Pandemieseite (aktuell)




Diese Seite befindet sich seit 5.4. im Lockdown. Es kommen derzeit keine neuen Inhalte dazu. Gegeben ist hier der Anfang der intellektuellen Diskussion zur Coronakrise - von der ersten Panik bis zum Lockdown und den ersten Diskussionen zur Lockerung des Lockdowns. Die Seite wird derzeit redigiert.


Dieser Film dient als Grund- und Aufklärungsinformation über das Thema der Pandemie: Unseen Enemy (dt. Viren - die unsichtbaren Feinde* - USA, BRA, KPU, CHN, CON, D, LIBR, SL, SIN, CH, THAI, GB 2017 - Regie: Janet Tobias)**. Diesen Film haben wir bisher nicht verstanden, in den meisten Fällen vermutlich auch nicht gesehen - jetzt werden wir ihn verstehen.

* Ob man die Viren als Feinde bezeichnen kann/soll, ist umstritten. Die Wissenschaft ist sich nicht einmal darüber einig, ob Viren Lebewesen sind oder nicht (da sie einen Fremdkörper benötigen, um sich reproduzieren zu können). Das ist aber vielleicht auch sekundär - sicher versuchen wir Viren einzudämmen, so gut wir können.

** Ursprünglich war hier ein Youtube-Beitrag gegeben. Dieser wurde gesperrt, nach längerem Suchen habe ich schliesslich diesen Beitrag beim ORF gefunden (keinen aber bisher im englischen Sprachraum). Mein Kommentar dazu: "Unglaublich, aber leider wahr!!! Während der Coronakrise wurde der ursprüglich hier gebrachte Beitrag auf Youtube gesperrt - aufgrund einer Copyright-Beschwerde (die jeder bei Youtube anmelden kann). Das Copyright wird hier höher bewertet, als das allgemeine Informationsinteresse in diesem weltweiten Krisenfall. Das ist eine absolute Katastrophe. Der beste Film zum Thema der Pandemie kann nun nicht mehr angeschaut werden, ausser wenn man dafür bezahlt (wenn man es online überhaupt irgendwo findet - ich habe bisher nichts dazu gefunden (auf Amazon kann man den Film nicht einmal kaufen - 'aufgrund der Lizenzvereinbarungen mit dem Inhaltsanbieter'). Das ist unsere Informationspolitik im 21. Jahrhundert: die Information verschwindet langsam aber sicher hinter Copyright-Interessen und Bezahlseiten im Journalismus. Wie kann man auch einen solchen Film machen und nicht wollen, dass die Leute das sehen. Ich glaube nicht, dass dies von den Machern des Films kommt, sondern von irgendjemandem, der keinen Sinn für irgendetwas hat. Trauriger also geht es in dieser Welt nicht."

Aussagen aus diesem Film (u.v.a.). Peter Piot (Belgischer Mikrobiologe): «Ob es uns gefällt oder nicht: unsere Welt wird immer globalisiert werden - nicht nur Finanzmärkte und Wirtschaft, auch Krankheiten. Unsere Mobilität macht uns verwundbar. Immer mehr Menschen leben auf der Erde in immer volleren Städten. Ideale Voraussetzungen für Viren. Im Nu sind hunderttausende Menschen infiziert. [...] Wir haben es alle unterschätzt - alle. Jetzt weiss ich, dass bereits ein Ebola-Fall den Ernstfall bedeutet. Jeder neue Fall lässt die Zahlen immens steigen. Die Devise ist: sofort handeln oder später bezahlen. [...] Der Schlüssel, um eine Epidemie zu stoppen, ist das Übertragungsrisiko genau zu kennen.» - Larry Brilliant (US-amerikanischer Epidemologe): «In den letzten drei Jahrzehnten haben sich rund 30 neue Krankheiten mit dem Potenzial einer Pandemie entwickelt. Wenn wir nichts unternehmen ist die Frage nicht, ob es dazu kommen wird, sondern nur noch: welcher Virus, wann und wie schlimm es wird.» - Heidi Larson (US-amerikanische Anthropologin): «Falsche Informationen können die Verbreitung einer Krankheit verstärken.» - George Gao (Chinesischer Virologe und Immunologe): «Wenn wir den Neu- und Wiederausbruch von Viren verhindern wollen sind drei Dinge wichtig: eine frühe Identifizierung, präzise Diagnose und sofortiges Handeln.» - Sprecher und Sprecherinnen (nicht deklariert): «Man kann definitiv zu spät handeln. [...] Immer wenn eine Infektionskrankheit so richtig zuschlägt, müssen unsägliche Entscheidungen getroffen werden, die die Freiheit und die Rechte einer Gesellschaft einschränken. [...] Das 21. Jahrhundert lässt sich als die Zeit des Wettlaufs zwischen Gefahren und Vorteilen der Modernisierung definieren. Unsere einzige Chance, zu gewinnen, ist die Methoden des 21. Jahrhunderts gegen die Epidemien zu nutzen und sie in idealer Weise durch Impfungen zu verhindern. [...] Bessere Diagnosen sind wichtig, um zu verhindern, dass aus Ausbrüchen Epidemien werden. Gerade die Grippe wird oft falsch diagnostiziert. Auch Ebola und Zika wurden zu Beginn oft mit anderen Krankheiten verwechselt, dabei ging wertvolle Zeit für die Eindämmung des Virus verloren.»

Leider machen all diese Einsichten die politische Diskussion nicht hinfällig. Sonst könnten wir im Allgemeinen ja einfach Praktiker/Praktikerinnen und Techniker/Technikerinnen in die Regierung einsetzen. Das wäre dann eine Technokratie (und die nächste billige Lösung, die nicht funktioniert). Die Praktiker/Praktikerinnen und Techniker/Technikerinnen werden ihren Kopf weder für die Einhaltung der Gesetze hinhalten noch für bessere soziale Verhältnisse in der Welt sorgen. Die Politik wird weiterbestehen, und damit auch die Information, und damit auch die Falschinformation. Ideal wäre natürlich, wenn rechte und linke Politiker/Politikerinnen und die Praktiker/Praktikerinnen und Techniker/Technikerinnen und Experten/Expertinnen besser zusammenarbeiten würden. Aber das ist nur ein relativ frommer Wunsch - in der Praxis ist das (was bei einer Krise oder Katastrophe noch am Besten funktioniert) immer relativ schwierig und mühsam.


-> Aufruf vom Neuropathologen Prof. Dr. Aguzzi (Uni Zürich), die Massnahmen der Regierung zu befolgen.

Aguzzi vertritt einen rigorosen Lockdown, beurteilt die Situation mittelfristig aber erstaunlich günstig: er meint, im Sommer könnte die Krise vorüber und die Welt in Zukunft besser vorbereitet sein. Man hört auch andere Stimmen, welche meinen, die Krise würde uns vielleicht Jahre weiterbeschäftigen.


Überraschende Wendungen:

-> Mundschutz - jetzt doch: ja (und sogar selber machen - 31.3. - Nähanleitung).



Kleiner dystopisch-präapokalyptischer Vorschub. Natürlich kommt einem religiösen Menschen bei solchen Themen auch Gedanken an die Geschichte der Apokalypse und deren Bedeutung. Die Coronaviruskrise ist eine politische Krise, eine Krise unserer Polis, welche die ganze Politik und Gesellschaft erschüttert (und zwar offenbar v.a. die europäische und westliche Gesellschaft). Es ist der dritte grosse Schock des spätmodernen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen mit dem ganzen atomaren Wettrüsten sowie der Ökoproblematik, in welcher die Lebensgrundlagen des Menschen in Frage gestellt sind. Wir wissen seit letztem Jahr dank einer Schülerin aus Schweden, dass uns diese Thematik wirklich bedroht, oder waren wir nicht erschüttert im letzten Jahr, als wir merkten, dass wir einem kleinen Mädchen mehr Vertrauen entgegenbringen müssen für die Zukunft als unseren alten Politikern - und dass dieses Schulmädchen die aktuelle Wissenschaft vertritt und die alten Politiker irgendetwas anderes?). Die Jahre 2019 und 2020 brachten auf einen Schlag die zwei schlimmsten Krisen dieser Zeit ins (Wach-) Bewusstsein. Neben der altväterlich bzw. sohnemannschen biblischen Apokalypse gibt es jetzt offenbar eine mehr oder weniger offizielle Gaia-Theorie-Apokalypse, in welcher behauptet wird, dass das Virus quasi von Mutter Erde geschickt wurde, um die Menschheit zu entschleunigen (vgl. auch: Resonanztheorie von Hartmut Rosa sowie Entschleunigungsphilosophie [Vincenzo Di Nicola, Tristan Garcia], dagegen: Beschleunigungsphilosophie [Nick Land, Nick Srnicek - diese fordern eine (weitere) Beschleunigung der Welt]; deutsche Philosophen sprechen besonders oft von Entschleunigung im Zusammenhang mit dieser Coronakrise). Ausgerechnet 'Bundes-Jogi' Löw - einer der bekanntesten Trainer im Milliardengeschäft Fussball - hat in einer Videoschaltung während einer Pressekonferenz des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) am 18.3. bedeutende Gesellschaftskritik geäussert und diese quasi in Zusammenhang gebracht mit der Gaia-Theorie (ohne diese namentlich zu nennen). Er rief dabei zur Mässigung im kapitalistischen Denken und zu mehr Empathie auf. Die Welt und vielleicht auch die Erde würden sich gegen die Menschen und deren Tun wehren, weil zu viel Machtgier, Profit und Rekorde im Vordergrund standen. Das Tempo, welches der Mensch vorgegeben habe, sei nicht mehr zu toppen gewesen. Ökologische Katastrophen und pandemische Krisen auf anderen Kontinenten hätten uns dagegen nur am Rande berührt. Jetzt hätten wir etwas, was alle Menschen betreffe (Video: 'Jogi Löw: "Die Erde wehrt sich gegen den Menschen"'). Natürlich ist eine solche Gaia-Theorie-Apokalyptik nicht viel weniger fragwürdig als eine zu fundamentalistisch verstandene christliche Virusapokalypse (in welcher man quasi sagen würde, Gott habe uns das Virus geschickt, und das bedeute nun den Anfang vom Ende der Welt). Natürlich muss man das heute wissenschaftlicher betrachten. Jedenfalls: immer bedeutender scheinen uns alle Probleme gleichzeitig zu beschäftigen (wie wir es uns im Aufkommen einer Apokalypse vorstellen): ökologische Probleme, pandemische Probleme, andere Probleme (ökonomische, politische, soziologische, psychologische Probleme). Wir kämpfen nicht nur gegen Viren und Buschbrände - wir kämpfen mit den ganzen Ambivalenzen dieser Zeit. Im Film "Viren - die unsichtbaren Feinde" (2017) wird gesagt, dass das 21. Jahrhundert die Zeit des Wettlaufs (bzw. Wettkampfs) zwischen Gefahren und Vorteilen der Modernisierung (Technik, Kapitalismus, Demokratie) sei. Wir möchten es vielleicht nicht ganz so dramatisch nehmen und ein bisschen beschwichtigen, sehen aber im Verlauf dieser Coronakrise durchaus wie dramatisch solche Sachen sein und werden können.




Auf dieser Seite geht es einerseits um reine Information und Entwicklungsanalyse, speziell aber auch um das Verfolgen der intellektuellen Diskussion zum Thema (in diesem Klima der Unsicherheit und Verunsicherung). Wir haben das Problem anfangs fast alle unterschätzt und jetzt stellen sich Fragen über Fragen. Wie schlimm ist das Coronavirus? Wie bedeutend ist das Pandemiethema in der heutigen und kommenden Zeit überhaupt? Sind die behördlichen Massnahmen in der zunehmenden Schärfe gerechtfertigt oder setzen sie das politische, ökonomische und gesellschaftliche Gefüge aufs Spiel? Wir wissen im Moment nicht, wie sich dieses Thema weiterentwickeln wird, aber derzeit sieht es so aus, als ob wir vor der grössten Herausforderung des Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Aufkommen der Ökoproblematik stehen könnten (nicht nur mit diesem aktuellen Virus, sondern mit dem Pandemiethema überhaupt [Virenepidemien haben schon seit Jahren stark zugenommen, und dieses Coronavirus - richtig ist: durch das Virus SARS-CoV-2 wird die Krankheit Covid-19 [COronaVIrusDisease] ausgelöst - ist nur eine aktuelle und vorläufige Spitze in dieser Entwicklung (Liste von Pandemien und Epidemien); ausgerechnet Microsoft-Milliardär Bill Gates warnt seit Jahren vor schlimmeren Pandemien; mit Microsoft hat er die ganze Heim- und Bürocomputerwelt revolutioniert, und wir haben alle gedacht, dass er in sämtlichen Relevanzfragen bereits im Browserkrieg gegen Mozilla Firefox (2002) und Google Chrome (2008) ausgeschieden ist, und jetzt kommt der plötzlich wieder: als Prophet der Pandemie]).


Ausbruch, Entwicklung - erste (bestätigte Krankheits-) Fälle (2020): China (Mitte Dezember 2019 [erste Meldungen am 31.12. (bereits waren 27 Personen mit der Erkrankung identifiziert), erster Todesfall am 11.1.]), Frankreich (25.1.), Deutschland (28.1.), Italien (28.1. - wird rasch zum zweitstärkst und dann zum stärkstbetroffenen Krisengebiet), Schweiz und Österreich (25.2.). Entwicklung in der Schweiz: Der grosse Schock war in der Schweiz natürlich die erste Abriegelung von 'Städten' (wie die Presse vermeldete) bzw. Ortschaften in Norditalien am 23.2., dies zwei Tage vor dem ersten Schweizer Fall, und am selben Tag stoppten die Österreicher den Zugverkehr nach Italien (auch diese Meldung war etwas überrissen, zeigte aber ebenfalls ihre Wirkung). Die Situation in Norditalien, Westösterreich und der Südschweiz war sehr angespannt, weil Norditalien eben innert kurzer Zeit zum drittstärkst betroffenen Gebiet weltweit wurde (nach China und Südkorea damals - derzeit ist Italien weltweit die Nummer 2). Und das musste logischerweise in der Schweiz einen kleinen Schock auslösen*, war man doch in Bezug zu Italien mit dem stark frequentierten Grenzübergang zum Tessin das am stärksten mitbetroffene Land (diesbezüglich war die Situation im Monat vor dem ersten Ausbruch im eigenen Land relativ bis sehr ruhig). Ganz allgemein kann man sagen, dass sie - wie auch die Medien, notabene - viel zu spät reagiert haben. Spätestens, als die Lage in Italien schlimmer wurde, hätte man bereits informieren müssen. Aber: dieses Zuspätsein betrifft ja alle westlichen Regierungen... Kann man den Regierungen einen Vorwurf machen: jein!?

* Die Schweizer Behörden haben am Tag des ersten Falls in der Schweiz noch beschwichtigt, riefen aber nach drei Tagen bereits eine 'besondere Lage' aus (mit dem Verbot von Grossanlässen über 1000 Besucher). Laufend wurden die Massnahmen dann erweitert bis zum eigentlichen Notstand. Dass die Schweizer Regierung früh relativ drastische Massnahmen ergriffen hat, liegt wahrscheinlich auch daran, dass die kommunistische chinesische Regierung und die (halb-) rechtspopulistische italienische Regierung relativ rigoros vorgegangen sind. In der Folge wartete die Schweizer Regierung dann wiederum länger als alle anderen auf die Abriegelung der Grenzen und die Ausrufung des Notstandes. Dieser fiel seinerseits weniger scharf aus als in Italien oder Österreich. Die Schweizer Regierung appellierte v.a. an die Eigenverantwortung. Das war eine überraschend schweizerische Lösung (in einem positiven Sinn - allerdings ist fraglich, ob sich die Schweizer auch wirklich an die Empfehlungen halten, und so eine Ausgangssperre vermieden werden kann; und natürlich: eine bedeutende Motivation für einen relativ lockeren Lockdown besteht darin, dass die Wirtschaft möglichst gut weiterarbeiten kann [die Regierungsmassnahmen sind länderspezifisch und stehen natürlich auch in Zusammenhang mit dem spezifischen und traditionellen Verhältnis zwischen der Regierung und der Bevölkerung (in der Schweiz ist eben die Wirtschaft immer der bedeutendste Faktor - ob ein solch wirtschaftliches Denken sich auch in diesem Fall auszahlt, wird sich zeigen)]).


Webseiten: Offizielle BAG-Seite, Neuster Situationsreport der Weltgesundheitsorganisation WHO, Wirkung des Coronavirus, Unterschied Coronavirus/Grippe/Erkältung, Jennifer Rohn, Cell Biologist, Explains How a Virus Mutates and Spreads, 66 Fragen zum Coronavirus, Coronaseite des Robert Koch Instituts, Where Did Viruses Come From? (II), Glückskette (Coronasammlung), Richtiges Händewaschen, Mundschutz - jetzt doch: ja (und sogar selber machen).
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Und was sagen eigentlich die Public Intellectuals/Philosophers zum Coronavirusthema? Natürlich wird es interessant sein, die intellektuelle Debatte zu diesem Thema weiterzuverfolgen. Dies ist nicht nur ein Experiment, um zu schauen, ob die Leute den Wissenschaftlern glauben, wie De Grasse Tyson sagt, sondern auch ein Experiment, zu schauen, ob unsere Public Intellectuals und Philosophers überhaupt noch etwas zu sagen haben (und wenn ja: was genau - das ist interessiert mich natürlich einigermassen [ich bin zwar nur am Rande auch ein Public Philosopher, aber mit dieser Website hier doch immerhin im Internet präsent]). Hier sprechen also Public Intellectuals bzw. Public Intellectuals, Philosophen und auch Experten - das ist darum eine gute Mischung, wie wir sehen werden, weil wir da ein breites und doch letztlich auch kompetentes Spektrum haben.

(P.S. Aufgrund des Schlingerkurses der Regierungen wurde das Unterfangen, mitten in der Krise drin eine solche Seite in dieser Art und Weise zu führen schwierig bis fast unmöglich - denn wenn die Regierungen ein Chaos machen, dann sieht letztlich auch die intellektuelle Diskussion wie ein Chaos aus: alle Meinungen haben dann plötzlich das gleiche Gewicht - weil einmal dies und einmal das diskutiert und entschieden wird - und nichts mehr von dem, was so gesagt wurde zu bestimmten Zeiten, scheint wirklich ernst und gültig zu sein; u.a. deswegen habe ich beschlossen, diese Seite am 5.4. einzufrieren - sie zeigt somit die Anfänge der Krise [eine Weiterführung hätte ja dann irgendwann vermutlich sowieso ins Uferlose geführt; bis zum 8.4. habe ich noch ein paar - als solche deklartierte - Nachträge gemacht].)


