Erziehung der Besten (allerdings spezifisch bei der von ihm eingesetzten Klasse der Wächter oder Krieger, welche für die Landesverteidigung und die Verteidigung der in seinem Frühwerk vertretenen und später selber zurückgenommenen Philosophenherrschaft zuständig sind [man kann dies eigentlich nicht allgemein auf seine Philosophie übertragen: eine Bestenauslese in gewissen Bereichen hat natürlich noch lange nichts zu tun mit modernen wissenschaftstechnischen oder gar politfaschistischen Eugenikphantasien, aber trotzdem]). Wie können Philosophen, welche für das Gute, das Glück, die Gerechtigkeit und die Vernunft eintraten, solche Positionen einnehmen? Und v.a.: was sollen wir heute damit anfangen? Darauf gibt es eigentlich nur eine Antwort, jene des Christusapostels Paulus, wonach wir alles prüfen und das Gute behalten sollen. Oder anders gesagt: manches aus den Werken der alten Philosophen können wir in unsere Zeit übertragen, anderes müssen wir dagegen eher verwerfen. Im Fall von Platon können wir nachwievor der Meinung sein, dass das Gute gut ist, aber es stellt sich die Frage: Was ist gut? (Vielleicht eben nicht alles, was Platon in seinen antiken Ansichten für gut befand. Die Klassik der antiken griechischen Philosophie löste eben noch lange nicht alle philosophischen Fragen, aber sie bildet, zusammen mit der Vorklassik, die Grundlage der gesamten [westlichen] Philosophie [und Wissenschaft], welche man als solche an sich nicht verwerfen [sondern: höchstens nicht beachten] kann. Es stellen sich also bezüglich der alten Philosophien immer Fragen von Achtung und Prüfung.)

Wie Platon gründete Aristoteles eine eigene Philosophenschule (Peripatos genannt), das bedeutet auch: er trat aus der platonischen Akademie aus und begründete eine eigenständige und in manchem Platon auch wesentlich widersprechende Philosophie. Der bedeutendste Unterschied liegt in der Grundausrichtung: Platons Philosophie bezeichnen wir als Idealismus, jene von Aristoteles dagegen als Realismus - ob diese Bezeichnung korrekt ist, sei dahingestellt: sie ist v.a. im direkten Gegensatz und Vergleich der beiden grossen Klassiker zustande gekommen. (Die Begriffe des Idealismus und des Realismus sind in der Philosophie - anders als in der Volksmeinung manchmal - eigentlich nicht wertend gemeint, denn ebenso wie der Sinn von einem reinen Idealismus bezweifelt werden kann, so kann auch der Sinn von einem reinen Realismus bezweifelt werden [denn realiter gehören die Ideen natürlich zum Menschsein, und sobald wir uns im Feld der Ideen bewegen, spielt auch immer schon der Idealismus seine Rolle: wenn wir nämlich eine Idee einer anderen vorziehen, bewegen wir uns schon auf einen zunehmenden Idealismus zu].)

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Die Griechische Klassik - III. Aristoteles. Das bedeutendste, was man über Aristoteles sagen kann: er gilt als Begründer der systematischen Wissenschaft. Wenn wir heute Aristoteles (384-322 v. Chr.) als den vielleicht oder vermutlich bedeutendsten Philosophen der Antike bezeichnen, dann tun wir dies v.a. aufgrund seiner Leistungen als Wegbereiter der Wissenschaft und seiner wissenschaftlichen Grundlagenwerke: etwa in der Physik, Biologie, Psychologie oder auch Logik und Ethik (und nicht zu vergessen natürlich: die Metaphysik, als Wissenschaft vom Seienden als solchem bzw. die sogenannte Erste Philosophie). Seine Wissenschaft fand freilich immer noch im Rahmen der Naturphilosophie statt: bei ihm stand das reine (Nach-) Denken noch klar über dem empirischen Forschen (d.h. es handelte sich bei ihm eben noch immer um reine Naturphilosophie und noch nicht um Naturwissenschaft im heutigen Sinn [aber die Auseinandersetzung mit der aristotelischen Naturphilosophie sollte viele Jahrhunderte später der Hauptimpuls für die Begründung der neuzeitlichen und modernen Wissenschaft werden]). Während die Wissenschaft des Aristoteles sich erhalten hat - sie wurde zwar sehr kritisch betrachtet, wird aber andererseits auch immer noch studiert - ist seine ethische Position (für ihn war Ethik eine eigenständige Wissenschaft) fast untergegangen. Sie entspricht erstaunlicherweise jener, welche zuvor auch schon Konfuzius bedeutend vertreten hat (allerdings nur in einem einzelnen Satz, während Aristoteles dem Thema ein ganzes Buch widmete): Die Tugend zielt auf die Mitte - das ist vermutlich so etwas wie ein bürgerlicher Kernsatz (zu allen Zeiten). Und also... ein überraschender Gleichklang im Anfang der Ethik der westlichen und östlichen Philosophie! Der Urgrund ist bei Aristoteles schwieriger zu erfassen als bei den Philosophen zuvor (bei Sokrates war es noch sozusagen der Zweifel, bei Platon die Idee bzw. die Idee vom Guten oder das Gute sowie auch jene der Gerechtigkeit [im Guten]). Einerseits ist es diese Mitte, andererseits sprach er auch (platonisch) vom höchsten Gut des Menschen und vom Glück als dem höchsten Gut des Menschen. Und er sprach wie Platon vom Demiurg, dem philosophischen Gott - dieser kann aber nicht als Urgrund betrachtet werden, obwohl ihn Aristoteles eigentlich am Anfang seiner physikalischen Erwägungen gesehen hat: als Erstbeweger der Welt. Es gibt demnach bei Aristoteles vielleicht drei Urgründe: der Gott, die Mitte und das Glück (jedenfalls scheint mir dies eine gelungene Zusammenstellung zu sein). Demgegenüber könnte man aber auch die Wissenschaft als eigentlichen Urgrund seiner Philosophie bezeichnen; oder man könnte auch sagen, dass die vormalige Urgrundphilosophie bei ihm sozusagen ein Ende nahm (er studierte auch die vorherige Philosophie genauer als jeder andere Philosoph zuvor, um ihr ein Ende zu bereiten: den vagen und verschiedenen Urgründen wollte er eine exaktere Wissenschaft gegenüberstellen, die sich nicht mehr auf einen gemeinsamen Urgrund bezog, sondern in verschiedene Gebiete bzw. Disziplinen aufteilte). Bedeutend (bis heute) ist seine Einteilung der Wissenschaften bzw. der Naturphilosophie in eine theoretische und eine praktische Philosophie (heute: Natur- und Geisteswissenschaft). Diese Einteilung macht Sinn, weil die Ausrichtungen der beiden Bereiche grundverschieden sind (in der Geisteswissenschaft werden humane und soziale Ziele gesucht und angestrebt, in der Naturwissenschaft wird die Natur ergründet).

Sehr interessant ist u.a. die politische Philosophie des Aristoteles: er sieht grundsätzlich sechs mögliche Politsysteme, welche sich unterscheiden in ihrer Ausrichtung nach Gemeinwohl und Eigennutz sowie nach der Anzahl der Herrschenden: Monarchie (Gemeinwohl/Einer), Aristokratie (Gemeinwohl/Einige), Politie (Gemeinwohl/Alle), Tyrannis (Eigennutz/Einer), Oligarchie (Eigennutz/Einige), Demokratie (Eigennutz/Alle). Auch Aristoteles hegte (wie ja auch Platon) der reinen Demokratie gegenüber, in welcher er lebte, einige Vorbehalte - insbesondere stand sie in der Antike im Ruf, dass sie relativ leicht in eine Tyrannis oder Ochlokratie (Pöbelherrschaft) ausarten könne. Er kreierte daher die eigenartig erscheinende Form der Politie, welche eine Mischform darstellt zwischen Demokratie und Oligarchie und eigentlich der heutigen Staatsform der meisten demokratischen Länder entspricht (!) - mit dem Volk als hintergründigem Souverän und einer (vom Volk gewählten) Classe Politique (der Vernünftigen) in den staatstragenden Entscheidungsgewalten. In diesem Sinn erweist sich der gute alte Aristoteles als einer der modernsten Staatstheoretiker der Geschichte (und überhaupt können wir aus heutiger Sicht sagen, dass seine geisteswissenschaftlichen Erwägungen sogar von nachhaltigerer Bedeutung sind als die naturwissenschaftlichen). Auch seine Schichtenlehre in der Weltinterpretation - Hyle (d.h. Materie), Dinge, Lebewesen, Seele, Geist - zeigt sein systematisches und programmatisches Denken.

Aristoteles hat viele beeindruckende Schriften geschrieben: dazu gehören seiner Schriften über die Ethik und die Politik, oder seine Schriften über die Metaphysik und die Physik, und zu den beeindruckendsten gehören natürlich auch jene über die Logik und die Methodik (zusammengefasst im "Organon"). Wir sind immer wieder beeindruckt, wenn wir die dialogischen Stücke von Platon oder eben diese Schriften von Aristoteles lesen, darüber, wie hoch entwickelt die Sprache und das Denken zu jener Zeit bereits war (wir dürfen nicht vergessen: es geht hier um die Zeit im 4. Jahrhundert vor Christi Geburt und Wirken!). Hier ein Ausschnitt aus der "Hermeneutika oder Lehre vom Urteil" (grch. Peri hermeneias) von Aristoteles (natürlich in einer modernen Übersetzung): "Denn die Vorstellung des Guten, dass es gut sei, ist, wenn das Gute das Allgemeine ist, dieselbe mit der, welche alles, was irgend gut ist, als gut vorstellt, und diese ist in Nichts von derjenigen verschieden, das alles, was gut ist, gut sei. Ebenso verhält es sich mit der Vorstellung des Nicht-Guten. Wenn es sich nun mit den Vorstellungen so verhält, und wenn die in Worten geschehenden Bejahungen und Verneinungen nur die Zeichen für die in der Seele sind, so ist klar, dass zu der allgemeinen Bejahung die allgemeine Verneinung das Gegenteil bildet; also dass z.B. zu der Vorstellung, dass alles Gute, gut sei oder dass jeder Mensch gut sei, die Vorstellung, dass Nichts oder Niemand gut sei, das Gegenteil bildet. Dagegen sind die widersprechenden Vorstellungen die, dass nicht alles Gute oder nicht alle Menschen gut seien. Es zeigt sich also, dass das Wahre nicht das Gegenteil vom Wahren sein kann, weder als Vorstellung, noch als ausgesprochene Verneinung: denn die gegenteiligen Vorstellungen sagen Entgegengesetztes von einem Gegenstand aus; aber mehrere wahre Vorstellungen können von demselben Gegenstand zugleich wahr sein, während Gegenteile nicht in demselben Gegenstand zugleich enthalten sein können." Ich denke, dass dies auch ein heutiger Philosoph schreiben könnte (und vielleicht würde er sogar den selben, in der Sache kleinen, aber im Sinn grossen Fehler machen, den Satz von Parmenides, wonach nur das Seiende ist und es kein Nichtseiendes gibt [als ersten Satz aller Ersten Philosophie und Logik], zu vernachlässigen [welchen auch schon Platon machte und viele nach diesen]), und niemand würde sagen, welcher Aristoteles nicht kennt, dass dies nicht aus unserer Zeit stammen könne... Ich habe hier zu Aristoteles auch einen kurzen Ausschnitt seiner Logik gewählt, weil dieses Thema in der Folge aus gewissen und/oder bestimmten Gründen etwas zu kurz kommen wird, wie in den meisten Philosophiegeschichten, notabene (es wurde - so scheint mir - auch oft eher als philosophische Spielerei behandelt, denn als wirkliche Philosophie). Die Logik wurde langezeit bestimmt von den Grundbüchern des Aristoteles sowie Kommentaren dazu. In der Neuzeit wird oft die sogenannte Logik von Port-Royal (von den christlichen Jansenisten Antoine Arnauld und Pierre Nicolas, 1662) als Einleitung zu einer modernen Logik gesehen, welche dann v.a. von Gottlob Freges "Begriffsschrift" (1879) begründet wurde (mit der Prädikatenlogik, in welcher sich Linguistik und Mathematik immer bedeutender vermischen bzw. in welcher versucht wird, die Sprachlogik immer mathematischer aufzufassen - bedeutende Erfolge konnte die Logik dann v.a. in den Gebieten der Mathematik und der Informatik erzielen, weniger indes eben im Bereich der reinen Philosophie, wo der Traum Wittgensteins einer vollkommenen Formalisierung der Philosophie im Höhepunkt einer sprachlogischen Betrachtung als eine philosophische Absurdität betrachtet und als solche zurückgewiesen werden muss [ich werde auf dies noch zurückkommen]).

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Exkurs - Die Kritik an der Ideenlehre, das grosse Paradoxon und das schwierige 'Bewegungsproblem'. Die Kritik von Aristoteles an der Ideenlehre von Platon ist vielfältig ausgefallen. Am Bedeutendsten ist vielleicht der Einwand bezüglich des 'Bewegungsproblems'. Um diese Problematik zu begreifen müssen wir etwas zurückblenden, in die Zeit der Vorsokratiker bzw. Vorklassiker. Heraklit meinte, dass alles in einem ständigen Fliessen bzw. in einer ewigen Bewegung sei. Dagegen meinte Zenon von Elea (um 490-430 v. Chr.), ein Schüler von Parmenides (nicht zu verwechseln mit dem berühmteren, späteren Zenon von Kition, dem Begründer der Stoa), dass es im Grunde bzw. im Ganzen keine Bewegung geben könne! Das tönt einigermassen absurd. Zum Beweis seiner seltsamen These führte er ein Paradoxon auf. Er liess - was man heute als Gedankenexperiment bezeichnen würde - Achilles im Wettlauf gegen eine Schildkröte antreten, welcher er einen Vorsprung gibt. Nun holt Achilles zwar Stück für Stück auf, weil er der Schnellere ist, aber er kann die Schildkröte trotzdem nie ganz erreichen, weil diese in der Zeit, in welcher er ein Stück aufgeholt hat, immer schon wieder ein Stück weiter ist, und das gilt selbst dann, wenn er gerade daran wäre, sie einzuholen. Die Schildkröte behält immer - auch wenn man diese Überlegung ins Ewige weiterführt - einen kleinen Vorsprung, und es hat sich also wenig bis gar nichts an der ursprünglichen Situation geändert. Die Mathematiker und Logiker glauben, das Problem gelöst zu haben*, aber es war gar nicht so einfach (und das Paradoxon erstaunt uns bis heute [etwa in der US-Hollywood-Filmkomödie "I.Q." (1994)]). Noch klarer wird der Sinn von Zenons Behauptung in seinem Pfeil-Paradoxon, in welchem er sagt, dass sich ein Gegenstand in Bewegung realiter gar nicht bewegt, wenn man die Bewegung in allerkleinste Zeiteinheiten einteilt, in welchen er praktisch stillsteht (d.h. in einer zeitlichen Unendlichkeit und Ewigkeit, welche paradoxerweise ja auch der absoluten oder reinen zeitlich quasi eingefrorenen Gegenwart und Momentaufnahme entspricht, bewegen sich die Dinge eigentlich nicht, in der Raum-Zeit natürlich aber schon). Man hört zuweilen in der Philosophie, es bestehe ein Widerspruch zwischen Heraklit, welcher sagte, dass alles in Bewegung sei, und Parmenides, welcher eine starre Ewigkeit behaupte. Diese Auffassung gründet wohl v.a. auf diesen Paradoxien dieses eleatischen Schülers von Parmenides. Dieser spricht aber davon, dass das Seiende weder entstanden sei, noch zerstört werden könne, und auch nicht teilbar sei, sondern unveränderlich, da es als Ganzes ein Gleiches sei. Er spricht also vom Ganzen, während Heraklit vom Einzelnen spricht. Es macht offenbar (auch) einen Unterschied, ob man alles Einzelne einzeln betrachtet, oder das All als solches (jedenfalls in dieser Frage - was eigentlich auch ein Paradoxon darstellt: wie kann alles als Einzelnes in Bewegung sein, das Ganze als solches aber nicht? [wir reichen wirklich mit diesen Paradoxien aus einer alten Antike bereits an die Probleme der modernen Physik und an die Science Fiction heran]). Der Begriff vom Ewigen kommt bei Parmenides nicht explizit vor: was aber unveränderlich ist, das erscheint natürlich auch ewig - und genau um diese Qualitäten geht es ja hier: um das Ewige - welches in der Antike als unveränderlich vorgestellt wurde - bei Parmenides und um das Veränderliche und Bewegliche bei Heraklit. Insbesondere bei Anaxagoras ('Weltgeist') und Platon ('Weltseele') spielte die Auffassung des Ewigen, des Unveränderlichen und des Ganzen danach ebenfalls eine bedeutende Rolle (aber auch etwa der Universalienstreit im Mittelalter - Allgemeinbegriffe/-ideen vs. Einzeldinge - oder die Behauptung von einer ewigen Wiederkehr des Gleichen bei Nietzsche, gehören in diesen Themenbereich). Eine solche Ansicht vom Ganzen, welche (in der [vergleichsweise noch wenig beachteten] Philosophie) seit den Eleaten bis zu Platon vorherrschte, führte nach Aristoteles zu einem 'Bewegungsproblem', das sich auch in der Ideenlehre Platons manifestiere: die Ideen von Platon könnten, so meinte Aristoteles, (ebenso wie auch die Mathematik) keine Ursache für die Bewegung der Dinge sein**. Daher stellte Aristoteles, nebst der Annahme von Gott als Erstbeweger, in seiner Physik eine eigene (wissenschaftliche) Bewegungstheorie auf, welche - nach einem Intermezzo mit der sogenannten Impetus- oder Impulstheorie - von Galilei kritisiert und durch dessen Trägheitsprinzip (welches das 'Bewegungsproblem' endlich - tatsächlich oder weiterhin nur scheinbar - löste) ersetzt wurde, was zur neuzeitlichen Physik und Mechanik (mit der Idee eines mechanistischen Universums) bei Newton führte (genauer: die interessante und - weil die ganze neuezeitliche Physik daran hängt - spektakuläre Entdeckung der Grundgesetze der Mechanik). Die heutige Physik behauptet ja übrigens, dass sich auch das Ganze - nach ihr: das Universum, wie man heute sagt - bewegt (bzw. [derzeit] ausdehnt). Und trotzdem scheinen wir auch heute noch allzu oft die wahren Ideen - die es ja nach Platon auch nur in einer Ewigkeit geben kann - zu verfehlen... Dies ist vielleicht ein bisschen ein paradoxer Abschnitt, aber das gehört eben auch zur Philosophie: das Paradoxe, das Groteske, das Absurde - inkl. Fragen, die wir bis heute nicht auflösen können.

* Es stellt sich indes die Frage, ob die Mathematiker und Logiker das Problem auch wirklich gelöst haben. Sie haben es scheinbar gelöst, indem sie die Einteilung der Zeit in unendlich kleine Räume hier verboten haben - sie sagen uns aber nicht, mit welchem Recht sie das verbieten. In der Art und Weise, wie Zenon das Problem vorstellt, scheint es tatsächlich keine Lösung zu geben. In der Realität gibt es freilich eine einfache Erklärung: irgendwann einmal (bzw. ständig eigentlich) überspringt Achilles die immer kleiner werdenden, ins Unendliche gehenden Zeiträume mit einer einfachen Schrittlänge. Das Problem löst sich in der Realität von selber, nicht so aber in der Vorstellung. Man muss sich lösen von der Problemanordnung, in welcher man immer schaut, welchen Fortschritt die Schildkröte an dem Punkt gemacht hat, an welchem Achilles sie einholen würde. Wenn man ganz einfach bei beiden Figuren die gemachten Wegstrecken pro (gleichbleibender) Zeiteinheit aneinanderreiht, dann hat man das Abbild der Realität und das Problem ist gelöst. Das Problem zeigt, wie hilflos unsere Vorstellung wird, wenn wir uns auf einen falschen Gedanken konzentrieren und fixieren. Ferner zeigen diese Paradoxien natürlich auch, wie eng die Mathematik eigentlich mit der Vorstellung verknüpft ist. (Was auch immer damit gezeigt werden sollte: für mich sind diese Paradoxien viel zu klug, als dass Zenon von Elea damit einfach nur die Philosophie von Parmenides hätte beweisen wollen. Das ist übrigens eine Qualität, welche die heutige Philosophie praktisch nicht mehr kennt: die Klugheit. Man kann sich fragen, welche von den antiken oder platonischen Kardinaltugenden der Weisheit [Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mässigkeit] die heutige Philosophie überhaupt noch kennt; ich sage das ohne die antike Philosophie verherrlichen zu wollen. Es ist nur eine Frage.)

** Dies obwohl Platon eigentlich auch eine eigene Vorstellung zur Bewegung äusserte - im Problem der Pfeilbewegung, welches auf das Pfeil-Paradoxon zurückgeht (was zeigt, dass er auf Zenon von Elea Bezug genommen hat) und danach diskutiert wurde von Aristoteles selber bis zu Avicenna. Platon meinte, es sei die Luft, welche die Bewegung des Pfeils bewirkt - durch Wirbelbildungen in der Luft. Aristoteles dagegen meinte, der Bogen übergebe die Kraft an den Pfeil (das entspricht ja auch bereits unserer heute noch gängigen Vorstellung der einfachsten Billard-Kugel-Physik). Philoponos meinte, die Kraft sei nur geliehen (Impetustheorie) und verliere sich wieder, und darum falle der Pfeil nach einer gewissen Distanz zu Boden - dies sei auch im Vakuum so. Avicenna meinte, die Luft behindere die Bewegung des Pfeils und bewirke, dass er zu Boden falle, und nur im Vakuum gebe es eine konstante Bewegung, die nicht zum Stillstand kommt. Das wäre eigentlich schon ein Ansatz für die neuzeitliche Physik gewesen, aber es dauerte noch ein bisschen länger bis diese über Ockham und Galilei (Trägheitsprinzip) dann von Newton (Gravitationstheorie und drei Grundgesetze der Mechanik) begründet wurde. Das zeigt: hinter unserer heutigen Physik steht nicht nur Aristoteles in der Antike, welcher aber die Bewegungsphysik erstmals klar aufgefasst und dargestellt hat, sondern mindestens auch Heraklit, Zenon und Platon (ebenso ist auch hier hinzweisen auf den bedeutenden Einfluss der muslimischen Philosophie, aber auch der christlichen Philosophie für die gesamte spätere Wissenschaft - manches davon mag uns heute als simpel oder seltsam vorkommen, und doch war jeder dieser einzelnen Entwicklungsschritte notwendig für die gesamte Entwicklung, und nichts davon ist irgendwie trivial [ganz abgesehen davon, dass ja auch die einfachsten Dinge manchmal am Schwierigsten zu finden (siehe: Kategorischer Imperativ von Immanuel Kant) und/oder zu erklären sind (siehe: Relativitätstheorie von Einstein)]).

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Erstaunlicherweise war die grosse (bzw. heute als so gross empfundene) Klassik in der griechischen Philosophie nur eine kurze Phase von rund 150 Jahren (etwa 475-325 v. Chr.). Danach trieb es die späteren (hellenistischen) Philosophen nicht zum Verweilen, sondern zur Begründung neuer, anderer Ideen. Und so ging auch in den folgenden Zeiten - unglaublich aus heutiger Sicht - v.a. Aristoteles nahezu vergessen! Die platonische Akademie bestand zwar weiter, sie wurde allerdings im Jahr 86 v. Chr. durch den römischen Feldherrn Sulla gänzlich vernichtet - der letzte Leiter der Akademie (Philon von Larisa) war schon zwei Jahre zuvor nach Rom geflohen - während übrigens die attische Demokratie bereits 262 v. Chr., mit der Niederlage der Athener im Chremonideischen Krieg und einer wiederholten Besetzung durch Makedonien, zu Ende war (interessant: diesen Krieg kennt heute niemand, obwohl er für sehr lange Zeit das Ende der Demokratie bedeutete!). Die platonischen Zeitabschnitte werden bezeichnet als Ältere Akademie, Jüngere Akademie, Mittelplatonismus (1. Jh. v. Chr. bis 3. Jh.) und Neuplatonismus (mit Plotin [205-270] und anderen, im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt). Während der Platonismus im frühen Christentum (Patristik) eine bedeutende Rolle spielte, erlebte der Aristotelismus erst im späten Christentum (Scholastik) eine Renaissance, im 12./13. Jahrhundert - in der Wiederentdeckung der aristotelischen Philosophie durch Averroës, Moses Maimonides und Thomas von Aquino (mit bedeutendem Einfluss auf die Neuzeit und deren Wissenschaft, welche sich wesentlich in der Auseinandersetzung mit den Positionen von Aristoteles begründete und entwickelte; als allererster Aristoteles-Kommentator im Mittelalter überhaupt soll übrigens Notker Teutonicus (um 950–1022) gelten [ohne Gewähr]). Wiedererfahrungen der griechischen Antike gab es auch später immer wieder, bedeutend natürlich im Zeitalter der Renaissance - in welchem allerdings die römische Antike den grösseren Einfluss ausübte - oder auch etwa bei Nietzsche, welcher allerdings die antike Götterwelt eigentlich den Philosophen vorzog, während Sloterdijk in einer Rede nahe der letzten Jahrtausendwende (1997) fragte, ob die alten Philosophen heute noch unsere Freunde sein können (wobei er sich speziell auf Platon bezog). Wie bedeutend (und unkritisch) die griechische Antike gerade in den höheren deutschen Schulen bis zum Zweiten Weltkrieg behandelt wurde, zeigt auch eine Erzählung des Schriftstellers Andersch, welcher damit - ob zurecht oder zu Unrecht - einen altväterlichen Humanismus kritisiert (und die peinliche Frage stellt, ob denn eine humanistische Bildung vor gar nichts schütze). Wir treffen überall in der Philosophie auf Kritik und Gegenkritik (und Kritik der Gegenkritik, usw. usf., etc. etc. - die Beurteilung von alledem ist, wenn sie sorgfältig gemacht wird, immer schwierig und nie abgeschlossen). Es gibt in diesem Zusammenhang - des Übergangs von der Klassik zum Hellenismus - ferner eine bekannte Geschichte bzw. Anekdote aus früherer Zeit zu erwähnen: jene vom makedonischen Herrscher Alexander dem Grossen (356-323 v. Chr.), welcher der Legende nach von Aristoteles ausgebildet wurde, also sozusagen ein Philosophenkönig war, wie Platon ihn in seinem Frühwerk gefordert hatte, und dessen Begegnung mit dem zynischen, ärmlichen Philosophen Diogenes von Sinope (um 410-323 v. Chr.), auch bekannt als Diogenes im Fass oder in der Tonne, welcher - nach seinen Wünschen befragt - zum grossen Philosophenkönig gesagt haben soll: "Geh mir aus der Sonne!" Dies ist auch bereits ein, wenn auch ein anekdotisches Zeugnis zum Verhältnis der Klassik mit der nachmaligen hellenistischen Philosophie, welche zu einem bedeutenden Teil aus einem philosophischen Zynismus - bzw. aus der absichtlich gewählten Position der Weltdistanz, wie sie auch den Zynismus kennzeichnet - heraus entstanden war (besonders in der Skepsis und Stoa).

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Die hellenistische Philosophie (Nachklassik). Die spätere griechische Antike wird die Zeit des Hellenismus genannt (diese Epoche ist ziemlich genau umrissen: von der Herrschaftszeit Alexanders des Grossen [336 v. Chr.] bis zum Eingang des ptolemäischen Ägyptens in das Römische Reich [30 v. Chr. - wobei ich hier philosophisch die Zeit bis zu Plotin betrachte (quasi dem letzten Ausläufer der griechischen Antike, im 3. Jahrhundert, falls man nicht auch noch Boethius im 5./6. Jahrhundert dazuzählen möchte - das sind aber eher vereinzelte grosse Figuren einer spätgriechischen Philosophie; der Platonismus spielte indessen noch lange eine gewisse Rolle und tauchte zwischendurch immer wieder auf, insbesondere - u.a. - etwa in der Domschule von Chartres zur Zeit der christlichen Scholastik oder bei den Cambridger Platonikern noch im 17. Jahrhundert)]). Die hellenistische Zeit brachte drei grosse Schulen bzw. Richtungen hervor: die skeptische Schule von Pyrrhon (Prinzip der Verneinung [aller Wahrheitsansprüche überhaupt]), die epikureische Schule von Epikur (Prinzip der Lust [und Unlust]) und die stoische Schule von Zenon (Prinzip der Gemütsruhe [bzw. der Gleichgültigkeit]). Ich nenne diese drei Schulen auch die Schulen des Untergangs, da sie den Untergang der antiken griechischen Kultur zumindest (mit-) begleiteten. Auf diese hellenistischen Richtungen der Philosophie traf auch der christliche Apostel Paulus zu seiner Zeit noch hauptsächlich, insofern bei ihm von der Philosophie die Rede ist, was auch der Hauptgrund gewesen sein dürfte für seine (zu?) scharfe Verwerfung der Philosophie (im Allgemeinen). Er verwarf in erster Linie eben diese Untergangsphilosophien (während die christliche Theologie dann aber wiederum einiges aus der alten Philosophie in ihre eigene Lehre aufgenommen und eingebaut hat [das Christentum hat auch sonst verschiedenes vom Heidentum übernommen. Trotz dieser kritischen Anmerkung sind diese drei Schulen sehr bedeutend: die Skepsis spielte später zu verschiedenen Zeiten eine bedeutende Rolle (insbesondere etwa bei Empiricus, Montaigne, Hume oder Fries), Epikur gilt - gemeinsam mit dem römischen Philosophen Seneca - bis heute als Wegbereiter einer (manchmal auch etwas dekadent anmutenden) Lebenshilfephilosophie und den philosophischen Anleitungen zum Glücklichsein, während die Stoa, begründet von Zenon von Kition (333-262 v. Chr.), sogar zur Hauptphilosophie im antiken Rom aufstieg. Irgendwie schien sich dort die Stoa ganz gut zu eignen, um eigentlich eher ein grundsätzliches Desinteresse gegenüber der Philosophie zu signalisieren (die Stoa bot - bei Mark Aurel sogar kaiserlich vorgelebt - noch ein bisschen Nahrung für jene, die sich trotzdem für philosophische Fragen interessierten). Die letzten drei grossen Figuren der griechischen Antike waren zwei Wissenschaftler und ein Philosoph: Archimedes (aus Sizilien - mit dem Auftriebsgesetz [gilt quasi als erster Vertreter der experimentellen Wissenschaft (obwohl seine Entdeckung eher auf Zufall beruhte)]) - sowie bereits nach Christi Geburt und Wirken - Ptolemäus (aus Ägypten - mit dem [falschen] geozentrischen Weltbild) und schliesslich Neuplatonist Plotin. Einige weitere, meist frühere bekannte Wissenschaftler und Mathematiker waren etwa: Alkmaion (Isonomietheorie [Gleichheit, Ausgleich]), Hippokrates (Medizinischer Eid), Aristarch (von Samos [frühes heliozentrisches Weltbild]), Euklid (Geometrie), Eratosthenes (Erdumfangberechnung), Galen (Medizin). Nachdem Anaxagoras in der Vorklassik die Philosophie von Kleinasien nach Athen gebracht hatte, verlagerte sie sich nach Epikur von Athen wieder in die Peripherie: Plotin, welcher vermutlich in Ägypten geboren wurde und an der südlichen Westküste Italiens verstarb, setzte mit seinem Neuplatonismus (inkl. der anschliessenden Gnosis, einer Verbindung von verschiedenen Mystizismen [unter christlichen, jüdischen, heidnischen und hellenistischen Intellektuellen verbreitet]) das letzte grosse philosophische Zeichen, in jener Zeit, die wir als griechische Antike bezeichnen.


Antike Stätten der Philosophen: Milet (in Kleinasien, heute: Türkei - Thales, Anaximander, Anaximenes), Samos/Metapont (Pythagoras), Kroton (Alkmaion), Kolophon (Xenophanes), Ephesus (in Kleinasien - Heraklit), Elea (heute: Velia in Unteritalien - Parmenides, Zenon v. Elea sowie evtl. Leukipp), Klazomenai (in Kleinasien - Anaxagoras), Akragas (heute: Agrigent auf Sizilien - Empedokles), Abdera (heute: Avdira - Protagoras, Demokrit), Athen (Sokrates, Xenophon, Platon, Aristoteles [bei ihm Wirkungsstätte - geb. in Stageira, gest. in Chalkis]), Sinope (Kleinasien)/Korinth (Diogenes von Sinope), Elis (Pyrrhon von Elis), Samos/Athen (Epikur), Kition (auf Zypern - Zenon von Kition), Ägypten/Kampanien (vermutlich: Plotin) - Das antike Rom.


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Stillstand in der römischen Philosophie. Die folgende Zeit der römischen Antike ist philosophisch weniger bedeutend und interessant als die griechische (und dasselbe gilt es auch von der [systematisch] wissenschaftlichen Entwicklung zu sagen! [während es eine technische Weiterentwicklungen durchaus gab, hielten die alten Römer wenig bis gar nichts von schriftlicher bzw. theoretischer und systematischer Wissenschaft]). Die Römer übernahmen im Wesentlichen das altgriechisch-polytheistische Göttersystem und brachten nur recht wenige grosse Denker hervor, die sich in den meisten Fällen auch an der griechischen bzw. an der hellenistischen Philosophie orientierten - etwa: Cicero, Lukrez (der Epikureer), Seneca, Epiktet, Mark Aurel (der eigentliche Philosophenkaiser), Victorinus (gilt als Begründer der christlichen Trinitätslehre) oder Boëthius. Die vorherrschende philosophische Richtung war die (griechische) Stoa, welche auf Gelassenheit, Mässigung und Seelenfrieden zielt (ein Zeichen vermutlich auch dafür, dass die Philosophie zu dieser Zeit bzw. besonders zu dieser Zeit vorwiegend in der Oberschicht betrieben wurde). Der bekannteste römische Philosoph ist vermutlich der Stoiker Seneca, der interessanteste vielleicht der Eklektiker Cicero - dieser begründete die einzige neue Richtung in der römischen Philosophie: den Eklektizismus, was etwa so viel bedeutet wie die Zusammenlegung vieler Philosophien zu einer. Viel bedeutender als die Philosophie - inkl. Staatsphilosophie - war im Alten Rom das Rechtssystem, mit Rechtsgelehrten und -philosophen wie Cicero, Gaius oder Ulpian und der bedeutendsten Wirkung altrömischer Kultur auch auf unsere heutige Zeit (durchaus ja irgendwie im Sinne des späteren, gesetzesorientierten Nomoi-Platons). Wir betrachten noch unser heutiges Recht begründet auf der Basis des alten Römischen Rechts (was von einer späteren Wiederentdeckung des Alten Römischen Rechts im 11. Jahrhundert an der ältesten europäischen Universität in Bologna kommt [mit dem Rechtsgelehrten Irnerius (von Bologna)]; in Mitteleuropa erlangte es ab dem 14. Jahrhundert erneute Bedeutung). Der englische Philosoph Hobbes wies im 17. Jahrhundert darauf hin, dass v.a. zwei zentrale Punkte im Römischen Recht zu berücksichtigen sind: erstens der Eigentumsschutz und zweitens - sehr bedeutend - die juristische Person (wir finden beide Prinzipien auch in der theologischen Legitimierung Jesu Christi, denn dieser hat die Vollmacht Gottes zur Vertretung der dreifaltigen Person! - ein drittes bedeutendes Prinzip war, u.a., die Rechtlosigkeit der Sklaven [dieses spielt im heutigen Recht glücklicherweise keine Rolle mehr]). Rein philosophisch betrachtet, könnte man aber die Römische Antike fast ebenso gut weglassen... Die Stoa erfuhr keine allzu bedeutende Weiterentwicklung, und neue Richtungen kamen eben eigentlich gar keine auf. Unbezweifelbar jedenfalls befand sich die Philosophie zu jener Zeit auf einem absteigenden Ast - auch wenn sich der Platonismus erhalten hatte und durch den Neuplatonismus von Plotin zu neuer Blüte kam (dies hatte zwar einen Einfluss auf die Christologie im frühen Christentum, war aber ansonsten wohl eher von esoterischer Bedeutung [die platonische Schule in Athen war zu jener Zeit weiter bedeutender als jene von Plotin in Rom; die bekanntesten Philosophen aus den neuplatonischen Schulen sind etwa Porphyrios oder Proklos]). Es waren also nicht alleine die religiösen Christen, welche die klassische griechische Philosophie versenkten, wie manche heute fälschlicherweise behaupten, sondern ganz im Gegenteil: diese haben sie, wie schon angesprochen (v.a. im Fall von Aristoteles), eher aus der Versenkung wieder hervorgeholt (während die Vorsokratiker weder im Alten Rom noch im Christentum irgendeine Rolle spielten [die Philosophie vor Platon war am Ende der Antike praktisch vollkommen untergegangen (die Demokratie, der Ausgleich oder das Fliessen von allem interessierte die alten Römer ebenso wenig wie der [eine] Gott, das Sein oder der Geist [das sind nämlich alles Dinge, die in der vorsokratischen Philosophie vorkommen und dort bedeutend sind])]).

Der Glaube der alten Römer muss als eher oberflächlich bezeichnet werden - bedeutende Mystiker oder Esoteriker finden wir darin kaum (einzige Ausnahme ist die Gnosis, welche aber v.a. in der jüdischen, christlichen und hellenistischen Kultur eine bedeutendere Rolle spielte; auch die Alchemie, also die Vorgängerin der Wissenschaft der Chemie, mit esoterischem Zusammenhang, ging fast vollkommen an der römischen Kultur vorbei, notabene). Überhaupt waren sowohl die Religion wie auch die Philosophie und die (experimentelle) Wissenschaft (wo man schon von einer solchen sprechen konnte) herabgesetzt (zu viel Neues und Experimentelles war nicht erwünscht). Die Ausrichtung der Kultur war einfacher und praktischer, aber auch rechtlicher und amtlicher sowie militärischer Art - damit konnte eine grosse Hochkultur errichtet werden, die aber einen ebenso legendär grossen Niedergang erlebte. Die alten Reiche von Babylon (biblisch) und Rom sind heute Synonyme für untergegangene Grossreiche, welche aufgrund von Überbordungen und Übertreibungen aus dem Ruder geraten sind.

Summa summarum. Viele philosophische und wissenschaftliche Fragen wurden in der Antike zum ersten Mal vorgebracht und behandelt. Im Allgemeinen bildet die antike Philosophie einen wundervollen Mikrokosmos der Philosophie, in welcher also die Philosophen auf ihrer Urgrundsuche vom Wasser - aus dem das Leben entstammt - über den Menschen zum Recht kamen. Kombiniert man (Nomoi-) Platon/Rom mit Aristoteles, kann man (etwas optimistisch) zum Schluss kommen: das Ziel ist oder wäre das Recht in einem politischen Staat (d.h. in einem Staat, in welchem ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht der Bürger besteht - dies war im Römischen Reich natürlich nicht gegeben, obwohl es anfangs sogar auch gewisse demokratische Tendenzen gab, die aber im späteren Kaiserreich bzw. kaiserlichen Grossreich - eben in der Gestalt, wie wir die altrömische (Hoch-) Kultur v.a. kennen - vollkommen verlorengingen; ebenso war keine rechtliche Gleichheit gegeben, sondern es gab verschiedene Bevölkerungsgruppen, die nicht nur gesellschaftlich, sondern auch rechtlich schlechter behandelt wurden).

Die Antike ist ein Zeitraum, welcher etwa vom 8. Jahrhundert vor Christus bis etwa zum 5. Jahrhundert reicht (mit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahr 476). Diese Zeit überschneidet sich mit dem frühen Christentum, welche Patristik genannt wird: etwa vom 1. bis zum früheren 8. Jahrhundert, während das spätere mittelalterliche Christentum als Scholastik bezeichnet wird: etwa vom 10. bis zum 15. Jahrhundert. Das heisst: es gibt an diesem Punkt eine für die Zukunft Europas und der Welt überaus bedeutende Überschneidung der religiösen jüdisch-christlichen Kulturachse mit der philosophischen, politischen und rechtlichen griechisch-römischen Kulturachse. Im Mittelpunkt dieser Überschneidung steht natürlich die Figur von Jesus Christus (und diese bestimmte durch die christliche Religion und Theologie die [westliche] Philosophie des Mittelalters).

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Videos zur Europa- und Weltgeschichte: Kurze Geschichte Europas (engl.), Kurze Geschichte der Welt (engl.).



MITTELALTER * * * Jesus Christus, der Messias der christlichen Religion * * * Paulus und seine Kritik der hellenistischen Philosophie * * * Justinus und der Christus als ganzer Logos * * * Patristik der Kirchenväter mit Augustinus * * * Mohammed und der Islam * * * Grosses (auch: Morgenländisches oder Griechisches) Schisma - die Trennung von Ost- und Westkirche * * * Forderung nach Einsicht und Vernunft im Glauben (Anselmus von Canterbury) * * * Averroës und die Wiederentdeckung des Aristoteles * * * Scholastik der Kirchenlehrer mit Thomas von Aquino * * * Anfänge einer neuen Wissenschaft und empirische Erkenntnis (Roger Bacon, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham) * * * Das neue Zeitalter der Renaissance.


Die christliche Theologie tritt an die Stelle der antiken Philosophie.

Jesus Christus wurde im Land Palästina (heute: Israel/Palästina), im Nahen Osten, geboren und trat dort als der von den altisraelitischen Propheten prophezeite, von Galiläa (Keltensiedlung, hebr. galil ha-gojim: Bezirk der Heiden) aus zu den Heiden gesandte Messias auf. Er begründete das, was der anthroposophische Philosoph Steiner den Christus-Impuls nennt, und dieser Christus erwies sich als die bedeutendste religiöse Kraft in der (westlichen) Welt. In diesem Christus-Impuls sind in dessen kultureller Bedeutung zwei grosse Ströme der Kultur zusammengekommen: die Religion vom alten Israel und die Philosophie vom antiken Griechenland. Jedoch scheint auch ein östlicher Einfluss sehr deutlich spür- und greifbar zu sein in diesem Impuls. Der Christus war ja verheissen als grosser Friedefürst der Welt, und daher können wir davon ausgehen, dass ein vielfältig verflochtener Welteinfluss sämtlicher Religionen und Kulturen zu diesem Impuls mitgewirkt hat. Wie könnte oder wollte er sonst der grosse Friedefürst sein? Das Mittelalter ist aber nicht nur durch den Christus, sondern im Westen wie im Osten durch verschiedene religiöse Phänomene begründet: durch das Auftreten des Religionsstifters Mani (im 3. Jh.), welcher eine erfolgreiche aber kurzlebige ökumenische Religion schuf, die zusammengesetzt war aus dem Christentum, dem Buddhismus und dem Parsismus (Zarathustra-Religion) und von Persien aus westwärts bis nach Nordafrika reichte, ferner: durch die Verbreitung des Buddhismus im Fernen Osten, von Indien über Ostasien (ab dem 3. Jh. v. Chr.) bis nach China (im 7. Jh.), durch die Begründung des Islams von Mohammed in Arabien (im 7. Jh.), und auch durch die Erneuerung der indischen Religion (Hinduismus) von Shankara (im 9. Jh.). Wenn vielfach (im Westen) vom dunklen Mittelalter gesprochen wird, so muss man gleichzeitig auch von der dunklen Spätantike reden - eine Zeit auch der Esoterik, des Okkultismus und der Alchemie (v.a. im südlichen Westen wie auch etwa in Ägypten oder China, die bekannteste Figur dazu ist Hermes Trismegistos, dessen Existenz aber nicht gesichert ist - eine Wendezeit eben von grosser religiöser Verwirrung und Erneuerung). Zeitlich kann man den Beginn des Mittelalters bei der Geburt Jesu sehen, oder im Anschluss an die Antike im 5./6. Jahrhundert (aufgrund der erwähnten Überschneidung können wir die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt sowohl der ausgehenden Antike wie dem aufkommenden Mittelalter zurechnen - erwähnenswert dazu sind auch die politischen Daten des Christentums: 301 Staatsreligion in Armenien, 313 Aufhebung des Verbots im Römischen Reich, 325 Konzil von Nicäa [Verwerfung des Arianismus] - gleichzeitig fand anfangs des 4. Jahrhunderts eine äussere Akzeptanz und eine innere Konzentration im Christentum statt; ebenfalls zu erwähnen ist diesbezüglich die Ordensgründung durch Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert [Benediktiner (die grösseren späteren Orden der katholischen Kirche vollzogen sich im 12./13. Jahrhundert [Karmeliten, Augustiner, Dominikaner, Franziskaner])]). Die Theologie des christlichen Mittelalters wird grundsätzlich in zwei verschiedene Zeitalter eingeteilt: jenes der Patristik (Kirchenväter) und jenes der Scholastik (Kirchenlehrer - bedeutend zwischen der Lehre des reinen Glaubens und jener des vernünftigen Glaubens liegt die Trennung von Ost- und Westkirche beim sogenannten Grossen bzw. Morgenländischen Schisma 1054 [dieses bewirkte eine Ost/West-Spaltung Europas und der Welt, die wir bis in das späte 20. Jahrhundert, und in deren Ausläufern weiter im 21. Jahrhundert, beobachten können]).

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Die Patristik im christlichen Mittelalter. Die Patristik ist die Zeit der Kirchenväter (lat. Patres ecclesiae). Die frühen Kirchenväter sahen das Christentums nicht nur als eine Erneuerung der Religion, sondern sie sahen es auch (bereits) als religiöse Philosophie. Eigentlich beginnt diese schon in der Bibel selber: mit Jesus Christus, ferner mit Petrus (und den zwölf Jüngern) und mit Paulus (und den weiteren Aposteln). Sie haben eigentlich schon Theologie als christliche Philosophie betrieben (freilich gibt es in der Theologie immer die beiden Aspekte: jener der christlichen Philosophie ebenso wie jener der Kirchenordnung). Als erster grosser christlich-philosophischer Theologe gilt indessen (d.h. wenn wir die neutestamentarischen biblischen Figuren einmal weglassen): Justinus (mit dem Beinamen: der Märtyrer). Seine Behauptung hätte nicht grösser und weitreichender sein können: "Der Christus ist der ganze Logos." Mit diesem Satz machte sich die christliche Theologie an, die Urgrundphilosophie der Antike zu ersetzen bzw. die ganze antike Philosophie auf eine rein christliche Basis zu stellen. Die Liste der bekanntesten Kirchenväter umfasst etwa Namen wie (u.a.): Justinus der Märtyrer, Irenäus von Lyon, Tertullian, Origenes, Athanasius der Grosse, Hilarius von Poitiers, Gregor von Nazianz, Basilius von Caesarea, Gregor von Nyssa, Ambrosius von Mailand, Hieronymus, Augustinus, Pseudo-Dionysius Areopagita, Isidor von Sevilla, Johannes von Damaskus (verst. 754 - gilt als letzter grosser Kirchenvater). Der bekannteste Theologe der Patristik war der aus Nordafrika stammende Augustinus (auch: Aurelius Augustinus [fälschlicherweise], oder: Augustinus von Hippo oder Thagaste, 354-430). Augustinus gilt als Vertreter eines Gottesstaatsprinzips, ebenso als bedeutendster philosophischer Verfechter der (christlichen) Dreifaltigkeit; er hat daneben aber auch eine durchaus rein philosophiegeschichtlich relevante Bedeutung, indem er etwa über das Phänomen der Zeit nachdachte. Er sah dabei einen Unterschied zwischen einer objektiven und einer subjektiven Zeitauffassung (was bedeutend sogar etwa in Bezug auf die Relativitätstheorie von Einstein im 20. Jahrhundert ist, aber eigentlich auch für die ganze Erkenntnistheorie der Scholastik und der Neuzeit [Frage: Wie erkennen wir die Welt überhaupt, wenn die subjektive und die objektive Auffassung verschieden sein können?], ferner auch initiierend für eine individualistische und psychologistische Philosophie [im 19./20. Jahrhundert]). Diese Überlegungen machte er in seinen 'Confessiones' (dt. Bekenntnisse), in denen er auch schildert, wie er vom Manichäer zum Christ wurde. In der Antike herrschten einfache oder aber mysteriöse Zeitvorstellungen: das ständige Fliessen bei Heraklit, das unverständliche Paradoxon bei Zenon von Elea oder demgegenüber wieder das einfache Messen bei Aristoteles, welcher den Zeitbegriff mit dem Bewegungsbegriff verknüpft hat. Für die Religion ist natürlich die Zeitauffassung im Verhältnis zur Ewigkeitsvorstellung - mit allen Fragen, welche in dieser Problematik auftauchen - auch immer wieder eine komplexe Herausforderung.

Die alten Griechen philosophierten sehr stark in der Vorstellung von grundsätzlichen und allgemeinen Idealen und Ideologien. Nie wäre es einem klassischen griechischen Denker in den Sinn gekommen, die Philosophie vom Einzelnen her aufzufassen. Tendenzen dazu gab es vielleicht in der hellenistischen Zeit: mit skeptizistischen, stoizistischen und hedonistischen Idealen. In der christlichen Religion ist manchmal die Rede von einem 'persönlichen Gott', was bei den intimen Aufzeichnungen von Augustinus besonders deutlich wird (und so ist es vielleicht auch zu erklären, dass diese erwähnten späteren Wendungen der neuzeitlichen und modernen Philosophie eigentlich bis auf Augustinus zurückgehen). Diese subjektive Note des Christentums ist die eine Seite dieser neuen Religion, andererseits prägte sie auch den Ein-Hoch-Gott-Glauben wie keine andere Religion zuvor (ausgebaut und verstärkt später noch im Islam - während der israelitische Jahwe* ja der Gott ist mit den vielen Erscheinungsorten [diese Verschiedenheiten in der Gottesvorstellung zu sehen, ist sehr bedeutend für die religiöse Ökumene, in welcher man sagen kann: es ist derselbe Gott [für alle, die von einem Gott ausgehen, weil es ja nicht zwei geben kann, wenn es nur einen gibt], aber es sind verschiedene Vorstellungen, welche den Frieden unter den Religionen manchmal etwas schwierig machen]).

* Der Streit um den Gottesnamen beginnt indessen bereits im Alten Testament der Bibel, denn hier gibt es bereits verschiedene Gottesnamen: da ist zuerst einmal - der Überlieferung nach - der Name eines Gottes, welcher so heilig ist, dass er nicht ausgesprochen werden darf, dann kommt der Jahwe (eigentlich: JHWH), von dem sie sagen, es sei dieser Gott, aber offenbar wurde der Name ja dann doch ausgesprochen (sonst würden wir ihn ja gar nicht kennen), und schliesslich der Gott der Propheten, welcher 'Herr Zebaoth' heisst (so bei Luther - eigentlich: JHWH Zebaot). Das Judentum spricht bis heute den Namen von JHWH nicht gerne aus und verwendet dafür andere Bezeichnungen wie Adonai (d.h. mein Herr, eigentlich im Plural) oder HaSchem (d.h. der Name); und das sind ja schon wieder zwei neue Namen. Ein weiterer Name, welcher im Zusammenhang mit dem alttestamentarischen Gott auftaucht, ist etwa der Name El(i) bzw. Elohim (d.h. Gott bzw. Götter). In der Bibelübersetzung Luthers ist der ursprünglich namenlose Gott, der einfach Gott ist, ohne Namen, eigentlich erst bei Abraham als Herr bezeichnet (im Neuen Testament dann bei Jesus als Vater). Allah ist das arabische Wort für Gott - während die muslimische Theologie etwa von den 99 schönsten Gottesnamen spricht. Im Parsismus ist der Gott als Herr der Weisheit bezeichnet, im Konfuzianismus etwa als Höchster im Himmel (die altchinesischen Kaiser, die sich auf diese Gottesbezeichnung bezogen, nannten sich Söhne des Himmels), usw. usf., etc. etc. Wieviele Gottesnamen bzw. Namen von Hauptgöttern es in der Welt je gegeben hat, ist nicht nachzurechnen - es sind auf jeden Fall sehr viele. Darunter auch der Gott der Philosophen: ein weiser und freundlicher Werkmeister, welchen sie Demiurg (grch. demiourgos) nannten (d.h. Sokrates-Platon nannte ihn so); nun aber: im Mittelalter ist der religiöse Gott in die Philosophie miteingezogen (bedeutend natürlich später auch in der Neuzeit und deren Moderne noch bei Bacon, Descartes und Leibniz über Newton oder Kant bis zu Kierkegaard, Nietzsche, Steiner oder Einstein, u.a. [während die Religion für die Rationalisten und frühen Wissenschaftler noch eine grosse Bedeutung hatte, sank diese bei den späteren Philosophen, so dass die Religionsphilosophie oder religiöse Philosophie eigentlich in der heutigen Philosophie eher eine Randerscheinung ist]).

Mit den Erneuerungen in den anderen Religionen, insbesondere im Hinduismus und mit der Neubegründung des Islams, war das Christentum herausgefordert. Die erste Jahrtausendwende in der christlichen Zeitrechnung brachte - nach der Bildung und dem Höhepunkt des Frankenreiches, etwa mit der Kaiserkrönung Karls des Grossen im Jahr 800, und des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in Mittel- und Südeuropa - grosse Ereignisse. Zwei solche sind herausragend zu erwähnen: die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger und das grosse Morgenländische Schisma (Trennung zwischen Ost- und Westkirche). Beide Ereignisse hatten einen grosse und lange Wirkung - bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts (Zusammenbruch des realexistierenden Kommunismus im Osten und kurzzeitig dann sogar alleinige Supermacht USA) und weiter darüber hinaus bis in die heutige Zeit hinein. In der Zeit der Patristik hatte die Handelsroute der Seidenstrasse (etwa 115 v. Chr. bis 13. Jh.*) ihren Höhepunkt, welche einen ständigen Austausch zwischen Ost und West förderte (nicht nur im Waren-, sondern auch im Ideenstrom). Der Bruch zwischen Ost und West hatte tiefgreifenden Folgen, und es folgte ja auch die (westliche) Ritterzeit - etwa im 11. bis zum 14. Jahrhundert; und schliesslich das, was wir heute als das Alte Europa bezeichnen: allzu feudalistische Herrschaften und ihre Kriege (exemplarisch etwa mit dem anglofranzösischen Hundertjährigen Krieg [1337-1453] - diese Kriege in Europa hielten an bis zum Zweiten Weltkrieg, ebenfalls im 20. Jahrhundert - viele vergessen in der heutigen Betrachtung Europas, woher dieses kommt: es gibt keinen anderen Kontinent, auf welchem über Jahrhunderte so viele Kriege auf so engem Raum herrschten). Die nachfolgenden grossen Entdecker und Reformatoren deuten dann schon auf die Neuzeit hin (oder: während der Katholizismus die Welt zu umschiffen und für sich einzunehmen versuchte, machten sich in Mitteleuropa die Reformatoren gegen festgefahrene Strukturen breit).

