Eine philosophische Betrachtung der Menschheits-, Kultur- und Ideengeschichte.    [Philorel home / Philorel lang]


Antike. Die Frage nach der Weisheit ist vermutlich so alt, wie die Frage nach dem Menschen. Frühe Zeugnisse von einer spezifischen Beschäftigung der Menschen mit dem Weisheitsthema finden wir etwa in der babylonischen oder ägyptischen Weisheitsdichtung. Neben Dichtern galten auch Könige als weise - denn ihr Handeln wurde im Volk reflektiert. Exemplarisch galt der biblische König Salomo als weise - von ihm findet sich sogar ein Weisheitsbuch bzw. eine Sammlung weiser Sprüche in der Bibel, welche aber in einer späteren Zeit entstanden ist. Im alten Griechenland traten ebenfalls zuerst die Dichter auf: insbesondere Homer mit seinen Sagengeschichten aus der polytheistischen Götterwelt. Bekannt sind auch die Sieben Weisen im alten Griechenland - zu ihnen gehört Thales von Milet, welcher als erster Philosoph gilt. Mit Thales beginnt also nicht die Geschichte der Philosophie, aber die eigentliche Philosophiegeschichte, d.h. die Geschichte derjenigen Menschen, die wir heute als Philosophen bezeichnen. Philosophen sind an sich nicht Weise, wie man sich Dichter oder König vorstellt, die als weise gelten, sondern: sie sind Weisheitssuchende. Der Begriff des Philosophen bedeutet per definitionem: Freund der Weisheit (nicht: Weiser). Trotzdem ist die Philosophiegeschichte natürlich voller Weisheiten und solchen Heiten, die es gerne wären. Sie hat sich als eine Art Wettstreit der Weisheiten entwickelt. Aber, wie ist das alles gekommen? Und was waren das für Menschen, diese Philosophen? Die ersten Philosophen begannen sich im 5. Jahrhundert vor Christi Geburt an der Westküste Kleinasiens vom mythisch-polytheistischen Weltbild zu lösen und eigenständig über die Welt nachzudenken. Und Thales soll der allererste von ihnen gewesen sein. Laut Diogenes Laertios, welcher im 3. Jahrhundert ein Werk über das Leben und Wirken der Philosophen geschrieben hat, entstammte er einem hochadligen Geschlecht. Doch das ist nicht gesichert, und auch sonst wissen wir nicht viel über Thales. Er behauptete, das Wasser sei der Urgrund der Welt und begründete damit die sogenannte Urgrundphilosophie. Wir können diese als eine Art Erste Philosophie bezeichnen. Denn genau beschaut, ist die Philosophie während der gesamten Antike und darüber hinaus eigentlich bis heute dasselbe geblieben: Urgrundphilosophie. Philosophen stellen aufgrund ihrer eigenen Uridee philosophische Gedankengebäude bis hin zu weltumspannenden philosophischen Systemen auf - und immer eben steht ein Urgrund am Anfang der Philosophie. Dieser Urgrund kann komplexer oder weniger komplex sein, aber er ist in der Philosophie immer vorhanden. Wie kommt man darauf, das Wasser könnte der Urgrund der Welt sein? Das scheint aus heutiger Sicht absurd zu sein - als erster Gedanke der Philosophie - aber es ist doch relativ gut erklärbar. Der erste Gedanke, auf welchen wir vermutlich kommen, ist auch gleich jener, welchen Thales vorgeschoben hat: das Leben kommt aus dem Wasser. Das wusste man schon vor 2500 Jahren! Als weitere milesische Philosophen gelten Anaximander und Anaximenes, von deren Person wir auch nicht viel mehr wissen (oder sogar noch weniger). Von Anaximander stammt der erste erhaltene philosophische Satz, welcher uns vielleicht an manch anderes erinnert, bloss nicht an heitere frühantike griechische Philosophie: «Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Busse für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Ordnung.» (Übersetzung