Einschätzung zur intellektuellen Diskussion - ein Überlick. Als wir anfangs dieses Jahres in unseren Medien die leere, isolierte chinesische Stadt Wuhan gesehen haben mit ihren geschlossenen Läden und ein paar wenigen Menschen unterwegs, mit Mund-/Nasenschutz, haben wir nie geglaubt, dass so etwas auch bei uns möglich wäre. Aufgewacht sind wir halbwegs, als in Italien erste Orte isoliert wurden, aber erst, als die ersten Fälle in unserem Land bekannt wurden und die Regierung in unserem Land begann, immer schärfere Massnahmen zu treffen, war uns klar, dass so etwas auch bei uns passieren kann. Wir waren alle vollkommen unvorbereitet auf so etwas - leider auch die Politik. Es ging mir nicht anders als den Allermeisten. Wir rechneten nie und nimmer mit einer Pandemie - die Warnungen von Bill Gates haben wir entweder nicht gehört oder in den Wind geschlagen, weil wir dachten, dass unsere moderne Lebensweise (durch die Technik) uns vor so etwas schützen würde, dabei ist es gerade unsere moderne Lebensweise (u.a. durch die Demographie), welche uns mehr gefährdet bei so etwas denn je. Im christlichen Kulturkreis verbinden wird eine solche Sache mit dem Thema der Apokalyptik - wer dies verleugnet, hat diesen Kulturkreis, in welchem der Messias zu den Heiden gekommen ist, nicht verstanden. Doch ich will mich als Philosoph sicher nicht auf ein solches Thema versteifen (und schon gar nicht auf eine 'Strafe Gottes' oder ähnliches - das ist etwas für Fundamentalisten und Extremisten; ich interpretiere die Religion durch die Philosophie [das macht man in der westlichen Kultur allgemein seit Anselm von Canterbury so (im 11. Jh. [unterbrochen von der Inquisition (seit dem 13. Jh.) und von der Pest (seit dem 14. Jh.), natürlich: den zwei Geisseln im Übergang vom späten Mittelalter zur Renaissance und zur Neuzeit; Jesus spricht: überwindet!] - der Glaube sucht einsichtig zu werden, die Philosophie sucht, die Religion nicht zu verlieren)]). Aber der Anhauch von einer apokalyptischen Situation bringt uns an den Rand unseres Verständnisses und unserer Einschätzungen. Die intellektuelle Diskussion zur aktuellen Coronapandemie entstand - wenig erstaunlich - mit den ersten Fällen in Europa. Es waren offenbar - auch wenig erstaunlich (jedenfalls für mich) - ausgerechnet zwei Philosophen, welche diese eröffneten: der französische Philosoph Vincent Cespedes (mit seinem Inex-Begriff und Nexus-Bezug) und der libanesisch-US-amerikanische Philosoph Nassim Taleb (mit seiner Black-Swan-Theorie). Taleb ist als Risikoanalytiker, welcher sich seit Jahren mit solchen Phänomenen sofort auf das Thema gestossen, während die besondere Aufmerksamkeit von Cespedes nicht bekannt ist (er wurde aber besonders hyperaktiv in dieser Krise). Er war einfach da, wie man halt einfach so da sein kann. Ich habe hier den Philosophen keinen besonderen Vorzug gegeben, sondern alle mir relevant erscheinenden Beiträge gesammelt (das ist eine Sammlung bzw. ein Sammelsurium von Kommentaren von Public Intellectuals zur Coronakrise). Cespedes gehört zu jenen Philosophen - und er ist der Vorreiter von ihnen, weil er eben der erste hier war - welche etwas Positives, oder sogar etwas Weltbewegendpositives, aus dieser Krise ziehen möchten, oder: das geschehen sehen. Ich betrachte dies ebenso kritisch wie auch neutral - ich rate das weder zu überschätzen, noch zu unterschätzen. Die Welt ist - so meine ich - nicht an einem Punkt, wo ein neuer Kommunismus losbricht (der dann wieder in sich zusammenbricht wie nichts), aber sie ist durchaus in einem Punkt begriffen, wo neue Gedanken und Möglichkeiten aufbrechen. Und das wird sicher interessant sein, im weiteren Verlauf dieser Krise und deren Entkrisung. Bei Silva sehen wir - typisch für die Uneinigkeit unter den Intellektuellen diesbezüglich - einerseits selber ein Hinweis auf die Chance in der Krise, in einem anderen Gespräch aber die Verwerfung derer, die in dieser Krise eine Chance sehen...

Die Stimmen und Inhalte der Public Philosophers sind einigermassen gut länderspezifisch einzuordnen: typisch für die italienischen Philosophen ist ein stärkeres Temperament und ein extremerer Ton sowie eine bedeutende Regierungskritik (Agamben, Cacciari, Fusaro, Galimberti, Sgarbi - bei jedem auf seine Weise, und man muss dazu sagen, dass die italienische Philosophie seit vielen Jahrhunderten nicht mehr so beachtet wurde wie in eben dieser Krise heute [zumindest von mir]), bei den deutschen Philosophen fiel ihre Beschwichtigung und Regierungstreue auf (Precht und Scobel, auch weitere Intellektuelle wie Lesch, Welzer und Yogeshwar - aus der Reihe tanzt hier, mit einigermassen wilden Durchseuchungsideen* [wie wir sie v.a. bei rechtspopulistischen Politikern finden], für mich einigermassen erstaunlich: Nida-Rümelin), die französischen Philosophen wiederum haben alle ihre eigene Form und ihren eigenen Schwerpunkt (das sind hier etwa heterogene Philosophen wie Cespedes, Enthoven, Nancy oder Onfray - da finden sich vom Einen zum Anderen kaum irgendwelche Gemeinsamkeiten: das sind alles Individualisten ohne jeglichen Zusammenhang). Was haben wir ausser den Philosopen? Auf jeden Fall keine Theologen? Denkste. Der populäre christliche Mystiker Anselm Grün etwa hat schon ein Buch zum Thema veröffentlicht (und damit dürfte er einer der Ersten gewesen sein, der schon nach wenigen Wochen bereit war mit einem Buch zu diesem so überraschend gekommenen Thema [natürlich nicht aus marketingstrategischen, sondern aus rein seelsorgerischen Gründen]). Jetzt geht es um das Eingemachte, und das ist natürlich auch eine Sache der Theologen (u.a.). Und doch stehen sie überhaupt nicht im Vordergrund. Da stehen - ausser die Philosophen - v.a. die Virologen und die Ökonomen. Ja, es scheint sogar ein gewisser Streit zwischen diesen zu entstehen, jedenfalls habe ich in einer Talk-Sendung, in welcher es um die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise ging, schon gehört, dass sich Wirtschaftsvertreter darüber beklagen, dass wir (bzw. unsere Regierungen) nur noch den Virologen folgen, und alles andere (v.a. die Wirtschaft) ausser Betracht lassen würden. Ja, ein Streit zwischen der Wirtschaft und der Wissenschaft ist in der spätmodernen Zeit eine einigermassen interessante und brisante Sache (gingen doch die Beiden in der Moderne bisher Hand in Hand - aber wir haben schon seit dem Aufkommen der ökologischen Wissenschaft gewisse Differenzen gesehen). Unter den Public Intellectuals dieser Zeit finden sich v.a. linke Ökonomen (Krugman, Piketty) und technokratische Virologen (Piot, Drosten, Kekulé, u.a.). Was soll man dazu sagen? Das passt irgendwie nicht so ganz zusammen, und das könnte auch ein grösseres Problem in dieser Krise sein. Wir haben keine ausgewogene Vertretung bei den Public Intellectuals der Ökonomie, und wir haben Virologen, die sich schwertun, andere Gebiete als ebenso bedeutend wie ihr eigenes Gebiet zu anerkennen, was allgemein ein Problem ist unter Wissenschaftlern und Intellektuellen, und hier geht es ja zuallererst einmal um ein Virus, und damit um die Virologie. Dieser Streit wird interessant weiterzuverfolgen sein, und es gibt viele andere Dinge, Gebiete, Fragen, die ferner auch noch interessant wären, aber ich kann natürlich hier nicht in das letzte Detail gehen - es ist ja nur ein kleiner Überblick.

Und wer bleibt noch? Zizek, Chomsky, Silva. Ich kann nicht viel über sie sagen: sie bringen das, was man sich gewöhnt ist - das gehört zum Interessanteren in der intellektuellen Diskussion, aber von den Socken reisst das auch nicht viele. Chomsky hat offenbar keine Lust mehr, sich selber zu überbieten, Zizek bleibt ebenso solid wie angreifbar, Silva ist originell, ja: teils sogar spektakulär, aber immer auch ein bisschen skurril. Und bei alledem fragt sich natürlich auch: wo sind die neuen Stimmen, Gesichter und Typen?? Die betrübliche Antwort - welche auch betrüblich sein könnte für diejenigen, welche von dieser Krise mit dem Virus zu viel Weltveränderung bzw. -verbesserung erwarten ist (Bude, Cespedes, Kohler, Meyer, Silva, Welzer, Zizek [die Einen erwarten die Solidarität, die Anderen die Empathie]): es gibt sie nicht (ausser natürlich den Virologen [Drosten, Kekulé], die man vorher nicht gehört hat - aber wir wollen ja nicht die ganze kommende Menschheit nur noch mit den Virologen zubringen [und selbst diese Krise ist ja eben viel komplexer, als dass alleine die Virologen dazu gefragt wären]). Da ist absolut niemand (bisher, und die Krise ist bereits drei Monate alt - und das ist für mich sehr viel mehr als bloss erstaunlich und betrüblich). [1.4.2020 (kein Aprilscherz).]

P.S. Am Wochenende vom 4./5.4. gab es in den Medien eine überraschende Wende, in welcher die Ökonomie urplötzlich als bedeutender und problematischer eingeschätzt wurde als die Virologie (siehe: oben). Ich habe daraufhin beschlossen, mich aus dieser chaotischen Diskussion zurückzuziehen und die Seite in den Zustand eines Lockdowns zu bringen. Diese persönliche Einschätzung von anfangs April lasse ich unkommentiert so stehen. In der Hauptsache geht es auf dieser Seite aber um die Stimmen der Intellektuellen (siehe: unten) - und auch ein bisschen um meine Schlussfolgerungen aus dem Ganzen (siehe: weiter unten). Selbst Italien, welches an diesem Tag von Spanien als schlimmstbetroffenstes Land in Europa abgelöst wurde, geht nun von Lockerungsmassnahmen aus; nach weniger als einem Monat - also nach viel kürzerer Zeit als eigentlich angedacht war (man meint in der Politik, dass ein solcher Lockdown gut ein paar Monate durchgezogen werden könnte [abgesehen von der Wirtschaftsproblematik]) - breitet sich offenbar im Lockdown auch bereits eine bedeutende Unruhe im Volk aus.


Vincent Cespedes (Französischer Autor, Philosoph, Komponist und Pianist - seit 26.1.*). Er scheint (gleichzeitig mit Taleb [siehe unten]) der Erste gewesen zu sein, welcher sich mit seinem Format Philo-Live auf seinem Youtube-Kanal intellektuell zum Coronathema geäussert hat (ohne Gewähr): 'Penser la pandémie' (26.1. [01:43:05]). Glorreicher Titel! Dies ist ein Ausschnitt: 'Contrôler la critique par la philosophie' (27.1. [02:20]). Cespedes griff den Pandemiebegriff auf - ein Tag nach dem ersten Fall in Frankreich, welcher auch der erste Fall in Europa gewesen ist, notabene - um über 'philosophische (In-) Korrektheit' zu sprechen bzw. einen Mainstream, welcher die wahre Kritik verhindere (analog der laufenden rechten Diskussion über 'politische [In-] Korrektheit' - offenbar fühlt er sich nicht allzu stark verbunden mit der Universitätsphilosophie; er hat, glaube ich, auch nicht Philosophie studiert und steht der Literatur näher als der eigentlichen Philosophie). Natürlich sprach er auch über die tatsächliche Pandemie, allerdings stand doch dieser innerphilosophische Bezug quasi im Vordergrund. Nach verschiedenen anderen Beiträgen ging er mit diesem Live-Video wieder auf das Pandemiethema ein: 'Politique & Philosophie' (15.3. [01:41:03] - er sagt hier, er sei anfangs ausgelacht worden, als er das Ereignis als ernsthaft bezeichnete; er ruft dazu auf, die Älteren zu schützen und er freut sich auf die kommende Diskussion um die Werte in dieser Gesellschaft und erwartet davon eine Weltverbesserung - er sieht sogar ein 'paradis de philosophie', was für mich eher ein bisschen zynisch tönt, in einer 'enfer sanitaire'). Seit dem 17.3. ist Cespedes voll auf die Philosophie zur Pandemie eingestiegen: aus seinem Philo-Live-Format hat er ein Philo-Covid-Format mit langen, täglichen Live-Beiträgen gemacht. Seine Hauptbotschaft lautet: 'Créons une communauté connective!' (18.3. [02:19]) - das Virus und die Verbesserung der Welt: Cespedes spricht sogar von einem 'virus philosophique' und von einem 'révélateur philosophique'. In seiner Theorie von einer kollektiven Intelligenz verwendet er das Wort 'inex' [von: nexus - er erwänt Henri Lefebvre, ein marxistischer Soziologe, welcher als einer der Väter der Pariser Studentenunruhen 1968 bezeichnet wird und von Nexologie gesprochen hat]). Das erinnert alles fast ein bisschen an die erste naive Euphorie mit dem Kommunismus Ob die gleichzeitig idealistische wie auch zynische Einstellung wirklich ein guter Nährboden ist für die Zukunft, das bleibe dahingestellt. Cespedes im Fernsehen: 'Philosopher sur le Covid-19' (M6 Info, 27.3. (02:19)).

* Diese Zahl bezieht sich jeweils auf die erste Verlautbarung zum Coronathema, welche ich von einem bestimmten Intellektuellen im Web gefunden habe (alles ohne Gewähr, natürlich).


Nassim Taleb (Libanesisch-US-amerikanischer Autor, Statistiker, Risikoanalytiker und Philosoph - seit 26.1.). Er befasst sich mit dem Faktor der Unsicherheit und führt eine eigene Website; von Taleb stammt die Black-Swan-Theorie (diese handelt von überraschenden Ereignissen, die zu Hauptereignissen werden, welche inadäquat rationalisiert werden und deren Vorhersehbarkeit später arg überschätzt wird). Taleb gehört zu den ersten Public Intellectuals, welche auf die Pandemie reagiert haben: 'Systemic Risk of Pandemic via Novel Pathogens - Coronavirus: A Note' (26.1. - der Artikel von Joseph Norman, Yaneer Bar-Yam und Nassim Nicholas Taleb findet sich auch auf der Website). Er spricht von Verteilungen mit fetten Verteilungsenden (engl. fat-tailed distributions) in der Wahrscheinlichkeitsbetrachtung (das ist natürlich verwandt mit der Exponentialfunktion in der Mathematik). Taleb sagt, dass das klassische Risiko-Management in der Coronakrise nicht genügen wird. Solche Prozesse würden einhergehen mit einer grossen Unsicherheit. Klassische Reaktionsweisen und Methoden wie etwa Isolierungen oder Kontaktverfolgungen würden rasch an ihre Grenzen stossen, notwendig sei eine Einschränkung der Mobilität in einem sehr frühen Stadium des Ausbruchs. Er meint weiter, dass die Menschheit eine einzelne solche Krise überstehen wird, vielleicht aber «keine Chance habe» eine ganze Abfolge von solchen Krisen zu überstehen (was immer das heissen mag: das lässt er offen - was wir uns vorstellen bei solchen Worten, ist: Chaos!?). Offenbar erstellte Taleb gerade eine von der Coronakrise unabhängige Studie zum Thema (hier). Weitere Artikel (u.a.): 'The UK's coronavirus policy may sound scientific - It isn't' (The Guardian, 25.3. - er kritisiert hier die 'disaströse These der Herdenimmunität'*, welche nur eine aufgepimpte Version des Einfach-nichts-tun-Ansatzes sei; wir [bzw. die Briten] hätten Wochen verschlafen, und es bleibe jetzt nur noch der Lockdown, hyperaktives Testen und Contact Tracing nach chinesischem und südkoreanischem Vorbild). Videos: 'Nassim & Yaneer discuss super spreaders, optimism on lock downs, & ergodicity' (19.3. [05:31]), 'Nassim & Yaneer discuss making decisions with uncertainty and how acting early would have cost less' (20.3. [09:07]).

* Dieser Begriff der 'Herdenimmunität', welcher eine bedeutende Stellung im Jargon und in der Argumentation der Virologen einnimmt, ist natürlich sehr seltsam, denn Menschen bilden keine 'Herden', sondern eine Gesellschaft, ja: eine Welt-Gesellschaft. Eine riesige Welt-Gesellschaft von aktuell 7,8 Mrd. Menschen - oder in einem Land wie Deutschland (bei totaler Grenzverriegelung über eine längere Zeit) etwa 83 Mio. Menschen - ist natürlich etwas ganz anderes als eine kleine Herde oder Rotte. Eine solche Sprache könnte vielleicht sogar eine zunehmende Enthumanisierung bzw. Vertierung des Menschen im wissenschaftlichen Diskurs darstellen. Im Fall der Pandemiewissenschaft liegt das allerdings fast ein bisschen auf der Hand, weil ja die Viren, welche menschliche Krankheiten verursachen, bisher immer von Tieren her auf den Menschen übergegangen sind.


Dirk Müller (Deutscher Börsen- und Wirtschaftsspezialist - seit 27.1.). Er wird als 'Mr. Dax' bezeichnet und kann mittlerweilen auch zu den Public Intellectuals gezählt werden. Müller betreibt einen eigenen Youtube-Kanal und ist einer der aktivsten, ernsthaftesten und bedeutendsten frühen intellektuellen Kommentatoren des Themas: 'Situation kritischer als dargestellt' (27.1. [16:08]). Er ruft zur Nüchternheit auf und meint, die Herkunft des Virus (siehe: Fusaro [unten] und andere Verschwörungstheoretiker) sei derzeit keine wichtige Frage. Weitere Videos (u.a.): 'Jetzt wird alles in Frage gestellt' (16.3. [03:37] - Müller sieht die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Katastrophe auf uns zukommen und beurteilt die Regierungsmassnahmen diesbezüglich als «überstark»), 'Grotesk! Ausgangssperre: Politik selbst für mangelnde Vorsicht verantwortlich!' (20.3. [03:49] - die Ausgangssperre wird hier diskutiert [sie kam aber letztlich nicht]; auch verwirft Müller die 'Stärkere-Grippe-Theorie' und klagt sogar die Regierung dafür an), 'Zwangspause ist eine riesige Chance!' (21.3. [02:30] - eine kleine, hübsche Geschichte von Sir Isaac Newton), 'Achtung! Unsere Freiheitsrechte sind in ernsthafter Gefahr!' [1.4. (01:17)] - in den Medien hat das Handy Tracing in den letzten Tagen eine immer bedeutendere Stellung bekommt, Müller meint, dass die Freiheit auch in der Krise das wichtigste Gut sei, und dass man den Anfängen wehren solle). Gespräch mit einem bedeutenden Internet-Broker: 'Die Bundesregierung hat versagt' (LYNX-Broker, 25.3. [30:08]). Auch Müller beklagt sich (wie Cespedes), dass er anfangs ausgelacht wurde, als er die Situation früher als andere ernst nahm, und dass solche Leute anfangs als Verschwörungstheoretiker bezeichnet worden seien. Wirtschaftlich und börsenmässig spricht er von einer vollkommenen Unsicherheit: «Es kann auch passieren, dass das Ding noch weiter abrauscht, und da gibt's keine Garantie, wo der Boden ist.»