* Zusammen mit der Seidenstrasse war auch die Transsahararoute, bestehend von der Antike bis tief in die Neuzeit, bedeutend war für die materielle und kulturelle Blüte im gesamten Mittelmeerraum. Mansa Musa I. (1280-1337), König von Mali, gilt bis heute als einer der reichsten Männer, die es auf Erden je gegeben hat, da offenbar zu seiner Zeit die Nachfrage nach Gold für Westafrika und Europa stark gestiegen war. Um die selbe Zeit begannen sich erste europäische Seefahrer (nach den Wikingern) auf die Reise um die Welt zu machen. Ugolino und Vadino de Vivaldo sollen von Genua aus die ersten gewesen, welche 1291 in der Umschiffung Afrikas den Seeweg von Europa nach Indien zu erreichen versuchten (sie kamen jedoch nicht allzu weit, sondern wurden an der afrikanischen Westküste festgenommen und gefangengehalten - ihnen folgten mit sehr viel mehr Erfolg die Portugiesen und die Spanier). Dies freilich war der Aufbruch in eine ganz neue Zeit - sie fuhren los, fast wie im 20. Jahrhundert das Weltraumschiff Enterprise in der Film-Science-Fiction, um neue Welten zu entdecken (nicht nur im geografischen, sondern auch im sprichwörtlichen Sinn).

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Die Scholastik im christlichen Mittelalter. Der aus Norditalien stammende und nach England auswanderte Anselmus von Canterbury (1033-1109) forderte mit seiner These, wonach der Glaube einsichtig werden soll, die neue (Vernunfts-) Haltung der Scholastik, zu welcher Petrus Abaelardus (1079-1142) eine Methodik entwarf. Er stellte die Uneinigkeit der Kirchenväter fest: sie sagen einmal dies und einmal das ('Sic et non' - dieses ist typisch für die Scholastik: alles wird mit Frage und Gegenfrage, Antwort und Gegenantwort ausgelotet, um möglichst gute - oft aber auch recht komplizierte - Begründungen für alles zu finden [diese scholastische Methode beruhte ursprünglich auf der Philosophie von Aristoteles, welcher in seiner Metaphysik die ganze Philosophiegeschichte vor ihm einsah und bewertete]). Roscellinus, der Lehrer von Abaelardus, war mit einem strengen Nominalismus verantwortlich für den sogenannten Universalienstreit (Einzeldinge [lat. nomen] vs. Allgemeinbegriffe [lat. universalia]). Petrus Lombardus versuchte den Einwand der dauernden Uneinigkeit wettzumachen mit einem grossen Lehrbuch über die bis dahin aufgestellte Theologie ('Sentenzen'). In der muslimischen Philosophie gab es einen anderen bedeutenden Streit, in welchem es um das Subjekt der Wissenschaft der Metaphysik ging: Alfarabi (arab. Abu Nasr Muhammad al-Farabi) bezeichnete Gott als Subjekt sämtlicher Wissenschaften; dem widersprach Avicenna (arab. Abu Ali al-Husain ibn Abd Allah ibn Sina), der Aristoteles zitierte, nach welchem es eine Wissenschaft des Seienden als solchem gibt (die Metaphysik), in welcher dieses das Subjekt sei. Averroës (arab. Abu l-Walid Muhammad ibn Ahmed ibn Rusd [aus Spanien]), welcher sich ausführlich mit Aristoteles beschäftigte, behauptete, dass der Intellekt ein unpersönliches Phänomen sei, welches passiv im Menschen wirke und nicht aktiv vom Menschen hervorgebracht werde. Dies wiederum rief Thomas von Aquino (um 1225-1274) auf den Plan, welcher das bestritt. Er versuchte auch, die metaphysische Diskussion zu beruhigen - mit der einfachen Formel: Gott ist das Sein (ähnliche Äquivalenzformeln sind aus der Bibel bekannt [etwa: Gott ist Geist]); diese Diskussion dauerte jedoch über die gesamte Zeit der Scholastik an (und schliesslich sollte ein gewisser Descartes sie dann auf einen ganz neuen Boden stellen). Die Wiederaufnahme der Philosophie von Aristoteles durch die Scholastiker, insbesondere durch die 'Summe der Theologie' von Thomas, war die Grundlage für die Beschäftigung mit der aristotelischen Naturphilosophie im Hinblick auf die neuzeitliche Wissenschaft. Gleichzeitig kam unter den späteren Scholastikern bereits eine neue Wissenschaftlichkeit auf - etwa mit Robert Grosseteste (Naturphilosophie mit mathematischer Analyse), Roger Bacon ([Früh-] Empirismus), Johannes Duns Scotus (Unterscheidung von Theologie und Philosophie), Wilhelm von Ockham (Rationalitätsprinzip), Johannes Buridan (Impetustheorie [das ist eine heute überholte Theorie von Johannes Philoponos aus dem frühen Mittelalter, auf dem Weg zur neuzeitlichen Bewegungslehre, Physik und Mechanik]) oder Nikolaus von Oresme (dito - Giovanni Battista Benedetti modifizierte diese Theorie noch einmal, kurz bevor Galileo Galilei im 16./17. Jahrhundert sein berühmt gewordenes Trägheitsgesetz aufstellte). Ferner zu erwähnen ist gegen das Ende der Scholastik - v.a. im Hinblick auf die Reformation - die bedeutende deutsche Mystik (Eckhart, Seuse, Tauler, Kues - früher auch Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen oder Mechthild von Magdeburg). Natürlich war die Scholastik erst auf dem Weg zur neuzeitlichen Wissenschaft, jedoch wurde hier bereits ein wissenschaftliches Hinterfragen, Vergleichen und Einschätzen - alles immer im Rahmen eines feststehenden, grundsätzlichen und vordergründigen Glaubens, natürlich.

Es wäre also - trotz allen gesicherten und bekannten Schwierigkeiten der Kirche mit innovativen Geistern (siehe: Hus, Bruno, Galilei [und auch trotz der ganzen schlimmen Inquisition]) - sicher falsch, zu behaupten, in der Ära des christlichen Mittelalters, also: vor der Zeit der Renaissance, sei philosophisch und wissenschaftlich alles stillgestanden und nichts geschehen, wie Glaubens-, Religions- und/oder Kirchenkritiker heute manchmal behaupten - sondern: in dieser Zeit wurden bereits die Grundlagen für die neuzeitliche und moderne Wissenschaft und Technik gelegt (inkl. auch der ganzen alchemistischen Bewegung, notabene; und sehr bedeutend war ferner im späteren Mittelalter auch bereits etwa die ganze Städte- und Wirtschaftsentwicklung in Europa). Zu erwähnen ist natürlich auch der Einfluss von den anderen Weltgegenden, insbesondere von China, von Indien und vom Islam. So übernahm etwa der italienische Mathematiker Leonardo Fibonacci (um 1170 - nach 1240) das indisch-arabische Zahlensystem (aus den Schriften von Al-Chwarismi, im 9. Jahrhundert [!]). Jordanus Nemorarius lieferte wichtige Beiträge zur Arithmetik, Geometrie und Astronomie, während Luca Pacioli im 15./16. Jahrhundert die für die spätere Betriebswirtschaft so bedeutend gewordene Doppelte Buchhaltung einführte. Besonders die leichtere Rechenweise mit den arabischen Ziffern sollte zu einer ganz neuen Art von Wissenschaft führen, und jene Verbindung von Wissenschaft und Mathematik begründen, die wir heute kennen. (Diese Veränderung ist wirklich nicht zu unterschätzen: man stelle sich vor, wir müssten die ganzen komplizierten heutigen Berechnungen noch mit den altrömischen Buchstabenzahlen ausführen!?). In manchen weiteren Dingen war die muslimische Wissenschaft im Mittelalter weiter entwickelt als die christliche - dies zeigte sich u.a. auch im Weltbild, welches im muslimischen Raum bereits differenzierter war, während das christliche noch immer auf antiken Vorstellungen bestand (siehe: Ebstorfer-Weltkarte, welche von Gervasius von Tilbury [um 1150-1235] stammen soll - man muss dazu sagen, dass das Wissen, etwa aufgrund von alter Handeslrouten, eigentlich bereits grösser hätte sein müssen, als es in solchen Karten der Gelehrten zum Ausdruck kam [allerdings konnten diese die Dinge damals auch noch relativ schlecht überprüfen, was vermutlich auch zu einem eher konservativeren Umgang mit dem Wissen führte (in Hinsicht auch auf eine wildwüchsige Alchemie und Esoterik im Hintergrund, notabene)]). Mit mehr Verständnis sind die Dinge leichter zu erschliessen: es gab im Verhältnis von Religion, Christentum und Kirche zur neuzeitlichen Wissenschaft sowohl eine gewisse Hemmung wie auch ein bedeutender Fortschritt. (Vielleicht wird es später einmal nicht mehr nötig sein, dies so zu sagen, aber in der heutigen ist es nötig, damit die Geschichte nicht gerade ganz verzerrt wird.)

Der Übergang vom Mittelalter zur Renaissance, in die Neuzeit und ihre spätere Moderne, ist aus heutiger Sicht sicher die bedeutendste und spektakulärste Zeitenwende überhaupt. Dabei war diese Zeit der Renaissance - zwischen dem Spätmittelalter und der Frühneuzeit, etwa im 15. und 16. Jahrhundert - sehr kurz und auch eher schwierig zu fassen. Wir verbinden einige Namen damit, wie etwa Lorenzo de' Medici oder Ludovico Sforza, politische Förderer der schönen Künste, Leonardo da Vinci, welcher als Universalgenie jener Zeit gilt, oder Michelangelo Buonarroti. speziell in der bildenden Kunst (Malerei, Bildhauerei, Architektur). Auffallend: das eindeutige Zentrum dieser Bewegung lag in Italien. Die Wiederentdeckung der antiken Kunst spielte dabei eine sehr wichtige Rolle (zu verweisen ist allerdings besonders auch auf die hohe Bedeutung der flämischen und niederländischen Malerei zu jener Zeit, welche auch vollkommen neue Perspektiven einbrachte, mit Vertretern wie Campin/Van Eyck (Naturalismus), Bosch ([Früh-] Surrealismus) oder Aertsen (Hyper-Naturalismus)]). Die Philosophie hatte eigentlich einen etwas weniger bekannten Anteil an der Entwicklung dieser Zeit (diese war so reich an grossen Taten und umwälzenden Veränderungen, dass die Philosophie in ihr vergleichsweise fast ein bisschen untergegangen ist - symbolisch vielleicht auch dafür bereits, dass sie bald von der Wissenschaft überflügelt werden sollte). Zur selben Zeit - wie gesagt - spielte sich nach einigen Wirren in der katholischen Kirche (Avignonesisches Papsttum, Abendländisches Schisma, Ablasshandel) in Deutschland die lutherische Reformation ab, während in Spanien und Portugal die grossen Seefahrer und Entdecker loszogen, um die Welt zu entdecken und teils auch zu erobern, v.a. aber, um neue Handelsrouten zu erschliessen (Dias, Da Gama, Kolumbus, Vespucci, Magellan, Cortez, Pizarro - später: der Brite Cook [und immer mitzuerwähnen: Bartolomé de Las Casas, welcher der schärfste Kritiker der Entdecker und Eroberer war, bezüglich deren Umgang mit den ansässigen Bevölkerungen]). Nicht nur auf dem Meer tat sich Weltbewegendes, sondern auch am Himmel: Kopernikus brachte das heliozentrische Weltbild vor, Galilei bestätigte dieses und revolutionierte im 17. Jahrhundert die Physik. Keckermann versuchte die neuen Tendenzen mit den alten Traditionen zu verbinden: in seiner Analytischen Methode forderte er die enzyklopädische Ordnung des verfügbaren Wissens und der verschiedenen Ansätze, in der Symbiose von Philosophie und Theologie (dies galt zu dieser Zeit als eigentliche Wissenschaft; ebenso begründete er damit - im Anfang der Erhebung von wissenschaftlichen Einzeldisziplinen - das philosophische Konzept des [Gesamt-] Systems). In der Wirtschaft trafen - auch nicht ganz unwesentlich für die nachfolgenden Zeiten - das mittelalterliche Zunftwesen und das neuzeitlich-moderne Bankenwesen aufeinander.

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Die Philosophie der Renaissance. 'Renaissance' (italienisch eigentlich: 'Rinascita') ist heute so etwas wie ein Zauberwort für den Übergang von einem als dunkel vorgestellten Mittelalter zu einer lichtgestaltigen Neuzeit und Moderne. Die Philosophie der Renaissance wird oft in Verbindung mit einem neuen Humanismus betrachtet, und als erster Philosoph desselben gilt Francesco Petrarca (1304-1374) im 14. Jahrhundert (er gehörte auch zusammen mit Alighieri und Boccaccio zu den bedeutendsten Figuren der italienischen Literatur des späten Mittelalters). Entgegen der komplexen mittelalterlichen Scholastik forderte Petrarca die Lektüre der antiken Originaltexte - das ist die Renaissance, der Rückbezug auf die Antike. Seine poetisch beschriebene Besteigung des Mont Ventoux wurde zum philosophischen Ereignis: zugleich ein Natur- und Selbsterlebnis - er war überwältigt quasi vom Ich auf dem Berg (und dies verweist bereits auf Descartes und dessen Subjektverständnis in der neuzeitlichen Wissenschaft: ein Ich, welches quasi die Berge der Seele erklommen hatte und nun bereit schien für den wissenschaftlichen Blick). Bedeutend sind in der Renaissance die grossen Universalgelehrten (Alberti, Da Vinci, Cardano). Im Zentrum der Renaissance-Philosophie sehe ich indes v.a. Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494). In seiner Schrift "Über die Würde des Menschen" setzte er den Menschen in die Mitte der Welt: dort habe Gott ihn (Adam) hingestellt und ihm einen freien Willen gegeben. Der Mensch könne ins Tierische entarten oder zum Göttlichen aufsteigen. Mirandola verzichtete also - wie übrigens auch die frühen neuzeitlichen Wissenschaftler - keineswegs auf die Gottesvorstellung, sondern ganz im Gegenteil: er sah die Renaissance als ein Gottesprojekt (und als eine Art Rückführung zur wahren Bestimmung des Menschen). Thomas Morus schrieb die 'Utopia' für diesen neuen, freien Menschen: eine politisch-soziale Wunschvorstellung eines Idealstaates, welcher mit der gänzlichen Abschaffung des Privateigentums (früh-) kommunistische Züge trägt - damit begründete er das Genre der Sozialutopie (vgl. Campanella, Andreae, Bacon, Harrington, Holberg, Mercier, Morris, Bellamy, Wells, Jefremow, u.a. - früher: Platon, Augustinus); heute ist das Gegengenre aktuell: die Dystopie (in der Science-Fiction-Literatur und -Kunst: Huxley [A.], Orwell, Golding - der Begriff der Dystopie stammt von Mill, die erste literarische Dystopie von Mary Shelley). Ein anderes bedeutendes literarisches Stilmittel dieser Zeit war die Satire (gegen die Herrschaft der Mächtigen in Staat und Kirche). Der niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam schrieb seinem Freund Morus das 'Lob der Torheit' - mächtige Fürsten werden dabei ebenso aufs Korn genommen wie fromme Christen und eifrige Kaufleute. Mit Würde und Heiterkeit wollte also der Mensch in die neue Zeit aufbrechen. Es ist - aus heutiger Sicht - eigentlich gar nichts wirklich Grosses, was uns die Philosophie der Renaissance sagt, sondern eigentlich nur ein (lustvoll empfundener) Aufbruch ins Ungewisse. Man hatte wohl auch kaum Zeit - wie das ja meistens ist in der Weltgeschichte - sich genau zu überlegen, wohin denn die Reise eigentlich gehen sollte, sondern man war einfach bloss überwältigt von den Veränderungen, die sich in dieser Renaissance abspielten, die natürlich aber viel mehr war als nur dies. Es ging ja nicht nur um eine Wiedererinnerung, sondern eben um eine vollkommen neue Zeit, wie sich bald auch sicher herausstellen sollte. Nur einer blieb in diesem ganzen Aufbruch ganz im Nüchternen: Niccolò Machiavelli, der ein Buch über die Regierungskunst für Fürsten schrieb, welches bis heute als bedeutendes staatspolitisches Werk des Republikanismus gefeiert wird. Er bewegte sich in dieser Schrift aber auf einem schmalen Grat zwischen der Legitimierung einer absolutistischen Herrschaft und einer republikanischen Fürstenkritik (doch es sollte bald einer kommen, der dies noch sehr viel besser und bedeutender machte... Thomas Hobbes).

Man sollte bei einer Kritik von Machiavelli eines nicht vergessen: die damalige Zeit war gerade in Italien geprägt von vielen kleinen Fürstentümern, welche sich in einer auch politisch wirren Zeit ständig bedroht fühlen mussten (und dies bedeutete immer, dass sich auch die Bevölkerung bedroht fühlen musste - im Jahr der Veröffentlichung seines Buches fand die Schlacht von Novara statt, zwei Jahre danach Schlachten bei Marignano und La Motta, neun Jahre danach die Schlacht bei Bicocca und zwölf Jahre danach jene bei Pavia: es war ein Europa, in welchem ständig irgendwo Krieg herrschte, allgemein ist sogar von den Renaissance-Kriegen in Italien die Rede, zwischen 1494-1559). Wir sprechen also von einem geistigen Aufbruch mitten in politischen und kriegerischen Wirren (und ansonsten natürlich von einer - im Vergleich zur heutigen Zeit - noch sehr einfachen und bescheidenen Lebenswelt).

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NEUZEIT - WISSENSCHAFT * * * Indisch-arabisches Zahlensystem in Europa * * * Die neue Bedeutung der Mathematik * * * Das heliozentrische Weltbild * * * Kepler und die Planetenbewegungen * * * Galilei - Bewegung und Trägheit * * * Empirismus vs. Rationalismus * * * Wissenschaftsphilosophen (F. Bacon, Descartes, Laplace) * * * Von der Alchemie zur Chemie * * * Newton und das mechanische Universum der Physik.


Die neuzeitliche Wissenschaft.

Philosophie und Wissenschaft. Zu diesem Thema könnten in der Neuzeit zwei grundsätzlich verschiedene Behauptungen aufgestellt werden: 1. Die Wissenschaft hat die Philosophie überflügelt (bereits geäussert), 2. Die Wissenschaft ist aus der Philosophie hervorgegangen. Das Letztere tönt für die Philosophie sehr schmeichelhaft, das Erstere etwas weniger. Was aber ist richtig? Einerseits kann man sagen, dass die wissenschaftlichen Teilgebiete als solche aus der Philosophie hervorgegangen sind, andererseits kann man sagen, dass die reine Wissenschaft - in ihren Uranfängen - aber doch sicher vor der reinen Philosophie war (wir können dies ja sogar an der frühkindlichen Entwicklung sehen: der Mensch beginnt, die Dinge zu greifen und zu begreifen, bevor er über sie nachzudenken beginnt), und wiederum kann man anführen, dass es aber doch eigentlich keine Wissenschaft geben könne, ohne das vernünftige Nachdenken (usw. usf., etc. etc.). Oder anders gesagt: die Praxis der Wissenschaft hat sich teils unabhängig von der Philosophie entwickelt, die Wissenschaftstheorie aber stand immer im Zusammenhang mit der Philosophie (einen kleinen Vergleich bringt die Liste der wissenschaftlichen Meilensteine unten). Worin bestand diese philosophische Wissenschaftstheorie (in der Neuzeit)? Im Übergang zwischen der Renaissance und der Neuzeit und in der frühen Neuzeit traten erste neuzeitliche Wissenschaftler auf: drei grosse Figuren sind Kopernikus, Kepler und Galilei, welche von der Astronomie her zu den Bewegungsgesetzen vorstiessen - weitere: Harvey (mit der Entdeckung des grossen Herzkreislaufs in der Anatomie) sowie dann natürlich v.a. auch Boyle und Newton (die beiden grossen Figuren der Chemie und der Physik: Boyle vollzog den Wechsel quasi von der Alchemie zur Chemie, Newton begründete die Mechanik der Physik). Wir befinden uns also jetzt in einer Welt, in welcher mehr oder weniger alles erklärbar ist oder scheint, und in welcher mehr oder weniger nichts mehr unerklärbar ist oder scheint (und dies in einem fiktiven Raum von einer wissenschaftlichen Ewigkeit - die Naturgesetze, welche die Wissenschaft ergründet sind ewig [das ist eine oder die ganz neue Dimension der neuzeitlichen und modernen Wissenschaft: in der ganzen Antike wurde um die Wahrheit gestritten, im Mittelalter hat die Religion diese gepachtet, aber es blieben dabei viele Fragen offen, und nun machte sich die Wissenschaft daran, diese Pacht zu übernehmen: von Mirandola über Bacon bis Newton ist auch diese neue Zeit und Wissenschaft ein quasi göttliches Projekt - so etwas wie die menschliche Einsicht in das Werk Gottes, freilich ohne die Pathetik von alter, klassischer und traditioneller Religion]).

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Die Wissenschaftsphilosophen - Empirismus vs. Rationalismus. Zwischen den ersten grossen Vertretern der neuzeitlichen Wissenschaft traten auch die philosophischen Wissenschaftstheoretiker auf, insbesondere Francis Bacon (1561-1626) und René Descartes (1596-1650). Wie bedeutend sie für den Fortgang des wissenschaftlichen Zeitalters gewesen sind, zeigt alleine die Tatsache, dass sie heute auch für die Fehler, Unzulänglichkeiten und Gefahren der (gesamten) Wissenschaft kritisiert werden. Sie stehen eben als Wissenschaftstheoretiker für die gesamte Wissenschaft, während die einzelnen Wissenschaftler nur für ihr spezifisches Werk und Fachgebiet stehen. Bacon, der Empirist, verfasste - analog zu Morus - eine Utopie für das wissenschaftlich-technische Zeitalter ('New-Atlantis', inkl. der Forderung nach experimenteller Methodik); in einer brutalen Sprache - er war eigentlich Jurist und führte auch Hexenprozesse - forderte er wörtlich fast die Unterwerfung und Ausbeutung der Natur. Descartes, der Rationalist, formulierte die Subjekt/Objekt-Scheidung, welche der Wissenschaft zugrunde liegt - das Subjekt erforscht das Objekt - und er pries die Mathematik zur Beweisführung von naturwissenschaftlichen Gesetzen. Zusammen begründeten die gegensätzlichen Philosophien des Empirismus und des Rationalismus die neuzeitliche Wissenschaftstheorie. Der Empirismus (F. Bacon, Locke, Berkeley, Hume) behauptete, dass die Wahrheit a posteriori zu finden ist, d.h. der Sinneserfahrung nachfolgend. Nichts ist für den Empirismus im Geist vorgegeben, sondern alles muss sich erst in der Erfahrung als richtig erweisen. Das Experiment ist für die Wissenschaft das beste Instrument, um die Wahrheit zu prüfen. Der Rationalismus (Descartes, Spinoza, Leibniz, Wolff) dagegen war überzeugt, dass die Wahrheit a priori gefunden wird, d.h. der Sinneserfahrung vorausgehend. Für den Rationalismus gibt es ewige Sätze der Wahrheit (bzw. ewige Naturgesetze), welche keiner Prüfung bedürfen, weil sie schon immer bestanden haben. Man muss sie nur im Geist finden und formulieren. Dazu höchst dienlich ist die Mathematik (denn sie bildet ja genau ein solches System von ewiger und abstrakter Wahrheit). Der erkenntnistheoretische Streit wurde schliesslich beiseite gelegt, während das Experiment und die Mathematik den Erfolg der neuzeitlichen und modernen Wissenschaft bewirkt haben. Pierre-Simon de Laplace war der glühendste Vertreter des deterministischen Prinzips, wonach nur die Wissenschaft die gesamte Wahrheit ergründen kann (und auch wird). Die theoretischen Grundlagen und die praktischen Erfolge der Wissenschaft bestimmten rasch das Paradigma des neuen Zeitalters, welche die Renaissance eingeleitet hatte. Von nun an schien nur noch eines gefragt zu sein: wissenschaftlicher und technischer Fortschritt über alles. Und... die Philosophie musste sich quasi neu erfinden, in einem Prozess, in welchem sich nicht nur die Wissenschaft über sie zu stellen versuchte, sondern sich auch eine um die andere wissenschaftliche Diszplin von ihr ablöste: als Dienerin der Wissenschaft - wie sie im Mittelalter die Dienerin der Religion gewesen war - (d.h. nicht mehr Weisheit war ihr Schlüsselbegriff, sondern Wissen [frei nach Bacon: "Wissen ist Macht"] - sehr bedeutend in diesem Zusammenhang sind die späteren, teils ebenfalls aus der Philosophie herauskommenden Enzyklopädisten, welche das [wissenschaftliche] Wissen der Zeit in Sammelbüchern herausbrachten). Auch und gerade für die Philosophie war die Wissenschaft eine grosse Verheissung: denn nun gab es nicht mehr nur Behauptung und Gegenbehauptung wie in der Scholastik, sondern man hatte die Instrumente dazu gefunden, wissenschaftliche Aussagen zu machen und diese - vorab durch das objektiv nachvollziehbare Experiment und mit der allgemeingültigen Mathematik - zu beweisen. (Dass die Sprache auch in der Wissenschaft ein bedeutendes Instrument blieb, mit all ihren Vor- und Nachteilen, ging in der Euphorie des Moments fast ein bisschen vergessen.)

John Locke, auch ein führender Vertreter im Liberalismus, gilt als der bekannteste der Empiristen, George Berkeley als der speziellste - er vertrat einen radikalen Idealismus, in dem es eigentlich überhaupt gar keine Dinge gibt (diese erschienen uns nur als daseiend, meinte er, weil sie von Gott und vom Menschen angeschaut würden [d.h. eigentlich vom Menschen, aber wenn dieser nicht da ist, dann schaut immer noch Gott die Welt an, welche deswegen also immer da ist, auch wenn der Mensch sie nicht anschaut: die Philosophie ist auch offen für reichlich spezielle Argumente]) - sowie David Hume vermutlich als der klarste. René Descartes kommt unter den Rationalisten eine überragende Bedeutung zu: mit seinem berühmten 'Cogito ergo sum' (dt. "Ich denke, also bin ich") erklärte er nicht nur die Machtstellung des Wissenschaftlers gegenüber der Natur, sondern auch das - seit der Renaissance - erwachende Ich des Menschen überhaupt (und er wird heute, im höchst kritischen Zeitalter, auch dafür kritisiert, notaben [weil seine Ich-Behauptung manchen auch zu weit geht]). Gottfried Wilhelm Leibniz gilt den Einen als origineller Denker - so hat er u.a. das binäre Zahlensystem populär gemacht (auf welchem heute die Computertechnologie basiert) - den Anderen aber als Vertreter des Alten Europas (als solcher wurde er in der Aufklärung von Voltaire kritisiert). Christian Wolff wurde zum bedeutendsten Vertreter der Ontologie (Seinslehre), welche sich aus der deutschen Philosphie heraus entwickelte (eigentlich handelte es sich hierbei um eine Weiterentwicklung der antiken und scholastischen Seinsauffassung in der deutschen Philosophie [später auch über diese hinaus]).

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Die grossen Erfolge der Wissenschaft: Galilei, Boyle, Newton. Als erste der neuen Wissenschaftler gelten nach den Scholastikern v.a. die Astronomen (wie Kopernikus, Kepler oder Brahe, aber auch Bruno und Galilei [der Himmel, der im Mittelalter eine so bedeutende religiöse Rolle spielte, stand auch im Zentrum der frühen Wissenschaft]). Galileo Galilei gilt im 16./17. Jahrhundert aufgrund seiner Untersuchung der Fallgesetze auf der schiefen Ebene mit anschliessender horizontaler Bahn - mit welcher er die die Himmelsmechanik quasi auf die physikalischen Gegebenheiten an der Erdoberfläche einsetzte - sowie seiner Verteidigung des heliozentrischen Weltbilds von Kopernikus als erster grosser Naturwissenschaftler der Neuzeit. Als jener Wissenschaftler, welche die alte Alchemie mit neuen Einsichten in den Rang einer Wissenschaft der Chemie erhob, gilt Robert Boyle. Er forschte insbesondere auf dem Gebiet der Gaseigenschaften, bestätigte das Fallgesetz von Galilei, war ein Mitbegründer der Analytischen Chemie und gab den neuen Elementbegriff in den Naturwissenschaften vor (welcher schliesslich zum Periodensystem der Elemente führen sollte). Daneben arbeitete er aber auch mit einem Alchemisten names George Starkey (evtl. identisch mit dem nicht identifizierten alchemistischen Autor Irenäus Philalethes) zusammen. Noch also hatte sich die neue Wissenschaft nicht ganz von der alten Tradition gelöst (oder auch schon nur klar abgegrenzt). Isaac Newton (1642-1726) war der Mann, auf welchen wir unser ganzes heutiges physikalisches Grundverständnis abstützen - durch seine drei Grundgesetze der klassischen Mechanik. Er begründete diese, notabene, unter dem Namen der Philosophie - sein Hauptwerk heisst nämlich: "Philosophiae Naturalis Principia Mathematica" (1986). Nicht nur eines der bedeutendsten Werke der Naturwissenschaft also, sondern auch eines der bedeutendsten Werke der Philosophie! Allerdings wollte er damit der Philosophie wohl mehr Mathematik aufzwingen, als sich diese selber damit herumschlagen möchte. Der Titel zeigt, dass sich die Wissenschaft der Physik vor und mit Newton immer noch primär als Naturphilosophie verstand. Newton - offenbar eine viel schwierigere Persönlichkeit, als man im Allgemeinen annimmt (oder weiss) - wurde aber nicht nur der erste der Wissenschaftler, sondern auch der letzte der Magier genannt. Er beschäftigte sich auch mit Alchemie und mit biblischer Prophezeiung (als sogenannter Unitarier galt er im Christentum als Häretiker; er stellte seinen speziellen Glauben nicht besonders heraus und war trotzdem ein Mitglied der Royal Society [wo er allerdings aufgrund seiner Theorien zum Licht und den Farben in Streit geriet mit Robert Hooke, einem anderen sehr bedeutenden britischen Naturwissenschaftler jener Zeit] - im Geheimen aber machte er, wenn diese Dokumente denn wirklich echt sind, wie wir vermuten müssen, dunkle Prophezeiungen für die Zukunft [so dunkel, dass wir froh sein können, dass Einstein die Bedeutung Newtons ein bisschen relativierte]). Galilei, Boyle und Newton sind die drei grossen Namen der experimentellen neuzeitlichen und modernen Wissenschaft - einen ähnlich hohen Rang wie diese haben später eigentlich nur noch Darwin im 19. und Einstein im 20. Jahrhundert einnehmen können.

Weitere erwähnenswerte Figuren in den ersten Stunden der neuzeitlichen Wissenschaft waren etwa William Harvey, Zeitgenosse Galileis und Entdecker des Blutkreislaufs (auf Vorarbeiten der alten chinesischen Wissenschaft) sowie, etwas früher, William Gilbert, welcher mit seinen Forschungen auf dem Gebiet des Magnetismus und der Elektrizität - deren Begriff er einführte - ebenfalls als Wegbereiter der modernen naturwissenschaftlichen Forschung gilt. Seit Petrus Peregrinus im 13. Jahrhundert stand der Magnetismus im Zentrum des Interesses der Naturwissenschaft - der Wechsel des Interesses vom Magnetismus zur Elektrizität kann als paradigmatisch für das neue wissenschaftliche Zeitalter bezeichnet werden (von der Erfindung der Batterie [Galvani/Volta 1780/1800] über jene der Glühlampe [Thénard/Lindsay/Swan/Edison 1801/1835/1878/1880 - von 1881 bis 1900 stattete Edison New York mit elektrischem Licht aus und baute seinen General-Electric-Konzern auf] bis in die heutige Zeit hinein [so kann man die Entwicklung anhand eines Teilbereichs der Wissenschaft aufzeigen, was auch mit anderen Teilbereichen möglich wäre wie Energie [allgemein], Verkehr, Kommunikation, Materialien, Weltbild [physikalisch/materialistisch], usw. usf., etc. etc.]).

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Die folgende Liste führt die wissenschaftlichen Meilensteine an: Philosophien, Theorien, Gesetze, Entdeckungen, Erfindungen (enthalten ist darin nur das, was entsprechenden Personen zugeordnet werden kann - alles ohne Gewähr [und natürlich unvollständig: eigentlich nur ein kleines Fragment, mit 100 solchen Meilensteinen - nicht enthalten]).


Exkurs - Meilensteine der Naturwissenschaft: 5. Jh. v. Chr. Antikes Atommodell (Leukipp), 5. / 4. Jh. v. Chr. Medizin als Wissenschaft (Hippokrates), 4. Jh. v. Chr. Physik, Biologie, Psychologie (ferner auch Logik und Ethik) als Wissenschaft (Aristoteles), 3. Jh. v Chr. (Euklidische) Geometrie (Euklid), 3. Jh. v. Chr. Auftriebsgesetz (Archimedes), 2. Jh. Cai Lun (Papier – vermutlich früher), 2. / 3. Jh. Pharmakologie bzw. Galenik (Galenos), 3. Jh. Berechnung der Zahl Pi (Liu Hui), 8. Jh. Alchemie (Geber), 825 Algebra (Al-Chwarismi), 11. Jh. Kompass (Shen Kuo), 1202 Einführung des indisch-arabischen Zahlensystems in Europa (Fibonacci), 1266 / 1267 Empirismus in der Wissenschaftstheorie I (R. Bacon), 1269 Magnetismus (Peregrinus), 13. Jh. Blutkreislauf I (Nafis), 1323 Rationalitätsprinzip (Ockham), 1450 Buchdruck (Gutenberg), 1543 Heliozentrisches Weltbild (Kopernikus), 1564 / 1654 Wahrscheinlichkeitsrechnung (Cardano / Fermat u. Pascal), 1585 Völkerrecht (Gentili), 1590 / 1608 / 1610 / 1619 / 1674 Mikroskop (Martens u. Janssen / Lippershey / Galilei / Drebbel / Leeuwenhoek [oder: unbekannt]), 16. Jh. Taschenuhr (Henlein – vermutlich früher), 1601 Elektrizität (Gilbert), 1608 Fernrohr (Lipperhey), 1618 Planetenbewegungen (Kepler), 1620 Empirismus in der Wissenschaftstheorie II (F. Bacon), 1621 Brechungsgesetz in der Optik (Snell), 1623 Rechenmaschine (Schickard), 1628 Blutkreislauf II (Harvey), 1637 Subjekt/Objekt-Scheidung in der Wissenschaftstheorie (Descartes), 1638 Trägheitsprinzip (Galilei), 1661 Analytische Chemie (Boyle), 1687 Gravitationsgesetz und Bewegungsgesetze der Mechanik (Newton), 1695 / 1698 Dampfpumpe (Papin / Savery), 1712 / 1769 Dampfmaschine (Newcomen / Watts), 1753 Nomenklatura in der Biologie (Linné), 1764 / 1769 Spinnmaschine (Hargreaves / Arkwright), 1766 Entdeckung des Wasserstoffs (Cavendish), 1769 Dampfwagen (Cugnot), 1770-er Künstliche Menschen / Roboter (Jaquet-Droz), 1771 Entdeckung des Sauerstoffs (Scheele / Priestley), 1780 / 1800 Elektrochemie u. Batterie (Galvani / Volta), 1783 Dampfschiff (Jouffroy d'Abbans), 1785 / 1805 Mechanischer Webstuhl und Webmaschine (Cartwright / Jacquard), 1785 Elektrostatik (Coulomb), 1789 Gesetz der Massenerhaltung bei chemischen Reaktionen (Lavoisier), 1791 / 1794 / 1798 Verbrennungsmotor (Barber / Mead / Street / Stevens), 1797 Lithografie (Senefelder), 1804 Dampflokomotive (Trevithick), 1808 / 1903 / 1911 / 1916 / 1928 Modernes Atommodell (Dalton / Thomson / Rutherford / Bohr-Heisenberg / Schrödinger), 1809 / 1859 Evolutionstheorie (Lamarck / Darwin), 1814 Determinismus (Laplace), 1817 / 1861 Fahrrad (Drais / Michaux), 1826 / 1834 / 1837 Fotografie (Niépce, Talbot, Daguerre, Bayard), 1831 / 1861-1864 / 1888 Elektromagnetismus-Induktion / Elektrodynamik / Elektromagnetische Wellen (Faraday / Maxwell / Hertz), 1835 / 1860 / 1880 Glühlampe (Bowman Lindsay / Swan / Edison), 1839 Vulkanisation / Kunststoffe (Goodyear), 1839 / 1883 Photovoltaik (Becquerel / Fritts), 1840-er Desinfektion / Hygienevorschriften in der Medizin (Semmelweis), 1842 / 1847 Energie-Erhaltungssatz (Mayer / Helmholtz), 1851 Schreibtelegraf (Morse), 1856 Zelluloid (Parkes), 1860-er Semiotik als Wissenschaft (Peirce), 1860 / 1876 Telefon (Meucci / Bell), 1866 Dynamit (Nobel), 1866 Vererbungsgesetze (Mendel), 1869 Periodensystem der Elemente (Mendelejew / Meyer), 1877 / 1895 Radio (Edison / Marconi), 1882 Bakteriologie (Koch), 1883 Dampfturbine (Laval), 1884 / 1923 / 1928 Fernsehen (Nipkow / Zworykin / Baird), 1886 Automobil (Benz), 1887 Grammophon (Berliner), 1887 Wechselstrom (Tesla), 1895 Kinematograph (Lumière), 1895 Röntgenstrahlung (Röntgen), 1896 Radioaktivität (Becquerel), 1900 Strahlungsgesetz / Quantentheorie (Planck), 1901 / 1903 Motorflugzeug (Weisskopf / Wright), 1903 / 1923 Raumfahrt (Ziolkowski / Oberth), 1905 Relativitätstheorie und (physikalische) Weltformel (Einstein), 1911 Supraleitung (Kamerlingh Onnes), 1913 Fliessbandproduktion (Ford), 1916 / 1939 Chemische Bindung (Lewis / Pauling), 1917 / 1960 Laser (Einstein / Maiman), 1924 / 1953 Ursprung des Lebens (Oparin / Miller u. Urey), 1925 / 1947 Transistor (Lilienfeld / Shockley u. Bratttain), 1927 Teilchen- und Wellenstruktur des Lichts (Bohr), 1931 Urknalltheorie (Lemaître), 1938 Kernspaltung (Hahn u. Strassmann), 1941 Computer (Zuse), 1945 Atombombe (Oppenheimer), 1953 Doppelhelixstruktur der DNA (Watson u. Crick), 1959 / 1974 / 1986 Nanotechnologie (Feynman / Taniguchi / Drexler), 1961 / 1967 / 1970-1973 Standardmodell der physikalischen Grundkräfte (Glashow / Weinberg u. Salam / Unbekannt), 1967 Herztransplantation (Barnard), 1969 / 1970 Mikroprozessor (Hoff / Faggin), 1981 Stereolithographie / 3D-Druck (Hull), 1991 World Wide Web (Berners-Lee).




* Natürlich kann man an dieser Stelle eine bedeutende Frage aufwerfen: Müsste die heutige Philosophie nicht durchdrungen sein von der Relativitäts- und der Quantentheorie? Antwort: Ebenso wenig wie die Philosophie durch die Gravitation von Newton zu Boden geplumpst ist, wird sie sich mit der Relativität von Einstein in Wellen auflösen (obwohl man doch das Gefühl hat, die moderne Physik habe in der Philosophie des 20. Jahrhunderts auch für einige Verwirrung gesorgt und einigen Schaden angerichtet [was uns andererseits auch dazu auffordert, die Philosophie heute neu zu bewerten]). Die aktuelle Wissenschaft hat immer einen gewissen Einfluss auf die Philosophie, dieser führt aber andererseits nicht dazu, dass aus der Philosophie etwas anderes werden würde, als sie tatsächlich ist, nämlich eben: Philosophie. Auch die heutigen Erkenntnisse der Neurobiologie und der Hirnforschung werden - aus demselben Grund - die Philosophie nicht in ihren Grundfesten erschüttern können (wie manche schon wieder meinen). Was aber sind denn die Grundfesten der Philosophie? Ich würde fünf Punkte dazu angeben: 1. In der Philosophie haben wir es mit Ideen zu tun (Platon). 2. Jede (philosophische) Aussage ist widerlegbar, denn es gibt zu jedem Standpunkt einen Gegenstandpunkt (Skeptizismus). 3. Nur in der Ersten Philosophie gibt es einen festen Grund und Boden (bzw. Urgrund): das (Da-) Sein (Metaphysik/Ontologie - ob dies eine Wahrheit und/oder eine Festlegung ist, spielt hier keine Rolle [und für jede spezielle Philosophie kann ein anderer Urgrund angenommen werden]). 4. Der Mensch sehnt sich nach dem Guten, weswegen er eine Ethik des Guten benötigt (Platon/Aristoteles [das Gute ist somit quasi der Urgrund der Ethik]). 5. Die Philosophie muss unterschieden werden in theoretische und praktische Philosophie (Aristoteles [eine Vereinigung der Richtungen erscheint - ebenso wie ein philosophisches System - möglich, ist aber nicht zwingend]). Obwohl die Philosophie die meisten Erkenntnisse der Wissenschaft unterstützt - vielleicht nicht ganz alle - geht sie doch teils auch von anderen Voraussetzungen und Verhältnissen aus. So hat sie z.B. einen Urgrund, welcher (natur-) wissenschaftlich nicht erreichbar scheint, und sie geht eben davon aus, dass jede Aussage widerlegbar ist. Das heisst, sie sucht nicht nach einer ewigen Wahrheit, sondern nach einer besten Wahrheit. Vielleicht müsste man sagen: nach der besten Wahrscheinlichkeit. Es gibt ja diese imaginäre Wahrscheinlichkeitsskala, in welcher die absolute Wahrheit 100% ausmachen würde (wenn der Mensch definitiv alles in dieser Welt wüsste). Während die Wissenschaft diese 100% zumindest idealiter a posteriori immer anstrebt, weiss oder denkt die Philosophie a priori, dass sie diese 100% nie erreichen kann (z.B. weil es zuviel ist für den Menschen, oder weil sich die Zeit dauernd verändert). Dies gibt ihr andererseits die Freiheit, auch mit Mitteln zu arbeiten, mit denen die Wissenschaft nicht arbeiten würde. Sie muss ihre Sätze nicht (wissenschaftlich) beweisen, sondern: (philosophisch) rechtfertigen. Daher kann etwa Aristoteles sagen, Gott sei der Erstbeweger in der Welt, und wir können es ihm bis heute nicht abstreitig machen - die Wissenschaft würde solches nie sagen, weil es nicht beweisbar ist. Damit soll nicht gesagt sein, die Wissenschaft würde nur Dinge behaupten, die beweisbar seien - denn es gibt in der heutigen Wissenschaft auch immer mehr Spekulationen, besonders in Mikro- und Makrobereichen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis [sowie auch in den Geisteswissenschaften] - aber: eigentlich müsste sie dies nach ihrem eigenen Selbstverständnis tun. P.S. Ich möchte hier nicht nur wissenschaftliche Dinge bringen und damit ein bisschen wissenschaftlich(er) erscheinen, sondern ich möchte auch die Unterschiede zwischen der Wissenschaft und der Philosophie klar herausstellen. Natürlich ist für mich die Philosophie übrigens nachwievor auch eine Wissenschaft (mit ihren eigenen Kriterien allerdings eben).


Entwicklung der (einzelnen) Wissenschaften (rudimentär - je in 15 Punkten). Mathematik u. Informatik: 1. Euklid / Geometrie, 2. Liu Hui / Pi, 3. Aryabhata / Null (früheste bekannte Verwendung), 4. Al-Chwarismi / Algebra - Fibonacci überträgt arabisch-indisches Zahlensystem in den Westen (dort vorher Römisches Zahlensystem) - 5. Napier u. Bürgi / Logarithmen, 6. Schickard / Rechenmaschine, 7. Descartes / Analytische Geometrie, 8. Pascal u. Fermat / Wahrscheinlichkeitsrechnung, 9. Leibniz u. Bernoulli (Johann) / Integral- und Differentialrechnung (Leibniz übertrug auch das Binäre Zahlensystem in den Westen), 10. Gauss u. Lobatschewski / Nichteuklidische Geometrie, 11. Cauchy / Funktionentheorie, 12. Cantor / Mengenlehre, 13. Hilbert / Axiomatisierung u. Probleme, 14. Neumann u. Turing / Theoretische Informatik, 15. Zuse / Computer, ferner: Internet und World Wide Web (von Berners-Lee, online 1991). - Physik (Theorie): 1. Empedokles / Elementenlehre, 2. Leukipp u. Demokrit / Atomlehre (modern: Dalton, Thomson, Rutherford, Bohr-Heisenberg/Schrödinger, Seaborg), 3. Aristoteles / Physik (als Wissenschaft), 4. Archimedes / Auftriebsgesetz, 5. Ptolemäus / Geozentrik, 6. Philoponos / Impetustheorie, 7. Peregrinus / Magnetismus, 8. Kopernikus / Heliozentrik, 9. Gilbert / Elektrizität, 8. Galilei / Trägheitsprinzip, 9. Kepler / Planetenbewegungen, 10. Newton / Mechanik, 11. Maxwell / Elektromagnetismus, 12. Becquerel / Radioaktivität, 13. Planck / Quantentheorie, 14. Einstein / Relativitätstheorie, 15. Lemaître / Urknalltheorie, ferner: moderne Elementar- und Astrophysik (Antimaterie, Standardmodell [der Teilchenphysik], Galaxiehaufen, Supernova). - Chemie (spez. Kunststoffproduktion): 1. Unbek. / Alchemie, 2. Boyle / Chemie (als Wissenschaft), 3. Cavendish / Wasserstoff, 4. Lavoisier / Oxidation, 5. Priestley / Sauerstoff, 6. Berzelius / Elektrochemie, 7. Goodyear / Vulkanisation, 8. Liebig / Agrochemie, 9. Mendelejew u. Meyer / Periodensystem der Elemente, 10. Hyatt / Celluloid, 11. Chardonnet / Kunstseide, 12. Le Chatelier / Reaktionsgleichgewicht, 13. Baekeland / Bakelit (Kunststoff), 14. Werner / Komplexchemie, 15. Staudinger / Polymerchemie, ferner: Fermi u. Seaborg / 'Stein der Weisen' (Verwandlung von Material zu Gold, 1935 u. 1980). - Biologie u. Anatomie: 1. Aristoteles / Systematik, 2. Harvey / Blutkreislauf, 3. Hooke / Zellen, 4. Leeuwenhoek / Bakterien, 5. Stahl / Organismus, 6. Linné / Taxonomie, 7. Priestley u. Ingenhousz u. Lavoisier / Photosynthese, 8. Lamarck / Evolutionstheorie I, 9. Schwann u. Schleiden / Zelltheorie, 10. Darwin u. Wallace / Evolutionstheorie II, 11. Mendel / Vererbungslehre (bzw. Genetik), 12. Haeckel / Ökologie, 13. Braun-Blanquet / Pflanzensoziologie, 14. Crick u. Watson / DNA-Struktur, 15. Mullis / Polymerase-Kettenreaktion (Vervielfältigung der DNA, Klonierung). - Medizin u. Chirurgie: 1. Hippokrates / Ärztlicher Eid, Rationale Medizin u. Humeralpathologie (Vier-Säfte-Lehre), 2. Galenos / Temperamentenlehre, 3. Rhazes / Experimente, 4. Paracelsus / Spagyrik (Arzneimittelherstellung und Therapie nach alchemistischen Grundsätzen), 5. Leeuwenhoek / Bakterien (Entdeckung), 6. Jenner / Impfung, 7. Semmelweis / Hygiene, 8. Virchow / Zellularpathologie u. Moderne Pathologie, 9. Pasteur u. Koch / Keimtheorie, 10. Röntgen / Röntgen, 11. Ehrlich / Chemotherapie (Begriff), 12. Hopkins / Vitamine, 13. Stanley / Viren (Nachweis), 14. Bigelow u. Bakken / Herzschrittmacher, 15. Pichlmayr / Transplantationsmedizin. - Psychologie* u. Psychiatrie u. Pädagogik: 1. Aristoteles / Psychologie (Erste Schrift), 2. Comenius / Pädagogik, 3. Rousseau / Erziehung (modern), 4. Cullen / Neurose, 5. Feuchtersleben / Psychose u. Psychosomatik, 6. Pawlow / Reflexpsychologie, 7. Kraepelin / Klassifizierung u. Psychopharmakologie, 8. Freud / Psychoanalyse, Psychotherapie u. Tiefenpsychologie, 9. Bleuler / Schizophrenie, 10. Adler / Individualpsychologie, 11. Jung / Analytische Psychologie, 12. Watson u. Skinner / Verhaltensanalyse u. Behaviorismus, 13. Perls (Fritz und Laura) u. Goodman / Gestalttherapie, 14. Szasz u. Laing / Antipsychiatrie, 15. Bandura / Lernpsychologie u. Soziales Lernen. - Ökonomie u. Realwirtschaft: 1. Unbek. / Sklavenwirtschaft, 2. Xenophon / Hauswirtschaftslehre, 3. Unbek. / Zunftwesen, 4. Unbek. / Bankwesen (modern: Bardi u. Peruzzi u. Acciaiuoli [in Florenz]), 5. Pacioli / Doppelte Buchhaltung, 6. Colbert / Merkantilismus (Dt. Kameralismus), 7. Quesnay / Physiokratismus, 8. Smith u. Ricardo / Klassische Nationalökonomie u. Liberalismus, 9. Bentham u. Mill / Utilitarismus, 10. Saint-Simon u. Owen / Utopischer Sozialismus, 11. Marx / Kommunismus, 12. Gossen u. Marshall / Grenznutzenschule, 13. Keynes / Keynesianismus, 14. Hayek u. Mises u. Friedman / Neoliberalismus (Dt. Ordoliberalismus), 15. Müller-Armack / Soziale Marktwirtschaft. - Soziologie u. Politik: 1. Unbek. / Urgruppe (Tierreich: Schutz- und Jagdgründe), 2. Unbek. / Königtum, 3. Solon / Demokratie, 4. Unbek. / Parlamentarismus (in England), 5. Morus / (Gesellschafts-) Utopie (und Utopischer Sozialismus), 6. Hobbes / Gesellschaftsvertrag (später: Rousseau), 7. Gentili u. Grotius / Völkerrecht, 8. Locke u. Montesquieu / Gewaltentrennung, 9. Voltaire / Meinungsfreiheit, 10. Smith / Wirtschaftsliberalismus, 11. Kant / Völkerbund, 12. Napoleon / Nationalstaat, 13. Comte / Soziologie (als Wissenschaft), 14. Mill / Dystopie, 15. Parsons / Soziologische Theorie. - Theologie u. Religion (aus christlicher Perspektive): 1. Unbek. / Animismus, 2. Unbek. / Polytheismus, 3. Unbek. / Monotheismus (nach Bibel: Adam u. Eva u. Urväter [Adam, Noah, Abraham]), 4. Unbek. / Indische Religion u. Brahmanismus/Hinduismus, 5. Jakob u. Mose / Israeliten u. Judentum, 6. Elia u. Propheten / Messias, 7. Buddha / Buddhismus, 8. Jesus / Christentum (Frühchristentum, Orthodoxie/Katholizismus), 9. Mani / Manichäismus, 10. Augustinus / Dreifaltigkeit, 11. Mohammed / Islam, 12. Thomas von Aquino / Theologie (Summe), 13. Luther / Reformation, 14. Johannes XXIII. u. Paul VI. / Ökumene, 15. Küng / Weltethos (als grosse Aufgabe der künftigen Menschheit [begonnen beim (ersten) Weltparlament der Religionen, 1893 - vgl. Vivekananda]). - Geografie (inkl. Entdeckungen): 1. Anaximander / Weltkarte, 2. Eratosthenes / Erdumfang, 3. Eriksson / Entdeckung Amerikas (später: Kolumbus), 4. Polo / Asien- und China-Reise (mit teils seltsamen Berichten, die kaum gänzlich von ihm stammen dürften), 5. Dias / Südspitze Afrikas, 6. Agricola / Mineralogie, 7. Mercator / Kartographie (modern), 8. Magellan / Weltumseglung, 9. Keckermann u. Varenius / Allgemeine Geographie, 10. Deluc u. Saussure (Horace-Bénédict) / Geologie, 11. Humboldt (Alexander) u. Ritter / Geographie als Wissenschaft (Definition von Richthofen), 12. Wegener / Pangäa (Urkontinent), 13. Troll / Landschaftsökologie, 14. Amundsen / Südpol (Ersterreichung - in einem dramatischen Wettlauf mit Scott), 15. Hillary u. Norgay/ Mount Everest (Erstbesteigung).