des Altphilologen Hermann Diels). Immer liegt ein gewisses Mysterium - auch in der Philosophie. Anaximander hat auch die erste Weltkarte gezeichnet. Darauf erkennt man das antike Weltbild, welches auch das Mittelalter überdauerte: dass die Erde eine Scheibe ist, und dass der Okeanos (der Ozean, das Meer) das Land umfliesst. An den Rändern der Welt herrschte also quasi das ewige Wasser. Trotzdem behauptete Anaximander das Apeiron bzw. das Unbestimmte sei der Urgrund. Er machte auch eine Karte vom Himmelsgewölbe, und die Seele bestand für ihn aus Luft. Natürlich war der Himmel zu jener Zeit auch ein grosses Argument für den Urgrund der Welt (und vielleicht ist er es heute noch - das legen uns zumindest gewisse Gedanken der Science Fiction nahe). Jedenfalls behauptete der dritte Milesier, Anaximenes, die Luft sei der Urgrund. Er führte also das Unbestimmte von Anaximander wieder auf ein festes Element zurück. Der nächste Philosoph kam aus Ephesus, hiess Heraklit und behauptete das Feuer sei der Urgrund (seit jeher ein Symbol für die Energie). Da haben wir es schon: jeder Philosoph behauptet etwas anderes - und jeder spinnt den Faden des Anderen weiter und kommt zu einem anderen Schluss. Etwas später hat Empedokles, über dessen Leben viele Lügen erzält wurden, diese Elementephilosophie aufgenommen und daraus das erste System der Philosophiegeschichte gemacht. Der Urgrund besteht nach ihm aus einem System mit vier Grundelementen (Erde, Wasser, Luft und Feuer) und zwei Grundkräften (Liebe und Streit bzw. eine vereinende und eine trennende Kraft). Ein simples System baut also auf einem Urgrund auf (wenn wir eine solchermassen fabrizierte Ideologie auch ein System nennen wollen), ein komplexes System baut auf mehreren Urgründen auf. Der Bogen von Thales bis zu Empedokles ist ein kleiner Mikrokosmos - der Mikrokosmos der Elementenphilosophie - im Mikrokosmos der antiken griechischen Philosophie. In diese Zeit hinein gehören auch noch Xenophanes, welcher behauptete, ein einheitlicher Gott sei der Urgrund der Welt (er war somit der erste philosophische Monotheist, aber auch der erste Religionskritiker, indem er die menschenähnlichen Götter der Dichter Homer und Hesiod ablehnte), Pythagoras, welcher behauptete, die Zahl sie der Urgrund der Welt (wie Thales war er auch ein Mathematiker, dazu offenbar auch eine Art Sektenführer, denn er führte eine Art philosophische Sekte und war auch der erste, welcher sich Philosophus nannte), Parmenides, welcher behauptete das (Da-) Sein sei der Urgrund der Welt (er wurde von Platons Sokrates als bedeutendster Philosoph vor ihm selber bezeichnet) sowie Anaxagoras, welcher behauptete der Geist sei der Urgrund der Welt (gemeint ist damit der Nous, ein abstrakter geistiger Weltengrund). In der Zeit von Heraklit, Parmenides und Anaxagoras lebten im Fernen Osten Buddha, Konfuzius und Laotse, welche ebenfalls Zeitgenossen gewesen sein sollen. Dies war die Zeit vor der humanistischen Wende in der griechischen Philosophie. Die vorhumanistische griechische Philosophie kann somit eingeteilt werden in eine erste Phase der materiellen Elementen- oder Elementarphilosophie und in eine zweite Phase einer nicht-materiellen Philosophie, welche zeitgleich zur alten Philosophie des Fernen Ostens stattfand (wie weit sich die griechische und die indische und chinesische Philosophie beeinflusst haben, können wir natürlich heute nicht mehr sagen, es hat jedenfalls aber immer schon Berürungspunkte und Handelsrouten gegeben, so dass wir nicht davon ausgehen