[Er ist hier v.a. auch vertreten, weil es zu diesem Zeitpunkt scheinbar keine anderen Verlautbarungen zum Thema von deutschen Intellektuellen gab (und auch weil er die wirtschaftliche und politische Seite sehr kritisch betrachtet). Aber er ist auch der ständige Rufer, welcher selber immer ein bisschen in Gefahr steht, von einem Extrem ins andere zu kommen.]

(Nachtrag 8.4.). Die intellektuelle Diskussion geht natürlich ebenso wild, wie sie begonnen hat, weiter: 'Strategie der Massenpsychologie offenbart - eigene Denkmuster hinterfragen!' (7.4. [07:37] - Müller spricht hier anhand eines geheimen Papiers, welches an die Öffentlichkeit gelangt ist, darüber, dass die Regierung schon viel besser weiss, wie es weitergehen soll, als wir Bürger, welche im Lockdown auf das weitere Leben, quasi, warten*). Ich werde das, wie gesagt, nicht mehr weiterverfolgen und dann vielleicht später, aus einer gewissen Distanz heraus, eine Rückschau machen. Auf dieser Seite ist die intellektuelle Diskussion zusammengestellt - normalerweise hat man diesen Überblick aber leider natürlich nicht. Das Ganze verläuft eben total wild - man bekommt einzelne Stimmen vielleicht durch die Medien mit, andere nicht.

* Müller sagt hier, was ja eigentlich klar ist, was uns aber normalerweise nicht bewusst ist, dass Regierungen versuchen, uns zu beeinflussen (und zwar offenbar mit psychologisch und technisch immer ausgeklügelteren Methoden [die Technik macht natürlich auch vor der Regierungskunst keinen Halt]). Und er sagt uns, wir sollten uns fragen, ob wir das, was die Regierung will, auch wirklich wollen. MIt dieser Formulierung reizt er natürlich selber die Widerborstigkeit im Menschen, quasi, der gerne sagt, wenn er das Gefühl hat, dass er übertölpelt werden soll: nein, das will ich nicht und mach ich nicht. Das sind sicher alles schwierige Fragen: von Regierungskunst, Massenbeeinflussung und Verantwortung. Ich finde es schade, dass die Regierungen nicht offener mit den Menschen umgehen können. Und das ist nicht nur in der Krise der Fall, sondern auch im normalen und üblichen Leben - und darum ist es dann eben auch, wenn das sehr viel relevanter sein und werden könnte, in der Krise der Fall.

[An diesem Tagwarnte Hans Kluge, der WHO-Regionaldirektor für Europa, die Massnahmen gegen die Corona-Ausbreitung bereits zu lockern. Jede Strategieänderung könne gefährlich sein und müsse gut überlegt werden. Demgegenüber bleibt natürlich die Sorge für die Wirtschaft bestehen - man befindet sich da in einem immer grösser werdenden Clinch zwischen dem medizinischen und der ökonomischen Aspekt der Krise.]


Paul Krugman (US-amerikanischer Ökonom - seit 28.1.). Er ist einer der populärsten Ökonomen der USA und Kolumnist bei der New York Times: 'No, Team Trump, the Coronavirus Isn't Good for America' (New York Times, 30.1. - um diesen Artikel lesen zu können, muss man ein Login machen; den Kommentaren nach zu schliessen, sagt Krugman hier, dass die Us-amerikanische Rechte [mit der Trump-Administration] auf die Coronakrise gleich schlecht reagiere wie auf die Finanzkrise 2008 - sie könne nicht mit der Wahrheit umgehen). Videos: 'Paul Krugman on the Coronavirus' (28.1. [01:24], gepostet am 1.2. - in dieser konservativen Talk-Show meinte er, dass die heutigen Industriestaaten sehr gut mit Krisenlagen umgehen könnten, und dass er keine Ahnung vom Virus habe), 'Paul Krugman explains his concerns about the economic impact of the coronavirus' (27.2. [01:12] - es komme auch wirtschaftlich ein 'big deal' auf uns zu, meint Krugman hier, v.a. aufgrund der Unterbrechung der Lieferketten).


Peter Piot (Belgischer Mikrobiologe - seit 28.1.). Seit der Ebolakrise in Westafrika ist er eine der bedeutendsten Kapazitäten bezüglich Virenkrankheiten in der Öffentlichkeit. Dies scheint seine erste Äusserung zum Coronathema gewesen zu sein: 'China coronavirus a 'global health emergency,' medical expert says' (CNBC International, 28.1. [04:35]). Weitere Videos (u.a.): 'World Health Organization should have declared global emergency earlier' (CNA, 31.1. [05:04] - Piot nimmt es hier relativ gelassen, dass die Regierungen ein bisschen spät reagiert haben, er ist zufrieden, dass sie reagiert haben), 'Professor Peter Piot, Director of the London School of Hygiene and Tropical Medicine' (Talks at GS, 27.2. [25:22] - er sagt hier, die Welt sei viel verletzlicher geworden; bei SARS sei das Virus tief in der Lunge, bei Covid-19, welches weniger tödlich sei als SARS, dagegen im Hals, und daher sei es übertragungstechnisch viel gefährlicher [Ebola ist noch viel tödlicher, wird aber nur bei sehr engem Kontakt übertragen] - das Beste [Hilfe] und Schlechteste [Rassismus] komme aus den Menschen, meint Piot). 'Coronavirus is going to be 'everywhere'' (CNN, 19.3. [21:08] - er meint, dass wir sehr rasch handeln müssen, und dass wir mehrere Wellen haben werden und die erste ein paar Monate dauern wird: das Virus werde letztlich überall sein), 'Coronavirus: More Threatening Than Other Viruses?' (Asia Society, 20.3. [01:00:06] - jeder Tag sei anders bei Covid-19, meint Piot; er zweifelt daran, dass ein Lockdown in den westlichen Gesellschaften lange zu halten ist - wichtig sei jetzt Kommunikation und Koordination, und wir seien am Lernen für die nächsten Pandemien), 'Q&A with Peter Piot about Covid-19' (20.3. [22:58] - dies ist eine Runduminformationssendung: Viren sind überall, sagt Piot, dies ist ein Planet der Viren, die insgesamt mehr wiegen als alle [übrigen?] Lebewesen [daher, aufgrund all der Mikroben, ist ja auch die Hygiene so bedeutend, notabene]; er erklärt hier u.v.a., was wir jetzt alle wissen sollten: dass die Ansteckung in allererster Linie deshalb verhindert werden soll, um das Medizin- und Spitalwesen nicht massiv zu überlasten).


Christian Drosten (Deutscher Virologe - seit 29.1.). Er ist eine der grössten Kapazitäten der Virologie im deutschsprachigen Raum und wurde zum pandemischen Gesicht Deutschlands während der aktuellen Krise (er ist Koentwickler des ersten Diagnostiktest zum Coronavirus-2 [am 16.11.]). Erstmals geäussert hat er sich offenbar in diesem Interview: 'Corona-Virologe: 'Normalbürger müssen keine Angst haben'' (WDR, 29.1.). Er beschwichtigt hier noch sehr stark und meint, als Normalbürger müsse man keine Angst haben, sich anzustecken - die Behörden hätten die Lage gut unter Kontrolle. Ferner gab er ein Interview im Rundfunk Berlin-Brandenburg: 'Prof. Dr. Christian Drosten: Coronavirus-Experte' (rbb/Talk aus Berlin, 30.1. [30:19] - er sagt hier, die Übertragung sei eher nicht so leicht [er vergleicht es mit SARS - später wurde gesagt, die Übertragung sei deutlich stärker als bei SARS]; ob Deutschland bedeutend betroffen sein würde, war für ihn zu diesem Zeitpunkt noch offen - wie in späteren Sendungen gibt er sich sehr beschwichtigend und sagt, er habe vor Viren gar keine Angst, da wir viele Dinge tun könnten). Weitere Videos (u.v.a.): 'Wie gut ist Deutschland vorbereitet?' (ZDF/Maybrit Illner, 28.2. [Ausschnitt - 17:07] - hier sagt er, die Behördenmassnahmen seien genau richtig; Regierungskritik wehrt er ab), 'Kontraproduktive Fragen' (11.3. [02:51] - hier kritisiert er die politische Berichterstattung gegenüber dem wissenschaftlichen Journalismus und wirft ihr kontraproduktive Fragen vor). Drosten war im Anfang der Krise in Deutschland fast allgegenwärtig - sogar an Bundespressekonferenzen nimmt er teil. Seit dem 3.3. führt Drosten im NDR einen vielbeachteten Podcast zum Coronavirus mit regelmässigen Updates.


Christoph Blocher (Schweizer Unternehmer und Politiker - seit 31.1.). Er ist seit vielen Jahren die Stimme der rechten Politik in der Schweiz (und kann als einer von wenigen renommierten rechten Public Intellectuals im deutschsprachigen Raum bezeichnet werden). Erstaunlich früh - vielleicht aufgrund seiner Chinageschäfte - sprach Blocher auf seiner Website Teleblocher über das Coronavirus. Er bezieht sich dabei auf eine Demokratiekritik* des Schriftstellers Bärfuss (vom 12.1. [im "Blick"] - ohne direkten Coronabezug): 'Coronavirus, Fredi Heer und Lukas Bärfuss' (Teleblocher, 31.1. - im letzten Teil der Sendung). Auf der Teleblocher-Website und dem entsprechenden Youtube-Kanal gibt es weitere Videos zum Thema.

* Er spricht über die Coronamassnahmen der chinesischen Regierung und meint, in einer Diktatur würde alles viel schneller gehen, aber die Demokratie sei besser für den einzelnen Bürger. Das stimmt so natürlich nicht so ganz. Ein schlechter Diktator kann eine solche Situation nicht vernünftig bewältigen. In den westlichen Ländern haben wir derzeit gar keine reguläre Demokratie mehr, sondern einen Ausnahmezustand (wie in einem Krieg, nur ohne General eben - eine generelle Demokratiekritik passt auch nicht zur jetzigen Situation). Das ist kein demokratisches Problem mehr, was wir hier jetzt vor uns haben. Die Demokratie kann nicht sagen, dass sie einfach halt langsamer ist, und daher eine Krisensituation langsamer angeht. Dafür gibt es ja den Ausnahmezustand.

Blochers Tochter, Frau Martullo-Blocher, trat im Schweizer Parlament mit einer Gesichtsmaske auf (TeleZüri, 2.3. [01:17]) und sorgte dabei für Diskussionen. Das Parlament verbot ihr das Tragen der Maske.


Diego Fusaro (Italienischer Philosoph - seit 31.1.). Er ist ideologisch-marxistisch geprägt, führt sehr umtriebig einen eigenen Youtube-Kanal, fährt auf der verschwörungstheoretischen Linie und präsentiert quasi eine linke Gegenverschwörungstheorie (wonach die USA das Virus zur Destabilisierung Chinas eingesetzt haben könnten) zur rechten Verschwörungstheorie (wonach die Chinesen es, bewusst oder unbewusst [durch ein technisches Versagen], freigesetzt hätten)*. Videos auf seinem Youtube-Kanal: 'Allarme Coronavirus - Qualcosa non torna' (31.1. [05:30]), 'Cosa sta accadendo in Cina? La verità sconvolgente che tengono nascosta' [12.2. (04:50)], 'Lombardia isolata - L'incubo continua - Ecco gli sviluppi' [8.3. (04:29)] - hier meint er, die Situation sei schwerwiegend, und es gehe darum, Menschenleben zu retten [damit ist er von der theoretischen auf eine praktische Ebene gekommen]), 'Tutta l'Italia da ora è zona rossa - E adesso il peggio, con tanto di MES' (9.3. [02:46] - mehr politische Propaganda gegen den Liberalismus und die EU [und überhaupt alles, was nicht kommunistisch ist]). Videos in den Medien: 'Viene trascurato il retroscena politico' (La7 Attualità, 2.2. [01:39] - hier bezeichnet er das Virus als ein [politisch, strategisch] intelligentes Virus), 'Possibile guerra batteriologica che mette all'angolo la Cina' (La7 Attualità, 14.2. [01:31]), 'I dubbi sulla coincidenza del virus, Cina e Italia sono sotta attacco?' (Radio Radio TV, 27.2. [04:04] - hier sagt er, dass auch Italien angegriffen worden sei), 'Emerge il deficit dell'Europa a nocumento dell'Italia' (La7 Attualità, 7.3. [02:44] - usw. usf., etc. etc.). Nachdem Fusaro mit seiner Theorie stark auf das Coronathema fokussiert war, hat er sich schon bald wieder anderen Themen und v.a. allgemeiner Systemkritik gewidmet; allzu viel mehr als blosse Propaganda gibt es hier nicht zu hören).

Anm. Offenbar hatte - wie "Blick" hier schreibt - ein chinesischer Epidemiologe an einer Pressekonferenz am 27.2. die Theorie, dass das Virus aus den USA komme, erstmals in China vertreten - Fusaro war aber fast einen Monat früher dran (ob er der erste ist, weiss ich nicht [laut Kaiser Kuo (siehe unten) ist Zhao Lijian, der Sprecher des chinesischen Aussenministeriums, der Urheber dieser Theorie (Datum unbekannt)]). Bei der chinesischen Theorie handelt es sich aber offenbar darum, dass Grippekranke in den USA eigentlich das Coronavirus gehabt hätten, und dass es so in die USA gekommen sei (hier gibt es einen Artikel rund um die Verschwörungstheorien und Anschuldigungen [aus chinesischer Sicht]).

US-Präsident Trump macht seinerseits Propaganda, indem er dauernd vom 'Wuhan virus' und vom 'China virus' spricht. Letztlich wird China vermutlich besser aus dieser Krise herauskommen, nicht zuletzt darum, weil sie rascher gehandelt hat. Scheinbar war die chinesische Regierung auch dazu gezwungen, als Li Wenliang, jener Arzt, der vor dem Virus warnte und dann von den Behörden zurückgepfiffen wurde, selbst an der Krankheit verstorben ist. Dies soll der Weckruf gewesen sein in der chinesischen Bevölkerung und Regierung. Vielleicht war bei dieser guten Reaktion also sogar auch ein bisschen 'Glück' dabei (denn autoritäre Regime neigen ja allgemein eigentlich eher dazu, Krisen und Katastrophen so gut wie möglich zu vertuschen [und das wurde hier offenbar anfangs in China auch gemacht (bis zu dieser Wende)]; man hat dies in Ansätzen in dieser Krise sowohl in China wie auch in den USA gesehen [leider aber auch in anderen westlichen Staaten]).

[Hier gibt es ein Video zu einer kleinen Übersicht über Verschwörungstheorien zum Coronavirus (24.3. [25:01]).]


Slavoj Zizek (Slowenischer Philosoph - seit 3.2.). Er ist vermutlich (etwa mit Chomsky und [in Deutschland] Precht) der gefragteste Public Philosopher dieser Zeit und tritt auch zu diesem Thema als Gastkolumnist in verschiedenen Zeitungen und Medien auf: 'Clear racist element to hysteria over new coronavirus' (RT [Russia Today], 3.2. - auch Cespedes und Fusaro sprechen von antichinesischem Rassismus: dies ist die bedeutendste gemeinsame Stossrichtung der ersten philosophischen Kommentatoren, die allesamt bedeutend marxistisch ausgerichtet sind), 'Mein Traum von Wuhan' (Die Welt, 5.2. - nur für Abonnenten: offenbar spielt Zizek in diesem Artikel die Coronaepidemie noch herunter!?), 'What the coronavirus & France protests have in common (and is it time for ORGIES yet?)' (RT, 20.2.), 'Coronavirus is 'Kill Bill'-esque blow to capitalism and could lead to reinvention of communism' (The Greanville Post, 28.2. - auch er verbindet hier etwas opportunistisch Philosophie und Pandemie: «but maybe another - and much more beneficial - ideological virus will spread and hopefully infect us: the virus of thinking about an alternate society»), 'Global communism or the jungle law, coronavirus forces us to decide' (RT, 10.3. - Zizek sieht den Siegeszug eines globalen Kommunismus gekommen), 'What I like about coronavirus' (LNW, 16.3.), 'Biggest threat Covid-19 epidemic poses is not our regression to survivalist violence, but BARBARISM with human face' (RT, 19.3. - Zizek meint, in der Krise seien wir alle Sozialisten, er fürchtet sich aber von einem Experten-Barbarentum mit einem freundlichen Gesicht [mehr als vor einem sozialen Chaos]). Video: 'Coronavirus situation is way too serious to be in panic' (RT, 15.3. [10:18] - hier bezeichnet er das Virus als lächerlich [!?], trotzdem sieht er eine neue Weisheit kommen [siehe: Cespedes].

Zizeks Rede vom 7.12. (bei der Holberg-Debatte in Bergen [Norwegen]) enthält dagegen trotz dem offenbar später aufgepeppten, kernigen Titel überhaupt nichts über das Coronathema, siehe: 'Slavoj Zizek on China, Capitalism and the Global Apocalyptic Pandemic' (Event: 7.12.2019 - Video: 3.2. [02:38:35] - interessant ist dieses Video für das Verständnis der allgemeinen Haltung von Zizek).


Alexander Kekulé (Deutscher Arzt und Biochemiker - seit 6.2. [oder vermutlich anfangs Februar]). Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und wurde in Deutschland punkto Regierungskritik zur Expertengegenstimme zu Drosten (und schliesslich der medienpräsenteste Public Intellectual zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum, welcher in allen grossen Talk-Shows aufgetreten ist). Dies ist der erste Artikel, welchen ich bisher von ihm gefunden habe (er sagt aber darin, er habe in jener Woche schon viele Interviews gegeben): 'Mit dem Coronavirus können wir gut klarkommen' (MDR, 6.2.). Er sagt, dass es viele Behörden in Deutschland gebe, die sagen würden, das Grippevirus sei viel schlimmer, aber das sei schlichtweg falsch. Die Sterblichkeit sei beim neuen Coronavirus deutlich höher. Aus China habe es anfangs geheissen, dass es keine Mensch-zu-Mensch-Übertragungen gebe, aber das sei wohl eine bewusste Fehlinformation der chinesischen Behörden gewesen. In Deutschland sei man extrem gelassen, er könne nicht sagen, ob die Massnahmen ausreichen würden. Ein Gegenmittel gegen das Coronavirus zu finden, sei extrem schwierig, weil es sich genetisch sehr schnell verändere. Aus der nüchternen Sicht eines Virologen sei dies ein sehr wichtiges Ereignis, aber eines, mit welchem die Industrieländer ganz gut klarkommen könnten. Weitere Artikel (u.v.a.): 'Wir müssen damit rechnen, dass solche Erreger im Land sind' (Stern, 25.2. - er sagt hier, dass man das Coronavirus in Italien anfangs oft mit der Grippe verwechselt habe, selbst in Krankenhäusern; er fordert daher in Deutschland mehr Tests). Video: 'Was Deutschland gegen das Coronavirus tun muss' (ZDF/Lanz, 27.2. [26:41]), 'Hysterie und Angst: Wie gefährlich ist das Corona-Virus?' (ARD/Hart aber fair, 2.3. [01:59:18]), 'Notstand & Ausgangssperren in Deutschland?' (ARD/Anne Will, 16.3. - Ausschnitt: Wir haben viel Zeit verschlafen - die letzte Verteidigungslinie gegen Erkrankungen sind die Menschen selber, wenn die Regierung nichts gemacht hat; das Virus funktioniert wie ein Uhrwerk ). Er hat auch (analog zu Drosten) einen eigenen Podcast beim MDR.