* Psychologie und Psychiatrie sind für mich in diesem Zusammenhang schwierige Themen. Ist es eine Wissenschaft oder ist es keine? Kann man sagen, wenn man Medikamente gefunden hat, mit denen man Leute ruhigstellen kann, man hätte so eine Wissenschaft begründet (und ist es richtig, einfach nur Leute ruhig zu stellen, ohne bessere soziale Bedingungen zu schaffen)? Natürlich ist dies nur ein Aspekt in der Psychologie von mehreren, aber die Frage sei trotzdem gestellt. Von den Naturwissenschaften über die Geisteswissenschaften bis zur Psychologie stellen wir eine zunehmende Involvierung der Ich-Perspektive fest, d.h. einen gewissen Bruch in einer reinen Anwendung der Subjekt-/Objekt-Scheidung. Es ist wohl keine Frage, dass ein Ich-Forschersubjekt in der Psychologie, welche seine eigene Seele umfasst, befangener ist, als wenn es um Steine oder Pflanzen geht (obwohl natürlich das Subjekt letztlich auch Teil der Natur ist!). Die Befangenheit kann sehr verschiedenartig sein und von reinen Gesellschaftsstellungen bis hin zu einer politischen Befangenheit gehen (inkl. Seelen-, Geist- und Ideenunterdrückung - interessant natürlich sowohl die Medizin wie auch die Jurisprudenz heute mit Seelenkundlern zusammenarbeitet, nicht aber mit Geistkundlern). Ich würde der Psychologie auf jeden Fall eine gewisse politische Dimension auch beimessen (das gilt natürlich aber auch etwa für die Ökonomie - und ebenso für die Politologie - wo es ja sogar besonders offenkundig ist [im Gegensatz etwa von Smith und Marx, aber eigentlich überhaupt]). Die Bewertung der Psychologie als Wissenschaft ist also einigermassen schwierig. Wir müssen uns ganz einfach auch klar sein, dass es einen sehr grundsätzlichen Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaft gibt (wobei gerade die Psychologie ja auch diesbezüglich schwierig einzuordnen ist: die Behavioristen und Psychiatristen sehen sie wohl fast eher als Naturwissenschaft, die Tiefen- oder Gestaltpsychologen dagegen vermutlich eher als Geisteswissenschaft, usw. usf., etc. etc.). Wenn man die Pädagogik - auch diese in ihren verschiedensten Facetten - hinzunimmt, wie ich es hier gemacht habe, wird der Sinn und Zweck der Psychologie vielleicht ein bisschen deutlicher.

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Exkurs: Wissenschaft und Weltverbesserung. Dürfen wir die Wissenschaft überhaupt kritisieren, angesichts all der Vorteile, welche sie in den letzten 400 Jahre gebracht hat? Nichts liegt mir ferner, als die Wissenschaft zu stark zu kritisieren. Augustinus sagte - bereits in der Zeit der christlichen Patristik - dass kein vernünftiger Mensch gegen die menschliche Wissenschaft sein kann, und das ist ein weises philosophisches Wort. Ich lege die Wissenschaftskritik, welche sich in der Folge der Kulturkritik, im 20. Jahrhundert ergeben hat, eher so aus, dass wir uns wieder fragen müssen: Was ist denn eigentlich wahre Wissenschaft? Oder nach Platon gefragt: was ist denn die eigentliche Idee hinter der Wissenschaft? Statt der reinen Ausbeutung schlägt der Ökophilosoph Schäfer ein neues (Bacon-) Projekt vor: das Projekt von der Erkenntnis, Nutzung und Schonung der Natur (1993). Das tönt für mich schon ein bisschen besser. Wir stehen heute am Anfang dieser neu zu stellenden Fragen. Ich denke, dass wir auf dem Weg dazu sind zu einer adäquaten Antwort - aber auch: dass es aber ein relativ langer Weg werden könnte. Und ist eigentlich die Welt durch die Wissenschaft tatsächlich eine bessere Welt geworden? Einige sagen, dass heute (in absoluten Zahlen betrachtet) mehr Kinder an Hunger sterben denn je, die Statistiken der Weltgesundheitsorganisation sagen aber, dass sich die Weltgesundheitssituation in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten stetig verbessert hat. Wir tun uns recht schwierig mit der Beurteilung. Während ältere Menschen eher zum Denken neigen, dass es mit der Welt immer schlechter stehe, neigen jüngere Menschen eher zum Denken, dass es mit der Welt (immer) besser werde. Die Jungen ist natürlicherweise etwas optimistischer, die Älteren etwas pessimistischer. In der politischen Veränderungskraft ist es aber gerade umgekehrt: die Jüngeren sind meist progressiver eingestellt, die Älteren aber konservativer (eigentlich wären es ja aus ihrem eher pessimistischen Denken heraus v.a. die Alten, welche die Welt verändern wollen müssten - wozu ihnen aber natürlich meist die Kraft fehlt). Wir würden vielleicht sagen - in der ganzen Dankbarkeit auch für all die technischen Dinge, die unser Leben erleichtern - die Welt sei insgesamt besser, aber auch etwas gefährlicher geworden. Das Ziel jeder wahren Religion, Philosophie und Wissenschaft bleibt hoffentlich weiterhin und für allezeit die Weltverbesserung - denn es ist ja keine Welt vorstellbar, die nicht verbesserbar wäre (dies können wir Leibniz heute sicher entgegenhalten, welcher in der beruhigenden feudalistischen Vorstellung von der je besten aller möglichen Welten lebte [ohne deswegen mit Voltaire gerade in das Gegenteil zu verfallen, notabene]). Erstaunlich eigentlich, wie wenig Ansehen der Begriff der Weltverbesserung geniesst, ist es doch wohl einer von wenigen Begriffen, welche wirklich Sinn machen in dieser Welt (und welcher noch sinnvoller ist, wenn wir uns das Gegenteil vor Augen führen: sollen wir denn etwa eine Weltverschlechterung anstreben? - manche wollen über solche Dinge gar nicht urteilen, weil sie meinen, dies würde nur ihr Leben schwieriger machen, aber das ist im Allgemeinen mit Sicherheit bereits der erste Schritt zur Verschlechterung: weil der Weg zur Verbesserung die Aktivität benötigt, und weil diese nicht von nichts kommt, sondern von einem Wunsch und Willen zur Verbesserung; die Aktivität in der spätmodernen Gesellschaft ist - so betrachtet - vermutlich etwas Gutes, wenn sie denn auch in die richtigen Bahnen kommt).

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NEUZEIT/MODERNE (I) - AUFKLÄRUNG * * * Hobbes und der (sogenannt) aufgeklärte Absolutismus * * * Parlamentarismus in England (Bill of Rights) * * * Politischer Liberalismus von Locke * * * Französische Aufklärung und Revolution (Montesquieu, Voltaire, Rousseau) * * * Die Materialisten (L'homme machine) * * * Smith und der Wirtschaftsliberalismus * * * Immanuel Kant, der Satz der reinen Vernunft und der deutsche Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) * * * Die utilitaristische Wohlstandsformel * * * Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie.


Die Aufklärung, die Revolution, die Politik und die moderne Zeit.

Eigentlich könnte man es sich sehr einfach machen mit der Philosophie der Aufklärung: sie wandte sich gegen die alte (mittelalterliche) Drei-Stände-Ordnung mit Adel, Geistlichkeit und Drittem Stand und stürzte diese in einer (Bürger-) Revolution in Frankreich - mit dem Sturm auf die Bastille 1789 (als Referenzdatum). Aber die Aufklärung kann nicht so leicht erklärt werden, weder in ihrem Ursprung noch in ihrem Fortgang. Manche erklärten sie nach ihrer Blütezeit als ewiges Projekt der Philosophie - dann aber, so können wir hoffen, nicht in einer neuen blossen Dienerschaft von irgendetwas, sondern: nach allen Seiten hin: Wo aber hat diese Aufklärung denn eigentlich ihren Ursprung? Ich sehe in neueren Zeiten (etwa der letzten 500 Jahre) drei grosse Perioden: der Renaissance, der Wissenschaft (Neuzeit) und der Aufklärung (Moderne - tatsächlich beginnt nach mir die moderne Zeit bereits im 18. Jahrhundert [und wir sind immer noch mitten in dieser Aufklärung und Moderne drin: eine Zeit, welche noch lange andauern könnte, denn alles aufzuklären, ist gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erschien. Ich spreche in dieser Entwicklung von Jahrhunderten - bis die Postulate einer umfassenden Aufklärung wirklich adäquat umgesetzt und erfüllt sind]). Ursprünge einer politischen Aufklärung können wir in der Klassik der antiken Philosophie finden: bei Konfuzius, welcher trotz seiner konservativistischen Philosophie einräumte, dass ein ungerechter Herrscher gestürzt werden kann, bei Protagoras und dessen Hinwendung zum Menschen (auch hier: von der reinen Wissenschaft wieder zu den menschlichen Belangen), bei Platon und seiner Forderung nach gerechten Gesetzen und bei Aristoteles und seiner Erhebung der Staatsform von einer demokratischen Politie. Diese Ursprünge gingen eigentlich schon in der Zeit des Hellenismus wieder verloren, wo sich die Philosophie von der grossen Staatsphilosophie der Klassik abwandte und sich ins eigene kleine (Lust-) Gärtlein zurückzog (spezifisch bei Epikur, mit seiner privatisierten Meinung: «Man muss sich selbst aus dem Gefängnis der üblen Geschäfte und der Politik befreien.»). Dieser Verlust ging weiter in der römischen Antike - wo zwar ein starker, aber kein gerechter Staat herrschte - und im Mittelalter, wo sich die Entwicklung der europäischen Adelsherrschaften dann ad absurdum führte (letztlich oder spezifisch und symbolisch in der Person von Louis XIV. [1638-1715], dem Sonnenkönig, und seinen prunkvollen Wandelhallen und exquisiten Schlossgärten in Versailles). Betrachten wir die Ursprünge in der Philosophie der Neuzeit, so stossen wir auf die Philosophie von Hobbes, auch wenn dieser eigentlich noch - wie Machiavelli vor ihm - (im Namen des Republikanismus, notabene) einen absolutistischen Staat gutheisst (weitere bedeutende frühe Staatsphilosophen waren auch Jean Bodin [Absolutist] oder Johann Althusius [Calvinist, siehe auch: calvinistische Monarchomachen (bzw. Monarchiekritiker)]).

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* * * * * Text in Überarbeitung - bis hierhin überarbeitet (Redaktion 2/3) * * * * *


Hobbes, der Gesellschaftsvertrag und der aufgeklärte Absolutismus. Es ist in einem gewissen Sinn verstörend, zu sehen, mit welcher (fast bewussten) Naivität Thomas Hobbes (1588-1679) einen absolutistischen Staat verteidigt (v.a. weil man ihm durchaus attestieren muss, ein sehr kluger und schlauer Kopf zu sein, einer der schlausten Philosophen vielleicht sogar überhaupt). Er greift - gegen die Forderung der Renaissance - die Lektüre der antiken Schriften an, und meint, dass die Autoren derselben aus verwerflichen Demokratien stammen würden, die zu nichts anderem führen können, als zur Zerstörung des Staates. Der Oberherr, wie Hobbes den Herrscher (gleichgültig in welcher Staatsform) nennt, darf nach Hobbes ausdrücklich alles - er ist alleine für sich selbst verantwortlich und nur Gott gegenüber Rechenschaft schuldig, niemandem sonst (auch keinem anderen Staat: Hobbes verwirft jegliches Völkerrecht ausdrücklich und vollkommen [und dies obwohl der bedeutendste frühe Philosoph des Völkerrechts, Hugo Grotius, ein Zeitgenosse von Hobbes war]). Die Erklärung, wie er zu diesem reaktionären Verteidigungsansatz kommt, ist äusserst raffiniert. Er stellt uns nämlich einen fiktiven Naturzustand vor Augen, in welchem ein Krieg aller gegen alle herrscht (homo homini lupus: der Mensch ist des Menschen Wolf - dies ist nicht nur der Naturzustand, sondern auch das Naturrecht: von Natur aus hat jeder ein Recht auf alles). Um diesen kämpferischen und kriegerischen Naturzustand zu überwinden, schliessen die Menschen nun einen sogenannten Gesellschaftsvertrag, in welchem sie alle Macht dem Staat und dessen Oberherrn übergeben. Der Oberherr und der Staat bürgen für die Sicherheit der Bürger (und erst, wenn die staatliche Gewalt des nicht mehr kann, darf der Bürger für sich selber schauen). Und hier beginnt die Naivität von Hobbes zur vollen Blüte zu gelangen. Er sieht nämlich daraus einen gerechten Staat entstehen, fordert gar eine umfassende staatliche Sozialhilfe (u.a. - ja, er fordert nicht nur eine Sozialhilfe, sondern das Wohlergehen für alle: es darf für keinen Bürger irgendeinen Mangel geben). Der Oberherr soll ja ein guter und gerechter Herrscher sein. Was aber, wenn er es nicht ist? Dann hat der Bürger trotzdem eben - so sagt Hobbes (womit er hinter Konfuzius zurückgeht) - in keinem Fall irgendein Recht, sich gegen den Oberherrn zu wenden, weil dies den Gesellschaftsvertrag verletzen würde. Jede Meinung wider die Regierung ist bei Hobbes ein Verbrechen gegen den Staat (bzw. gegen den Gesellschaftsvertrag [wider den Naturzustand]). Ansätze einer solchen Ansicht finden wir heute noch in der Politik, und von dieser Ansicht (und dem entsprechend negativ besetzten Menschenbild) aus würde sich die Frage stellen: ist es denn nicht viel naiver, den Naturzustand (bzw. die Anarchie) zu riskieren? Eine erstaunlich berechtigte Frage. Und doch würden wir uns heute - hoffentlich - eher für die Demokratie (mitsamt ihren ganzen Meinungsverschiedenheiten) entscheiden als für den Absolutismus. (Die Politik aber bleibt eine schwierige und verzwickte Sache.)

Wie kommt Hobbes ausgerechnet in England, welches doch als Ursprungsland des Parlamentarismus gilt, auf solche Ideen? Abgesehen davon, dass es gerade in England auch schon immer starke reaktionäre Kreise gegeben hat (wo aber nicht?), lässt sich dies wohl am Besten mit einem Zeitgenossen von Hobbes erklären: Oliver Cromwell (1599-1658), ursprünglich ein Abgeordneter des Unterhauses, später: Lordprotektor von England, Schottland und Irland zur kurzen Zeit des Republikanismus in Britannien (über 100 Jahre vor der Französischen Bürgerrevolution). Die Gedanken von Hobbes zielen also nicht in Richtung auf einen adligen König, sondern auf einen Bürgerkönig (wie es später in Frankreich, nach der Revolution bzw. den ersten Wirren der Revolution, Napoleon Bonaparte werden sollte - Cromwell weckt aber eher den Gedanken an einen anderen Revolutionspolitiker des späteren Frankreichs: Maximilien de Robespierre, eine weitere Figur, die zeigt, wie schwierig diese ganze Bürgererhebung und ihre Rechtfertigung war [erstaunlich genug, dass sie trotzdem gelungen ist - hoffen wir, dass sie auch in vernünftigen Bahnen bestehen bleibt]). Das Hauptwerk von Hobbes - "Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil" (dt. Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und staatlichen Gemeinwesens) - kam 1651 heraus, genau zwei Jahre nach Cromwells Sieg im Englischen Bürgerkrieg und ein Jahr nach seiner Machterlangung über die (damalige Parlaments-) Armee (zwei Jahre nach der Veröffentlichung löste Cromwell das Parlament auf und übernahm die Alleinherrschaft). Wir können uns an dieser Stelle fragen, ob wir die Philosophie nur für sich alleine betrachten dürfen, oder ob wir nicht andere Geschehnisse - wie die historischen - stets mitberücksichtigen müssen. Im Buch von Hobbes findet sich übrigens kein Wort über Cromwell und/oder die englische Geschichte - es ist durch und durch ein rein philosophisches Werk, welches in diesem Sinn auch eine vollkommene Unabhängigkeit vom Zeitgeschehen vorgibt (trotzdem kam - nach dem Ende vom Cromwellschen Republikanismus - ein paar Jahre nach der englischen Originalausgabe eine zensurierte und revidierte Ausgabe in lateinischer Sprache heraus [1668]; die englische Geschichte ging weiter mit der Erhebung der Bill of Rights [1689], welche die Rechte zwischen Parlament und König regelte und zu den grundlegendsten Dokumenten des Parlamentarismus gehört: erstmals war das Parlament nicht mehr nur eine beratende Institution des Königs, sondern es hatte das Recht, selber zusammenzutreten und auch Einfluss zu nehmen etwa auf die Staatsfinanzen, was dazu führte, dass fast alle Entscheidungen des Königs von der Billigung des Parlaments abhängig wurden). Hobbes ist in der Folge etwas vergessen gegangen: wir sprechen heute meist vom Absolutismus, von der Renaissance und von Aufklärung/Liberalismus - Hobbes, dazwischen, vergessen wir; ich finde er ist eine (bzw. diese) besondere Betrachtung wert (auch im Hinblick auf das aktuelle politische Geschehen). Er steht mit seiner Art des Philosophierens, welche sehr klar und gradlinig ist - nicht unbedingt mit seinen philosophischen und/oder politischen Schlüssen eben - auch vielleicht am Anfang der neuzeitlichen Philosophie.



* Kleiner Einwand: am Anfang stand und steht in der Schweizer Demokratie natürlich nicht das Volk, sondern: (teils von Einzelpersonen! [bzw. Experten]) vorgefasste alte Gesetzbücher (BV, OR, ZGB, StGB, u.a. - im Vorfeld der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates 1848 hatte sogar der Philosoph Ignaz Paul Vitalis Troxler, Begründer des Biosophie- und Anthroposophiebegriffs, der auch ein angesehener Schweizer Diplomat war, einen persönlichen Verfassungsentwurf vorgelegt [in seiner Schrift: "Die eine und wahre Eidgenossenschaft im Gegensatz zur Centralherrschaft und Kantonsthümelei, sowie zum neuen Zwitterbunde beider, nebst einem Verfassungsentwurf" (1833) - die erste Bundesverfassung des neuen Bundesstaates wurde dann von der alten Tagsatzungsregierung ausgearbeitet]). Ein Problem in einer Direkten Demokratie, die ja immer auf einer bestimmten Grundlage entstanden ist, besteht daher - nebst den ganzen supranationalen Fragen - auch in der Kohärenz von (alter) Grundordnung und (gegenwärtigem) Volkswillen. Ob das Volk am Ende steht, das wird sich erst zeigen müssen - dies ist abhängig davon, ob es wirklich (langfristig) bestimmen kann und von wem es auf welche Art und Weise informiert und/oder manipuliert wird. (Insgesamt ist es heute noch viel zu früh, um die Direkte Demokratie irgendwie zu bewerten. Die schlechten Beteiligungszahlen sind derzeit als ein bedeutendes [Legitimierungs-] Problem zu betrachten. Am Aufbau der Direkten Demokratie wirkten verschiedene Intellektuelle mit, so etwa der Staatsrechtler Carl Hilty, welcher auch philosophisch-theologische Schriften verfasste, oder auch der deutsche Philosoph Friedrich Albert Lange, der zu dieser Zeit in der Schweiz lebte.)


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Locke und der englische Liberalismus. Der bedeutendste Vorläufer des Zeitalters der Aufklärung ist der englische Liberalismus. Dessen früher Hauptvertreter ist John Locke (1632-1704); später zu erwähnen: die Wirtschaftsliberalisten Adam Smith (1723-1790), dessen Hauptwerk 'The Wealth of Nations' 1776 erschien, mitten in der Industriellen Revolution in England (1764/1769 Spinnmaschine von Hargreaves und Arkwright, 1785/1786 Webmaschine von Cartwright, 1804 Dampflokomotive und Eisenbahn von Trevithick), und also noch immer vor dem Sturm auf die Bastille in Frankreich, ferner etwa Malthus, Say und Ricardo - als eigentliche Begründer der Nationalökonomie gelten Petty in England und Boisguilbert in Frankreich, als grösster Kritiker derselben der Genfer Sismondi - sowie die Utilitaristen, die bereits versuchten, den ungezügelten Wirtschaftsliberalismus ein bisschen zu sozialisieren (mit einer Wohlstandsformel, wonach der Wohlstand der grossen Masse angestrebt werden soll): Bentham und Mill (im 18./19. Jahrhundert). Die Erfolge der Wissenschaft (und Technik), der wirtschaftliche Aufschwung und die Aufklärung in der Politik gingen sozusagen Hand in Hand. Locke vereinigte alle gängigen philosophischen Richtungen der englischen Kultur jener Zeit in sich: den englischen Empirismus, die klassische Nationalökonomie - er gilt als ein Vorläufer derselben - und den politischen Liberalismus. Wie Grotius und Pufendorf leitete Locke das Naturrecht, welches vor jeglicher Staatsverfassung steht, von der biblischen Offenbarung ab. Die Absolutisten gingen davon aus, dass die (biblischen und späteren) Könige die Nachfolger der biblischen Urväter seien, und dass diesen die Welt/Natur gegeben worden sei, um über sie zu herrschen. Nach Locke hat Gott die Natur allen gleichermassen gegeben und dem Menschen eine Freiheit der Person verliehen - Freiheit, Leben und Eigentum sind für ihn unveräusserliche Rechte jeden Bürgers. Die Staatsregierung benötigt die Zustimmung der Menschen, und sie muss sich dazu verpflichten, die Naturrechte (Freiheit, Gleichheit und Unverletzlichkeit von Person und Eigentum [vgl. Römisches Recht]) zu schützen. Der Mensch darf sich zur Selbsterhaltung Natur/Dinge aneignen, aber nicht mehr als er selber verwenden kann. Die innere Logik des Wertesystems von Locke ergibt sich aus den Begriffen der Natur, der Arbeit und des Eigentums: durch Arbeit bzw. durch Vermischung von Natur und Arbeit entsteht - über die reine Natur hinaus - Eigentum (die Dinge können getauscht werden, so auch im Arbeitsverhältnis: Arbeit gegen Lohn [Locke sah noch keinen Konflikt zwischen einer politischen Freiheit und einer ökonomischen Abhängigkeit]). Das Individuum hat damit Freiheitsrechte, welche über den Interessen des Staates stehen, und welche es auch gegenüber dem Staat einfordern kann. Im Staat herrscht eine Gewaltenteilung (bei Locke nur erst zwischen der Exekutive und der Legislative - Montesquieu fügte später die Judikative bei), d.h. es gibt keinen absolutistischen, eindimensionalen Oberherrn mehr wie bei Hobbes. Bedeutend für seine humanistische und liberalistische Haltung ist sein 'Brief über die Toleranz', in welchem er sich für die Religionsfreiheit einsetzt (ebenso ist er für die Gleichheit von Mann und Frau [dagegen gab es aber auch bei ihm noch immer ein Recht auf Versklavung, wenn nämlich ein Volk ungerechterweise einen Krieg beginnt und verliert]). Die politische Theorie Lockes hatte einen bedeutenden Einfluss auf die sogenannte Glorious Revolution in England (1688/1689 - mit der Bill of Rights [1689]), ferner auf die US-Amerikanische Verfassung (1787 - nach der Unabhängigkeitserklärung [1776]) und auf die Französische Revolution (1789).

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Die Philosophen der (französischen) Aufklärung. Drei Namen werden besonders stark hervorgehoben, wenn es um den philosophischen Begriff der Aufklärung geht: Charles de Montesquieu (1689-1755), Voltaire (1694-1778) und Jean-Jacques Rousseau (1712-1778). Diese Bedeutung haben sie natürlich v.a. deswegen bekommen, weil in Frankreich dann auch tatsächlich die bürgerliche Revolution stattgefunden hat, welche ganz Europa veränderte. Wie gross war der Anteil der Philosophen daran? Das kann man nicht in Prozent messen, er kann aber als bedeutend betrachtet werden. Keiner der drei hat übrigens die Revolution persönlich miterlebt, und gesprochen von einer Revolution hat im Vorfeld eigentlich nur Voltaire. Rousseau hielt sich zurück, obwohl er den Menschen überall in Ketten sah, wo er doch frei geboren sei. Montesquieu war kein revolutionärer Geist, sondern ein nüchterner Philosoph (wie man ihn sich eigentlich vorstellt). In der Analyse der Staatsformen (Republiken, Monarchien und Despotien) favorisierte er die Parlamentarische Monarchie, ansonsten verehrte er die Tugend der Antike. Vor Extremismus und Unordnung warnte er und sprach sich für Stabilität und Mässigung aus. Bekannt blieb er bis heute durch die treffliche Erweiterung der Gewaltenteilung von Locke - in die Legislative (gesetzgebende Gewalt), die Exekutive (ausführende Gewalt) und die Judikative (richterliche Gewalt). Ganz anders dagegen Voltaire, welcher gegen die Kirche hetzte und die behäbige rationalistische Philosophie (v.a. in der deutschen Form von Leibniz und Wolff) verpönte. Gegen Unterschiede in Besitz und Stellung hatte er dagegen nichts einzuwenden, und auch er favorisierte die Staatsform der Monarchie, mit einem guten König (diesen sah er in Friedrich II. bzw. dem Grossen in Preussen, zu dessen Hofkreis er eine Zeit lang gehörte, ebenso wie der Materialist La Mettrie - allerdings gingen der Preussenkönig, der ein Buch mit dem Titel "Antimachiavell" schrieb, und Voltaire zuletzt im Streit auseinander). Wer nun im Werk von Rousseau eine flammende Rede für die Demokratie erwarten würde, der sähe sich getäuscht. Er nimmt in seinem Hauptwerk "Über den Gesellschaftsvertrag" die Idee von Hobbes diesbezüglich auf, vertritt aber im Gegensatz zu diesem ein positives Menschenbild. Jeder der Unrecht tut, meinte Rousseau, hat dies auch vom Anderen zu erwarten - in der Freiheit (in Unabhängigkeit) sieht er nicht in erster Linie die Möglichkeit böse, sondern die Möglichkeit, gut zu handeln (und so sei das negative Bild von Hobbes zu verwerfen: "Veredelt doch die Meinungen der Menschen, dann läutern sich ihre Sitten von selbst!" - reichlich idealistisch). Eine ideale Staatsform gibt es für ihn nicht: er betrachtet die Monarchie als geeignet für wohlhabende und grosse Nationen, die Aristokratie für mittelreiche und -grosse, die Demokratie für kleine und arme (wie Montesquieu zieht er das Los- dem Wahlverfahren in der Demokratie vor - die öffentlichen Ämter sollten ausgelost werden [eine Idee, welche bereits in der Antike entstanden ist]).

Anm. Als Schweizer kann Rousseau - genau genommen - übrigens nicht bezeichnet werden: er ist zwar in der damaligen Republik Genf geboren, aber diese trat erst 1815 definitiv der Eidgenossenschaft bei (und demnach war Rousseau nie ein Schweizer Bürger).

Die Demokratie kommt also unter unseren Aufklärungs- und Revolutionsphilosophen gar nicht so gut weg. Warum eigentlich nicht? Der Hauptgrund dafür liegt vermutlich darin, dass die bestehenden (demokratischen) Republiken nicht besonders stabil waren - die Demokratie musste zuerst erstritten werden, und wenn sie erstritten war, dann war sie noch lange nicht sicher. Das führte zu immerwiederkehrenden politischen Unruhen. Die Demokratie war eigentlich noch immer eine Staatsform, welche sich zu dieser Zeit - wie Hobbes gesagt hatte - bloss in den Werken antiker Schriftsteller abspielte (die ihrerseits zwar in Demokratien lebten, diese zu ihrer Zeit aber selber kritisch betrachteten). Wie sicher die Demokratien heute sind, das ist eine andere Frage. Jedenfalls aber hat die Demokratie seit der Aufklärung Erfolge in der Weltpolitik gefeiert, welche ihr nicht einmal die Philosophen zugetraut haben.

Erstaunlich ferner, wie jung die aktuellen Demokratien/Parlamente sind - ich habe versucht, eine Liste mit ein paar Staaten zusammenzustellen (angegeben ist das mit dem aktuellen Parlament in Zusammenhang stehende erste, regelmässige, sich selbst konstituierende Parlament): 1689 England (anfangs: Königlicher Rat 1215 [unselbstständig]), 1789 Frankreich, 1789 USA, 1815 Niederlande (früher: 1579?), Schweiz 1848 (früher: Tagsatzung 1315), Italien 1946 (früher: Sardinien 1861), Deutschland 1949 (früher: Reichstag 1919), Portugal 1975 (früher: 1834?), Spanien 1978 (früher 1822/1931?), Russland 1993 (früher: 1990). Solche Daten sind schwer zu ermitteln und zu bewerten, wenn man sich in der Geschichte der Demokratie nicht so gut auskennt - daher alles ohne Gewähr.

Der Freiheitsbegriff spielte natürlich in Aufklärung und Revolution eine grosse Rolle. Rousseau stellte fest, dass der Mensch frei geboren sei, aber überall in Ketten liege, und nach Voltaire wurde unter Aufklärung und Freiheit v.a. eine Trennung von Kirche und Staat sowie eine weitgehende Meinungsfreiheit verstanden. Der Freiheitsbegriff kann im bürgerlichen Staat aber übrigens nicht alleine betrachtet werden, denn er ging eigentlich fast unzertrennlich Hand in Hand mit einer grösseren Strenge, Ordentlichkeit und Organisiertheit. Aspekte davon sind etwa die Erziehung, das Militärwesen, die Volksschule, die Polizeiorganisation oder (etwas später auch) die Psychiatrie. Diese Tendenzen können mit der Loslösung von der monarchischen Gesellschaftsstruktur erklärt werden. Die Tendenz zu einer strengeren und überlegteren Erziehung kann bereits im Erziehungsroman von Rousseau ("Émile ou De l'éducation", 1762) eingesehen werden. Ein Grundgedanke dafür, ist es, den Menschen für die Bereitschaft zur Schliessung und Erfüllung des Gesellschaftsvertrags zu erziehen. Die grössere Organisiertheit des Militärs erlangte besonders im (National-) Staat vom Bürgerkaiser Napoleon, welcher sich nach den schlimmen anfänglichen Revolutionswirren bildete, grosse Bedeutung und Wirkung. Bei ihm zeigten sich auch erste grosse und übertriebene Eroberungstendenzen innerhalb des neuzeitlichen Europas, welches doch - trotz der Kolonialisierung der sogenannt Dritten Welt seit der späteren Renaissance und des damit zusammenhängenden Imperialismus - von liberalistischen und humanistischen Gedanken hätte geleitet sein sollen. Dies eben wollte Napoleon mit Gewalt in ganz Europa durchsetzen. Die Europäer setzten sich nach der Napoleon-Ära bzw. nach der Niederlage Napoleons beim Wiener Kongress zusammen zu einer Neuordnung Europas, in welcher die Reaktion für eine kurze Zeit eine bedeutende Rolle spielte - die Moderne war aber nicht aufzuhalten. Im Faschismus (und Nationalsozialismus) zwischen den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert wurden die angesprochenen Tendenzen dermassen übertrieben, dass daraus ein negatives Schreckbild entstand. In der Folge entwickelte sich - in gewissen Gesellschaftskreisen - ein antiautoritäres Erziehungsideal, welches in den letzten Jahrzehnten ebenfalls in die Kritik geriet. Vernünftig erscheint in dieser Frage - wie meistens: die Vernunft (bzw. ein Mittelweg - was natürlich oft leichter gesagt als umgesetzt ist).

Weitere Themen zur Zeit der Aufklärung sind die Enzyklopädisten (Chambers, Diderot/D'Alembert, Krünitz) - sie stehen mit ihrer Ordnung des Wissens zwischen der Wissenschaft und der Aufklärung - die Materialisten (De la Mettrie [mit seinem Hauptwerk "L'homme machine", dt. Der Mensch als Maschine], Helvétius, D'Holbach), die Sensualisten (Condillac [Vorläufer: Locke, Hume]) und die (idealistischen) Erkenntnistheoretiker (von Hobbes/Locke über Berkeley und Hume sowie Kant bis zu den deutschen Idealisten [Fichte, Schelling, Hegel]). Die Philosophie spaltete sich also zu dieser Zeit auch auf, in eine materialistische und eine idealistische Wendung. Das ist der grosse, bis heute bestehende Gegensatz in der modernen Philosophie. Jede Zeitära scheint ihren eigenen grossen Gegensatz zu haben. In der Antike war es jener zwischen Idealismus und Realismus (oder eigentlich müsste man besser sagen: zwischen Ideellismus und Reellismus - Platon vs. Aristoteles), im Mittelalter zwischen Universalismus und Nominalismus (bekannt geworden als scholastischer Universalienstreit), in der Neuzeit zwischen Empirismus und Rationalismus (wie besprochen) und in deren Moderne eben zwischen Materialismus und Idealismus (in der heutigen Spätmoderne wiederum - politisch relevant - zwischen Liberalismus und Sozialismus [folgt]).

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An dieser Stelle müssen wir ein bisschen zurückschauen und ein bisschen vorgreifen, denn die Erkenntnistheorie (auch: Epistemologie) ist ein grosses und epochenüberschreitendes Thema. Sie spielte schon in der Antike (insbesondere bei Platons Ideenlehre) und im Mittelalter eine gewisse Rolle, in der Neuzeit und ihrer Moderne aber rückte sie in den Mittelpunkt der Philosophie.

Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie I (von Hobbes bis Locke). Die gesamte neuzeitliche und moderne Philosophie und Wissenschaft basiert eigentlich auf der Epistemologie. Dabei kamen drei grosse Fragen auf: 1. Wie ist das Verhältnis zwischen Sinneserfahrung und Erkenntnis beschaffen? Folgt die Erkenntnis den Sinneserfahrungen nach (Empirismus) oder geht sie diesen voraus (Rationalismus)? 2. Wie ist das Verhältnis zwischen dem Ding (da draussen) und dem ideenhaften Denken beschaffen? Gibt es überhaupt ein Ding (an sich)? 3. Wie ist das Bewusstsein und das Denken überhaupt beschaffen bzw. wie ist das Verhältnis zwischen dem Denken und dem Gehirn beschaffen (Tiefen- und Neuropsychologie, Hirnforschung, Philosophie des Geistes)? Zu 1. Diese Frage wurde eigentlich nicht restlich geklärt, obwohl der Empirismus und der Rationalismus ja zusammen die neuzeitliche Wissenschaft begründet haben. Man könnte vielleicht sagen, dass die Erkenntnis eher empirisch (d.h. durch Erfahrung und Lernen) angelegt ist, sich dann aber rational festigt (in der Erinnerung und im Glauben [denn wir glauben ja an das, was wir für wahr halten] - freilich kann diese rationale Festigung im Kindesalter und auch später natürlich immer auch auf Irrtümern beruhen [und zu beachten ist nicht nur die individuelle Erkenntnis und Erinnerung, sondern auch das Kollektivgedächtnis und die Ansichten der vorherrschenden Kultur]). Zu 2. Zuerst erwähnen zu diesem Thema muss man die wiedererwachte und starke Position des Menschen in der Renaissance (siehe: Mirandola). Hobbes sprach nur von den Dingen (engl. the things); die Frage nach dem Subjekt stellte er sich eigentlich noch gar nicht, was ja auch die natürlichste Haltung ist (dass wir einfach bloss die Dinge da draussen anschauen und bewerten [und mit den inneren Dingen unbewusst gleich verfahren]). Bei Descartes beginnt dann bereits die gesamte folgende Diskussion zu diesem Thema. Er formulierte einen strengen Dualismus zwischen dem erkennenden Subjekt und dem erkannten Objekt (er spricht selber allerdings nicht in dieser Terminologie davon, sondern das tut nur die Interpretation seiner Philosophie: auch er spricht von den Dingen [frz. les choses]). In seiner Philosophie wie auch in der folgenden Wissenschaft steht demnach das Objekt im Vordergrund, denn es ist die Basis von dem, was in der Wissenschaft erforscht werden soll. Bei Locke stellte sich bereits im 17. Jahrhundert erstmals die epistemologische Frage in drängender Form. Als erstes stellte er fest, dass es keine angeborenen Ideen gibt (wie Platon es behauptete [und Leibniz es in einer Antwort an Locke wieder behaupten wird]). Nach Locke gibt es einfache und komplexe Ideen (d.h. Abbilder und Zusammensetzungen) sowie unter den einfachen solche, die auf äusserer und innerer Erfahrung (d.h. Eindruck [engl. sensation] und Überlegung, auch in der Selbsterkenntnis [engl. reflexion]) bestehen, und unter den äusseren solche, die auf primären und sekundären Qualitäten (d.h. unveränderlichen und veränderlichen Bestandteilen der Dinge) beruhen. Ins Bewusstsein gelangen nicht die Dinge (oder: Substanzen), sondern nur ihre Qualitäten (bzw. Eigenschaften). Er ist damit der erste Philosoph, welcher tiefer in dieses Feld eindringt und ein ganzes Erkenntnissystem erhebt. Das heisst: Locke hat eine neue Komplexität in die Philosophie gebracht, wie sie die nachfolgende Philosophie auch auszeichnet, bis zu Kant und Hegel und darüber hinaus (sehr zum Schrecken natürlich für alle, welche eine so tiefgreifende und komplexe Philosophie lieber gar nicht haben möchten [und daher auch teils begannen, bis in intellektuelle Kreise hinein, die Philosophie a priori zu verwerfen - die Auseinandersetzung mit dem menschlichen und dem eigenen Denken ist keine einfache Sache]).

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Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie II (von Locke bis Kant). Eine besondere Figur unter den englischen Empiristen war Berkeley. Er stellte radikal in Frage, ob es überhaupt Dinge gebe. Esse est Percipi - 'Sein heisst Wahrgenommenwerden'. Der Stuhl, behauptet Berkeley, existiert nur, weil ich ihn wahrnehme - und darüber hinaus kann ich nichts über seine Existenz aussagen. Was aber ist, wenn ich den Raum verlasse? Dann ist der Stuhl immer noch da, sagt Berkeley... weil Gott ihn dann immer noch wahrnimmt. Das ist purer Idealismus - es gibt für uns letztlich nur unsere eigenen Gedanken von den Dingen. Ein (relativ unbekannt gebliebener) Universalgelehrter namens Samuel Johnson (auch: Dr. Johnson) widerlegte dies, indem wir ja Schmerz spüren, wenn wir an die Dinge stossen, was zeigt, dass sie tatsächlich da sind und existieren, unahbängig von unserer Wahrnehmung (und da jeder das spürt, muss es auch als wissenschaftlich bewiesen gelten [auch wenn man mit einigen berechtigten oder unberechtigten Spitzfindigkeiten das Problem weiter aufrecht erhalten könnte (wie steht es z.B. mit Traumempfindungen?)]). Die Idealismus-Diskussion ging indes weiter und wurde auch in der nachfolgenden (deutschen) Philosophie sehr bedeutend. Der grosse Immanuel Kant (1724-1804) - welcher über den skeptischen Empiristen Hume zu diesen Fragen kam - prägte nun den Begriff vom 'Ding an sich'. Es geht hier nicht um die ganze Komplexität des kantischen Denkens und Systems (oder gar was die Interpretatoren daraus gemacht haben), sondern nur um ein paar wesentliche Grundzüge. Mit dem Begriff vom Ding an sich, sagt Kant, dass er im Gegensatz zu Berkeley den Dingen durchaus eine Realität attestiert, er meint aber, dass wir nicht die Dinge an sich erkennen können, wie sie wirklich sind, sondern nur die Erscheinungen (bzw. die Phänomenologie) der Dinge, wie sie uns also erscheinen. Wir erinnern uns dabei natürlich v.a. an die Diskussionen rund um das geo- und das heliozentrische Weltbild und den grauenhaften Irrtum der menschlichen Primäranschauung in diesem Bereich!* Oder: die Dinge sind nicht immer so, wie sie uns (primär) erscheinen (was natürlich aber nicht heisst, dass sie immer anders sind, aber es ist doch hierbei ein grosses Feld von Fragen eröffnet - bezüglich eben Begriffen wie Anschauung, Bewertung, Wahrnehmung, Erkenntnis, Vorstellung, Erinnerung, Bewusstsein [u.a.]). Bei Kant droht man sich rasch in dessen eigener Begriffswelt zu verlieren. Bedeutend in der Philosophie von Kant ist die Unterscheidung vom Transzendenten und dem Transzendentalen - ersteres liegt im Bereich des Glaubens (das betrifft etwa die Vorstellungen von Gott, Freiheit, Unsterblichkeit) und ist für unsere Erkenntnis unzugänglich, letzteres ist unserer Erkenntnis zugänglich und befindet sich also im Bereich eines möglichen Wissens. Mit dem Begriff der Transzendentalphilosophie grenzt sich Kant insbesondere gegen die Ontologie ab (d.h. gegen die Ontologie seiner Zeit, insbesondere jene von Wolff bzw. jene im Leibniz-Wolffschen System, auf welches Kant in der deutschen Philosophie traf), welche er als (zu) spekulativ bezeichnet, während seine Transzentalphilosophie diesem Vorwurf zu entgehen versucht, indem sie sich auf dem Boden der Epistemologie (Erkenntnistheorie) begründet. In der Transzendentalen Ästhetik, in welcher er auf die reine Anschauung zielt, beschreibt er die sinnlichen Grundlagen der Wahrnehmung, in der Transzendentalen Analytik, in welchen er auf die reinen Verstandesbegriffe, welche nicht empirisch sind, zielt, den Weg zur (transzendentalen) Erkenntnis. Das tönt irgendwie fast ein bisschen mythisch, mystisch und/oder esoterisch, und ist es tatsächlich auch! - zumindest ein bisschen platonisch bzw. plotinisch. Kant ist hier auf dem Weg zur höchsten Erkenntnis bzw. zu seiner höchsten Erkenntnis: zum Kategorischen Imperativ (wird später erklärt - man könnte Kant fast als einen Mystiker bezeichnen, der sich einer äusserst rationalen Beschreibungs- und Erklärungsweise bedient, was in dieser Form einzigartig ist). Während es den Empiristen wie den Rationalisten gleichermassen um reine Naturerkenntnis geht, legt Kant letztlich mehr Wert auf die (Geistes-) Urteile - das entspricht der eigentlichen kopernikanischen oder eben kantischen Wende, welche Kant für seine Philosophie beansprucht. Er unterscheidet zwischen Analytischen Urteilen (immer a priori) und Synthetischen Urteilen, und unter diesen solche a posteriori und a priori.

* Allerdings muss man in dieser Frage auch darauf hinweisen, dass das heliozentrische Weltbild auch seine Probleme hat. Es kann uns nämlich dazu verleiten, dass wir ob unserer ganzen Betrachtung der Sonne und des Universums vergessen könnten, dass die Erde unsere Lebensgrundlage ist und (vermutlich auch) bleibt... Wir können ja nicht einfach nur zum Himmel hoch gucken und denken, das, was hier unten ist, ist nicht das Zentrum der Welt, also geht es uns letztlich nichts an. Die Primäranschauung hat also hier durchaus auch eine gewisse Berechtigung, weil sie unser (auch irgendwie berechtigtes) Alltagsempfinden wiedergibt. Für uns, in unserem Alltag, ist die Erde das Zentrum der Welt (aber wissenschaftlich bzw. astronomisch betrachtet, ist dies falsch - trotzdem sind wir nach der ganzen Astronomie wieder zurückgekommen quasi auch zur Ökologie [und vielleicht müssen wir aufgrund der zunehmenden Probleme der Ökologie dann in 100 bis 200 Jahren sogar dazu raten, die Astronomie nicht gänzlich zu vergessen]). Der Philosophiehistoriker Simon-Schaefer hielt der Quantum World entgegen, dass die Mitte - für uns - immer dort ist, wo wir selber sind (auch das ist etwas zu rudimentär, aber trotzdem auch immer zu bedenken - und dieser Gedanke kann uns auch dabei helfen, uns nicht ganz zu verlieren, in der Religion, Philosophie und/oder Wissenschaft, oder überhaupt in den verschiedensten Dingen dieser Welt).

Exkurs - zu den Physik-Videos. Ich habe vor Jahren einmal gelesen, dass mit den besten zur Verfügung stehenden Mikroskopen - und heute: trotz Teilchenbeschleunigern wie dem Large Hadron Collider - noch nie jemand wirklich ein Atom gesehen hat (d.h. dass die ganze Atomtheorie heute noch - während man bereits seit über 100 Jahren von subatomaren Teilchen spricht - auf blosser Vermutung und Berechnung besteht). Heute scheint man ein bisschen weiter gekommen zu sein und erste Bilder zu haben, welche uns allerdings noch nicht die ganze Atomtheorie bestätigen, aber immerhin. Have you ever seen an atom? Das selbe Problem stellt sich natürlich bei den Erkundungen der Weiten des Universums und all der Wunderlichkeiten, über welche die Astrophysiker berichten. Wie weit können wir eigentlich heute ins All hinaus schauen? Deepest Look into universe (Best Images From Hubble Telescope [das Hubble-Weltraumteleskop sendet seit 1990 Bilder zur Erde]). (Dies alles ohne irgendeine Gewähr.) Ganz nebenbei - und das ist gesichert - können wir hier erwähnen, dass Immanuel Kant an die Existenz von Ausserirdischen glaubte, zumindest hat er im Aufkommen von ersten Science-Fiction-Anflügen in seiner überhaupt recht wagemutigen frühen Philosophie einen entsprechenden Text geschrieben mit dem Titel "Von den Bewohnern der Gestirne" (1755). Na ja. Wir kommen uns heute so modern vor, aber wie gesagt: ich sehe den Beginn der Moderne bereits bei der Aufklärung (Voltaire war übrigens auch einer der ersten Science-Fiction-Autoren [die frühe Science-Fiction-Literatur war auch ein hervorragendes (Satire-) Instrument, um in luftigen und atmoshphärischen Höhen quasi die Schwerkraft von alten Traditionen und Theorien zu überwinden]).

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Die Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie III (von Kant bis Schopenhauer). Kants Philosophie hätte gewiss genügend Grund geboten, länger bei ihr zu verweilen und sie genau zu bedenken, doch wie wir schon in der Antike gesehen haben, bleibt die Philosophie nicht lange stehen, und das war auch in diesem Fall so. Auf Kant folgten die deutschen Idealisten: Fichte, Schelling und Hegel. Bedeutend für die Erklärung des Sinn und Zwecks des deutschen Idealismus ist "Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus" (um 1796?). Es ist in der Handschrift Hegels geschrieben, jedoch ist seine Autorenschaft nicht gesichert. Der Text könnte auch eine Abschrift eines Textes von einem seiner berühmten Zimmergenossen während seiner Studienzeit in Tübingen sein (Schelling und Hölderlin), oder von einem anderen, unbekannten Autor stammen. Dieser Text behauptet, dass die gesamte Metaphysik künftig in die Moral fallen, wovon Kant nur ein Beispiel gegeben habe, und eine Ethik begründen werde, die ein vollständiges System aller Ideen hervorbringen wird (quasi eine Grand Unified Theory GUT der Philosophie bzw. der Ethik also). Im Weiteren geht es in diesem Text ebenso um idealistische wie auch um romantische Inhalte (die philosophische Ära des Idealismus hat sich hier mit der literarischen Ära der Romantik überschnitten - ferner findet sich auch ein anarchistischer Anhauch in diesem Text). Zu verweisen ist ebenfalls auf einen philosophischen Text des Dichters Hölderlin ("Urteil und Seyn", 1794/95), in welchem dieser sagt, dass Sein die Verbindung von Subjekt und Objekt ausdrücke, und dass ein Ich mit Selbstbewusstsein eines sei, welches sich mit sich selber auseinandersetze. Diese Auseinandersetzung ist bedeutend für die später von Hegel entwickelte Dialektik. Im selben Jahr erschien Fichtes "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre" - dieser spricht ebenfalls von der Bedeutung des Selbstbewusstseins und eben von einer wissenschaftlichen Gesamtlehre. Das Wahre ist das Ganze, meinte Hegel später. Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) ist der eigentliche Begründer des deutschen Idealismus (mit dessen ganzen Verwicklungen und Schrulligkeiten). Er entwickelte ebenfalls bereits eine dialektische und/oder dialogische Methode, insbesondere in seiner Schrift "Die Bestimmung des Menschen". Im Zentrum der erkenntnistheoretischen Erwägung der Idealisten steht das reine Bewusstsein - das Ding interessiert sie nicht mehr (weder an sich noch überhaupt - es geht ihnen um den blossen und reinen Intellekt). Die wilde Dialektik bei Fichte - und erst recht später bei Schelling - nimmt manchmal etwas bizarre, immer aber durchaus intellektuell interessante Formen an. Schelling wechselt die Ausrichtung seiner Philosophie - wie kaum ein anderer Philosoph vor und nach ihm - mehrfach, bleibt aber stets im Idealismus verwurzelt. Der bedeutendste Vertreter der Idealisten ist Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831). Er sagt, dass die Idee im Geist zu ihrem Fürsichsein kommt. Wie einst Heraklit - dem dunklen Philosophen der Antike - geht es Hegel v.a. um die Bewegung: die Dialektik - bestehend aus These, Antithese und Synthese - entspricht der Bewegung im Weltgeist. Hegel greift damit auf Platon und die Scholastik zurück, welche die Dialektik als Methode zur Erkenntnisgewinnung schon bedeutend verwendet haben, für ihn ist sie aber mehr als nur eine Methode: sie ist der eigentliche Urgrund und das eigentliche geistige Prinzip hinter allem. Schopenhauer lenkt die Diskussion vom Bewusstsein weiter auf den Willen, von welchem die Idealisten auch schon bedeutend gesprochen haben. Für Schopenhauer ist nun dies aber das eigentliche Prinzip. Der Willen bildet sich quasi aus der reinen Vorstellung heraus. Der Intellekt ist bloss das Werkzeug des Willens, welcher aber seinerseits im Leiden der Welt untergeht. Das vergeistigte Leiden bildet den Antrieb des Intellektuellen. Dazu braucht es eigentlich keine allzu logische Erkenntnistheorie mehr - und die gibt es bei Schopenhauer (trotz bemühter Versuche) auch nicht (immer, wenn es interessant wird, bricht er ab oder um, z.B. und v.a. wenn er bei der Erhebung der Grundgrössen von Raum, Zeit und Kausalität das Vorher und Nachher nicht mehr sieht, d.h. Sinn und Zweck - und letztlich ist er besser in seinen Lebensweisheitsaphorismen als in seiner Erkenntnistheorie). Hier bricht das Programm des deutschen Idealismus ab, und während im Folgenden Bahnsen von einem Widerspruch, Hartmann (Eduard v.) von einem Unbewussten und Mainländer von einem Wahnsinn sprechen - alles zur Zeit des grossen Bismarck übrigens, dem vielleicht grössten deutschen Politiker seit Friedrich II. (und im Vorraum der Belle Epoque nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870-1871, notabene, diesem kurzen Vorgeschmack vom Ersten Weltkrieg, welchen sie freilich zu dieser Zeit noch miterlebt hatten) - wird Nietzsche heftig auf dem ganzen geistigen Leiden herumtrampeln und aus dem Traum von Macht und Kraft den Über-Träumer begründen, während es Husserl in seiner übertrockenen Art nicht gelingen wird, es adäquat wiederzubeleben (und Heidegger es nur noch mit einem gewissen - nicht bösen, aber neckischen - Schalk betrachtet; wenn es irgendeinen deutschen Philosophen gibt, der adäquat versucht, an dieses Programm anzuknüpfen, dann ist es Habermas mit seiner "Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) [das ist sicher ehrenwert, aber die ganz grosse und weltbewegende Bedeutung eines Kant und Hegel, oder auch eines Nietzsche noch in seiner ganzen Schrulligkeit und seinem ganzen Abgeschmack von allem, d.h. vom Perfiden der Welt, ist - zumindest vorläufig - auf dem Weg verlorengegangen]).

Als die die deutsche Philosphie zu ihrer grossen Klassik anhob - begleitet übrigens gleichzeitig im 18. Jahrhundert von der literarischen Klassik, nach Lebenszeit in der Reihenfolge: Kant, Lessing, Mendelssohn, Herder, Goethe, Schiller, Fichte, Jean Paul, Schleiermacher, Hegel, Hölderlin, Schlegel, Schelling, Brentano, Novalis (u.a.) - waren die Hauptgleise der Philosophie eigentlich schon besetzt durch die Franzosen (Descartes, Rousseau) und die Engländer (Bacon, Locke), welche die Wissenschaft begründet und die Aufklärung eingeleitet hatten. Ausserdem nahm die deutsche Philosophie danach für längere Zeit die führende Stellung ein und hat auch ein paar grosse praktische und theoretische Erfolge vorzuweisen: Leibniz und das binäre Zahlensystem (Computertechnik), Wolff und die Erhebung der Ontologie, Kant und der Kategorische Imperativ, v.a. aber auch die Völkerbundidee (und die Idee eines Weltbürgertums), Marx, Engels und die kommunistische Kraft als Wegbereiter für die Sozialdemokratie. Marx, Freud und Einstein sind die bedeutendsten Denker und Beweger für das 20. Jahrhundert und die ganzen Veränderungen, welche wir im letzten Jahrhundert erlebt haben (was einigermassen erstaunlich ist, da die jüdische Philosophie bis dahin vergleichsweise eher eine Randerscheinung in der westlichen Philosophie war [etwa mit Philon, Avicebron, Maimonides, Gersonides, Spinoza oder Mendelssohn - zeitgleich oder später: Cohen, Buber, Kaplan, Rosenzweig (und eine ganze Reihe weiterer Philosophen mit jüdischem Hintergrund im 20. Jahrhundert, wie etwa Adorno, Arendt, Benjamin, Chomsky, Derrida, Fromm, Horkheimer, Jonas, Levinas, Nagel, Popper, Putnam, Rand, Reichenbach oder Singer)]). Das Versprechen des deutschen Idealismus - vielleicht abzüglich einiger Schrulligkeiten, welche ihn in der Vergangenheit belastet haben - bleibt bestehen.

Bezüglich der drei grossen Fragen der Erkenntnistheorie in der neuzeitlichen und modernen Philosophie steht die Betrachtung der dritten Frage noch aus, welche die Tiefen- und Neuropsychologie, die Hirnforschung und die Philosophie des Geistes betrifft - auf diese Richtungen werde ich jedoch hier noch nicht eingehen.

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Ich möchte an dieser Stelle auf Kant zurückkommen (und mit ihm diesen Abschnitt über die Moderne abschliessen). Wenn man Kant noch mehr erhöhen wollte, als es schon gemeinhin getan wird, könnte man die Philosophiegeschichte als einen dreiteiligen Akt und Kant als ihren Höhepunkt deuten: 1. Platon, mitsamt seinem Sokrates und den Urgrundphilosophen, im Auftakt, in der Begründung des Idealismus, 2. Aristoteles mit der Begründung der Wissenschaft, in seinem Zuge - nach einer längeren Phase der reinen Religion im Mittelalter - die neuzeitliche Wissenschaft, 3. Kant, mit der Erfüllung des idealistischen Anhauchs und der Beschreibung einer vollkommenen Ethik.