können, dass die beiden Bereiche hermetisch gegeneinander abgeschlossen gewesen sind; andererseits lagen sie doch aber auch wiederum zu weit voneinander entfernt, als dass direkte Einflüsse erkennbar und nachweisbar wären, aber item). Protagoras gilt als der grosse griechische Humanist (und Sophist). Er sagte, der Mensch sei das Mass aller Dinge (Homo-Mensura-Satz). Bei ihm ist also quasi der Mensch der Urgrund der Welt - nicht in dem Sinn, dass der Mensch zuerst da gewesen wäre, aber in dem Sinn, dass er die bedeutendste Kreatur in der Welt sei. Wir sehen: der philosophische Urgrund kann auf viele verschiedene Arten und Weisen aufgefasst und bestimmt werden. Damit ist auch quasi für unendlichen Streit unter den Philosophen gesorgt (wobei ich damit nicht sagen möchte, dass Philosophen Menschen sind, die gerne Streit haben, denn Philosophen sind ganz verschiedenartige Menschen - der Streit scheint irgendwie in der Sache der Welt zu liegen [aber nach Empedokles eben auch die Liebe]). Vielleicht ist es weniger erstaunlich, dass Protagoras in der Philosophie auf den Menschen gekommen ist, als vielmehr, wie lange es gedauert hat, bis die Philosophie endlich einmal über den Menschen gesprochen hat. Rein mathematisch betrachtet, waren es ja eigentlich bloss rund 150 Jahre, aber trotzdem ist der Geist der Philosophen schon relativ weite Wege gegangen bis dahin. Das konzentrierte Denken der Philosophen hatte bis dahin schon beachtliche Resultate gebracht, aber auch schwierige Kontroversen - nicht zuletzt gerade in der Philosophie von Protagoras. Einerseits war er der grosse Humanist, welcher den Menschen zum philosophischen Thema erhob, andererseits aber auch der dreiste Sophist, der mit seinen Sophismen so sehr an sämtlichen Wahrheitsgründen rüttelte, dass diese später von den hellenistischen Schulen der Skeptiker, Stoiker und Epikureer fast gänzlich verworfen wurden. Die Weisheit im Clinch mit der Wahrheit? Was ist, wenn es im ganzen Widerstreit der Argumente tatsächlich keine festlegbare Wahrheit gibt? Was aber ist, wenn eine solche Behauptung selber nur ein Sophismus ist (ein hohles Geschwätz und ein leerer Gedanke, wie die Gegner der Sophisten meinten)? Für Sokrates war auf jeden Fall klar, dass zuerst einmal alles zu bezweifeln sei. Sein Satz lautet: Ich weiss, dass ich nichts weiss. Der Zweifel war für ihn der Urgrund (der Philosophie). Und mit Sokrates, dessen Vater Bildhauer und dessen Mutter Hebamme gewesen sein soll (ungesichert), und der mit den Leuten auf der Strasse und den Plätzen philosophiert haben soll, sind wir schon mitten in der grossen Klassik der griechischen Philosophie - mit Sokrates, Platon und Aristoteles, von welchen jeder der Lehrer seines Nachfolgers gewesen sein soll. Die Sache hat bloss einen Haken: in den Büchern Platons ist es Sokrates, welcher die gesamte Philosophie Platons darstellt. Wir stellen uns immer Sokrates als den grossen Zweifler und Platon als den grossen Ideenlehrer vor, aber in Platons Büchern sind der Zweifler (Sokrates) und der Ideenlehrer (Platon) genau die selbe Person! Platon ist vermutlich der rätselhafteste aller Philosophen, nicht nur in diesem Punkt. Wenn es nicht auch die Erinnerungen Xenophons, welcher das erste Buch über Ökonomie herausgab, an Sokrates gäbe, könnten wir zum Schluss kommen, dass Sokrates eine blosse Erfindung Platons gewesen sein könnte (wie auch die untergegangene Insel- und Technikwelt von Atlantis wohl nur eine Erfindung von ihm war [um seine Zeitgenossen wachzurütteln - was letztlich leider nichts nützte, denn