Am 31.3. vertrat Kekulé im Gegensatz bis zur dahin üblichen Praxis in Europa die Meinung, dass Schutzmasken in der Öffentlichkeit getragen werden sollten. Er meinte, damit könnten rund 50% der Ansteckungen vermieden werden (SAT.1/Bild Corona Spezial, 31.3. [04:37]). Wenn das nur annährend stimmt, dann sind wir in Europa von den Politikern ziemlich schamlos belogen worden. Der Wind in der Maskenfrage drehte sich als (zuvor) am gleichen Tag die österreichische Regierung das Tragen von Masken beim Einkaufen zur Pflicht erklärte. Österreich hat überhaupt - mit Italien - die strengsten Massnahmen in Europa ergriffen (10.3. Schliessung der Grenze zu Italien, 15.3. Quasi-Ausgangssperrre, 31.3. Maskenpflicht beim Einkaufen).

Kekulé stand auch im Vordergrund, als am 4.4. plötzlich der Wind punkto Lockdown/Shutdown änderte bzw. die schrittweise Lockerung propagiert wurde (in den Medien wohlverstanden, noch nicht von der Regierung, welche zu diesem Zeitpunkt noch zur Geduld mahnte). Hier der ARD-Tagesschau-Ausschnitt (ARD/Tagesschau [Ausschnitt], 02:18) dazu: mit Kekulé (ohne Drosten). Kekulé sprach sich hier für den Aufbau einer 'Herdenimmunität' aus (das entspricht dem Postulat jener Rechtspopulisten, die das schon von Anfang an tun wollten, ohne jegliche Regierungsmassnahmen). Im Grund wurde an diesem Tag - in der ARD-Tagesschau (u.a.) - nun plötzlich eine kontrollierte Durchseuchung propagiert. Wie kam es zu diesem Umschwung in der Beurteilung? Nachdem anfangs in der Krise die (klassischen) Virologen (die sich Einsätze in Dritt-Welt-Ländern und deren schwachen politischen und ökonomischen Strukturen gewöhnt sind) berücksichtigt wurden, stehen nun plötzlich die Ökonomen im Vordergrund, weil man sieht, dass der Lockdown ökonomische Schäden anrichtet, was man natürlich minimieren möchte (natürlich war schon vor dem Lockdown mehr als nur klar, dass die Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werden wird [aber die Regierungen haben auch an diesem Punkt beschwichtigt: zuerst war von zwei Wochen die Rede, dann von einem Monat, dann von zwei Monaten, und dann hiess es, die Krise würde uns vielleicht ein ganzes Jahres oder mehrere Jahre beschäftigen]; im Zuge der Ökonomisierung der Debatte haben wir auch immer weniger Bilder aus den Spitälern gesehen, wie wir sie vorher v.a. aus Italien zu sehen bekamen, obwohl das Leid und die Belastung in den Spitälern weltweit zugenommen hat). In der radikalen Änderung dieser Postion wird in den (deutschen) Medien wieder nur gesagt, 'dass Wissenschaftler das sagen würden', wie es vorher schon von der gegensätzlichen Position gesagt wurde... Schon jetzt scheint klar zu sein, dass das Virus nicht nur einen grossen medizinischen und einen grossen ökonomischen, sondern auch einen grossen politischen Schaden anrichten wird.

Im Lauf der Zeit traten weitere Virologen in Deutschland in den Vordergrund wie Hendrik Streeck oder Jonas Schmidt-Carasit, welche noch stärkere Gegenstimmen zu Drosten bildeten. Sie wären die Sache viel larger angegangen und hätten weniger reguliert. In der Talksendung von Lanz (am 1.4.) wurde Streeck gefragt, ob man statt nur Herrn Drosten in den Vordergrund zu stellen nicht besser einen 'Ethikrat aus Experten' zusammengestellt hätte. Wie tönt das für einen Philosophen? Irgendwie grauenhaft, denn Experten sind ja meistens eben gerade keine Ethiker, sondern reine Praktiker. Aber das ist ja auch gerade eben das Interessante an diesen ganzen Stimmen: dieser ganze Dünkel allüberall, welcher gerade in einer Krise überhaupt nicht auf einen Nenner gebracht werden kann. Das Hauptproblem dabei: die Regierung selber ist an und für sich ziemlich unkompetent in der spezifischen Sache, trotz sogar ihres Gesundheitsministeriums, aber: sie trägt letztlich die (politische) Verantwortung in dieser Krise - und das ist natürlich wiederum politisch ein zentraler Punkt (in der ganzen [Medien-] Diskussion geht das fast gänzlich unter: dass die Regierung die Verantwortung trägt [die Medien reden viel, aber unter den Medienleuten gibt es keinen einzigen, der für irgendetwas die Verantwortung übernehmen wird - und interessanterweise sind sie jetzt sehr präsent, haben aber zuvor auch nichts beigetragen zur besseren Vorbereitung]). Wie weit der mediale Meinungsumschwung bei den Virologen auch damit zusammenhängt, dass Drosten sich zu einer Medienkritik hinreissen liess, sei dahingestellt. Drosten hat quasi die Regierung verteidigt (bis sogar fast vertreten) und die Medien kritisiert, Kekulé und die anderen, die (von den Medien) nach und nach herangezogen wurden, taten quasi das Gegenteil: sie kritisierten die Regierung, die Medien nicht. (Das wirft natürlich auch Fragen auf, wenn die Medien in einer solchen Krise auf diese Art und Weise, indem sie einfach nur noch regierungskritische Experten heranziehen, gegen eine demokratisch gewählte Regierung arbeiten - und teils sogar noch die öffentlich-rechtlichen Medien [angestachelt vermutlich von den privaten]; ich würde solches als einen Medienskandal bezeichnen, welcher zu den grössten gehört, die es in Deutschland bisher gegeben hat.)


Thomas Piketty (Französischer Ökonom - seit 12.2.). Er ist derzeit vermutlich der bedeutendste Public Economist (manchmal auch als 'Starökonom' bezeichnet - dies aufgrund der Publikation seines Werkes "Le Capital au XXIe siècle" [2013]). Der erste Artikel von ihm zum Thema ist vielleicht dieser (am 12.2., ohne Gewähr - die Coronakrise ist hier nur angetönt: auf das Coronavirus angesprochen, meint Piketty bloss, die nächste Krise werde bestimmt kommen [noch kein Wort davon, dass sie mit Sicherheit mit diesem Problem kommt]). Bedeutender ist etwa dieser Artikel: 'Crise économique mondiale: pour Thomas Piketty, le Covid-19 est l'arbre qui cache la forêt' (L'OBS, 15.3.). Er ruft in Erinnerung, wie sehr wir ökologisch und sozial (soziologisch) in Rückstand sind (das sind meine Worte!). Die Krisen seien exakt präsent - da sei dieses Virus, eine gesundheitliche/medizinische Krise. Für Piketty soll die Coronakrise uns dazu führen, neue Entscheidungskriterien in der globalen ökonomischen Regierung zu finden. Erstaunlicherweise sagt Piketty auch, dass die ökologischen und sozialen Risiken nicht gleich ausschauten wie eine Epidemie, von diesen kenna man aber die schwerwiegende langfristige Bedeutung (wir können sie uns zumindest vorstellen und ausmalen). Ich denke, man kann heute sagen, dass die Coronakrise die sozialen Faktoren recht stark in Mitleidenschaft ziehen wird, und wie das mit der Ökologie ausschaut, das zeigt sich dann (es gibt Zyniker, die sagen, dass es der Ökologie besser gehe, seit der Mensch gedownlockt ist, aber das ist ja sehr zynisch: wir wollen ja nicht eine billige Ökologie ohne Menschen, sondern wir wollen die Umweltverträglichkeit [und Sozialgerechtigkeit - so meine Worte] des Menschen, und zwar eines aktiven und fröhlichen Menschen). Ferner: : 'Krise zeigt den Regierungen ihre Macht' (Tiroler Tageszeitung, 15.3. - die Krise würde den Regierungen zeigen, meint Piketty, dass sie die Wirtschaft stark beeinflussen könnten [ob diese Erkenntnis dann bloss positiv genützt wird, bleibe dahingestellt]; die Leute würden sehen, dass Homeoffice funktionieren würde [dito]).

Während Piketty vorwiegend oder ausschliesslich auf linke Instrumente setzt, vertrete ich den Dritten Weg, welcher einen Ausgleich zwischen Liberalismus und Sozialismus sucht (allerdings nicht am Reissbrett - wie bei früheren solchen Erwägungen [vgl. Ota Sik] - sondern praktisch-politisch).


Bill Gates (US-amerikanischer Unternehmer und Microsoft-Gründer - seit 15.2.). Er nimmt eine bedeutende Stellung in dieser Problematik ein, indem er vor der aktuellen Krise der gröste Warner vor neuen globalen Pandemien war. Er äusserte sich zuerst offenbar beim AAAS (American Association for the Advancement of Science) Meeting in Seattle (ohne Gewähr): 'Bill Gates warns of 10 million deaths as Coronavirus spreads to Africa' (The Telegraph, 15.2. - die Meldung ist nur für Abonnenten einsehbar; Gates warnt vor einer Katastrophe, wenn die Seuche in Afrika ausbricht [wenige Stunden bevor der erste Fall in Kairo (Ägypten) gemeldet wurde]). Weitere Texte (u.a.): Responding to Covid-19 - A Once-in-a-Century Pandemic?' (The New England Journal of Medicine NEJM, 20.2. - sein Lösungsansatz ist sehr allgemein, einfach und unspektakulär: jetzt Leben retten und dann die Infrastruktur verbessern; er macht sich grosse Sorgen um die ärmeren Länder, welche mit ihrem schlecht ausgerüsteten Gesundheitssystem grosse Probleme bekommen könnten aufgrund der schnellen Verbreitung des Coronavirus), 'Bill Gates says the coronavirus is a pandemic and a 'once-in-a-century pathogen' - here are the solutions he's proposing to fight it' (Business Insider, 29.2.). Videos (u.a.): 'How we must respond to the Covid-19 pandemic' (TED, 25.3. [51:50]), 'Bill Gates outlines what he thinks world is learning about pandemics' (27.3. [10:28] - er sagt hier, dass die Möglichkeit gross ist, dass in der kommenden Zeit noch viel schwierigere Pandemien auf uns zukommen werden).

Im Januar habe ich bisher noch kein Statement von Gates gefunden, aber es gab zu diesem Zeitpunkt schon eine irre Verschwörungstheorie im Internet, wonach Gates selber hinter dem Virus stecken soll (andererseits gab es im Januar auch bereits Verschwörungstheorien, die sagten, das Virus sei sehr viel schlimmer, als man uns - zu diesem Zeitpunkt - glauben mache [das hat sich leider bewahrheitet]).

In diesem TED-Talk (u.a.) warnte Bill Gates vor neuen Pandemien: 'The Next Outbreak? We're Not Ready' (TED, 3.4.2015). Es gibt viele weitere Aussagen von Gates zu diesem Thema, so warnt er z.B. vor dem Zusammenbruch der Lieferketten - den Effekt, welchen jetzt die Ökonomen feststellen. Er trat auch in der Netflix-Serie "The Next Pandemic" (2019) auf (Trailer, Artikel).


Giorgio Agamben (Italienischer Philosoph - seit 25.2.). Er ist einer der bekanntesten italienischen Philosophen dieser Zeit - marxistisch-existentialistischer Prägung - und äusserte sich in einer kommunistischen italienischen Tageszeitung: 'Lo stato d'eccezione provocato da un'emergenza immotivata' (il manifesto, 25.2.). Er meint, die Ausrufung des Ausnahmezustands bringe Panik und schränke die Freiheit schwerwiegend ein. Wir empfinden dies vielleicht als Vermischung von vielem - aber der Marxismus geht eigentlich von Selbstbestimmung und -verwirklichung aus - in diesem Zusammenhang ist diese Kritik vielleicht verständlich. Er sprich weiter von einer 'vermeintlichen Epidemie' und stösst damit, im Ton etwas weniger marktschreierisch als andere, ins selbe Horn wie die meisten italienischen Intellektuellen zu dieser Zeit (welche der seltsam zusammengestellten Regierung aus Sozialdemokraten und Rechtspopulisten masslose Übertreibung vorwerfen). Er befürchtet, dass der Ausnahmezustand zum normalen Paradigma der Regierung werde. Weitere Artikel: 'L'invenzione di un'epidemia' (quodlibet.it, 27.2.), 'Nach Corona: Wir sind nurmehr das nackte Leben' (NZZ, 18.3. [der Artikel erscheint auch in anderen Formaten, u.a. auf der Website von Stanford University] - er sagt hier, der Ausnahmezustand werde zum Normalzustand, wir hätten die Freiheit zugunsten der Sicherheit geopfert, es gehe nur noch ums nackte Überleben, und die Angst treibe die Menschen auseinander, nicht zusammen; seltsam sei es, dass die Kirchen dazu schweigen würden), 'L'épidémie montre clairement que l'état d'exception est devenu la condition normale' (Le Monde, 24.3. - dieser Artikel ist nur für Abonnenten).


Marco Hirt (Schweizer Philosoph - seit 25.2.). Siehe: 'Pandemieseite' auf der Website (das ist diese Seite hier - mit täglichem Update; diese Seite entstand am 7.3, vorher gab es bereits Kommentare auf der Homepage: seit 25.2. [am Tag des ersten Schweizer Falls]).

Was vertrete ich hier für Positionen? Sicher einmal, dass es zu einem so aktuellen und kontrovers diskutierten Thema interessant ist, viele verschiedene Stimmen zu hören und zu analysieren. Sicher auch, dass mir die Stimmen von Public Intellectuals und Philosophers wichtiger sind, als der reine Wildwuchs im Web, oder auch als die blosse Darstellung in den Massenmedien. Ich nehme die Situation sehr ernst, und schaue über diese hinaus - das aktuelle Thema ist für mich ein Aufhänger für eine vergangene, gegenwärtige und v.a. eben auch zukünftige Pandemiediskussion. Im Westen und überhaupt wird das Pandemiethema derzeit erstmals so richtig ernstgenommen. Wir sehen, dass es eine grosse Beeinträchtigung der Lebensqualität in der Gesellschaft bedeuten kann, und dass wir es daher zu den bedeutenderen Menschheits- und Weltproblemen zählen müssen (daher auch diese Seite hier, aus aktuellem Anlass [ich gehöre zu denen, welchen der Pandemieschreck ziemlich stark in die Knochen gefahren ist (was eher selten ist bei Intellektuellen, die sich gegenüber Krisen und Katastrophen eher stoisch verhalten: man sieht das teils auch an ihren Einschätzungen)]). Philosophisch interessant ist das Thema, weil es so schlecht in die Philosophie hinein passt: man möchte es eigentlich lieber der reinen Medizin übergeben, aber wenn alles auch ein philosophisches Thema ist, dann auch dies (spätestens seit den Einwänden der Ökonomen ist klar, dass das Thema auch eine bedeutende dialektische Dimension hat). Sicher ist es - mit den ganzen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen - ein politisches Thema (und schon alleine deswegen auch ein philosophisches Thema, da alles, was politisch ist, auch die [politische] Philosophie betrifft). Daher ist es auch so interessant für mich, zu schauen, wie die Public Philosophers bzw. die anderen Public Philosophers mit diesem Thema umgehen. (Konkretere Aussagen zu konkreteren Punkten von mir finden sich auf dieser Seite.)


Massimo Cacciari (Italienischer Philosoph - seit 27.2.). Er äusserte sich offenbar erstmals zum Thema in der Zeitung Libero (der Artikel ist leider nur für Abonnenten einsehbar, aber es gibt dieses Video davon): 'Cacciari azzera Conte sul coronavirus: l'errore che pagheremo caro' (Libero, 2.3. [01:47] - Zeitungsartikel: 27.2.). Auch Cacciari greift v.a. die Regierung an. Er findet, man könne in der heutigen Welt gegenüber einer solchen Katastrophe nicht dermassen unvorbereitet sein. Er spricht ferner etwas fatalistisch - vielleicht aber realistisch (angesichts der weiteren Entwicklung der Krise in Italien) - von einer unkontrollierbaren Notlage. Weitere Videos (u.a.): 'Il governo è in confusione' (La7 Attualità, 5.3. [02:36]), 'L'Europa? Dobbiano constatarne il fallimento - Si salvi chi può' (La7 Attualità, 27.3. [03:08] - Cacciari weist etwas resigniert darauf hin, dass die wirtschaftliche Situation in Italien ohne europäische Hilfe dramatisch werden wird). Weitere Artikel: 'Il coronavirus è la pietra tombale sull'integrazione europea, sarà la Cina a risollevare l'Italia' (Business Insider [Italia], 16.3. - das interessanteste bisherige Interview zum Thema von Europa: er sagt hier, das Coronvirus sei der Grabstein der europäischen Integration, es sei also China, welches Italien wieder hochhelfen werde [auch Fusaro hatte das schon angetönt, indem er neben den USA die EU auch kritisierte, und fragte, wer die echten Freunde Italiens seien - so früh würde ich die EU nicht abschreiben, aber die italienischen Bedenken sind in dieser Situation verständlich; Cacciari meint, das zukünftige Europa sei ein Desaster für die schwachen Länder, es fragt sich aber, ob es ohne die EU besser wäre oder nicht noch viel schlimmer]). .