Immanuel Kant und der Kategorische Imperativ. Wenn Denken und Philosophie auf Schönheit gründet, wie Platon behauptete, dann hat Kant dies in einem gewissen Sinn zum Höhepunkt geführt. Manchmal hat er es mit seinem Stil sogar ein bisschen übertrieben, aber das sei ihm verziehen. Kant wusste, dass er es, wenn er die Ethik in der Philosophie wiedererheben wollte, gegen eine mittlerweilen schon mächtig erstarkte Naturwissenschaft aufnehmen musste, die keine immanente und adäquate Ethik mehr in sich trug. In seinen frühen Jahren hatte er sich selber mit der Naturwissenschaft beschäftigt und ein naturwissenschaftliches Werk geschrieben ("Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels", 1755 - anonym veröffentlicht [vor seiner eigentlichen Habilitation und Dissertation - er war in seinem Studium nicht der schnellste und wurde oft beim Billardspiel gesehen, mit welchem er sich auch das Studium finanziert haben soll]). Dann widmete er sich - aus pietistischem Elternhaus stammend - zunächst der Religion ("Der einzige mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes", 1762 - mit dem Versuch eines ontologischen Gottesbeweises). Es folgte eine Kritik des Theosophen Swedenborg ("Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik", 1766). Dies immer unter vielem Anderem, denn Kant war sein Leben lang ein ausgesprochener Vielpublizist. In den 1770-er Jahren schrieb er nur zwei Schriften und bereitete ansonsten die grosse Wende in seiner Philosophie ein, von welcher er später sagen wird, dass die Beschäftigung mit dem Skeptizismus von Hume sie wesentlich begründet habe. Es ist die (kantische) Wende hin zu einem Kritizismus und zu einer vollkommenen Ethik. Kant bezeichnete seine Zeit als die Zeit der Kritik (was für uns auch sehr modern tönt, aber das tauchte eben bereits hier auf). 1781 erschien die "Kritik der reinen Vernunft", welche allgemein als das grösste und bedeutendste Werk von Kant gilt. Wenn man es genau betrachtet, ist es aber eigentlich nur eine Vorbereitung für die "Kritik der praktischen Vernunft" (1788 - welcher dann, etwas weniger bedeutend, noch die "Kritik der Urteilskraft", 1790, folgte). Mit viel theoretischem Brimborium bahnte sich Kant in seiner ersten kritischen Schrift, am Empirismus und Rationalismus vorbei, den Weg zum Kategorischen Imperativ, welcher in seinem zweiten kritischen Weg zur Blüte kam und den ersten und höchsten Satz einer ethischen Philosophie begründet: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Muss man diesen Satz, auf welchen die gesamte Philosophie von Kant hinzielte, gross erklären*? Er beinhaltet einen platonischen und/oder plotinischen Anhauch ebenso wie die Erfüllung des Gesellschaftsvertrags der Aufklärung, und er bedeutet v.a. dies - wie bei allen grossen ethischen Sätzen und Weltformeln (z.B. auch bei der Goldenen Regel in der moralischen Religion) - dass wir uns ständig in Gefahr befinden, von ihm abzuweichen. Dieser Satz entsprach nicht nur einer grossen Tat für die (philosophische) Ewigkeit, sondern auch einer bedeutenden Notwendigkeit der Zeit. Die Französische Revolution brachte eine grosse Unsicherheit der Gesellschaft und ihrer Politik hervor. Im Jahr 1789, ein Jahr nach der Veröffentlichung des Kategorischen Imperativs - es ist das Jahr der Revolution! - begrüsste Napoleon (20-jährig) in Frankreich die Bürgerrevolution ausdrücklich, verurteilte aber die damit verbundenen Unruhen und Ausschreitungen... Kant stellte nun - pünktlich, wie er war - einen Satz zur Verfügung, an welchem sich der Bürger ungeachtet aktueller und kommender politischer Wirren festhalten konnte. In seinem Alterswerk - immerhin mit 71 Jahren! - setzte er noch einmal einen Meilenstein und lieferte seinen grössten (späteren) realen Erfolg nach: die bis dahin bedeutendste Begründung eines Völkerbundes ("Zum ewigen Frieden", 1795**). Und was von ihm auch gross in Erinnerung bleibt ist natürlich sein Motto zur Aufklärung: Sapere aude! (dt. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! - natürlich übrigens [im Allgemeinen] kein Widerspruch zum Kategorischen Imperativ, denn dieser soll ja der Schluss aus jenem sein [wir können dazu anführen: das Persönliche ist kein Hinderungsgrund dafür, das Allgemeine zu anerkennen]).

* Versuchen wir es einmal in drei Sätzen. Kant geht davon aus, dass es möglich ist, auf rationalem Weg zu einer objektiven Moral zu kommen (so gelangt er von der Kritik der reinen Vernunft zur Kritik der praktischen Vernunft, welche schon in jener vorgespurt ist). Die Moralphilosophie Kants ist einzuordnen als Deontologie - d.h. nur der Akt alleine zählt für die moralische Bewertung, weder der Kontext oder die Umstände noch die Konsequenzen (vgl. Konsequentialismus [Bentham] - der Zweck heiligt die Mittel: nach Kant soll der Mensch als Zweck an sich behandelt werden, nicht als Mittel zum Zweck). Sie zielt auf eine vollkommene, nicht verhandel- oder übertragbare, universal gültige Ethik. Kritik? Der Kategorische Imperativ ist für die Person unerfüllbar. Das ist wohl wahr, aber er ist auch nicht ein juristisches Gesetz, sondern bloss eine ethische Maxime. Wenn er nicht erfüllbar ist, führt er zu einer Doppelmoral. Auch das ist wohl wahr, aber sollten wir aufgrund der Unerfüllbarkeit einer absoluten Ethik jegliche Moral überhaupt verwerfen? Wohl eher nicht. Das heisst: mit einer gewissen Doppelmoral in der Welt müssen wir wohl leben. Kant vertritt aber nicht eine Doppelmoral, sondern eben eine vollkommene Moral, und dies geht so weit, dass er nicht einmal eine Notlüge erlaubt (siehe: "Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen", 1797 [gegen Benjamin Constant]). Ok: Kant hat seinen Ethizismus ein bisschen übertrieben, aber das musste er tun, um zu einer höchsten Maxime zu kommen. Was die Menschen damit anfangen, ist ihnen letztlich selber überlassen. Eine perfekte Welt wird es nie geben, aber wir können uns überlegen, mit welchen Sätzen (und Handlungen) wir sie besser machen können. Nichts anderes als dies hat Kant getan. Wir dürfen ja in der ganzen Philosophie den Alltag nicht vergessen (in welchem nicht jeder ein Platon oder ein Kant ist [um einmal die höchsten ethisch-moralischen Autoritäten zu nennen (Platon indes nur in den Grundideen und in manchen Passagen, in anderen wiederum, wenn er über das Ziel hinaus geschossen hat - was im Idealismus immer vorkommen kann - gar nicht!)]), im ganzen Alltag aber auch nicht die Philosophie. Die Frage auch diesbezüglich übrigens, ob wir in der Ethik vom Höchsten ausgehen sollen (wie Platon und Plotin) oder aber vom Mittleren (wie Konfuzius und Aristoteles) ist eine offene und äusserst schwierige Frage; ich würde dazu sagen: die reine Ethik zielt auf das Höchste, die Lebensmoral aber auf das Mittlere.

** Von einem dauerhaften oder ewigen Frieden hatte allerdings bereits Charles Irénée Castel de Saint-Pierre (auch: Abbé de Saint-Pierre, 1658-1743) gesprochen (in seinem Werk "Projet pour rendre la paix perpétuelle en Europe" [1712/1717] - er kann somit als Vater späterer europäischer Integrationsbemühungen und -bewegungen gelten [etwa beim Wiener Kongress im 19. und mit der Europäischen Union im 20. Jahrhundert]). Was den (Welt-) Völkerbund betrifft, so dauerte es also von der Begründung der Idee (1795) bis zur ersten Umsetzung (1920) genau 125 Jahre - eine denkwürdige (und trotzdem in der gesamten historischen Entwicklung auch wiederum nicht allzu lange!) Zeit.

Vielleicht kommen nicht alle in ihrem Leben in den Genuss, durch die kantische Sprach- und Denkschule hindurch zu gehen, daher gibt es hier ein kleines Müsterchen seiner philosophischen Sprachkunst - drei Sätze von Kant (nur zum Zeigen, wie sich dieser auf vielen, vielen Seiten etwa so anhört). "Ich werde mir also nach der Analogie der Realitäten in der Welt, der Substanzen, der Kausalität und der Notwendigkeit, ein Wesen denken, das alles dieses in der höchsten Vollkommenheit besitzt, und, indem diese Idee bloss auf meiner Vernunft beruht, dieses Wesen als selbständige Vernunft, was durch Ideen der grössten Harmonie und Einheit, Ursache vom Weltganzen ist, denken können, so dass ich alle, die Idee einschränkende, Bedingungen weglasse, lediglich um, unter dem Schutze eines solchen Urgrundes, systematische Einheit des Mannigfaltigen im Weltganzen, und, vermittelst derselben, den grösstmöglichen empirischen Vernunftgebrauch möglich zu machen, indem ich alle Verbindungen so ansehe, als ob sie Anfordernungen einer höchsten Vernunft wären, von der die unsrige ein schwaches Abbild ist. Ich denke mir alsdenn dieses höchste Wesen durch lauter Begriffe, die eigentlich nur in der Sinnenwelt ihre Anwendung haben; da ich aber auch jene transzendentale Voraussetzung zu keinem andern als relativen Gebrauch habe, nämlich, dass sie das Substratum der grösstmöglichen Erfahrungseinheit abgeben sollte, so darf ich ein Wesen, das ich von der Welt unterscheide, ganz wohl durch Eigenschaften denken, die lediglich zur Sinnenwelt gehören. Denn ich verlange es keineswegs, und bin auch nicht befugt es zu verlangen, diesen Gegenstand meiner Idee, nach dem, was er an sich sein mag, zu erkennen; denn dazu habe ich keine Begriffe, und selbst die Begriffe von Realität, Substanz, Kausalität, ja sogar der Notwendigkeit im Dasein, verlieren alle Bedeutung, sind leere Titel zu Begriffen, ohne allen Inhalt, wenn ich mich ausser dem Felde der Sinne damit hinauswage." [Immanuel Kant: "Kritik der reinen Vernunft".] Spätestens nach drei Sätzen muss man da jeweils wieder innehalten und sich fragen: was ist denn da eigentlich gesagt? Worum geht es denn da eigentlich? Macht das irgendeinen Sinn? (Ich habe mir diese Fragen bei der reinen Lektüre - vor einigen Jahren - freilich nicht gestellt, sondern das in einem Zug durchgelesen, wie man ein Bier oder einen Schnaps auf ex trinken kann, alle drei kritischen Schriften Kants nacheinander, so wie ich zuvor die Bibel in einem Zug gelesen hatte; ob ich es sonst geschafft hätte, damit zu Ende zu kommen, das kann ich nicht sagen.)

Zu den Philosophen, welche Kant besonders beeinflusst haben - nebst Hume oder Crusius - zählt natürlich v.a. Christian Thomasius (1655-1728), dessen Vater (Jakob Thomasius) der Lehrer von Leibniz war und dessen (juristische) Vernunftlehre Kant kritisierte (ebenso zu erwähnen ist noch früher die Vernunftrechtslehre von Pufendorf [damit ist ein Recht gemeint, welches aus der blossen Vernunft (also vollkommen rationalistisch) hergeleitet wird]). Kritik bedeutet bei Kant immer Grenzbestimmung, also auch Abschluss. In einem gewissen Sinn hat also Kant quasi auf philosophischem Boden die Vernunftlehren von Pufendorf, Thomasius und Wolff abgeschlossen, einem Philosophen, der heute - im Schatten von Kant - nahezu unbekannt geblieben ist (obwohl er der erste grosse deutsche Aufklärer war). Zeitlich steht er zwischen Leibniz und Wolff, welche in Deutschland das erste grosse philosophische System begründet haben (Leibniz-Wolffsches System: dieses wurde vor Kant bereits etwa von Buddeus und Crusius kritisch betrachtet - Leibniz schrieb die Theodizee [d.h. Gerechtigkeit oder Rechtfertigung Gottes, mit dem Versuch eines philosophischen Gottesbeweises, was im 11. Jahrhundert erstmals Anselmus von Canterbury versucht hatte, der Begründer der Einsicht bzw. Vernunft im Glauben], Thomasius stellte die Vernunftlehre auf, Wolff sprach von der göttlichen Gnade und dem Licht der Vernunft, Kant schrieb die Kritik der reinen Vernunft [und die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft]).

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NEUZEIT/MODERNE II u. III - 19./20. JAHRHUNDERT (BIS DATO) * * * Das seltsame Paar * * * Die utopischen Sozialisten * * * Comte - die Soziologie als Wissenschaft * * * Darwin und die Affen * * * Marxismus und Sozialdarwinismus * * * Individualismus und Kulturkritik (Stirner, Kierkegaard, Nietzsche) * * * Psychoanalyse mit Freud * * * Einstein und der Relativismus * * * Analytische Philosophie von Frege * * * Neopositivismus und Neoliberalismus * * * Existentialismus im 20. Jahrhundert * * * Die ökologischen Probleme * * * Stichworte im Aktuellen: Neue Medien, Populismus, Fake News.





Nun wird es noch schwieriger, die Philosophie darzustellen - nicht weil sie so viel komplexer geworden wäre (eher das Gegenteil ist der Fall), sondern: weil sie so viel diversifizierter geworden ist. Das heisst es gibt viele Linien in der neueren Philosophie, welchen wir folgen und/oder sogar zu Hauptlinien erklären könnten. Die Ideologie (und Anti-Ideologie) spielen in der Philosophie eine grössere Rolle denn je. Ich möchte hier vornehmlich einer politischen Linie folgen, aber natürlich alles dabei mitbetrachten. Ist das legitim? Auch hier: einige Philosophen glauben, die Philosophie laufe letztlich auf die Politik hinaus, andere wiederum meinen, dass man eine reine Philosophie erhalten müsse jenseits von allen Gebieten der übrigen Wissenschaften. Dies freilich wird immer schwieriger, aufgrund der hohen Entwicklung der heutigen Wissenschaften und ihrer Teildisziplinen (und jede von ihnen hat immer wieder einen grossen Einfluss auf die Philosophie, aus welcher sie ja auch hervorgegangen sind - schon alleine deswegen ist die Behauptung einer reinen Philosophie immer schwieriger: ist sie denn tatsächlich noch rein, wenn man alle spezifischen Wissenschaftsgebiete davon abziehen muss? Also: Aristoteles ohne Physik, ohne Biologie, ohne Psychologie, auch ohne Politika eben, und letztlich sogar auch ohne Logik und Ethik? [was ja eigentlich auch eigenständige Wissenschaftsgebiete sein könnten und/oder müssten (die Logik ist teils heute schon in der Mathematik beheimatet, während die Ethik erstaunlicherweise noch keine eigene Wissenschaft gefunden hat)]). Die Philosophie im Dilemma - das wissen wir eigentlich schon länger, aber das Problem ist nicht kleiner geworden. Es ist heute teils so, dass Philosophen im Namen der Philosophie von den unterschiedlichsten Dingen sprechen, die auch teils nicht mehr allzu viel miteinander zu tun haben. Das war früher nicht so: da gab es zumindest Fixpunkte, an denen niemand vorbeigekommen ist - das gibt es heute weitgehend nicht mehr. Es gibt wohl noch immer bedeutendere und weniger bedeutende Sammelpunkten, aber unter diesen keinen einzigen, den man (ob berechtigterweise oder nicht) in einer spezifischen Philosophie nicht ebenso gut auch weglassen bzw. unterschlagen könnte. Während die Neuzeit - in der Renaissance - mit den Universalgelehrten begann - sind wir heute bei den Spezialphilosophien angelangt, die mitunter - nicht immer, aber manchmal - auch eben die Politik in die eine oder andere Richtung zu lenken versuchen.

Nehmen wir die frühesten (grossen) Vertreter, so fängt bei Petrarca (geb. 1304) bereits die Neuzeit an, bei Hobbes (1588) bereits die Moderne und bei Kant (1724) bereits die Spätmoderne - das heisst: die heutige Zeit. Doch: wie auch immer man diese Zeiteinteilungen genau macht - ich habe sie hier gemacht nach Wissenschaft (Neuzeit), Aufklärung/Liberalismus (Neuzeit-Moderne) und Aufklärung/Sozialismus (Neuzeit-Moderne-Spätmoderne). Sozialistische Ideen gehen in der Philosophie vielleicht zurück bis auf die Gesellschaftsutopie von Morus, aber wenn wir all die kommenden Veränderungen in der Gesellschaft betrachten, fällt im 18./19. Jahrhundert zuerst v.a. eine Figur auf bzw. ein Paar: William Godwin (1756-1836, Anarchist [Hauptwerk: "Enquiry Concerning Political Justice and its Influence on Modern Morals and Manners" (1793) - er träumte von einer Welt ohne Staaten und Regierungen]) und Mary Wollstonecraft (1759-1797, Frauenrechtlerin [Hauptwerk: "A Vindication of the Rights of Woman" (1789)]) - die beiden hatten auch eine berühmte Tochter: Mary Shelley (1797-1851, Schriftstellerin - geb. Mary Godwin, auch: Mary Wollstonecraft Shelley [Werke: "Frankenstein or The Modern Prometheus" (1818) oder "The Last Man" (1826)]). Das Paar ist eine Art Vorläufer des heute berühmteren existentialistischen Paars Sartre/De Beauvoir im 20. Jahrhundert (ohne berühmte Nachkommen). Godwin und Wollstonecraft haben nichts direkt mit dem Sozialismus zu tun, aber sehr viel eben mit den Veränderungen der Gesellschaft und mit dem freieren Denken, welches dafür notwendig war. Das zeigt: es gab auch verrücktere Gedanken als jene der frühen, utopischen Sozialisten zu jener Zeit, aber die gab es ja mindestens schon seit Voltaire. Der moderne Sozialismus begann eigentlich in religiösen Sozialsiedlungen - die älteste soll jene der Fuggerei sein (1521 - philosophisch betrachtet liegt dies in der Zeit der Renaissance, rund 25 Jahre nach Mirandola [und seiner Rede über die Würde des Menschen]). Bekannter ist in der Philosophie vermutlich die genossenschaftliche US-Siedlung New Harmony (1824-1827 ff), gegründet vom englischen Frühsozialisten und Unternehmer Robert Owen (zuvor als pietistische Siedlung Harmony [1814-1824, gegründet von Johann Georg Rapp]).

Bevor ich hier über den Sozialismus spreche, möchte ich doch erwähnen, dass wir uns hierbei auf einem Nebengleis befinden - allerdings vielleicht auf dem bedeutendsten Nebengleis der Welt. Das Hauptgleis ist noch immer - und bis heute - vom in der frühen Aufklärung entstandenen Liberalismus besetzt. Der Kommunismus ist mehr oder weniger gescheitert, die Sozialdemokratie hat sich etabliert: als Ergänzung zum Liberalismus. Wie das alles in der Zukunft aussehen wird - ob diese Ideologien überhaupt noch eine so bedeutende Rolle spielen werden - das wissen wir nicht: ich spreche von den heutigen Verhältnissen, wie sie sich in der vergangenen Zeit entwickelt haben. Trotzdem: in der Philosophie wurde der Sozialismus zu einem der interessantesten Phänomene des 19. Jahrhunderts (wenn nicht eben zum interessantesten Phänomen dieser Zeit überhaupt - der Liberalismus hatte ja seine Theorie schon entwickelt, es folgte im 19. Jahrhundert v.a. die sogenannte Grenznutzenschule und die Herausbildung des berühmten Angebot-Nachfrage-Diagramms in der Wirtschaft, auch hier mit einem bedeutenden Impuls aus Deutschland [in der Person von Hermann Heinrich Gossen], und die Individualisten [Schopenhauer, Stirner, Nietzsche], welche ebenfalls zu dieser Zeit aufkamen, befanden sich in einem noch viel weiter hinten angesiedelten Nebengleis, wenngleich auch sie bedeutend waren für die kommende Zeit und sich gross aufspielen konnten in der Philosophie der Zeit, die wir hier betrachten).

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(Früh-) Sozialismus und Soziologie. Der Begriff von Sozialisten soll etwa in den 1820-er Jahren entstanden sein (freilich findet sich das Wort in Frankreich bereits im 'Contrat Social' von Rousseau). Die bedeutendsten Frühsozialisten, welche (nach einer Bezeichnung von Marx) auch utopische Sozialisten genannt werden, sind Saint-Simon, Owen und Fourier. Owen war beeinflusst von Bentham, dem Utilitaristen, Saint-Simon von Destutt de Tracy, dem Ideologisten (dieser heute nicht mehr gross bekannte Aufklärer begründete eine Ideologie namens Ideologie, als Wissenschaft der Vorstellungen und Wahrnehmungen). Der Frühsozialismus schien irgendwie in der Luft gelegen zu sein und sich unabhängig in Frankreich und England entwickelt zu haben - in England eher praktisch, in Frankreich eher theoretisch. Robert Owen (1771-1858) war das jüngste von sieben Kindern eines Sattlers, fing als Lehrling in der Textilindustrie an und arbeitete sich später bis zum Fabrikleiter hoch - als solcher führte er ab 1799 menschenwürdigere Arbeitsbedingungen ein. Sein Betrieb galt als viel beachteter Musterbetrieb. Das utopische Experiment mit einer sozial organisierten Genossenschaftssiedlung in den USA war dann zwar aufsehenerregend, aber von relativ kurzer Dauer. Letztlich ist wohl der Name von Henri de Saint-Simon (1760-1825) der grösste unter den frühen Sozialisten. In seinen Schriften forderte er eine soziale Reorganisation der Gesellschaft in ganz Europa. Ebenso sprach er bereits von einer Wissenschaft der Gesellschaft - eine Idee, welche sein Sekretär Auguste Comte (1798-1857) als Begründer der Soziologie als Wissenschaft umsetzen sollte. Kurz nach dem Saint-Simon verstorben war, bildeten seine Anhänger (u.a. sein Lieblingsschüler Enfantin) eine jedoch nicht sehr weitreichende Schule des Saint-Simonismus. Bedeutend ist zu dieser Zeit nicht der Sozialismus alleine, sondern (wie auch im späteren Marxismus, notabene): Wissenschaft, Industrie und Sozialismus. Das war noch nicht unbedingt (revolutionär) gegen eine andere Klasse gerichtet, sondern als logische Weiterentwicklung aus der Bürgerrevolution gedacht (das zeigt sich auch in der Comtschen Weiterentwicklung des Saint-Simonismus zur Soziologie - auch wenn es bereits während der Französischen Revolution auch Gleichheitsfanatiker mit revolutionären Tendenzen gab [siehe: Geheimbund der Verschwörung der Égaux (Gleichen) unter Babeuf, ab 1795]; die frühen Sozialisten glaubten daran, dass sich eine künftige sozialistische Gesellschaft mit dem wissenschaftlichen Fortschritt durchsetzen und ausbreiten werde). Comte verwendete für seine Vorstellung von Soziologie den Begriff des Positivismus. Darunter verstand er einen dreifachen Entwicklungsprozess: von einer theologischen zu einer metaphysischen und von dieser zu einer positiven Epoche, in welcher alles Transzendentale aus der Religion und der Philosophie (zugunsten einer reinen Wissenschaft) überwunden werde. Sowohl Saint-Simon wie auch Comte provozierten die katholische Kirche, indem sie in ihren Werktiteln den Begriff des Katechismus verwendeten. Comte schrieb sogar ein Werk namens "Katechismus der positiven Religion" (was ein bisschen an Kants 'Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft' erinnert - dies dürfte nicht der Weg sein zu einer besseren Verständigung zwischen Religion, Philosophie und Wissenschaft [wir müssen in einer solchen die Religion als Religion, die Philosophie als Philosophie und die Wissenschaft als Wissenschaft sein lassen und ein gutes Gleichgewicht anstreben]). Vielleicht eine überflüssige Provokation (die aber immerhin den sehr hohen Anspruch von Comte zeigt, in einer vollkommenen Wissenschaft sowohl die Religion wie auch die Philosophie hinter sich zu lassen - eine Einstellung, welche die Wissenschaft der Soziologie natürlich mittlerweilen [hoffentlich] überwunden hat). Saint-Simon wurde aber trotzdem zum Vater der (späteren) katholischen Soziallehre. Comte meinte, dass die Wissenschaft der Soziologie erst dann richtig entwickelt werde, wenn alle anderen Wissenschaften schon auf einem sehr hohen Niveau seien - vermutlich hatte er damit recht. (Weitere bedeutende Positivisten waren etwa Spencer oder Taine. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang natürlich auch der früher schon begründete naturwissenschaftliche Determinismus [Laplace].)

Die Soziologie kennt noch ein anderes Problem: aus ihrem Gebiet heraus wurden bereits weitere Wissenschaften begründet wie etwa die Politik- und die Medienwissenschaft. Zudem gibt es Disziplinen, die sich vorher begründet haben, welche aber ebenfalls eigentlich in das Gebiet der Soziologie gehören, wie die Jurisprudenz und die Ökonomie. Dies können eigentlich alles nur Teilgebiete der Soziologie sein, da das zu erforschende Subjekt all dieser Wissenschaften - unter je verschiedenen Gesichtspunkten - die (selbe) Gesellschaft ist (besonders klar ist dieser Fakt bei der Politologie: Polis [Gesellschaft] -> Politik -> Politologie). Die (wilde) Aufteilung der Wissenschaften wird also spätestens hier ein kleineres oder grösseres Problem (insofern diese Wissenschaften sich dann nicht als Teildisziplinen betrachten, sondern als eigenständige Wissenschaften).

Die Einteilung der Wissenschaften ist noch heute ein umstrittenes Gebiet. Aristoteles teilte das Handeln und die Wissenschaften grundsätzlich in drei Gattungen ein: Theoria (Theoretisches Handeln bzw. Betrachten: Metaphysik, Physik [bzw. Naturphilosophie], Biologie, Psychologie), Praxis (Praktisches Handeln bzw. [allgemein] Handeln: Ethik, Politik), Poiesis (Zweckgebundenes Handeln bzw. Herstellen: Rhetorik, Poetik); eine vierte Sektion bildet die Logik (Kategorienlehre, Interpretation, Analytik, Topik, u.a.). Bedeutend ist in dieser Aufteilung v.a. der Gegensatz zwischen Theoretischer (heute: Naturwissenschaft) und Praktischer Philosophie (heute: Geisteswissenschaft). Weiter finden wir Wissenschaftsklassifizierungen in der Antike etwa bei den Stoikern, während die Scholastiker im Mittelalter drei Hauptfakultäten (Theologie, Jurisprudenz und Medizin) sowie Sieben Freie Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) hatten; in der Neuzeit sind die Enyklopädisten zu erwähnen, ferner etwa Bacon, Bentham, Ampère, Comte oder Spencer. In der neueren Zeit ist es nicht mehr üblich, sich allzu grosse und bedeutende bzw. systemische Gedanken dazu zu machen. Entsprechend werden die Wissenschaften heute - mit der ganzen Zunahme der Komplexität der Diversifizierungen - in der Wikipedia (d.h. in der heute meistverwendeten Enzyklopädie des Wissens, Stand Herbst 2017) in viele verschiedene Klassen eingeteilt (ohne allzu grosse Begründungen dazu): Geisteswissenschaften (Kulturwissenschaften), Humanwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Agrarwissenschaften, Philosophie, Rechtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Strukturwissenschaften, Theologie, Wirtschaftswissenschaften. Das erscheint irgendwie beliebig fast (und so wird es eigentlich heute auch an den Universitäten gehandhabt [jede Universität hat praktische ihre eigenen Klassifizierungsstrukturen und -gründe - die neuzeitliche Grundeinteilung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften spielt eine immer geringere Rolle]). Auch dies ist ein (zunehmendes) Problem in der heutigen Wissenschaft: fehlende Ordnung und Klarheit. (Allerdings ist dazu zu sagen, dass die Ordnung der Wissenschaften aus verschiedenen Gründen auch eine sehr schwierige und komplexe Sache ist.)

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Marxismus und Sozialdarwinismus. In Deutschland radikalisierte sich der Sozialismus. Der erste bedeutende deutsche - überwiegend christlich geprägte - Sozialist war Wilhelm Weitling (mit seiner Schrift "Die Menschheit wie sie ist und sein sollte", 1839/40). "Darum muss die nächste Revolution, soll sie verbessern, eine soziale sein." Offenbar bezeichnete in jener Zeit der Sozialismusbegriff eine Bourgeoisbewegung - Saint-Simon war ein Aristokrat - der Kommunismusbegriff dagegen eine Arbeiterbewegung. Daher war es naheliegend, dass Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels, welche 1848 gemeinsam, just zur Märzrevolution 1848-1849 in Deutschland (und nachdem sich Marx zuvor am französischen Anarchisten Proudhon gerieben hatte), das Kommunistische Manifest veröffentlichten, den Kommunismusbegriff verwendeten. Später wurde ihre Ideologie - in Abgrenzung auch zum realexistierenden Kommunismus in Osteuropa (seit 1917) - konsequent als Marxismus bezeichnet. Die philosophischen Hintergründe des Marxismus werden als Dialektischer Materialismus bezeichnet und basieren auf der Dialektik von Hegel und dem Materialismus von Feuerbach. Entscheidend für die Welt- und Gesellschaftsentwicklung sind in diesem Denken die Produktivkräfte und die Produktionsverhältnisse, welche bestimmte Gesellschaftsklassen schaffen. Der Mensch ist grundsätzlich ein Opfer seiner Bedürfnisse. Marx glaubte, dass der Endzweck eine klassenlose Gesellschaft sei. Der preussischen Reaktion entfliehend zog er 1849 nach Paris und schliesslich nach London. In England lernte er die dortigen Arbeitsverhältnisse und deren geschichtliche Hintergründe im Rahmen der industriellen Revolution besser kennen, welche er in seinem Hauptwerk "Das Kapital" sehr genau beschrieb. Den (politischen) Freiheitsbegriff aus der Bürgerrevolution interpretierte um als Selbstverwirklichungsideal - v.a. im Arbeitsprozess. Mit seinem Hauptwerk "Über die Entstehung der Arten" gab der britische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) der Evolutionstheorie - zuvor v.a. von Lamarck bedeutend behandelt - eine ganz neue Richtung. Die Ressourcen in der Welt sind knapp, woraus ein ständiger Kampf ums Überleben und eine natürliche Auslese erfolgt. Die wichtigste Bedeutung für dasselbe hat die Anpassung an die Umwelt. Dass der Mensch seine körperlichen Ursprünge in der Tierwelt hat, und dort insbesondere bei den Affen, das war eigentlich gar nicht so neu, aber mit den Ideen von Darwin rückte dies ins Bewusstsein der Zeit. Es gab einen grossen Aufschrei bei denen, die das nicht so gut akzeptieren konnten. Die Ideen von Darwin sollen auch die kommunistische Ideologie von Marx beeinflusst haben, insbesondere wurden sie - auf die Gesellschaft übertragen - aber im sogenannten Sozialdarwinismus manifest, welcher wesentlich von Herbert Spencer (1820-1903) ausging. Auch in der menschlichen Gesellschaft, meinte Spencer, überleben nur die Stärksten und/oder Bestangepassten (das ist quasi Hobbes minus Gesellschaftsvertrag). Natürlich steht diese (sozial-) darwinistische Gesellschaftstheorie in einem krassen Gegensatz zur sozialistischen - oder umgekehrt. Damit waren auch zwei krasse politische Gegensätze geboren: jene, welche auf einen egoistischen (oder oligarchistischen - natürlich gibt es auch einen gemeinsamen und sogar einen kollektiven Egoismus), und jene, welche auf einen altruistischen (und institutionalistischen) Gesellschaftsansatz setzt. Durchgesetzt hat sich letztlich keines der beiden Extreme, sondern offenbar braucht es in einer Gesellschaft beides: die Eigenheit wie auch die Zusammenheit.

Interessant: innerhalb von nur sechs Jahren zwischen 1816 und 1822 wurden der Begründer der Rassentheorie bzw. der Theorie von der Ungleichheit der Rassen (Gobineau [1816]), der Begründer des Kommunismus (Marx [1818]), der Begründer des Sozialdarwinismus (Spencer [1820]) und der Begründer der Eugenik (Galton [1822]) geboren (und es scheint, dass alle diese Ideologien in einem gewissen Zusammenhang mit der Begründung der Evolutionstheorie von Darwin standen, welche die ältere Theorie von Lamarck ablöste [Engels: "Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte (...)."]). Man kann sich somit vorstellen, wie stark diese Zeit die folgende Diskussion um rechte und linke politische Extrempositionen geprägt hat (über die Weltkriege hinweg und bis in die heutige Zeit hinein). Vielleicht kann diese Epoche und deren Folgen der Philosophie lernen und raten, dass sie nicht allzu rasch auf eine spektakuläre Entwicklung in einer einzelnen Wissenschaft aufspringen sollte. Ob sie sich diese Lehre zu Herzen genommen hat? (Das bedeutet natürlich nicht, dass die Philosophie die Wissenschaft nicht beachten soll, aber es zeigt doch eine gewisse Gefahr auf, welche aus allzu leichtfertigen Adaptionen entstehen kann, aus der Wissenschaft oder überhaupt - und die Rückwirkung in diesem Fall war wiederum, dass die Philosophie in der Zwischenzeit praktisch ihr gesamtes früheres Renommee verloren hat.)


Videos zum Imperialismus und Kolonialismus: 500 Years of European Colonialism, Ten Biggest Empires in History (auch interessant).



Jahr
Grösste Stadt
Weltbevölkerung
Ereignisse
0/1
Rom
200 Mio.
Jesus Christus
500
Konstantinopel (Istanbul)
280 Mio.
Ende des weströmischen Reiches, Gründung des Frankenreiches
Kaifeng
400 Mio.
Morgenländisches Schisma (Trennung von Ost- und Westkirche), Wikinger entdecken Amerika
Peking
500 Mio.
Ende der islamischen Herrschaft in Spanien, Seefahrer erreichen Südspitze Afrikas, Amerika und Indien, Reformationsthesen Luthers
1600
Peking
550 Mio.
Untergang der spanischen Armada, Galileis Bewegungsschrift, Übersiedlung sogenannter englischer Pilgerväter nach Nordamerika
1700
Edo (Tokio)
650 Mio.
Niederlagen der Osmanen (Türken) vor Wien, Principia Mathematica von Newton (Mechanische Physik), Glorious Revolution und Bill of Rights in England (Parlamentarismus), Sieg des russischen Zaren Peter des Grossen im Nordischen Krieg, Niederlage des Sonnenkönigs Louis XIV. im spanischen Erbfolgekrieg (Gewinner ist England)
1800
Edo (Tokio)
1,000 Mia.
Französische (Bürger-) Revolution, Kants Begründung des Völkerbundes, Napoleonische Kriege, Wiener Kongress
1900
London
1,650 Mia.
Soziale Gesetzgebung von Bismarck (gegen Aufkommen der Sozialisten), Quanten- und Relativitätstheorie in der Belle Epoque, Künstlerkolonie auf dem Monte Verità, Erster Weltkrieg, Russische Revolution (Kommunismus)
2000
Mexiko-Stadt (Metropolregion: Tokio)
6,127 Mia.
Gründung von Grünen Parteien (Ökoproblematik), Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus (Ende des Kalten Krieges), World Wide Web

Anm. Die Liste enthält die bedeutendsten Ereignisse rund um die Jahrthundert, jeweils etwa von den 80-er bis zu den 20-er Jahren (also im letzten und ersten Fünftel der Jahrhunderte [und Jahrtausende - bei den früheren Daten wurde das etwas weiter gefasst] - dass in der Liste fast nur Ereignisse der westlichen Geschichte gegeben sind, ist ein reiner Zufall, d.h. erstens begründet wohl durch eine gewisse Einseitigkeit der Geschichtsschreibung im Westen, allerdings ist diese auch besonders gut belegt, andererseits spielten sich aber offenbar tatsächlich viele der wichtigsten Ereignisse der westlichen Geschichte um die Jahrhundertwenden statt [das kann allerdings auch nur so erscheinen, weil immerhin zwei Fünftel aller Ereignisse von der Zeitspanne um die Jahrhunderte, wie ich sie hier aufgefasst habe, betroffen ist]).


Wie schon gesagt, hatte die Weltgeschichte immer einen bedeutenden Einfluss auf die Philosophie (das gilt auch für die Zeit des europäischen Kolonialismus und Imperialismus [16.-20. Jahrhundert (dies umspannt epochengeschichtlich also die gesamte Neuzeit und reicht sogar bis in die Renaissance zurück - das einzige europäische Land, welches einen grösseren Teil seiner alten Kolonien behalten hat, ist Russland, aufgrund des angrenzenden Sibiriens und verbliebenen Gebieten im Kaukasus; dies zeigt, in welch grossem Wandel sich Europa heute befindet)]).


Exkurs - Religiöse Phänomene im 19. Jahrhundert (Neuoffenbarungen/Sektizismus). Das 19. Jahrhundert war u.a. ein bedeutendes Jahrhundert von religiösen Neuoffenbarungen. Es gibt dazu im Wesentlichen zwei Phänomene: ein christliches und ein indisches. Bedeutend bezüglich christlicher Neuoffenbarungen ist z.B. die Lorberbewegung. Jakob Lorber (1800-1864) war ein österreichischer Hauslehrer für Gesang, Musik und Zeichnen, welcher ab 1840 eine innere Stimme in der Region seines Herzens gehört haben soll, von welcher er Gottesoffenbarungen erhielt. Von der offiziellen Religion werden diese als Privatoffenbarungen bezeichnet. In seinen Texten transportierte er teils Gott und Jesus als (seine) Ich-Figuren. Eine besonders bedeutende Figur in dieser Bewegung war Gottfried Mayerhofer (1807-1877), welcher ab 1870 als religiöses Medium tätig war. Dieser vertrat in seinen Texten (vorab in seinen Schöpfungs- und Lebensgeheimnissen) noch konsequenter eine Ich-Christus-Position. Der Grund für das Aufkommen eines bedeutenden religiösen Phänomens in Indien zu dieser Zeit dürfte in der Besetzung Indiens durch Grossbritannien liegen und in einer religiösen Einkehr (später, besonders bei Gandhi: einem religiös motivierten Widerstand) dazu. Die zentrale Figur jenes Phänomens scheint Ramakrischna (bzw. Ramakrischna Paramahamsa 1836-1866) zu sein, ein grosser hinduistischer Mystiker und Lehrer, welcher von seinen Anhängern als eine Inkarnation von Brahma betrachtet wurde. Ramakrischna beschäftigte sich neben dem Hinduismus auch mit dem Christentum und dem Islam: 1861 wurde die Asketin Bhairavi Brahmani seine spirituelle Lehrerin, 1866 wurde er von einem Sufilehrer in den Islam eingeführt, 1873 liess er sich von einem Schüler die Bibel vorlesen. Eine weitere bedeutende Figur im Hinduismus des 19. Jahrhunderts ist Swami Vivekananda (1863-1902), einer der bedeutendsten Schüler von Ramakrischna. Er wurde im Westen gross bekannt, als er beim (ersten) Weltparlament der Religionen 1893 in Chicago als führende Figur auftrat (mit einer sehr berühmt gewordenen Rede mit der Fabel vom Frosch im Brunnen). Andere bedeutende Persönlichkeiten aus der Bewegung dieser Zeit in Indien (u.a.): Tagore, Gandhi oder Aurobindo. Auch Jiddu Krishnamurti (1895-1986) ist zu nennen, welcher in der Theosophischen Gesellschaft als Maitreya-Figur postuliert wurde, dies aber selber ablehnte (und auch aus der Theosophie austrat [ebenso lehnte Patel dies im 20. Jahrhundert ab, welcher vom theosophischen Esoteriker Creme zur Maitreyafigur erhoben wurde]). Die Theosophie wurde 1875 von Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891) begründet (zum Hintergrund gehören etwa: Alchemie, Gnosis, Mystik, Kabbala, Geheimgesellschaften, Okkultismus, Spiritismus, u.a. [Personen: Paracelsus, Fludd, Böhme, Andreae, Swedenborg, Saint-Martin, u.v.a., darunter auch geheimnisvolle mythische Persönlichkeiten wie Trismegistos oder Rosencreutz - sehr schwierige, komplexe und komplizierte Sachen und Zusammenhänge aus verschiedensten altertümlichen Lehren]). Sie steht für einen christlich-indischen Zusammenhang in diesen ganzen religiösen Phänomenen des 19. Jahrhunderts. Dies kann man auch sagen vom - wie es heisst - umstrittenen Indologen Louis Jacolliot (1837-1890), welcher in seinem Buch "La bible dans l'Inde" (1869) behauptete, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sei, sondern die Kreuzigung überlebt und danach in Indien gelebt habe (es gibt weitere Bücher dieser Art, aber auch Gegner dieser Theorie, welche zu widerlegen versuchten, was die Anderen zu beweisen versuchten). Zu den Vertretern dieser Theorie gehört Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908), welcher die Ahmadiyya-Bewegung begründete, und sich (1882) als (für das 14. Jahrhundert verheissene) Mahdi und Messias bezeichnete sowie als Vertreter aller anderen in den verschiedenen Religionen erwarteten Gottesgesandten. Die Bedeutung dieses Mahdis für die Zukunft innerhalb und ausserhalb des Islams ist aus heutiger Sicht schwierig zu beurteilen. Ebenfalls interessant im Islam dieser Zeit ist das Auftreten von Baha'ullah (1817-1892), des Begründers des Bahaismus (bzw. der Bahai-Religion). Er gehört ebenfalls zum Phänomen einer Mahdi-Erwartung, wie sie v.a. vom Schaichismus ausging, von welchem aus Mulla Husayn den späteren Bab, Sayyid Ali Muhammad (1819-1850), als Mahdi bezeichnete. Dieser interpretierte die schiitische Mahdi-Vorstellung um und sah darin nur noch eine spirituelle Erneuerung ohne weltlichen Machtanspruch. Ab 1844 beanspruchte der Bab, welcher danach gefangengenommen und hingerichtet wurde, diese Rolle für sich. Die Bewegung der Babisten spaltete sich, wobei die Mehrheit in Baha'ullah den vom Bab prophezeiten nächsten Gottesoffenbarer sahen. Auch dieser behauptete (1863), der Verheissene der grossen Religionen zu sein. Auch das Mormonentum von Joseph Smith (1805-1844) in den USA ist zu erwähnen; dessen Buch Mormon erschien 1830 (Mormon ist ein Prophet, welcher im 4. Jahrhundert in Amerika gelebt haben soll, wofür aber jegliche Hinweise und Beweise fehlen [inhaltlich scheint das Werk v.a. auf die Kraft des alten Testaments zu verweisen; bedeutend ist die Umdeutung der amerikanischen Geschichte]). Ein weiteres Phänomen des 19. Jahrhunderts - wenn auch ohne eigentliche Neuoffenbarung - ist die methodistische Heilsarmee, welche 1865 von William Booth (1829-1912) in London gegründet wurde. Im 20. Jahrhundert reagierte der Katholizismus auf all diese (und weitere) Ereignisse mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965), in welchem es um eine ökumenische Erneuerung im Christentum ging. Der wesentliche Impuls dieser Phänomene scheint in vielfältiger Hinsicht das Zusammentreffen der Kulturen gewesen zu sein; der dabei entstandene Sektizismus wirft sicher auch einige Fragen bezüglich der Zukunft der Religion auf.

All dies (im Besonderen) ohne letzte Gewähr, natürlich, denn das sind sehr komplizierte Dinge teils, und ich hoffe, dass sich dabei keine gravierenden Fehler eingeschlichen haben, ich bin natürlich kein allzu grosser Kenner all dieser Phänomene. Sicher gibt es noch weitere religiöse Phänomene in jener Zeit - aber ein kurzer Einblick genügt hier, um zu zeigen, dass dieses 19. Jahrhundert eine religiös tief bewegte Zeit, in einer Art und Weise, in welcher man das in der Neuzeit bis dahin nicht gekannt hatte. Allerdings sind alle diese Phänomene doch eher Randerscheinungen im Konzert der grossen Religionen - deren Bedeutung für die Zukunft unklar ist, d.h. wir wissen nicht, ob einzelne dieser Phänomene eine grössere Bedeutung haben werden oder nicht. Dies ist hier auch - in der Philosophie - nur am Rande erwähnt. Man kann sicher aber nicht sagen, dass eine derartige Masse von religiösen Phänomenen für die Philosophie vollkommen ohne Bedeutung sei. (Anm. Die vielen Jahrzahlen habe ich hier eingefügt, weil sie für die Gesamtschau dieser Phänomene teils von Bedeutung sind.)

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Individualismus, Kulturkritik und Sozialdemokratie. Eigentlich hatte schon Kant von der kritischen Zeit gesprochen und seine Werke danach benannt, trotzdem sehen wir ihn heute als Klassiker an, während wir die grosse Kulturkritik im 19./20. Jahrhundert sehen. Ein Ausgangspunkt dafür war sicher Schopenhauer, auch Bahnsen, dann insbesondere aber Stirner, Mainländer und Nietzsche - drei der vermutlich kompromisslosesten Philosophen aller Zeiten und Länder. Max Stirner (eigentlich: Johann Caspar Schmidt, 1806-1856) - man bedenken die Zeit und ihren Aufruhr! - formulierte eine Philosophie eines fast vollkommenen Egoismus ("Der Einzige und sein Eigentum", 1845). Philipp Mainländer (eigentlich: Philipp Batz) ist der abgestürzte Philosoph, welcher eine Philosophie der Erlösung versuchte, die von manchen als der radikalste Pessimismus betrachtet wird, der je formuliert wurde. Und... Friedrich Nietzsche (1844-1900) ging ebenfalls an die Grenzen der Verrücktheit und ist in seiner ganz eigentümlichen Radikalität bis heute nahezu unfassbar - der unfassbarste Philosoph, den es je gegeben hat. Jedes seiner zahlreichen Bücher ist ein absolut erschütterndes Weltereignis. Er ist der schicksalshaft und fast grauenvoll in den vergangenen Zeiten versunkene Philosoph. Er hat diese alten Zeiten in seiner ganz eigenen - mitunter wirren und doch immer intellektuellen - Kunstform aufleben, oder vielmehr: aufspielen lassen, und hat sie dann aber ebenso radikal verworfen, wie alles, was ihnen folgte. Seine Philosophie wird Nihilismus genannt, obwohl er doch einen Wert setzte, aber einen nahezu unfassbaren: den Übermenschen (im Übrigen stammte - bei seiner ganzen Sprachkraft und -macht [wie man sie zuvor in der Philosophie in ganz anderem Kontext fast nur bei Jakob Böhme im 17. Jahrhundert findet, oder stark formalisiert natürlich auch bei Kant] - fast keine seiner grössten Ideen von ihm selber, auch jene vom Übermenschen nicht, denn der Grössenwahn lag in seiner Zeit quasi in der Luft und wurde u.a. vom russischen Schriftsteller Dostojewski schon bedeutend thematisiert [wenngleich dessen grosser Held, oder Antiheld, ins reine Christentum zurückfällt, während Nietzsche eben den nebulösen und traumtänzerischen Übermenschen begründet]). Beeinflusst war Nietzsche u.a. und v.a. von der russischen Literatur und Philosophie (Turgenew, Dostojewski, Leontjew, Spir, Pissarew [u.a.] - im Buch "Jenseits von Gut und Böse" spricht Nietzsche von einem 'russischen Nihilin'). Insgesamt sprudelte Nietzsche natürlich trotzdem über von Ideen (und er komponierte, was weniger bekannt ist - wie später etwa Adorno - auch Musikstücke [die Freundschaft mit dem Komponisten Wagner und der Bruch in derselben haben es vielleicht verhindert, dass sich Nietzsche in diesem Bereich weiterentwickelt hätte - seltsamerweise blieb seine Musik auch praktisch frei von Einflüssen des berühmten Komponisten]). Egoismus, Pessimismus und Nihilismus - das lag also auch in dieser Zeit, vielmehr noch aber ein eigentlicher Individualismus, zu welchem wir neben Stirner und Nietzsche v.a. auch Sören Kierkegaard (1813-1855) zählen können. Seine Philosophie steht eigentlich - individualistisch - für sich alleine, doch im 20. Jahrhundert gab es einige Philosophen, welche sich so bedeutend auf ihn bezogen, dass er (posthum) auch zum Begründer des Existentialismus wurde. In all diesem entwickelte sich auch der Sozialismus weiter. Die Hauptfigur in dieser Weiterentwicklung ist Eduard Bernstein (1850-1932). In seinem Werk "Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie" (1899) brachte er zum Ausdruck, dass die neue Stossrichtung im Sozialismus - im Westen - fortan jene der Sozialdemokratie sein würde (die reine Sozialdemokratie setzte sich v.a. im deutschsprachigen und skandinavischen Raum durch, während in den übrigen Ländern meist noch immer Sozialistische Parteien und Arbeiterparteien den Ton im linken Lager angeben [der Revisionismus von Bernstein hatte aber eine europaweite Wirkung, indem darin nicht mehr eine sozialistische Revolution, sondern ein sozialer Reformismus angestrebt wird]). Sozialdemokratische Parteien hatten sich schon vorher begründet: 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Deutschland, 1888 die Sozialdemokratische Partei der Schweiz, 1889 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Österreich. Die Parteigründungen der Sozialdemokraten (und der Arbeiterbewegung überhaupt) waren der Auslöser für die Verbesserung und Verstärkung der Parteistrukturen der übrigen politischen Parteien, wie wir sie heute kennen.

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Man kann diese Zeit nicht betrachten, ohne im Besonderen auch die britische Philosophie und speziell die britische Moralphilosophie zu betrachten. Es gibt in der englischsprachigen Philosophie die klare Hauptlinie von: Empirismus -> Liberalismus -> Utilitarismus (-> Pragmatismus [USA]). Die Moralphilosophie spielte dabei nur eine Nebenrolle, weil ein gewisses moralisches Urteil natürlich bereits durch diese Hauptlinie besetzt war: die Moralphilosophie wurde aber im Verlauf der Zeit bedeutender und diversifizierter. Man kann in der englischen Philosophie ferner - wenn man von der Hauptlinie abstrahiert - fünf bedeutende Linien ausmachen. Die erste führt von Canterbury zu Locke, d.h. von der frühen Begründung der Vernunft (in der Religion) zum Anfang vom eigentlichen Liberalismus (Canterbury - Bacon R. - Scotus - Ockham - Bacon F. - Hobbes - Locke), die zweite von Hobbes zu den Wirtschaftsliberalisten (ich schildere hier die ganze Entwicklung der britischen Ökonomie: [Mun (Merkantilist)] - Hobbes [Staatsphilosoph eines aufgeklärten Absolutismus] - Petty [Sekretär von Hobbes, (früher) Vater der Nationalökonomie] - Child [Merkantilist] - North [Freihandelsvertreter] - [Denham-] Steuart [Später Vertreter und Zusammenfasser des Merkantilismus, in Schottland] - Smith [Nationalökonomie, Wirtschaftsliberalismus (in Schottland)] - Malthus [Nationalökonom] - Ricardo [Nationalökonom] - Senior [Nachklassik der Nationalökonomie] - Jevons [Neoklassik der Nationalökonomie, Grenznutzenschule (früher: Gossen in Deutschland), Neoliberalismus (v.a. in Österreich und in den USA)]), die dritte von Locke zu den Erkenntnistheoretikern (Locke - Berkeley - Hume), die vierte von den Liberalisten Locke und Smith zu den Utilitaristen und Moralphilosophen (Locke - Shaftesbury - Clarke - Hutcheson - Reid - Smith - Ferguson - Bentham - Mill - Sidgwick - Moore - Ross - Hare [ferner kommen dazu die Konservativisten: z.B. Bolingbroke oder Burke]) und die fünfte von Moore zu den Analytischen Philosophen (Moore / Russell [waren Freunde] ff); daneben gab es speziellere und/oder weniger bedeutende Achsen, z.B. die Oxford Calculators (14. Jh.), die Cambridger Platoniker (17. Jh.) oder natürlich die Wissenschaftler (17./18. Jh. - Boyle, Newton ff [weniger bedeutend für die reine Philosophie]), und daneben gab es natürlich auch noch viele einzelne Philosophen, welche sich nicht so gut einordnen lassen (die bedeutendsten der Neuzeit sind jedoch hier eingeordnet). Von den fünf Linien interessiert mich hier die vierte - jene der Moralphilosophen. Es ist sicher interessant, die englische Philosophie hier einmal analytisch zu betrachten, weil sie ja doch sehr vieles direkt bewirkt hat: die Vernunfterhebung, den Wissenschaftsimpuls, den Wirtschaftsliberalismus (das ist ja nicht gerade wenig, wenn wir die letzten 400 Jahre - inkl. der heutigen Zeit - betrachten). Und sicher ist es eben besonders interessant, einmal die britische Moralphilosophie etwas genauer anzuschauen; die Kontintentaleuropäer fühl(t)en sich ja gerade auf diesem Gebiet immer ein bisschen überlegen (aber trotzdem, oder gerade deswegen).