die altgriechische Kultur ging genauso unter wie das sagenhafte Atlantis, wenn auch nicht ganz so spur- und folgenlos]). Uns bleibt heute nichts anderes ürig, als die Annahme aufrecht zu erhalten, dass Sokrates eben doch der Zweifler und Platon eben doch der Ideenlehrer war. Platons Ideenlehre besteht darin, dass er hinter den Dingen Ideen von den Dingen behauptete, welche das Ideal der Dinge bedeuten. Das höchste aller Ideale war für ihn jenes der Gerechtigkeit. Von gerechten Gesetzen erhoffte er sich die beste Politik. Der Urgrund war für ihn also die Idee bzw. das Ideal. Er wird auch als Idealist bezeichnet (d.h. er sieht die Wahrheit idealier hinter den Dingen), im Gegensatz zu Aristoteles, welcher als Realist bezeichnet wird (d.h. er sieht die Wahrheit realiter in bzw. an den Dingen). Dieser gilt als Begründer der systematischen Wissenschaft. Einerseits hat er die Taxonomie (systematische Klassifizierung) in der Biologie eingeführt, andererseits hat er in vielen wissenschaftlichen Gebieten ein Grundlagenwerk geschrieben - etwa in der Metaphysik, Physik, Biologie, Logik, Psychologie, Ethik, Politik, Poetik oder Rhetorik. Die Metaphysik bezeichnete er als die Wissenschaft vom Daseienden, in der Psychologie ging er von einer dreiteiligen Menschenseele aus (mit einem pflanzlichen, tierischen und menschlichen Anteil), in der Ethik vertrat er - wie Konfuzius (in einer erstaunlichen klassisch-ethischen Übereinkunft zwischen Ost und West) - eine Tugend vom Mittleren, in der Politik hielt er die Politie, eine Mischform zwischen Demokratie und Oligarchie, für die beste aller Staatsformen. Mit Aristoteles, welcher der Lehrer des Eroberers Alexander der Grosse (von Makedonien) war, ging die griechische Klassik auch schon wieder zu Ende. Sie dauerte rund 125 Jahre. Also fast so lange wie die Zeit der vielen Philosophen zuvor. Allerdings hatten die Klassiker grosse Schulen gegründet, die weiterlebten: die Akademie von Platon und der Peripatos von Aristoteles. In der darauffolgenden hellenistischen Philosophie entstanden weitere Schulen: die Stoa von Pyrrhon und der Kepos von Epikur. Ich nenne die hellenistischen Philosophien der Skeptik (Pyrrhon - Bezweiflung jeglicher Wahrheit überhaupt), der Stoa (Zenon - Seelenruhe und Unerschütterlichkeit des Gemüts) und des Epukureismus (Epikur - Lust- und Launeprinzip) auch die Schulen des Untergangs, weil sie den Untergang der altgriechischen Kultur zumindest begleiteten (d.h. den Aufstieg und die Herrschaft der Makedonier sowie deren Eingliederung in das römische Reich 146 v. Chr., worauf die Eingliederung der anderen griechischen Provinzen erfolgte). Ebenfalls noch zur griechischen Antike wird Plotin gezählt, welcher eine neuplatonische Lehre vertrat, in welcher der mystische Aufstieg zum Einen im Vordergrund stand. In der Zeit der römischen Antike spielte die Philosophie eine untergeordnete Rolle gegenüber der (ebenfalls von den Griechen übernommenen) Religion und der Jurisprudenz. Die bedeutendsten römischen Philosophen gehören alle zur stoischen Richtung (Cicero - er wird aber auch dem Eklektizismus zugerechnet [Neuzusammensetzung von Aspekten verschiedener Systeme] - Seneca, Mark Aurel). Dies also ist (sehr kurz zusammengefasst) der so interessante und spannende Mikrokosmos der antiken Philosophie, welche nach der relativen philosophischen Geringschätzung durch die Römer eigentlich hätte zu Ende sein können. Doch es kam ganz anders - die Philosophie sollte nach einer grossen Renaissance sogar zum zentralen Inhalt der Kultur überhaupt werden.