Jean-Luc Nancy (Französischer Philosoph - seit 27.2.). Er gehört zu den bedeutendsten französischen Philosophen der letzten Jahrzehnte bzw. der nachfoucaultschen Zeit, steht in der Tradition von Dekonstruktion und Phänomenologie - wie passt das zusammen? (Derrida und Husserl? - die Philosophie bringt alles zusammen) - und publizierte seinen ersten Artikel zum Thema in einer italienischen Zeitung: 'Eccezione virale' (Autonomia, 27.2.). Nancy kritisiert dabei Agamben ('einen alten Freund'): dass dieser das Coronavirus mit einer normalen Grippe verglichen habe. Aus dem Einwurf ist eine kleine eigene Diskussion entstanden - siehe: 'Coronavirus and philosophers' (European Journal of Psychoanalysis). Video: 'Un trop humain virus' (17.3. [15:56] - die Art und Weise wie Nancy das Coronavirus umarmt, um es als quasi-philosophische Kraft einzusetzen [obwohl er es auch als brutal und ungerecht verdammt], erscheint [mir] ein bisschen befremdlich [ähnliche Tendenz wie bei Cespedes, notabene, nur etwas nüchterner vorgetragen; die Rede von Nancy hört sich am Ende an wie eine wohltemperierte Grabesrede: der Mensch könne nicht zu viel sein, meint er, abschliessend [und kein Wort mehr davon, dass er immer wieder so viel zu wenig sein kann bzw. ist; angesichts der heutigen Weltlage sollten wir den Menschen wohl weder verdammen, noch in Schutz nehmen vor der Kritik*, die man ihm heute leider entgegenhalten muss])])

* Gab es nicht zu allen Zeiten schlimme Krankheiten und schwere Kriege? Natürlich gab es das zu allen Zeiten. Was immer schwieriger wird in der menschlichen Entwicklungen sind die negativen Seiten der technischen Geräte, mit denen er herumhantiert. Diese haben zwar auch viele positive Seiten, aber eben auch negative. Einerseits scheint etwa die Weltgesundheit bedeutend besser geworden zu sein - siehe: Hans Rosling - andererseits ist etwa das Kriegsmaterial immer schwerer geworden. Es ist schwierig, zu sagen, ob die Welt nun insgesamt gefährlicher geworden ist oder nicht. Fakt ist jedenfalls, dass wir schon alleine aus ökologischen Gründen ein langfristiges Problem haben, und dass wir Menschen auch nicht stagnieren möchten, sondern wir möchten all das verbessern, was wir verbessern können (und das ist weiterhin nicht wenig - und daher muss auch die entsprechende Kritik sein).


Vittorio Sgarbi (Italienischer Kunstkritiker und Politiker - seit 27.2.). Er brachte sich mit einem völlig aufgebrachten Votum - einige sagen: mit einer persönlichen Show - im italienischen Parlament in die Diskussion ein: 'Non è peste, è tranello di Salvini' (La Repubblica, 27.2. [04:38]). In diesem Votum verharmlost er die Epidemie, spricht von Wahnsinn (es gebe keine Notlage! - diese sei eine reine Erfindung) und hält der Regierung eine Attacke auf das Veranstaltungs-, Kultur- und Kunstwesen vor. Er führt auch einen eigenen Youtube-Kanal mit weiteren Videos zum Thema. Ferner (u.a.): 'È una cosa ridicola, tutte le influenze sono incurabili' (La7 Attualità, 27.2. [02:33] - hier spricht er von antiitalienischem Terrorismus), 'Non è un'epidemia perché non c'è rischio di morte' (La7 Attualità, 27.2. [03:04] - er spricht hier vom 'Virus der Politik'), 'La vera peste è aver detto le bugie' (La7 Attualità, 29.2. [03:17]). Die politische (und philosophische!) Diskussion war in Italien viel heftiger als hierzulande bzw. in nördlicheren Gebieten - mittlerweilen ist sie jedoch stark zurückgegangen.

Wenn wir solche Worte hören, wie Sgarbi sie hier vorführt, dann dürfen wir nicht vergessen, dass Italien quasi das Tor des Virus zur westlichen Welt gewesen ist (wo man solche Massnahmen, wie sie jetzt von fast allen Regierungen getroffen werden, zuvor nicht im Ansatz gekannt hat [ausser in der Zeit des Faschismus, vielleicht]). Dass man sich also hier in einem frühen Stadium dermassen für die Freiheit wehrte, ist verständlich (zumal in Italien immer ein bisschen unstabile politische Verhältnisse herrschen und die aktuelle Regierung, eine Regierung aus Sozialdemokraten und Rechtspopulisten, etwas seltsam zusammengestellt ist). Das erstaunt mich weniger, als die überlegene Gelassenheit, die unseren Breitengraden vorgespielt wird (wie lange wird sie halten?). Nach den starken Gegentönen von italienischen Intellektuellen gegen die Regierungsmassnahmen und der schweren Verschlimmerung der Situation in Italien fiel die Kritik in den nördlichen Ländern (etwa in den deutschsprachigen Ländern - zumindest am Anfang der Krise) deutlich milder aus.


Hans-Werner Sinn (Deutscher Ökonom - seit 27.2.). Er äusserte sich offenbar zuerst in diesem kurzen Interview (zu finden auf seiner Website): 'Ökonom Sinn für 'Kurzarbeitergeld' wegen Coronavirus' (ntv, 27.2. [03:21]). Texte: 'The World Is at War' (Project Syndicate, 16.3. - er spricht von einem Krieg gegen das Virus, fordert Massnahmen, die es stoppen, nicht bloss dessen Entwicklung verlangsamen, und schlägt Steuererleichterungen und öffentliche Bürgschaften zur Verhinderung von Bankrotten vor), 'In Europa droht die Vergemeinschaft der Schulden' (Die Welt, 20.3. - dieser Artikel ist nur für Abonnenten lesbar). Video: 'Die Welt im Corona-Schock' (Wirtschaftsrat Bayern, 18.3. [01:04:52]). Ein sehr informatives Video. Dass Italien in Europa besonders betroffen ist, hängt nach ihm mit besonders starken Chinakontakten zusammen (viele chinesische Touristen, besonderes Handelsabkommen, viele Chinesen, die in Italien arbeiten). Er weist darauf hin, dass der deutsche Bundestag sich im Jahr 2012 über eine Studie von einem modifizierten SARS-Virus ('Modi-Sars') befasste, in welchem dies als wenig wahrscheinliches Szenario betrachtet wurde (Sinn sagt, man finde diese Studie online: auf den offiziellen Seiten habe ich das nicht gefunden, hier gibt es Auszüge). Die Studie sagt u.a., dass eine zweite Welle gefährlicher werden könnte als die erste, weil die Leute dann weniger bereit sein könnten, noch einmal harte Massnahmen auf sich zu nehmen. Sinn meint, die Coronakrise treffe auf eine (deutsche) Wirtschaft, die bereits im Abschwung begriffen sei (Gründe: Schwache Weltkonjunktur, Trump, Brexit, Energiewende). Die Zinssätze befinden sich auf einem sehr tiefen bis einem Null- oder sogar Negativ-Niveau. Jetzt kommt der Corona-Crash - Hauptprobleme: Zusammenbruch der Lieferketten, Wegsperrung der Kunden (entspricht einem wirtschaftlichen Transaktionsverbot). Prognosen Sinns: starke Rezession, wenn nicht Depression. Klassische Konjunktur- und Geldpolitik kann hier nicht angewendet werden (da nicht einfach bloss der Konsum angeheizt werden kann). Bankrotte sollten mit massiven staatlichen Eingriffen vermieden werden (evtl. auch durch Verstaatlichungen oder Teilverstaatlichungen, z.B. durch staatliche Anteilsscheine). Kurzarbeiterentschädigung ist nach Sinn besser als Entlassung in die Arbeitslosigkeit.


Umberto Galimberti (Italienischer Philosoph, Soziologe und Journalist - seit 28.2.). Er spricht von einem Terror vom Coronavirus, welches aber keine Furcht hervorrufen kann, weil gar kein Objekt für eine Furcht vorhanden sei, da wir das Virus und dessen Herkunft kennen würden. Er spricht von 'angoscia' anstelle von 'paura' (leider ist mein Italienisch nicht das Beste - paura = Furcht/Angst, angoscia = Angst/Beklemmung? - philosophisches Geplänkel zum genauen Wortgebrauch [in einem etwas schwierigen Moment]), und er verlangt Weisheit im Umgang mit der Situation und fordert, auf politische Polemik zu verzichten. Videos (u.a.): 'Sul coronavirus' (Feltrinelli Editore, 28.2. [13:35]), 'Parlerei di angoscia, non paura' (La7 Attualità, 29.2. [01:32]), 'Coronavirus, le ristposte degli scienziati' (Mediaset, 2.3. [04:26]), 'Sono veramente meravigliato dall'isteria collettiva' (La7 Attualità, 8.3. [01:37] - Galimberti entnervt über den Niedergang der freiheitlichen Gesellschaft! [ähnlich wie Sgarbi empfindet er die Regierungsmassnahme als eine Attacke auf die freiheitliche Gesellschaft]).


Raphaël Enthoven (Französischer Philosoph - seit 29.2.). Er trat u.a. bei France tv auf: 'Coronavirus: une semaine de psychose' (France tv/C l'hebdo, 29.2. [22:13]). Enthoven spricht (wie Galimberti) v.a. über die Angst: «C'est la peur qui est le virus.» Er verweist an mehreren Stellen auf das weltberühmte Buch "La peste" von Camus (1947 - «une livre sur le courage malgré le désespoir») - vermutlich das berühmteste Buch der Weltliteratur über das Pandemiethema überhaupt (Film 1992 [ganzer Film - Erhebung von Solidarität, Freundschaft und Liebe, doch die existentialistische Absurdität kann nie ganz aufgehoben werden]). Artikel: 'Le virus du délire se répand plus vite que le coronavirus' (L'Express, 14.3. - nur für Abonnenten lesbar).


Steven Pinker (US-amerikanisch-kanadischer Psychologe - seit 1.3.). Er - bekannt als spätmoderner Vertreter der Aufklärung - hat offenbar am 2. März noch ein Interview gegeben ohne jeglichen Bezug zur Coronakrise, sich aber am 1. März mit diesem Tweet auf Twitter gemeldet. Gefunden habe ich das auf einer rechten Medienseite: siehe nachfolgender Kommentar zum Tweet (Pinker sagt, das Virus sei eines von vielen Zeichen dafür, dass der Neonationalismus destruktiv sei, ein Antipode antwortet, dass Viren Träger benötigen, und dass diese durch Grenzen gestoppt werden können).


Ranga Yogeshwar (Luxemburgischer Physiker und Wissenschaftsjournalist - seit 5.3.). Er trat sehr beschwichtigend im RTL-Podcast 'Fragen wir doch!' (5.3. [siehe Podcastliste]) auf und sprach dabei von Hysterie und Irrationalität (der Leute). Yogeshwar nimmt voll und ganz die Regierungshaltung ein (und tritt als Hauptbeschwichtiger der grossen deutschen Fernsehstationen auf): keine Panik, aber klare Massnahmen. Das Coronavirus vergleicht er mit anderen Epidemien wie Vogelgrippe, Schweinegrippe oder SARS, aber (auch zu diesem Zeitpunkt noch) mit der normalen Grippe: «Das Coronavirus ist nicht so gefährlich, wie man denkt. Doch die Grippe wird bagatellisiert, obwohl sie Tausende allein in Deutschland tötet.» Den Medien wirft er (ähnlich wie Drosten [wir können also von einer Medienkritik in Deutschland von Seiten der Wissenschaft ausgehen]), wo sie reisserisch sind, Quotenkampf vor* - massiv verstärkt durch Soziale Netzwerke (meiner Meinung nach haben die Medien die Thematik, ebenso wie die Behörden, zu spät aufgenommen). Immerhin - trotz meinen Einwänden (siehe unten) - ist das auch einmal eine 100%-beschwichtigende Stimme eines Intellektuellen (was durchaus auch einen gewissen Mut benötigt in dieser turbulenten Zeit - Yogeshwar ist die Ruhe selbst). Weitere Videos: 'Wir brauchen eine Balance' (ARD/Anne Will, 8.3. [01:32] - ganze Sendung), 'Ausnahmezustand: Was wir wissen, was wir fürchten' (ARD/Presseclub, 22.3. [56:47] - hier bezeichnet er das Pandemieproblem als Lackmustest für die Demokratie).

* Die Menschen haben natürlich ganz einfach Bedenken, wenn so etwas krisenhaftes oder katastrophisches aufkommt (auch die Medienmenschen, notabene). Bei den Bedenken handelt es sich um dreifache Bedenken: 1. gegenüber dem Virus, 2. gegenüber der Regierung, 3. gegenüber den Anderen (bzw. der Panik der Anderen). Womit ich gar nicht einverstanden bin, ist: dass Yogeshwar hier meint, Panik sei veraltet und gehöre ins Mittelalter, während wir heute aufgeklärte Menschen seien. Das Eine hat mit dem Anderen wenig zu tun. Wenn ein Tsunami kommt, dann gibt es zu jeder Zeit Panik (auch im Zeitalter der Aufklärung). Eine allzu stoische Beschwichtigung führt letztlich zu ebenso falschen Resultaten wie die panische Angst.


Gert Scobel (Deutscher Philosoph, Journalist und Moderator - seit 5.3.). Er hat auf 3sat eine eigene TV-Sendung: 'Gefühlte Wahrheit' (3sat/Scobel, 5.3. [58:03]). In dieser Sendung machte Scobel eine fast leibnizianisch anmutende Generalbeschwichtigung: die Welt ist gut, und sie wird (dank der Technik) immer nur noch besser (das Gegenteil also zu jeglicher apokalyptischer Beschwörung von zunehmenden Gefahren). Diese Generalbeschwichtigung geht so weit, dass er auf die aktuelle Pandemiesituation hier nur ganz am Rande eingeht. Weitere Videos (u.a.): 'Corona - was es über unsere Gesellschaft verrät' (17.3. [37:43] - hier nimmt er die Pandemiethematik schon sehr viel ernster: das ist eine gute und interessante Informationssendung zu diesem Zeitpunkt), 'Corona - was kommt danach? Philosophisch betrachtet' (2.4. [28:11]): in dieser Sendung bezeichnet er die Veränderungen in der Krise als ein riesiges Sozialexperiment und verweist auf US-Gesundheitswissenschaftler Ioannidis, der die Gefährlichkeit des Coronavirus noch Mitte März herunterspielte; als philosophische Generaltherapie in der Krise schlägt er Entspannung und eine grundlose Gelassenheit* vor.

* Scobel wirkt überhaupt nicht wie jemand, der aus irgendeiner grundlosen Gelassenheit kommt. Warum er dann eine solche vertritt, bleibt relativ schleierhaft. In der ersten angegebenen Sendung behauptet Scobel an einer Stelle, es gebe gar keinen Sinn und gar keine Zusammenhänge (was mich an die antike Untergangsphilosophie der Stoa erinnert) - damit verwirft er das gesamte Kausaldenken und somit auch die gesamte Wissenschaft (dabei benutzt er doch die Wissenschaft gerade als Argument gegen übermässige Kritik und Panik.


Neil de Grasse Tyson (US-amerikanischer Astrophysiker und TV-Moderator - seit 7.3.). Nach Carl Sagan ist De Grasse Tyson der bedeutendste Erklärer des Universums bzw. der populärste Astrophysiker in den USA. Er trat zuerst in einer US-Talkshow auf: 'Will People Listen To Science?' (CBS/The Late Show with Stephen Colbert, 7.3. [10:54]). De Grasse Tyson meint, dies sei ein grosses Experiment, davon, ob die Leute auf die Wissenschaftler hören würden. Er steht auch für den lockeren bzw. populistischen Umgang mit der Wissenschaft: er macht aus der Wissenschaft eine unterhaltsame TV-Show. Weitere Videos (u.a.): 'Understanding the Coronavirus' (Star Talk Radio Show Podcast, 20.3. [37:00] - wer zwischendurch, in der ganzen Informationsflut, ein bisschen intelligenten Spass zum Thema haben möchte, ist hier am richtigen Ort).


Rainer Forst (Deutscher Philosoph - seit 8.3.) Er wurde von der FAZ angefragt: 'Die Feier der Irrationalität' (FAZ, 8.3. - Artikel nur für Abonnenten; der Titel wirkt zynisch [siehe: Kommentar zur Rationalität (bei Yogeshvar)]). Trotz dem knackigen Titel meint Forst aber auch: «Man weiss einfach nicht, was die angemessene Reaktion ist.»


Lukas Bärfuss (Schweizer Schriftsteller - seit 9.3.). Während es in Deutschland (und Österreich) kaum mehr Autoren gibt, die man als Public Intellectuals bezeichnen könnte, gibt es in der Schweiz noch einen, welcher die grosse Tradition von Frisch und Dürrenmatt aufrecht erhält - Bärfuss eben. Der erste Artikel zum Thema von ihm scheint dieser gewesen zu sein: 'Covid-19 oder die Politik des Birnenschüttelns' (Blick, 9.3.). Er meint hier, dass es kaum Kritik an den Regierungsmassnahmen gebe, und dass jetzt Kooperation angesagt sei. Ferner: 'Das Kapital hat nichts zu befürchten, der Mensch schon' (Der Spiegel, 24.3.2020). Er kritisiert, dass die Informationspolitik der Regierung nicht darauf ziele, die Leute aufzuklären darüber, was in der nächsten Zeit auf sie zukommen wird.


Harald Welzer (Deutscher Soziologe - seit 9.3.). Er trat als Gastkommentator bei RadioEINS auf: 'Harald Welzer über Corona-Panik und Globalisierung' (RadioEINS, 9.3. [03:31]). Welzer spricht mit ziemlich zynischen Radioleuten über die «Corona-Story» und spielt die Pandemie gegen die Ökologie aus: jetzt werde rasch gehandelt, in ökologischen Fragen zuvor nicht. Weiteres: 'Das Virus und die Verantwortung - Die Wiedergeburt des Wir-Gefühls?' (Phoenix/Unter den Linden, 16.3. [44:43] - Welzer meint, dass wir erstmals in so einer Situation seien, und es daher nicht einmal Experten gibt, die uns sagen können, was wir tun sollen [das kommt natürlich auch davon, dass wir bis dato die übrige Welt nicht so ganz ernstgenommen haben]). Ferner hat Welzer etwa Interviews gegeben für die Neue Presse in Hannover (13.3.) und den Kölner Stadt-Anzeiger (19.3.), welche nur Abonnenten lesen können.


Konrad Paul Liessmann (Österreichischer Philosoph - seit 10.3.). Er äusserte sich in einer Kolumne in einer der bedeutendsten Schweizer Zeitungen: 'Infame Instrumentalisierung' (NZZ, 10.3. - Liessmann meint, dass die Coronakrise von allen und allem instrumentalisiert werde; dabei sehe sich jeder gegenüber den Anderen selber auf objektivem Boden: die Wirklichkeit sei aber vielfältig, offen und sehr tolerant - sie biete allen etwas [natürlich wahr (und gut formuliert), und trotzdem müssen politische Meinungen* bestehen bleiben und vertreten werden]). Ferner: 'Liessmann sieht 'schweren Einbruch' bei Technikglauben' (News, 17.3. - er behauptet hier, die Coronakrise würde den Technikglauben vermindern; der Demokratie attestiert er eine gute Reaktion auf die Krise: die getroffenen Massnahmen seien mit der Demokratie vereinbar).