Sidgwick und die britische Moralphilosophie. Im angelsächsischen Raum gilt Henry Sidgwick (1838-1900) heute zuweilen als der bedeutendste bisherige Moralphilosoph überhaupt, dem europäischen Festland ist er hingegen kaum bekannt. Auch interessant: er war ein fast exakter Zeitgenosse des deutschen Nihilisten Friedrich Nietzsche. Während dieser die deutsche Philosophie sehr weit von ihrer Klassik wegführte, versuchte Sidgwick die schottische Philosophie des Common Sense (Reid, Beattie, Stewart, Brown, Hamilton), mit der englischen des Utilitarismus (klassisch bei Bentham und Mill [aufgenommen von Verschiedenen]) zu verbinden. Der Utilitarismus hatte sich in Verbindung mit dem Liberalismus - nebst dem Empirismus - als moralische Hauptphilosophie etabliert (dieser regelte das Verhältnis zur Wissenschaft, jene das Verhältnis zur Wirtschaft [und mehr war eben eigentlich in der Hauptlinie nicht unbedingt vorgesehen]). Grundsätzlich sollte die Wirtschaft liberalistisch ausgerichtet sein, dabei aber den Wohlstand der Vielen bewerkstelligen (das war das Hauptargument der Utilitaristen, mit welchem sie sowohl den Anarchismus von Godwin wie den Sozialismus von Owen abgewiesen haben - Bentham formulierte den Utilitarismus vor diesen, Mill bestätigte und verstärkte ihn nachfolgend [und ebenso erneuerte er das Band zum Liberalismus mit seiner Schrift "On Liberty", 1859 - als in Deutschland 1848 die Revolution wütete und Marx/Engels ihr Kommunistisches Manifest veröffentlichten, gab Mill die "Principles of Political Economy" heraus (die Briten hatten ihre Revolution etwas mehr als 100 Jahre vor der französischen, und sie wollten keine zweite - natürlich formierte sich der Sozialismus auch in Grossbritannien, aber irgendwie konnten die grössten Wirren dabei umschifft werden]). Ein kurzer Rückblick. Die Moralphilosophie begann in Grossbritannien - abgesehen von einzelnen früheren Moralphilosophen wie Canterbury oder Buchanan - mit Locke (Liberalismus) und erreicht dann v.a. in der Aufklärung eine grössere Bedeutung: 1. Earl of Shaftesbury (Allgemeine Harmonie und Wohlfahrt gegen den Egoismus bei Hobbes), 2. Samuel Clarke (Christliche Philosophie der Freiheit gegen den Atheismus von Hobbes und den Pantheismus von Spinoza), 3. Francis Hutcheson (Moral Sense - Wohltätigkeit und Mitgefühl gegen den Egoismus bei Hobbes), 4. Thomas Reid (Common Sense - der gesunde Menschenverstand muss die Grundlage aller philosophischen Erwägung sein [Common Sense Realismus*]), 5. Adam Ferguson (Streben nach moralischer Vollkommenheit**, Sozialethiker der Aufklärung, Mitbegründer der Soziologie). Am Ende der englischen Aufklärung kam Smith, welcher ebenfalls als bedeutender Moralphilosoph gilt, mit seinem Wirtschaftsliberalismus und dann Bentham und Mill mit ihrem Utilitarismus, und in diese Situation hinein kam Sidgwick - in eine mittlerweilen bereits grosse und gefestigte Tradition der britischen Moralphilosophie. In dieser Situation ist Sidgwick so etwas wie der Verbindungspunkt auch zwischen Mill und Moore, ein Student von Sidgwick (und mit Russell auch Begründer der angelsächsischen Ausprägung der Analytischen Philosophie - er fuhr aber auf beiden Schienen, der ethischen wie der analytischen, und gilt als bedeutendster britischer Moralphilosoph nach Sidgwick [mit Schriften wie "The Refutation of Idealism" oder "A Defence of Common Sense"]). Bei Sidgwick laufen also quasi alle Fäden der neueren britischen Moralphilosophie zusammen, und das ist wohl auch der Grund für die hohe Einschätzung, die er in Grossbritannien geniesst.

* Man könnte sagen, dass dies näher bei Aristoteles ist, während die deutsche Moralphilosophie näher bei Platon ist/war. Interessant sind vielleicht die grössten Probleme dieser ethischen Positionen: bei Platon ist es die Prinzipienübertreibung, bei Aristoteles ist es die Problemverharmlosung. Die Erklärung dazu habe ich bezüglich Platon schon gegeben. Der Idealismus beinhaltet das Ideal des Höchsten, bei Platon die Idee des Guten an sich. Natürlich neigt dieses Grundprinzip zu einem Absolutismus, also zu einer Prinzipienübertreibung. In der Realität wird dann meist auch nicht diese allgemeine Idee des Guten belassen, sondern diese wird mit irgendeinem konkreten Inhalt besetzt, welcher dann gefährlich übertrieben wird. Das Problem bei Aristoteles ist ein ganz Anderes: er zielt mit seiner Tugend auf die Mitte. Das ist der gutbürgerliche Ausgleich von allem - ebenfalls ein gutes und logisch erscheinendes Ideal. Man betrachtet immer zwei Extreme und zielt auf die Mitte. Das Problem hierbei: das tut man auch bei Problemen bzw. Problemlagen, und hier kann es dann gefährlich werden, weil man gewisse Probleme so herunterspielen und unterschätzen kann. Das habe ich gemeint mit dieser Aussage. Beide ethischen Ansichten - jene von Platon wie jene von Aristoteles - haben ihre Vor- und Nachteile (und man kann mit ihnen umgehen, wenn man diese kennt).

** Ferguson dürfte darin Kant beeinflusst haben - was ich nirgends speziell erwähnt und auch bei Kant nicht deklariert gefunden habe - welcher sich bedeutend für die britische Philosophie interessierte***: "It has been observed, that one of the strongest propensities in human natrure is ambition, that which tends to perfection, or the bettering ourselves." (Aus: "Institutes of Moral Philosophy", 1769). Er verwendete den Vollkommenheitsbegriff auch in weiteren Passagen bedeutend. Kants erkenntnistheoretische Wende, womit er erst auf den Weg seiner grossen Ethik kam, soll sich in einer kleineren Schrift 1770 vollzogen haben.

*** Kant bildet auch den Abschluss einer grossen europäischen Philosophieperiode, welche man auch die europäische Klassik nennen könnte, in welcher die Philosophie tatsächlich übernational war und betrachtet wurde. Etwa mit dieser Reihe: (Bodin - Hobbes -) Descartes - Locke - Leibniz - Voltaire - Hume - Rousseau - Kant, während Hegel dann schon bereits ein eher nationales bzw. rein deutsches Phänomen war, was bedeutend auch für Sidgwick und Nietzsche, wie zuvor für Schopenhauer oder Feuerbach, gilt (u.v.a. - es ist nicht so, dass man die Philosophie der Anderen nicht mehr zur Kenntnis genommen hätte, aber man kann doch eben nicht mehr von einer europäisch ausgerichteten und zusammenhängenden Philosophie sprechen, wie es in der Periode zuvor der Fall war [im 20. Jahrhundert gab es eine bedeutende Verbindung zwischen der deutschen und der französischen Philosophie, welche sich derzeit aber auch eher wieder am Verflüchtigen ist; die Europäische Integration in der Politik scheint auf der Ebene der Philosophie noch nicht ganz angekommen zu sein]).

Eines der schönsten Stücke der englischen Moralphilosophie lieferte freilich John Stuart Mill (1806-1873), als er, den Liberalismus von Locke mit dem Utalitarismus von Bentham verbindend, zu einer Lösung für die politisch zerrissene moderne Gesellschaft kam, bevor der Konflikt zwischen den Liberalisten und den Sozialisten überhaupt auf der Hauptebene der europäischen Politik erschien, indem er das aristotelische Mittelmass konsequent auf der soziologischen und politischen Ebene interpretierte (in seinem Werk "On Liberty", dt. Über die Freiheit, 1859). "Wenn nicht Ideen gleich günstig für Demokratie wie Aristokratie, persönliches wie gemeinsames Eigentum, Genossenschaften wie Wettbewerb, Luxus wie Abstinenz, Sozialismus wie Individualismus, Freiheit wie Diszplin, und für alle andern bestehenden Gegenwirkungen des täglichen Lebens mit gleicher Freimütigkeit zu Wort kommen und mit gleichem Talent und gleicher Energie angegriffen und verteidigt werden, dann ist keine Möglichkeit vorhanden, dass beiden Elementen ihr Recht wird. Die eine Schale muss dann steigen, die andere sinken. Die Wahrheit ist in den grossen praktischen Angelegenheiten des Lebens so sehr eine Frage der Versöhnung und Vereinigung von Gegensätzen, dass nur wenige ein genügend fähiges und unparteiisches Urteil besitzen, um die Schlichtung der Gegensätze korrekt genug auszuführen [...]." Schöner und schlichter kann man das - d.h. auch eine korrekte Interpretation von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - fast nicht formulieren. Dies erscheint zumindest als das rechte Mittel für eine gerechte Gesellschaft in Friedenszeiten, während in Kriegszeiten, die man im Allgemeinen doch so gerne verhindern würde, alles immer ein bisschen komplizierter erscheint. (Die Sätze von Mill deuten vielleicht auch darauf hin, dass ein gerechter Liberalismus, ein gerechter Sozialismus und ein gerechtes Christentum letztlich vielleicht auf das Selbe herauskommt bzw. dass sie sich irgendwie, von verschiedenen Grundansichten ausgehend, bei einem guten und gelungenen Ausgleich in der Mitte treffen, wie alle gerechten Ideologien überhaupt, nicht in der äusseren Form vielleicht, aber im inneren Sinn und Geist [von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit] - eine sinnvolle aktive Politik wäre dann ein Wirken gegen die Ungerechtigkeit [alles nach der Meinung von Mill gefolgert, welche in diesem Punkt auch meiner Meinung entspricht; es wird in der freiheitlichen Politik immer Richtungskämpfe geben, und es wird immer die eine Seite ein bisschen stärker sein als die andere, aber keine Seite sollte sich zum Absoluten hin bewegen - und natürlich müssen die Standpunkte auch gehalten werden, um sie langfristig zu verteidigen (gegen das Ungleichgewicht)].)

Als bedeutendste britische Philosophen des 20. Jahrhunderts gelten vermutlich Bertrand Russell (1872-1970) und Peter Strawson (1919-2006). Beide werden sowohl der analytischen wie auch der ethischen Philosophie zugeordnet (obwohl Russell die Ethik eigentlich nicht als philosophisches Gebiet sah, da sie nicht auf einem sicheren Wissen beruhe). Während Russell eine reine - und manchen übertrieben erscheinende - Empirik und Analytik vertrat, führte Strawson zurück zu metaphysischen und common-sense-moralischen Standpunkten. Russell und Strawson kritisierten sich gegenseitig.

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Illustration von Friedrich Eduard Bilz (Naturheilkundler und Lebensreformer) - "Das Volk im Zukunftsstaat" (1904).



Belle Epoque (auch: Fin de Siècle, etwa 1884-1914). Die Gegenwart schien in dieser Zeit immer aktueller zu werden, d.h. immer dichtgedrängter folgten sich wissenschaftliche und gesellschaftliche Fragen, Bewegungen und Veränderungen. In der Zeit der Belle Epoque - mit ihrem Höhepunkt der reformerischen Künstlerkolonie um die Brüder Gräser auf dem Monte Verità (bei Ascona, ab 1900) - bildete sich (wenn auch erst in einer wohlhabenden und/oder künstlerischen Oberschicht) ein neues Freiheitsgefühl heraus, welches jäh durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde (und seinen Fortgang in den USA fand, kulminierend - im Zuge der Proteste gegen den Vietnamkrieg - in der sogenannten 1968-er Bewegung [Stichworte: Hippies, Flowerpower, Summer of Love, Woodstock; die Vorläufer der Belle Epoque können wiederum in der Romantik (18./19. Jh.) sowie in der Bewegung der Naturheilkunde (im 19. Jh.) gesehen werden]). Eine Vielzahl von eigenartigen und -willigen und speziellen Gestalten und Philosophen - von denen die Meisten vergessen gingen - kamen in jener Zeit auf, wie etwa Karl Wilhelm Diefenbach, Rudolf Steiner (1861-1925), Jacques Élie Henri Ambroise Ner (alias Han Ryner), Rabindranath Tagore (nebst anderen indischen Persönlichkeiten), Georges I. Gurdjieff, Stefan George, Joseph Anton Schneiderfranken (alias Bô Yin Râ), Gusto Gräser, Rudolf Maria Holzapfel oder Hugo Ball (u.a. - auch der Dadaismus, begründet 1916, gehört noch dazu: ein schriller Aufschrei von Emigranten gegen den Weltkrieg [und in Paris folgten in den 1920-er Jahren, zwischen den beiden Weltkriegen, Les Années folles (die Fortsetzung der Belle Epoque quasi, während in Italien der Faschismus und in Russland der Kommunismus aufzog) und der Surrealismus]). In dieser Zeit, welche in der Philosophiegeschichte meist ein bisschen vernachlässigt wird (vermutlich: weil die 'echten Philosophen' - nie waren sie absenter - es verpasst haben, an diesem bedeutenden Kunst- und Kultur-Event teilzunehmen), gab es v.a. aber auch umwälzende Erkenntnisse in der Naturwissenschaft, insbesondere in der Physik: mit der Entdeckung der Röntgenstrahlen und der Radioaktivität, v.a. dann aber mit der Quanten- und der Relativitätstheorie (1900/1905). Die gesamte (bis dahin mechanistisch betrachtete) Physik, so schien es, wurde auf den Kopf gestellt. Die Veränderung schien in ihrer ganzen (heute - über 100 Jahre später - noch immer unabsehbaren) Konsequenz fast jener zu gleichen, mit welcher die neuzeitliche Wissenschaft einst begründet wurde. Ebenfalls in dieser Zeit erhob Freud die Psychoanalyse - die Seele wurde endgültig zum grossen Thema des aktuellen Menschen. Sigmund Freud (1856-1939) und Albert Einstein (1879-1955) - vom bedeutenden Time-Magazin am Ende des 20. Jahrhunderts zur grössten Persönlichkeit desselben gewählt - wurden zu den grossen Figuren eines (20.) Jahrhunderts, welches von seiner Intensität her noch einmal alles bisher dagewesene übertreffen sollte, im Positiven wie im Negativen. Was blieb in diesem letzten Jahrhundert für die Philosophie übrig? Es schien fast ein bisschen so, als ob nun eben die Wissenschaftler die Themen setzen würden - und nicht mehr die Philosophen. Die Naturphilosophie und -wissenschaft lag in den Händen von Einstein, die Geistesphilosophie und -wissenschaft in jenen von Freud. Eine anderes Kulturphänomen trat neben der Wissenschaft immer grösser in Erscheinung und begann die Philosophie ebenfalls immer stärker zu beeinflussen: jenes der Kunst. Insbesondere Schopenhauer und Nietzsche gingen bereits - recht überhöht - auf die Kreativität und (wie sie meinten) das Genie des Künstlers ein (der Geniebegriff ist der Traum von einem überbegabten Menschen, wie er eigentlich auf die Renaissance bezogen wird [vgl. Da Vinci]). Anlass zu einer solch erhobenen Betrachtung gaben v.a. die Klassische Musik (Mozart, Beethoven, Wagner) und die Moderne Malerei (Van Gogh, Munch, Picasso). Was früher einmal die Seher und Propheten, später die Apostel und die Philosophen waren, das sind nun die Künstler - die Maler und die Musiker (das 18. Jahrhundert war - wie gesehen - von den Literaten geprägt, das 19. von den Malern und das 20. von den Musikern). Die Kunst und Musik bieten eine Art Seelenprophetie. Von ihnen wollte man jetzt - das war modern - wissen, wie sie die Welt sehen, und was sie von ihr erwarten (das gilt noch nicht unbedingt für die genannten Künstler, die noch nicht einen so grossen Rückhalt hatten, aber für die kommenden, im 20. Jahrhundert [und für die vergangenen in der Rückbetrachtung (Van Gogh verkaufte zu Lebzeiten ein einziges Bild, und heute ist sein teuerstes Bild 82,5 Mio. Dollar wert)]).

Anm. Aus philosophischer Sichtweise müssten wir wohl Woodrow Wilson zur Person des 20. Jahrhunderts erheben, weil er die Völkerbundidee von Immanuel Kant umgesetzt hat. Aber, wie wollen wir das den Leuten erklären, und wer kennt den überhaupt noch? (Und heute müssen wir leider konstatieren, dass die Verschwörung der Reichen [G7/8, G20] vermutlich in der Welt mehr bewirkt als die Versammlung der Vielen - trotzdem müssen wir aus ethischen Gründen am Völkerbund festhalten.)


Exkurs - Kunst, Medien, Werbung, Multimedia, Internet, oder die bedeutendsten Nebensachen der Welt. Im Volksmund wird manchmal der Fussball* als die wichtigste Nebensache der Welt bezeichnet - und ich wäre gar nicht einmal abgeneigt, dem zuzustimmen - aber vielleicht gibt es noch bedeutendere Nebensachen, nämlich eben z.B.: Kunst, (Massen-) Medien, Werbung, Multimedia, Internet (bzw. World Wide Web). Und es dürfte kaum abzustreiten sein, dass diese Dinge die moderne Welt ganz wesentlich verändert haben - und daher natürlich auch Berührungspunkte mit der Philosophie aufweisen. Sie haben die Art und Weise verändert, oder sind immer noch daran, dies zu tun: wie wir die Welt sehen, begreifen, verstehen, erkennen. Wie sollen wir eine Welt begreifen, die nicht mehr greifbar ist? Weil sie virtuell ist. Die nicht mehr auf Verstand beruht? Weil sie abstrakt ist. Die sich unserer Erkenntnis entzieht? Weil sie surreal ist. Das sind Fragen, die sich heute vermehrt stellen, nicht nur in der Philosophie, sondern sogar auch in der Wissenschaft (spätestens seit dem Aufkommen der Quanten- und der Relativitätstheorie). Lange bevor die Wissenschaft der Physik auf die Strahlungsphänomene gestossen ist (insbesondere die Röntgenstrahlung und die Radioaktivität) hat uns die Kunst der Malerei in eine abstrakte Welt eingeführt, z.B. beim Surrealismus von Bosch (im 15./16. Jh.) oder Arcimboldo (im 16. Jh. - mit seinen seltsamen Gemüsegesichtern). Die Dinge wurden plötzlich anders, als sie eigentlich sind bzw. als wir eigentlich gedacht haben, dass sie sind. Die Erde stand plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt der Welt, sie war auch keine flache Scheibe mehr, und mehr noch: sie bewegte sich sogar. Nun aber gab es plötzlich auch Gesichter, die aus Früchten zusammengesetzt waren. Was sollte man mit solchem anfangen? Das macht eigentlich keinen bedeutenden Sinn, und trotzdem ist es eine künstlerische und künstliche Realität. Die alte Kunst hatte ihren genauen Ort: in der Ästhetik (v.a. der ästhetisierenden Darstellung des Menschen) der Antike, in der Religion des Mittelalters; die neue Kunst in der Neuzeit und deren Moderne aber hob die alten Orte auf: die Religion war nicht mehr das Sujet, die Ästhetik nicht mehr das Motiv für Kunst. Erst im 17. Jahrhundert sollten sich die neuen Tendenzen in der Kunst durchsetzen. Es war die Zeit der grossen niederländischen Meister: Rubens, Goyen, Rembrandt, Vermeer. Stimmungen hielten plötzlich Einzug in die Malerei - bedeutend dazu auch etwa Caravaggio (im 16./17. Jh.) sowie Wright, Füssli und Blake ([Vor-] Symbolismus, im 18. Jh.), Turner und Constable (Romantik im 19. Jh.) - und mit ihnen zuerst einmal die Düsterkeit. Die Menschen wurden nicht mehr stilisiert dargestellt, sondern natürlicher, manchmal auch schon hypernatürlich. Der Fokus ist eines der bedeutendsten Merkmale der neuen Malerei. Einzelne Dinge wurden in den Fokus genommen, aber manchmal ging es gar nicht um die Dinge selber, sondern um die reine Kunst, ohne eigentliche Aussage, wie etwa in der Malerei des Stilllebens - herausragend: Claesz (im 17. Jh.). Bei Goya kündigte sich schon der Sturm der Moderne an, welche noch zurückgehalten wurde durch Romantik und Biedermeier, dann aber voll durchschlug, vorerst mit dem Impressionismus (Pissarro, Manet, Degas, Cézanne, Monet, Renoir) und dem Expresssionismus (van Gogh, Munch) sowie dem Symbolismus - auch von der Literatur aufgenommen (Moréas) - und dem Fauvismus (alles Strömungen der modernen Malerei, welche gegen den Naturalismus gerichtet waren). Noch im 19. Jahrhundert sind viele Vertreter einer vollkommen neuen Malerei geboren: Rousseau [Henri], Gaugin, Klimt, Kandinsky, weiter ging es in zunehmender Abstraktion mit Malewitsch, Klee, Picasso, Braque, Ernst, Dali usw. usf., etc. etc. Die eigentliche Wirklichkeit des Bildes wurde immer weiter abstrahiert - bald kamen nur noch Formen vor, v.a. Quadrate, Linien, Striche. Die Malerei wurde auch graphischer - ganz einfach deswegen, weil sie von der werbe- und absatzorientierten Grafik, wie sie v.a. die Medien mit sich brachten, beeinflusst wurde (vielleicht war dies sogar die bedeutendste Beeinflussung der Malerei seit jener, welche im Mittelalter von der Religion ausgegangen war). Es schien so, als ob man alle möglichen Arten und Weisen, wie man die Welt sehen konnte, in ein Bild bringen wollte, wobei man auch durchaus immer neue Erschütterungen der gängigen Weltbilder provozierte. Von einer entarteten Politik wurde die abstrakte Kunst als 'entartete Kunst' bezeichnet. Im Fotorealismus des 20. Jahrhunderts konnten die Maler nur noch zeigen, dass sie das auch können, was der Fotoapparat kann, aber der Computer stellte mit zunehmenden Möglichkeiten in der Bildverarbeitung selbst die Kombination von Fotorealismus und Surrealismus in den Schatten. Das war eigentlich so etwas wie das Ende der Malerei (also der schönsten Kunst vielleicht überhaupt). Ist es tatsächlich möglich, dass die Technik in dieser Art und Weise alles ersetzen wird, was der Mensch hervorbringen kann? Wir sagen: nein, aber wir sind uns nicht mehr sicher heute. Ein verstörender Science-Fiction-Fantasy-Gedanke (aber natürlich: es bleibt auch der Gedanke, welchen Jesus Christus eigentlich schon ausgesprochen hat, vor rund 2000 Jahren: in jedem Lebewesen, und erst recht in jedem Menschen, bleibt, was auch immer geschehen mag in den Ewigkeiten aller Ewigkeiten, so etwas wie eine Seele übrig - und das ist der grösste Gedanke des Messias überhaupt [welcher noch gar nicht an die Maschinen, Automaten, Roboter, Androiden und Cyborgs dachte, und trotzdem schon wusste, worum es eigentlich geht]). Und was werden Multimedia und Internet uns noch alles bescheren in der Brave New World oder in der New World Order (oder: wie auch immer)? Die Schreckensvision hat H.G. Wells (1866-1946) geschildert (1895, in seiner berühmten Zeitmaschine-Novelle - in der Belle Epoque), mit den Eloi und den Morlocks (und dem Verlust des Zusammenhangs von einer Menschheit überhaupt [aufgrund zweier sich im totalen Streit verschieden entwickelnden Menschheitsteilen - das ist die absolute Dystopie der Menschheit (zehn bedeutendste Science-Fiction-Autoren, vielleicht etwa: Kepler, Voltaire, Shelley, Verne, Stevenson, Wells, Heinlein, Clarke, Asimov oder Dick]).

* Exkurs: Philosophie und Fussball. Passen der Fussball und die Philosophie auch nur irgendwie zusammen? Langezeit hätte man das sicher verneint - spätestens seit der Hochscholastik galt die Intellektualität mehr oder weniger als körperlich bewegungslos - aber im mittleren und späteren 20. Jahrhundert traten erste solche Verbindungen auf, bedeutend etwa bei Camus (in seiner Jugend Fussballtorwart), Apel (bekennender Fussballkenner, welcher sportliche Fairness als Vorbild für eine allgemeine Moraltheorie sieht [etwa in der TV-Sendung "Der Letztbegründer", 1992]) oder aktuelle Autoren von philosophischen Fussballbüchern (Gessmann: "Philosophie des Fussballs" [2011], Gebauer: "Das Leben in 90 Minuten - Eine Philosophie des Fussballs" [2016]). In seinem letzten Prosawerk "La Chute" (dt. Der Fall, 1956) liess Camus die Hauptfigur Clamence sagen: "Nur im Fussballstadion und im Theater kann ich mich noch völlig unschuldig fühlen." Ganz so unschuldig kommt uns das bisher einzige philosophische Werk eines Spitzensportlers aber vielleicht nicht vor. Es gab nämlich einen Schachweltmeister, welcher zugleich Mathematiker und Philosoph war: Emanuel Lasker (zweiter offizieller Schachweltmeister, 1894-1921 [längste Zeit als Träger dieses Titels bis heute]). Und dieser schrieb ein Buch namens "Kampf" (zugleich auf Englisch erschienen: "Struggle", 1907). In diesem Buch beschrieb er seine Version eines sportlichen Idealmenschen, welchen er als Macheiden bezeichnete (daher auch der Begriff der Machologie für seine Philosophie oder Wissenschaft des Kampfes). Wahrer Sport ist natürlich nicht nur Kampf, sondern auch Spiel, und vielleicht auch Kunst. Steinitz, der erste offizielle Schachweltmeister überhaupt meinte: "Schach ist so inspirierend, dass ich nicht glauben kann, dass ein guter Spieler während der Partie böse Gedanken hegt." (Vermutlich muss einerseits im Allgemeinen meist derjenige mehr kämpfen, der seiner Aufgabe weniger gewachsen ist, und andererseits müssen die Menschen auch wiederum immer kämpfen, um die Trägheit überhaupt zu überwinden.) Oder Karpow: "Schach ist alles: Kunst, Wissenschaft und Sport." Wie meistens werden die Einschätzungen auch hierzu verschieden ausfallen. Ein weiterer schachspielender Philosoph war Carl Göring, jedoch als Schachspieler wie als Philosoph weniger bekannt (immerhin ist die Schacheröffnung des Göring-Gambits in der Schottischen Partie nach ihm benannt) - er schrieb aber keine philosophischen Kampfschriften (sondern: ein System der kritischen Philosophie). Inwiefern sind überhaupt Fussball und Schach vergleichbar (bzw. verschiedene Sportarten untereinander überhaupt)? Ein deutscher Spitzenfussballer meinte einmal ironisch dazu: "Fussball ist wie Schach - nur ohne Würfel." (Lukas Podolski, Fussballweltmeister mit der deutschen Nationalmannschaft 2014). Eines ist sicher, Fussball ohne Kampf ist ebenso undenkbar wie Fussball als reiner Kampf (vgl. legendäre Anti-Spiele wie The Battle of Highbury 1934 oder The Battle of Santiago 1962). Weitere Berührungspunkte zwischen Philosophie und Sport: Platon soll der Legende nach zu den antiken Olympiasiegern gehört haben (Pankration), tatsächlicher Olympiasieger in der Neuzeit wurde der deutsche Philosoph Hans Lenk 1960 im Rudern; ferner soll Heidegger als Skilehrer bei Universitätsausflügen aufgetreten sein, während Kant sein Studium mit Gewinnen aus Billardturnieren finanziert haben soll. Es gibt also nicht allzu viele Bezüge, ein paar wenige - und daher doppelt interessante - aber schon. Wer sich dagegen mit intellektuellem Widerwillen gegen jegliche sportliche Betätigung eindecken möchte, der wird fündig bei... George Orwell ("The Sporting Spirit", 1945). In der Praxis ist übrigens so, dass nicht nur immer mehr Philosophen ein Interesse für den Fussball entdecken, sondern: dass auch im Fussball immer öfter nicht mehr nur von reinen Spielsystemen die Rede ist, sondern von Spielphilosophien. Das heisst: das Ganze ist ein bisschen komplexer, komplizierter und interessanter geworden, und das ist ja eigentlich auch ein Kompliment an die Philosophie - man muss es auch einmal umgekehrt sehen; eine Anbiederung an den Fussball ist der Philosophie natürlich aber trotzdem nicht zu empfehlen: sie sollte sich eigentlich an überhaupt gar nichts anbiedern. (Auch in der Wirtschaft ist übrigens heute öfter die Rede von Unternehmensphilosophien, und vielleicht benötigen auch die Staaten in der Zukunft bessere Philosophien - Staatsphilosophien.)

Im 20. Jahrhundert hat die Musik die Malerei (im 19. Jh.) und die Literatur (im 17./18. Jh.) als bedeutendste Künste abgelöst. Wer hat die Welt stärker beeinflusst: Elvis Presley (mit wunderschönen Songs wie "Bridge Over Troubeled Water" [von Paul Simon] oder "You'll Never Walk Alone", welche - nicht von ihm selber geschrieben, aber trotzdem - zeigen, warum die moderne Musik so erfolgreich war/ist [falls andere es teils nicht tun]) und John Lennon - und Bob Dylan (welcher im Jahr 2016, verliehen von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, sogar den Literaturnobelpreis gewann), Mick Jagger, Bob Marley, Bruce Springsteen, Billy Bragg, Stuart Adamson, Michael Jackson, Sam (aka Leslie) Phillips (u.v.a.) - oder aber Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre, welche vielleicht die bedeutendsten und/oder bekanntesten Philosophen des 20. Jahrhunderts sind? Die Antwort ist klar - es dürften eher nicht die Philosophen sein (und wie sollten diese erst gegen die heutige und zukünftige Filmindustrie ankommen?, es geht ja längst nicht mehr nur um Bücher, wir haben in der letzten Zeit viele spektakuläre Filme gesehen und fragen uns, was für weitere Spektakel in diesem Bereich noch folgen werden in der Zukunft: die Filmkunst wird weiterentwickelt derzeit zur eigentlichen Multi-Media-Kunst und in diesem 21. Jahrhundert die führende Rolle in der Kunst von der Musik übernehmen) - aber wir wollen uns hier der Philosophie widmen. Die Musiker des 20. Jahrhunderts waren übrigens nicht nur viel berühmter als die Philosophen ihrer Zeit, sondern auch als die Literaten ihrer eigenen Genres (z.B. und v.a. Beat-Literatur mit Burroughs, Ferlinghetti, Bukowski, Kerouac, Ginsberg, Corso, Brautigan - alles auch eigentlich direkte Nachkommen des Freiheitsgefühls der Belle-Epoque-Generation). Wenn heute gesagt wird, dass die Belle Epoque nur etwas für die Reichen war, dann stimmt das wohl schon, aber die weiterreichenden Auswirkungen wurden zum Allgemeingut (inkl. der grossen Befreiungsbewegungen in der westlichen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts).


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Die Zeitperiode, welche auf die Belle Epoque folgte, konnte keinem Philosophen gefallen: Erster Weltkrieg, Faschismus, Weltwirtschaftskrise (engl. Great Depression), Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg.

Die dunkelste Stunde der Philosophie (oder: die Philosophen sehen schwarz). Schopenhauer und Kierkegaard gehören - wie immer auch man ihre Philosophie in einer Einzelbetrachtung bewertet - zu den grössten Beeinflussern der modernen Philosophie überhaupt. Von Schopenhauer beeinflusst, entstand eine Reihe von mehr oder weniger diffusen bis dubiosen Philosophien, etwa mit der Psychophysik von Fechner, dem Voluntarismus von Wundt, der Philosophie des Unbewussten von Hartmann (Eduard v.) oder dem Empiriokritizismus von Avenarius (mit bedeutendem Bezug auch zum Pantheismus von Spinoza). Richard Avenarius (eigentlich: Richard Habermann, 1843-1896) prägte den Begriff des Empiriokritizismus, welcher nicht etwa eine Kritik am Empirismus bedeutet, sondern im Gegenteil die vollkommene Radikalisierung desselben, womit er sowohl die Metaphysik wie auch den Materialismus aus der Philosophie ausschliessen wollte (ohne damit eine Ethik zu begründen, notabene). Vor ihm bereits gilt Gottlob Frege (1848-1925) mit seiner "Begriffsschrift, eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens" (1879) als Begründer der Analytischen Philosophie - und damit dem Versuch der mathematischen Formalisierung der Philosophie - mit welcher er etwa Russell und Wittgenstein beeinflusste. Ludwig Wittgenstein (1889-1951), ein Österreicher, welcher nach England übersiedelte* - ich betrachte hier den philosophiegeschichtlich bedeutenderen früheren Wittgenstein - sollte nun aufzeigen, wohin dies alles zielte. Er ging mit seinem "Tractatus logico-philosophicus" (1921) in seiner Antiphilosophie weiter als die bisherigen, indem er forderte, alle philosophischen Probleme überhaupt abzuschaffen. Das heisst: das ist die Forderung aus der Philosophie heraus, die Philosophie selber abzuschaffen (zugunsten einer reinen Wissenschaft, natürlich). Das ist die dunkelste Stunde der Philosophiegeschichte überhaupt. Die dunklste Stunde der Philosophie hielt in den 1920-er Jahren an: etwa mit der Behauptung vom Untergang des Abendlandes, von Oswald Spengler (1922), oder jener, dass der Geist der Widersacher der Seele sei, von Ludwig Klages (1929). Die Philosophie war auf einem Nullpunkt angekommen. Dann wurde es eine Weile lang ganz schwarz - die Welt stand vor dem Zweiten Weltkrieg. Als die Lichter wieder angingen, kam ein ganzes Heer von Poststrukturalisten in Frankreich (Lacan, Barthes, Lyotard, Deleuze, Foucault, Derrida, Baudrillard, Guattari) mit einer Kulturkritik, welche an die Heftigkeit von Nietzsche erinnerte oder diese teils sogar noch übertraf. Diese stimmte in die Kritische Theorie in Deutschland (Benjamin, Horkheimer, Marcuse, Fromm, Löwenthal, Adorno) mit ein, welche aus jüdischen Denkern bestand, die im Krieg emigrieren mussten und ebenfalls eine scharfe Kultur- und v.a. auch Technikkritik vorbrachten. Beide Richtungen liessen teils fast endzeitmässige Stimmungen aufkommen. Der bedeutendste dieser kritizistischen Philosophen ist vielleicht Michel Foucault (1926-1984), der schärfste vielleicht Jean Baudrillard; typisch natürlich auch die Philosophie der Dekonstruktion von Derrida. Die Kulturkritik wurde so in Deutschland wie in Frankreich zur führenden Philosophie. So verschob sich das Hauptinteresse der Philosophie, wie sich zeigen sollte, immer mehr in die USA, wo sich eben vorab die früher in Deutschland formierte analytische Richtung weiterentwickelte.

* Wir sehen radikalempiristische und/oder analytische Richtungen heute in der angloamerikanischen Philosophie - v.a. in den USA - beheimatet, aber dies ist ebenfalls in der deutschsprachigen Philosophie entstanden. Besonders gilt es hierbei die verschworene Gruppe des Wiener Kreises zu erwähnen, in welchem sich österreichische, deutsche und internationale Persönlichkeiten aufhielten. Die Philosophie dieses Kreises wird als Neopositivismus oder Logischer Empirismus/Positivismus bezeichnet. Es gibt viele Namen dafür, die letztlich aber alle dasselbe bedeuten: quasi die Abschaffung der Philosophie zugunsten einer reinen (Natur-) Wissenschaft. Einige der Neopositivisten mussten im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges das Land verlassen, und es zog sie in Richtung England und USA, was auch dazu beitrug, dass dieser Neopositivismus dort (im weiten Feld der analytischen Philosophie) die vorherrschende Richtung der Philosophie im 20. Jahrhundert wurde. Damit geriet die Philosophie ein bisschen aus dem Gleichgewicht, weil sowohl in Kontinentaleuropa wie im angloamerikanischen Raum die bestehenden Tendenzen noch einmal verstärkt wurden (während die Gegengewichte ihnen weitgehend fehlten). Insgesamt hatte die angloamerikanische Philosophie mit dieser Entwicklung fortan im 20. Jahrhundert vermutlich die grössere Kraft, aber sie brachte doch eigentlich recht wenig Neues und Weltbewegendes hervor. Aber nicht nur dies: nicht nur der Neopositivismus wurde so in die USA exportiert, sondern auch der Neoliberalismus, welchen dort Milton Friedman prominent vertreten hat (der Neoliberalismus hat sich jedoch ebenfalls in Österreich durch Hayek, ein Verwandter von Wittgenstein und einer der weltberühmtesten Überläufer von links nach rechts, und Mises begründet [siehe: Österreichische Schule der Nationalökonomie]). Das ist also von einigermassen grosser Weltbedeutung. Die bedeutendsten Begründer im inneren und äusseren Kreis des Wiener Kreises, welche emigrierten sind (u.a.): Carnap (USA), Gödel (USA), Hempel (USA), Menger (USA [Sohn des Begründers der Österreichischen Schule der Nationalökonomie]), Mises (USA), Morgenstern (USA [stand in engem Kontakt mit Hayek und Mises und begründete in den USA mit dem ebenfalls emigrierten Neumann die Spieltheorie]), Popper (England), Reichenbach (USA), Tarski (USA), Waismann (England), Wittgenstein (England - bereits früher); im Zusammenhang mit diesem Kreis standen auch vor den Emigrationen schon bedeutende US-amerikanische und britische Positivisten wie Ayer (USA), Ramsey (England) oder Quine (USA), welche die Emigrationen teils mitorganisierten. Neben den Mitgliedern dieses Kreises emigrierten natürlich auch andere Wissenschaftler in die USA. Dieses Beispiel zeigt, dass in der modernen Welt nicht nur die internationalen Verhältnisse des Kapitals, sondern auch jene des Geistes zu beachten sind.

Ich sage nicht, dass es bei Wittgenstein nicht auch gute und brauchbare Gedanken gäbe, oder dass Sprach- und auch Philosophiekritik grundsätzlich schlecht ist, aber einige seiner Sätze und Auffassungen sind so problematisch, dass ich sie hier - aufgrund der grossen Bedeutung, die sie erlangt haben - nicht vorenthalten möchte. Die problematischsten seiner Sätze sind etwa diese (immer in einem wissenschaftlichen Kontext zu sehen [und abgesehen von den ganzen mehr oder weniger abstrusen pseudomathematischen Formalitäten, welche er vorbringt, und welche in dieser Art von Philosophie dann immer bedeutender werden]): "Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. [...] Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten. [...] Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen. [...] Und es ist nicht verwunderlich, dass die tiefsten Probleme eigentlich keine Probleme sind. [...] Alle Philosophie ist 'Sprachkritik'. [...] Alle Sätze der Logik sagen aber dasselbe. Nämlich Nichts. [...] Wir können uns in einem gewissen Sinne, nicht in der Logik irren. [...] Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. [...] Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt. [...] Das Ich tritt in die Philosophie dadurch ein, dass die 'Welt meine Welt ist'. [...] Immer kann man die Logik so auffassen, dass jeder Satz sein eigener Beweis ist. [...] Alle Sätze sind gleichwertig. [...] Gott offenbart sich nicht in der Welt." Die Neopositivisten versuchen eigentlich gegenüber der Philosophie den selben Trick anzuwenden, welchen die Aufklärer gegenüber der Religion angewendet haben - da sie sich aufgrund der Absolution, welche sie ihrem eigenen Denken und ihren eigenen Vorstellungen unterstellen, mit diesen Dingen nicht mehr beschäftigen möchten, erklären sie sie einfach kurzum zum Unsinn. Schon Augustinus sagte, dass ein vernünftiger Mensch nicht auf die Wissenschaft verzichten könne, aber wie unvernüntig ist es, zu behaupten, dass man in einem reinen Wissen (so es denn erreichbar wäre) keine Weisheit mehr benötigen würde? Ich träume auch von einer vollkommenen Wissenschaft - sicher - aber ich kann diesen Traum einordnen in realistische Verhältnisse. Wittgenstein entspricht nicht der Abschaffung einer allfälligen Ignoranz und Arroganz in der Philosophie, sondern der Spitze derselben. (Es ging und geht aber trotzdem weiter mit der Philosophie. Wenn man über Philosophie sprechen will, kann man ihre dunkelste Stunde nicht weglassen, ihre Selbstanklage. Ignoranz und Arroganz gibt es in anderen Bereichen des Menschlichen natürlich übrigens auch - in der Philosophie sollte man aber leichter darüber sprechen können. Man kann einzelne Philosophen kritisieren, auch die ganze Philosophie, aber was ändert dies daran, dass die Menschen sich in der Welt orientieren müssen, und Urteile und Entscheide fällen müssen?, und dass man darüber sprechen muss, wie dies geschehen kann und soll. Seit der Aufklärung ist man sich darüber einig, dass dies im Allgemeinen nicht in Geheimbünden, wie ehedem in den dunkleren Zeitaltern, geschehen soll, sondern in einem offenen Diskurs. Das ist der Grundgedanke der Aufklärung [engl. Age of Enlightenment, frz. Siècle des Lumières].)

Die US-Philosophin Cora Diamond schlug in der Wittgenstein-Debatte eine neue Wittgenstein-Lesart vor, mit einem quasi therapeutischen Wittgenstein. In dieser sogenannt resoluten Lesart wird gesagt, dass der Tractatus von Wittgenstein im wörtlichen Sinn ein Unsinn ist, dass aber die Sätze von Wittgenstein einen thearapeutischen Charakter haben. Man kann es auch so interpretieren (ich habe meine Deutungsweise dargelegt [zur Grundsituation, in welcher Wittgenstein ernst und wörtlich genommen wurde, und auch so aufgefasst werden wollte, notabene, denn damit hing ja sein persönlicher Erfolg zusammen]).

Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, was wahre Wissenschaft (und was wahre Soziologie) ist. Wahre Wissenschaft ist für mich jener Bereich, welcher durch die Nutzung aller möglichen Quellen versucht, ein möglichst gutes Wissen zu erreichen (und Soziologie ist für mich eine Wissenschaft, welche nach möglichst guten Lösungen sucht, um die Probleme, welche sich in den Gesellschaften ergeben, zu lösen). Dazu brauchen wir keinen Positivismus, d.h. keine Reduktion auf allfällige Allfälligkeiten - oder jedenfalls nicht nur solche, und auch kein Ausruhen auf den Lorbeeren derselben - sondern immer wieder ein echtes Bemühen und grosse Anstrengungen. Wer Wissenschaft will, muss mit Komplexität rechnen. Diese möglichst einfach darzustellen, kann nicht das Weglassen und Vergessen von Wesentlichem bedeuten.

Und eine grosse Frage der Philosophie seit längerer Zeit: Ist die Aufklärung als gescheitert zu betrachten? (Siehe etwa: Adorno/Horkheimer ["Dialektik der Aufklärung", 1944], oder auch: Frisch ["Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb", Rede 1985]). Manche bezeichneten sie als ewiges Projekt aller künftigen Philosophie, einige stellten sie in Frage - etwa Horkheimer/Adorno sowie auch andere Kritizisten des 20. Jarhunderts (leider gehört auch der Schweizer Schriftsteller Max Frisch dazu, welcher 1986 in seiner Rede "Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb" meinte, das Projekt der Aufklärung sei weitherum gescheitert). Der Sozialpsychologe Gustave Le Bon schrieb (in seinem Hauptwerk "Die Psychologie der Massen") bereits 1895: "Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer." Wer so schreibt missachtet die ganzen Erfolge der Aufklärung, die heute unbestreitbar vorhanden sind, und er überlässt das Feld allzu leicht der Gegenaufklärung.

Ausgerechnet ein US-Amerikaner hat die Problematik der europäischen Philosophie des 20. Jahrhunderts vermutlich am Besten zusammengefasst: Rick Roderick (1949-2002) ist bekannter durch seine Vortragsreihen als durch seine Bücher. 1993 hielt er eine Vortragsreihe unter dem Titel "Self Under Siege" (dt. Das Selbst unter Druck [oder genauer: Belagerung]), in welcher er einige der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts und ihre Ideen erklärte und zeigte, dass er ein sehr guter Kenner und Analyst der modernen Philosophie ist. Es gibt ein paar Vorbehalte, trotzdem kann man dies empfehlen als Einstiegs- und/oder Basiswissen. Lecture 1: Masters of Suspicion, Lecture 2: Heidegger - The Rejection of Humanism, Lecture 3: Sartre - The Road to Freedom, Lecture 4: Marcuse - One-Dimensional Man, Lecture 5: Habermas - The Fragile Dignity of Humanity, Lecture 6: Foucault - The Disappearance of the Human, Lecture 7: Derrida - The Ends of Man, Lecture 8: Baudrillard - Fatal Strategies. Das ist natürlich kein leichter Stoff - v.a. wegen der negativen Grundtendenz, die wir, offen oder versteckt, oft darin finden - aber es ist die Philosophie des 20. Jahrhunderts. Ich muss gestehen, dass ich in philosophischer Hinsicht froh bin, dass das 20. Jahrhundert vorbei ist, denn das lässt zumindest die Hoffnung offen, dass es mit der Philosophie wieder aufwärts gehen könnte (im Konjunktiv gesprochen, natürlich).

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Die Kunst des Existentialismus. Der Existentialismus ist so etwas wie der Lichtblick in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, jedenfalls kann man das so auffassen - zwischen der kritizistischen und der analytischen Philosophie. Auch hier sind die Deutschen (Jaspers, Heidegger - Ontologie/Metaphysik: Hartmann [Nicolai]) und die Franzosen (Lavelle, Marcel, Sartre, De Beauvoir, Camus) - ich würde daneben auch von einem Schweizer Existentialismus sprechen (insbesondere mit Frisch und Dürrenmatt sowie weiteren Schriftsellern; weitgehend ohne spezifische oder ausführliche Existenzphilosophie, es finden sich aber doch auch, wenn man den Kreis ein bisschen weiter fasst, einige belletristische und auch philosophische Texte von verschiedenen Denkern dieser Zeit dazu [und gerade Frisch - und warum nicht auch Dürrenmatt? - entsprach durchaus sehr einem existentialistischen Künstlertypus]). Korrekterweise müsste man bei der deutschen Richtung von der Existenzphilosophie sprechen (nach einem Begriff von Jaspers) und bei der französischen von einem Existentialismus. Allerdings blieb auch der Existentialismus alles andere als kritikfrei: die Ethik spielt in dieser Philosophie (ebenfalls - wie in der gesamten Philosophie des 20. Jahrhunderts) keine allzu grosse Rolle, und manche werfen den existentialistischen Philosophen, insbesondere Heidegger und Sartre, ein allzu grosses Gewörtel vor, d.h. Sprache um der Sprache willen und nicht um der Philosophie willen. Die existentialistische Philosophie soll aber auch viel mit Kunst zu tun haben. Das Kunstwerk ist sozusagen der Urgrund für den Existentialisten. Und innerhalb des Existentialismus wiederum war es der Roman "L'Étranger" (1942) von Albert Camus, welcher das bedeutendste belletristische Werk zu diesen Themen war. Das Fremde und das Andere sind (im Gegensatz zur reinen Subjektphilosophie im Kartesianismus und bei den modernen Individualisten) ein bedeutendes Thema - v.a. im französischen Existentialismus. Der Existentialist ist jedoch auch quasi ein Anti-Meursault* (d.h. das Gegenteil vom Helden bzw. Antihelden dieses Romans, obwohl er diesen Typ auch und vielleicht sogar zuerst in sich trägt, und dieser auch einen bedeutenden Teil seiner Künstlerseele ausmacht: er ist sich seiner Existenz bewusst, er denkt über diese nach, insbesondere auch über seine Ängste und Gefühle - vgl. Kierkegaard - was der naive und in seiner Naivität fast ein bisschen gewissenlose Meursault, der sehr stark dem 'Homo Faber' [1957] bei Frisch ähnelt, im Roman nicht tut [es gibt weitere literarische Figuren zu diesem Thema in der Literatur dieser Zeit, aber keine ist ganz so typisch wie diese beiden]). Rein philosophietheoretisch sind Heidegger und Sartre grösser - ebenso in ihrer starken Rhetorik, auch als erste Public Philosophers. Doch dem eigentlichen Typus des Existentialisten entsprechen v.a. Camus und Frisch (das ist der Existentialist oder der typische Intellektuelle der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, etwa im Gegensatz zum Dandy, einem anderen Künstlertyp, oder auch zum Hippie [z.B.]). Martin Heidegger (1889-1976) meinte, dass eine Frage noch nicht richtig gestellt wurde: jene nach dem Sein (an sich). Er nennt seine Philosophie deswegen eine Fundamentalontologie. Ob er diesem Anspruch gerecht wurde, kann man aber bezweifeln. Zweifellos hat er aber die Frage nach dem Sein (als Urgrund) bedeutend wieder aufgeworfen. Seine Philosophie und Sprache sind äusserst originell, aber andererseits hat er sich einerseits zu stark von der traditionellen Philosophie abgewandt und ist andererseits doch nicht über die alte Metaphysik hinausgekommen. Dagegen war es ihm vorbehalten, die Dunkelheit in der deutschen Philosophie aufzuhellen. Er griff das Problem auf und sprach ebenfalls und ausdrücklich vom Ende der Philosophie, allerdings nicht in einem wirklichen Schluss, sondern in der Versammlung ihres Ganzen und der Bestimmung ihrer äussersten Möglichkeiten. Jean-Paul Sartre (1905-1980) ist der bedeutendste Public Philosophers des 20. Jahrhunderts, aber in seiner philosophischen Systematik konnte auch er nicht überzeugen. Wie Platon und Hegel machte er den Fehler - entgegen dem Satz von Parmenides - das Nichts als Substanz bzw. Idee aufzufassen. Der bedeutendste Systematiker unter den Seinsphilosophen des 20. Jahrhunderts war dagegen - wenngleich auch nicht ganz ohne Abstriche - Nicolai Hartmann, auch wenn er ziemlich stark im Schatten der grossen Persönlichkeiten der Existentialisten stand. Letztlich bleibt aus dieser Zeit v.a. aber eben die Kunst des Existentialismus - und vielleicht auch eine grosses Ausrufezeichen für die Kunst und Kultur, in einer Zeit, nach welcher wir uns auch um diese (u.a.a.) Sorgen machen müssen. Für den Existentialisten ist das Kunstwerk der Urgrund - in einer sich ständig (und immer rascher) verändernden Welt (auch als Auseinandersetzung mit der Moral, aber viel mehr als nur dies) - für die Menschen (oder für gewisse Menschen) ist es vielleicht der letzte Halt. [Interview mit Frisch (Teil 2).]

* Auf einer Website habe ich - das macht die Aussage vielleicht ein bisschen verständlicher - passend dies gefunden: "On peut noter cependant que certains critiques ont vu dans Meursault, homme fruste, une sorte de Camus raté." (Hier [und daher übrigens ist auch die Verfilmung - von Visconti 1967, mit Marcello Mastroianni (eine klassische Fehlbesetzung: eigentlich hätte man einen Laien nehmen sollen, welcher ebenso überfordert ist mit allem) - nicht allzu gut, weil sie uns nicht den Eindruck eines Antihelden gibt, der immer wieder neben den Situationen steht: das ist im Buch ein bisschen anders beschrieben]).

Die russische Verbindung. Wenn man über den Existentialismus im 20. Jahrhundert spricht, so muss man einerseits auf Kierkegaard zurückgehen, andererseits aber auch auf die russische Literatur, insbesondere jene von Dostojewski. Sie ist die Verbindung zu existentialistischen Philosophen in Russland - wie Schestow und Berdjajew - welche wiederum eine Verbindung darstellen zum Existentialismus in Deutschland und Frankreich (so dass also der Existentialismus zeitlich gar nicht so zerstückelt ist, wie man allgemein annimmt (hier Heidegger und Sartre, und dort, in einer tiefen Vergangenheit, Kierkegaard): sondern das war eine relativ durchgehende Bewegung von Kierkegaard bis und mit Camus! [Diese Sichtweise ist daher nicht gegeben, weil die Russen im Westen - mit der erwähnten Verbindung - aus politischen Gründen im 20. Jahrhundert ganz einfach vergessen gingen.]). Der deutsche Philosoph Walter Kaufmann wies auf die grosse Bedeutung Dostojewskis für den Existentialismus hin (in seinem Werk "Existentialism from Dostoevsky to Sartre", 1975). Wenn man bedenkt, dass Dostojewski ferner auch etwa Nietzsche beeinflusst hat, dann nimmt seine Bedeutung für die neuere Philosophiegeschichte weiter zu. Leo Isaakowitsch Schestow (1866-1938) hat bedeutende Kommentare über die Verbindungen von Dostojewski und Tolstoi zu Nietzsche geschrieben und kann so in philosophischer Hinsicht als bedeutender Kommentator der russischen Literatur bezeichnet werden. Dostojewski hat zwar kein spezifisch philosophisches Werk geschrieben, war aber eben sehr einflussreich (und einige seiner Romane tragen ja auch philosophische Züge). Damit erscheint er natürlich auch als so etwas wie ein früher Urtypus des modernen Künstlers und Existenzialisten.

Dasselbe kann man von seinem spanischen Zeitgenossen Miguel de Unamuno (1864-1936) sagen - ein sehr interessanter Schriftsteller für diejenigen, welche sich für den Themenbereich zwischen Existentialismus und Religion interessieren (sicher einer der interessantesten Religionsphilosophen der neueren Zeit und in manchen Fragen diesbezüglich aktuell bis heute).