Mittelalter (und Renaissance). Was aber ist mit dem Mittelalter? Manche setzen es erst beim Ende des Römischen Reiches an, ich dagegen bereits bei der Erscheinung des Christus Jesus - er ist für mich der Grund der Zeitenwende (und die Übernahme des Christentums durch die Römer ebenso wie durch die Germanen). Das Mittelalter ist eine Zeit voller Fragezeichen. Ganz so dunkel, wie manche es darstellen, war es nicht, aber natürlich muss man auch kritisch sein. Den Fortschritt gebremst haben bereits die Römer, welche wenig von Logik, Mathematik und Physik hielten (die Philosophien, welche diese Bremse betätigt haben, können sogar - schon bei den Griechen - namentlich erwähnt werden: es waren der Skeptizismus, welcher sich gegen die Wissenschaftsphilosophie von Aristoteles wandte, und dessen Stoa). Im tiefreligiösen Mittelalter änderte sich dies wenig, obwohl es einerseits die Stadtentwicklung hervorzuheben gilt, andererseits durchaus auch einige bedeutende Erfindungen wie Wind- und Wassermühlen, Schiess- und Feuerwaffen, Buchdruck, Uhr, Linse, Fernrohr oder Mikroskop - alles vor dem, was wir Neuzeit, oder sogar was wir Renaissance nennen. Einige Vertreter der mittelalterlichen Scholastik gelten sogar als Vorreiter der neuzeitlichen Wissenschaften (etwa Robert Grosseteste, Roger Bacon, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham, Johannes Buridan oder Nikolaus von Oresme - und sehr bedeutend haben die Scholastiker die aristotelische Philosophie und Wissenschaft wieder berücksichtigt [doch alles der Reihe nach]). Betrachten wir das Neue Testament, so fällt auf, dass es sehr viele Fragezeichen enthält - in der Tat hat Jesus Christus darin mehr Fragezeichen gesetzt als Ausrufezeichen (auch wenn manchen Religionsvertretern das Letzere besser gefällt). Besser in Erinnerung ist der vermutlich legendenhafte Schauprozess mit Galilei. Theologie ist etwa religiöse Philosophie plus Dogmatik - wie man sie später auch in der Wissenschaft, in der Ökonomie und in der Politik sehen konnte (vielleicht auch als eine gewisse Folge von der religiösen Dogmatik im Mittelalter [ebenso wie es in der Antike einen Wettstreit der Philosophen gab, gibt es in der Neuzeit einen Wettstreit der Dogmatiker]). Wenn man sie als reine Dogmatik auffasst, wird man ihr ebenso wenig gerecht, wie wenn man sie als reine Philosophie auffassen würde. Die Wendung Pauli gegen die Philosophie im Neuen Testament der Bibel bezieht sich v.a. auf die Untergangsphilosophien im Hellenismus, welche sich ja im Römischen Reich fortsetzten. Justinus der Märtyrer eröffnete den Reigen der philosophischen Kirchenväter - mit der schlichten Behauptung, Jesus Christus sei der ganze Logos (Urgrund). Dieser Jesus Christus war ein Mann aus dem Volk - sein Ziehvater war Zimmermann - welcher in Palästina als Wanderprediger tätig war - manche Leute behaupteten von ihm, er sei der Messias, welchen die alttestamentarischen Propheten verheissen hatten. Die Zeit des Mittelalters wird üblicherweise in zwei Perioden eingeteilt: die Patristik im ersten Jahrtausend nach