* Viele Philosophen verharren bis heute im Glauben, dass die Philosophie quasi im Geist und im Denken abgeschlossen sei - dass es also keinen Fortschritt zum Handeln und keine Rückkoppelung vom Handeln gibt bzw. dass dies in der reinen Philosophie nicht zu berücksichtigen sei**. Das entspricht dem antiken philosophischen Denken (wobei eigentlich schon Aristoteles zwischen einer theoretischen und einer praktischen Philosophie unterschied [was vielleicht mit ein Grund dafür war, dass er von der Spätklassik bis zur Frühscholastik vergessen ging]). In der Philosophie des Mittelalters und der Neuzeit gab es jedoch verschiedenste Entwicklungen, welche das Handeln in die Philosophie einbezogen haben: 1. Religiöse Konsequenz (später auch Religions- bzw. Kirchenkritik [Voltaire]), 2. Wissenschaftstheorie (Bacon, Descartes), 3. Ethischer Imperativ (Kant), 4. Wirtschaftstheorie (Smith), 5. Utilitarismus bzw. Nützlichkeitsphilosophie (Bentham, Mill [auch: Pragmatismus (Peirce, James)]), 6. Politische Philosophie (Marx, Sartre), 7. Ökophilosophie (Shepard, Naess, Jonas), 8. Wohltätigkeitsphilosophie bzw. Effektiver Altruismus (Ord, MacAskill).

** Liessmann schrieb in einem NZZ-Gastkommentar mit dem Titel "Was heisst denken?" sogar ausdrücklich: "Dabei [nach Trumps Wahlsieg, nach welchem Intellektuellen-Schelte en vogue sei] wird grundlegend verkannt, was das eigentliche Geschäft des Intellektuellen ausmacht: denken, nicht handeln - ein einsames Geschäft." (NZZ, 16.01.2017.) Das ist sicher teilweise richtig, bedeutet aber nicht, dass das Handeln nicht ins Denken einbezogen sein soll (und dazu muss wohl auch gehandelt werden, da man über das Handeln nur Bescheid wissen kann, wenn man das Handeln kennt - und das ist das Problem im reinen Denken [auch das Problem zwischen der antiken Naturphilosophie und der neuzeitlichen Wissenschaft, notabene]).


Sam Harris (US-amerikanischer Philosoph und Neurowissenschaftler - seit 11.3.). Er trat in der Öffentlichkeit in Erscheinung als einer der sogenannten vier apokalyptischen Reiter* des Atheismus am Anfang der 2000-er Jahre (Dawkins, Dennett, Harris, Hitchens) - und er ist der aktivste Public Intellectual dieser Gruppe geblieben. Harris führt eine eigene Website mit Podcast-Beiträgen: 'How Should We Respond To Coronavirus (with Nicholas Christakis [Griechisch-US-amerikanischer Soziologe und Physiker])' (11.3. [01:18:48] - Harris tritt hier als Interviewer auf), 'Early Thoughts On a Pandemic (with Amesh Adalja [US-amerikanischer Spezialist für Infektionskrankheiten])' (12.3. [01:06:23] - dito). (Von der politisch rechten Seite wurde Harris angegriffen, weil er behauptet hat, die liberalen Medien hätten früh vor dem Coronavirus gewarnt, die rechten nicht.)

* Die vier apokalyptischen Reiter sind Figuren aus der Johannes-Offenbarung der Bibel. Sie werden seit dem Mittelalter mit Krieg, Hunger, Pest und Tod in Zusammenhang gebracht. «Die Pest war schon einige Jahre früher im Morgenland aufgeflammt, [...] um sich dann, ohne Aufenthalt von einem Ort zum anderen eilend, gegen Westen auf grauenvolle Weise auszubreiten. [...] Hunger, Krieg und Pest hingen eng zusammen. Es gab kaum ein Entrinnen. Menschen aus dem Umland flohen vor Kriegstruppen in die Städte. Die Felder wurden nicht länger bestellt. In der Stadt waren bald die Essensvorräte aufgebraucht. Der Hunger, schlechte Ernährung und weitere Lebensumstände in der überfüllten Stadt schwächte die Konstitution der Menschen. Krankheitserreger fanden rasch Verbreitung und streckten auch solche Personen nieder, die unter normalen Umständen resistent waren.» (Ganzer Text auf webhistoriker.de.).


David Halpern (Britischer Psychologe - seit 11.3.). Er führte offenbar in diesem Artikel den Begriff vom Cocooning im Zusammenhang mit dem Coronavirus ein: 'Care Home Residents Could Be 'Cocooned' (BBC, 11.3.). Dies stand im Zusammenhang mit Massnahmen, welche im britischen Parlament besprochen wurden, indem man Personen in Altersheimen und andere Risikopersonen von der übrigen Gesellschaft fernzuhalten versucht. Weiter verwendet wurde der Begriff vom liberalen irischen Politiker Leo Varadkar (am 18.3. - er sprach von einem Cocooning der Alten und Kranken) und vom deutschen Philosophen Julian Nida-Rümelin (am 25.3. - er sprach von einer offensiven Durchseuchung der Jungen: siehe dort [inkl. einer Besprechung der Problematik]). Der Begriff besteht allerdings schon länger und stammt ursprünglich von der US-amerikanischen Trendforscherin Faith Popcorn (in den späteren 1980-er Jahren). Allgemein bezeichnet der Begriff eine Tendenz, dass sich die Leute vermehrt aus der Zivilgesellschaft und der Öffentlichkeit in das häusliche Privatleben zurückziehen.


Greta Thunberg (Schwedische Ökoaktivistin - seit 11.3.). Sie war im Jahr 2019 die Hauptperson der intellektuellen und/oder öffentlichen Diskussion (ob sie selber als Public Intellectual zu bezeichnen ist, weiss ich nicht - sie ist noch Schülerin). Sie ist sicher (oder wäre sicher) eine bedeutende Person zur Einordnung des Zusammenhangs der Themen von Pandemie und Ökologie. Jedoch war ihre Stimme in der Öffentlichkeit bezüglich des Pandemiethemas sehr lange nicht zuhören. Plötzlich ging eine Meldung durch die Presse, wonach sie vermutlich selber an Covid-19 erkrankt sei (CTV News, 24.3.). Auf Instagram postete sie dazu einen allgemeinen Appell zur gegenseitigen Hilfestellung; speziell bat sie auch die junge Generation darum, die Pandemie ernst zu nehmen. Am 11.3. hatte sie bereits die Kurven der Ansteckung (hier für einmal in voller Länge) gepostet. Von den Regierungen spricht sie generell als 'sie', wie sie das auch in den Ökodebatten tut (bewusst versucht sie fast momoartig, eine neue, junge Ökogeneration gegen alte, graue Regierungen zu setzen). Dass Thunberg die Pandemie auch als ökologisches Thema sieht, ist aus ihren Reaktionen nicht zu entnehmen (was eigentlich erstaunlich ist, denn Ansätze zu einer solchen Behauptung gibt es durchaus und Thunberg könnte ja auch versuchen, das Thema für ihre Zwecke zu nutzen [aber vielleicht zeigt auch diese Reaktion, dass diese Verbindung nicht ganz so unproblematisch ist]).


Michel Onfray (Französischer Philosoph - seit 12.3.). Er betreibt eine eigene Website mit Texten und Videos. Dieser Text scheint der erste zu sein, welchen er zum Thema veröffentlichte: 'Un virus mondialisé' (12.3.). Weitere Texte (u.a.): 'Dos crawlé dans sa baignoire' (18.3. - hier spricht er von einem psychopathischen Präsidenten), 'Le surgissement du mot 'science' ne doit pas fonctionner comme un argument d'autorité qui interdirait toute réflexion critique' (23.3. - Anm. noch ist die Kritik überhaupt nicht irgendwie verboten...), 'Faire la guerre' (23.3.). Er kritisiert v.a. immer wieder die Regierung von Macron und bezeichnet diese als diktatorisch, Frankreich als ein 'pays dictatorial' (das erinnert an die Zeit der Gelbwesten-Proteste). Video: 'Le gouvernement a choisi la pire stratégie' (C-News, 23.3. [06:49] - er kritisiert hier die liberale Haltung, wonach es in der besten aller Welten keine Grenzen gebe; auf die Frage, ob er mit seiner Kritik Öl ins Feuer giesse, meint er, er denke, dass man seine Meinung haben und publizieren dürfe, und dass er ein Temperament habe: die Krise verpflichte als Bürger, zu denken - mehr, besser und anders zu denken). (Die Videos auf der Website kann man nur schauen, wenn man ein Login macht.)


Richard David Precht (Deutscher Philosoph - seit 12.3.). Er wurde von der Zeitung für Marketing, Werbung und Medien befragt: 'Etwas vergleichsweise Harmloses'* (turi2tv/Horizont, 12.3. [12.3. (03:56)]) - dazu gibt es auch einen Zeitungsartikel (Horizont, 12.3.). Wie Yogeshvar vertritt er die Regierungsmeinung (gegensätzliche Meinungen kommen in Deutschland kaum in die Öffentlichkeit [und auch keine Kritik an der Regierung]). Die Leute hätten mehr Angst um ihr eigenes Leben, als um das Überleben der Menschheit**, meint Precht. Auch er spielt (wie Welzer) die Pandemie gegen die Ökologie aus. In der Generation unserer Kinder würden vermutlich beide Probleme zusammenfallen, meint Precht (eine quasi-apokalyptische Aussage). Ich empfinde die Aussagen von Precht als einigermassen speziell und provokativ (herausfordernd).

* Natürlich hätte man auch bei der Fukushima-Katastrophe oder irgendwelchen Naturkatastrophen, z.B. den australischen Buschfeuern, von etwas vergleichsweise Harmlosem sprechen können: wir sind ja aber doch da, um die Dinge ein bisschen ernst zu nehmen - (fast) alles ist philosophisch betrachtet immer vergleichsweise harmlos (es kommt immer auf den Vergleich an - diese Wendung dünkt mich aber ein bisschen zu viel der Beschwichtigung).

** Dieser Satz regt zum Denken an: ist nicht gerade, wenn es ums eigene Leben geht, der Einzelne gefordert, dafür einzustehen - ist das nicht die Politik von allen Menschenrechtsorganisationen? Wo kommen wir hin, wenn das Leben des Einzelnen nichts mehr zählt und die Regierungen darüber frei verfügen können (und wenn wir dem Einzelnen sogar raten, oder von ihm fordern sein eigenes Leben für irgendetwas preiszugeben - die Philosophie kann vom Einzelnen nicht fordern, dass er sein Leben nicht ernst nehmen soll)?


Julian Nida-Rümelin (Deutscher Philosoph - seit 12.3.). Er bestritt ein Interview auf der Website des Bayrischen Rundfunks: 'Massnahmen gegen Corona: Wie die Risiko-Ethik abwägen muss' (BR, 12.3.). Er meint, dass die Ängstlichen, die ohnehin dazu neigen, sich zurückzuziehen, in eine Art Depression verfallen könnten. Nida-Rümelin vergleicht die Coronapandemie noch immer mit der Grippe bzw. mit der besonders schweren Grippewelle 2017/18, welche in Deutschland rund 25'000 Todesopfer forderte. Wenn - wie die Bundeskanzlerin sagt - 60-70% der Leute sowieso angesteckt würden (das sind Zahlen, welche der Virologe Drosten herausgegeben hatte [mit oder ohne Berücksichtigung von scharfen Massnahmen?]), würden sich Fragen nach den (ökonomischen) Kosten stellen. Ferner: 'Cocooning wäre die bessere Lösung' (Abendzeitung [München], 25.3. - mit Cocooning meint er, die Alten und die Risikopersonen sollen zuhause bleiben, die Jungen sollen bewusst durchseucht werden - dazu empfiehlt auch digitale Kontaktverfolgung).

Es besteht zu einem Cocooning allgemein die Befürchtung, dass ein partieller Lockdown eine viel geringere Befolgung bedeuten würde (besonders hier im Westen, wo wir uns solche Massnahmen eben noch überhaupt nicht gewöhnt sind). Zudem würde die Überforderung des Spital- und Medizinwesens vermutlich verschärft werden (genau dies will man ja mit dem weitergehenden Lockdown verhindern). Auch bei einem Cocooning könnte natürlich nicht von einem reibungslosen Wirtschaftsablauf ausgegangen werden. Wenn Nida-Rümelin das Beispiel Südkorea bringt, dann muss man dazu erwähnen, dass man dort ganz einfach sofort reagiert hat - dies ist in unseren Breitengraden nicht der Fall, wir stehen nicht am Zeitpunkt der Auslösung von einer Pandemie, sondern mitten in einer schwerwiegenden Pandemiekrise. Zudem bestand in Europa anfangs auch das Problem von fehlenden Schutzmasken. Nicht zuletzt stellen sich bei einer absichtlichen Durchseuchung irgendwelcher Art auch juristische Fragen. Politiker, welche solche Massnahmen anordnen würden, könnten vielleicht verklagt werden. Die Fragen zwischen Ausgangssperre - Lockdown - Cocooning - Durchseuchung sind komplex. Ich sehe zu diesem Zeitpunkt keine andere Lösung, als die Pandemie - mit einem relativ weitgehenden Lockdown - so gut wie möglich in den Griff zu bekommen (nachdem man - in China, wie in Italien wie im restlichen Europa - versäumt hat, rascher und besser zu handeln). Wir sind daran, die Pandemieproblematik besser kennenzulernen. Im aktuellen Stand der Geschichte von Viren und Menschen sollte kein allzu irrationales Risiko eingegangen werden. Die Frage nach Kosten wird sich stellen, wenn das nicht innert nützlicher Frist geschehen kann, denn natürlich - oder vermutlich - kann ein Lockdown nicht ewig aufrecht erhalten werden. Es gibt ja trotz aller Kritik an den Regierungen oder trotz aller Fragezeichen aber fast keinen Philosophen - ausser dem verwegenen Ökonomen Eichenberger - welcher offen für einen offensiven Umgang mit dem Virusproblem plädiert (quasi 'fight and die' statt 'hide and seek' - die partielle Durchseuchungsforderung von Nida-Rümelin geht da eigentlich schon sehr weit. Natürlich: wenn die wirtschaftlichen Folgen sehr gravierend werden sollten, werden dann alle kommen und sagen, Cocooning oder Durchseuchung wäre besser gewesen, aber es ist wirklich sehr schwierig in dieser Zeit 'richtig' zu handeln. Wir werden es erst im Nachhinein das nächste Mal in den diversen Punkten von Anfang an besser machen können. Was man schliesslich zu all diesen Fragen auch anmerken muss: dass die Virologen anfangs ziemlich genau wussten, was aus rein virologischer und medizinischer Sichtweise heraus zu tun ist (siehe: Drosten); dagegen haben sich die Ökonomen erst in die Diskussion eingeschaltet, als der Lockdown schon Tatsache war. Warum haben eigentlich die Ökonomen nicht früher und klarer reagiert? Sie scheinen keine solchen Krisen zu kennen - wie stark diese aber die Wirtschaft betreffen, das merken wir jetzt. Und: wird die Wirtschaft jetzt eine bessere Prävention in solchen Krisenszenarien fordern? (Eigentlich nicht ihr Ding, aber trotzdem müsste sie sehr daran interessiert sein.)


Harald Lesch (Deutscher Astrophysiker und Fernsehmoderator - seit 15.3.). Er trat in den ZDF-Nachrichten auf: 'Coronavirus als Urphänomen: Warum uns Nichtstun so schwer fällt' (ZDF, 15.3. [05:19]). Lesch spricht beim Virus von einem Urphänomen, welches er nicht als Lebewesen bezeichnet, und bei der aktuellen Krise von völliger Überforderung. Auch Lesch rät dazu, die Ruhe zu bewahren, und er vertraut (natürlich) der Wissenschaft. Zudem spricht er von einer Chance des Vertrauensaufbaus von seriösen Expertinnen und Experten*. Weitere Videos (u.a.): 'Coronavirus - unnötiger Alarm bei COVID-19?' (ZDF/Terra X Lesch & Co, 20.3. [09:11] - hier widerspricht er Verschwörungstheorien, wonach die Coronaviruspandemie eine reine Erfindung sei [und er gibt erschreckende Prognosen, welche das Imperial College in London publiziert hat - «im Lichte dieser Zahlen und dieser Prognosen erscheinen die Massnahmen, die die Regierungen überall auf der Welt ergreifen alles andere als hysterisch» (die Frage ist höchstens, ob diese Zahlen stimmen, aber auch sonst ist die Sache ernst genug)]), 'Corona: Was weiss die Wissenschaft?' (ZDF/Leschs Kosmos, 26.3. [43:36] - eine Informationssendung, in welcher es v.a. um die Ansteckung, Ausbreitung, Impfung und Medikamente geht [Fledertiere werden hier Virentrainingszenter bezeichnet (enges Zusammenleben, starkes Immunsystem), Märkte mit Wildtieren als ein Virenparadies]).

* Er meinte hier ein Vertrauen in die wissenschaftlichen und politischen Elite, gegenüber Verschwörungstheoretikern und ähnlichem. Die Frage bleibt natürlich, warum man (bzw. diese heutige Elite) im Westen so schlecht vorbereitet war auf eine solche Krise (wo doch die Thematik keineswegs neu, sondern seit Jahren und Jahrzehnten bekannt ist [in diesem Sinn könnte man ja eben auch von einer Expertenkrise sprechen - sei es, dass sich die Experten ausserhalb von Krisenzeiten zu wenig einmischen, oder sei es, dass sie nicht gehört werden]).


Jason Silva (Venezolanisch-US-amerikanischer Philosoph - seit 14.3.). Er führt einen relativ spektakulären Youtube-Video-Kanal (mit diversifiziertem und trotzdem einschlägigem transhumanistisch-singularistischem Touch - er wird als 'Timothy Leary of the Viral Video Age' bezeichnet). Lange liess er auf sich warten mit einem Video zum Coronavirus, er äusserte sich zuerst in zwei Facebook-Videos: 1. 'Some Thoughts on Coronavirus' (Facebook, 14.3. [08:49] - sehr frisch wie ehrlich uns Silva seine intellektuellen Gefühle zum Thema erzählt; dies tut er hier in seiner üblichen Art sehr entspannt und locker - und ein bisschen high), 2. 'More Reflections on Coronavirus and How Empathy Can Go Viral' (Facebook, 15.3. [13:27] - dito). Ferner: 'When Fear Goes Viral' (23.3. [07:08]). Sein Thema ist hier, sehr viel weniger entspannt, v.a. die Angst (siehe auch: Galimberti, Enthoven). Also nicht allzu viel Neues - freilich sind die Argumentationen von Silva wie immer sehr interessant. Er spricht hier die Memes von Dawkins an, in der (viralen) Verbreitung von Ideen. Silva war/ist weiterhin sehr aktiv in diesen Tagen auf seiner Facebook-Seite (hier eines der interessantesten davon: 'Mental Health in the Age of Corona' [2.4. (17:04)]).