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Die Bedeutung der Ökophilosophie. Als Begründer des Begriffs der Ökologie gilt - wenig schmeichelnd vielleicht, aber trotzdem - Haeckel (1866 - "Unter Oecologie verstehen wir die gesammte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle 'Existenz-Bedingungen' rechnen können. Diese sind theils organischer, theils anorganischer Natur; sowohl diese als jene sind [...] von der grössten Bedeutung für die Form der Organismen, weil sie dieselbe zwingen, sich ihnen anzupassen." [Offenbar trat der Begriff aber schon vorher vereinzelt in Lexika auf]). Es gibt (vorher wie nachher) viele weitere Namen, welche mit dem Aufkommen von einem ökologischen Denken und Betrachten in Zusammenhang stehen - sie finden sich vorwiegend - noch vollkommen unpolitisch - meist in der früheren Naturwissenschaft, ein paar dieser Namen sind etwa: Perkins Marsh (Nachhaltigkeitsprinzip - der Begriff der Nachhaltigkeit stammt indes aus der deutschen Forstwirtschaft von Carlowitz im 17./18. Jahrhundert), Warming (Pflanzenökologie), Schroeter (Autökologie u. Synökologie), Tansley (Begriff des Ökosystems), Braun-Blanquet (Pflanzensoziologie), Leopold (Naturschutz), Elton (Tierökologie)*. Diese und andere Pioniere der Ökologie sind bis heute nicht allzu gross bekannt, was zeigt, dass sich die Ökologie quasi durch die Hintertüre in die Naturwissenschaft eingearbeitet hat. Dies ist vielleicht auch der Grund dafür, dass die Philosophie diese Sache etwas spät aufgenommen hat. Sie liegt zwischen der naturwissenschaftlichen Begründung, dem bedeutenden Bericht über die 'Grenzen des Wachstums' von Meadows (Club of Rome, 1972), welcher das Thema erstmals breiter an die Öffentlichkeit brachte, und der politischen Aktualität und Aktivität ab den 1980-er Jahren. Eines der bedeutendsten Werke der ökologischen Philosophie stammt vielleicht von Hans Jonas (1903-1993): "Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation" (1979 - der Titel basiert auf dem 'Prinzip Hoffnung' [1954-1959] von Ernst Bloch, welches sich bedeutend mit der Utopiegeschichte in der Philosophie auseinandersetzte). Zuerst hatte sich die ökologische Philosophie - immer noch innerhalb der Naturwissenschaft - auf einem eher diffusen Weg angenähert, etwa mit der Gaia-Theorie (Lovelock/Margulis) in den 1960-er Jahren; als bedeutend gilt das Sachbuch "Silent Spring" (1962) der Biologin Rachel Carson (wird häufig als Ausgangspunkt der weltweiten Umweltbewegung betrachtet). Ein weiterer bedeutender philosophischer Autor zu diesem Thema ist Arne Naess (1912-2009), der Begründer der sogenannten Tiefenökologie (etwa mit "Ecology, Community and Lifestyle"). Wie auch später ist auffallend, dass solche ökologischen Bücher immer eigentlich Einzelwerke in einem viel breiteren Werk waren - einen durch und durch und ausschliesslich ökologischen Philosophen hat es bis dato eigentlich nicht gegeben. Das gilt auch etwa für Lother Schäfer (geb. 1934) oder Roy Bhaskar (1944-2014). Einige weitere bedeutende philosophische Autoren zum Thema finden sich auch in den USA: Taylor, Shepard, Rolston, Devall oder Attfield - ferner etwa der Australier Passmore oder die Deutschen Birnbacher und Seel (u.a.). Bedeutend auf dem Gebiet der Tierethik ist der australische Moralphilosoph Peter Singer (geb. 1946) (ebenfalls bedeutend: Tom Regan oder Jean-Claude Wolf - diese Thematik beginnt historisch in der Philosophie etwa beim Utilitaristen Bentham).

* Bereits viel früher sollen sich zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert naturschützerische Aussagen bei verschiedenen Autoren in der arabischen Medizin finden (darunter auch etwa Al-Kindi oder Avicenna). Bei diesen ging es v.a. Luft-, Wasser oder Bodenverschmutzung. Erwähnenswert ist im Mittelalter sicher auch die Naturmystik von Franz von Assisi.

Es ging im letzten Abschnitt auch ein bisschen um reine Bekanntmachung, denn - wie gesagt (und obwohl das Thema politisch längst angekommen ist) - sind die philosophischen Autoren zu diesem Thema nicht allzu bekannt. Bezüglich der Tierethik stellt sich natürlich die Frage, ob man damit bereits beginnen soll, in einer Zeit, in welcher unter den Menschen noch so viel moralischer Bedarf herrscht - einmal angefangen, kann man aber auch die Frage stellen: hat der Umgang mit Tieren nicht auch eine Wirkung auf den Umgang mit Menschen? Eine offene Frage (man würde vermuten, dass dies unbedingt der Fall ist, aber es scheint auch den seltsamen Effekt zu geben, dass einige Tierliebhaber zu Menschenverachtern werden [oder umgekehrt: dass einige Menschenverachter grosse Tierliebhaber werden - natürlich ist das Thema heute im technischen Zeitalter auf jeden Fall aber gegeben]). Es stellen sich natürlich viele interessante ethisch-moralische Fragen im Zusammenhang mit der Ökologie. Ferner wissen wir heute eigentlich noch immer nicht, wie gross nun wirklich die menschliche Verursachung der wachsenden Ökoprobleme sind. Die Wissenschaft nimmt heute an, dass dieser Zusammenhang äusserst bedeutend ist - aber schon nur, wenn die Möglichkeit einer hohen Bedeutung eines solchen Zusammenhangs gegeben ist, müssen wir reagieren, angesichts der grossen Bedeutung der Problematik. Daher ist es erstaunlich, dass es immer noch sehr viele Philosophen gibt heute, welche dieses Thema praktisch überhaupt gar nicht beachten. Es ist doch eigentlich das grosse bzw. grösste Thema dieser Zeit! Mit einem äusserst bedeutenden Umbruch im gesamten menschlichen Denken. Aber das passt eben zu dem, was ich schon gesagt habe: es gibt heute kein Thema in der Philosophie mehr, welches man nicht auch umgehen könnte - selbst dieses nicht.

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Und was sonst im 20. Jahrhundert (bis dato)? Wie ich schon gesagt habe, kann man eine solche Philosophiegeschichte auf viele verschiedene Arten schreiben und dabei auch viele verschiedene Schwerpunkte setzen und Zielrichtungen haben. Das ist in Ordnung, finde ich, solange man sie auch klar deklariert (was nicht alle tun). Meine Zielrichtung ist - ich habe das in meinen Büchern ausgegeben - letztlich soziologischer und ökologischer Art. Ich habe dabei versucht, nichts zu unterschlagen und alles möglichst adäquat und neutral mitzuberücksichtigen (ich interessiere mich auch für alles - trotzdem kann man aber auch eine Ausrichtung haben [die ich weder in erster Linie politisch verstehe noch unpolitisch]). Was muss man noch erwähnen? Eine bedeutende Stellung haben in der heutigen Philosophie bzw. im heutigen Medienzeitalter die Public Philosophers (Chomsky, Rorty, Safranski, Sloterdijk, Unger, Zizek, Sandel, Precht, Enthoven), eine fachspezifische Art von Public Intellectuals - in der Tradition etwa von Heidegger, Sartre oder Foucault*. Dies bedeutet: die Rhetorik wird mit den Medien in der Philosophie bedeutender, als sie viele Jahrhunderte lang war (anders als bei den alten Griechen oder Römern, notabene [eine bedeutende Trennung von Literatur und Rhetorik scheint sich im Mittelalter ergeben zu haben: mit dem Prediger auf der Kanzel und dem Schriftgelehrten in der Bibliothek (die grossen Scholastiker waren nicht unbedingt die grossen Prediger, und umgekehrt)]). Die Philosophie ist durch die Medien näher beim Volk, was noch lange nicht bedeutet, dass sie breiter verstanden wird (aber es ist doch eine gewisse Öffnung heute spürbar, von einer allzu elitären, abgehobenen und in sich vergrabenen [Schrift-] Philosophie - das ist zumindest sehr interessant [nicht gänzlich ohne Bedenken, natürlich]). Die grosse Zeit der eigentlichen Medienphilosophie (Flusser, Baudrillard, Postman, McLuhan, Capurro, Bolz, Lovink) ist eigentlich fast schon ein bisschen vorbei, ohne dass sie allzu grosse Wellen geworfen hätte - auch ein sehr wichtiges Thema der heutigen Zeit, natürlich; auch in das Gebiet der Medien, d.h. der Nachrichten, Wörter, Töne und Bilder, gehört die Metaphorologie von Hans Blumenberg (1920-1996). Blumenberg ist vielleicht so etwas wie ein heimlicher Star oder offener Geheimtipp der Schriftphilosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - oder ein Versuch zu zeigen, wie sie immer eigentlich auch noch sein könnte (ruhig und klassisch im Ausdruck, fixiert im Grundthema, aber breit in der Anregung des Denkens) - während Paul Feyerabend, der Philosoph des Relativismus, vielleicht ein heimlicher Star oder ein offener Geheimtipp der rhetorischen Philosophie des letzten Jahrhunderts ist - dito (fabulierend und viel leichter und lockerer, als die Philosophie eigentlich ist, trotzdem immer hochintellektuell und -interessant). Die eigentlichen Stars waren jedoch Jürgen Habermas (geb. 1929 - für die Schriftphilosophie ["Theorie des kommunikativen Handelns"]) und Peter Sloterdijk (geb. 1947 - für die rhetorische Philosophie ["Alle Dinge sind verzauberte Menschen" (im Film "Nachrichten aus der ideologischen Antike")]) - ich habe an beiden meine Freude, aber auch bei beiden meine Vorbehalte. Eine seltsame Situation: irgendwie ist die stärkere Kraft der Philosophie in Deutschland geblieben, die grössere Bedeutung aber ist in die USA abgewandert. Diese Bedeutung wiederum scheint immer mehr vom systematischen in das formalistische abzuwandern (die Welt scheint unsicherer zu werden derzeit, die Philosophie dagegen eben immer formalistischer [als ob Nietzsche in die Welt hinaus gegangen und Adenauer in die Philosophie hinein gekommen wäre (was war das für ein Aufbruch mit Kant, Hegel und Marx/Nietzsche!, nicht nur gut, aber frisch]). In der US-Philosophie, welche ich hier nur am Rande betrachte**, wurde - nach dem Transzendentalismus (Emerson, Thoreau und andere) und dem Pragmatismus (Peirce, James, Dewey, später: Mead, Santayana [bedeutend bis heute]) - im 20. Jahrhundert v.a. eine grosse analytische (Goodman, Quine, Putnam, Searle, Nagel, Kripke [in England: Ryle, Ayer, Austin, Dummett] - u.v.a.) und eine kleine ethische Richtung (Rawls [in England: Moore, Ross, Hare] - u.a.) vertreten (sowie natürlich auch weitere wie Chomsky, Rorty oder Sandel [England: Strawson]). Die neuste Entwicklung ist die sogenannte (manchmal etwas diffus anmutende) Philosophie des Geistes, welche von der Neuropsychologie und der Hirnforschung beeinflusst, aus der analytischen Philosophie entstanden ist. Allerdings sind einerseits vermutlich die Erkenntnisse in den betreffenden Wissenschaften noch zu wenig klar und andererseits sind deren Resultate auch nicht überrelevant für die reine Philosophie. Für diese ist es zwar durchaus interessant und wichtig, was die Naturwissenschaft über das Denken herausfindet, dies alles ändert jedoch nichts an philosophischen Begriffen wie Sinn, Zweck oder Ziel (und dergleichen mehr). Dies - die Bedeutung und Verbindung von Wörtern, Bedeutungen und Verbindungen - sind und bleiben aller Naturwissenschaft zum Trotz Fragen der Philosophie (inkl. Religion). Die Philosophie des Geistes schlägt sich auch teils mit Scheinproblemen herum, etwa dem sogenannten alten (aus der Auseinandersetzung mit dem Kartesianismus herstammenden) Leib-Seele-Problems. Bei Steiner, welcher (u.a.) leider in den Universitäten wenig bis gar keine Beachtung gefunden hat, ist es doch bereits sehr klar erschienen, dass die dreifaltige Auffassung von Körper, Seele und Geist die Lösung dieses Problems ist (diese ist schon lange bekannt: aus der Theosophie, der Alchemie und/oder der Mystik [und kann sogar aus einer reduzierten Schichtenlehre bei Aristoteles schon herausgelesen werden (wenn man die ersten drei seiner Schichten zu einer zusammenfasst)]). Schliesslich möchte ich hier auch eine Aussenseiterposition erwähnen, die im Zuge der grossen Bedeutung der Science Fiction in der Kunst nicht ganz unbedeutend ist, jene des Trans- und Posthumanismus - nicht selten verbunden mit Atheismus und Eugenik (Huxley [Julian], Ettinger, FM-2030, More, Bostrom). Wohin geht die Philosophie der Zukunft? Das ist eine grosse und offene Frage. Sicher ist eigentlich nur das, was uns heute beschäftigt: das sind vorab die alten Probleme (aus dem 20. Jahrhundert und den vorherigen Jahrhunderten) - die Wissenschaft und ihre Weiterentwicklung, die Erhaltung der Umwelt und der Natur sowie die Verbesserung der Gesellschaft; aktuell derzeit sind die Neuen Medien, der politische Populismus (rechts wie links) oder die Fake News und deren wachsender Einfluss. Von einem Ende der Philosophie ist nichts zu sehen, denn alleine die ständigen Veränderungen in der Welt werden dafür sorgen, dass wir uns immer wieder mit den alten und neuen Fragen beschäftigen werden müssen.

* Bedeutend sind auch philosophische Medienformate in den Massen-/Unterhaltungsmedien, welche in den letzten Jahren entstanden sind. Dies sind die ersten philosophischen (Broadcast-) Sendungen von und über Philosophie überhaupt! 1991/1997-dato "Philosophy Now" (Zeitschrift, USA - Chefredaktor: Rick Lewis [1991 lokal, 1997 national]). 1994-dato "Sternstunde Philosophie" (Fernsehsendung, CH - Schweizer Radio und Fernsehen SRF, Moderatoren: Herbert Meier, Klara Obermüller, Norbert Bischofberger, Barbara Bleisch, Katja Gentinetta, Stephan Klapproth, Yves Bossart). ?-dato "Das philosophische Radio" (Radiosendung, DE - WDR5, Moderator: Jürgen Wiebicke). 2001-2006 "Lesch & Co." (Fernsehsendung, DE - BR-alpha, Moderatoren: Harald Lesch & Wilhelm Vossenkuhl). 2002-2012 "Das Philosophische Quartett" (Fernsehsendung, DE - Zweites Deutsches Fernsehen ZDF, Moderatoren: Peter Sloterdijk & Rüdiger Safranski). 2004-dato "Philosophy Talk" (Radiosendung, USA - Valley Public Radio, Moderatoren: Ken Taylor & John Perry). 2006 The Perfect Home (Fernsehsendung, Channel 4, Moderator: Alain de Botton), 2006-2008 "Denker des Abendlandes" (Fernsehsendung, DE - Bayrischer Rundfunk BR, Moderatoren: Harald Lesch & Wilhelm Vossenkuhl [Episodenguide]). 2006-dato "Philosophie Magazine" (Zeitschrift, FR - Chefredaktor: Michel Eltchaninoff). 2007-dato "Philosophie" (Fernsehsendung, FR - ARTE, Moderator: Raphaël Enthoven). 2007-dato "Philosophy Bites" (Poadcastserie, USA - Moderatoren: Nigel Warburton & David Edmonds). 2008-dato "scobel" (Fernsehsendung, DE - 3sat, Moderator: Gert Scobel). 2011-dato "Philosophie Magazin" (Zeitschrift, DE - Chefredaktor: Wolfram Eilenberger). 2012-dato "Precht" (Fernsehsendung, DE - Zweites Deutsches Fernsehen ZDF, Moderator: Richard David Precht). 2012-dato "The Public Philosopher" (Radiosendung, ENG - BBC Radio 4, Moderator: Michael Sandel).

** Man kann die US-Philosophie nicht kleinreden, ganz im Gegenteil spielte sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die bedeutendste Rolle überhaupt (sie hat diese quasi von den Deutschen übernommen). Trotzdem bin ich ein Anhänger der europäischen Philosophie (natürlich ohne einen alten Eurozentrismus propagieren zu wollen), und zwar aus dem Grund, weil ich finde, dass die US-Amerikaner, noch extremer als die Briten, auf wissenschaftliche und sogar politische Zwecke achten. Die europäische Philosophie ist offener, oder hat zumindest das Potenzial dazu. Die bedeutendsten US-Philosophen waren bis dato (und aus heutiger Sicht!) vielleicht etwa James, Quine, Rawls, Rorty - er verstärkte Wittgensteins und Heideggers Ende der Philosphie in den USA ('The End of Philosophy') - und Chomsky, welcher die aktuelle Supermachtpolitik der USA kritisch betrachtete. Ich sehe Europa stärker in der Philosophie, die USA dagegen stärker in der Wissenschaft (und für viele der anderen bleibt dann quasi alleine fast die Religion bzw. der letzte Halt gegen das Gefühl von einer vollkommenen Abhängigkeit von fremden Mächten und Entwicklungen - vom Ziel einer weltweit kohärenten Entwicklung ist man noch sehr weit entfernt.

Ich habe im vorangegangenen Abschnitt die rhetorischen Philosophen des 20. Jahrhunderts angesprochen. Vielleicht gab es in der Philosophie des 20. Jahrhunderts sogar mehr rhetorische als schriftliche Stars, z.B. Steiner, Gandhi, Russell, Krishnamurti, Heidegger, Adorno, Sartre, Feyerabend, Chomsky, Roderick, Sloterdijk, u.a. - und es geht weiter etwa mit Zizek heute. Das Sprechen über Philosophie, oder: im Namen der Philosophie, und das Hören von Philosophie scheint im Zeitalter von Radio, Fernsehen und Internet interessanter zu werden als das Lesen von Philosophie! Die Öffentlichkeit nimmt heute fast nur noch die grossen Rhetoriker wahr, die im Fernsehen auftreten, während die Schriftphilosophie immer mehr in den Hintergrund - und in spezifische akademische Fachzirkel - rückt. Einen eigentlichen Event-Charakter hat die Philosophie - trotz einiger Ansätzen wie Nächten der Philosophie (u.a.) - bisher noch nicht wirklich entwickelt, obwohl es bereits eine Event-Philosophie gibt: bei Alain Badiou (geb. 1937), in dessen Werk der Ereignis-Begriff von zentraler Bedeutung ist (auch für die Philosophie selber?).


Exkurs - Universitäre und ausseruniversitäre Philosophie. Allgemein gilt es zu sagen, dass die Philosophie im 20. Jahrhundert sehr stark vom Universitätswesen geprägt war, stärker vielleicht denn je zuvor. Von ausserhalb der Universitäten ist kaum mehr etwas in die Philosophie eingeflossen, trotz bedeutender, aber eben anderer, ausseruniversitärer Ideenarbeiter oder -verarbeiter wie etwa Rudolf Steiner (beginnend im 19. Jahrhundert), Jean Gebser, Arthur Koestler oder Alexander Bard - auch Max More, welcher vielleicht der Einzige von diesen ist, für den das nur beschränkt gilt: nicht als Person, sondern in der Sache - um nur einige der bekanntesten zu nennen (zu solchen Figuren, welche in der offiziellen Philosophie kaum bis gar nicht wahrgenommen werden, gehören aber auch Studierte anderer Richtungen wie die Physiker Albert Einstein, Werner Heisenberg - welcher sagte, dass die Physik und die Philosophie für ihn untrennbar verbunden seien (sowie die anderen berühmten Quantenphysiker) - und Fritjof Capra oder der Biologe Rupert Sheldrake, u.a., welche auch Ideen vertreten, die irgendwie nicht in die aktuelle und offizielle Philosophie hineinpassen - daher wird solches auch kaum bis gar nicht bedacht und erwogen, sondern ausdrücklich oder stillschweigend a priori als unphilosophisch abgelehnt). Sicher muss die Philosophie (als universitäre Wissenschaft, notabene) auch eine gewisse Eingrenzung in ihrem Gebiet machen, andererseits ist aber auch gerade sie der grosse Versammlungsort der Ideen, und daher ist es vielleicht auch umstritten, wie eng oder wie weit eine solche Eingrenzung gemacht wird. Man kann vielleicht auch sagen, dass die Universitätsphilosophie sich immer wieder ein bisschen im eigenen Kreis dreht und vielleicht auch immer wieder ein bisschen in diesem eingeschlossen ist. Demgegenüber zeigen ein paar Beispiele aber auch, dass das Denken innerhalb des universitären und intellektuellen Kreises offener geworden ist (Clark, Chalmers, Silva, aber auch etwa Zizek). Es ist wieder einmal, wie so oft in dieser Zeit, beides: die Ambivalenz. Historisch gesehen gibt es sehr viele bedeutende Philosophen, welche nicht Philosophie studiert haben (dazu gehören - nebst Newton - von den grössten Namen der neuzeitlichen Philosophie etwa Hobbes, Descartes oder Nietzsche) oder überhaupt nicht studiert haben bzw. kein Universitätsstudium abgeschlossen und damit keinen akademischen Grad haben (etwa Spinoza, Pascal, Voltaire, Rousseau oder Hume [welchem Kant seinen bedeutendsten philosophischen Impuls verdankt], u.a., sowie die meisten Philosophen der Antike und des Mittelalters; dagegen gibt es auch einige, welche Philosophie universitär studiert und abgeschlossen haben, von denen man das vielleicht nicht unbedingt denken würde, z.B. Smith und Marx, die beiden gegensätzlichen Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker). Die Situation für die Universitäten ist speziell, gerade in der Philosophie, wo es eben immer auch um allgemeine und allgemeingutliche Ideen geht, und nicht nur - wie in vielen anderen Wissenschaften heute - um technisches Fachwissen: einerseits ist heute vieles oder fast alles irgendwie im Internet verfügbar, andererseits gibt es eben auch den Anspruch der Vertetung einer Eigentlichkeit oder Hauptsächlichkeit, welche noch immer - und vermutlich noch lange - in den Universitäten stattfindet (aufgrund eines vielleicht und/oder hoffentlich regeren und höheren Diskurses, welcher aber eben auch einer gewissen inneren Beschränkung unterworfen ist). Betrachtet man bezüglich der Universitäten deren Hüterrolle in den Wissenschaften, so kann dies in der Philosophie leicht zur Behauptung von verstaubten (Universitäts-) Bibliotheken führen. Sloterdijk schreibt in seiner berühmt-berüchtigten Rede "Regeln für den Menschenpark" (1997/1999): "Alles deutet darauf hin, dass Archivare und Archivisten die Nachfolge der Humanisten angetreten haben. Für die Wenigen, die sich noch in den Archiven umsehen, drängt sich die Ansicht auf, unser Leben sei die verworrene Antwort auf Fragen, von denen wir vergessen haben, wo sie gestellt wurden." Gerade darum, u.a. (und auch im Zeitalter von Internet und World Wide Web), aber benötigen wir auch - neben allen Freiheiten - den zentralen (und auch historischen) Sammlungs- und auch Deutungsort. Je mehr Zeit vergeht, in der Geschichte und in der Philosophie (-geschichte), desto schwieriger und bedeutender wird diese Aufgabe werden. Und vielleicht ist es am Ende gar wiederum die Philosophie, welche die Universitäten in der weiteren und immer unübersichtlicheren Technisierung der Wissenschaften überhaupt noch wird zusammenhalten können.


Aktuell: Trends, Tendenzen, Exoten. Interessante Versuche, neue Formen der Philosophie im Internetzeitalter zu erfinden, führen derzeit v.a. in die Videokanäle im Web. Pioniere dazu sind verschiedene relativ unbekannte Leute und Laien, unter welchen Jason Silva (geb. 1982), welcher in Venezuela geboren wurde und in den USA lebt, herausragt. Er wird als 'Timothy Leary for the Viral Video Age' bezeichnet (man könnte vielleicht auch sagen: eine Art Video-Schamane des Internetzeitalters). Wie soll man beschreiben, was er (seit 2013) in und mit seinen spektakulären und hyperexpressiven Web-Videos macht? Auf jeden Fall ist so etwa das pure Gegenteil vom alten scholastischen Bibliotheken-Muff-Image des Philosophen, wie es Sloterdijk angesprochen hat (obwohl Silva ein universitär studierter Philosoph ist). Ich nenne es Multi-Media-Freestyle-Flow-Bewusstseinserweiterungsphilosophie (ein Ausdruck, welcher vielleicht zeigt, dass man das fast nicht beschreiben kann - er selber spricht von 'Mystery Awe', 'Cognitive Extasy Awe' oder 'Extatic Contemplation' als Erfahrungen, die ihn besonders interessieren). Rein philosophisch ist Silva in Bereichen einzuordnen wie Philosophie des Geistes, Transhumanismus, aber auch etwa Bereichen wie Lebensphilosophie, Psychedelik, Animismus, Spiritualismus oder Spiritismus (er spricht selber von Channeling - die Verbindung von Naturerfahrung, Technik und Spiritismus ist natürlich nicht eine neue Verbindung, sondern das findet sich schon etwa in der Alchemie [auch und gerade dies zeigt: die Verbindung von Uraltem mit Brandneuem ist derzeit hochmodern (für manche in verschiedenerlei Hinsicht auch: erschreckend modern [die ganze Fantasy-Bewegung in der heutigen Kunst gehört ebenfalls zu diesem Phänomen, u.a.])])*. Es bleibt vielleicht die Frage, wie sich all diese Highs - in der heutigen Wissenschaftsphilosophie überhaupt - in eine vernünftige Zukunftsperspektive integrieren lassen. Auf jeden Fall ist das aber hoch interessant und sehr zeitgemäss, und daher gehört Silva für mich zu den bedeutendsten Philosophen und philosophischen Influencern dieser Zeit. Ein anderer Versuch, einen Event- oder Performance-Charakter in der Philosophie zu erzeugen ist etwa Philosophy Slam, ein Bühnenwettbewerb für rhetorische Philosophie (entstanden aus dem Poetry Slam - die Übertragung in die Philosophie stammt von Hofweber [2008/2014]). Ebenfalls erwähnenswert sind die Nächte der Philosophie, in denen verschiedene Veranstaltungen zu philosophischen Themen während einer Nacht stattfinden (konzipiert von Mériam Korichi, 2010). Fast scheint es so, als hätte sich die Philosophie ein bisschen in die Nacht verzogen, aber trotzdem. Im Zeitalter der Webvideos werden selbst die klassischen Schulvorträge wieder zu einer interessanten Sache (teils sogar - sehr originell - mit Verwendung der guten alten Schiefertafel, inkl. Tafelschwamm): Universitätsprofessoren schicken ihre Vorträge direkt in die ganze Welt hinaus, der andere entdecken - TED-talk-mässig - diese Bühne für sich. Auch hierbei gibt es interessante Figuren wie z.B. den schwedischen Cyberphilosophen, Musiker und Zarathustrier Alexander Bard (geb. 1961), welcher v.a. mit einer speziellen Interpretation der Internet-Revolution aufgefallen ist. Man kann seine syntheistische Haltung hinterfragen, oder als zu übertrieben betrachten - natürlich stimmt das nicht, wenn er sagt, wir würden in einer brandneuen Welt leben und die alte Welt sie gestorben (das ist eine typisch futuristische Übertreibung) - aber seine Cyberphilosophie (seit 2000) hat sicher eine interessante Konsequenz. Ich möchte wirklich nicht allzu freizügig irgendwelche Exoten, die es immer gibt, hier anführen, aber ein paar interessante Denker, welche durch die Maschen der offiziellen Philosophie fallen, gibt es eben doch. Bard ist ein philosophischer Laie - aber: kein anderer Philosoph hat sich so konsequent auf das Internetthema eingelassen (was ja doch auch eines der bedeutendsten Themen dieser Zeit ist). Was hat die reine Schriftphilosophie derzeit vorzuweisen? Es ist sehr schwierig, darin eine klare Tendenz für dieses Jahrhundert herauszuspüren - vielleicht ist es auch noch etwas zu früh dafür. Erwähnen möchte ich daher einen - auch er ein Laie - welcher die Philosophie des 20. Jahrhunderts zusammengefasst hat zu einer Negativität der Moderne: Sven Hillenkamp (geb. 1971 - "Negative Moderne" [2016]). Vielleicht ist das schon wieder etwas abgeschmackt, aber es ist - ausser dem Existentialismus - das, was das 20. Jahrhundert mit seiner ganzen kulturkritischen Haltung uns philosophisch hinterlassen hat. Und auch der derzeit populärste Public Philosopher Slavoj Zizek (geb. 1949) ist eigentlich ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert (bzw. Jahrtausend) und steht irgendwie für das grosse politische Fragezeichen nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus.

* Erwähnen muss man aber in diesem Zusammenhang v.a. Louis Lavelle (1883-1951 - mit Büchern wie "La Conscience de soi", "La Présence totale", "Du temps et de l'éternité" oder "De l'intimité spirituelle", je zwischen 1933-1955 - es scheint fast so, als würde die aussergewöhnliche Performance von Silva direkt aus diesem Geist herauskommen [obwohl er diese Bücher vermutlich gar nie gelesen hat, sondern einfach etwas auf virtuose Art bringt, was sehr gut in unsere Zeit bzw. in unsere Medien und in unsere Kunst hineinpasst (denn es würde nicht überall passen, aber in einem Medien- und Kunstformat passt es perfekt)]).


Weitere Videos von Silva: To be on to something, Awake walking lucid dreaming, Create a flow state, Extended mind - the extensions of our cognition, Some poetic facts, Love (eines seiner frühen Videos aus dem Jahr 2012) - interessante Gespräche: Gespräch mit Vlogger Tom Bilyeu, Überblick über sein Awe-Denken und seinen Hintergrund; und so spricht er eigentlich: Spanisch. (Und ein Video von Populärwissenschaftler Carl Sagan, welchen Silva - nebst deGrasse Tyson - oft als Vorbild angibt: Pale Blue Dot - etwas, was aus den 1970-er und 1980-er Jahren kommt: die Sichtweise vom All auf die Erde. Konkret geht es hier allerdings um ein berühmtgewordenes Bild aus dem Jahr 1990.)


Eine quasi religiös angehauchte Gegenfigur zum Technikfreak Jason Silva ("I phone therefore I am") ist Prince Ea (eigentlich Richard Williams: "Did you know the average person spends four years of his life looking down at his cellphone? Kind of ironic how these touchscreens can make us lose touch"), welcher tatsächlich aus dem Freestyle-HipHop kommt (auch Silva macht diese Verbindung): "The End of The World" oder "Auto-Correction of Humanity". Dieses Video zeigt, dass man solche Ideen- und Propaganda-Videos auf sehr verschiedene Art machen kann. Sicher ist es schon nur deshalb interessant, solche Videos zu sehen, um vertraut zu werden, in welcher Art und Weise wir in Zukunft manipuliert werden, vermutlich auch immer öfter durch oder in einer Virtual Reality (von Leuten, die ehrliche Ansichten transportieren, wie Jason Silva oder Prince Ea, aber auch von Leuten, welche die reine - z.B. auch, u.a., die politische, aber auch neureligiöse oder auch nur industriell-werbungsmässige - Manipulation beabsichtigen - eines ist sicher: die Manipulationsmöglichkeiten werden in verschiedenerlei Hinsicht immer besser).

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Libertarian Crossover und Flow-State-Theorie. Sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Politik - der aufkommende Begriff vom Libertarismus ist heute nahezu ein Synonym für Neoliberalismus oder Anarchokapitalismus, stammt aber vom Anarchokommunisten Déjacque (im 19. Jahrhundert)* - scheint derzeit eine seltsame Wendung stattzufinden, indem die Rechtsaussenposition offenbar Inhalte von der Linksaussenposition übernimmt und zu ihren Gunsten umdeutet. Dieses seltsame Phänomen - ich nenne es 'Libertarian Crossover' - welches derzeit zu beobachten ist, scheint in einem zeitlichen Zusammenhang zu stehen mit dem Niedergang des osteuropäischen Kommunismus und dem Ende des Kalten Krieges (Ende des 20. Jahrhunderts). Zu diesem Crossover-Bereich gehört auch die Flow-Theorie (Csikszentmihalyi, Wheal, Kotler [mit Verbindungen zur Spieltheorie]), welche von Silva oft angesprochen wird (denn die Selbstverwirklichungsidee stammt von einer linksliberalen, humanistischen kindorientierten Pädagogik und v.a. auch von Marx, und sie ist über Abraham Maslow [1908-1970], mit dessen Bedürfnispyramide und seiner Beschreibung des Gipfelerlebnisses [engl. peak experience] in die heutige Flow-Theorie aufgenommen worden). Es scheint eine seltsame Verbindung derzeit zu geben zwischen Ideologien wie Neoliberalismus, Libertarismus, Anarchokapitalismus, Trans-/Posthumanismus und Flow-(State-)Theorie (u.a.). Ich bin überzeugt, dass wir von diesen und ähnlichen Dingen, für die es offenbar tausend Namen gibt, noch sehr viel hören werden in diesem Jahrhundert (der Fake News, der allgemeinen Verwirrung und der Geringschätzung der Intellektualität). Wir scheinen derzeit beides zu erleben: die Verpolitisierung der Wissenschaft und die Verwissenschaftlichung der Politik. Die mit der Selbstbestimmungstheorie (Ryan, Deci [2000]) verwandte Flow-State-Theorie, welche als eigentliche Sensation in der Neurologie und Psychologie (sowie Philosophie) zu dieser Zeit im Anfang der 2000-er Jahre ausgegeben wird. Mit dem Flow ist ein Phänomen der inneren Konzentration auf eine bestimmte Tätigkeit gemeint, mit welcher Meisterleistungen möglich sind (z.B. im Sport, in der Kunst, aber auch überhaupt). Natürlich wirft das auch grosse Fragen auf, z.B. im Bereich der Drogeneinflössung zur Leistungsverbesserung (auch etwa auf der Arbeit, oder der Forderung von übermenschlichen Leistungen, usw. usf., etc. etc.). Die Theorie scheint zwar sehr interessant und einigermassen spektakulär zu sein - auch abseits von politischen Überlegungen - aber letztlich wird doch nichts daran vorbeiführen, dass die wichtigsten Fragen soziologischer und politischer Art sind. Es ist auch noch nicht klar, ob es sich hierbei um ein eher esoterisches oder wirklich um ein praktisches Phänomen handelt. Leicht kann dagegen gezeigt werden, dass diese Theorie, welche von der Psychologie herkommt, auch für die Philosophie von einigem Interesse ist: wir müssen diesbezüglich nicht auf den Namen von Silva verweisen, sondern vielmehr natürlich auf jenen von Heraklit (mit seinem 'Panta rhei'); und natürlich passt diese Theorie auch sehr gut in die ganzen Diskussionen um das Bewusstsein heute, welche etwa im Bereich der (sogenannten) Philosophie des Geistes geführt werden. Silva sagt aber in einem seiner Videos sehr schön, dass die Vertreter dieser Theorie ihr einen Wert beimessen, welcher über die reine Psychologie hinausgeht, ja: dass sie damit eine soziologische Revolution verbinden: "We can experience design, and induce and design our cities and our social systems with positive self-reinforcing feedback loops that teach flow to make flow an innate natural emergence. This is what becomes possible. And then: who knows?" Das tönt wie die Erschaffung eines Kulturgartens Eden (hoffentlich ohne allzu hohe Türme), heisst aber nichts anderes, als dass die Umgebung ein wichtiger Faktor der menschlichen Zufriedenheit ist, und dass wir sie - mit Hilfe der Technik - so einrichten können, dass der Mensch zu besseren Leistungen fähig sind und mehr Zufriedenheit erleben. Das ist die Überlegung, welche diese Theorie interessant machen (nicht das private Erlebnis alleine). Jamie Wheal bringt die Flow-State-Theorie mit der Popkultur und -psychologie in Verbindung: diese sei darauf gerichtet gewesen, den 'happy place' zu suchen, zu finden und zu erhalten. Er sieht in seinem TED-Talk drei grosse Ideen bezüglich dieser Theorie: "The Big Three Ideas: 1. Flow silences our Inner Critic (Selfless), 2. Flow accelerates the path to Mastery (Effortless), 3. Flow is hackable (Timeless)." (Interessant dazu auch, was Silva oft dazu sagt: "The doer and the seer merge.") Kants 'sapere aude' scheint dabei - mit der Ausschaltung des rückbezüglichen Selbst im Ich, quasi - natürlich in Frage gestellt, wenn nicht angegriffen zu sein, wie man aus der Sicht der Philosophie dazu anmerken muss (oder anders gesagt: in diesem Flow, in welchem der 'thinker' ausgeschaltet ist, kann man dann auch Dinge machen, welche man nicht mehr durch das Ich-Selbst begründet, sondern durch den reinen Flow [siehe, z.B. Drogenrausch]).

* Der Begriff des Libertarismus kam v.a. nach der Trump-Wahl auf, nicht weil die Libertarian Party in den USA besonders erfolgreich ist, sondern weil Trump gewisse von Anflüge von Anarchokapitalismus zugesprochen werden (und weil er eben auch ein Teil ist dieses erwähnten seltsamen Crossoverphänomens). Man sieht heute immer öfter heute ein Schema mit zwei Achsen und vier Feldern - eine sozialrelevante Achse vom Libertarismus unten zum Autoritarismus oben und eine ökonomierelevante Achse von links nach rechts. Ich möchte ein bisschen vor diesem Schema warnen, in welches Personen oder Parteien eingeteilt werden. Im Gegensatz zum alten linearen Links-Rechts-System (Rechtsaussen, Rechts, Mitte, Links, Linksaussen) kommt hier der reine Streit - in doppelter Hinsicht sogar - besser zum Tragen. Vielleicht sollten wir nicht etwas grapisch (zweidimendional) darstellen, was wir dreidimensional nicht darstellen können. Im zweidimensionalen System können etwa religiöse Phänomene kaum eingeteilt werden. Ich habe etwa schon öfter Mahatma Gandhi als Paradebeispiel für einen Linkslibertarismus gesehen, offenbar einfach, weil er seltsame Kleider getragen und gegen die britische Okkupation opponiert hat, obwohl er in Indien auch ein strenger Vertreter des Kastenwesens war (es scheint, als sei er in einem bestimmten System als linkslibertär erschienen, während einige andere Betrachtungsweisen eher auf ein Gegenteil hinweisen [ein besonders krasser Fall zum Aufzeigen, dass (auch) dieses Schema bedeutende Fehleinschätzungen bewirken kann (interessant in diesem Zusammenhang auch der Seitenwechsel von Mussolini und die Anleihen Hitlers von der anderen Seite [z.B. in seinem Parteinamen])]). Auch erscheinen alle Regierungsträger notwendigerweise in der autoritären Hälfte, weil sie ja eben Regierungsträger sind, wogegen die Opposition fast ebenso notwendig in der unteren Hälfte liegt (aber in die obere rücken würde, sobald sie an der Regierung beteiligt wäre). Also: das ist doch relativ fragwürdig (ebenso, wie es auch schwierig geworden ist, das alte lineare System aufrechtzuerhalten, weil sich z.B. die grüne Bewegung im Vergleich zu den Neomarxisten nicht mehr richtig einordnen lässt und weil der Progressivitätsfaktor nicht mehr so klar verteilt ist, je nachdem, ob wir von sozialen oder technischen Neuerungen ausgehen - trotz diesen Schwierigkeiten würde ich beim alten System bleiben [national-liberal-christlich-sozial-grün]).

Derzeit scheint diese libertäre Diskussion zu einiger Verwirrung bei den Linken zu führen; sie rührt in einer Zeit, in welcher v.a. die Jugend für Extreme empfänglicher wird, eine alte Frage an: jene zwischen einer eher kommunistischen (institutionellen) oder eher anarchistischen (libertären) Auffassung. In der aktuellen Politik scheint sich eine eher wieder kommunistisch orientierte Alternative zu bilden, während unter den Intellektuellen (und den Künstlern) das (links-) libertäre Argument derzeit populärer erscheint (Chomsky, Zizek [bezeichnet sich zwar zuweilen als Erzkommuist, seine Einstellung ist aber eher libertär], Precht [drückt eigentlich keine politische Haltung aus, aber ich würde ihn auch eher hier einteilen (d.h. eher links und eher institutionskritisch)]). Zwischen diesen vulgärsozialistischen Auffassungen kämpft die Sozialdemokratie um ihren politischen Nimbus als die (revisionistisch) gemässigte sozialistische Kraft. Auf der rechten Seite ist derzeit nicht eine Verwirrung festzustellen, sondern - aufgrund eines starken Einflusses von einem Rechtspopulismus - eine Tendenz vom Liberalismus über den Neoliberalismus zum Anarchokapitalismus (d.h. ein zunehmendes Desinteresse an allen Werten, welche nicht das Geld und den Gewinn betreffen [man kann auch sagen: der Liberalismus flüchtet sich derzeit aus der Zone einer zunehmenden Links/Rechts-Polarisierung in der Politik in die reinen Kapitalwerte, worunter ein bisschen seine gesellschaftliche Vision leidet]). Dies sind freilich beides nur Momentaufnahmen.

Fünf wissenschaftliche Themen, welche die Wissenschaftsdiskussion seit dem Zweiten Weltkrieg bestimmt haben: Nuklearenergie (Erstes AKW in Russland 1954, in England 1955, Gründung der Grünen Partei in Deutschland 1980 [Politökologischer Widerstand]), Computer/Internet (PC 1981, Web 1991), Gentechnik bzw. -technologie (Humangenomprojekt mit dem Ziel der Entschlüsselung des gesamten Erbguts des Menschen, 1990-2003), Astrophysik (u.a. mit Hawkings Bestseller "A Brief History of Time" [1988] sowie populärwissenschaftlichen TV-Moderatoren [Lesch, Kaku]), Neurologie/Hirnforschung/Kognitionswissenschaft (den Grund dafür, warum dieser eigentlich ältere Zweig besonders in den 1990-er und 2000-er Jahren grosse Beachtung fand, kenne ich [noch] nicht, aber es ist so); heute aktuell, u.a.: Flow-State-Theorie (Flow Genome Project, aktuell [angesagt bis 2020 (bis dann soll der Flow quasi entschlüsselt werden [obwohl es sich hier natürlich um eine ganz andere Art von Phänomen handelt])]). Es ist schwer einzuschätzen, ob diese Flow-State-Theorie wirklich bedeutend für die Zukunft ist, oder: Teil von etwas Bedeutendem. Trotzdem habe ich sie hier etwas grösser gebracht, weil mir das Phänomen sehr typisch für diese Zeit erscheint, in welcher der Mensch offenbar (u.a.) auch wieder zu träumen anfängt.

In einem zeitinterpretierenden Ausblick steht für mich der Begriff der Ambivalenz im Vordergrund. Ich habe versucht, diese allgemeine Ambivalenz in konkretere Fragen zu kleiden und bin etwa auf folgende Fragen gekommen: 1. Ewiges Projekt der philosophischen Aufklärung nach allen Richtungen hin oder Brave New Dark Media World? 2. Weltliche Humanität mit hintergründlicher Religion oder neue Fundamentalismen in allen Bereichen? 3. Quantitativer und qualitativer Fortschritt in den Natur- wie den Geisteswissenschaften oder wilde libertäre Technikentwicklung mit katastrophalen Folgen? Es ist immer schwieriger, überhaupt irgendetwas bezüglich der Zukunft zu sagen - und es ist in dieser Zeit schwieriger denn je, daher ist das auch irgendwie eine gegenwartsbezogene und zukunftsfragliche Zeit. Diese Fragen sind daher rein spekulativ. Schon in einem halben Jahr kann die Welt wieder ganz anders aussehen - so ist oder erscheint das in dieser heutigen Zeit. Vielleicht habe ich trotzdem irgendeinen (Zeit-) Nerv damit getroffen (und wenn nicht, so habe ich es wenigstens versucht). Die Zukunft entsteht - sei es in einer (entschiedenen) seriellen oder in einer (zusammengeführten) dialektischen Logik - aus den grossen Zeitfragen heraus. Auch interessant finde ich die Betrachtung der Bestsellerautoren der Zeit - das sind heute etwa: Dan Brown (Verschwörungstheorien), Ken Follett (Thriller), John Grisham (Justiz), Stephen King (Horror), Joanne K. Rowling (Fantasy - Jugend).

Ist etwas sehr Wichtiges und Grosses zu dieser Zeit vergessen worden? Natürlich (u.v.a., welches hier, in dieser kurzen Zusammenstellung, nicht erwähnt werden konnte): der Begriff der Information. Manchmal ist man so tief im vielfältigen Geschehen drin, dass man zentrale Begriffe wie diesen glatt vergisst. Die Bedeutung dieses Begriffs für unser Zeitalter hat der US-Soziologe Daniel Bell (1919-2011) herausgestellt, in seinem Buch "The Coming of Post-Industrial Society: A Venture in Social Forecasting" (dt. Die nachindustrielle Gesellschaft, 1973). Er ging von der Dreiheit der ökonomischen Sektoren (Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen) aus, und bezeichnete das Zeitalter der Dienstleistungen als angebrochen, in welchem der Begriff der Information die zentrale Rolle spielt (dies notabene acht Jahre vor dem Personal Computer [1981] und 18 Jahre vor dem World Wide Web [1991 - während weitere zehn Jahre später übrigens natürlich, zwei Jahre nach der grossen Millenniumsfeier beim Jahreswechsel 1999/2000 und ein Jahr nach dem New-Economy-Crash bzw. der sogenannten Dotcom-Blase 2000, die Welt daran erinnert wurde, dass dies alles nicht so einfach werden wird, wie manche vielleicht geglaubt haben: na ja]).

Ich habe mich nicht gescheut, die Entwicklung der Ideengeschichte hier bis in die Gegenwart hinein zu verfolgen (auch wenn die Analyse der Gegenwart immer viel schwieriger ist als jene der Vergangenheit).

Ebenfalls ein Anliegen ist es mir, hier noch einmal - wo es nicht schon gemacht wurde - auf die Autoren der (sogenannten) Populär- und Vulgärphilosophie (und -wissenschaft) zu verweisen, wie sie v.a. in den 1970-er und 1980-er Jahren, aber eigentlich zu allen modernen Zeiten, als Bestsellerautoren herauskamen. Dazu zähle ich Leute wie Arthur Koestler, Robert Jungk, Joseph Weizenbaum, Frederic Vester, Carl Sagan, Fritjof Capra (später etwa: Dawkins, Hawking oder deGrasse Tyson - u.a.). Besonders Jungk, Vester und Capra stehen - wie auch etwa Naess oder Lovelock/Margulis - auch in einem engen Zusammenhang mit der Diskussion von ökologischen Themen und Ansichten in einer breiteren und auch der intellektuellen Öffentlichkeit. Das Buch "The Turning Point: Science, Society, and the Rising Culture" (dt. Wendezeit - Bausteine für ein neues Weltbild, 1982) vom österreichisch-amerikanischen Physiker und Esoteriker Fritjof Capra (geb. 1939), welches ich in den mittleren 1980-er Jahren gelesen habe (1985 kam eine erweiterte deutsche Ausgabe heraus), war meine erste philosophische Lektüre überhaupt, die mich auch dazu angeregt hat, mich etwas später sehr viel breiter und tiefer mit der Philosophie auseinanderzusetzen. Ich kann sagen, dass diese Populär- und Vulgärphilosophie - mit Anflügen auch etwa von Camus, Nietzsche, Fromm oder Jonas - mich eigentlich zur Philosophie gebracht hat. Für die Wissenschaften ist der Bereich der populärwissenschaftlichen Autoren und Moderatoren relativ bedeutend, bei den Philosophen fehlt dies - und damit ein besserer Zugang zu einem breiteren Publikum - ein bisschen. [Was sagt/denkt Capra, dieser typische Vulgärphilosoph der ökologischen alternativen Intellektualität der 1980-er Jahre, heute? Hier gibt es ein Interview dazu (im Alter von 73 Jahren, notabene; Capra drehte auch einen Film (1990) zu seinem Buch).]

Die Position des Vulgärwissenschaftlers ist für den Philosophen natürlich nicht so fremd (und daher auch besonders interessant), denn er steht ja selber in dieser Position: einerseits möchte er die Wissenschaften einbeziehen in sein Denken, andererseits aber ist er auf keinem wissenschaftlichen Gebiet ein wissenschaftlicher Experte. Er kann also selber nur ein Vulgärwissenschaftler sein. Er sollte auch nichts vorgeben, immerhin aber kann er alle wissenschaftlichen (und zwar natur- wie geisteswissenschaftliche) Gebiete gleichermassen einbeziehen. Das ist wiederum der Vorteil des Philosophen (irgendeinen Vorteil muss er ja auch haben).

An diese Erkenntnis schliesst sich die Frage an, ob es überhaupt eine wissenschaftliche Philosophie gibt, wie ja die Philosophie als Wissenschaft behauptet ist (im universitären System). Ich würde das bejahen, meine aber, dass wir erst auf dem Weg zu einer solchen sind. Dazu müssten wir die einzelnen Philosophien besser einordnen können, was natürlich sehr schwierig ist (auch deswegen, u.v.a., weil es immer neue Begriffe gibt und immer neue Sichtweisen, welche die Gesamtschau wieder verändern; trotzdem glaube ich an eine Wissenschaft der Philosophie [und an eine Philosophie der Wissenschaft - bedeutend ist für mich in diesem Zusammenhang die Sichtweise der Philosophie als Ideengeschichte, ebenso wie als Ideenauffassung zu einem bestimmten Zeitpunkt (und der Begriff von Ideen bedeutet in der Philosophie immer auch ganz wesentlich den Begriff von Begriffen: wir können auch von einer Begriffsgeschichte und -auffassung sprechen)]).

Etwas bin ich immer noch schuldig, und das ist eine genauere Einschätzungen der aktuellen Philosophie. Allgemeine philosophische Überlegungen - wie ich sie bis hierhin angestellt habe - und Überlegungen und Erwägungen zur offiziellen Philosophie sind für mich nicht dasselbe. Gibt es überhaupt eine 'offizielle Philosophie'? Natürlich nicht, aber es gibt den Anspruch von einer quasi 'offiziellen Philosophie' - durch den universitären Diskurs (diesen Begriff sollte man sich merken: jenen vom Diskurs [denn der wird gleich wieder vorkommen]). Ich habe mich bei meinen allgemeinen philosophischen Überlegungen in meinem ideengeschichtlichen Ansatz übrigens nicht für oder gegen irgendjemanden ausgesprochen, sondern ich habe einfach das gebracht, was mir während meiner vielfältigen Beschäftigung mit Philosophie am Bedeutendsten erschienen ist. Dass jeder Philosoph gewisse Ideen unterschätzt und andere überschätzt, ist nicht von der Hand zu weisen, und das wird sicher auch mir hier geschehen sein. Und selbst das grösste Bemühen, um eine faire Bestandesaufnahme wird dieses Problem letztlich nicht lösen können. Jede Philosophiegeschichte, die ich bisher gelesen habe - und das waren doch einige - konnte den Mangel nicht verbergen, dass im Hintergrund noch 1000 andere Namen stehen (und wie in 1001 Nacht fast, der eine auch noch: der grosse unbekannte Denker der Zeiten oder die grosse unbekannte Denkerin der Zeiten, die nichts gesagt und nichts geschrieben, sondern nur [nach-] gedacht haben - seine oder ihre Stimme werden wir überhaupt schon gar nie vernehmen können [ein eigenes Thema, ein eigenartiges vielleicht auch, innerhalb der Philosophie, welches uns ja nur dazu raten soll, dasjenige nicht zu vergessen, was wir nicht vor Augen haben, aber item]).

Überlegungen und Erwägungen zur 'offiziellen Philosophie' - I. Diskursethik. In meiner Analyse zu diesem Thema sehe ich im 20. Jahrhundert (bis dato) drei grosse Richtungen. Die erste Richtung ist nach meinem Verständnis jene der Kulturkritik, die zweite jene der Seinsphilosophie, die dritte jene der Geistesvorstellung. Alle diese drei Richtungen, und das ist bedeutend, stammen aus dem 19. Jahrhundert, denn dies zeigt eine gewisse Stagnation in der 'offiziellen Philosophie' (im 20. Jahrhundert). Zur Kulturkritik. Den Vater der Kulturkritik müssen wir nicht lange suchen: es ist natürlich Nietzsche. Es gibt frühere Vorstufen - vielleicht müsste man diesbezüglich unter den ganz grossen Namen der Philosophie von einem anfänglichen Dreigestirn Voltaire-Marx-Nietzsche sprechen - aber bei ihm ist dies doch durchgebrochen, in einer Art und Weise, wie sie auch seither nicht mehr erreicht wurde. Aber das Thema besteht fort. Im 20. Jahrhundert ist in dieser Richtung die neomarxistische Kritische Theorie in Deutschland sowie der antistrukturalistische Postrukturalismus in Frankreich zu nennen. Dies hat einerseits zu einer (ausseruniversitären) Behauptung einer Philosophie der Negativität der Moderne (Hillenkamp) geführt, andererseits - was mich hier mehr interessiert - zur Diskursethik, welche Jürgen Habermas (geb. 1929) gemeinsam aufstellte mit Karl-Otto Apel (1922-2017), welcher ein grosses Interesse für den US-Pragmatismus in diese Richtung eingebracht hat. Die Diskursethik will - wie alle anderen ethischen Versuche - die moralische Negativität der Zeit überwinden und sie in eine moralische Positivität verwandeln. Ich sage trotzdem Positivität (im philosophischen Sinn), auch wenn es hier eigentlich kein oberstes Prinzip gibt - das oberste Prinzip ist indes der Diskurs. Der Hintergrund der Diskursethik ist die Auseinandersetzung mit Kant, dem grössten Moralphilosophen der Neuzeit, und John Rawls (1921-2002), dem bedeutendsten Moralphilosophen der USA im 20. Jahrhundert (Hauptwerk: "A Theory of Justice", dt. Eine Theorie der Gerechtigkeit, 1971 [eigentlich bei ihm: eine Theorie der Fairness]). Kant hat mit seinem Kategorischen Imperativ eine allgemeine Pflichtethik begründet. Seine Gegner glauben, dies mit einem Vorwurf des Solipsismus verwerfen zu können* (d.h. ungefähr: Eingeschlossenheit in die Ich-Perspektive [vgl. Descartes (und so kann man auch sagen, Kants Satz wende sich zwar an alle, aber bloss an alle Ichs, ohne ein weiterführendes oder verbindendes Du und Wir - das ist der Vorwurf); offenbar hat man keine Kritik am Satz selber ansetzen können]). Kant zielte auf das Allgemeine, Rawls auf das Konkrete. In einem konkreten moralischen Problem, sagt er in seiner Theorie der Gerechtigkeit, muss man sich - quasi in einem kleinen (sogenannten) Gedankenexperiment - in die Rolle des oder der Anderen versetzen, um zu einem guten moralischen Urteil zu kommen; und dies sollte natürlich jedermann immer tun (wenn es um moralische Fragen geht). Er sagt also: wir können die moralischen Probleme nicht allgemein angehen, sondern wir müssen sie konkret angehen, und wir müssen für diese konkrete Angehensweise neue ethisch-moralische Grundsätze finden. Dass dies nicht so einfach ist, wie Rawls vorgibt (und ferner vermutlich auch vielen Vor- und Fehlurteilen unterliegen muss), liegt auf der Hand. Wir bewerten ja den Anderen dann genau gleich, wie Kant das Allgemeine bewertet hat - solipsistisch. Und genau hier setzt natürlich die Diskursethik an, welche sagt, dass wir nicht alleine über die Vorstellung vom Anderen und seiner Rolle eine Ethik und Moral erzeugen können, sondern: dass wir mit ihm sprechen müssen. Die Diskursethik zielt auf die Kommunikation zur Lösung von ethisch-moralischen Problemen. Das tönt im ersten Moment sehr schön und gut, bedeutet aber, dass (unter gegebenen Regeln der Theorie) immer alle miteinander sprechen müssen, wenn irgendein Moralproblem besteht, und solche umgeben uns ja eigentlich - wenn wir es genau nehmen - von morgens früh bis abends spät. Es wird kaum von der Hand zu weisen sein, dass eine solche Forderungen grösste praktische Probleme mit sich bringt. Wir stecken hier in einer unglaublich schwierigen Sackgasse: wir können nicht sagen, dass es moralisch nicht gut sei, moralische Probleme auszudiskutieren, andererseits können wir aber auch nicht sagen, dass dies im Alltag immer machbar sei. Rawls meinte, wir sollten nicht auf die Praxis schauen, sondern die Erwägung unabhängig von dieser machen. Das kann er gut sagen, aber das Problem besteht trotzdem, und es ist auch nicht wirklich wegzudiskutieren. Was ist nun gescheiter: eine allgemeine Formel, welche nicht hinreichend befolgt wird, oder ein konkreter Diskurs, welcher so nicht hinreichend abgehalten wird?** Oder die Behauptung Humes, welcher Kant widersprechen wollte, dass man nicht von einem Sein auf ein Sollen schliessen kann, oder schärfer: dass es im Grunde gar kein Sollen im Sein gibt? Ich würde dazu sagen, dass man die Ethik auf der Ebene der Politik betrachten, den Diskurs (so gut wie halt eben möglich) dort verankern und Wahlen und Abstimmungen einführen und ein Konsenssystem mit einer Konkordanzregierung, einem Kollegialitätsprinzip und einem Vernehmlassungsverfahren*** aufstellen müsste. Der politische Diskurs steht doch heute im Allgemeinen über dem rein moralischen, und in dieser Hinsicht werden wir wohl kaum um institutionelle Lösungen herumkommen; eigentlich sollte es seit Marx üblich sein, die Politik in die ethische Diskussion einzubeziehen. Es besteht bei der Verbindung zwischen der ethischen auf der politischen Ebene allerdings ein grosse Problem: dass es nämlich heute eine Wissenschaft der Politologie gibt, und dass sich viele Philosophen deshalb nicht mehr auf dieses Gebiet und diese Ebene wagen. Trotzdem: vielleicht braucht es aber letztlich alle drei: das allgemeine Prinzip, den konkreten Diskurs und die praktische Politik. Die Ethik besteht natürlich übrigens aus ethischen Prinzipien und deren moralischer Anwendung. Man kann Kant - wie ich meine - keinen Vorwurf dazu machen, dass er das beste allgemeine Prinzip der Ethik gefunden und aufgestellt hat. Wenn alle nach diesem Prinzip handeln würden, hätten wir eine perfekte Gesellschaft - dass dies nicht möglich ist, das ist ein anderes Thema. Habermas sagt, dass Kants Kategorischer Imperativ ausserhalb seines Systems nicht leicht zu verteidigen sein dürfte - er geht davon aus, dass Kant ein System für diesen Satz aufgebaut hat, aber das Gegenteil ist der Fall: er hat sein System um den Satz herum gebaut. Der Satz kann sehr gut - wie auch die Goldene Regel in der Religion - für sich alleine stehen. Der Kategorische Imperativ ist deshalb so bedeutend, weil er vielleicht der einzige Satz der westlichen Philosophie ist, welcher für sich alleine bestehen kann. Das System ist bei Kant kein Gerüst für diesen Satz, sondern es ist eine Mauer um den Satz herum. Und dies ist das einzige Prinzip, unter welchem - rein theoretisch betrachtet - eine Anarchie denkbar oder möglich wäre. (Von der Goldenen Regel unterscheidet er sich übrigens darin, dass jene auf das Du zielt, dieser aber auf das Wir.) Die bedeutendste ethische Frage, die bestehen bleibt, ist vielleicht diese: warum im Sollen oft kein Wollen ist. Eines der grössten Probleme der kantischen Ethik war jedoch nicht unbedingt die Willensphilosophie, sondern die Philosophie (und Psychologie) des Unbewussten.