Christi Geburt und die Scholastik in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends. Der grösste Name unter den Patristikern ist Augustinus, welcher den Begriff von der wahren Religion, einen Gottesstaat und die christliche Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist vertrat. Wieso wird er auch in der reinen Philosophie als bedeutend betrachtet? Er ist bedeutend v.a. aufgrund seines Nachdenkens über den Zeitbegriff. Platon hatte Zeit und Ewigkeit gegenübergestellt - Augustinus sieht in der Auffassung der Zeit nicht nur eine objektive, sondern auch eine persönliche Komponente. Es gibt auch ein persönliches Zeitempfinden. Damit ist Augustinus der erste Philosoph, welcher dem Subjekt eine solche Bedeutung zugemessen hat. Weitere bedeutende christliche Philosophen sind v.a. in der Zeit der Scholastik zu finden: Petrus Abaelardus stellte Widersprüche zwischen den Aussagen der Kirchenväter fest, Thomas von Aquino machte eine Summe der Theologie, Wilhelm von Ockham stellte eine frühe Form des Rationalprinzips auf, Nikolaus von Kues unterschied zwischen Verstand und Vernunft und sprach vom Zusammenfall des Entgegengesetzten. Bedeutend ist in der Scholastik v.a. auch die Wiedererwägung der Philosophie und Physik von Aristoteles. Die Patristik war eher angelehnt an die Philosophie von Platon, jene der Scholastik an die Philosophie von Aristoteles - dies ist die bedeutende Wende im Mittelalter, etwa um das Jahr 1000. Notker III. (oder Notker der Deutsche) war der erste Aristoteles-Kommentator in der Scholastik, Thomas von Aquino der bedeutendste. In seiner Summe der Theologie verband die Philosophie von Aristoteles mit der christlichen Religion. Dabei griff er auf den Aristoteles-Kommentar des muslimischen Philosophen Averroës zurück - er nannten Aristoteles: den Philosophen, Averroës: den Kommentator. Der bedeutendste muslimische Philosoph neben Averroës war Avicenna, welcher der erste bedeutende Metaphysiker seit Aristoteles war. Zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit liegt die Ära der Renaissance - etwa im 15./16. Jahrhundert. Der Renaissancebegriff bezieht sich auf die Wiedererneuerung der griechischen Antike und deren Klassik bzw. die Wiedererinnerung an dieselbe. Der bedeutendste Philosoph dieser Erneuerung war Giovanni Pico della Mirandola. Er sagte, Gott habe den Menschen in die Mitte der Welt gestellt (dort, meinte er, könne der Mensch sich nach oben hin zum Göttlichen oder nach unten hin zum Tierischen entwickeln). Dies entsprach einer Erneuerung des Humanismus von Protagoras. Diese Ansicht legte jene Kräfte frei, welche das Mittelalter überwunden und die Neuzeit herbeigebracht hat. Weitere bedeutende Philosophen der Renaissance sind etwa Leonardo da Vinci, Erasmus von Rotterdam oder Girolamo Cardano. Typisch für jene Zeit war ein Universalgelehrtentum, wie man es seither nicht mehr gesehen hat. Der Geist des Philosophen sollte nach dieser Auffassung - wie es bei Platon und Aristoteles der Fall war - der Interpretator von allem sein. [Still unter Konstruktion.]