Noam Chomsky (US-amerikanischer Philosoph - seit 17.3.). Der vermutlich weltbekannteste Philosoph dieser Zeit hält sich im englischsprachigen Raum weiterhin bedeckt. Er hat aber ein Interview gegeben für die kommunistische italienische Tageszeitung (in welcher schon Agamben zuerst aufgetreten war): 'Sanità devastata dal neoliberalismo' (il manifesto, 17.3.). Er sagt hier, dass die asiatischen Staaten adäquat reagiert hätten, die EU verspätet, die USA fürchterlich. Der Neoliberalismus habe das Medizin- und Spitalwesen vernachlässigt (was v.a. oder in erster Linie für das Gesundheits- und Sozialwesen in den USA gilt [daher ja: Obama Care]). Interessant natürlich, dass man im englischsprachigen Raum offenbar derzeit eher nicht allzu viel von Chomsky wissen möchte. Seinen nächsten Corona-Auftritt hatte Chomsky ebenfalls an einem eher unerwarteten Ort: 'Noam Chomsky on the Primary, Media Criticism, and Covid-19' (Rolling Stone/Useful Idiots, 19.3. [Radio Podcast] - er macht hier Werbung für Bernie Sanders im US-Wahlkampf; alles, wofür die US-Amerikaner in den letzten 40 Jahren gut gewesen seien, meint er, sei Geld in die Taschen von Reichen und öffentlichen Körperschaften zu stecken, während alles andere zusammengebrochen sei).


Peter Sloterdijk (Deutscher Philosoph - seit 18.3.). Mit seiner 'Zynischen Vernunft' und den 'Regeln für den Menschenpark' steht er in einer idealen Startposition für die Diskussion zu diesem Thema. Auch er äusserte sich in einem fremden Land: 'Le système occidentale va se révéler aussi autoritaire que celui de la Chine' (Le Point [Politique], 18.3. - nur für Abonnenten einsehbar [ich habe den Inhalt abgeleitet aus einem Artikel über Finkielkraut: siehe dort]). Wenig erstaunlich eigentlich: dass er die Regierungsmassnahmen kritisiert - seine Beschwichtigung geht noch weiter als jene der Regierungsbeschwichtiger in Deutschland: er findet die Massnahmen übertrieben. Mit einer Pest habe diese Epidemie nichts zu tun, und die Pest habe Europas Aufstieg ebenso wenig aufgehalten, wie das Coronavirus jenen von China stoppen werde. Seine eigene Philosophie feiern (siehe eingangs des Abschnitts), was er durchaus hätte tun können, mochte er offenbar nicht.


Alain de Botton (Britsch-schweizerischer Philosoph - seit 20.3.). Er gehört mit zu den bekanntesten Philosophen dieser Zeit und ist vermutlich der weltweit bekannteste Philosoph mit Schweizer Bezug. Ausgerechnet in der Financial Times bringt er die Botschaft von einem reinen intellektuellen Aussitzen: 'How to Travel from Your Sofa' (Financial Times, 17.3.). Es geht hier um innere, intellektuelle Reisen - offenbar vom Sofa aus (darum heisst es vermutlich auch Filosofie [oder umgekehrt, notabene*]) - die man in der Zeit von Lockdowns machen kann und wie sie auch Philosophen und Wissenschaftler gemacht hätten. Der einzige Grund für die Unzufriedenheit des Menschen sei, dass er nicht ruhig in seinem Raum bleiben kann, zitiert er Pascal. Zeit also (nach De Botton), um dies zu lernen - eine nicht ganz unzynische Ansicht (angesichts der erzwungenen Umstände). Spezifisch zum Coronavirus oder der Pandemie sagt De Botton praktisch gar nichts (man könnte daraus schliessen, dass er denkt, dass es philosophisch das Beste sei, gar nicht an das Virus zu denken).

* Der Begriff vom Sofa (auch: Couch, Kanapee, Diwan) soll vom arabischen suffa stammen (d.h. gepolsterte Ruhebank). Das erinnert uns natürlich an den Begriff vom Sufi (muslimischer Mystiker/Weiser [arabisch safa bedeutet 'rein sein', der Begriff vom Sufi wird aber auch mit dem griechieschen Wort sophia in Verbindung gebracht, welches 'Weisheit' bedeutet]). Etymologie ist zwar interessant, aber immer auch ein etwas schwieriges und unsicheres Gebiet.

Es gibt übrigens sogar Philosophie, die im Gefängnis entstanden ist, oder davon handelt, etwa von Sokrates (verweigerte die Flucht aus dem Gefänis und wollte sich seinem Prozess stellen), Boëthius (schrieb sein Hauptwerk im Gefängnis) oder Epiktet (war ein freigelassener Sklave, welcher sagte, die innere Freiheit habe überall Gültigkeit, auch im Gefängnis).

[Anm. Ich konnte den Artikel aus der Suchmaschine heraus geöffnet lesen, bekomme aber von diesem Link hier ausgehend eine Seite, welche nur für Abonnenten einsehbar ist.]


Heinz Bude (Deutscher Soziologe - seit 20.3.). Er ist der einzige Soziologe, welcher sich grösser zu diesem Thema herausgestellt hat (siehe auch: die Bemerkungen in den Einschätzungen [weiter unten]). Die Süddeutsche befragte ihn zur Coronakrise: 'Die Angst macht uns zu wilden Egoisten' (Süddeutsche, 20.3. - auch dies ist nur für Abonnenten einsehbar; wieder das Thema der Angst [vgl. Galimberti, Enthoven, Silva]). Ferner: 'Solidarität ist heute etwas, worauf wir alle angewiesen sind' (Deutschlandfunk Kultur, 16.3. - er glaubt an und hofft auf eine Abkehr vom Neoliberalismus und eine Deglobalisierung [das entspricht einem häufigen Postulat eines Teils der heutigen Linken - es stellt sich die Frage, was dann aus der guten alten Internationalen werden soll...? Und bedeutet weniger Globalisierung nicht auch mehr bzw. zu viel Nationalismus?]).


Eduard Kaeser (Schweizer Physiker und Philosoph - seit 21.3.). Er war beteiligt an der ersten SRF-Sternstunde-Philosophie-Diskussion (relativ spät, aber doch noch): 'Corona - Eine Mikrobe stellt unsere Stärke in Frage' (SRF/Arena, 22.3. [01:00:13] - auf der selben Webseite findet sich ein Interview vom 21.3. unter dem Titel "Wir müssen lernen, uns dem Ökosystem anzupassen"). Er fordert die Anpassung an das Ökosystem* sowie ein Moratorium der technischen Forschung (das ist natürlich illusorisch bzw. nicht durchführbar, und in verschiedensten Gebieten auch nicht erwünscht, notabene, aber vermutlich auch eher eine Metapher für eine Entschleunigungsforderung). Die Viren sieht er als die negative Seite der Ökologie, die wir nun plötzlich erkennen würden (das Verhältnis zwischen Ökologie und Pandemie ist aber eben noch eine ziemlich offene Frage).

* Die Aussage, dass wir uns dem Ökosystem anzupassen hätten, bedeutet, dass sich der Mensch der 'Natur' unterordnen müsste. Ist das überhaupt möglich (ohne dass der Mensch sein Menschsein verliert)? Ja und nein (würde ich sagen [siehe auch Natur-Kultur-Problem oder -Paradoxon bei Rousseau]). Der Mensch muss lernen, ein besseres Verhältnis zwischen Gott/Natur und Kultur/Technik zu finden (das ist vermutlich sogar die Hauptaufgabe der weiteren menschlichen Entwicklung).


Daniel Binswanger (Schweizer Journalist - seit 22.3.). Er hat Philosophie und Literaturwissenschaften studiert und einer der bedeutendsten Schweizer Public Intellectuals dieser Zeit. Binswanger nahm (wie Kaeser) ebenfalls an der ersten Sternstunde-Philosophie-Diskussion zum Thema teil: 'Corona - Eine Mikrobe stellt unsere Stärke in Frage' (SRF/Arena, 22.3. [01:00:13]). Er wies darauf hin, dass wir derzeit in einer gefährlichen politischen Situation stünden, in welcher die Regierung eigentlich machen könne, was sie wolle*. Sie habe das bisher gut gemacht, aber wir müssten trotzdem auf die besondere Situation hinweisen. Ferner erwartet er nach der Krise - wie nach den Weltkriegen - eine substanzielle Verstärkung aller sozialen Sicherungssysteme.

[Diese erste Sternstunde-Philosophie-Sendung zum Thema - eine zweite ist offenbar noch nicht vorgesehen - kam mir reichlich unaufgeregt vor: so, als ob wir bereits das Ende der Krise sehen und über die Zeit danach sprechen könnten, dabei steht uns der Höhepunkt der Krise ja noch bevor; und wir wissen nicht, wie lange das alles dauern und welche Folgen es genau haben wird (auch nicht, wie sich das Virus weiter verhalten wird). Die deutschsprachigen Intellektuellen reagieren allgemein sehr distanziert auf dieses Thema. Das sieht man auch hier (ganz anders etwa Cespedes, Onfray oder die italienischen Intellektuellen).]


Byung-Chul Han (Südkoreanisch-deutscher Philosoph - seit 22.3.). Er ist in einer der grössten spanischen Zeitungen aufgetaucht: 'La emergencia viral y el mundo de mañana - Byung-Chul Han, el filósofo surcoreano que piensa desde Berlín' (El Pais, 22.3. - nach ihm ist Europa durchgefallen; in Asien herrsche der Kollektivismus, die asiatischen Menschen seien folg- und gehorsamer, es gebe dort nichts, was der reinen Privatssphäre überlassen sei und kein kritisches Bewusstsein gegenüber Big Data, daher lasse sich in Asien das Virus digital bekämpfen, in Europa sei dies eine dystopische Vorstellung). Han bezieht sich insbesondere auf das Handy-Tracing, welches v.a. in Südkorea angewendet wird. Natürlich hinterlassen jegliche Oden auf einen politisch rein gefügigen Menschen in Europa einen fahlen Beigeschmack (man kann sich aber auch die Frage stellen, warum ausgerechnet die Europäer einen dermassen grossen Schrecken vor einer allzu grossen Macht entwickelt haben).


Georg Kohler (Schweizer Philosoph - seit 22.3.). Er reagierte auf den NZZ-Artikel von Agamben: 'Coronavirus und das nackte Leben - warum Giorgio Agamben falschliegt' (NZZ, 22.3.). Kohler sieht nicht einen Rückzug in die Vereinzelung, sondern eine Welle der Solidarität heranbranden (möge er recht haben damit). Er bezichtigt Agamben, apokalyptische Aussagen zu machen. Ich finde, wie eingangs dieser Seite erwähnt, dass wir in solchen Zeiten durchaus auch von Apokalypse bzw. einer möglichen Eskalation der Problemlagen sprechen können (was die vorherrschende Kirche ja übrigens selten bis gar nie tut, selbst in dieser Krise!). Sokrates/Platon als Symbol der Solidarität hinzustellen, ist vielleicht etwas gewagt.


Frank A. Meyer (Schweizer Journalist - seit 22.3.). Ein weiterer bekannter Schweizer Public Intellectual, welcher gleichzeitig Journalist ist - seit einigen Jahren als Kolumnist vom Blick: 'Was dann?' (Blick, 22.3.). Meyer pflegt philosophisch eher den deutschen als den italienischen Ton, d.h. eher Beschwichtigung als Aufregung. Er erhofft sich von der Krise und dem Social Distancing eine neue Distanz der (bürgerlichen) Höflichkeit. Ferner: 'Welt-Gewissen' (Blick, 29.3. - hier greift er Bärfuss' Spiegel-Artikel an [siehe dort]), 'Ein Land lernt' (Blick, 5.4. - Meyer strahlt Vertrauen in die Regierung aus).


Kaiser Kuo (Chinesisch-US-amerikanischer Autor und Musiker - seit 26.3.). 'Das Verhalten von Donald Trump ist unverantwortlich, fast schon kriminell' (Tagesanzeiger, 26.3.). Interessant auch einmal einen chinesischen Intellektuellen zu hören. Er meint, dass westliche Kritik den Zuspruch der Chinesen zu ihrer Regierung fördern würde. Die Chinesen seien verblüfft darüber, dass die Europäer keine Schutzmasken tragen. Die meisten Chinesen, meint er, denken, dass die Europäer zu zaudernd reagieren. Mit einer Schutzmaske* werde das Ansteckungsrisiko reduziert, ebenso das Risiko, sich an die Nase oder den Mund zu fassen. Er sieht nichts Positives, was aus dieser Krise erwachsen könnte (insbesondere bemängelt er, dass es - anders als bei der Ebola-Epidemie in Westafrika - keinen Austausch zwischen chinesischen und amerikanischen Experten gebe).

* In Europa wird bis dahin gesagt, dass die Masken nicht viel bringen und zu falscher Sicherheit verleiten würden - vermutlich auch deshalb, weil es in Europa zu wenig Schutzmasken für alle gibt. Die meisten Schutzmasken kommen aus... China. Vielleicht müsste man die europäischen Regierungen diesbezüglich der Lüge bezichtigen, oder ist es eine gute politische Strategie, zu sagen, die Masken seien nicht so wichtig, wenn man ganz einfach keine hat? Da kann man geteilter Meinung sein.


Alain Finkielkraut (Französischer Philosoph - seit 1.4.). Vergleichsweise spät war er zu lesen in einer grossen deutschen Tageszeitung: 'Die Niederlage der Denker' (FAZ, 1.4.). Finkielkraut macht sich famos, indem er die vermutlich berühmtesten Philosophen Deutschlands und Italiens dieser Zeit, Sloterdijk und Agamben, kritisiert. Er meint, dass voreilige Schlussfolgerungen unmöglich seien - sehr weise, aber schwierig interpretierbar für die Politik. Er lobt die Regierungen, welche das Primat der Politik über die Wirtschaft zurückerobert hätten (dies ist allerdings gerade in diesen Tagen aufgrund der aufkommenden ökonomischen Diskussion im Lockdown in Frage gestellt). Mit Sloterdijk und Agamben habe das Denken erneut kapituliert, meint er in Bezug auf seinen Titel "Die Niederlage des Denkens". Wenn die allwissenden Intellektuellen an die Stelle der Regierenden treten würden, hätten wir zusätzlich zum Albtraum der Epidemie das Grauen schlechthin. (Ich weiss nicht, warum viele Philosophen immer noch von einer 'Epidemie' reden - das ist eine Pandemie.) Bedeutend sei es, dass wir gegenüber dem zeitgenössischen Nihilismus eine Zivilisation bleiben würden.


Weitere(s). Der Schweizer Ökonom Reiner Eichenberger ist immer für spezielle Ideen gut: eine solche hat er auch zum Coronavirus - er fordert eine gelenkte Durchseuchung (20 Minuten, 9.3.). Was auf den ersten Moment recht findig und bauernschlau tönt, hat natürlich praktisch durchdacht sehr viele Haken (nicht zuletzt den, dass sich Viren verändern können und damit unberechenbar bleiben (m 5.4. bekam Eichenberger die Gelegenheit für die NZZ im öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehen zu sprechen: 'Die Schweiz im Würgegriff von Corona' [SRF/Standpunkte NZZ (50:12).]). Allzu viel Neues erfahren wir hier über China eigentlich nicht. Interessant ist diese Aussage: «Wir können uns nicht vorstellen, dass eine solche 'mittelalterliche Seuche' unsere vermeintlich so hoch entwickelten Gesellschaften fundamental erschüttern kann. Erst so langsam verstehen wir, was da auf uns zurollt.» Dies kommt natürlich von unserer Politik, welche das so steuert, und von unseren Medien, die nicht zurück und nicht voraus schauen. Was auf uns zukommt, wissen wir von China (und Italien) her sehr gut - die Frage ist eben, ob China einiges verschweigt, und es daher sogar noch schlimmer kommt als in China ausgegeben. (Im Allgemeinen wurde übrigens anfangs gesagt, dass China in diesem Fall erstaunlich offen informiert hätte [viel offener als bei SARS 2002].) - Schliesslich und letztlich: Zhao Tingyang ist der chinesische Philosoph zum aktuellen Thema. Von ihm habe ich (noch?) kein Statement zum Coronavirus gefunden, aber er hat während der Krise ein auch im Westen diskutiertes Buch namens "Alles unter dem Himmel - Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung" herausgegeben. Im Westen wird er mitunter als in einer alten Zeit verhangen, demokratie- und menschenrechtsfeindlich betrachtet. Wird es eine neue Weltordnung geben, die nicht mehr von Freiheit, sondern von Angst (und Macht) geprägt ist? Meine Meinung ist auch dazu eine relativ klare: ich glaube, dass wir auf eine gemeinsame Weltkultur der Unterschiede* zusteuern, in welchem der Ost-/West-Konflikt weniger bedeutend sein wird als der Süd-/Nord-Konflikt (das ist der zweite grosse geopolitische Konflikt, welchen es in der Zukunft zu lösen gilt).

* Ich halte nicht viel vom ganzen politischen Geplänkel - das ist alles nur ein Gestürm um verlassene Standpunkte und eine dumme Zeitverschwendung (sowohl global wie national - wir haben heute andere Probleme wie die Ökologie oder die Pandemie, bei denen man zusammenarbeiten muss, um die besten Lösungen hinzubekommen - und diese Probleme werden uns auch immer wieder daran erinnern, dass wir mit dem dummen Gestürm endlich aufhören sollten [ich weiss: in einer Demokratie braucht es die politische Auseinandersetzung, aber trotzdem: es braucht auch die politische Vernunft]).

Anm. Auch dies gehört zur heutigen Information - ich habe viele Seiten angetroffen, die man nicht lesen kann, wenn man nicht Abonnent ist: auch Peter Piot, welcher im obigen Film die Hauptaussagen macht, wurde zur aktuellen Krise befragt. Er wird von der Financial Times als 'Mick Jagger of microbes' bezeichnet: schöner könnte man nicht sagen, wie ernst man diese Krise wirklich genommen hat in den USA, und auch in Europa. Um den Artikel vom 28.2. lesen zu können, muss man zuerst eine Werbeumfrage mit zehn Fragen durchgehen... Hier gibt es ein Video von Piot bei CNN (CNN, 19.3. [21:08]).

Bald ist es Zeit für eine erste Zusammenfassung all dieser intellektuellen Stimmen, aber ich warte damit noch ein paar Tage.