* Die heutige Universitätsphilosophie glaubt, dass ein Problem dann gut gelöst sei, wenn möglichst viele Leute daran arbeiten. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt aber das pure Gegenteil: es waren immer wieder Einzelne, welche die grossen Schritte gemacht haben: von Aristoteles über Galilei und Newton bis Darwin und Einstein (u.v.a.). Das waren alles Einzelleistungen, und wenn wir sie nicht gehabt hätten, würden wir heute nirgendwo stehen. Ich glaube nicht an die These, dass viele Autoren ein besseres Resultat erbringen - ich halte es aber für möglich, dass sie auch ein gutes Resultat erbringen können. Zu sagen, dies sei besser als jenes, ist in diesem Fall kein gutes Argument. Den vergangenen Wissenschaftlern oder Philosophen vorzuwerfen, dass sie alleine gearbeitet hätten, wäre eine grosse Frechheit. Rawls tut aber nicht genau dies, sondern er wirft Kant vor, dass er sein allgemeines Prinzip aus der Position eines Alleinigen heraus aufgestellt habe. Aber eben genau dies tun ja Wissenschaftler seit Descartes - und niemand kann sagen, sie hätten uns keine Vorteile gebracht. Sie stellen als forschende Subjekte objektiv und allgemein gültige Regeln her (im Sinne der Naturwissenschaft) oder auf (im Sinne der Geisteswissenschaft). Wenn amerikanische Philosophen heute - und morgen vielleicht auch andere Philosophen von anderen Kontinenten - teils alles verdrehen wollen, ohne etwas richtigzustellen, dann muss ich dies mit Vehemenz kritisieren. Die alte europäische Philosophie war nicht so schlecht, wie manche heute behaupten, und schon gar nicht unnütz, sondern man kann und sollte sie in neue Überlegungen integrieren. (Das ist zumindest mein Standpunkt dazu: es geht nicht darum, Descartes, Kant oder Hegel - in deren Entwicklungsgeschichte vom forschenden Ich der neuzeitlichen Wissenschaft über die allgemeine Pflicht in der modernen Aufklärung zur diffusen aber bedeutenden Welterscheinung in der spätmodernen Medienwelt (Hegel: "Das Zeitungslesen des Morgens ist eine Art von realistischem Morgensegen"), oder auch andere - aus der Philosophie auszuschliessen, sondern es geht darum, zu einer möglichst guten und vernünftigen Philosophie zu kommen; was wir in der Philosophie brauchen - für die Zukunft - ist nicht nur das Neue, sondern das Beste aus allen Zeiten. Wenn ich manche heutigen Philosophen, oder solche, die sich so nennen, über alte Grössen der Philosophie herziehen höre, dann kann ich diese Überheblichkeit nur schwerlich begreifen. Es kann einen Grund dafür geben, an einem gewissen Punkt der Geschichte eine gewisse Richtung anzugreifen - wie das Capra aufgrund des ökologischen Dilemmas gegenüber Bacon und Descartes getan hat - aber es gibt keinen Grund dafür, das Alte grundsätzlich einfach zu übergehen. Nicht die reine Innovation ist anzustreben, sondern eine geschickte Kombination zwischen Innovation und Konservation bzw. zwischen Erneuerung und Erhaltung; es sei denn, man hätte einen wirklichen Quantensprung vorzuweisen, aber das sehe ich in der heutigen Philosophie nicht [und da kann ich weit herum schauen: ich sehe das nicht]. Demgegenüber halte ich natürlich aber auch nichts an denjenigen, gar nicht so seltenen Europäern, die am Liebsten in ein altes Europa zurückkehren möchten, in welchem sich nichts bewegt - man kann sich derzeit fragen, was schlimmer und schrecklicher ist: ein neuer Stillstand oder die Verdrängung des Alten. Ich hoffe, dass die Realität bessere Wege finden wird.)

** Und auch einigermassen relevant: die Frage letztlich doch auch oder wieder aus der Ich-Perspektive - was nützt dem Einzelnen mehr: ein allgemeines Prinzip, welches von den anderen nicht beachtet wird, oder ein Diskurs, an welchem die anderen so nicht teilnehmen? In beiden Fällen müssten wir ja eigentlich Maschinen haben: für die Umsetzung des perfekten Prinzips ebenso wie für den perfekten Diskurs: Menschen tun sich schwer mit solchen Sachen. Es ergibt sich beim perfekten, reglementierten Diskurs übrigens auch das gleiche Problem wie im Kommunismus: in kleinen Gruppen kann solches - zumindest eine Zeit lang - vielleicht einigermassen funktionieren (siehe: Kibbuz und andere alternative Gruppen/Siedlungen), in der grossen, weiten Welt aber eher nicht. Auch wenn das heute so ist, können wir trotzdem Zukunftshoffnungen hegen: dass ein solcher Diskurs dereinst weltweit, oder doch zumindest in der hohen Politik, möglich sei. Desgleichen aber kann man auch sagen: vielleicht haben die Menschen einmal eine Einsicht in das Prinzip von Kant (und dann würde es vielleicht gar keinen Diskurs brauchen [weil alle - geleitet vom richtigen Prinzip - aus sich selber heraus verünftig wären]). Und schon wieder sind wir bei pari (ceteris paribus). Wir müssen in der Philosophie auch immer beides betrachten: die Idealitäten und die Realitäten - wir dürfen die Idealitäten nicht für die Realitäten preisgeben, aber wir dürfen die Realitäten auch nicht ob den Idealitäten vergessen. Das ist immer wieder eine schwierige Gratwanderung.

*** Dies sind natürlich Begriffe aus der realexistierenden Schweizer Politik. Der Begriff der Konsenspolitik zur Beschreibung des Schweizer Systems ist in der Politikwissenschaft aufgekommen (und teils sogar schon von Philosophen übernommen worden). Konkordanz (dt. Zusammenstimmung) bzw. Konkordanzregierung meint in diesem Zusammenhang, dass alle relevanten politischen Kräfte in die Bundesrat genannte (siebenköpfige) Regierung eingebunden werden sollen (die Idee der mehrköpfigen Regierung bzw. der Verzicht eines eindeutigen, langjährigen Staatsoberhaupts stammt vom Direktorium in der Französischen Revolution, welches die letzte Regierung derselben war [mit einer fünfköpfigen Regierung 1795-1799]). Dies schafft die Möglichkeit eines breiten Konsenses bei geringer (aber immerhin noch vorhandener!) Opposition. Man könnte dieses Prinzip auch als einen politischen Utilitarismus bezeichnen (die Regierungseingebundenheit der grossen Mehrheit). Kollegialität oder Kollegialitätsprinzip meint den kohärenten Zusammenhalt innerhalb dieser aus verschiedensten Kräften zusammengesetzten Regierung. Zumindest theoretisch ist man zuerst politischer Eidgenosse und Vertreter der Regierung und erst in zweiter Linie Parteivertreter. (Ein-) Vernehmen bzw. Vernehmlassungsverfahren bedeutet, dass man im komplexen Gesetzgestaltungs- und -verabschiedungsprozess (zwischen Parlament, Bundesrat und Volk) alle relevanten Kräfte (über den politischen Bereich hinaus, was etwa grosse Verbände, Vereinigungen und Unternehmen betrifft [oder betreffen sollte]) einvernommen werden bzw. in diesen Prozess mit ihrer Meinungsäusserung eingebunden werden. Das Jahr 1848 war übrigens ebenso das Jahr von Marxens Kommunistischem Manifest wie auch das Jahr der Gründung des Bundesstaates der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Direkte Demokratie 1874/1891) - die revolutionären Wirren und die instabile Lage in Europa dürften einer der Hauptgründe für die Gründung des Bundesstaates in der Schweiz gewesen sein (vorher war die Schweiz ein relativ lockerer Staatenbund). Die beschriebene Art der Regierung hatte ihre Glanzzeit und ihren Höhepunkt in der Zeit der sogenannten Zauberformel zur ausgewogenen Zusammensetzung des Bundesrates (1959-2003 - so etwas wie die 'Goldene Zeit' der Schweiz). Seit den späteren 1970-er Jahren erzielt die Vorzeigedemokratie jedoch stets Beteiligungszahlen bei Parlamentswahlen von unter 50%! Ich sage nicht, dass die Direkte Demokratie für alle Gebiete der Welt die beste Staatsform sei. Sie scheint vielleicht in kleinen Staaten besser bzw. leichter zu funktionieren als in grossen, und sie ist vielleicht auf einen gesellschaftlichen und internationalen Frieden angewiesen, und sie ist vielleicht durch die heute notwendige Supranationalität ein bisschen in Frage gestellt (was aber alles auch nicht so sicher ist), aber es ist für mich die philosophischste Art der Politikgestaltung (daher haben es Philosophen in der Schweiz auch besonders schwer, weil die Politik bereits philosophisch organisiert ist). Obwohl diese Staatsform der Direkten Demokratie bereits seit über 150 Jahren besteht, hat sich kein anderes Land dieser angeschlossen - die Schweiz hat auch kaum Werbung dafür gemacht, z.B. mit entsprechenden Vorstössen und Bekanntmachungen in der UNO, was vielleicht mit ihrer internationalen Zurückhaltung und Neutralität zu tun hat (so dass man sie oft nicht einmal im Ausland genauer kennt [man weiss vielleicht, dass die Schweiz ein spezielles System hat, und vielleicht kennt man auch noch den Begriff der Direkten Demokratie, aber man weiss nicht, wie das genau funktioniert]). Innerhalb der (international wenig bekannten) Schweizer Philosophie gibt es die politische Diskussion um die Direkte Demokratie (etwa bei Arnold Künzli, Hans Saner oder Georg Kohler), aber diese ist selbst hierzulande wenig bekannt (geschweige denn international - zudem war diese Diskussion bisher meist eher kritisch gegen innen gerichtet und wenig aufklärerisch gegen aussen [vielleicht wird sich dies nach diesem kleinen Aufruf ändern]). International ist heute die Demokratie - und insbesondere die mitteorientierte Konsensdemokratie - unter radikalen Denkern und Kreisen in Frage gestellt (so trat etwa im April 2017 der libertäre US-Philosoph Jason Brennan im Schweizer Fernsehen in der Sendung "Sternstunde Philosophie" auf und forderte dort die Abschaffung der Demokratie [was für Alternativen es heute dazu geben sollte, können solche Philosophen jedoch nicht sagen]).

P.S. Man kann das Schweizer System schon loben, wie man es eigentlich gerne tun möchte, aber man wird schon am nächsten Tag wieder von der Realität eingeholt. Am Tag nachdem ich diesen letzten Zusatz geschrieben habe, hatte ich einen Brief im Briefkasten, mit einer persönlichen Impertinierung, von meiner Hausverwaltung. Man ist ja hier Arbeitnehmer und Mieter eben, dazu auch Bürger vor Behörden, das heisst: man hat eigentlich überhaupt fast keine Rechte, und es herrscht die totale Willkür. Das ist aber nicht ein Problem des Systems, sondern der Menschen und der Zeit. Man sollte nicht ein System wegen der Leute kritisieren - wenn das System gut ist und die Leute schlecht, dann muss man die Leute kritisieren und das System gutheissen.

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Bei Habermas kommt stellenweise auch sehr schön zum Ausdruck, wie weit sich die universitäre Philosophie - natürlich nicht nur die Philosophie, sondern der gesamte Wissenschaftsbetrieb - von einem menschlichen Alltag entfernt hat. Ausdrücklich sogar etwa, wenn er (in seinem Buch "Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln") schreibt: "Die moralischen Alltagsintuitionen bedürfen der Aufklärung des Philosophen nicht. In diesem Falle scheint mir ein therapeutisches Selbstverständnis der Philosophie, wie es von Wittgenstein inauguriert worden ist, ausnahmsweise am Platz zu sein. Die philosophische Ethik hat eine aufklärende Funktion gegenüber den Verwirrungen, die sie selbst im Bewusstsein der Gebildeten angerichtet hat [...]." Wir sehen in dieser kurzen Passage die Selbstkasteiung des kritischen Teils der heutigen Philosophie, wie man sie eben z.B. bei Wittgenstein und ähnlichen schon kennengelernt hat, ebenso wie diese seltsame Distanzierung vom Alltagsleben. Was bedeutet aber diese Aussage von Habermas? Heisst es, dass der Alltagsmensch die Philosophie nicht ernstnehmen, sondern sie als therapeutischen Witz auffassen und das wahre Denken den Philosophen überlassen soll? Ich weiss nicht, ob ich das richtig verstanden habe - Habermas ist in seinen Aussagen für den Alltagsmenschen manchmal recht schwierig zu verstehen (weil er manche Gedankensprünge nicht richtig bzw. ausführlich deklariert). Wie Habermas in diesem Text in der Folge dann mehrfach Schizophrenie und Selbstmord in Verbindung mit Skeptizismus bringt, ist fast ein bisschen peinlich. Er vergisst etwa, dass der Buddhismus, mit welchem sich Habermas offenbar nicht beschäftigt hat, ebenfalls auf einem philosophischen Skeptizismus beruht (dieser wird darin zwar durch eine hochmoralische Theologie ausgeglichen, aber trotzdem). Bei diesen aktuellen Philosophen gibt es immer wieder dermassen grosse Lücken im Gesamtverständnis der Welt, wie es sie bei einem Kant oder Hegel einfach nicht gegeben hat. Das betrifft nicht nur Habermas, sondern praktisch alle heutigen Denker in ihren engmaschigen Überlegungen.



Überlegungen und Erwägungen zur 'offiziellen Philosophie' - II. Bewusstseinsphilosophie. Zur Seinsphilosophie. Dies ist die zweite grosse Richtung im 20. Jahrhundert, und auch diese stammt aus dem 19. Jahrhundert, zumindest in ihrer existentialistischen Ausprägung (die ontologische Richtung ist natürlich sehr viel älter). Wir sprechen heute in der Seinsphilosophie von Ontologie und Exstentialismus. Auch in der Seinsphilosophie hat es einen deutschen - eher ontologischen - und einen französischen - eher existentialistischen - Zweig gegeben. Scheinbar ist diese Richtung im 20. Jahrhundert abgebrochen (jedenfalls in der europäischen Philosophie). Die US-Philosophie tat sich relativ schwer damit. Es gibt ein paar Werke zu diesem Thema, in der deutschen wie der US-amerikanischen Philosophie, wobei aber meistens eine Ontologie von diesem oder von jenem behauptet wird (oder eine solche oder solche, z.B. die 'sprachanalytische Erste Philosophie' bei Tugendhat [u.a.]), was natürlich nicht geht, da die Ontologie als Erste Philosophie keinen anderen Bezug haben kann als sich selber bzw. das Ganze bzw. alles, was ist, oder alles Seiende (das Problem der Spezialontologien beginnt indessen schon bei Heidegger, welcher die Ontologie mit der Phänomenologie verknüpft hat - das ist alles unzulässig). Der Existentialismus hat in den USA überhaupt gar keine Rolle gespielt. Die Fortsetzung der Seinsphilosophie sehe ich daher und überhaupt natürlich in erster Linie in meinem eigenen Werk. Hier interessiert mich aber mehr die dritte Richtung: jene von der Geistvorstellung (wie ich diese genannt habe). Zur Geistvorstellung. Es wird vielleicht klar, weswegen ich diese Richtung so nenne, wenn ich den Zusammenhang erkläre, dass ich in dieser Richtung anfangs die Analytische (Sprach-) Philosophie sehe, welche ihren Ursprung ebenfalls im 19. Jahrhundert hat, und in der Folge über die Philosophie des Geistes dann die heutige Bewusstseinsphilosophie - von der Sprache bzw. Sprachanalyse zum Bewusstsein bzw. zur Bewusstseinsanalyse. Es dürfte keine allzu grosse Frage sein, dass der Bewusstseinsbegriff und die Bewusstseinsanalyse heute zu den bedeutendsten Fragen nicht nur der Philosophie, sondern der gesamten Wissenschaft gehört. Wir wundern uns heute über unser Bewusstsein mehr denn je, und wir möchten sehr gerne wissen, was es eigentlich damit genau und alles auf sich hat. Darum wird dieses Gebiet derzeit besonders intensiv erforscht. Wir sind daran, neue Dinge über das Bewusstsein herauszufinden, und wir wissen noch nicht, wo uns das schliesslich hinführen wird. Wir sprechen dabei von Kognitionswissenschaft, ein Gebiet, welches zusammenhängt mit der Neurologie bzw. Neurobiologie und -psychologie und der Hirnforschung sowie der Psychologie allgemein, sowie eben auch, und hoffentlich bedeutend, mit der Philosophie. Das Thema besteht eigentlich schon seit dem gesamten 20. Jahrhundert: die Philosophie musste jedoch zuerst den Schock vom Unbewussten verdauen, welches in ihr aufgestiegen und dann in die Psychologie abgewandert war, bis sie sich - einem rein Ideellen und Logischen bzw. Pseudologischen überlassen - erneut auf das Bewusste einlassen konnte. Mittlerweilen hat sie das aber getan - wenn auch vielleicht noch nicht ganz in ausreichendem Mass. US-Philosoph Nagel, einer von vielen Vertretern der (sogenannten) Philosophie des Geistes, sagt: "Consciousness is what makes the mind body problem really intractable." Damit sagt er eigentlich, dass es sich hierbei um ein anderes Phänomen handelt. Ich würde sagen, die wahre Erkenntnis des Bewusstseins macht das (sogenannte) Leib-Seele-Problem nicht unlösbar, sondern überflüssig. Und daher sind auch viele Vertreter der Philosophie des Geistes letztlich beim Bewusstsein und bei der Bewusstseinsphilosophie gelandet. Wir schauen im Bewusstsein nicht quasi von aussen auf Geist (Denken), Seele (Fühlen) und/oder Körper (Empfinden), sondern wir erleben diese Dinge im Bewusstsein - durch eine seinswesentliche Einheit - alle gleichzeitig aus einem inneren Zusammenhang heraus, welcher letztlich eben auch - was in einem grösseren und bedeutenderen Sinn relevant ist - in ein kollektives Bewusstsein hineinfliesst. Für die Philosophen ist die kognitive - oder vielmehr: konszientische - Wende schwierig. Auch wenn viele Philosophen sich heute grundsätzlich für das Bewusstsein interessieren, sind doch auch viele noch in alten Themen verhangen: so etwa Putnam in einer reinen Funktionalität, Chomsky in einer Sprachstrukturalität, Searle gar in einem Naturalismus, während wiederum andere sich rein an die Ergebnisse der Wissenschaft hängen und dabei (auch) vergessen, dass Bewusstsein auch etwas mit der Person bzw. mit einem Ich und einem Selbst und dem konkreten Leben zu tun hat. Ist es deshalb so schwierig zu fassen? Wie auch immer. Bei den jüngeren Philosophen scheint dagegen die Erkenntnis über die Bedeutung des Bewusstseins als solches zu wachsen. Vielleicht rückt das Bewusstsein sogar nachhaltig ins Zentrum des philosophischen Interesses. Vielleicht sollten wir weniger vom Geist und von der Seele und mehr vom Bewusstsein sprechen. Bewusstsein ist eigentlich nichts anderes als (Da-) Sein, welches bewusst ist. Es gibt eine direkte Verbindung zwischen (Da-) Sein und Bewusstsein. Und vielleicht gibt es sogar eine Dreiheit von (Da-) Sein, Bewusstsein und Diskurs bzw. Verbundensein. Es geht in der aktuellen Psychologie, die etwa in den 1950-er Jahren eine (sogenannte) Kognitive Wende erfahren hat, oft um die Begriffe des Lernens und damit zusammenhängend der Entwicklung, der Intelligenz und der Kreativität, aber die Fragen des Bewusstseins sind natürlich sehr viel tiefer und breiter. Wenn wir das Bewusstsein an seine Ursprünge zurückverfolgen, so geht es dabei v.a. um Fragen der Orientierung und der Konzentration. Heute dagegen geht es vielleicht eher oder auch um Fragen der Stimmung und Bestimmung - oder allgemeiner: bewusste Koordination von allem, was uns betrifft und ausmacht - wobei alle anderen Fragen, welche das Bewusstsein betreffen, natürlich immer mitspielen (und dabei geht es vermutlich nicht nur darum, eine möglichst grosse Leistung bei möglichst grossem Vergnügen aus dem Bewusstsein herauszuholen). Mit der Bewusstseinsphilosophie wird man sicher nicht alle Probleme lösen können, aber vielleicht einen neuen Zugang zur Lösung von bedeutenden Problemen erhalten. Es kann auch sein, dass das Interesse an dieser Richtung wieder abflauen wird, weil grössere Erfolge vielleicht nicht so rasch erzielt werden können, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass dieser Begriff und dieses Thema die Menschheit noch länger und weiter beschäftigen wird.

Das Bewusstsein ist an praktisch allen wichtigen Fragen, die uns betreffen, beteiligt. Und die Soziologie spricht schon lange von einem Kollektivbewusstsein (v.a. bei Durkheim und dessen Schülern), für welches dasselbe gilt (auch wenn es nicht konkret erfahr- und erfassbar ist, weist es abstrakt die selben Eigenschaften auf!). Das (abstrakte) Kollektivbewusstsein entscheidet z.B., ob wir wählen gehen oder nicht, also: ob wir unsere Demokratie unterstützen oder nicht, und also: wie wir unsere Regeln festsetzen, u.v.a. Es sind zwar die Einzelnen, die agieren, aber die wichtigen Entscheidungen fallen in einer höher entwickelten Politik im Kollektiv, oder abstrakt gesprochen: im Kollektivbewusstsein.

Summa summarum: das Bewusstsein und der Diskurs - das sind die grossen philosophischen (Haupt-) Themen der heutigen Zeit (während ich die Seinsphilosophie als ewiges Thema betrachte und nicht direkt dieser Zeit zuschreibe [obwohl sie natürlich auch sehr viel mit dieser Zeit zu tun hat, weil dieses immer wieder erscheinende Thema nicht in allen Zeiten gleich wichtig genommen wurde (und wird)]).

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Und... die Frauenfrage in der Philosophie? Diese verdient sicher - noch immer, oder überhaupt - eine besondere Beachtung. In der Antike gab es einige wenige Philosophinnen, Wissenschaftlerinnen und Dichterinnen (Sappho, Theano, Aspasia, Hipparchia, Leontion, Diotima, Sosipatra, Hypatia - auch Alchemistinnen wie Maria die Jüdin oder Kleopatra die Alchemistin), während im Christentum die Mystikerinnen eine grosse Bedeutung hatten (Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Brigitta von Schweden, Katharina von Siena, Teresa von Ávila [in der Bibel ist ja übrigens schon die Rede von Prophetinnen - in der christlichen Mystik sind die Frauen den Männern fast schon gleichgestellt (aber nur in der Mystik)]). Bedeutend sind in der früheren Philosophie etwa die Salonnières (d.h. Gastgeberinnen für literarische und/oder philosophische Salons, v.a. wohlhabende und gebildete Frauen - eine Tradition, welche in der Aufklärung eine grosse Rolle spielte [oder sogar an deren Begründung mitbeteiligt war]). Die Geschichte der literarischen Salons begann mit Catherine de Vivonne, Marquise de Rambouillet (1588-1665) - die grössten Dichter und Dichterinnen ihrer Zeit gingen (u.v.a.) bei ihr ein und aus. Weitere bedeutende frühe Salonnières in Frankreich waren etwa Marquise de Lambert oder Marquise de Tencin (die Mutter des philosophischen Enzyklopädisten D'Alembert). Zu den bekannteren Salonnières gehören ferner etwa Caroline Schelling (Muse verschiedener Dichter und Denker der Romantik sowie Ehefrau Schellings), Madame de Staël, Rahel Varnhagen (mit Persönlichkeiten wie Arnim, Hegel, Heine, Humboldt [Wilhelm], Schlegel) oder Johanna Schopenhauer (Mutter Schopenhauers, mit Kontakten etwa zu Goethe). Einige der Gesellschaftsdamen schrieben auch eigene Werke. Es gab viele solche Salons in ganz Europa - nach dem Ersten Weltkrieg kamen sie allerdings aus der Mode. Wie sieht es aus bei den Philosophinnen (der Neuzeit)? Worüber denken eigentlich Frauen (heute) nach? Haben sie besondere/andere Themen? (Dies war die Ausgangsfrage zu einer Liste von [frühen] Philosophinnen [siehe unten].) Die frühen Philosophinnen waren (natürlich) oft auch Frauenrechtlerinnen: nicht alle solche stammen aus der Philosophie, aber die Beziehung zwischen der Philosophie - wenn auch (noch) in einem ausseruniversitären Kontext - und frühen Frauenrechtlerinnen ist doch bedeutend (Marie de Gournay, Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft [aber auch andere/spätere]). De Gouges forderte in ihrem Hauptwerk die Frauen dazu auf, Philosophie zu studieren und die Ideen der Aufklärung zu verfolgen. Zu den ersten grossen Schriftphilosophinnen gehören ansonsten etwa Margaret Cavendish und Anne Conway im 17. Jahrhundert sowie Émilie du Châtelet im 18. Jahrhundert. Frauen hatten es in früheren Zeiten sehr schwer in der Philosophie und an der Universität überhaupt; dies erklärt, dass sie nicht selten zeitkritische Positionen eingenommen haben (wodurch einige auch in Verruf kamen und heftig kritisiert wurden [exemplarisch Cavendish, welche sich gegen die physikalischen Hauptauffassungen ihrer Zeit wandte]). Drei besondere Frauen in diesem ganzen Zusammenhang sind Lou Andreas-Salomé (1861-1937), die Skandalfrau in der Geistesgeschichte jener Zeit, und... Mileva Maric (1875-1948) - bis heute ist umstritten, wie bedeutend ihr Beitrag zur Relativitätstheorie von Einstein tatsächlich war (er könnte relativ beträchtlich gewesen sein; sie war zwar Mathematikerin und Physikerin, aber die Relativitätstheorie ist natürlich auch bedeutend für die Philosophie [und Maric gehört zu jenen vielleicht zahlreichen Ehegattinnen, welche ihre grossen Männer bedeutend beeinflusst haben, ohne dass dies, zumindest zu jener Zeit, gross bekannt gewesen wäre]) - sowie Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891), welche, ebenso wie auch Annie Besant (1847-1933), eine sehr grosse Bedeutung in der Theosophie und Esoterik hat (legendär auch bis heute eigentlich - und interessant: im selben Jahr 1875, in welchem Blavatsky und Olcott ihre Theosophische Gesellschaft begründeten, publizierte Mary Baker Eddy [1821-1910] ihr Buch zur Christian Science). Man könnte fast sagen, dass es so grosse Frauenfiguren - inkl. etwa Marie Curie in der Wissenschaft oder Agatha Christie in der Literatur (vorher auch Shelley, Spyri oder die Brontë-Schwestern, u.a.) - seither in der Geistesgeschichte eigentlich nicht mehr gegeben hat. Es gibt zwar heute mehr Frauen in der Philosophie, Literatur oder Wissenschaft, die einzelnen konnten sich aber damals grösser herausheben (spezielle und aussergewöhnliche Frauen wie z.B. Ayn Rand [1905-1982] können sich nicht mehr einen ganz so grossen Namen schaffen [was sich natürlich in der Zukunft ändern kann/sollte - und dies zeigt auch, dass man nicht sagen kann, dass heute keine Frauenförderung mehr benötigt würde]). Bedeutend sind in der ontologischen Philosophie Hedwig Conrad-Martius, Edith Stein und Hannah Arendt (1906-1975), welche vielleicht als bedeutendste bisherige Philosophin im deutschsprachigen Raum gilt. Erwähnenswert ist ein Feminismus-Revival im 20. Jahrhundert (De Beauvoir, Schwarzer), mit grösseren politischen Erfolgen als vorher - besonders interessant in der feministischen Philosophie des 20. Jahrhunderts ist vielleicht auch Élisabeth Badinter (geb. 1944), mit der Kritik von männlichen Idealen und dem Mythos der Mutterliebe. Ansonsten findet etwa Martha Nussbaum (geb. 1947) heute grosse Beachtung - zusammen mit dem indischen Ökonomen Sen (und in Zusammenarbeit auch mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) entwickelte sie den Befähigungsansatz (engl. Capability Approach) in der Wohlfahrtsökonomie. Ziel des Befähigungsansatzes ist es, die Wohlfahrtsqualität zu erfassen und zu verbessern. Arendt wie De Beauvoir oder Nussbaum waren/sind auch bedeutend als weibliche Public Philosophers. Was haben wir von den Frauen in der Philosophie der Zukunft zu erwarten? Vermutlich ein bisschen mehr als in der Vergangenheit (weil die Voraussetzungen dafür [hoffentlich] besser sein werden). Sicher ist auf jeden Fall, dass der Wert des Bewahrens in Zukunft gegenüber jenem des Bebauens an Bedeutung gewinnen wird (ich weiss nicht, ob dies geschlechterspezifisch - zumal in der Philosophie - wirklich relevant ist, aber trotzdem; von den Frauen erwarte ich nicht eine vollkommene Revolution der Philosophie, sondern einen unvermeidbaren und notwendigen Ausgleich). Meine Lieblingsphilosophin ist eigentlich Agnes Martin (1912-2004), eine vom Buddhismus und dem Spiritualismus beeinflusste minimalistische Malerin, welche auch ein kleines Büchlein mit interessanten philosophischen Texten (zu Themen wie Glück, Inspiration, Kreatitivät und Kunst) hinterlassen hat.

Liste von (frühen) Philosophinnen der Neuzeit und ihren Hauptwerken. Es geht hier nicht um die Nennung von berühmten Frauenrechtlerinnen oder (belletristischen) Schrifstellerinnen, sondern um Frauen, die in der Neuzeit eine sehr bedeutende Beziehung zur Philosophie hatten/haben (die Liste zeigt aber doch, dass Feminismus - im Sinne eines früheren Kampfes um die Rechte der Frau - und Philosophie nicht wenig miteinander zu tun hatten). Die ersten bedeutenden Philosophinnen und ihre Hauptwerke: Marie de Gournay (1565-1645 - "Égalité des hommes et des femmes", 1622, oder "Le promenoir de Monsieur de Montaigne", 1594 [Belletristik]; sie hatte eine Freundschaft mit Montaigne und wurde dessen Nachlassverwalterin), Margaret Cavendish (1623-1673 - "The Description of a New World Called The Blazing-World", 1668 [Belletristik, kurz: The Blazing-World - erschienen zusammen mit den 'Observations upon Experimental Philosophy']; gilt als einer der Vorläufer der Science-Fiction-Literatur), Anne Conway (1631-1679 - "Principia philosophiae antiquissimae et recentissimae", 1690 [engl. The Principles of the Most Ancient and Modern Philosophy]), Émilie du Châtelet (1706-1749 - "Analyse de la philosophie de Leibnitz", 1740; eine Kritik der Philosophie Lockes), Laura Bassi (1711-1778 - Diverse physikalische Abhandlungen; erste Universitätsprofessorin Europas [Philosophie 1733 u. Physik 1776]), Olympe de Gouges (1748-1793 - "Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne", 1791), Mary Wollstonecraft (1759-1797 - "A Vindication of the Rights of Woman - with Strictures on Political and Moral Subjects", 1792; sie war die Ehefrau des Anarchisten William Godwin und die Tochter der berühmten Schriftstellerin Mary Shelley), Helene von Druskowitz (1856-1918 - "Pessimistische Kardinalsätze: ein Vademekum für die freiesten Geister", 1905), Lou Andreas-Salomé (1861-1937 - "Die Erotik", 1910, oder "Friedrich Nietzsche in seinen Werken", 1894; sie hatte ein Verhältnis mit Nietzsche: Anna Freud meinte über ihr Nietzsche-Buch, es habe die Psychoanalyse vorweggenommen), Helene Stöcker (1869-1943 - "Die Liebe der Zukunft", 1920), Rosa Luxemburg (1871-1919 - "Die Akkumulation des Kapitals - ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus", 1913), Edith Stein (auch: Teresia Benedicta vom Kreuz, 1871-1942 - "Endliches und Ewiges Sein - Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins", 1937), Anna Tumarkin (1875-1951 - "Die romantische Weltanschauung"; 1920; erste Universitätsprofessorin in Europa mit vollen Rechten), Susan Stebbing (1885-1943 - "Thinking to some purpose", 1939), Hedwig Conrad-Martius (1888-1966 - "Realontologie", 1923), Helena Petrovna Blavatsky ("The Secret Doctrine", 1888), Susanne K. Langer (1895-1985 - "Philosophy in a New Key - A Study in the Symbolism of Reason, Rite and Art", 1942), Maria Ossowska (1896-1974 - "Podstawy nauki o moralnosci", 1947), Käte Hamburger (1896-1992 - "Die Logik der Dichtung", 1957). - Spätere (bis hierhin alle aufgelistet, die von Bedeutung sind - ab hier noch einige berühmtere). Ayn Rand (1905-1982 - "Atlas Shrugged", 1957 [Belletristik]), Hannah Arendt (1906-1975 - "The Human Condition", 1958 [dt. Vita activa oder Vom tätigen Leben]; sie hatte ein Verhältnis mit Heidegger), Simone de Beauvoir (1908-1986 - "Le Deuxième Sexe", 1949; sie lebte in einer Beziehung mit Sartre), Simone Weil (1909-1943 - "La pesanteur et la grâce", 1952), Jeanne Hersch (1910-2000 - "L'étonnement philosophique", 1981, oder "Temps alternés", 1940 (Belletristik]), Ágnes Heller (geb. 1929 - "Der Mensch in der Renaissance", 1978), Julia Kristeva (geb. 1941 - "Female Genius", 2001 [Trilogie]), Nancy Cartwright (geb. 1944 - "How the Laws of Physics Lie", 1983), Martha Nussbaum (geb. 1947 - "The Quality of Life", 1993 [zusammen mit Amartya Sen]), Judith Butler (geb. 1956 - "Gender Trouble", 1990 [offenbar noch immer ein Problem: auch an der Schwelle des dritten Jahrtausends, und darüber hinaus]).

Exkurs - Gibt es eigentlich eine Philosophie der Liebe? Die gibt es, sie ist aber weitgehend in Vergessenheit geraten (siehe: Derrida, welcher in einem dokumentarischen Portrait ["Derrida", 2002] ziemlich gemein und peinlich dazu befragt wurde, zuerst rein gar nichts zum Thema der Liebe sagen konnte, und sich dann, ohne es zu deklarieren, eines Gedankens von Pascal erinnerte [Gegensatz von Liebe der Person als solche und deren einzelnen Eigenschaften]). Das Thema wurde bedeutend von Empedokles in die Philosophie eingeführt: nach ihm gibt es zwei Grundkräfte, die Liebe und den Streit, wobei die Welt - im Gegensatz zur Auffassung von Hobbes (im 17. Jahrhundert), von einem Urzustand des Krieges aller gegen alle - zu einem Idealzustand der vollkommenen Liebe neigt, diesen Zustand aber nicht halten kann, so dass ein ständiges Wechselspiel zwischen Liebe und Streit entsteht. In China entwickelte Mozi eine Philosophie der universellen bzw. allgemeinen Liebe (jedoch nicht irgendwie alternativ, wie wir einen solchen Begriff heute auffassen würden, sondern sehr ordnungsorientiert [und in diesem Punkt auch mit dem Konfuzianismus verwandt - er fasste also den Liebesbegriff auf eine quasi gutbürgerliche Art und Weise auf (ich würde dies als einen politsystemischen Begriff von Liebe bezeichnen)]). Platon behandelte das Thema mit einer der originellsten seiner Mythenbildungen*, mit dem Mythos der zwei Hälften: Liebe ist die Suche nach der anderen Hälfte (deutsch [offenbar ist das Thema sehr inspirierend für Webvideos]). Im Mittelalter ist - nebst dem urchristlichen Satz der Nächstenliebe, natürlich: Liebe deinen Nächsten wie (auch) dich selbst - die Liebesdefinition nach Augustinus bedeutend, welche auch auf Aristoteles zurückgehen soll (ich habe das noch nicht überprüft): Liebe heisst: ich will, dass du bist. Von Thomas von Aquino, welcher die Philosophie von Aristoteles mit der christlichen Theologie verbunden hat, ist wiederum der Aphorismus bekannt: das Gute ist der einzige Grund der Liebe. Im Griechischen gibt es ferner - je nach Ansicht, drei (diese auch in der philosophischen Diskussion bei Platon und Aristoteles), vier oder fünf - verschiedene Begriffe für die Liebe: Philia (freundschaftliche Liebe bzw. [tiefe] Freundschaft - dieses Wort kommt im Begriff der Philosophie vor), Eros (erotische, begehrende, leidenschaftliche Liebe - nach dem altgriechischen Gott Eros [welcher bei Platon oft erwähnt wird]), Agape (göttliche Liebe), Storge (familiäre Liebe bzw. Familienzusammenhalt), Xenia (Gastfreundschaft). Sind wir zufrieden mit diesen Geschichten, Ansichten und Begriffen? Was sagen Frauen dazu? Martha Nussbaum über Liebe und Gerechtigkeit, Angelika Krebs über Liebe und Abhängigkeit, Brigitte Kronauer über Liebe und Boshaftigkeit, Connie Palmen über Liebe und Leidenschaft. (Natürlich ist die Liebe - eben - kein reines Frauenthema, aber vielleicht ist es gerade auch deshalb zu einem geworden, weil sich die Männer nicht adäquat darum gekümmert haben.)

* Während die Urgrundphilosophen quasi den Mythos durch den Logos ersetzt haben, hat Platon - einige Male das Gegenteil gemacht: den Logos zum Mythos geformt. Der Mythos und die Allegorie spielten aber auch nach Platon noch eine bedeutende Rolle (und dies nicht nur bei Nietzsche [welchen Frau Kronauer im obigen Videobeitrag erwähnt]). Wir wären vermutlich sehr erstaunt, wenn wir vor Augen geführt bekämen, mit wievielen philosophischen Mythen unsere heutige Kultur, die wir als so technisch-rational gesehen haben, durchzogen ist. Das fängt natürlich an beim Bild, welches wir von Jesus Christus haben. Ich spreche nicht vom realen Christus, sondern vom Bild, welches wir von ihm haben - der grösste und kräftigste Mythos aller Zeiten. Es geht weiter mit dem Renaissance-Mythos des Menschen im Zentrum der Welt - ein humanistischer Mythos, welcher vergleichbar ist mit jenem von Protagoras in der Antike, wonach der Mensch das Mass aller Dinge war (vor der griechischen Klassik). Es geht weiter mit den Gesellschaftsutopien: der frühsozialistischen Utopie von Morus und v.a. der wissenschaftlich-technischen Utopie von Bacon, welche das Weltbild eines kommenden wissenschaftlich-technischen Zeitalters beschreibt. Und es geht weiter mit dem Bild von der unsichtbaren Hand, welche die Märkte der Wirtschaft regelt bei Smith (das hat schon fast eine magische Komponente [ähnlich wie der Wissenschaftsbegriff zur Zeit der Alchemie]). Und auch der wissenschaftliche Determinismus von Laplace, wonach die Wissenschaft alles weiss bzw. irgendwann einmal alles wissen wird, ist eigentlich so etwas wie ein Mythos. Das sind nur einige sehr bedeutende Beispiele, die zeigen, wie wichtig der Mythos noch in unserer heutigen Kulturgeschichte ist (obwohl das eigentlich nicht thematisiert wird). Vielleicht können wir sogar sagen, dass die Neuzeit und die Moderne mit Mythen durchzogen ist, während die erste Zeit, die wirklich praktisch ohne Mythos, Urgrund und Logos auskommen will - oder mit solchen, die eigentlich schon im Ansatz gescheitert sind, z.B. das reine Überleben der Stärksten, die klassenlose Gesellschaft oder der Übermensch - und sich eigentlich alleine an der Realität orientieren möchte, die Spätmoderne ist (mit allen Vor- und Nachteilen, welche das hat - sprich: viele neue Möglichkeiten und Chancen, aber auch Relativität, Unsicherheit, Gefährlichkeit [nicht nur in einzelnen Unternehmungen, sondern in der Gesamtkonzeption]).

Der in Grossbritannien v.a. in intellektuellen Kreisen einflussreich gewesene analytische und moralische Philosoph Russell meint, er habe der Welt letztlich zwei Dinge zu sagen: intellektuell solle sich der Mensch stets und alleine von den Fakten leiten lassen, moralisch meint er, die Liebe sei weise, der Hass aber sei töricht*. Das tönt sehr schön, und alle (philosphischen und anderen) Probleme scheinen damit für alle Zeiten gelöst. Was Russell damit aber wirklich meint, ist doch die Ausschaltung des Intellekts - im Gegenteil von Kants 'Sapere aude' - und die Reduktion des Begriffs der Liebe auf die reine Toleranz (was eine sehr passive Form von Liebe ist, d.h. der kleinste gemeinsame Nenner und nicht einmal ein möglicher Mittelweg [und die schwächste Form in der Dreiheit von Toleranz, Akzeptanz und Assekuranz, wie ich sie in meinem ersten Buch formuliert habe]). Der alte (neo-) positivistische Pazifismus, welcher uns schöne Worte und die Atombomben gebracht hat, genügt nicht zur Weltverbesserung. Und... Russell tönt irgendwie nach Jiddu Krishnamurti. Krishnamurti: The world is stupid. Russell: The world is not stupid but ignorant. Haben sie nicht recht in einem gewissen Sinn? Was aber, wenn sie recht hätten? Wie wollten sie als Moralisten eine Welt verbessern, welche dumm und/oder ignorant ist? Mission Impossible. Und seltsam: dass alle Arroganten die Welt immer für ignorant halten, alle Ignoraten sie aber immer für arrogant halten. Vielleicht ist die Welt - wenn wir sie denn unbedingt moralisch abqualifizieren möchten - weder dumm noch ignorant, sondern perfid (lat. perfidus: treulos, wortbrüchig, unredlich, verräterisch, listig, schelmisch; unzuverlässig, unsicher, tückisch - oder: durch die Treue, sie nicht vermögend, aber sie im besseren Fall versuchend und bewahrend [jedoch befinden wir uns so oder so auf einem schwierigen Gebiet, wenn wir die Welt moralisch abqualifizieren; der urontologische Satz von Parmenides ist neutral: alles Seiende ist, und doch kommen wir nicht ohne Moral in der Welt aus (und vielleicht führt uns das zurück zu Empedokles, oder auch zu Mozi, oder zu Platon, oder zu Aristoteles, oder zu Jesus, oder zu Augustinus, oder zu Thomas (von Aquino), oder zu Hobbes, oder zu Pascal, oder zu Russell, oder zu Derrida, oder wer weiss wohin)]).

* Was ist das wirkliche Problem mit diesem Satz? Was stimmt hier nicht? Es ist natürlich klar: hier wird im ersten Teil des Satzes (love is wise) die Liebe aufgebaut, welche im zweiten Teil des Satzes (hatred is foolish) gleich wieder zerstört wird - und mehr noch: er wandelt es eigentlich in das um, was er negieren wollte (Hass gegen Hass). Das scheint wenig philosophisch zu sein (this is a poor philosophy - und Russell wird als Logiker bezeichnet, notabene; merke: die Gefühle lassen sich nicht mit mathematischer Logik behandeln).

So, wie ich hier das Thema der Liebe behandelt habe (möglichst breit und doch auch wiederum äusserst kurz), könnte man jedes Thema (und jeden Begriff) behandeln (wie es mehr und mehr in den Enyklopädien auch gemacht wird, auch und v.a. auch im Internet), und die Anzahl der (schon vorhandenen und noch absehbaren oder auch sonst kommenden) Themen und Begriffe - in Sprachen der Zukunft vielleicht auch, die wir heutigen gar nicht verstehen würden und/oder übersetzen könnten - erscheint schier unendlich. Es kann also niemand mit irgendeiner Philosophie an irgendein Ende kommen oder reichen - das ist für den Philosophen vielleicht manchmal etwas irritierend, aber irgendwie auch wiederum durchaus tröstlich.

Interessant vielleicht dazu noch, welche Begriffe in welchen Zeitaltern und -perioden die bedeutendsten waren. Was nicht bedeutet, dass sie erst dann aufgekommen wären, aber dass sie dann eben besonders bedeutend waren. Antike: (Ur-) Grund (Vorklassiker), Seele (Platon), Idee (Platon), Gerechtigkeit (Platon), Glück (Aristoteles). Mittelalter: Gott (Jesus), Liebe (Jesus), Geist (Jesus), Vernunft (Canterbury), Sein (Aquino). Neuzeit (inkl. Moderne und Spätmoderne): Wissen (Bacon), Verstand (Locke), Aufklärung (Rousseau), Kritik (Kant), Freiheit (Mill). Jeder dieser Begriffe hat seine eigene, meist lange Geschichte, dazu auch seine Querverbindungen zu anderen - ähnlichen oder gegensätzlichen - Begriffen; ich greife hier nur einen Punkt aus dieser Geschichte heraus, welcher mir epochal (d.h. in Bezug zur jeweiligen Epoche) besonders bedeutend erscheint. Der Begriff der Freiheit ist vermutlich heute noch immer der bedeutendste - in Verbindung vielleicht mit dem Begriff der Verantwortung (speziell - herausgesucht nach entsprechenden Werktiteln - etwa bei Lévy-Bruhl, Weischedel, Hart, Morris, Ross, Jonas, Chomsky, Popper, Barthes, Apel, Birnbacher, Hösle, Ricoeur, MacLaughlin, Etzioni, Vattimo, Nida-Rümelin oder Heidbrink [der Ursprung des deutschen Begriffs scheint in der Reformationszeit zu liegen (etwa bei Melanchthon, Bucer, Bullinger); im Lateinischen wird er übersetzt mit: officium, was aber eher Pflicht bedeutet, welches der ältere Begriff dazu zu sein scheint (etwa bei Cicero), welchen auch Kant noch verwendet: wir sprechen ja bei ihm von einer Pflicht- und nicht etwa von einer Verantwortungsethik - wir würden natürlich aber heute eine Unterscheidung machen zwischen den Begriffen der Verantwortung und der Pflicht]).

Und schliesslich: es ist sehr einfach und auch sehr populär, heute zu sagen, dass man grundsätzlich keine Ismen mehr wolle. Aber dann passiert das, was im 21. Jahrhundert in der Politik passiert ist: man hat dann plötzlich einen Putinismus, einen Bushismus, einen Merkelismus, einen Sarkozismus, einen Obamismus (inkl. Obama Care), einen Trumpismus (inkl. Trump Tower) und einen Macronismus - und dann ist man wahrscheinlich ungefähr wieder gleich weit wie vorher. Tendenz derzeit: weitere Zunahme der persönlichen Ismen (und weiteren "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens", deutscher Titel von: Richard Sennett - The Fall of Public Man, 1977). Das könnte bedeuten, dass man letztlich doch nicht ganz um die Ismen herumkommen wird - aber: schauen wir mal.


Welche philosophischen Bücher empfehle ich zur Lektüre? (Ausser meinen eigenen, natürlich - insbesondere mein Hauptwerk.) Das ist immer eine schwierige Frage. Für den Profi lautet das Pflichtprogramm etwa: die Schriften von Platon und Aristoteles zur Metaphysik, Physik, Ethik und Politik (das sind fünf Schriften von Aristoteles und eine von Platon), die Bekenntnisse von Augustinus (nebst der Bibel, natürlich, die man allen empfehlen kann [schon nur als Grundlagenwerk der westlich-christlichen Kultur]) sowie die kritischen Schriften von Kant (drei Schriften) und die Phänomenologie des Geistes von Hegel. Das sind (nur) zehn Schriften (plus die Bibel). Das ist das Minimalprogramm für den Profi - beliebig erweiterbar. Von all diesen Schriften würde ich dem Laien eher keine besonders empfehlen (was natürlich nicht heisst, dass ich sie schlecht finde, sondern: zu ausführlich, zu spezifisch und/oder zu kompliziert [für irgendeinen Laien in dieser heutigen Zeit - und wenn schon, dann vielleicht die Zehn Gebote Moses und das Matthäus-Evangelium aus der Bibel sowie die Nikomachische Ethik von Aristoteles]). Er ist vermutlich viel besser bedient mit einem guten Buch über die Philosophiegeschichte. Natürlich sollte auch der Profi solche Bücher lesen. Vor vielen Jahren habe ich einmal einem Philosophiestudenten - zugegeben: es war nicht gerade der Eifrigsten einer - ein Buch über Philosophiegeschichte in die Hand gegeben bzw. geschenkt, und dieser hat darüber gestaunt, dass es so etwas überhaupt gibt (damals, vor rund 20 Jahren, war das selbst innerhalb des Philosophiebereichs noch nicht so gebräuchlich wie heute, aber ich denke das gibt es heute noch: Philosophieinteressierte, die in Einzelwerken herumwühlen, ohne sich vorher einen soliden Überblick zu verschaffen [das kann man heute tun] - ich habe einmal im Fernsehen einen Film über einen Menschen gesehen, welcher - vollkommen begeistert - praktisch das gesamte Werk von Schopenhauer gelesen hat und dann in eine tiefe Depression verfallen ist [das ist nicht zu empfehlen]). Interessante Bücher zur Philosophiegeschichte sind etwa: Otfried Höffes "Kleine Geschichte der Philosophie", Christoph Helferichs "Geschichte der Philosophie" und/oder Hans Joachim Störigs "Kleine Weltgeschichte der Philosophie", immer nützlich ist auch der dtv-Atlas zur Philosophie, die kürzeste Form, um sich breit über die Philosophiegeschichte zu informieren, ferner gibt es auch verschiedene Werke mit Philosophenporträts, z.B. "50 Klassiker Philosophen", und bei grösserem Interesse, auch das "Lexikon der philosophischen Werke" von Julian Nida-Rümelin (mit kurzen Artikeln zu über 1000 philosphischen Werken). Es gibt auch immer mehr unterhaltende Wege dazu. Ein Klassiker ist der Roman "Sofies verden" (dt. Sofies Welt, 1993) vom norwegischen Schriftsteller Jostein Gaarder. Auf ebenso einfache wie unterhaltende Weise werden in diesem Buch auch Zusammenhänge in der Philosophie dargestellt (das Werk ist natürlich ebenfalls als Hörbuch erhältlich [oder als solches auch Internet aufzufinden]). Ebenfalls empfehlenswert ist eine Darstellung der Philosophiegeschichte im Cartoonstil: "Philosophy For Beginners" (dt. Philosophie - Eine Bildergeschichte für Einsteiger, 1992) von Richard Osborne. Und schliesslich gibt es heute auch Videos bzw. DVDs dazu, so etwa von der Fernsehsendung "Denker des Abendlandes" von Wilhelm Vossenkuhl und Harald Lesch. Ansonsten wird jeden v.a. das interessieren, was ihn sonst thematisch besonders interessiert, und im Allgemeinen gehören wohl die ethischen und moralischen Schriften und die Lebensweisheitsbücher zu beliebtesten (meist auch zu den kürzeren) philosophischen Büchern, wie etwa die Nikomachische Ethik von Aristoteles (ist aber nicht so kurz), das Handbüchlein der Moral von Epiktet, die Selbstbetrachtungen von Mark Aurel, die Vita Beata von Seneca und die Beata Vita von Augustinus, der Trost der Philosophie von Boethius, die Schrift über die Würde des Menschen von Mirandola, die Essais von Montaigne, der Brief über die Toleranz von Locke, die Kritik der praktischen Vernunft (auch nicht so kurz) und die Schrift zum Ewigen Frieden je von Kant, die Aphorismen zur Lebensweisheit von Schopenhauer, die Schrift über die Freiheit von Mill und im 20. Jahrhundert vielleicht (?) die Minima Moralia von Adorno... sowie das Prinzip Weltethos von Küng (dies sind alles Werke zur Ethik; ein überschaubares Büchlein zur Erkenntnistheorie, ohne dass man sich gleich in die ganz grossen Schunken stürzen müsste, lieferte Hume mit seiner Untersuchung über den menschlichen Verstand [natürlich aber erst recht bereits nur ein Zeitausschnitt (aber immerhin lesbar [während eben die Werke oder Schunken dazu von Locke, Kant, Hegel oder Schopenhauer, u.a., doch eher nur für Spezialisten zu empfehlen sind])]). Mein persönliches Interesse zielte dagegen v.a. auch auf die historisch grossen und wegweisenden Schriften und Schunken, aber die Interessen sind, wie gesagt, verschieden. Muss man philosophische Bücher lesen? Sicher nicht. Wer lieber belletristische Bücher mag, soll diese lesen, ebenso wer lieber Sachbücher, Biografien oder anderes mag, und wer gar keine Bücher mag, der soll die Lektüre sein lassen und sich anderen Dingen widmen. (Dagegen würde ich darauf bestehen, dass ein kleines Minimalwissen über die Philosophiegeschichte zur Allgemeinbildung gehört - für all diejenigen, welchen diese irgendetwas bedeutet.)