Neuzeit (und Moderne). Das Mittelalter musste ein bisschen anders erzählt und erklärt werden als die Antike, und wiederum anders ist es bei der Neuzeit. Sie begann mit neuen Anschauungen in der Astronomie. Zeitlich noch in die Renaissance gehört eigentlich der Astronom Nikolaus Kopernikus, welcher aus der Bürgerschaft der ältesten preussischen Stadt entstammte (sein Vater war Kupferhändler). Er vertrat das heliozentrische Weltbild, in welchem die Sonne im Zentrum steht, im Gegensatz zum geozentrischen Weltbild von Ptolemäus, in welchem die Erde im Zentrum steht. Dieser bedeutende Wandel in der Weltanschauung durchzog die gesamte Neuzeit. Die astronomische Anschauung des Himmels war ein Grundpfeiler der Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaft, gleichzeitig brachte sie aber eine wissenschaftliche Technologie, welche sich derart abgehoben gebärdete, dass sie durch die Ökologie im 20./21. Jahrhundert wieder an die Erdenverhältnisse erinnert werden musste. Johannes Kepler berechnete die Planetenbewegungen und fürte damit eine genauere Mathematik in die Wissenschaft ein, als es je zuvor der Fall war. Schliesslich stellte Galileo Galilei allgemeine Bewegungsgesetze auf und eröffnete damit die neuzeitliche Mechanik in der Physik. Wir beginnen also die Neuzeit sinngemäss mit den Wissenschaftlern der frühen Neuzeit. Mitten in diese hinein stiessen die philosophischen Wissenschaftstheoretiker, allen voran Roger Bacon, welcher nichts weniger als die totale Unterwerfung der Natur und ein wissenschaftlich-technizistisches Zeitalter forderte, und René Descahrtes, welcher das allgemeine, wissenschaftliche Subjekt einführte, das die Welt objektiv betrachtet (Subjekt-Objekt-Dualismus). Dass die Wissenschaft und die Philosophie nicht nur in der frühen Neuzeit stark miteinander verhängt waren, sondern auch noch einige Zeit danach, zeigen die Hauptwerke vom bedeutendsten mechanistischen Physiker und vom bedeutendsten atomistischen Chemiker: "Philosophiae Naturalis Principia Mathematica" (Isaac Newton, 1687) und "A New System of Chemical Philosophy" (John Dalton, 1808). Die bedeutendsten Wissenschaftler rechneten ihre Wissenschaft noch immer - wie einst Aristoteles - der Philosophie zu. Dies änderte sich erst im 19. und 20. Jahrhundert! Mit seinem "Traité de mécanique céleste" (1799-1808) führte Pierre-Simon de Laplace eine fixe Himmelsmechanik ein - bekannt ist er auch für seine deterministische Auffassung der Wissenschaft. Die Wissenschaft spaltete sich in immer mehr Spezialdisziplinen auf. In der Physik übernahm die Elektriziät im 19. Jahrhundert die Hauptrolle vom Magnetismus, welcher noch bei der Gravitationstheorie von Newton im Zentrum stand. Die Wissenschaftstheorie im Wesentlichen durch Bacon und Descartes gegeben - die Philosophien des Empirismus (Bacon, Locke, Hume) und des Rationalismus (Descartes, Spinoza, Leibniz) hatten sie am Beginn der Neuzeit gemeinsam herausgebildet. Erste Zweifel versuchte Karl Popper mit einem Kritischen Rationalismus im 20. Jahrhundert zu überwinden, doch die Ökologie zeigte ein tiefer liegendes Problem im neuzeitlichen und modernen Wissenschaftsverständnis auf. Neben den Naturwissenschaften entwickelten sich auch die Geisteswissenschaften weiter. Ihre grosse Zeit kam in der Ära der Aufklärung, welche jener der Begründung der Naturwissenschaften folgte. Mit der Aufklärung beginnt meiner Auffassung nach die Moderne (der Neuzeit). Ich teile die Zeitalter ein in Antike, Mittelalter und Neuzeit ([Natur-] Wissenschaft) sowie Moderne I (Liberalismus, 18. Jahrhundert), Moderne II (Sozialismus, 19. Jahrhundert) und Moderne III (Existentialismus, 20. Jahrhundert). Bedeutend war in der Aufklärung die Gewaltentrennung von Charles de Montesquieu (vorbereitet von Locke), die Religionskritik von Voltaire (bei Locke: religöse Toleranz) und der Gesellschaftsvertrag (vorbereitet von Hobbes und Locke) sowie die Volkssouveränität bei Jean-Jacques Rousseau. Diese Gedanken der Philosophen der