[Alle Angaben der kleinen Sammlung von Stimmen der Public Intellectuals zum Coronathema sind ohne Gewähr gegeben. Sie sind nicht immer ganz auf dem aktuellsten Stand, was recht schwierig ist, da ja im Moment irgendwie fast alle etwas zu dieser Sache sagen, aber ich werde mir Mühe geben, die Sache einigermassen aktuell, interessant und übersichtlich zu halten. Es fragt sich hier am Ende auch, ob das Konzept des Public Intellectual und Philosophers in Zeiten der sozialen Medien (Facebook, Twitter, Instagram) nicht längst überholt ist. Ich habe hier nur Youtube berücksichtigt, nicht aber die (anderen) sozialen Medien (weil es bei den heutigen Suchmaschinen die Videosuche, aber [noch] keine Tweetsuche gibt). Das hat einen bestimmten Grund, und der liegt in den Suchmaschinen (Google, Bing). Sie sind heute neben den klassischen Medien und deren Webinhalten der bedeutendste Hauptknotenpunkt für die Bedeutung von Public Intellectuals; und mit ein Grund dafür, warum das Konzept des Public Intellectuals und Philosophers noch nicht veraltet ist. Diejenigen, welche diese Rolle ganz gezielt suchen - wie etwa (auf philosophischer Seite) Chomsky, Zizek, Precht (alle übrigens, glaube ich, ohne Twitter-Account!) - sind jedoch selten (aber meiner Meinung nach: wichtig).]


Allgemeine, persönliche Beiträge.

Ethikdiskussion Triage (21.3.2020). In der SRF-Tagesschau wurde ein Papier namens 'Covid-19-Pandemie: Triage von intensivmedizinischen Behandlungen bei Ressourcenknappheit' von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW vorgestellt, welches eine Richtlinie darüber gibt, welche Patienten in einem Notfall bevorzugt werden. Ich finde das - aus einer philosophischen Sichtweise heraus - ethisch problematisch, und ich meine, dass man das - wenn schon (und zumindest nach der aktuellen Notlage, und überhaupt wenn immer möglich) - über Patientenverfügungen (bzw. vorausgehende Patientenmitbestimmung) lösen sollte. Wir finden in dieser Sache eine Einstellung, die davon geht, dass die Experten je selber für die Ethik verantwortlich sind - weder Philosophen, noch die Gesellschaft - das ist natürlich eine Haltung, die hinterfragt werden muss. Denn die Experten haben ja gerade immer gute Gründe, die Ethik nicht zu berücksichtigen.





Einschätzungen / Aussichten.

Vielleicht und hoffentlich wird ein Impfstoff gegen dieses Virus gefunden werden, aber damit wäre nur diese eine Bedrohung gelöst: wir haben eben in den letzten Jahren eine starke Zunahme von Epidemien in der Welt gehabt; so dass das Problem so oder so weiterbestehen wird. Muss man sich gar um die Weltordnung sorgen? Vielmehr muss uns zu dieser Zeit bereits bewusst werden, was man zuvor bei den besten Bedingungen, welche es in der Welt je gegeben hat, verpasste (und diese Tatsache kann eigentlich nur die schärfste Kritik am Menschen dieser Zeit in uns hervorrufen). Vielleicht wird uns das Virus endlich zeigen, was wir das nächste Mal unbedingt tun müssen, wenn wir irgendwann wieder einmal Zeit dafür haben, nämlich einen gerechten Frieden und eine gerechte Ordnung in der Welt schaffen. (Damit man bei solchen und anderen bzw. echten Problemen vorbeugen und zusammenarbeiten kann. Wieviel Zeit dafür in der spät- und postmodernen Zeit und deren Problemen noch bleiben wird dafür, das ist fraglich.


Die erste politische Einschätzung aus dieser Coronakrise:
Wir benötigen in einem ähnlichen Fall einen echten Krisenmanager oder eine echte Krisenmanagerin
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Gemeint ist dies ähnlich, wie man im Krieg einen Krieg einen General oder eine Generalin aufstellt. Der Hauptvorteil liegt darin, dass sich ein solcher Krisenmanager nicht noch um viele andere politische Dinge oder um Medientermine, wofür er/sie seine/ihre Sprecher und Sprecherinnen hätte, kümmern müsste, sondern sich sofort und ausschliesschlich mit der aktuellen Krisenlage auseinandersetzen könnte (die normalen Aufgaben laufen ja für die politischen Vertreter teils weiter, trotz der Krise). Natürlich wäre ein solcher Krisenmanager vom Bundesrat gewählt und würde auch eng mit diesem zusammenarbeiten - es geht nicht um eine Distanz von der Politik, sondern um die Konzentration auf die sofortige und intensive Konzentration auf die Krisenlage. Ich sage nicht, dass die derzeit handelnden Personen die Sache schlecht machen würden: sie geben sich sehr viel Mühe und machen das Mögliche (aus einer relativ schlecht vorbereiteten Situation heraus, notabene; und wenn Herr Berset zuweilen gelobt wird dafür, wie er als Gesundheitsminister die Krise managt, oder Frau Sommaruga als Bundespräsidentin meint, die Schweiz habe so früh gehandelt wie kaum ein anderes Land, so tut dies meinem Einwand keinen Abbruch, denn wir wissen nie, wie die Konstellation im Bundesrat beim Eintreten einer Krise genau aussieht: das hat immer etwas Zufälliges, was bei der Wahl eines Krisenmanagers sicher weniger der Fall wäre). Ich würde in solchen Fällen eben eher eine spezielle Person sehen, welche die ganze Sache unabhängig von allem anderen angehen kann. Das wird in der Zukunft sicher ein paar Gedanken wert sein.

Hier gibt es Kritik zur schlechten Vorbereitung der (Schweizer) Behörden in einem solchen Krisenfall (SRF/Echo der Zeit, 20.3. [10:07 - Radiobeitrag]). Gesundheitsminister Berset meinte am Anfang der Krise, dass die Schweiz vorbereitet sei - die Entwicklung der Krise hat leider das Gegenteil gezeigt (alles wirkt letztlich ein bisschen spontan, unvorbereitet und ungenügend - nicht nur in der Schweiz natürlich, sondern in allen westlichen Ländern [während sich etwa die ostasiatischen Länder schon sehr viel besser mit dem Thema auskennen]). Offenbar gibt es seit dem Jahr 2004 einen nationalen Pandemieplan, welcher aber von den Kantonen nicht adäquat umgesetzt wurde. Die richtige Zeit für Manöverkritik sei nach der Krise, meint eine Expertin. Da meine ich: Ja und Nein. Diejenigen, die jetzt beschäftigt sind mit öffentlichen Aufgaben, sollen sich nicht mit solchen Dingen herumschlagen. In der intellektuellen Diskussion zur Zeit des Internets können solche Dinge aber durchaus bereits zeitgerecht diskutiert werden (so dass auch eine gewisse Empörung in der Spontankritik offenbart wird). Diese Kritik bzw. die schlechte Vorbereitung ist natürlich immer auch eine Frage der Sensibilität und der Sensibilisierung der Leute. Das scheint ein gewisses Problem in der Demokratie zu sein: dass die Politik gewisse Dinge aufschiebt oder gar nicht anpackt, weil sie das Gefühl hat, die politische Sensibilität sei dafür nicht gegeben. Vielleicht geht es in der heutigen Politik ein bisschen zu viel um Sensibilität und ein bisschen zu wenig um Logik und Politik.


Die zweite politische Einschätzung dieser Coronakrise:
Wir sollten über eine neue Form von Medien nachdenken
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Ich habe oben geschrieben, dass sowohl die Regierungen wie auch die Medien zu spät reagiert haben. Die Frage ist nun, wem man die grössere Verantwortung dafür geben will - insbesondere auch zusätzlich für die ungenügende Vorbereitung. Politisch verantwortlich, ist natürlich die Regierung, aber die Medien behaupten von sich, dass sie die vierte Gewalt im Staat seien. Warum dies? Weil sie die Regierung kontrollieren sollten. Sie haben also eine Kontrollfunktion. Und diese geht erstens noch tiefer, als die oberflächliche Verantwortung, und zweitens haben die Medien auch viel mehr Zeit, welche sie sich nehmen können, als die Regierung, die ja immer im täglichen Politikgeschäft drin ist. Die Medien zwar auch, aber sie haben viel mehr Auswahl- und Gestaltungsmöglichkeit. Sie können eigentlich machen, was sie wollen, und daher auch die Zeit sinnvoll nützen, die sie viel zu oft unsinnig verplempern. Die Regierung hat ihre festen Abläufe und Termine, die Medien sind so frei, wie sie gerne sein möchten. Aber sie nutzen diese Freiheit schlecht. Darum waren sie auch diesem Virus nicht adäquat auf der Spur: weder am Anfang der Epidemie, noch in der Vorbereitung. Sowohl die Privatmedien wie die Staatsmedien scheinen aus je verschiedenen Gründen den kommenden Problemen nicht so ganz gewachsen zu sein; noch viel weniger sind es die Sozialen Medien im Internet, in welchen das grösste Durcheinander herrscht (sie können anregen, aber nicht führend sein oder gar verantwortlich gemacht werden). Wir sollten also über eine neue Form von Medien nachdenken. Die bisherigen Medien können bestehen bleiben, aber es müssen neue dazu kommen, die uns vorwärts bringen können. Ein wichtiger Punkt wird sicher sein, wie die Wissenschaft sinnvoll übermittelt werden kann. Das heisst: es braucht bei diesen neuen Medien bessere Experten (und vielleicht sogar auch Experten als Journalisten, quasi - eine Art Mischform von Expertentum und Journalistentum [Journalisten, die halb bei der Sache sind, und einfach bloss Experten mit verschiedensten und skurrilsten Meinungen interviewen oder auch nicht, genügen nicht mehr; der Journalismus hatte Zeit, adäquatere Journalisten auszubilden, aber er hat es nicht getan und zustande gebracht: die journalistische Ausbildung ist qualitativ miserabel (zudem sitzen in der Führungsetage von privatwirtschaftlichen Medien oft Leute, die eigentlich gar nicht aus dem Medienbereich kommen, reine Wirtschaftsleute)]). Diese neue Medien müssen breit abgestützt sein und sinnvoll eingesetzt werden.

Ich mache die heutigen Medien mit- oder sogar hauptverantwortlich für vieles, was in der heutigen Welt schiefläuft. Sie sind der Kontrollfunktion, die sie haben (und sich selber gegeben haben eben auch), nicht gewachsen. Den privatwirtschaftlichen Medien darf die Führung nicht weiter überlassen werden (alleine deshalb, weil die privatwirtschaftlichen Medien auf den reinen, zeitgeistlichen Zufall bauen - das kann sich eine wissenschaftliche Gesellschaft langfristig nicht erlauben). Ideen zu neuen Medien - ausser eben kompetenteren Journalisten - können einerseits vom bestehenden Medienschaffen kommen, andererseits können es auch neue Ideen sein - es gibt sicher viele Möglichkeiten.


Die dritte politische Einschätzung aus dieser Coronakrise:
Die (intellektuelle) Diskussion wird von den falschen Leuten geführt (ich sage nicht: bestritten, ich sage: geführt - Nachtrag 6.4.)
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Wie meine ich das? Ich muss dazu ein bisschen ausholen. Am Anfang dieser Krise haben die Immunologen den Ton in der (intellektuellen) Diskussion angegeben - im deutschsprachigen Raum insbesondere Herr Drosten, welcher von der deutschen Regierung auch mit ins Boot geholt wurde (in der Schweiz war es Herr Koch, der Leiter der Abteilung 'Übertragbare Krankheiten' beim Bundesamt für Gesundheit BAG [in der Realpolitik organisiert man sich in einer solchen Krise so, wie es gerade am meisten Sinn macht]). Das ist so weit so klar: es ist ein Pandemiefall, also sind die Virologen die wichtigsten intellektuellen Figuren im Geschehen (so hat es zumindest die Politik logischerweise anfangs gesehen). In einer zweiten Phase der Krise - nachdem fast überall ein Lockdown beschlossen wurde - kommen nun die Ökonomen und fangen einen Streit an mit den Virologen (darunter auch einige Virologen, die eine eher ökonomische als medizinische Sicht vertreten [und sich hier natürlich auch hervortun können mit einer pointierten anderen Meinung]). Die Ökonomen sagen, dass man einen solchen Lockdown nicht allzu lange durchziehen kann, weil die Wirtschaft zu sehr darunter leidet. In dieser Streitsituation - Virologen vs. Ökonomen - sehen nun beide Parteien ihre Grenzen ein, wobei die Ökonomen quasi das Momentum auf ihrer Seite haben, wie die Sportjournalisten sagen würden. Warum aber muss überhaupt dieser Streit sein? Der Streit kommt daher zustande, weil es in dieser Sache keinen Vermittler und Überblicker gibt (ausser der realexistierenden, entscheidungs- und verantwortungstragenden Politik, natürlich, aber ich spreche hier von der intellektuellen Diskussion). Gibt es denn eine Wissenschaft, die das tun könnte? Nun erwarten natürlich alle, dass ich sage: die Philosophie ist es. Die Philosophen sind die besten Überblicker und Vermittler. Ich sage: ja, das ist so (ich spreche immer von Idealtypen). Aber: die Philosophen sind meistens zu weit weg von einem konkreten Problem, und es gibt eine Wissenschaft, die hier sehr viel näher dran ist und die selbe Rolle übernehmen könnte. Das ist die Soziologie. Dieses Coronaproblem ist in erster Linie weder ein virologisches, noch ein ökonomisches Problem: es ist ein soziologisches Problem. Die Frage ist, wie die Gesellschaft in all ihren Bereichen diese Coronaproblematik übersteht. Das Virus ist nur der Auslöser, das Problem ist die Gesellschaft. Wir sollten also jetzt Soziologen haben, die mit einer solchen Problematik zurecht kommen und die Führung in der intellektuellen Diskussion übernehmen könnten. Wo sind diese Soziologen?? Ich habe in meinen Werken immer wieder darauf hingewiesen - explizit in meinem politischen Buch - dass die Wissenschaft der Soziologie besser gefördert werden muss. Hier kann man einsehen, aus welchem praktischen Sinn ich das gesagt habe. Auguste Comte, der Begründer der Soziologie als Wissenschaft, sagte, dass die Soziologie erst dann richtig entwickelt werde, wenn alle anderen Wissenschaften schon hoch entwickelt seien - als letztes. Der Mensch kümmert sich offenbar zuerst um alles andere und zuletzt erst um seine eigene Gesellschaft. In der ganzen Liste oben findet sich unter all diesen Intellektuellen gerade einmal ein einziger Soziologe, das ist Heinz Bude - mit einer kaum sonderlich herausragenden oder übermässig interessanten Position. Ansonsten reden Wissenschaftler aus allen möglichen Gebieten. Die Soziologie war im 20. Jahrhundert sogar noch sehr viel besser aufgestellt als heute. Gut ist aber anders - und heute macht sie eher noch krasse Rückschritte als irgendwelche Fortschritte. Und wir sehen jetzt hier das Problem: wir haben eine Krise, welche die Gesellschaft betrifft, und eine chaotische intellektuelle Diskussion. In der ARD-Presseschau war die Rede von einem 'Tanz mit dem Virus', ich habe es einen 'Totentanz' genannt (das ist ja hier kein Spiel, sondern der Ernstfall). Das ist aber noch lange nicht alles: wir werden im Fortgang der Krise noch sehr viel stärker merken, warum wir gute Soziologen und eine starke Soziologie jetzt sehr gut gebrauchen könnten.

Aus philo-soziologischer Sicht muss ich die Hilfeleistungen in der Gesellschaft ganz klar bemängeln. Natürlich gibt es kleinere interessante Leistungen: in der Lokalzeitung war etwa die Rede davon, dass drei junge Leute unterwegs seien um für die Alten einzukaufen. Das ist wirklich furchtbar schön, aber was bringen uns drei Leute, die einzelne Einkäufe tätigen? Das sind Leute aus der Kirche, aber ich hätte bisher nichts davon gehört, dass die lokale oder nationale Kirche irgendeine grössere Hilfsaktion starten würde. Von diesen Institutionen, welche die Infrastruktur haben, müsste man in einem solchen Krisenmoment doch sehr viel mehr erwarten. Der Staat kann ja nicht alles selber machen, und dazu ist er auch noch sehr schlecht vorbereitet, aber es hat niemanden der im grösseren Stil einspringt. Das ist bedauerlich. Und da müsste es Soziologen geben, die auf solches hinweisen (wenn es schon die Medien nicht tun). In der Schweiz gibt es auch etwa einen einzigen Public Intellectual, welcher Soziologie ist: das ist Ueli Mäder [RegioTVplus, 15.3. (40:12)] (geb. 1951 - er ist in einem basellandschaftlichen Regionalfernsehbeitrag aufgetreten - von irgendeiner Führungsposition in dieser Krise ist er sehr weit weg [in einer Wissenschaft der Soziologie, die solchen Situationen überhaupt noch nicht gewachsen ist (weitere Beiträge mit Mäder: 'Was die Pandemie mit unserem Sozialverhalten macht' [Schweizer Illustrierte, 13.3.], 'Geteiltes Leid verbindet' [Neue Fricktaler Zeitung, 29.3.])]). Ein weiterer bekannter Schweizer Soziologe, Kurt Imhof (1956-2015), ist leider etwas überraschend viel zu früh verstorben; er war ein grosses Unikum am Fernsehen, ist aber bereits praktisch wieder vergessen. Der erste bekannte und bis heute bedeutendste Schweizer Soziologe ist natürlich Jean Ziegler (geb. 1934) - von ihm habe ich noch gar nichts gehört zum aktuellen Thema (er ist natürlich mittlerweilen 85-jährig und gilt als eher bis sehr tendenziös [aber immer interessant]). All diese bekannten Soziologen sind heute in einem gewissen Alter, und man kann sich fast fragen, ob die Disziplin im 21. Jahrhundert überhaupt noch weitergeführt wird...

Anm. Bei der Frage der Lockerung des Lockdowns spielte der Soziologe Karl Ulrich Mayer eine gewisse Rolle (hier im Interview mit dem ZDF [Video, siehe ab: 14:00]). Oben nicht aufgeführt habe ich ein Beitrag mit dem deutschen Soziologen Nessehi im Spiegel (nur für Abonnenten einsehbar). Aufgeführt ist dagegen Heinz Bude.


Kleine spielerische Betrachtung. Natürlich kann ich mir einen kleinen spielphilosophischen Hinweis nicht verkneifen. Derzeit empfehle ich dieses Brettspiel: Pandemie (neuere Ausgabe: Pandemic [engl.]). Das ist kein Witz, sondern ein spielerischer Umgang mit dem Thema. Das kooperative Spiel gehört zu den bekanntesten Brettspielen der 2000-er Jahre und stammt aus dem Jahr 2008. Man kann damit im Spiel aktiv die Pandemie bekämpfen, während man im wirklichen Leben nur hoffen kann, auf die Wissenschaftler, Forscher und Techniker. Auch sonst tut das Spielen gut in dieser schwierigen Zeit. Erst am 12.3. hat übrigens die WHO, die Coronaepidemie offiziell zur Pandemie erklärt. Weitere Spieletipps gibt es auf meiner Website (siehe: Spieleseite - Spiele kann man natürlich im Internet kaufen [bei Amazon, bei Spielläden oder Buchhandlungen, oder bei Ebay, Tutti oder Ricardo]). Eigentlich ist dies ja keine Zeit des Spiels, sondern eine Zeit des Ernstes - aber Spielen muss auch sein.


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