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Wie soll man mit der Philosophie umgehen? Diese Frage kann ich für niemanden beantworten, und ich glaube, niemand kann das. Ich kann nur sagen, wie ich mit der Philosophie umgehe. Für mich war die Philosophie so etwas wie die Lösung eines künstlerisch-kreativen Problems. Ich war nämlich Schriftsteller, wusste aber irgendwie nicht mehr, worüber ich schreiben soll. In dieser Situation begegnete ich der Philosophie. Ich fing an, philosophische Bücher zu lesen, philosophische Texte zu schreiben und ein eigenes philosophisches System zu kreieren. Schliesslich gab ich im Jahr 2003 ein philosophisches Buch heraus - danach wollte ich mich eigentlich anderen Dingen zuwenden, aber mittlerweilen sind es bereits drei Bücher geworden. Ich hatte gespürt, dass es immer einen Schritt weitergegangen ist, und dass ich auf einem guten Weg damit bin. Andere Menschen werden anders damit umgehen. Allen kann man dazu das weitergeben, was ein anderer bedeutend darüber gesagt, was die Philosophie für die Menschen ist. Es war Boethius, und dieser sagte: die Philosophie ist ein Trost. Ich habe über die dunkelste Stunde der Philosophie gesprochen, und ich habe Wittgenstein im Nachhinein ein bisschen im Verdacht, dass er damit eigentlich nur einen Witz machen wollte, von dem er selber nicht wissen konnnte, wie ernst ihn manche dabei nehmen würden. Aber item (und: wie auch immer). Bei Boethius und seinem Trost liegt vielleicht die hellste Stunde der Philosophie (aus einem Gefängnis heraus geschrieben, übrigens). Die Philosophie als Trost ist ein dreifacher: dass die Welt geschaffen ist, dass sie veränderlich ist und eben, dass sie tröstlich ist. Geschaffen heisst, sie ist nicht einfach nur da, sondern sie ist geschaffen da, und wir können auch nachvollziehen, wie sie geschaffen wurde (in der Philosophie), veränderlich heisst, sie ist nicht einfach nur da, sondern sie ist veränderlich da, und wir können sie verändern (in der Philosophie), und tröstlich heisst, sie ist nicht einfach nur da, sondern sie ist tröstlich da, und wir können getröstet werden über sie (in der Philosophie [aber auch in der Religion und in der Wissenschaft, denn es gibt auch einen Trost der Religion und einen Trost der Wissenschaft]). Was soll ich mehr dazu sagen? Es ist vielleicht mit der Philosophie ähnlich wie mit der Religion: wer zu viel von ihr erwartet, wird von ihr enttäuscht werden, und wer zu wenig von ihr erwartet, wird von ihr überrascht werden. (Und vermutlich ist es mit der Wissenschaft und allem anderen auch so ähnlich.) Ich bin in meiner Philosophie eben zu einem philosophischen System gekommen sowie auch zur Forderung nach einer besseren Ökologie und Soziologie, was eigentlich meiner Schlussfolgerung entspricht. Ethik reicht nicht mehr für die Lösung der Probleme der Welt, wir brauchen v.a. eine bessere Politik. Diese muss sich aber auf die Wissenschaft abstützten können - worauf sonst? Unsere heutige (spät-) moderne Zeit ist - so sehe ich es zumindest (wie sie sich gemäss den verschiedenen Zeitaltern entwickelt hat), eher wissenschaftlich und ferner her religiös als philosophisch orientiert. Daher zielt meine bedeutendste Forderung, obwohl ich einem gewissen Sinn auch alle Teile als gleichwertig betrachte, auf eine Förderung der Wissenschaften der Ökologie - diese Disziplin muss vielerorts sogar noch zuerst eingeführt werden - und der Wissenschaft der Soziologie. Das sind die beiden Wissenschaften, in welchen die bedeutendsten Probleme der Zukunft ausgetragen und gelöst werden müssen. Ich würde also auch eher heute ein Studium dieser Disziplinen empfehlen (allenfalls in Kombination mit anderen) als der Philosophie (ausser für wirklich speziell Interessierte).

Ich fühle mich heute kompetent, über die Philosophie (bzw. meine Philosophie) und auch über die Philosophiegeschichte (aus meiner Sichtweise heraus) Auskunft zu geben (was ich hier tue). Im Folgenden habe ich eine Kürzestzusammenfassung gemacht, wie ich sie eigentlich auch von den Schulen im Minimum erwarten würde, denn die Schulen sollten ja genau wissen, was sie unterrichten und worüber sie lehren wollen, was sein sollte: das Leben, das Wissen und die Welt - die Schule muss, neben einem gewissen soziologischen Ausgleich in der Ausbildung und in der Erziehung, mehr denn je die Grundlagen in diesen Dingen vermitteln (alles weitere findet sich für die weiter Interessierten heute auch im Internet).

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Zur Universitätsphilosophie. Im Video oben sieht man einen kurz vor dem Master stehenden Philosophiestudenten, welcher Informationen zum Philosophiestudium gibt. Interessant ist für mich v.a., was an der Universität gelehrt wird - er sagt v.a. Ethik (was ist richtig, was ist falsch und grundsätzliche Fragen der menschlichen Zusammenlebens), Erkenntnistheorie (wo liegen die Grenzen der Erkenntnis und ist die Welt, die wir sehen wirklich die echte Welt) und Logik (ist schon fast Mathematik [Anm. mit vielen Zeichen und so (Platon hat einmal gesagt: es kommt mir keiner in die Hütte, der keine Zeichen deuten kann, oder so, und jetzt haben sie das ziemlich wörtlich genommen in letzter Zeit, im Gegensatz zu vielem anderem, was Platon gesagt hat, aber item)]). Sicher gibt es noch einige Richtungen mehr, aber dies dürften etwa die bedeutendsten Richtungen sein. Natürlich nicht ganz das, was ich mir unter Philosophie vorstelle, aber ich bin natürlich eben auch ein Spezialfall, nämlich nicht jemand der Philosophie nur autodidaktisch studiert, sondern der auch eine eigene philosophische Lehre erarbeitet hat. Natürlich geht jemand wie ich ganz anders an die Philosophie heran (aber item: es soll ja verschiedene Arten von Philosophen geben). Was hier gesagt wird ist etwa das, was ich von einem heutigen Philosophiestudenten zu hören erwartet hätte. Interessant ist die Aussage, dass man in der Philosophie keine Antworten bekommt. Der junge Mann findet sogar, dass, wer Antworten haben möchte, nicht Philosophie studieren sollte. Finde ich eine etwas eigenartige Aussage (aber vermutlich sind auch viele heutige Professoren dieser Meinung). Ich finde eher, dass das Gegenteil der Fall ist: man bekommt so viele Antworten, dass man damit eigentlich fast ein bisschen überfordert ist. Ich habe jedenfalls mehr Antworten bekommen, als mir eigentlich lieb war und habe dann versucht, diese ein bisschen zu ordnen. Die Philosophie ist populärer geworden, obwohl man berufsmässig immer noch nichts damit anfangen kann - entweder deswegen, weil die ganzen Firmen und Institutionen in dieser Gesellschaft keine Philosophie haben und brauchen, oder weil die Philosophen ihnen damit auch nicht weiterhelfen können (ich vermute, dass eher das zweitere der Fall ist - das wäre zumindest ein Hinweis zur Anregung, wie man die Philosophie in die Gesellschaft integrieren könnte [eine Frage, die bis dato noch gar nicht gestellt wurde, weil die Philosophie bisher eine Elite angesprochen hat, oder im Selbstverständnis sogar eine Elite der Elite, die damit zufrieden war, Dinge zu wissen, die andere nicht wissen, und sich über Dinge Gedanken zu machen, über die sich niemand sonst Gedanken macht, heute aber ist es sicher höchste Zeit, sich diese Frage einmal zu stellen: denn wir sind hier im Internet, auf dem Planeten der Erde - wie Carl Sagan so schön sagt - und in dieser Gesellschaft]). Hmm, na ja. Vielleicht sollte sich die Philosophie auch einmal lösen davon, das Gefühl haben zu müssen, man müsse auf eine ähnliche Art und Weise forschen wie die übrigen (bzw. die Natur-) Wissenschaften. Vielleicht muss sich die Philosophie einmal fragen, was und wie sie überhaupt forschen will und soll. Jede Forschungswissenschaft hat einen Untersuchungsgegenstand. Was ist eigentlich der Untersuchungsgegenstand der Philosophie? Und wie will man diesem gerecht werden? Besteht der Sinn einer Disziplin der Philosophie wirklich darin, überkomplizierte Metaphysiken, Logiken und Ethiken zu entwerfen, die kein Mensch mehr nachvollziehen kann? (Wenn ich mir etwa die moderne Logik anschaue, muss ich mich teilweise fragen, ob damit wirklich die Mathematik in die Philosophie eingebaut wird, wie ihr Anspruch teilweise ist, oder ob damit nicht vielmehr die Mathematik durch eine Pseudophilosophie lächerlich gemacht wird [indem man komplizerte Sprach-Zeichen-Bedeutungssysteme erfindet und entwickelt, aber manchmal 1+1 nicht mehr zusammenzählen kann].) Und - wenn schon - auf welcher Grundlage geschieht eben solches? (Sehr wichtige Frage!, und weiter: wenn man in die Komplexität gelangt ist, wie soll dann der Rückbezug zur Einfachheit wieder hergestellt werden? [Ebenfalls sehr wichtig, denn im Gegensatz zu anderen Wissenschaften sucht die Philosophie eben nicht nur die Verlorenheit in konkreten Detailfragen, sondern auch den möglichst einfachen Gesamtüberblick und ein entsprechend nachvollziehbares, zeitgemässes Weltbild (dieser Anspruch ist auch in einer analytischen, intellektuellen und Gebildeten-Sphäre zu vertreten)]). Philosophie heisst nicht, die Menschen mit kompliziertem Unsinn zum Schweigen zu bringen, sondern sie durch einen Bezug zur Weisheit aufzuklären - zumindest ist dies auch ein bedeutender Aspekt der Philosophie, neben allem anderen, was in der Philosophie auch noch möglich ist (und was keiner irgendjemandem verwehren kann, wenn dieser die Sache eben so betrachten will). Vielleicht sollte die Philosophie auch ein bisschen die Blickrichtung wechseln: dass sie sich nicht mehr nur fragt, was in der Vergangenheit war und in der Gegenwart ist, sondern was wichtig wäre für die Philosophie der Zukunft, oder: was wir einem Philosophen in einer späteren Zeit von gestern und heute mitgeben möchten. (Die Stärke der Philosophie war es immer, oder oft in ihren besten Momenten, ihrer Zeit ein kleines Stückchen voraus zu sein.)

Das "Philosophie Magazin" - eines der bedeutendsten, in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgekommenen philosophischen Medienproduktes - spricht in seiner Ausgabe vom April/Mai 2017 von einem "Leitfaden für das postfaktische Zeitalter". Das zeigt, wo die Philosophie heute etwa steht. Der Begriff des Postischen wird heute für alles Mögliche gebraucht, macht aber selten wirklich einen Sinn. Am Liebsten möchte der Mensch heute postisch alles hinter sich lassen und in einer neuen Welt vollkommen neu anfangen - dies hat vielleicht etwas mit Science Fiction zu tun, aber vermutlich wenig mit wahrer Philosophie.

Universitätsseiten (zum Stöbern - hier kann man einsehen, wer die Leute sind, welche an der Universität Philosophie lehren, und was ihre Forschungsgebiete sind): Alma Mater (Italien, Bologna), Berkeley (USA, Berkeley-Kalfornien), Cambridge (Grossbritannien, Cambridge), Harvard (USA, Cambridge-Massachusetts), Humboldt (Deutschland, Berlin), Oxford (Grossbritannien, Oxford), Sorbonne (Frankreich, Paris), Stanford (USA, Stanford-Kalifornien), Yale (USA, New Haven-Connecticut) - andere: École normale supérieure de Paris (Frankreich, Paris), Eidgenössisch Technische Hochschule ETH Zürich (Schweiz, Zürich), Masschusetts Institute of Technology MIT (USA, Cambridge-Massachusetts). (Hier gibt es ein Universitätsranking - natürlich für die Gesamtuniversität und sicher aus anglophiler Sicht; der Vorteil der US-Universitäten war und ist natürlich v.a. die Sprache [nebst dem US-Nimbus als Migrations- und Studienland]; in Europa haben vermutlich die Mitteleuropäer einen Vorteil, insbesondere Deutschland, Frankreich und die Schweiz.) [Fortsetzung folgt.]


Kürzestzusammenfassung. Was gehört in der Philosophie zum Allgemeinwissen? Im 7./6. Jahrhundert vor Christus traten die sogenannten Urgrundphilosophen oder Vorklassiker im damals griechischen Kleinasien (heutige Türkei) auf, welche damit begannen, selbstständig über die Welt nachzudenken. Als erster dieser Philosophen gilt Thales von Milet. Die Klassik der griechischen Philosophie wird in Athen gebildet durch Sokrates, Platon und Aristoteles. Sokrates philosophierte auf der Strasse mit den Leuten (und versuchte sie zum Nachdenken zu bewegen), Platon entwickelte die Ideenlehre (von den Ideen hinter den Dingen) und Aristoteles begründete die systematische Wissenschaft (in der Naturphilosophie). Die Römer übernahmen dagegen von den Griechen die spätere hellenistische Stoa - eine Philosophie, welche auf die Gemütsruhe zielte. Im Römischen Reich war jedoch das (Römische) Recht bedeutender als die Philosophie. Nach der Konvertierung der Römer zum Christentum übernahm die christliche Theologie im Mittelalter die Rolle der Philosophie. Diese wird in eine frühere Zeit der Patristik (Augustinus) und in eine spätere Zeit der Scholastik (Thomas von Aquino) eingeteilt. Im 15./16. Jahrhundert fand eine Renaissance statt, in welcher neuzeitliche und moderne Freiheitsgedanken aufkamen. Diese führten zur Begründung der (Natur-) Wissenschaft. Bedeutende philosphische Wissenschaftsvertreter waren in der Neuzeit Francis Bacon (Empirismus [experimentelle Methodik und objektive Erfahrung] - Spruch: "Wissen ist Macht", weitere Empiristen: Locke und Hume) und René Descartes (Rationalismus [ewiges Wissen und mathematischer Beweis] - Spruch: "Ich denke, also bin ich" [Subjekt-Objekt-Scheidung], weitere Rationalisten: Spinoza und Leibniz). Im Zeitalter der Aufklärung kam zur wissenschaftlichen Erneuerung eine politische Erneuerung dazu. Französische Philosophen wie Montesquieu, Voltaire und Rousseau sind mitverantwortlich für die Französische (Bürger-) Revolution. Das Credo dieser Revolution der Bürger gegen die mittelalterliche Dreistandesgesellschaft (mit Adel, Geistlichkeit und Drittem Stand) lautet: Freiheit (liberté), Gleichheit (égalité) und Brüderlichkeit (fraternité). Der grosse deutsche Aufklärer Immanuel Kant sorgte mit seinen kritischen Schriften (Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft und Kritik der Urteilskraft) dafür, dass die deutsche Philosophie fortan eine Führungsstellung in der Philosophie (Europas) einnahm (Spruch: "Sapere aude" [dt. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen]). Ihm folgte der Deutsche Idealismus, dessen bedeutendster Vertreter Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist (sein bekanntestes Werk heisst: Phänomenologie des Geistes [Dialektikprinzip mit These, Antithese und Synthese als Weltprinzip]). Nach diesem diversifizierte sich die Philosophie in viele verschiedene Richtungen. Die heutige Politik ist geprägt durch die Auseinandersetzung zwischen dem Liberalismus (18. Jh./Aufklärung) und dem Sozialismus (19. Jh. - in diesem sind ebenfalls Schopenhauer und die Individualisten [mit Nietzsche] bedeutend zu erwähnen). Im 20. Jahrhundert gab es v.a. drei bedeutende Richtungen: Kritizistische Philosophie (mit der Kritischen Theorie in Deutschland und dem Poststrukturalismus in Frankreich), Existentialismus (Heidegger, Sartre) sowie Analytische Philosophie (v.a. in den USA - nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die USA mehr und mehr die führende Position in der Kultur allgemein, und so auch in der Philosophie). Zur Philosophie anderer Kulturen: in China gelten die alten drei Philosophen noch immer als die grössten (Konfuzius, Laotse, Buddha [dieser aus Indien/Nepal] - rund 500 v. Chr.), in Arabien hatte die muslimische Philosophie eine Blütezeit während der christlichen Scholastik im Mittelalter (die europäische Kultur übernahm von ihr das indisch-arabische Zahlensystem und die Wiederbetrachtung der aristotelischen Philosophie [wichtig für die Herausbildung der neuzeitlichen Wissenschaft (Aristoteles <-> Galilei)]). Noch einmal eine kürzeste und knappste Zeitbestimmung: Antike (Griechen, Römer), Mittelalter (Christentum), Neuzeit: 15./16. Jh. Renaissance, 17. Jh. Wissenschaft, 18. Jh. Aufklärung/Liberalismus, 19. Jh. Sozialismus, 20. Jh. Existentialismus. Für alle, die interessiert sind an philosophischen Themen gibt es interessante Bücher zur Philosophiegeschichte (was eher zu empfehlen ist, als die Lektüre von alten Einzelwerken). Aktuelle Public Philosophers (mit Vorsicht zu geniessen - wie alles [in der Welt (und in der Philosophie)]): Chomsky, Enthoven, Nussbaum, Precht, Sandel, Sloterdijk, Zizek (u.a.). Das genügt als Minimalgrundwissen (welches auch an jede Grund- und Volksschule gehört - man kann dazu den Schülern ein Blatt Papier abgeben, inkl. der Nennung von etwa drei Büchern zur Philosophiegeschichte [siehe oben], und dann wissen sie Bescheid [und desgleichen kann man es mit den Wissenschaft machen, insbesondere mit der Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Psychologie, Ökonomie, Soziologie, und auch mit der Theologie/Religion sowie Geografie, u.a. (siehe im Abschnitt über die Wissenschaftsgeschichte)]).

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Was kann man für ein Interesse an der Philosophie haben? Ich sehe fünf verschiedene Interessen: 1. Fachinteresse, 2. Bildungsinteresse, 3. Zeitinteresse, 4. Religio-Interesse, 5. Desinteresse. Ein Fachinteresse betrifft Leute, die irgendetwas mit Philosophie zu tun haben, sei es, dass sie Philosophie studieren oder halt eben sonst irgendetwas mit Philosophie zu tun haben (was natürlich aber eher selten ist). Ein übriges Fachtinteresse findet sich vielleicht am Ehesten in Künstlerkreisen, welche oft auch an Ideen aller Art sowie der Ideengeschichte interessiert sind. Das Bildungsinteresse ist gegeben, wenn man sich primär für die Fakten interessiert. Man zählt Philosophie zur Allgemeinbildung und möchte ein bisschen etwas darüber wissen. Gerade dies ist in der Philosophie jedoch nicht ganz so einfach, weil alles mit allem zusammenhängt und eine gelöste Frage hundert neue Fragen eröffnet. Trotzdem geben sich die Leute, welche - wie ich hier - eine Philosophiegeschichte schreiben, die ganze Sache einigermassen vernünftig einzugrenzen und darzustellen. Meine Art dies zu tun, ist natürlich ein bisschen speziell - die meisten Philosophiegeschichten sind nüchterner und geradliniger; ich wollte hier aber wirklich eine besondere Philosophiegeschichte schreiben. Interessant ist das Zeitinteresse - ich weiss aber nicht, ob es wirklich weit verbreitet ist. Damit meine ich, dass man im Besonderen wissen möchte, wie unsere Gegenwart entstanden ist: welche Ideen aus der Vergangenheit zu unserer heutigen Zeit geführt haben. Natürlich ist die Erklärung der Zeit bzw. der Gegenwart eine sehr wichtige Bedeutung der Philosophie, was sich viele nicht bewusst so richtig bewusst sind (vielleicht sogar einige Philosophiestudenten nicht). Mit dem Wissen um die Vergangenheit der Gegenwart lässt sich vielleicht auch die Zukunft der Gegenwart besser ergründen (dies ist indessen nicht ganz so sicher [da sich immer manche Dinge rascher entwickeln als andere, und wir nie ganz genau wissen können, welche Dinge sich in Zukunft mit welchem Tempo und in welche Richtungen entwickeln werden]). Ein sehr häufiges Interesse ist das Religio-Interesse. Ich meine damit, dass man in der Philosophie einen Lebenssinn sucht, vielleicht sogar eine Ersatzreligion (wenn man mit der eigenen Religion nicht oder nicht ganz zufrieden ist - schliesslich haben die Philosophen ja auch traditionell u.a. genau dies getan). Ich muss dazu sagen, dass die Philosophie aus verschiedenen Gründen keine Ersatzreligion im klassischen Sinn sein kann. Sicher aber kann sie auf ihre Art und Weise eine Auseinandersetzung mit dem Ganzen sein. Bei der Religion gehen wir von einem festen Glauben aus, bei der Philosophie dagegen handelt es sich um eine ständige Arbeit, welche nie fertig ist. Es gibt Leute, welche dies lieber haben. Man kann sich wirklich bzw. natürlich ein ganzes Leben lang mit der Philosophie beschäftigen - manchmal ein bisschen mehr und manchmal ein bisschen weniger, ohne dass man an ein bestimmtes Ziel kommen muss. Dass für mich Religion und Philosophie gut vereinbar sind, muss ich fast nicht sagen (schliesslich heisst diese Seite ja auch: Philorel), aber ich sage es trotzdem. Im Einzelfall ist es aber sicher zu überlegen, wie bedeutend man sich auf die Philosophie einlassen will. Sie ist v.a. eben etwas für Leute, welche ständig auf der Suche sind (was aber nicht heisst, dass man nicht auch Wahrheiten in der Philosophie finden könnte [trotzdem ist das Suchen und Fragen nie abgeschlossen]). Schliesslich bleibt noch das Desinteresse, was die einfachste Form der Auseinandersetzung mit der Philosophie ist: man sagt sich halt einfach, dass dies andere interessieren mag, aber nicht einen selber, oder dass man keine Zeit für so etwas hat, oder wie auch immer. Das ist natürlich legitim - es soll schon viele Menschen gegeben, die mit geringen oder gar keinen philosophischen Kenntnissen relativ erfolgreich durchs Leben gekommen sind. Und dagegen ist selbst von der Philosophie her - wie ich meine - nichts auszusetzen (obwohl ich eben schon für eine Grundschulung auch in Philosophie bin, allerdings für eine wirklich nur sehr rudimentäre).

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Zwei Listen zur besseren Übersicht und Einordnung: Philosophen nach Richtungen und Nationen.

Philosophen nach Richtungen (der westlich-abendländischen Philosophie [inkl. Religionsstifter]). - Altertum - Vor dem eigentlichen Geschehen in der (Schul-) Philosophiegeschichte (u.a. mit ägyptischer Weisheitsdichtung [Ptah-Hotep], babylonischen Gesetzestexten [Hammurapi], jüdischer Religion [Mose, Jakob] sowie biblischen Weisheitsbüchern [Salomo, Hiob] und indischen [Yajnavalkya, Kapila] und chinesischen Weisheitslehren [Guanzi]). - Antike - Mythendichtung I (Homer), Sieben Weise (Pittakos, Solon [auch Thales]), Urgrundphilosophen bzw. Vorsokratiker (Thales v. Milet, Anaximander, Anaximenes, Alkmaion, Pythagoras, Xenophanes, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras, Empedokles, Leukipp, Melissos v. Elea, Zenon v. Elea, Hippias v. Elis, Protagoras, Gorgias v. Leontinoi, Prodikos v. Keos, Kritias, Demokrit - Schulen in dieser Zeit: Milesier (Thales), Pythagoreer (Pythagoras), Eleaten (Parmenides), Atomisten (Demokrit)]), Indien [andere (exkl. Buddha)] (Mahavira, Kesakambali), Buddhismus I od. Hinayana bzw. Theravada (Buddha), Mythendichtung II (Herodot), China (Laozi [auch: Laotse], Kongzi [lat. Confucius, dt. Konfuzius], Sunzi, Liezi, Mozi [auch: Mo Ti], Mengzi [lat. Menzius], Zhuangzi [auch: Dschuang Dsi], Xunzi, Hanfeizi [auch: Han Fei], Zhongshu), Medizin I (Hippokrates), Griechische Klassiker (Sokrates, Platon, Aristoteles - evtl. auch Xenophon), Akademie I (Speusippos, Xenokrates, Arkesilaos, Karneades), Hellenisten (Pyrrhon [Skeptizismus I], Epikur [Epikureismus I], Zenon v. Kition [Stoizismus od. Stoa - ferner: Kleanthes, Chrysippos]), Heliozentrik (Aristarch v. Samos), Mathematik (Euklid, Diophantos), Yoga (Patanjali), Neupythagoreismus (Varro), Jüdische Philosophie I (Hillel, Schammai), Eklektizismus I (Cicero), Epikureismus II (Lukrez), Skeptizismus II (Ainesidemos, Agrippa), Mythendichtung III (Ovid), Jüdische Philosophie II (Philon v. Alexandria). - Mittelalter - Christentum (Jesus), Römische Stoa (Seneca, Epiktet, Aurel), Patristik (Petrus, Paulus, Justinus der Märtyrer, Irenäus v. Lyon, Tertullian, Clemens v. Alexandria, Origenes, Cyprian v. Karthago, Lactantius, Eusebius v. Caesarea, Athanasius der Grosse, Hilarius v. Poitiers, Gregor v. Nazianz, Basilius v. Caesarea, Gregor v. Nyssa, Hieronymus, Ambrosius v. Mailand, Chrysostomos, Augustinus v. Hippo, Pseudo-Dionysius Areopagita, Isidor v. Sevilla, Johannes v. Damaskus), Römische Rechtsgelehrte (Gaius, Ulpian, Celsus), Gnostizismus od. Gnosis (Basilides, Valentinus, Markion [Biblischer Kanonismus]), Skeptizismus III (Empiricus), Buddhismus II od. Mahayana (Nagarjuna), Medizin II (Galen), Neuplatonismus (Plotin, Porphyrios, Sakkas, Iamblichos), Manichäismus (Mani), Trinitätslehre (Victorinus), Philosophiegeschichte I (Laertios), Arianismus (Arius), Akademie II (Plutarch v. Athen, Proklos), Chen-/Zen-Buddhismus I (Bodhidharma), Medizin III (Tao Hongjing), Katholische Ordensgründer I (Benedikt v. Nursia), Impetustheorie (Philoponos), Islam (Mohammed), Alchemie (Geber), Hinduistische Philosophie (Shankara, Ramanuja), Muslimische Philosophie I (Al-Kindi [lat. Alkindus], Al-Buchari [Muslimische Theologie], Ar-Razi [lat. Rhazes], Al-Hazen [lat. Alhazen od. Avenetan], Al-Farabi [lat. Alpharabius od. Avenassar], Al-Biruni [lat. Alberuni], Ibn Sina [lat. Avicenna, Medizin IV], Al-Ghazali [lat. Algazel], Ibn Baddscha [lat. Avempace], Ibn Tufail [lat. Abubacer], Ibn Ruschd [lat. Averroës]), Sufismus I (Al-Dschunaid), Zwischenphase Patristik/Scholastik (Eriugena, Symeon der Neue Theologe, Cerularius [Grosses Schisma], Clairvaux), Schule von Chartres (Berengar v. Tours, Bernhard v. Chartres, Thierry v. Chartres, Willhelm v. Conches, Gilbert v. Poitiers, Johannes v. Salisbury, Alanus ab Insulis), Scholastik (Canterbury, Roscellinus, Wilhelm v. Champeaux, Grosseteste, Abaelardus, Lombardus, Gundissalinus, Alexander v. Hales, Bonaventura, Magnus, Thomas v. Aquino [Thomismus], Bacon [R.], Siger v. Brabant, Heinrich v. Gent, Duns Scotus, Marsilius v. Padua, Ockham, Buridan, Kues, Biel), Christliche Mystik I (Hildegard v. Bingen, Mechthild v. Magdeburg, Eckhart, Katharina v. Siena), Katholische Ordensgründer II (Joachim v. Fiore, Dominikus, Franz v. Assisi), Jüdische Philosophie III (Maimonides), Zen-Buddhismus II (Eisai), [Christliche] Häretiker (Valdes), Sufismus II (Tabrizi, Suhrawardi, Ibn Arabi, Rumi), Christliche Mystik II (Llull, Katharina v. Siena), Intellektualismus (Dietrich v. Freiberg), Kabbalismus I (Gikatilla, de Leon), Renaissance (Alighieri, Petrarca, Ficino, Pomponazzi, Mirandola, Bovillus, Patrizi), Vorreformation (Wyclif, Hus, Colet), Muslimische Philosophie II (Ibn Chaldun), Humanismus (Alberti, Valla, Agricola, Erasmus, Morus [(Utopischer) Sozialismus I], Ramus, Scaliger, Lipsius), Universalgelehrte I (Da Vinci), Staatstheorie I (Machiavelli), Sikhismus (Nanak), Neokonfuzianismus (Yangming). - Neuzeit - [Neuzeitliche] Naturwissenschaft I (Kopernikus), Reformation (Luther, Tyndale, Zwingli, Bucer, Melanchthon, Bullinger, Calvin, Knox), Universalgelehrte II (Nettesheim, Cardano, Della Porta, Kircher), Katholische Ordensgründer III (Ignatius v. Loyola), Medizin V (Paracelsus, Vesalius), Christliche Mystik III (Teresa v. Ávila), Staatstheorie II (Bodin, Althusius, Hobbes), Essayistik (Montaigne), Kabbalismus II (Luria), [Neuzeitliche] Naturwissenschaft II u. Astronomie (Brahe, Bruno, Galilei, Kepler, Gassendi), Ontologie I (Goclenius, Lorhard, Micraelius, Calov, Clauberg), Völkerrecht (Suárez, Gentili, Grotius [Naturrecht I]), Empirismus (Bacon [F.], Locke, Berkeley [Idealismus], Hume), Feminismus I (De Gournay), Muslimische Philosophie III (Sadra), Christliche Mystik IV (Böhme), Deismus I (Cherbury), Jansenismus (Jansen, Pascal, Arnauld [Logik von Port-Royal], Nicole [dito]), Salonnières I (Rambouillet), Reformpädagogik (Comenius), Rationalismus (Descartes, Spinoza, Leibniz), Cambridger Platonismus (More [H.], Cudworth, Whichcote), Puritanismus u. Erweckungstheologie I (Watson [T.]), Klassische Nationalökonomie I (Petty, Boisguilbert), Okkasionalismus (Geulincx, Malebranche), Christliche Mystik V (Silesius), Naturwissenschaft II (Boyle [Chemie], Newton [Physik]), Naturrecht II (Pufendorf [Vernunftrechtslehre I]), Pietismus (Spener), Enzyklopädisten (Bayle, Chambers, Diderot, D'Alembert, Krünitz), Salonnières II (Lambert, Tencin), Vernunftlehre bzw. Vernunftrechtslehre II (Thomasius), Freidenkertum (Molyneux, Toland), Deismus II (Tindal, Collins, Reimarus), Europäische Union (Saint-Pierre), Atheismus (Meslier), Geschichtsphilosophie (Vico), Ethischer Sensualismus (Shaftesbury), Ontologie II (Wolff [Vernunftrechtslehre III]), Physiokratismus (Cantillon, Quesnay, Turgot), Theosophie I (Swedenborg). - Moderne I - [Französische] Aufklärung (Montesquieu, Voltaire, Rousseau [Reformpädagogik II], Mirabeau, Condorcet, La Fayette, Saint-Just), Schottische Aufklärung (Hutcheson, Reid [Common-Sense-Philosophie - weitere: Beattie, Stewart, Brown, Hamilton], Ferguson), Philosophiegeschichte II (Brucker), Kritizismus (Home Kames), Dogmatischer Rationalismus bzw. Leibniz-Wolffsches System (Gottsched, Baumeister, Baumgarten, Meier, Sulzer, Nicolai), Muslimische Philosophie IV (Al-Whahab, Ad-Dihlawi), Erweckungstheologie II (Edwards), Methodismus u. Erweckungstheologie III (Wesley), Materialismus (De La Mettrie, Helvétius, D'Holbach), Psychiatrie I (Cullen), Russische Wissenschaft (Lomonossow), Italienische Aufklärer (Genovesi, Buonafede, Galiani, Beccaria), Klassische Nationalökonomie II (Denham-Steuart, Smith [(Ökonomischer) Liberalismus], Malthus, Say, Ricardo), Aufgeklärter Absolutismus (Friedrich der Grosse), Klassizismus* (Laugier, Winckelmann), Sprachphilosophie (Burnett), Sensualismus (Condillac), [Utopischer] Sozialismus II (Morelly), Russische Philosophie (Skoworoda), Deutsche Aufklärer (Kant [Deontologie od. Pflichtethik], Mendelssohn, Tetens, Garve, Lichtenberg, Lossius, Jacobi, Herder, Herz, Reinhold), Gegenreformation (Pütter), Moderner Konservativismus (Burke), Gegenaufklärung (Saint-Martin, Maistre), US-Aufklärer (Jefferson), Russische Aufklärer (Nowikow, Radischtschew), Evolutionstheorie I (Lamarck), Reformpädagogik III (Pestalozzi), Feminismus II (De Gouges, Wollstonecraft), Illuminatenorden (Weishaupt, Knigge), Utilitarismus I (Bentham [Konsequentialismus], Mill), Romantik (Goethe, Schiller, Schlegel [A.W.], Schleiermacher [Moderne Hermeneutik], Schlegel [F.]), Philosophie der Ideologie (Tracy), Aufgeklärte Gegenaufklärung (Bonald), Anarchismus I (Godwin). - Moderne II - Verschwörung der Gleichen (Babeuf, Buonarroti), [Utopischer] Sozialismus III (Saint-Simon, Owen, Fourier, Cabet, Blanc), Deutsche Skeptiker ([Aenesidemus-] Schulze, Fries), Deutscher Idealismus (Fichte, Hegel, Hölderlin, Schelling), Romantik (Goethe, Schiller, Schlegel [A.W.], Schleiermacher [Moderne Hermeneutik], Schlegel [F.]), Transzendentaler Synthetismus (Krug), Kapitalismuskritik (Sismondi, Thompson), Allgemeine Pädagogik (Herbart), Historische Rechtsschule (Savigny), Biosophie u. Anthroposophie I (Troxler), Krausismo (Krause), Subjektiver Idealismus (Schopenhauer), Rassentheorie II (Carus), Eklektizismus II (Cousin), [Gesellschafts-] Dystopie I* (Shelley), Soziologie u. Positivismus (Comte), Neuoffenbarung (Lorber, Mayerhofer - im Islam: Baha'ullah, Mirza Ghulam Ahmad), Neoguelfismus (Gioberti), [Nordamerikanischer] Transzendentalismus (Emerson, Thoreau), Linkshegelianismus (Feuerbach, Bauer), Politologie (Tocqueville), Staatssozialismus (Rodbertus), Psychophysik (Fechner), Individualismus (Stirner), [Utopischer] Sozialismus IV (Weitling), Anarchismus II (Proudhon [Syndikalismus], Bakunin, Kropotkin), Evolutionstheorie II (Darwin), Grenznutzentheorie (Gossen), Narodniki-Bewegung (Herzen, Lawrow, Tschernyschewski), Existentialismus I (Kierkegaard), Neokritizismus (Renouvier), Rassentheorie II (Gobineau), Teleologischer Idealismus (Lotze), Kommunismus I (Marx, Engels), [Russischer] Nihilismus I (Turgenew, Leontjew, Pissarew), Sozialdarwinismus (Spencer), Libertarismus I (Déjacque), Realistischer Idealismus (Hebler), Entropielehre (Clausius, Boltzmann), Eugenik (Galton), Sozialdemokratie (Lassalle, Bebel, Kautsky), Agnostizismus (Huxley [T.H.]), Philosophiegeschichte III (Ueberweg), Neukantianismus (Lange, Liebmann, Cohen, Riehl, Windelband, Vaihinger, Natorp, Wwedenski, Rickert, Cassirer), Milieutheorie (Taine), Widerspruchsphilosophie (Bahnsen), Theosophie II (Blavatsky, Olcott, Besant), [Deutscher] Psychologismus (Wundt [Voluntarismus], Lipps, Erdmann), [Moderner] Hinduismus (Ramakrischna, Tagore, Vivekananda, Gandhi), Lebensphilosophie (Dilthey, Bergson [Intuitionalismus], Klages), [Deutscher] Positivismus u. Empiriokritizismus (Dühring, Mach, Avenarius), Ökologiebegriff (Haeckel), Britischer Idealismus (Hill Green, Bradley, Bosanquet, Toynbee, McTaggart, Joachim [Kohärenztheorie]), Identitätsphilosophie (Spir), Utilitarismus II (Sidgwick), Intentionalismus (Brentano), Pragmatismus (Peirce, James, Dewey, Mead, Santayana), Pessimismus (Mainländer), Massenpsychologie bzw. Philosophie der Masse I (Le Bon), Philosophie des Unbewussten (Hartmann [E.]), Nihilismus II (Nietzsche), Kontingentismus (Boutroux), Analytische [Sprach-] Philosophie I (Frege [Prädikatenlogik], Russell, Wittgenstein), Sozialdemokratischer Revisionismus (Bernstein), Neuer-Mensch-Philosophie (Masaryk). - Moderne III - Alternativ-, Friedens- u. [Lebens-] Reformbewegung (Diefenbach, Gräser [K.], Gräser [G.]), Emergenztheorie (Morgan, Alexander, Broad), Gegenstandstheorie (Meinong), Symbolismus (Moréas)*, Marxismus (Plechanow), Psychiatrie II (Kraepelin, Bleuler), Psychoanalyse (Freud, Adler, Jung), Organizismus (Ritter), Strukturalismus I (De Saussure), Quantentheorie I (Planck), Raumzeitlehre (Palágyi), Gestaltphilosophie u. -psychologie (Ehrenfels, Wertheimer), Phänomenologie I (Husserl, Scheler), [Methodischer] Holismus (Haldane), Essentialismus (Duhem), Anthroposophie II (Steiner [R.]), Prozessphilosophie (Whitehead), Ideengeschichte (Meinecke), Existentialismus II (Unamuno, Schestow, Berdjajew, Lavelle), Filosofia italiana [erste Hälfte 20. Jh.] (Croce), Machologie (Lasker), Kosmischer Idealismus (Boodin), Kommunismus II (Lenin, Trotzki, Mao), Integralismus I (Aurobindo), Panidealismus (Holzapfel), Faschismus (Gentile), Futurismus* (Marinetti), Muslimische Philosophie V (Iqbal), Neuthomismus (Maréchal, Przywara, Maritain, Gilson, Lotz, Lonergan, Rahner), [Moderne] Rechtsphilosophie (Radbruch, Kelsen, Hart), Behaviorismus (Watson [J.B.], Skinner), Jüdische Philosophie IV (Buber, Kaplan, Rosenzweig, Scholem), Relativitätstheorie u. Relativismus (Einstein, Feyerabend, Margolis), Surrealismus* (Apollinaire, Breton), Neoliberalismus I (Mises, Hayek), Philosophie der Masse II (Gasset, Kracauer, Canetti), Existentialismus III u. Ontologie III (Hartmann [N. (Neue Metaphysik)], Jaspers [Existenzphilosophie], Conrad-Martius, Marcel, Heidegger [Fundamentalontologie], Stein, Sartre, Arendt, De Beauvoir [Feminismus III], Camus), Quantentheorie II (Bohr, Schrödinger, Heisenberg), Neomarxismus (Lukács, Korsch, Gramsci, Althusser [ferner: siehe auch Kritische Theorie]), Philosophie der Hoffnung (Bloch), Dadaismus* (Ball), Feldtheorie I (Lewin), [Gesellschafts-] Dystopie II* (Huxley [A.], Orwell), Kybernetik (Wiener), Urknalltheorie (Lemaître), Rastafarianismus (Howell), Entwicklungspsychologie I (Piaget), Strukturalismus II (Jakobson, Lévi-Strauss), Kritische Theorie (Horkheimer, Marcuse, Adorno - weitere: Fromm, Benjamin, Löwenthal), Hermeneutik [im 20. Jh.] (Gadamer), Systemtheorie (Bertalanffy), Poststrukturalismus I (Lacan, Barthes), Kritischer Rationalismus (Popper), Informatik I (Neumann [Spieltheorie], Turing), Philosophie der Verantwortung I (Jonas), Integralismus II (Gebser, Wilber), Libertarismus II (Rand, Nozick), Philosophie der Verpflichtung (Levinas), Humanistische od. Positive Psychologie (Maslow), Analytische [Sprach-] Philosophie II (Ryle, Goodman, Quine, Ayer, Austin), Phänomenologie II (Merleau-Ponty), Raconteurs (Berlin, Bauman, Steiner [G.]), Neoliberalismus II (Friedman [M.]), Ökologie I (Naess, Passmore, Taylor, Shepard, Rolston, Devall, Attfield), Jüdische Philosophie V (Ben-Chorin [u.a. - viele jüdische Denker unter anderen Rubriken]), Hippie-Bewegung (Leary), Metaphorologie (Blumenberg), Anti-Psychiatrie (Szasz, Laing), Gerechtigkeitstheorie (Rawls), Fuzzylogik (Zadeh), Paradigmenphilosophie (Kuhn, Capra), Argumentationstheorie (Toulmin), Diskursethik (Apel, Habermas), Informatikkritik (Weizenbaum), Poststrukturalismus II (Deleuze, Foucault, Derrida [Dekonstruktion], Lyotard, Baudrillard, Guattari), Vernetztes Denken (Vester), Analytische [Sprach-] Philosophie III (Dummett, Tugendhat), Anarchokapitalismus I (Rothbard, Friedman [D.]), Philosophie des Geistes (Putnam, Searle, Nagel, Kripke, Churchland, Dennett, Levine, Pauen, Metzinger, Chalmers), Entwicklungspsychologie II (Kohlberg), Public (Media-) Intellectual/Philosopher I (Chomsky, Rorty), Weltethos (Küng), Kommunitarismus (Etzioni, MacIntyre, Walzer), Transhumanismus (FM-2030, More [M.], Bostrom), Medienphilosophie (Postman, McLuhan, Capurro, Bolz), Afrikanische Philosophie (Wiredu, Hountondji, Oruka, Appiah, Eze), Flow-Theorie I (Csikszentmihalyi), Ökologie II (Schäfer, Birnbacher, Seel), Philosophie des Ereignisses (Badiou), Informatik II (Nelson [Hypertext]), Tierethik (Regan, Wolf, Singer), Syntheismus (Kauffman, Critchley, Bard, De Botton), Neuer Atheismus (Dawkins, Hitchens, Comte-Sponville), Feldtheorie II (Sheldrake), Kritischer Realismus (Bhaskar), Public (Media-) Intellectual/Philosopher II (Safranski, Vossenkuhl, Sloterdijk, Zizek, Sandel, Precht, Enthoven), Philosophische Praxis (Achenbach), Philosophie der Verantwortung II (Nida-Rümelin, Heidbrink), Philosophie des Erweiterten Geistes bzw. Extended-Mind-Theorie (Clark), Internetphilosophie (Bard, Floridi), Flow-Theorie II (Kotler, Wheal), Spekulativer Realismus u. Philosophie der Kontinuität (Meillassoux), Anarchokapitalismus II (Huemer), Philosophy Slam (Hofweber), Philosophie der Negativität (Hillenkamp), Neuer Elitarismus (Brennan), Multi-Media-Freestyle-Flow-Bewusstseinserweiterungsphilosophie (Silva). - Der Einfachheit halber wurde jeder Philosoph - und andere hier erwähnte Persönlichkeiten der Ideengeschichte - nur einer Richtung zugeteilt, obwohl es natürlich auch immer wieder Überschneidungen gibt; sowohl die Richtungen wie auch deren einzelne Vertreter wurden je nach dem Geburtsjahr eingeteilt. Für die neueren Richtungen habe ich teils eigene Bezeichnungen gewählt, weil es meist noch gar keine offiziellen Bezeichnungen dafür gibt. Natürlich gilt es bei alten wie v.a. auch bei neuen Theorien, obwohl man sie als Richtungen gelten lässt, immer auch kritisch und skeptisch zu sein. [Still unter Konstruktion.]

* In dieser Liste - der ersten dieser Art, v.a. in dieser Ausführlichkeit (nach meinem Wissen)* - wurden bedeutende theoretische Vertreter der (modernen) Kunst mit einem Sternchen (*) bezeichnet. Oft haben diese ein bedeutendes Manifest zur entsprechenden Richtung geschrieben (und/oder diese begründet). Die Philosophen haben solches zwar praktisch nie direkt aufgenommen, trotzdem ist auch die Entwicklung der Kunst natürlich von philosophischer Bedeutung. Auch wissenschaftliche Richtungen wurden vereinzelt neben der eigentlichen oder reinen Philosophie hier aufgeführt (und ebenfalls als sehr bedeutend für die Entwicklung der Ideengeschichte bewertet).

** So sehe ich auch die Strukturierung des gesamten Wissens. Solche Listen könnten schon längstens von allen Wissenschaften bestehen - und darüber hinaus auch von anderen Fachgebieten und Zusammenhängen. Um so etwas zu machen, reicht es natürlich nicht, sich ein bisschen oberflächlich mit den Dingen zu beschäftigen, sondern da muss man sich schon sehr tief und fest mit den Dingen beschäftigen. Die Grundlage dieser Liste der philosophischen Richtungen ist meine Philotimeline (mit der Auflistung aller Philosophen, welche mir während meiner langjährigen Begegnung mit der Philosophiegeschichte begegnet sind).

Den einzelnen Religionen, aber auch den einzelnen Wissenschaften, und sogar auch einer Populär- und Vulgärphilosophie, in einer solchen Liste gerecht zu werden, ist äusserst schwierig. Es ist klar, dass dies eine Liste ist, die erstens auf die (reine) Philosophie und zweitens - seit dem Mittelalter - auf das Christentum und eine aus dem Christentum heraus stammende Philosophie ausgerichtet ist (die sich teilweise, gerade im 20./21. Jahrhundert freilich auch wieder etwas vom Christentum entfernt hat). Ich habe mir aber doch einige Mühe gegeben, das Andere wengistens nicht zu sehr zu vernachlässigen (so dass man hier insgesamt ein recht grosses Spektrum aus der Ideengeschichte vorfindet [gewisse Lücken bleiben natürlich immer, denn eine solche Liste kann letztlich nicht und nie vollständig sein, wenn sie das Ganze auch trotz aller Ausführlichkeit möglichst kurz und verträglich darstellen möchte: dies ist ja eine Mischung zwischen einer Wissenschaftlichkeit und einer Kurzübersicht - das gilt sowohl für den Text wie auch für diese Liste]).

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Philosophen nach Nationen (und Weltregionen - nach Geburtsort [und heutiger politgeografischer Einteilung], inkl. Religionsstifter - pro Land oder Region die bedeutendsten zehn Namen der ganzen Philosophiegeschichte). Afrika I (Nordafrika): Augustinus (Algerien), Badiou (Marokko), Camus (Algerien), Derrida (Algerien), Mose (Ägypten), Origenes (Ägypten), Philon (Ägypten), Plotin (Ägypten? [nicht gesichert]), Ptahhotep (Ägypten), Tertullian (Tunesien) - Averröes wurde Spanien zugerechnet. Afrika II (Mittel- und Südafrika): Benatar (Südafrika), Berger (Senegal), Eze (Nigeria), Findlay (Südafrika), Gyekye (Ghana), Hountondji (Elfenbeinküste), McDowell (Südafrika), Oruka (Kenia), Wiredu (Ghana), Yacob (Äthiopien). Asien I (Arabien & Naher u. Mittlerer Osten, inkl. Israel): Hazen (Irak), Jesus (Israel), Johannes v. Damaskus (Syrien), Justinus (Israel), Kindi (Irak), Luqa (Libanon), Mani (Irak), Mohammed (Saudiarabien), Petrus (Israel), Porphyrios (Libanon) - Mose wurde Afrika (Ägypten) zugerechnet. Asien IIa (Indien [inkl. Nepal u. Bangladesh]): Aurobindo, Buddha (Nepal), Gandhi, Krishnamurti, Nagarjuna, Radhakrishnan, Ramanuja, Shankara, Tagore, Vivekananda. Asien IIb (Persien u. Mittelasien): Avicenna (Usbekistan), Chwarismi (Iran), Farabi (Afghanistan), Ghazali (Iran), Gilani (Iran), Iqbal (Pakistan), Rhazes (Iran), Rumi (Iran), Sadra (Iran), Zarathustra (Iran) - Mani wurde Irak/Asien I zugerechnet. Asien III (China u. Südostasien): Dogen (Japan), Dschuang Dsi (China), Hanfeizi (China), Konfuzius (China), Laotse (China), Dhondrub (Tibet), Mozi (China), Sunzi (China), Suzuki (Japan), Wonhyo (Korea). Benelux: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Erasmus [Niederlande], Geulincx [Belgien], Grotius [Niederlande], Mandeville [Niederlande], Spinoza [Niederlande]). Deutschland: Einstein, Hegel, Heidegger, Kant, Leibniz, Luther, Marx, Nietzsche, Schopenhauer, Wolff. Frankreich: Abaelardus, De La Mettrie, Descartes, Diderot, Foucault, Montaigne, Montesquieu, Sartre, Tocqueville, Voltaire - Rousseau wurde der Schweiz zugerechnet. Griechenland (inkl. Zypern): Aristoteles, Demokrit, Epikur, Platon, Protagoras, Pyrrhon, Pythagoras, Solon, Sokrates, Zenon (Zypern). Grossbritannien: Bacon, Darwin, Hobbes, Hume, Locke, Mill, Newton, Ockham, Sidgwick, Smith - Canterbury wurde Italien zugerechnet. Iberien: Averroës, Avicebron, Gasset, Isidor (v. Sevilla), Llull, Maimonides, Pereira (Portugal), Santayana, Suárez, Unamuno. Italien: Aquino, Boëthius, Canterbury, Cicero, Croce, Empedokles, Machiavelli, Mirandola, Parmenides, Seneca. Lateinamerika: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Bunge [Argentinien], Maturana [Chile], Silva [Venezuela], Varela [Chile], Vasconcelos [Mexiko]). Österreich: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Buber, Feyerabend, Popper, Schlick, Wittgenstein). Osteuropa (exkl. Russland): Blavatsky (Ukraine), Comenius (Tschechien), Freud (Tschechien), Husserl (Tschechien), Kopernikus (Polen), Lukács (Ungarn), Mach (Tschechien), Steiner (Kroatien), Tarski (Polen), Zizek (Slowenien). Ozeanien: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Alexander, Chalmers, Passmore, Singer, Smart [alle Australien]). Russland: Bakunin, Berdjajew, Herzen, Iljin, Kropotkin, Leontjew, Plechanow, Radischtschew, Schestow, Solowjow. Schweiz: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Jung, Küng, Paracelsus, Rousseau, Sismondi) - Einstein wurde Deutschland zugerechnet, Gebser wurde Polen/Osteuropa zugerechnet (dort nicht aufgeführt). Skandinavien: keine zehn weltbekannten Philosophen gefunden (Bard [Schweden], Kierkegaard [Dänemark], Naess [Norwegen], Swedenborg [Schweden], Wright [Finnland]). Türkei: Anaxagoras, Anaximander, Anaximenes, Diogenes (v. Sinope), Epiktet, Heraklit, Paulus, Proklos, Thales, Xenophanes. USA u. Nordamerika: Chomsky, Dewey, Emerson, James, Peirce, Quine, Rand, Rawls, Rorty, Thoreau.

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