Aufklärung bargen ein grösseres Revolutionspotenzial in sich, wie sich dann tatsächlich auch zeigte bei der Französischen Bürgerrevolution 1789. Beides - die Begründung der Wissenschaft und die Revolution in der Aufklärung zeigten, dass die Philosophie der Neuzeit und ihrer Moderne(n) eine ganz neue praktische Dimension hatte. Es waren nicht mehr nur Gedanken von Philosophen, sondern diesen folgten praktische Anwendungen und Ereignisse. Dies schwächte sich erst im 20. Jahrhundert ab, in welchem sich der Existentialismus bloss noch auf Kunstwerke und die menschlichen Schwierigkeiten im Alltag richtete, nicht mehr auf grossartige Weltveränderungen; und bezüglich der Ökologie, wo sich heute grosse Veränderungen abspielen, muss man der zeitgenössischen Philosophie sogar eine latente Schwäche vorwerfen (sie scheint nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit zu sein: Hans Jonas oder Arne Naess sind immer noch die bedeutendsten - und gleichzeitig relativ bescheidene - Namen diesbezüglich in der Philosophie; die aktuelle Philosophie ist zu einem bedeutenden Teil analytisch, logizistisch, szientifistisch und psychologistisch geprägt und beschäftigt sich in ihren aktuelleren Analysen etwa mit der Frage nach dem Bewusstsein - allerdings ist es auch so, dass sich die Philosophie der Moderne ihrerseits in verschiedenste Spezialdisziplinen aufgeteilt hat und daher heute auch relativ breit gefächert ist). Geografisch hat sich die moderne Philosophie von Deutschland, welches nach dem grossen Aufklärer Immanuel Kant eine Fürungsposition in der Weltphilosophie innehatte (weiter etwa mit Hegel, Schopenhauer und Nietzsche sowie Heidegger), in die USA verlagert (dies auch aufgrund vieler Immigranten während dem Zweiten Weltkrieg, welche die sogenannt Analytische Philosophie - ausgehend von Frege, später: Russell und Wittgenstein - in den anglophilen Ländern forcierten). Schliesslich - last but not least - spielt die Kulturkritik in der heutigen Philosophie eine sehr bedeutende Rolle, v.a. in Europa mit der Kritischen Theorie in Deutschland (Horkheimer, Adorno, Habermas) und den Poststrukturalisten in Frankreich (Foucault, Baudrillard, Derrida [Dekonstruktion]), in den USA vereinzelt (etwa bei Rorty oder Roderick - d.h. bei US-Philosophen, welche sich intensiv mit der neueren europäischen Philosophie befasst haben). Diese Kulturkritik nahm ihren Anfang etwa bei Voltaire und Nietzsche - interessant indessen: dass schon Kant von seinem Zeitalter als dem kritischen Zeitalter sprach (das war die Aufklärung). Verschiedenste, sich abwechselnde Moden und latente Kritik an der Zeit und an der Kultur - das sind zwei Dinge, welche sich seit der Aufklärung bis heute erhalten haben und die moderne Zeit ausmachen. Die Moden sind scheinbar eine Begleiterscheinung des Fortschritts, die Kritik eine Begleiterscheinung einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff. Während die Renaissance noch von der reinen bzw. klassischen Ästhetik der antiken Kunst ausgegangen war, hat Kultur heute zunehmend eine Brückenfunktion in verschiedenste Richtungen. Sie soll nicht mehr nur schön anzuschauen sein, sondern v.a. auch Verständnis erwecken und schaffen (was nicht selten bei der modernen Kunst erst auf den zweiten Blick einzusehen ist).

Sicher steht die Philosophie - und vielleicht auch die Welt - wieder einmal vor einer neuen Zeit. Was diese bringen wird, philosophisch und überhaupt, ist (wie immer) vollkommen offen. Bereits Ende des 21. Jahrhunderts werden wir vermutlich schon ein bisschen mehr dazu sagen können - im Moment scheint es noch ein bisschen zu früh dafür zu sein. (Im Moment werden wir jedenfalls von aktuellen politischen Entwicklungen ständig neu erschüttert, von vielen kleineren Erschütterungen [wie Brexit, Trump oder Gilets Jaunes, u.v.a.]; doch vielleicht liegt das Wesen der kommenden Zeit gar nicht unbedingt oder hauptsächlich in der Politik - wir werden es sehen.)




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